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Alma Johanna Koenig: Gudrun - Kapitel 9
Quellenangabe
typelegend
authorAlma Johanna Koenig
titleGudrun
publisherVerlag Neues Leben Berlin
year1973
firstpub1928
illustratorElke Rössler-Bullert
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectid986a5f35
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Wie die Grafentochter der Hegeling Zeichen erspähte – Herr Herwig rettet Hartmuth das Leben – Wate ersteigt die Turmstufen – Fahrt nach Hegelingeland – Vier Bräute – Wie Herr Horand der Sarazenin Lied zum letzten Male sang – Das große Abschiednehmen

*

Es war ein Mägdelein unter denen aus Hegelingeland, die war sehr jung nach Normandie gekommen und zählte nun erst sechzehn Jahre. Sie war munter bei allen Mühen, wie die meist sind, die zarte Haut und Sommerflecken haben und krause Haare. Die war es, die vom Lager schlüpfte, da noch alles schlief, denn sie war bloß eines armen Grafen Kind und gedachte sich Gudruns Burg zum Brautschatz zu verdienen. Sie zwinkerte den Schlaf sich aus den Augen und sah fröstelnd zum Himmel auf, an dem erst matt ein schmaler Streif sich rötete. Dann sah sie hinab aufs dämmrige Land, da hätte sie fast aufgeschrien. Denn Roßleib an Roßleib und Speerschaft an Speerschaft, so weit sie nur zu spähen vermochte, umhegte wie eine Mauer die Burg Karadein und zog sich weit ins neblige Land. Sie bog sich vor und spähte im Rund, überall spiegelte sich erstes Frührot in neuen Helmen und Schilden regloser Männer. Der frische Frühwind machte ihre Zeichen wehen, und ob sie auch als Kind nur die Farben der Hegelinge gesehen hatte – keiner vergißt die Fahne, unter der seine Lieben streiten.

Das Mägdlein unterdrückte mit Mühen den Schrei und huschte vom Fenster geblendet in den Saal hin und kniete vor Gudruns Bett und weinte und lachte und hatte längst das Botenbrot vergessen über der Freude, die ihr das Herz zersprengen wollte. »Wacht auf, Frau Gudrun! O Gott, haben die Unsern doch nicht unser vergessen!«

Gudrun sprang mit beiden bloßen Füßen aus dem Bett auf und in die Fensternische. Da sah auch sie die Mauer von Erz um die Burg gezogen und sah das Frührot, das die Waffen färbte. Da gedachte die edle Magd dessen, wie bald Blut sie färben würde. »Nun erst wird mir weh, mir Armen«, sprach sie bange. »Wie viele edle Männer werden an diesem Tage Todes sterben?«

Als sie aber dies geredet hatte, tönte ein Ruf vom Turm über ihr, das war König Ludwigs Wächter, der rief: »Waffen, Herr! Waffen! – Auf, ihr Helden! – Waffen über euch allen! Zu lange habt Ihr geschlafen! Waffen! Waffen! Waffen!«

Das hörte Gerlind, die unruhig neben Herrn Ludwig schlief. Einen Blick nur warf sie hinab, dann stürzte sie zum König zurück mit fliegenden Haaren. Sie rüttelte den Traumbefangenen mit all ihrer Macht. »Wachet auf, Herr Ludwig! Feinde zuhauf! Heut zahlen Eure Recken Gudruns Lachen teuer!«

»Laßt mich selber sehen!« rief schlaftrunken der König und taumelte ins Fenster. Als er aber hinabsah, da band Herr Horand just Hettels blutiges Zeichen an seinen Speerschaft. Und im gleichen Augenblick ging die Sonne auf und schien in des Königs geblendete Augen.

Da lachte Herr Ludwig: »Pilgrime sind es, erkennst du das Kreuzzeichen an der Fahne nicht? Sie sind wohl gekommen, um Herberge zu suchen.« Und er schlüpfte ins warme Bett zurück und wollte nicht auf Gerlind hören.

Da klirrte es draußen auf dem Gange, und die Tür flog wider die Wand. Herr Hartmuth stand da, vollgewappnet und bleich, einer, der seinen schönsten Traum begraben hatte. »Laßt es euch nicht schrecken, Herr Vater und Frau Mutter«, sprach er fest. »Aber ich zähle da drunten die Farben von dreiunddreißig Ländern. Ich wähne, alle Welt steht in Waffen, um Gudruns Leiden an uns zu rächen. Und der das blutige Banner voraufträgt, ist Horand, Frau Hildens Fahnenträger!«

Da ward die Stille in Herrn Ludwigs Burg Karadein zu lärmendem Hasten verkehrt. Männer rannten, heißen Schlaf noch in den Augen, und schrien mit Flüchen nach ihrem Waffenkleid. Dem einen hatten Ratten den Schildriemen angenagt, dem andern Mäuse in den Helm geheckt, ein Gewimmel von graurosigen, nackten Jungen. Dem dritten wollte das Schwert vor Rost nicht aus der Scheide.

Frauen schluchzten, fortgedrängt und angeherrscht, Kinder kreischten, an der Mutter Hemde hängend, Rosse wieherten und stampften, Stimmen riefen Befehle hinab in den Hof, und überall klang vielfacher Ton schütternden Erzes.

Im Hofe harrten längst Hartmuths Mannen, scheinend und ohne Makel gewaffnet, Roß an Roß. Vor ihnen hielt ihr Herr, bleich und starr, das nackte Schwert in Händen. »Tor auf!« befahl er und hob sich in den Bügeln. »Wir müssen den Ruhm nicht teilen, wenn wir allein es sind, die die Hegelinge vor der Burg begrüßen!«

Doch als der Pförtner die Hand an die Riegel legte, da stürzte Frau Gerlind vor Hartmuths Roß, und sie war im Hemde, so wie sie aus dem Bette gesprungen war, nur eine rote Decke hatte sie um sich geschlagen, die hielt sie mit der linken Hand über der Brust zusammen, mit der rechten fiel sie dem Hengst in den Zügel!

»Was wollt Ihr tun, Herr Hartmuth«, sprach sie, heiser vor wilder Angst. »Wollt Ihr Euren Leib selber verloren geben? Mein Kind, mein Kind, wenn du die Burg verlassest, dann werden sie dich draußen erschlagen, ich weiß es wohl!«

Hartmuth neigte sich und löste mit sanfter Ehrfurcht der Mutter Griff vom Zügel.

»Geht ins Haus, Frau Mutter. Ratet Euren Frauen bei ihrer Arbeit und laßt uns Männer die unsre vollbringen. Heute ist es an uns, den Dank für das zu ernten, was Ihr an Gudrun tatet.«

Da stammelte Gerlind halbirr vor Jammer, daß sie selbst ihren Sohn in den Tod sollte getrieben haben: »Ich wollte dir nur dienen, ich wähnte sie zu zwingen um deinetwillen! Hartmuth, folge nur einmal noch meinem Rat ...! Die Burgen sind fest, laß die Tore verrammeln! Zehn für einen warten sie draußen auf dich! Es ist Vorrat für ein ganzes Jahr in der Feste. Mit Armbrüsten laß aus den Fenstern schießen, draußen laß sie sterben und verfaulen! Nur geh nicht zu ihnen hinaus, Hartmuth, geh nicht! Ich selber will in meinem Gewand Steine herbeischleppen und sie ihnen auf die Köpfe schmettern!«

»Frau Mutter«, erwiderte Hartmuth, und immer noch voll Sanftmut war sein Ton, ob auch seine Augen in kaltem Feuer flammten. »Ehe mich die Feinde in diese Burg eingeriegelt finden, eh sollen die Raben meinen Leichnam fressen. Folgt mir, Normannen! Will es der Herrgott, daß wir wiederkehren, dann sollt ihr nie erhörten Lohn von mir gewinnen. Und keiner mag um seine Waisen sorgen im Zug der Schlacht, denn ich will ihrer gedenken, an ihrer gefallenen Väter Statt!«

Er winkte, da sah Gerlind langsam die riesigen Torflügel sich teilen, und brausend stürmten die Normannen aus der Burg.

Da geschah es, daß man das harte Weib zum ersten Male weinen sah, wie sie da stand, die rote Decke über ihrem Hemde.

 

Wate hielt auf seinem Schecken neben der Fahne. Er hatte die Hand im Eisenhandschuh spähend über die Augen gelegt, als er sah, wie das Tor sich öffnete. Und als die Reiter aus dem Torbogen brausten, da hob Herr Wate sein Horn und holte zutiefst Atem. Als er aber blies, da war der Schall wohl drei Meilen weit zu hören. Und als die Hegelinge den Ruf vernahmen, da banden sie den Helm fest und warfen den Schild am Arme hoch.

Wate blies zum zweiten Male, da dröhnte der Ruf wohl zehn Meilen weit, denn eines verschollenen Riesentieres Gehörn war es, dem Wate den Hall entlockte. Da zogen die Hegelinge das Schwert, Mann um Mann.

Und Wate blies zum dritten Male, da rötete sich sein Antlitz unterm greisen Barte, und dreißig Meilen weit löste sich, wie bei großem Sturm, ein Felsblock an der steinigen Küste und fiel gischtend ins Meer. Als aber der dritte Ruf verhallt war, da warf Horand das Banner weit hinaus, und Hettels Blut zeichnete sich darin in großen Flecken.

