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Gunter und Siegfried

Stephan Milow: Gunter und Siegfried - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorStephan Milow
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik - Fünfter Band
titleGunter und Siegfried
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeFünfter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081022
projectid13aa15d5
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Gustav Eldrich war – man konnte nicht gerade sagen ein Unglückskind, aber er hatte kein Glück. Schon als Knäblein wurde er von seinen Kameraden bei ihren Spielen immer zur Seite geschoben und gar oft geprügelt; auch in der Schule konnte er, so brav er lernte, nicht recht emporkommen, und als er endlich mit ganz guten Zeugnissen über die absolvierte Realschule bei einem Eisenwerke eine Stelle fand, mußte er lange dienen, bis er eine für sein anspruchsloses Dasein halbwegs ausreichende Besoldung erhielt. Wie kam das? War er doch sowohl im Amte fleißig und verläßlich, als auch in jedem Betracht vorwurfsfrei und freundlich gegen jedermann. Da zeigte sich eben wieder die Macht oder vielmehr die Unmacht der Persönlichkeit. Mit seiner kleinen Gestalt und dem übergroßen Kopfe hatte Eldrich etwas Gnomenhaftes, nur daß ihm der lange Bart fehlte. Dabei war sein Gesicht, obwohl durch einen gewissen harmlosen, offenen Ausdruck und die sanften grauen Augen nicht ungefällig, doch höchst unbedeutend und seine Rede leise und einsilbig, wie er sich überhaupt in nichts recht zur Geltung zu bringen wußte. So entging dem ewig Stillen, Fügsamen, nicht nur das, was im Leben mit einer starken Hand oder gar Kralle erstritten sein will, sondern auch dort, wo er erwarten durfte, daß ihm von selbst sein gebührender bescheidener Teil zufallen müsse, kam er gewöhnlich zu kurz.

Da war sein Tischnachbar im Bureau, Sigismund Raff, ganz anders geartet. Ein ehemaliger Offizier, der in seiner militärischen Laufbahn gescheitert, hatte er sich doch oben erhalten. Dasselbe Eisenwerk bot ihm schnell ein Unterkommen, und obwohl er viel weniger wußte als Eldrich, wurde er doch viel höher geschätzt. Freilich waren es oft ganz besondere Dienste, für die man ihn benutzte, Dienste, die nicht so sehr Wissen wie Geistesgegenwart und ein sicheres Auftreten erforderten, zum Beispiel die Schlichtung von Beschwerden und Unruhen unter den Arbeitern. Da bewährte er sich immer aufs beste. Ein erfahrener Menschenkenner, wußte er ebenso im richtigen Augenblicke mit den Leuten nachgiebig zu sein, wie er, wenn es ihm gut schien, mit Erfolg den Strengen hervorkehrte, wobei ihn schon seine äußere Erscheinung sehr unterstützte. Er war auch hierin das Widerspiel Eldrichs: groß, schlank und breit gebaut, von lebhaftem, sprechendem Ausdrucke in den Zügen und mit einem dunklen Glutauge, das gar gebieterisch blicken konnte. Im übrigen hatte er den Leichtsinn seiner früheren Jugend überwunden und war allgemach, da er die Dreißig schon stark überschritten, ein gefesteter tüchtiger Charakter geworden.

Raff und der um sechs Jahre jüngere Eldrich hatten einander bald lieb gewonnen: besonders hing dieser an jenem mit ganzer Seele, denn der gereifte Kollege begegnete ihm nicht nur im Verkehre stets sehr freundlich, er war ihm dabei auch ein wahrhaft teilnehmender Berater, und Eldrich besaß außer einer alten Mutter die bei seiner kranken Schwester in der Ferne weilte, sonst niemand in der Welt, dem er hätte, wenn ihn etwas beschwerte, sein Inneres aufschließen mögen.

Das Eisenwerk, bei dem die beiden angestellt waren, ein Komplex von zahlreichen Gebäuden, lag nahe an einem großen Dorfe in einem mäßig breiten Tale, das hier in das von einem kleinen Flusse und der Eisenbahn durchzogene weitausgedehnte Haupttal mündete. Im Werke selbst wohnten nur der Direktor und die Tagesarbeiter. Raff und Eldrich hatten sich im Dorfe eingemietet. Nach getaner Arbeit gab es da für sie nicht viel Gesellschaft und Unterhaltung. Aber beide wußten sich zu helfen. Der lebenslustige, frische Raff flog, so oft es anging, in das Städtchen, das talaufwärts bald zu erreichen war, oder er besuchte die Beamten auf der nächsten Eisenbahnstation, mit denen er gut stand. Eldrich tat da nur selten mit, er fand jedoch dafür zu Hause genug Beschäftigung, indem er trachtete, die Lücken in seinem technischen Wissen auszufüllen, um vielleicht einmal vom Schreibtische wegzukommen und eine andere Stelle in dem Betriebe des großen Werkes zu erlangen. Freilich, manchmal wurde ihm die Vereinsamung in dem weltfernen kleinen Gebirgsneste doch fühlbar, besonders, wenn ihm auch noch Krankheit – und er hatte keine so kräftige Natur wie Raff – die Stimmung trübte. So war er gerade jetzt beim Eintritte des strengen Winters mehrere Wochen leidend gewesen.