Es war eine schwere Stille über dem ganzen Plan, Herwig aber gab mit Jauchzen das Zeichen. Die Hegelinge ritten über das gefrorene Feld, von ihren Speerspitzen sprang der spiegelnde Schein in ihrer Feinde Augen. Da schien es Ortwin, als könne er sein Herz nicht länger zügeln. Er stand in den Bügeln auf und trug Ortlands Banner in seine erste Schlacht.

Auf der Zinne von Herrn Ludwigs Burg stand Frau Gerlind, von Ortrun gestützt, und sah mit brennenden Augen Speeranprall, Absitzen und das Kreuzen der Schwerter.

Ortrun begann still zu weinen, da sie den Vorsturm sah und das Gewühl der fliegenden Fahnen. Jählings aber wischte sie die Tränen fort, um besser zu sehen. Sie fragte die rote Herzogin Heregart, die mit hin und wider gerissenem Herzen auf die vertrauten Zeichen sah, wer wohl der weiße junge Ritter wäre.

»Der Falk im weißen Feld, das ist das Zeichen von Ortland, und der es trägt, muß Herr Ortwin sein, den ich, selbst noch Kind, auf den Armen wiegte. Der aber neben ihm hält, o wehe mir! Das ist Herr Wate von Stürmen, und sein Zorn ist fürchterlich!«

Frau Gerlind begann laut zu stöhnen und in wirren Worten zu wehklagen, denn nun warf sich ihr Sohn Hartmuth in die Schlacht. Er hielt sich hoch und königlich, kein Feind hätte andres von Hartmuth sagen mögen. Bei jedem seiner starken Schwertschläge lachte Gerlind und zitterte und sprach Segen hinab und murmelnde Sprüche.

Da Ortwin den Ritter kämpfen sah, da fragte er Wate, wer es wohl sei, der solche Hiebe teile. Und da Wate ihm Hartmuths Namen kündete, rief er laut: »Ist dies Herr Hartmuth, Sohn des Mörders Ludwig, der meinen lieben Vater schlug? Dann soll er es mir entgelten!«

Das hörte Herr Hartmuth, und er gab seinem Hengste die Sporen, daß er ihn im Sprunge zu dem von Ortland trüge. Mitten im Getümmel rannten sie einander an mit ihren starken Speeren. So groß war der Anprall, daß Ortwins Schimmel auf die Hinterhand niederkam und Hartmuths Rappe strauchelte.

Rasselnd sprangen sie aus den Sätteln, und, wie die Ritter, begannen nun auch die Gefolgschaften der Ortländer und Normannen gegeneinander den Kampf. Wie Stromwirbel staute sich die Schlacht. Hartmuth hatte sein Rittertum auf mancher Heerfahrt bewährt, er gedachte des jungen Ortwin zu schonen. Doch der sprang ihn mit solchem Mute an, daß Hartmuth bald erkannte, er würde sich bitter seiner erwehren müssen.

Da begannen des Normannen Hiebe niederzuprasseln wie Hagelschauer, und Ortwins Jugend hatte bösen Stand wider solche Manneskraft. Als Herr Wate sah, wie es jenem erging, da gab er seinem Scheckhengst die Sporen und hieb sich einen Weg zu seinem jungen Herrn. Ehe er aber noch bei Ortwin war, seinen Schild vor Hartmuths Hiebe zu werfen, da schlug der zu, daß Ortwins Helm gespalten zu Boden flog und aus einer Scheitelwunde rotes Rinnsal über den Panzer rann. Wate fing den Sinkenden auf. Er warf ihn über die Schulter wie der Jäger den Hirsch, und so trug er ihn aus der Schlacht. Die Hegelinge, die Wate kannten, sahen wohl, wie ungut es sei, ihm jetzt zu begegnen, denn er fragte nicht, ob es Freund oder Feind sei, die sein Schwert beiseite fegte. Er schuf sich seinen Weg wie durch Dornengestrüpp.

Als Herr Horand Ortwin blutig und besinnungslos über Watens Rücken hängen sah, da sprengte er heran, den Bannerschaft über der Schulter, daß die Fahne ihn wie ein lichter Mantel umfloß. Und er rief: »Wate! Wate! Wer ist es, der Hildens Sohn schlug?«

Das hörte Hartmuth mitten im Gewühl, denn von allen Seiten drangen die Ortländer auf ihn ein, Ortwins Blut zu rächen. Und er lachte zurück, zwischen Schlag und Gegenschlag: »Das bin ich gewesen, Herr Horand!«

Da gab Horand Hildens Banner in Morungs Hut und hielt auf Hartmuth zu. Schwer schuf er sich Bahn, denn die Normannen standen um ihren Herrn, wie der Weizen im Herbst in Hocken steht. Horand schlug sich einen schmalen Weg, der war gesäumt mit Stöhnenden und Sterbenden, und Hartmuth lachte nicht mehr. Kraft stand wider Kraft. Feuerfunken sprangen aus den Helmen, zischend, wie wenn man nachts Katzen widers Haar streicht. Schwert fing Schwertschlag in der Luft, bis die Spitzen verkrümmt sich bogen. Mit dem verkrümmten Schwert schlug Hartmuth zu und traf Horand hart an der linken Schulter. Der verwand den Schmerz und holte zum Todesstreiche aus. Da aber schrie Frau Gerlind auf dem Turme auf, so schrill, wie Sperber schreien. Herr Ludwig ersah seines Sohnes Not und warf seine Mannen zwischen die beiden. Und sosehr Horand sich auch mühte, nochmals zu Hartmuth zu gelangen, er war wie ein Schwimmer, den die Strömung mit sich reißt und entführt.

Aber mitten im blutigen Wirbel geschah es, daß Herr Herwig Herrn Ludwig erspähte mit hellen Augen. Er teilte die Recken vor sich mit starkem Arm und rief hallend in den Gang der Schlacht: »Ludwig! Ludwig! Herwig heiß ich und trage dir Haß! Meine Braut raubtest du, ihren Vater schlugst du! Steh mir, wenn du ein Mann bist!«

Ludwig horchte auf und erspähte den hellen Rufer. »Ohne Not beichtest du deinen Haß und drohst mir im eigenen Lande!«

Wie Löwe und Tiger sprangen sie einander an, und sogleich drängten von beiden Bannern die Mannen zu ihren Seiten. Ludwig führte altgeübten Schlag, da taumelte Herwig und fiel auf ein Knie. Herr Ludwig wandte sich, als erachte er den Gegner für belehrt genug. Der Seeländer aber schnellte vom Boden auf, und sein scheuer Blick suchte die Zinne. Scham stieg in Herwigs braune Wangen, und ihm wallte das Blut. »Hat Gudrun gesehen, wie der Alte ungestraft mich Jungen schlug, so wird sie mich einstmals darum schmähen, wenn ich sie umfangen will!«

Er sprang aufs Roß, er ließ seine blaue Fahne vortragen, er hieß die Hörner das Zeichen zum Sturme blasen. Im Sturme warf er sich gegen Ludwigs Burg Karadein, aber er hatte harten Stand wider die Normannen, die ihre Heimat verteidigten wie er seine Ehre.

Ludwig erwehrte sich just Frutens im wilden Gedränge, da hörte er Hörner hinter sich im Rücken. Nur einen Blick warf er über die Schulter, da sah er das blaue Banner vor seinen Tortürmen wehen. »Wendet!« schrie er. »Wendet! Zur Burg!« Und die Normannen begannen sich den Rückzug über das Leichenfeld zu erfechten, wie sie sich den Auszug über das Schlachtfeld erfochten hatten.

Am reichsten war des Todes Ernte, wo Frute und Wate wider die Feinde hielten. Mit gespreizten Beinen stand Wate und führte mit beiden Händen sein Schwert. Schlachtrausch war über ihn gekommen, und war Wate im Frieden der treueste Freund, als Feind war er schrecklicher als alle. Im weiten Umkreis glitt der Normannenfuß aus auf schlüpfrigem Boden, denn in Lachen stand das Blut, wo Wate seines Herrn Tod rächte nach sieben Jahren des Wartens auf diese große, kalte Rache. Als Hartmuth und das Häuflein der Seinen zu Ludwig stießen, den Rückzug zur Burg zu decken, da hatte Wate ihr Kommen schon erspäht. Und er warf sich zwischen sie und das Burgtor mit tausend seiner Mannen aus Stürmenland.

Herr Hartmuth seufzte auf und sprach: »Einen andern Pförtner hätt ich mir gewünscht als Herrn Wate. Gottes Zorn läßt uns heute zahlen für alle alte Schuld. Wären wir Vögel, so sollten wir jetzt von dannen fliegen. Wären wir Maulwürfe, wir könnten uns jetzt in die Erde vergraben. Aber da wir arme Ritter sind, so stehet zu mir und hauet heißes Hegelingenblut aus kühlen Panzerringen!«

Da erst begann ein Kampf um die Burg Karadein, gegen den alles Morden und Sterben vorher nichts gewesen war.

Herwig suchte Ludwig von neuem, und er focht wie ein wahrhafter Mann. Er hatte Frauen auf der Zinne erschaut, aber Gudrun heut so wenig unter Schapel und Schleier erkannt wie gestern unterm Tuch der armen Wäscherin. Doch gab ihm seiner Liebsten Nähe eine Kraft, wie er sie nie gefühlt hatte. Mit zusammengebissenen Zähnen hielt er Ludwig stand und seinen altgeübten Künsten. Und endlich ersah er den Augenblick und holte aus und hieb. Er hieb Ludwigs Haupt vom Halse, daß es weithin sprang. So vergalt er, daß Gudrun seinen Kniefall gesehen hatte.