Da erhielt er von seiner Mutter den folgenden Brief:

»Mein lieber, guter Gustel!

Wieviel hab' ich mich wieder in der letzten Zeit mit Dir beschäftigt! Ich glaube Dir ja gern, Deine Krankheit war nicht bedeutend und dergleichen ist jeder ausgesetzt; trotzdem – warum konnte ich nicht bei Dir sein? Aber Deine arme, schwer leidende Schwester, die meine Pflege braucht, hält mich fest. Und endlich kommt die Zeit, wo ich überhaupt nicht werde bei Dir sein können, weil ich schon hinüber bin. Darum solltest Du Dir endlich eine Frau nehmen, zu Deinem Besten, und sie wird es mit Dir auch gut haben. Du bist ja zum Ehemanne wie geschaffen. Also mache Dich dran! Und ich sage Dir auch, wo Du anpochen sollst. Ist es nicht wie ein Fingerzeig des Himmels, daß das Mädchen, das für Dich so prächtig passen würde, gerade vor kurzem in euerem Dorfe eingezogen ist? Regina Olfers ist ein sittsames, gutmütiges, wohlerzogenes Geschöpf – ich habe sie im vergangenen Jahre wiederholt im Kloster besucht – dabei gewiß auch hübsch genug, und zuletzt bringt sie Dir eine nicht unansehnliche Mitgift ins Haus. Du warst, wie Du und sie mir geschrieben, bis jetzt nicht einmal noch dort. Geh hin, lerne sie kennen und suche ihr zu gefallen. Ich weiß, daß sie von ihrer Tante, die wirklich unausstehlich ist, los will, und sonst steht sie allein in der Welt. Um so leichter wirst Du bei ihr Gehör finden. Also schlage meine Worte nicht in den Wind. Es gibt für Dich keine passendere Frau in der Welt. O, was für eine Freude hätte ich, wenn eines Tages von Dir die Nachricht käme: Ich bin mit Regina verlobt!

Gott sei mit Dir!«

Regina Olfers, von der die Mutter Eldrichs in ihrem Briefe sprach, war die Tochter eines ihr entfernt verwandt gewesenen Gutsverwalters, über die sie, seit ihre Eltern gestorben, mit besonderer Liebe wachte. Da es ihr zu ihrem Schmerze nicht möglich war, das damals kaum zwölfjährige verwaiste Kind ins eigene Haus zu nehmen, wurde es einem Kloster du sacré coeur zur Erziehung übergeben. Dort war es namentlich ein Lehrer, der, als Regina in die höheren Jahrgänge aufstieg, auf sie einen großen Einfluß übte: Pater Sylvester. Dieser noch junge und schöne Geistliche hielt Vorträge über die deutsche Literatur und hatte selbst ein bedeutendes poetisches Talent. Gar oft beklagte er, daß die deutschen Dichter so selten von der Liebe in ihrer wahren Größe und Reinheit, von der Liebe zu Gott, gesungen haben. Es schien auch, daß er diesem Übel abhelfen wollte; denn er hatte selbst einen Liederzyklus unter dem Titel »Gottesminne« drucken lassen. Diese Lieder, die an vielen Stellen eine tiefe Glut offenbarten, klangen eigentlich sehr weltlich, gerade so wie die anderer Dichter, nur erinnerte immer wieder eine Wendung daran, daß sie Gott galten. – Natürlich erweckte Pater Sylvester, der auch sehr fließend und lebhaft zu sprechen wußte, in seinen Zuhörerinnen helle Begeisterung, eine Begeisterung, die bei den meisten gewiß nicht unverfälscht »gottesminnig« war, um so mehr, als er es, vielleicht mit Rücksicht auf sein Publikum, bei seinen Auseinandersetzungen nicht an manchen, allerdings sehr mystischen Andeutungen fehlen ließ, wie man mit der Gottesminne die irdische vereinen könne; diese müsse nur, nicht von vergänglichem irdischem Reize geblendet, zuletzt immer in Gott münden. Regina lauschte ihm stets mit großer Andacht; sie glaubte auch den Geist seiner Lehre ganz gefaßt zu haben und setzte sich vor, danach zu leben. So war das Mädchen, das jetzt, achtzehn Jahre alt, in das Haus ihrer Tante kam. Diese Tante besaß im Dorfe ein namentlich von den vielen Arbeitern des nahen Eisenwerkes stark besuchtes Schnitt- und Spezereiwarengeschäft. Auf die Vermittlung von Reginas Vormund nahm sie sie gern bei sich auf, nicht aus Liebe oder weil sie von ihr eine große Hilfe erwartete, denn sie wußte, daß sie nicht dafür erzogen war; sondern weil Regina über eine hübsche Rente verfügte, mit der sie alles, was sie brauchte, gut bezahlen konnte. Regina hinwieder, die die Zurückgezogenheit und Stille suchte, hatte sich nichts sehnlicher gewünscht als so einen ländlichen Aufenthalt in einem Gebirgsdorfe. Trotzdem und so sanft und duldsam sich das Mädchen gab, entstanden schon gleich im Anfange zwischen den beiden starke Trübungen. Die Tante vergaß immer wieder, daß Regina eigentlich nur ihr Gast war, und fuhr sie oft herrisch an, weil sie es nicht begriff, daß sie sich stets nur in ihre Erbauungsbücher versenkte, statt da und dort im Hause zuzugreifen. Und doch hätte sie sich vielleicht bei einer liebevollen Anleitung ganz gut dazu angeschickt. Die Mutter Eldrichs, die mit Regina in lebhaftem brieflichem Verkehre stand, hatte, was da vorging, bald durchschaut, obwohl das Mädchen gegen sie nie in eine Klage ausbrach.

Das war der Stand der Dinge, als Eldrich von seiner Mutter angespornt wurde, sich um Regina zu bewerben. Nun, er war ein gehorsamer Sohn und schlug die Worte, die sie ihm geschrieben, keineswegs in den Wind. Sie verlangten ja auch gar nichts von ihm, was ihm etwa widerstrebte. Regina Olfers, die er bis jetzt nur einmal flüchtig im Dorfe gesehen hatte – von früher her kannte er sie nicht – gefiel ihm sehr gut, und wenn er auch gar zaghaft in seinem Wesen war, so daß seine Lebensgeschichte noch keinerlei bewegten Liebesroman aufwies, ein Weiblein hätte er schon gern heimgeführt. Er putzte sich also eines Tages auf das sorgfältigste heraus und machte bei der Tante des Mädchens, die er natürlich in ihrem Gewölbe schon längst kennen gelernt hatte, eine förmliche Staatsvisite, indem er die verwandtschaftlichen Beziehungen seiner Mutter zu Regina betonte und vorgab, daß er an sie einen schönen Gruß auszurichten habe.

Die Tante empfing ihn nicht unfreundlich, das gebot ihr schon ihre Stellung als Verkäuferin dem Kunden gegenüber; aber da sie viel zu tun hatte und sein Besuch ja doch eigentlich nur Regina galt, rief sie diese gleich herbei und ließ die zwei allein, was ihm auch ganz recht war, obwohl ihn plötzlich das Bangen überkam, dem bedeutsamen Augenblicke nicht gewachsen zu sein.

Wie jetzt die beiden in dem freundlichen Zimmer einander gegenübersaßen, konnte er sie erst genau betrachten. Eine zarte Gestalt, ein Gesicht, das ihm, wenn es vielleicht auch ein anderer nicht schön genannt hätte, doch einen unendlich gewinnenden Eindruck machte, mit milden, weichen Zügen und gut blickenden blauen Augen. Ihr reiches blondes Haar trug sie ohne alle Kunst schlicht gescheitelt. Und so sanft sie aussah, so sanft war sie in ihrer Weise. Weniger verlegen als er, erkundigte sie sich zuerst nach seiner Mutter und dann richtete sie an ihn die Frage, wie er hier zufrieden sei. Es füge sich doch eigen, bemerkte sie dazu, daß sie nun in dem Orte eine Zuflucht gefunden habe, wo er wohne.

Eldrich war ganz bezaubert, und obwohl er nur wenig und, wie ihm schien, recht Nichtssagendes gesprochen hatte, schied er nach einem Viertelstündchen doch mit der stillen Hoffnung von ihr, daß auch er auf sie keinen schlechten Eindruck gemacht habe: darin bestärkte ihn noch besonders ihre freundliche Erlaubnis, wiederzukommen, wenn er nichts Besseres zu tun wisse.

Und er kam bald wieder. Freilich nicht gleich zu ihr ins Haus, er schlich nur manchmal an ihren Fenstern vorüber, wobei er fast immer das Glück hatte, einen Blick von ihr zu erhaschen. Ja, so aus der Ferne zu schwärmen, darauf verstand er sich gut. Dann aber wagte er es gar, wenn sie in dem kleinen Garten hinter dem Hause war, ab und zu an der Umzäunung stehen zu bleiben, um ein paar Worte mit ihr zu plaudern. Nur ein paar Worte; hätte sie ihm denn ein längeres Verweilen nicht mißnehmen können? Und er brachte ja auch gar nicht mehr heraus; denn obwohl es ihn fortwährend zu ihr drängte: wie er ihr Aug' in Auge gegenüberstand, fühlte er sich so beklommen, daß es ihm die Rede verschlug. War er schon ganz im Banne der Liebe?