Droben auf der Burg ward großes Wehklagen laut, Männer schrien, und hoch, wie Möwen schreien, klagten die Frauen.

Da merkte Hartmuth, daß großes Unglück geschehen sei, aber er vermochte sich nicht zu wenden, er kämpfte, wo er stand, gegen den, den's traf.

Droben machte Frau Gerlind ihre Rede wahr. Sie ließ schwere Felstrümmer auf die Hegelinge herabrollen, daß sie mit Prasseln und Dröhnen viele in den Tod rissen. Und wie sie es gesagt hatte, schleppte sie selber Steine herbei, soviel sie nur vermochte, und warf sie mit Flüchen hinab auf die von Stürmen.

Wate überkam der große Zorn, der seiner übermächtig ward in der Schlacht. Im dichten Staubnebel, den Geröll- und Steinfall um ihn zogen, stand er da, und es war, als sei seinem Schwert nicht Schärfe gegeben, um zu verwunden, sondern nur, um zu Tode zu treffen. Und er sang zum Takt der Schläge Lieder, die keiner deutete.

Sprach Hartmuth: »Kein einziger von uns geht lebend in dies Tor ein, solange Wate es gegen uns hütet. Ich will ihm begegnen.«

Hartmuth warf sich dem Feinde entgegen, den keiner bisher gesucht hatte.

Sprach Wate: »So achte du des Tores, Frute, lange wird es nicht dauern, ehe ich Hartmuth gebe, was er von mir fordert!«

Nie hatte Hartmuth herrlicher gefochten, aber doch sahen alle seinen nahen Tod sich tanzend auf Wates Schwertspitze wiegen.

Droben hing Frau Gerlind aus der Turmluke, und sie zuckte unter jedem von Watens Hieben, als träfe er ihr eigenes bloßes Mutterherz. Da schlich Ortrun sich von ihrer Seite und rannte die Stufen hinab ins Turmgelaß zu Gudrun. Sie brach zu den Frauen ein und fiel Gudrun atemlos zu Füßen.

»Erbarmen! Erbarmen, Gudrun! Laß Wate Hartmuth nicht erschlagen! Denk an deines eignen Vaters Tod und hab Mitleid mit meinen Tränen! Ich bin dir freund gewesen all die Frist, laß sie nicht zum Vater mir auch noch den Bruder töten!«

»Treu warst du mir«, sprach Gudrun, »und ich mein es in Treuen. Aber wie soll ich dir helfen, ich arme Magd? Wär ich ein Ritter, ich würde jetzt meinen Schild über Hartmuth werfen um deinetwillen.«

Da weinte Ortrun, daß ihr junger Mund zuckte: »Ruf Wate! Gudrun, ruf ihn an!« Gudrun lief zum Fenster, sie bog sich über die Brüstung vor, und da sah sie, daß Hartmuth focht mit letzter Kraft. Und sie schrie, so laut sie vermochte: »Wate! Wate! Halt ein, um meinetwillen!«

Aber Wate hörte sie nicht. Nichts hörte Wate, wenn Schlachtrausch auf ihm lag. Und er hob sausend das Schwert in beiden Händen ... Da schrie Gudrun nochmals auf in großer Angst, denn ihr war, als fiele die Blutschuld auf ihr Haupt, wenn sie Hartmuth nicht rettete: »Oheim! Oheim! Schone Hartmuths Leben! Ich bin's, Gudrun!«

Das hörte Herwig von Seelanden, und sein Herz krampfte sich zusammen. Unedel dünkte es ihn, Hartmuths Tod mitanzusehen, nachdem Gudrun für ihn gebeten hatte. Er warf sich, Schild voran, vor Hartmuth, gerade da der Schwertschlag zischend niederkam. Da barst Herwigs neuer Schild glatt in zwei Stücke. Und Herwigs neuer Helm zerknackte wie eine hohle Nuß. Herwig, Fürst von Seeland, taumelte vor dieser Wucht und wäre, überströmt von Blut, zu Boden gesunken, hätte Herr Hartmuth ihn nicht in seinen Armen aufgefangen.

Der Normannenkönig sah Wate an und sprach fest: »Nun tut mit mir nach Eurem Willen. Kein Schwert mehr heb ich auf gegen einen Hegeling.«

Da ward Hartmuth in die Gefangenschaft geführt – er und die achtzig edlen Normannen, die ihm verblieben waren ...

Als Hartmuth sich ergab, da wußten die, die zu Karadein fochten, daß auch ihre Feste sich nicht lange würde halten können, aber sie hofften hohen Preis für ihr Leben einzuhandeln. Die Hegelinge zogen gegen Karadein. Am Fuß der Tortürme wimmelten ihre Scharen, wie die Scharen kleiner Krabben am Fuß der normannischen Klippen wimmeln. Die Normannen begannen Steine aus dem Zinnenkranz zu brechen, um sie von der Turmhöhe auf die Hegelinge herabzuschmettern. In prasselnden Schauern dröhnten sie herab, und Wate donnerte mit hallender Stimme den Befehl, Schild an Schild über die Helme zu halten. Gerlind ließ ihre Mörser aus der Küche herbeischleppen und Handmühlen und was sie sonst an schwerem Hausgerät fanden, und mancher waffenkundige Mann starb an schmählichen Weiberdingen. Mit klatschendem Sturz gossen sie siedendes Wasser herab, davon viele in ihren Panzern wie Krebse verbrühten, und wenn es traf und drunten Zuckende sich wanden, dann horchte Gerlind, zwischen zwei Zinnenzacken vorgeneigt, auf Röcheln und Todesschrei, und sie lachte, wie üble Alben lachen.

Es schien den Helden, die die Schlacht am Wülpensande gesehen hatten, als sei sie ein Spiel gegen den Kampf um Karadein gewesen.

Wate aber, sooft er Gerlinds Lachen hörte, blickte zu ihr auf, und sein Blick kündete ungute Voraussagung.

Er begann die Normannen aus seinem Wege fortzuschlagen, wie der wunde Bär aufrecht die Rüden mit Prankenhieben zur Seite schlägt. Und wie immer deckte Frute ihm den Rücken. Endlich drang Wate fechtend bis ans Tor, das zu langem Widerstand aus eisenbeschlagenen Eichenbohlen gefügt war. Von den Tortürmen schossen die Normannen auf ihn, daß die Pfeile herabkamen wie schräg einbrechender Regen. Beizender Staub stieg in Wirbeln auf, und Wurfsteine prasselten. Speere zischten mit dem Ton von reißender Seide an seinem Ohr vorüber. Aber Wates Tod war nicht gesponnen für diese Schlacht. Er entriß einem Hegeling die Axt und begann auf das Tor einzuschlagen, während die Normannen bald kein andres Ziel für ihre Waffen suchten als diesen einen Mann. Wate warf die Axt fort und begann an den ungeheuren Bohlen zu rütteln und fluchte, da das Tor auch unter seiner Hand sich nicht regte. Er lief mit seiner Schulter an, schnaubend, mit verzerrtem Angesicht, und von droben klang von neuem Gerlinds kicherndes Lachen.

Da hob Wate seinen Blick zu ihr, und das Lachen brach ab. Der Herr von Stürmen pflanzte sich in den Boden mit breitem Stand und hob mit beiden Händen das Schwert, das die Ahnen ihm vererbt hatten. Es fiel nieder mit sausendem Schlag, und man hörte einen knirschenden Ton, da Eisen auf Eisen biß. So begann Wate Angel um Angel aufzuhauen, diese zolldicken Bänder von Schmiedeeisen, die das Burgtor in die ungeheuren Mauern von Karadein fügten. Und wie er schlug und wie sein gutes Schwert die harte Arbeit tat, da begann Wate von neuem ein Lied zu summen, dessen Sprache keiner der Lebenden mehr kannte. Seine Kraft stieg dabei, je bitterer er sie brauchte, und Eisen um Eisen brach, das Tor fing an zu schwanken an den letzten Angelbändern. Da warf Wate sein Schwert zur Seite und begann das Tor an den ehernen Ringen hin und wider zu reißen, mit der Kraft von sechsundzwanzig Männern.

Die normannischen Frauen droben, die ihn sahen, sanken in die Knie und begannen Gott, den Herrn und Erretter, anzuflehen mit den Gebeten, die der Stunde des Absterbens bestimmt sind.

Nicht Normannen noch Hegelinge rührten die Hand, sie alle sahen auf Wate. Und da war ein Krach und ein donnernder Hall. Dröhnend brach das Tor zu Boden, und Wate trat taumelnd davor zurück, daß Horand darüber hin, wie über eine hölzerne Brücke, Frau Hildens Fahne in die Feste trüge.

Wie Brandung brachen die Hegelinge ein. Sie achteten nicht der viertausend Toten, gut dünkte ihnen, was geschehen war.

Sie erstürmten den Stufenweg, der innerhalb des Walls zur Burg führte, sie erbrachen mit Balken und Äxten nach harter Gegenwehr das innere Tor der Feste: Da war auch das stolze Karadein gewonnen wie Kassiane. Es ward gemordet, wer dawider stand, und die Hegelinge betrachteten die blutbezahlten Normannenfesten als ihr eigen. Sie füllten den Turnierhof, sie ergossen sich über die Treppen, sie riefen von allen Altanen, und dann gewannen Rausch des Sieges und Übermut die Herrschaft über sie. Es begann damit, daß sie neue Schwerter eintauschten für ihre Versehrten, neue Brünnen für die, die blutüberronnen an ihren Schultern klafften, dann nahmen sie Mäntel für sich, dann Schleier für ihre Liebsten daheim, dann Ketten, Ringe, Gürtel.