Es herrschte jetzt ein mildes, sonniges Märzwetter, das den Winterschnee schon völlig weggeschmelzt hatte. Da sah er wieder einmal Regina in ihrem Gärtchen auf und ab gehen – es war drei Wochen nach seinem ersten Besuche – und als er sich ihr näherte, kam sie ihm an der Gattertür entgegen.

Auf seinen Gruß machte sie eine einladende Handbewegung.

»So darf ich?« fragte er, und ihm klopfte das Herz.

»Ja, bitte, wenn Sie nicht etwa Eile haben.«

Er trat ein, und sie reichten sich die Hände. Aber da er ihr ins Auge blickte: war es nicht trüb verschleiert, ja etwa gar verweint?

In der Tat, sie hatte soeben im stillen Tränen vergossen, und die Spuren davon waren noch sichtbar. Ach, daß die Tante mit ihr so unzufrieden war! Sie schalt sie nicht mehr, aber Regina merkte es ihr an; das traf sie schon schwer genug, sie war ja sehr empfindsam und brauchte nicht erst gerüttelt zu werden.

Eldrich war über ihren Anblick etwas aus der Fassung gebracht. »Stör' ich vielleicht doch?«

»Nein, kommen Sie nur!« Und sie wandte sich, um ihn weiter in den Garten nach dem Lusthäuschen zu führen, das, noch nicht von sprossenden Ranken umschlungen, den Blick frei durch die gitterartigen Holzwände dringen ließ.

Hier setzten sie sich nieder.

Er kämpfte mit seiner Verlegenheit. Wieder die alte Not! Und doch hatte er sich, da sie ihm so hold begegnete, fest vorgenommen, ihr bei der nächsten Gelegenheit sein Herz zu eröffnen. Endlich sagte er: »Sie sind so freundlich gegen mich, und ich, wie Sie sehen, nütze das stark aus –«

Er stockte und sie, ernst das Auge gesenkt, half ihm nicht gleich weiter. Doch jetzt blickte sie ihm ins Gesicht, wobei sich ihre Miene erheiterte. »Müssen Sie mir nicht schon als der Sohn Ihrer guten Mutter willkommen sein?« entgegnete sie. »Wieviel hab' ich ihr zu danken! Mir ist auch, als seien Sie gerade in diesem Augenblicke erschienen, um mich meinen schmerzlichen Gedanken zu entreißen. Es tut ja so weh, sich mit seinen Nächsten nicht im Einklange zu wissen. Und was will ich denn? Nichts als still auf dem Erdenfleckchen, das mich trägt, meine Tage leben.«

Eldrich horchte auf. Das Vertrauen zu ihm, das ihm diese Worte verkündeten, beglückte ihn, so wenig erfreulich sonst ihr Inhalt klang. Wohin aber dieser Inhalt zielte, das hätte er gar nicht erraten, wäre er nicht durch seine Mutter über die Haltung der bösen Tante unterrichtet gewesen.

Er gewann nun Mut. »Wer könnte Ihnen Ihre Tage verkümmern wollen?« rief er in entschiedenem Tone. »Mir ist das unfaßlich. Und steht es nicht bei Ihnen, sich von dem Drucke, der auf Ihnen lastet, zu befreien?«

»Wie denn? Das ist eine Prüfung des Himmels, die ich bestehen muß.«

Da wurde er deutlicher. »Ich weiß es wohl, Ihre Tante – sie ist ja in der ganzen Umgegend als sehr scharf bekannt – aber müssen Sie denn ewig bei ihr bleiben?« Er blickte warm in ihr gutes Auge, und da sie diesem Blicke nicht auswich, wollte ihm das Herz überwallen. Tief atmend hielt er inne; dann fuhr er, da sie schwieg, fort: »Wir kennen uns nicht lange, das heißt ich, ich kenne Sie lange genug, um zu wissen, daß –« Und wieder versagte ihm die Stimme.

Aber sie, so wunderbar lieblich lächelnd und dabei so ruhig, sprach jetzt: »Wird es Ihnen so schwer, was Sie mir sagen wollen? Oder soll ich es erraten?«

Was war das? Hatte da am Ende schon seine Mutter vorgearbeitet? Er schrieb ihr ja gleich nach seinem ersten Besuche von dem Erfolge, den er glaubte bei Regina gehabt zu haben. Sollte schon sie als Werberin für ihn aufgetreten sein, um es ihm zu erleichtern? Das sah ihr allerdings ähnlich. Wenn es aber so war, dann lag in dem ganzen Wesen Reginas auch schon eine günstige Antwort. Das machte ihn vollends kühn: »Fräulein – Regina – ja, es wird mir schwer. So erraten Sie es: Sie werden doch nicht immer so allein und verlassen in der Welt stehen wollen, und ich – o wie glücklich wäre ich –!«

Jetzt wurde sie wieder ernst. »Ich verstehe Sie; aber ich kann Ihnen nicht ja sagen, ehe ich Ihnen genau mein Inneres enthülle und Sie mir ein feierliches Gelöbnis ablegen. Sie wissen, ich bin im Kloster erzogen worden. Das betrachte ich als einen Segen. Dadurch bin ich allen Weltfreuden abgewandt, nicht als eine, die sich die Entsagung abgerungen, sondern als eine still Beseligte. Werden Sie sich dem beugen? Werden Sie meine Gefühle immer schonen?«

Er war etwas verblüfft und wußte nicht recht, was er aus ihren Worten machen sollte. Ihre Gefühle schonen! Schont nicht jeder aufmerksame, liebende Gatte die Gefühle seiner Frau? Das wollte er gewiß. Aber er gab ihr doch keinen Anlaß, ihm das besonders zu empfehlen. Auch waren weltliche Lustbarkeiten gar nicht seine Sehnsucht, und er teilte ganz ihre Neigung zu stiller Abgeschlossenheit.

Da er lange nichts erwiderte, fuhr sie fort: »Von Ihnen glaube ich es, und darum würde ich es wagen, Ihr Leben mit dem meinen zu verknüpfen. Wir wollen in unserer Weise glücklich sein, gewiß nicht weniger als die anderen. Aber noch einmal: Sie versprechen mir, nie etwas von mir zu begehren, was den Vorsatz, den ich schon vor langem gefaßt und im inbrünstigen Gebete bei mir befestigt habe, umstoßen wollte. Stimmen Sie zu, dann haben Sie mein Jawort.«

Ihm schwindelte. Er hatte ihr Jawort, so schnell, da er sie nur einigemal gesprochen! War das zu fassen? Aber was sollte denn das wieder: ihr Vorsatz, den er nicht umstoßen durfte! – Zuletzt dachte er nichts anderes mehr, als daß sie sein Weib und sein ganzes Leben ein anderes werden solle. Bebend streckte er ihr die Hand entgegen.

»Also, Sie geloben mir's?«

»Was könnten Sie von mir verlangen, das ich Ihnen nicht gelobte? Ja!«

Sie legte ihre Hand in die seine. »So sind wir Verlobte. Und die Zuversicht hab' ich, daß ich auf Ihr Wort bauen kann.«

Er neigte sich nieder und küßte ihre Hand, auf die Gefahr hin, daß es ein Vorübergehender sehen konnte.

Dann erhoben sich beide.

Sie sagte noch: »Schreiben Sie Ihrer Mutter, und ich schreibe meinem Vormunde. Die Tante soll auch gleich erfahren, was wir beschlossen. Über alles Nähere können wir ja noch viel miteinander sprechen.«

Darauf wandte sie sich in das Haus, und er stürzte davon.

Eldrich fühlte jetzt nur ein namenloses Glück. Er, dem bis nun auch die Liebe keine Rosen gebracht, hatte sich – und wie schnell! – dieses so holde, ernste, edle Mädchen gewonnen. Wie kam denn das? Gefiel er ihr so besonders? Ja, gewiß gefiel er ihr, aber vielleicht eben nur, weil er nicht als heißerglühter, stürmisch Liebender auf sie eindrang, und sie in ihm den Mann erblickte, der sich ihr immer fügen, sich ganz ihrer eigenen Leidenschaftslosigkeit anpassen werde. Nur ein solcher Mann mußte es sein, mit dem sie eine Ehe eingehen konnte.

Der Vormund Reginas gab, nachdem er über Eldrich genaue Erkundigungen eingeholt, gern seine Zustimmung zur Verlobung des Paares, die denn auch unverzüglich bekannt gemacht wurde.

Das war für Raff eine große und freudige Überraschung. Er drückte seinem Freunde herzlich die Hand und sagte zu ihm: »Du bist ja ein Tausendsasa. Das hätte ich dir nimmermehr zugetraut. Sich so im Sturme die Braut zu erobern! Und sie gefällt mir sehr gut; soviel ich bemerken konnte, ein still in sich gekehrtes Geschöpf, wie für dich geschaffen.«

Eldrichs Mutter vernahm die Kunde von dem Ereignisse vollends mit hellem Jubel. Nicht so die Tante Reginas. Zwar ward sie das Mädchen, mit dem sie nichts Rechtes anzufangen wußte, gern los; aber die Einnahme, die ihr durch die bevorstehende Trennung entging, gab sie doch schwer preis.

Inzwischen wurden die Vorbereitungen zur Hochzeit eifrig betrieben, damit sie recht bald stattfinden könne. Regina offenbarte sich in dieser Angelegenheit ganz wunderbar entschieden. Es fügte sich auch glücklich, daß Eldrich im Dorfe sogleich eine äußerst freundliche Wohnung fand, ein kleines Haus in einem Garten, das der Eigentümer gerade vor kurzem zum Vermieten hergerichtet hatte. Dort sollte das junge Ehepaar einziehen. Im übrigen bat Regina ihren Bräutigam um eine ganz stille Trauung, und sie fügte mit rührendem Blicke bei: »Keine Hochzeitsreise!« Nur nach Mariazell wollte sie, um dort ihren Bund noch einmal einsegnen zu lassen, und dann auf kurzen Besuch zu seiner Mutter. Damit genug. Eldrich stimmte allem zu.