Schränke sprangen unter Schwertdruck auf, Truhendeckel flogen wider die Wand zurück, die Hegelinge, statt den Sieg zu Ende zu fechten, beluden sich mit schweren Packen.

Und Herr Wate stand dabei und lachte: »Wo bleiben die Knechte mit den Säcken?«

Herwig fand mühsam zu ihm, auf sein Schwert gestützt. Er trug ums Haupt ein Tuch gewunden, das war rot von Blut, wie der Bund um des Mohrenkönigs Helm von Purpur rot war. Herwig war sehr bleich, und seine Augen, die blau waren wie Glockenblumen, blickten finster drein.

»Lässest du zu, daß Hegelinge plündern wie gemeine Seeräuber? Zu Helden machte uns dieser Sieg, sollen wir von nun an Diebe heißen?«

Er wies auf die Knechte, die Frauenkleider zuhauf über der Schulter trugen und goldne Geräte an die Brust gedrückt hielten, und sie wichen zögernd zur Seite.

Da schrie Wate, und die Adern schwollen auf seiner Stirn: »Haben es die Normannen anders gehalten, da sie Frau Hilde überfielen? Unser ist, was wir wiedernehmen! Und niemand anderer als ich soll meinen Knechten von Stürmen befehlen!« –

Da winkte Horand Herrn Herwig mit den Augen ab von Wate, und er ging hin und mahnte die Mannen heimlich an den Schwur, den sie in Seenot getan hatten. Und der Herr von Dänenland verhieß, jedem Knecht aus eignem Schatz zu ersetzen, wes er an Beute entsagte.

Wate aber drang weiter vor, in den innersten Hof, in den die Normannen fechtend sich zurückgezogen hatten, und schuf sich einen Weg zu Gudrun.

Die härteste Waffenarbeit aber ward hier getan, denn hier fochten die besten Normannen um Leben und Ehre und zum Schutz ihrer Königinnen vor dem Zugang zu den Hallen.

Gudrun saß im Turme mit ihren Frauen, und sie vermochte Schreie und Schwertsausen und Todesröcheln und klirrenden Fall nicht mehr zu hören, wie sie sie seit Sonnenaufgang hörte. Und nun war es Nacht.

Wie sie verhüllten Hauptes dasaß und nichts anderes ersehnte als des Elends endliches Ende, da kam Ortrun und klopfte an die Türe, die die Geiseln von innen verriegelt hatten, und bat um Einlaß. Da ging Gudrun selbst, mit den andern die schweren Riegelbalken zurückzuziehen. Ortrun neigte das Antlitz in die Hände, die sich wie weiße Schalen mit Tränen füllten.

»O Gudrun«, sprach sie. »Zum andern Male bitte ich dich um Erbarmen. Wir sind aus dem Saal geflohen, in dem wir gesessen sind, vor der Tür tobt Wate schrecklich, und das Blut derer, die wir lieben, sickert durch den Spalt zu uns her wie rote Schlangen. Hab Mitleid mit uns, denen Tod droht von tausend Schwertern!«

»Komm«, antwortete hastig Gudrun. »Komm mit all deinen Frauen!«

So rief Ortrun die Mägdlein alle, und sie drängten in Hast herein mit weinenden Augen. Und hastig schloß Hildburg die Türe, und sie schoben zu viert den Riegel vor, damit man minder den Kampf da drunten höre.

Sie saßen und standen und knieten nun eng gedrängt, und die Frauen von Normandie beteten, und manche wiegten sich in namenlosem Schmerz hin und wider wie Trunkene, und manche bissen in ihr Tränentüchlein, um Schreie zu ersticken, und manche starrten tränenlos auf den Estrich, als sähen sie noch immer die rote Schlange auf sich zu wachsen, die das vergossene Herzblut ihrer Lieben war.

Da hob Gudrun das Haupt und lauschte, denn ihr war, als schluchzte jemand vor der Türe, und sie gebot Schweigen. Da hörten sie deutlich das verzweifelte Weinen. Hildburg und Gudrun tauschten einen Blick, und wieder gingen sie zu viert und schoben den Riegel zurück. Da lag ein Weib auf dem Antlitz, und sie erkannten sie am roten Haar. Die Herzogin Heregart hob ihr Gesicht mit einem stöhnenden Laut und rutschte auf den Knien zu Gudrun. Sie breitete nur die Arme, zu sprechen vermochte sie nicht vor Scham und Jammer. Das Weinen schüttelte sie, denn ihr schöner Liebster, der Schenke Frau Gerlinds, lag von Wate erschlagen.

Gudrun sah mit gerunzelter Stirn auf sie hinab und entsann sich des Tages, da Heregart, den Falken auf der Faust, hoch zu Roß zum Strande herabgekommen war, um ihre Herrin waschen zu sehen. Aber da Grimm sie überkam, da gewahrte sie an Heregarts Brust den nassen blutigen Flecken, wo sie das Haupt des sterbenden Liebsten geborgen hatte. Und Gudrun dachte an Herwig und sagte still: »Nehmt Euren Platz mir zur Linken ein, Frau Herzogin.« Und mehr ward nicht gesprochen. –

Da sie aber schwiegen, da vernahmen sie, wieviel näher und näher der Lärm stieg. Und es war, als stiege die blutige Flut ihnen bis zum Munde.

Da griff eine Hand an die Tür und rüttelte laut, und sie schraken zusammen, da Fäuste dawider schlugen. Aber Gudrun erkannte wohl, wie schwach der Schlag war. Die kleine Hildburg stand auf, aber Gudruns Hand hielt sie fest, und sie horchten versteint. Und nochmals klopften die Fäuste wirbelnd draußen.

»Gudrun!« sagte Hildburg und reckte ihren zarten Körper hoch. »So wie du nun bist, wird der Herr Christ zu dir sein in deiner Todesstunde.«

Und Gudrun ließ sie los. Als Hildburg aber den Riegel zurückgezogen, da fiel Gerlind im Türrahmen in die Knie. Furchtbar war sie gewandelt. Ihre Haare hingen grau und weiß in Strähnen über ihre hohlen Wangen, ihre Augen schweiften irr, ihr Kinn bebte wie bei Kindern, die weinen wollen. In schmutzigen Fetzen hingen die kostbaren Gewände um sie. Mörtel bestäubte sie und Lehm von den Steinen, die sie getragen hatte. Sie streckte zerschrundene Hände nach Gudrun aus.

»Gnade!« keuchte sie. »Rettung vor Wate! Er hetzt mich zu Tode! Er ist hinter mir.« Und sie kroch zu Gudrun. »Leibeigen will ich dir sein, Herwigs Kinder will ich dir wiegen, aber laß mich nicht in dieses Teufels blutige Hände fallen!«

Eine harte Falte stand zwischen Gudruns Brauen. »Wart Ihr mir je so gnädig, Frau Gerlind, daß Ihr kommt, meine Gnade zu erbitten?«

Da stöhnte Gerlind auf, und ihr Antlitz malte grausiges Entsetzen. Auf den Fensterbogen wies ihre Hand, und sie sahen draußen Wate die Treppe zum Turm hinansteigen.

Auf jeder Treppenstufe stand einer von Gerlinds Mannen. Und sowenig sie Frau Gerlind geliebt hatten ihr Leben lang, nun mußte Wate erst ihrem Schwert begegnen, ehe er die nächste Stufe zu ersteigen vermochte. Doch der greise Würger stieg und stieg.

Ehe er aber zuhieb, mit diesem furchtbaren Schwert, von dessen Blutrille die Tropfen rannen, sprach er zu jedem der Normannen: »Bring mir Gerlinds Haupt, so sollst du leben.«

Aber da war keiner, der nicht lieber starb in seinen Waffen.

Hildburg vermochte Gerlinds irres Entsetzen nicht mehr zu schauen, sie nahm sie still an der Hand und führte sie zuinnerst in den Kreis von Gudruns Frauen, und die sprach kein Wort dawider.

Es war hohe Zeit, denn draußen hatte Wate den letzten Wächter erschlagen und die letzte Stufe erkämpft. Sie hörten Klang um Klang seiner erzenen Schritte auf dem Estrich. Zusammengedrängt standen sie und hörten die schwere Hand die Klinke rühren. Und sie zuckten zusammen, da die Stimme scholl: »Auf, wer da drinnen ist!«

Alle hielten den Atem an.

Sie hörten das harte Rütteln am Griff, die Türe krachte in ihren Fugen. Keine wandte den Blick von den Bohlen, keine vermochte sich zu regen, keine zu schreien – wie im Traum war es, wenn der Alp die Brust reitet ...

Mit einem einzigen Ruck ward die Türe nach vorn gedrückt, da brach mit Krachen und Splittern der Riegelbalken. Die Türe flog gegen die Wand zurück, und da stand Wate.