Und so führte der selige Bräutigam schon eines Tages im Mai seine geliebte Braut in der alten kleinen Dorfkirche zum Altare. Die Trauzeugen und besonderen Freunde aus dem Eisenwerke waren zugegen. Aber es gab nachher kein Festmahl; das junge Paar fuhr gleich zur nächsten Eisenbahnstation und von da nach Mariazell.

Eldrich war schon den vierten Tag nach seiner Vermählung mit seiner Frau wieder zurückgekehrt und erschien auch gleich in seinem Bureau.

Freund Raff beglückwünschte ihn aufs neue. »Also richtig keine Hochzeitsreise!« rief er dann. »Eigentlich habt ihr recht. Ein dummer Brauch! Warum denn nicht gleich ins häusliche warme Nest? Aber ins Amt wäre ich nicht so schnell gekommen.«

Eldrich entgegnete nichts und machte ein höchst seltsames Gesicht, so daß sein Freund erstaunte.

»Ja, was ist denn das? Ich will nicht unzart sein, aber du siehst nicht wie ein Neuvermählter aus, der die erste Flitterwoche genießt.«

Eldrich schwieg noch immer, den Blick niedergeschlagen.

»Am Ende schon ein kleiner ehelicher Zwist? Das wäre mir doch gar zu früh.«

»Nein, ein Zwist gerade nicht.«

»Also? Doch, so gut wir zueinander stehen, Gott behüte, daß ich in dich dringe.«

»Du sollst's erfahren. Wem klag' ich denn mein Leid, wenn nicht dir?«

»Dein Leid? Ich bin gespannt. Nun?«

Eldrich schien noch mit sich zu kämpfen oder nach dem rechten Worte zu suchen. Endlich sagte er: »Ich habe eine Frau und habe keine.«

Raff sah ihn groß an. Dann lachte er laut auf. »Versteh' ich dich?«

Der andere zuckte die Achseln.

»Non consummatum est! Du weißt doch, was dieses lateinische Wort sagt?«

Eldrich nickte ein Ja.

»Und ist's das? Hab' ich's erraten?«

»Ja.«

»Aber wie denn? Warum? Die Sache wird immer heikler. Das kann ja verschiedene Gründe haben.«

»Wie? An mir liegt's nicht. Aber so liebevoll und aufmerksam sie gegen mich ist; sobald ich mich ihr vertraulicher nähere, sagt mir ihr ganzes Wesen: Bis hieher und nicht weiter!«

Raff kam wieder das Lachen an. »Das ist nicht ihr Ernst. Du mußt entschiedener sein. Und hast du ihr nicht gesagt, daß du dich, wenn sie so ist, von ihr scheiden lassen kannst?«

»Nein, das hab' ich ihr nicht gesagt. Sie ist ja sonst ein Engel, und ich wäre ein Wortbrüchiger gewesen, denn ich habe ihr, bevor sie mir ihr Jawort gegeben, versprochen, mich ihr in allem zu fügen.«

Raff fühlte nun mit seinem Freunde fast ein Mitleid. Da stand er vor ihm ganz wie sonst im Leben als der Geduldige, Ergebene, der sich überall hinschieben läßt, sich gegen nichts auflehnt. Und das war doch auch zu boshaft vom Schicksale. Einmal schien er Glück zu haben, bei seiner Werbung um eine Frau, und auch dieses Glück narrte ihn! Im Inneren völlig aufgebracht, fuhr Raff nach einer Pause mit den Worten heraus: »Ah was! Unsinn! So etwas verspricht man hundertmal, aber selbstverständlich hält man sein Wort nicht. Ich an deiner Stelle hätte meiner Erwählten auch nicht vor, sondern erst nach der Hochzeit den Kopf zurechtgesetzt.«

»Ja, du!« seufzte Eldrich.

»Auch du kommst ans Ziel. Das wäre nicht übel. Sei nur ein ganzer Mann und wecke das Weib in ihr auf. Sie hat dich ja gewiß gern, vielleicht ist sie auch nicht so temperamentlos; aber sie hat sich in exaltierte Ideen verrannt. Das kommt von ihrer Erziehung, und du mußt es ihr austreiben. Schwebt sie in Ätherhöhen, fasse du sie fest bei der Hand und führe sie auf die Erde zurück. Erkennt sie dann, daß es auch da Schönes zu holen gibt, hast du sie ganz für immer.«

Das Gespräch wurde jetzt abgebrochen, und die beiden gingen an ihre Arbeit.