Die Mägdlein schrien mit eins, einen einzigen hohen Schrei. Denn er war fürchterlich. Seinen Schild hatte man zerschlagen und auch seinen stolzen Helm. Er führte nur das Schwert, das schartig war, vielzahnig wie eine Säge. Das Blut tropfte aus seinem Gewand auf den Estrich und rann aus eigenen Wunden in seine Brauen und seinen ellenbreiten Bart, das Weiß in dunklen Streifen färbend. Seine Augäpfel waren feurig rot, und ein böser Glanz lag darin, er knirschte mit den Zähnen, wie von jenen vermeldet wird, die Blutrausch überkam.

»Wo ist Gerlind?« keuchte er. »Wo ist die Teufelin Gerlind?«

Gudrun faßte allen Mut zusammen, sie trat lächelnd vor, neigte sich in höfischer Zucht und sprach laut, als wolle sie ihn erwecken, und so heiter sie es vermochte: »Willkommen, Wate! So gerne ich dich sehe, lieber noch grüßte ich dich, wäre nicht so vielen Leid von dir geschehen!«

Da strich Wate sich wie ein Erwachender über die Stirne und schien jählings so müde, daß er sich an die Wand lehnte: »Vergebt mir, edle Jungfrau! Seid Ihr Frau Hildens Kind? Wer sind die, die um Euch stehen?«

»Das sind die Armen, die mit mir übers Meer kamen, Oheim Wate!«

»Vergebt mir, edle Jungfrau, ist keine unter ihnen aus Normannenland?« Sprach Gudrun rasch und fest: »Doch, Herr Wate, hier steht Ortrun mit ihren edlen Frauen, und sie ist mir all die Zeit wie eine Schwester gewesen!« Fragte Wate – und von neuem gloste das böse Licht in seinen Augen auf: »Sonst ist keine unter ihnen? Keine, die Euch Wäsche waschen hieß am eisigen Strand?« Gudruns Haupt sank zur Brust. Sie sagte leise und klar: »Keine ist hier, der ich Rache hegte, Oheim Wate!«

Da trat ihr Wate nah, und so furchtbar war sein Antlitz, daß Gudrun abwehrend die Hände hob. »Wollt Ihr mir jetzt nicht bald die Rechte zeigen, so werden auch Unschuldige büßen müssen, Nichte Gudrun!«

Er sprang vor und stieß die Mägdlein hart zurück, mit beiden Armen, da erspähte er Frau Gerlinds grauen Scheitel unter all den blonden und braunen. Und er faßte sie und zerrte sie vor und warf sie Gudrun vor die Füße und fragte rasend, zitternd am ganzen Leibe: »Nun sagt mir, Frau Gerlind, soll meine Frau und Königin Euch mehr noch der schmutzigen Wäsche waschen?«

Dann faßte er zu, wie der Geier zustößt, und packte sie an ihrem Haar. Er wand sich die grauen Strähnen ums Handgelenk und schleifte Gerlind neben sich her zur Türe, und die Türe trat er von außen zu, daß Gudrun das, was nun kam, nicht sähe.

Und es kam ein Sausen und ein markerkältender Schrei und ein Schlag und ein Fall – und große Stille.

Keine war unter den Frauen, die nicht das Schwert am eigenen Halse verspürt hatte.

Und Wate trat ein, hielt taumelnd sich am Türbogen fest.

»Nun such ich noch eine vor Abend«, sprach er. »Das ist Heregart, die Kebse von Frau Gerlinds Schenken.«

Da kniete Hildburg vor ihm, und die andern Frauen knieten, und Gudrun flehte, des Blutes genug sein zu lassen, und bat um Gnade.

Sprach Wate: »Gnade darf ich nicht üben! Frau Hildens Kämmerer bin ich und muß Zucht unter ihren Frauen erhalten.«

Und als er das gesagt hatte, da trat Heregart vor, das rote Haupt stolz erhoben. Sie stellte sich Wate und tat keinen Laut, da sie fiel. Sie schleppte sich zu Gudrun und sah sie an und starb stumm, ihr zur linken Seite, auf dem Platze, der ihr im Leben gebührt hatte.

Als er diesen Schlag getan hatte, da ließ Wate polternd sein Schwert fallen und stieß in sein Horn, daß Waffenfriede über der Feste werde.

Das Horn entfiel ihm, und auch Herr Wate fiel stolpernd, wo er stand, auf den Estrich und schlief drei Nächte und drei Tage, und keiner vermochte ihn zu wecken oder ihn zu heben, um ihn in ein Bett zu tragen. So ließen sie ihn in Frieden, und da er erwachte, war er der Wate von eh und je, unverlierbar treu im Lieben und unabwendbar schrecklich im Haß. –

Als die Hegelinge Wates Horn vernahmen, da warfen sie Schild und Schwert zur Seite und liefen in Scharen zum Brunnen, den Geschmack des Blutes von ihren Lippen zu spülen. Und sie lachten wie Knaben, weil die Hegelinge alle rußschwarz vom Eisen waren wie Mohren, und die Mohren kalkweiß vom Mörtelstaub der Wurfsteine, die sie hatten erdulden müssen.

Als man an Herwig wieder des falben Haares Farbe erkannte und das mannhafte Braun des schönen Gesichts, da stieg er, frisch gewandet, hinauf zu Gudrun. Und als sie ihn, trotz des völligen Dämmerns draußen, an seinem Gang und am eigenen klopfenden Herzschlag erkannte, da lachte sie ein zitterndes Lachen.

Herwig trat zu ihr in den Saal und breitete die Arme aus. Da versanken sieben Jahre, als wären sie nie gewesen, die Toten ringsum und die Lebenden versanken. Leid und Schuld versank, und es war, als wäre niemals bitteres Entbehren gewesen zwischen Kuß und Kuß.

So innig war ihr Aneinanderhangen, daß keiner der beiden sah, wie Ortwin hastig in den Saal sprang. Ortrun legte den Finger auf die Lippen und winkte Schweigen. Da geschah es, daß Ortwin zum erstenmal ein Mägdlein ansah, mit neuen Augen, und es geschah, daß Ortrun errötete unter diesem langen Blick. Es schien ihr wie ein Zauber, Gudruns goldene Augen und ihr Lächeln wiederzufinden – aber so anderer Art. Und Herr Horand stand unterm Türbogen still und sah mit Freuden Fäden sich spinnen.

Hildburg war es, die die Seligen aufschreckte, sie hatte Herrn Morung erspäht und flog mit Jauchzen in des Vaters Arme. Großes Grüßen hob an und Fragen und helle Freude. Herr Frute ließ heimlich das Blut von Treppen und Wänden waschen und die Toten aus der Burg tragen, dieweil die Frauen ihre lieben Anverwandten umarmten.

In Schiff um Schiff wurden die Leichen gelegt, und als die traurige Fracht geladen war, da ließ Frute die Anker lösen, und die starken Schiffe trieben hinaus in die Nacht, Feind bei Feind und Geselle bei gutem Gesellen. Der Sturm hetzte Wolken weit über den Himmel hin, und der Greis sah lange der Flotte nach, die achttausend stumme Streiter nach der fremden Küste entführte, an der wir alle landen und die doch keiner von uns kennt.

 

Die Hegelinge trugen Frau Hildens Zeichen durch das ganze Normannenland. Es gab manche unter ihnen, die da rieten, die festen Burgen niederzubrechen und das reiche Land mit Brand zu überziehen. Aber Herr Frute widerriet, ohne viel von seinen guten Gründen zu sagen. Er bestellte Herrn Irold zum Hüter von Normannenland, mit tausend von dessen besten Mannen, und ging daran, die Heimfahrt zu rüsten.

Man brachte Hartmuth zu den Schiffen hinab. Ritterlich war seine Gefangenschaft gewesen, und seine vielen Wunden waren heil, deren Hildburg insgeheim gepflegt hatte. Aber er war bleich und trübe.

»Ich bäte euch, edle Herren, gerne«, sprach er sehr leise, »daß ihr mich in meines Vaters Reich zurückließet. All mein Hab und Gut wollt ich euch zum Friedenspfande geben!«

»Viel lieber behalten wir Euch selber!« lachte Wate. »Und wenn mein Neffe Ortwin auf mich hören wollte – ich schaffte schnell genug, daß Eure Bande Euch nicht mehr drücken sollten!«

»Was hülfe das, wenn wir ihn totschlügen?« fragte unwillig Herr Ortwin. »Ich will die edlen Geiseln in Ehren meiner Frau Mutter bringen!« Und er selbst löste Herrn Hartmuths Bande, da sie vom Lande stießen.

Gudrun stand Herwig zur Seite, ihre Hand in seinen Händen, und er sah mit Staunen und mit unruhigem Herzen, daß ihre goldenen Augen verschleiert blickten und ein Zucken über ihre geschwungenen Lippen lief.

»Gudrun«, murmelte er, »vielsüße Frau Gudrun, seid Ihr des nun nicht froh, daß wir heimfahren?«

»Doch«, sprach sie und lächelte unter Tränen. »Ich denke nur an die Jahre, verbracht in diesem Land, ich denke an die Jahre, verwaschen an dem Strand, an dem wir vorüberfahren. Da ist kein König auf Erden so mächtig und kein großer Gott im Himmel, daß er mir sie wiedergäbe.«

Und als sie so sprach, da trat Herr Horand zu ihr und fragte: »Wer ist doch diese, Frau Gudrun, die da am Strande steht und lacht und winkt mit beiden Händen?«

Da erkannte die Königin von Hegelingen wohl das Weib, das da barfuß so weit hinaufgewatet war, als sie nur vermochte. Ihr graues Haar wehte im Wind, ihr rotes Schultertuch flatterte, sie hielt sich aufrecht gegen die anstürmende Woge, die bis zu den schweren Holzschuhen dort am Kies spülte. Da stand die Wäscherin, die Gudrun gelehrt hatte, Gerlinds Mäntel reinzuwaschen, sie lachte über ihr ganzes gutes Gesicht, weil Gudrun die Heimkehr vergönnt war.

Gudruns Wangen aber färbten sich dunkelrot. »Horand, Horand«, stammelte sie. »Unehre erlebst du an der, die du erzogen hast! Klage ich hier um eigenes Leid und vergesse der zu danken, die mir Gutes getan hat? Laßt ein Boot aussetzen und rudert mich ans Ufer! Länder und Burgen soll die haben, die uns im Elend dienstbar war!«

Da lächelte Horand Gudrun an und meinte, es sei der Wäscherin wohl minder mit Hartmuths Burgen gedient als mit Hof und Feldern reicher normannischer Erde. So gewann die Alte als Erbgut fruchtbares Land, nah von Karadein, und der schweren, gefleckten normannischen Kühe viele, sie und ihre sechs blonden Söhne, und sie wurden ein wehrhaftes, starkes Geschlecht, das den Holzschuh trotzig als Hauszeichen führte.

Frühling lag über der Küste, an der die Segler den Weg nahmen, und der Pirol flötete. Das Meer lag glatt wie grüne Wiesen. Die Hegelinge hatten die Mäste mit jungem Laub bekränzt, und sie sangen auf den Schiffswachten. Gudrun hörte die alten Meerlieder wieder, wenn sie vor Glück schlaflos lag und ins Dunkel lächelte. Eines Tages bat sie Herrn Horand sehr, zu singen. Sie hatte sich nach seinem Gesang gesehnt, als ob nur dies ihr noch fehle. Da hörte sie mit Staunen von seinem Gelübde und flehte ihn lange um ein Lied, denn nun sei ja alles vorbei und gelöst sei ein Versprechen. Aber Horand schüttelte das Haupt, denn noch war nicht der Kuß getauscht zwischen Hilde und Gudrun. Und kein süßerer Sang ward auf den Schiffen laut als die uralten Seefahrerlieder, eintönig wiederkehrend wie das Meer selber, und kein anderer Klang als das dünne Klagen der kleinen Holzflöten, die die Mohrenhelden bliesen, nachts, wenn sie fröstelnd, in ihre weißen Mäntel gehüllt, auf Deck ihrer hochbordigen Schiffe kauerten.

Gudrun gedachte der Raubfahrt, hin, nach Normannenland, da sie geweint hatte, wie sie nun die Normannengeiseln leise und erstickt in ihre Pfühle weinen hörte. Es ließ sie nicht, sie stand auf und ging auf bloßen Füßen zu Ortruns Lager. Sie küßte sie und tröstete sie sanft und gab ihr und ihren Frauen, was nur an kostbarem Gut in ihre Hände kam, und versprach ihnen holde Fürsprache, bis die Trostlosen neue Zuversicht gewannen.

Eines Morgens scholl ein Ruf vom Mast, langgezogen hallend wie Gesang: »Hegelingeland! Hegelingeland!«

Da stürzten die Männer heiß vom Schlaf an Deck, denn sie wollten nur eigenen Augen trauen. Gudrun sah die steil zerklüfteten Felsen, wie sie in Träumen sie gesehen, golden überglänzt vom Schein der Frühe, und sie sank in Hildburgs Arme, die lachte und weinte wie sie.

Herwig sandte zwei Boten in schneller Barke, die führten die besten Renner von Arabé mit sich. Und als die Boten an Land kamen, da ließen sie die Barke liegen, wo sie lag, sie warfen sich auf die Rosse, und die edlen Tiere begannen zu jagen in gleichem Schritt, den Tag und die ganze Nacht. Die Wächter von Matalane sahen von weit zwei Reiter ihre Mähren spornen zu letzter Hast, da lachten sie von Ohr zu Ohr, denn jeder weiß wohl, daß einer schlechten Nachricht Bote nicht allzu große Eile hat.

Die von Seeland winkten und riefen drunten während des wilden Ritts, und die Wächter bliesen mit Macht. Da lief Frau Hilde hinab, und als die von Seeland von den zitternden Rossen sprangen, da stand sie schon im Tor, in ihrer tiefen Trauer, wie sie sie nicht abgelegt hatte seit der Schlacht am Wülpensand.

»Lebt meine Tochter, und lebt Herr Ortwin?« fragte sie mit Hast.

»Nicht besser hätte alles glücken mögen! Herr Herwig führt Euch Frau Gudrun zu, und Herr Wate bringt die Normannen gefangen!«

Da tat Frau Hilde einen zitternden Atemzug und ließ schweigend den schwarzen Schleier vom Haar gleiten.

Und sie gab Botenbrot, wie es noch nie gegeben ward: Die als Knappen niederknieten, standen als Herren reicher Burgen auf.

»Nun aber lasset eilig rüsten, Frau Königin, für so viele Gäste!« sprach der eine der Boten. Dazu lächelte Frau Hilde nur. Denn hatte sie seit der Schlacht am Wülpensande sieben Jahre für den Auszug gerüstet, Tag um Tag, so hatte sie seit dem Auszug Tag um Tag gerüstet für die Wiederkunft.

Und die Boten sahen mit Staunen unterm Grün der Buchen schon Tafel neben Tafel aufgeschlagen und lange Bänke, die nun in kurzer Weile mit Polstern belegt waren und eigengewebten bunten Decken. Prasselnd lohten die Brände in langer Feuerzeile auf, ganze Rinder begannen langsam sich an den blanken Spießen zu drehen und Wildschweine. Über bereiten Pflöcken wurden Zelte aufgeschlagen, und es wurden Felle zu Lagern gehäuft, weich, wie sie nur eine Mutter bereiten mag.

An einem strahlenden Morgen legten die Schiffe an, die im Winter ausgezogen waren. Die Vögel tobten vor süßer Lust in den Zweigen, und im Rasen standen bunte Blumen in Fülle. Der Wind trug warmen Duft herbei, und die Apfelbäume schneiten weißes Blühen.

Frau Hilde ritt zum Meer hinab. Sie trug königliches Gewand, in dessen Seide blitzende Steine eingewirkt waren, und rot und weiß wie Christrosen leuchteten unter des Haares Schnee ihre Wangen.

Sie ritt langsam, und heimlich bangte sie, ob sie denn ihr liebes Kind Gudrun wiedererkennen werde nach diesen sieben langen Jahren. Die ganze Nacht war Frau Hilde wach gelegen und hatte nichts gedacht als dies.

Es waren mehr denn hundert Frauen an Bord, und nun begannen die Helden sie über eine schmale Schiffsplanke zu geleiten, die vom Bord an Land hatte gelegt werden müssen, da die Brandung hoch und das Meer voller Riffe war an der Küste von Hegelingeland. Es hob Wate zuerst andere Frauen an Land – denn heimlich traute er des Steges Sicherheit nicht ganz – und dann erst Gudrun. Die hastete nun allzusehr, denn sie hatte der Mutter weißes Haar am Strand erspäht, und es drängte sie so sehr, Frau Hilde zu umfangen. So geschah es, daß Gudrun ausglitt auf dem schwanken Brette. Da tat es in Hildens Herzen einen Riß, sie schrie »Gib acht, Gudrun!« und lief zu den Schiffen.

Und erst da Wate Gudrun sicher in ihre Arme legte, kam Frau Hilde zu sich, und da lächelte sie, weil sie eine ganze Nacht gefürchtet hatte, ein Mutterherz könne je im Leben sein Kind verkennen.

Als Gudrun ihre Mutter aus den Armen ließ, da zog Herr Ortwin Frau Hilde in die seinen. Und die Königin tauschte Kuß um Kuß mit Herrn Herwig und Herrn Wate, mit Frute von Dänenland und Morung und dem Fürsten vom Mohrenland. Als letzter trat Herr Horand vor und empfing ihren Kuß auf die schmerzlichen Lippen.

Sprach Gudrun: »Nun sollt Ihr auch Hildburg küssen, Frau Mutter, um ihrer großen Treue willen.«

Und Frau Hilde küßte mit Zärtlichkeit das kleine Antlitz unterm vielen schwarzen Haar.

Da nahm Gudrun Ortrun an der Hand und führte sie Frau Hilde zu: »Und auch diese sollt Ihr küssen, mir zulieb, Frau Mutter!«

Sprach Frau Hilde und zog die Brauen zusammen: »Wer ist die Maid? Niemand küss ich hier, als die ich kenne!«

Da bat Gudrun: »Liebste Frau Mutter, dies ist Ortrun von Normandie, und sie ist all die Zeit mir freund gewesen.«

Sprach Frau Hilde: »War sie meinem Kinde in der Fremde freund, so will ich sie zu Hegelingeland an mein Herz nehmen!« Und sie neigte sich und küßte Ortrun auf den zuckenden Mund.

Raunte Herr Ortwin hastig an Gudruns Ohr: »Schwester, dies will ich Euch nicht vergessen!«

Die Hegelinge zogen zu Matalane ein, und Frau Hilde pflegte ihrer so, daß sie Dank und große Ehre davon gewann.

Fünf Tage ruhten sie aus, und wo man nur ging, überall stolperte der Fuß über einen Mann, der im grünen Grase schlafend lag, ein Frauenkissen unterm Haupte, umsummt von Bienen, umduftet vom wilden Thymian, gebraten von der guten Sonne.