Auch in den nächsten Tagen wurde von ihnen die heikle Angelegenheit mit keinem Worte berührt; aber Raff, der seinen Freund aufmerksam beobachtete, merkte an ihm nicht die Veränderung, die er mit Ungeduld erwartete. Offenbar war er bei seiner Frau noch nicht weiter gekommen. Da sagte er ihm endlich eines Morgens, indem er ihm vertraulich auf die Schulter klopfte: »Mein Gustel, ich seh' es dir ab: du leidest noch immer an dem alten Weh'!«

»Und werde wohl ewig daran leiden. Ach, was soll ich denn tun? Daß du sie nur sähest, wie sanft und gut sie ist und wie sie mich bittet, ihr ja nicht das Glück, das sie an meiner Seite genießt, zu zerstören! Und ich hab' ihr's versprochen. Das, wenn sie nicht selbst einlenkt, zurückzunehmen und ihr etwa mit scharfen Drohungen beikommen zu wollen, widerstrebt nun einmal meiner innersten Natur. Es wäre ja auch ein garstiges Unrecht.«

»Also willst du mit deiner Frau fortwährend in einer Gemeinschaft leben, die gewiß ohne Beispiel ist?«

»Ich will nicht, ich muß.«

Da stieg in Raff plötzlich ein Gedanke auf. Seine Züge belebten sich und seine Augen blitzten. Er ging jetzt zum Tische Eldrichs, faßte ihn bei beiden Händen und indem er ihn lange warm anblickte, sagte er: »Du hältst mich doch für deinen wahren Freund und vertraust mir vollkommen?«

»Ja, gewiß!« Und Eldrich erwiderte mit einem rührend schmerzlichen, weichen Ausdrucke in der Miene den Blick des Freundes.

»Nun denn, ich habe einen Plan. Übergib mir deine Frau zur Kur, das heißt, gewähre mir ihr gegenüber freie Hand. Gesprochen hab' ich sie schon; ich werde mich nun mehr um sie bemühen, werde – doch das ist meine Sache. Im voraus verrat' ich dir nichts. Weiß ich ja selbst noch nicht, wie ich's anstelle. Das wird auch von den Umständen abhängen. Kurz, laß mich machen. Ich denke, du hast bei dem Spiele nichts zu verlieren, und ich kann mich höchstens blamieren. Gelingt es aber, dann – sobald die Zeit da ist, empfängst du deine Frau als eine Präparierte und Bekehrte wieder, auf daß sie dir regelrecht angehöre.«

Eldrich, nicht wenig verblüfft, wußte sich diese Worte nicht zurechtzulegen, aber er wandte nichts dagegen ein.

»Also topp! Abgemacht!« Raff schüttelte die Hände des Freundes und ließ sie dann los. »Ich werde von nun an trachten, nicht nur dein Amtsfreund, sondern auch dein Hausfreund zu sein. Du aber sei blind und ja nicht am Ende eifersüchtig. Davon soll keine Rede sein. Noch einmal: ich zähle auf dein volles Vertrauen; nur in dieser Voraussetzung hab' ich dir den Pakt angetragen. Und jetzt genug! Morgen mache ich bei deiner Frau meine Aufwartung.«

Richtig: gleich den nächsten Tag erschien Raff bei Frau Eldrich. Er wurde freundlich aufgenommen – sie wußte ja, daß er ein Kollege und besonderer Freund ihres Mannes sei – aber alle seine Versuche, dem Gespräche eine leichtere Wendung zu geben und in ihr etwas Leben anzufachen, blieben vergeblich; sie antwortete immer nur kurz auf seine Worte, recht paffend und verständig, ohne jedoch das Geringste von ihrer Seite zu der Unterhaltung beizutragen, so daß er es bald für gut fand, sich zu empfehlen.

Nach diesem nicht sehr hoffnungsreichen Anfang bat er den Freund, ihn einmal für den Abend zu sich ins Haus zu laden. Das ließ sich wieder nicht tun. Eldrich begegnete dem entschiedenen Widerstande seiner Frau; sie wollte von keiner Gesellschaft etwas wissen. Raff wurde nun schon etwas bedenklich. Hatte er sich zu viel zugemutet? Da fiel ihm endlich ein, daß Frau Eldrich während der Amtsstunden ihres Mannes gern den von zahlreichen Promenadewegen durchzogenen Wald, der zu dem Besitzstande des Eisenwerkes gehörte, aufsuchte. Dort gab es ja viele schöne Plätzchen, wo man namentlich vormittags sicher war, niemand zu treffen. Also in dieses Revier beschloß Raff seine Annäherungsversuche zu verlegen.

Kurze Zeit darauf – es war am Morgen eines herrlichen Junitages – sah er vom Schreibtische seines Bureaus Frau Eldrich waldwärts schreiten, ein Buch in der Hand. Da sprang er auf und sagte zu dem neben ihm sitzenden Freunde: »Ich muß jetzt auf ein Weilchen fort. Entschuldige mich bei unserem Chef, falls er nach mir fragt. Sag' ihm, was du willst!«

Er griff nach seinem Hute, und ehe der erstaunte Eldrich eine Frage an ihn richten konnte, war er fort. Aber er wollte klug sein, nicht etwa auffällig seiner Beute nachjagen, sondern er machte einen großen Bogen, um auf einer anderen Seite in den Wald, wo er jeden Weg und Steg kannte, einzutreten und wie ein ahnungsloser Schlenderer der Frau Eldrich zu begegnen.