Am sechsten Tage geschah es, daß Gudrun Hildburg sanft zur Seite nahm. »Ist die Freude dir so fremd geworden zu Normandie, daß du sie auch daheim nicht wiederfindest?«

»Ich bin nicht so wie Ihr«, sprach Hildburg fast ein wenig bitter. »Ich kann nicht lachen, wenn andere stöhnen!«

»Haben wir so viele Gaben zum Dank verteilt, und doch gibt es Unzufriedene noch zu Matalane?« fragte Gudrun, die wohl wußte, was Hildburg meinte.

»Du vergissest Herrn Hartmuth«, sagte Hildburg sehr leise und rollte ihres Gürtels Ende ein und auf. »Noch immer ist sein Schicksal nicht entschieden, und des Nachts hör ich ihn seufzen und wehklagen.«

»Wir wollen nicht länger sein vergessen«, sprach Gudrun ernst. »Komm du und rufe auch Ortrun!«

Sie führte die Frauen zu Hilde, die im Saale saß.

»Mutter, vielliebe Mutter«, sprach sie sie an. »Lohnet nicht Böses mit noch Böserem, um Eurer großen Tugend willen!«

»Geschieht dies, so geschieht es nicht mit meinem Wunsch und Willen, und so möge Gott es mir verzeihen!« gab Frau Hilde zur Antwort.

Da fiel Ortrun aufs Knie. »In Ketten liegt mein Bruder, seit er nach Matalane kam, und mit ihm alle unsere Anverwandten.«

Gudrun legte die Hand auf Ortruns hellen Scheitel und bat mit feuchten Augen: »Nur Ehre brächte es Euch, Frau Mutter, wolltet Ihr gnädig sein und ließet Hartmuth frei seiner Krone walten.«

Am heißesten aber waren Hildburgs Tränen. Sie faltete nur ihre Hände vor bebenden Lippen und sah zu Frau Hilde auf mit stummem Blick.

Da lächelte Frau Hilde, sie hob die drei Fürsprecherinnen vom Boden auf. »Schonet eure schönen Augen und laßt das Weinen sein! Vermögt ihr Hartmuth dazu, daß er schwört, er werde nicht heimliche Flucht versuchen, dann soll er los und ledig als mein Gast zu Hofe gehen mit allen seinen Mannen.«

Da verschwor Hartmuth willigen Herzens die Flucht, und die Ketten wurden von ihm genommen. Gudrun befahl, den Normannen Bäder zu rüsten und reiche Gewänder, daß sie nach Gebühr zu Hofe kämen. Denn es ward ein großes Mahl für den Abend gerüstet, und man sah die Hegelinge vom Schlafe aufstehen und sich strecken, als wäre es der Tag des Gerichts.

Als nun Hartmuth in königlicher Pracht zu den Fürsten trat, da schien er es auch anderen Frauen als Hildburg wert, daß man mit holden Blicken nach ihm spähte. Die Hegelinge grüßten ihn von Herzen, und so sehr ward aller Zwist gesühnt, daß selbst Wate Hartmuth zutrank.

Und es war, als sei nun erst alle Last von den Herzen genommen. Tag um Tag brachte Spiel und Fest, und nie hatte Freude herrlicher geherrscht auf Matalane. Nur Herr Herwig ging unruhvoll umher und in zerstreutem Sinnen, er schien nicht Frieden zu finden, heimlich ließ er Rosse und Waffen rüsten.

Frau Hilde merkte wohl die Unrast an dem blonden Helden. Und da sie sänftlich fragte, da gestand Herwig, Angst sei über ihm, wie einmal schon, Gudrun zu verlieren. Und nicht eher werde er seines Glückes sich sicher fühlen, ehe sie nicht ihm angetraut sei und die Krone von Seeland trüge. Darum erbitte er Urlaub von Frau Hilde, schon morgen mit seiner Braut in die Heimat zu ziehen.

Da bat Frau Hilde den Seeländer, er möge ihr dies vergönnen, daß Gudrun zu Matalane gekrönt und im Angesicht aller ihrer Anverwandten ihm zu eigen gegeben werde. Und Herwig sagte mit großen Freuden zu, wenn nur die Hochzeit bald würde gehalten werden.

Frau Hilde begann ihrem Kinde eine Hochzeit zu rüsten, wie es der Herrin von dreißig Reichen geziemte. Sie ließ keinen der Fürsten vom Hofe reiten, auch nicht den von Mohrenland, und der Held blieb gar zu gerne. Denn da war jenes Grafenkind mit dem heitern Näslein und den Sommerflecken, das Gudrun geweckt hatte, da die Hegelinge als Befreier gekommen waren. Deren helle Augen hingen an des Helden braunem Antlitz zwischen den goldnen Ohrringen, und es war eine große Liebe angebrochen mit Blicken und Deuten und vermengten Worten aus ausgetauschtem Sprachschatz.

Frau Hilde tat ihre Kammern weit auf, und es kam zutage, was Frauenfleiß in langen Jahren gewirkt hatte. Da waren Festkleider für alle, die deren begehrten, und was einer begehrte, das gab Frau Hilde verdoppelt an Hegelinge, Mohren und Normannen. Gabe ward um Gabe getauscht unter den Helden. Herr Wate gab, was nur einer nehmen wollte, und Herr Horand verschenkte mit so vollen Händen, als wolle er an seines Lebens Ende betteln gehen.

Herr Ortwin kleidete fünfhundert edle Knaben zur Schwertnahme in neue Waffen und Gewänder, Herr Frute gab ihnen Rosse edelster dänischer Zucht und ritterliche Sattelkleider.

Nur Herr Hartmuth stand abseits von all dem Geben und Empfangen, seine schmalen Wangen wurden blaß und rot vor Scham, und er sah in seine leeren Hände.

Da begriff Frau Hilde, was den Helden beschwerte. Und als er des Abends in seine Kammer trat, da fand er zehn Truhen, voll mit königlichen Werten, und er begriff mit Seligkeit und Lachen, daß ihm Frau Hilde die größte aller Freuden nicht hatte nehmen wollen, die, der Beschenkten selige Gesichter zu sehen. Und am nächsten Morgen war in den Truhen nicht eine einzige Spange mehr zu finden, die Herr Hartmuth nicht vergeben hätte.

Den Königen ward ihr Amt zugewiesen wie von eh und je. Wate und Irold waren Kämmerer. Der Truchseß war Frute, und Horand war Frau Hildens Schenke. Gudrun aber hatte mit Herwig einen Plan gesponnen; sie hatte wohl erfaßt, daß Frau Ortrun von Normandie blutfarb ward, wenn Ortwin kam, und blaß ward, wenn er schied, und sie nahm ihren Bruder Ortwin an der Hand und führte ihn in ihre Kammer. »Nun will ich dir gut raten, wie Schwesterliebe es soll. Bist du gesinnt, wie ich es meine, dann sollten wir beide an einem Tage Hochzeit halten.«

Da ließ Ortwin den Kopf hängen und sprach aus, was ihn so bedrückte, daß er seit Tagen umherging wie ein Verlorener. Daß Tod und Rache zwischen ihm ständen und der vielsüßen Ortrun und daß sie niemals sein werden könne, denn sie werde noch um die Toten seufzen, wenn er sie in Armen hielte!

»Hältst du sie recht, dann wird sie wohl das Seufzen lassen!« lachte Gudrun. »Ich rate dir zu ihr in Treuen, so wahr mir Ortrun Treue hielt. Niemals wird sie dir einen bösen Tag bereiten.«

Da sah Ortwin sie mit runden Augen an, und dann ließ er sie, wo sie stand, und rannte spornstreichs aus der Kammer. Er ließ die Tür offenstehen, und Gudruns helles Lachen schallte hinter ihm her.

Die Hegelinge saßen an der Tafel, aber es fehlte Ortwin. Sie hielten schon beim süßen Kuchen, da trat der Herr von Ortland ein und führte Ortrun an der Hand, deren Antlitz war röter als Sommerrosen.

»So sollst du meine liebe Tochter sein«, sprach Frau Hilde. »Allen alten Haß wollen wir sühnen!«

Beugte Frute sich zu Gudrun und sprach mit seinem schönen Lächeln: »Nun fehlt nur dies eine noch, was Ihr planet, Frau!«

Und Gudrun staunte. »Auch dieses wisset Ihr, Herr Frute?«

Des Nachts, da alle Frauen schliefen, rief Gudrun flüsternd: »Hildburg?«, denn sie hatte wohl gehört, wie die Freundin schlaflos sich wandte. Da lag die Weinende still und hielt den Atem an. Gudrun bat leise: »Weine nicht. Komm zu mir«, und im Schein der Nachtlampe kam Hildburg und setzte sich an des Lagers Fußende. Gudrun richtete sich auf und zog Hildburgs lange Locken über ihre Finger. »Liebste Freundin!« flüsterte sie, ohne aufzusehen: »Jetzt will ich deine Treue lohnen. Du sollst in Normandie Krone tragen!«

Hildburg erschrak. »Wollt Ihr Herrn Hartmuth sein Erbe rauben und mich damit belehnen? Niemals werde ich zu solcher Schmach die Hand reichen!«

»Du sollst als seine Königin in Normandie Krone tragen.«

Hildburg stand auf, sie war totenblaß. »Gott sei vor, daß du einen Mann mir zuzwängest, Gudrun, dessen Herz niemals an mich gedacht hat! Würden wir zusammen altern, ich würde oft Unmut von ihm zu dulden haben.«

Da flüsterte Gudrun: »Hartmuth ist nicht länger, der er war, als Gerlind ihm die Sinne verrückte. Er weiß wohl, was du für ihn getan hast in all den Tagen. Mich dünkt, er sieht dich mit ganz neuen Blicken an«!