Und das gelang ihm auch. Nachdem er eine Weile die verschiedenen Wege entlang vor sich hin ausgelugt hatte, entdeckte er die Gesuchte in der Ferne an einem Tische sitzend, ganz in ihr Buch vertieft. Er ging auf sie zu. Ordentlich erschrocken fuhr sie zurück, als er vor ihr stand und grüßte.

»Ah, Sie genießen den schönen Morgen!« sagte er.

Sie erwiderte mit einem leichten Nicken seinen Gruß, ohne etwas zu sagen.

Das war nicht ermunternd, aber er trat ihr doch näher und beugte sich über ihr Buch. »Darf man wissen, was Sie lesen?«

Sie hielt ihm den Titel hin.

»Thomas a Kempis. Von der Nachfolge Christi! Ich habe, offen gestanden, das Buch nicht gelesen, nur darin geblättert; aber ich weiß, wie berühmt es ist. Ohne Zweifel eine sehr edle, erbauliche Lektüre. Trotzdem staune ich. Ich glaube, nicht auf hundert Meilen im Umkreise wird es wieder eine Frau geben, die sich dieses Buch als Begleiter in den Wald mitnimmt. Da hätte ich eher erwartet, eines der Werke, die nach der letzten Zählung am meisten in den Leihbibliotheken verlangt werden, in Ihren Händen zu finden.«

»Solche Bücher lese ich nicht.«

»Nun, da haben Sie auch ganz recht. Das sage ich aus Erfahrung, als ein Gewitzigter. Ich wette, Ihr Thomas a Kempis wäre mir weniger langweilig als manches dieser so verschlungenen Bücher.«

Sie machte ein sehr ernstes, mißbilligendes Gesicht.

Er merkte auch gleich, daß er da etwas recht Ungeschicktes gesagt hatte. Wie konnte er Thomas a Kempis mit der Langweile in Verbindung bringen? »Mißverstehen Sie mich nicht,« fügte er seinen Worten rasch hinzu. »Natürlich hat so ein ehrwürdiges Buch überhaupt nichts mit dem Geiste moderner Schöpfungen gemein; aber ich glaube, für den hohen Ernst und die Erbauung muß man auch in der besonderen Stimmung sein. Fehlt diese, so bleibt die Wirkung aus, und wo keine Wirkung, dort Langweile.«

Obwohl er nun schon ziemlich lange gesprochen, hatte sie ihn doch nicht aufgefordert, sich niederzulassen. Da sagte er selbst: »Sie erlauben, daß ich nur ein paar Minuten ausruhe. Ich komme von weit her. Aber ich störe Ihre Einsamkeit gewiß nicht lange.« Und er setzte sich auf die Bank, die ihr gegenüberstand. Sie hatte für ihn noch immer kein aufmunterndes Wörtchen; aber sie legte doch das aufgeschlagene Buch vor sich auf den Tisch, gleichsam stumm entgegnend: Nun, so sei's!

In diesem Augenblicke ereignete sich etwas höchst Artiges, wenigstens fand es Raff so. Frau Eldrich hatte das Buch kaum ausgelassen, als von den Baumzweigen, die sich über den Tisch neigten, ein Käferpärchen niedersauste. Da zappelte es mit den Füßen auf dem Buchblatte und schlug heftig mit den Flügeln. Man wußte nicht, wollte es sich trennen oder strebte es inniger zueinander; aber gar bald blieb es ruhig beisammen. Frau Eldrich wollte im ersten Momente die Tierchen schnell mit einer Handbewegung verscheuchen; dann jedoch hielt sie ein und ward über und über rot, während sie den Blick niederschlug.

Raff, der alles beobachtet hatte, lächelte. Jetzt flog das Pärchen, noch immer fest vereint, davon. »Eine kleine Idylle!« sagte er. »Ja, jetzt treibt und drängt alles rings, neues Leben will werden. Das ist auch von dem so eingerichtet, der jedes Einzelschicksal leitet und ohne dessen Wissen kein Sperling vom Dache fällt.« Er machte eine Pause und blickte sie an. Sie aber hatte das Auge noch immer zu Boden gerichtet. Endlich fuhr er fort: »Zürnen Sie mir nicht, gnädige Frau, wenn ich es ausspreche: Sie sind mir zu ernst, zu kopfhängerisch. Eine blutjunge Frau, die eben erst mit dem Erwählten ganz eins geworden, das süße Glück der Liebe genießt, jener Liebe, deren Puls gerade jetzt in Gottes Schöpfung so mächtig pocht! Da sollte Ihr Auge anders leuchten und – noch einmal Ihr Thomas a Kempis in allen Ehren! – Sie sollten auch nicht gerade jetzt zu ihm flüchten.«

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