Da stammelte die kleine Hildburg: »Ist das wahr, Gudrun? O Gott, meinst du, das könnte wahr werden?« Und zum erstenmal sprach Hildburg zu einem Menschen von ihrer großen Liebe, die Leid gewesen war, seit sie denken konnte. Gudrun ließ Herrn Hartmuth am Morgen rufen, und sie redete zu ihm ohne andern Zeugen als Frute, den weisen Ratgeber.

»Wollt Ihr mir vertrauen, Herr Hartmuth?« fragte sie und begegnete seinem Blick, der in Ernst und Ehrerbietung auf ihr ruhte.

»Immer war Euer Wort ehrlich und offen, Frau Gudrun. Nie hab ich Euch anders gefunden.«

»So sollt Ihr nun freien, Herr Hartmuth, und die zum Weibe nehmen, die ich Euch erwähle. Als Brautschatz sollt Ihr Eure Freiheit empfangen und die Krone von Normandie!«

Herr Hartmuth trat drei Schritte zurück und schüttelte das Haupt. »Frau Gudrun, ehe ich so freite, eher lasse ich Land und Leben. Meine Freunde müßten mich bitter schmähen, wollte ich so meine Burgen zurückgewinnen!«

»Hartmuth!« sprach Gudrun leise. »Gestern ward Eure Schwester Ortrun meinem jungen Bruder zuversprochen, und nun soll endlich Freundschaft zwischen uns werden. Und freiet Ihr um Hildburg, so ward niemals einem Mann ein Herz zu eigen gegeben, das ihn länger heimlich geliebt hätte.«

Herr Hartmuth sah in Gudruns Antlitz und dachte, daß ihm nie vorher solch süßer, drängender Blick geworden sei als nun, da sie ihm riet, Hildburg zu wählen. Er wandte in Schmerz das Haupt und wußte nichts zu sagen und nagte an seiner Lippe.

Und wie er das Antlitz von Gudrun wandte, da sah er jäh das Hallenfenster von Matalane vor sich, an dem eine Jungfrau gestanden war, da er einritt, um Gudrun zum ersten Male zu sehen. Und die zarte Jungfrau sah ihn an, und unbeherrschbar floß jähes Rot von ihren schwarzen Locken über das erschreckte kleine Gesicht. Er sah Hildburg heimlich seiner Wunden pflegen, er dachte daran, wie sie kniend um sein fremdes Leben gebeten hatte, und Rührung überkam ihn, wie so oft in diesen Tagen, wenn er ihrer gedachte. Und ohne die Augen vom Estrich zu heben, sprach Herr Hartmuth von Normandie: »So mag es nach Eurem Willen geschehen.«

Aber da er aufblickte, weil Gudrun mit frohem Lachen ihm ihre beiden Hände darstreckte, da schien es ihm doch wieder, als behalte der fahrende Spielmann recht, der gesungen hatte: Es sei das Gold ihrer Augen köstlicher als das von allen Kronen der Erde.

Herr Wate von Stürmen war es, der darauf bestand, es müßten die Normannen noch vor der Hochzeit Sühne erflehen und erhalten, nach altem Brauch. Und er meinte, es stünde übel um sein Volk und sei ein Zeichen von dessen nahem Untergange, wenn es der heiligen Bräuche nicht mehr achte.

So ward der Tag der Sühnenahme bestimmt, und als er kam, da reihten sich im Saal die Hegelinge und die Normannen, Frau Hildens Sitz zur Rechten wie zur Linken. Und unter Trompetenruf trat Herr Hartmuth von Normandie ein, der führte seine Schwester an der Hand, bis vor den Sitz der Königin.

Da fielen sie beide, in die Knie und sprachen zugleich und bewegten Herzens den uralten Spruch, der vergossenen Blutes Sühnung erfleht und Vergessen für vergangene Schuld.

Und die ganze Zeit standen Herr Wate und Herr Horand über ihnen mit ihren gezückten Schwertern, als warte ihrer der Tod, wenn Sühne verweigert werde. Und erst da Frau Hilde die Knienden an ihr Herz schloß, senkten die Sühnewächter die Waffen und taten, als wischten sie vergossenes Blut von ihren Klingen.

Herr Wate reichte Hartmuth seine riesige Rechte dar und sprach: »Nun, da meine Frau Euch küßte, ist dieser Arm Euer, sooft Ihr sein bedürft. Und mich dünkt, die Schläge, die er austeilt, solltet Ihr kennen.«

Mit Freuden und mit Schall ward nun die edle Ritterschaft aufgerufen und die Bräute herbeigeführt, drei an der Zahl, denn die künftige Mohrenkönigin war unter ihnen. Herwig und Gudrun aber saßen still und sahen zu, wie die andern anverlobt wurden, denn lange schon hatten sie ja Ring um Ring getauscht. Die Ritter stellten sich im Kreise um die Bräute, Speer an Speer, die lachenden Gesichter unter dräuenden Helmzieren.

Als erster brach der Mohrenheld in den Ring und holte sich mit dem Schwert die Braut, wie der Brauch es fordert. Er steckte ihr einen Reif mit schwarzem Stein an die Hand, wie man keinen noch im Lande gesehen. Und er sprach zu ihr fremde, wirre Worte. Aber siehe, sein Bräutlein schien ihn sehr wohl zu verstehen, denn sie antwortete, ob auch scheu, doch fließend in gleicher Zunge. Da wies es sich wohl, daß Frauen viel leichter neue Lehre annehmen, um der Liebe willen, als Männer, denn als es den Brautkuß galt, da stand der Mohrenheld recht unbelehrt, in dessen Land das Küssen nicht geübt wird, und die Helden lachten mit Schall, da das Mägdlein sich auf die Zehen hob und den Bräutigam von Herzen küßte.

Dann trat Hartmuth vor und teilte mit Anstand die Schilde. Er trat festen Schritts zu Hildburg, die schwankte, als fasse Schwindel sie an, und sagte ihr leise ein gutes Wort, da er den Reif Gerlinds auf ihren Finger schob.

Als letzter kam Ortwin, und dem wehrten die Hegelinge unter Gelächter am längsten die Braut. Und er ward sehr böse, Flamme strahlte aus seinem Blick, da er endlich Ortrun aus der Schildmauer riß, und er fragte, ob er nicht schon genug habe kämpfen müssen, ehe er Ortrun verdient habe.

Darauf ward die Hochzeit gefeiert und guten Recken der Ritterschlag von König Ortwin gegeben und Waffenspiele von solcher Pracht gehalten, daß die Fahrenden für lange Jahre Stoff zu neuen Liedern gewannen.

Fünf Tage dauerte das Fest in Freude.

Am sechsten Tage aber gebot Frau Hilde den Spielleuten Schweigen, und sie sagte: »Nun kommt, worauf ich lange warten mußte. Nun soll Herr Horand nach sieben Jahren zum ersten Male singen.«

Da schlichen die Fahrenden zur Seite, wie der Fuchs vor dem Löwen zur Seite schleicht. Man brachte Herrn Horand seine Harfe, und er zog langsam, mit fremden Fingern, die hirschlederne Hülle von ihr ab.

Er tat den ersten Griff in die Saiten, und durch alle ging ein Ruck. Mit geneigtem Haupte begann Horand zu spielen, als horche er, was die Saiten ihm heimlich zu klängen. Und da war es das Lied, das die Sarazenin ihn gelehrt und das er ein einziges Mal im Leben gesungen hatte, damals, da er in Frau Hildens Kammer zu Baljane in Irland saß, in einer lauen Nacht wie dieser.

»Einmal nur kommt Liebe, und wer sie nie erlebt, des Leben ist nur ein kaltes Grab gewesen.
Einmal nur kommt Liebe, und bitter ist ihre Süßigkeit, aber über alle Süße süß ist noch ihre Gallbitternis.
Einmal nur kommt Liebe, und tausend Tode sterb ich Tag um Tag. Aber ich sehe dich und neige die Stirne nach Osten. Und ich preise den großen, den einzig wahren Gott, der mich an dir sterben läßt und auferstehen und neu verbrennen!« –

Der Fürst von Mohrenland kam und bog vor Horand das Knie, klirrend in seinen goldenen Waffen. »So gebot mir meine Mutter zu knien, wenn ich je einen weißen Mann träfe, der dies Lied sänge.« Herr Horand sah ihm lange in das stolze Gesicht, dann zog er ihn ans Herz und küßte seine Stirn.

Und der Fürst von Mohrenland stand auf und ging in die Nacht, und die kleine sonnenfleckige Braut folgte ihm, gehorsam seinem Wink, wie die Frauen von Mohrenland dem Gatten folgen.

Herr Horand sang von neuem, und wie schwertropfender Waldhonig fielen die Worte von seinen Lippen. Die Weise war süß und eigen und eintönig und wild, und niemand hatte sie je gehört, und niemand, der sie hörte, konnte sie je vergessen. Da legte mancher das Antlitz in die Hände, weil alte Wunden neu zu bluten begannen, und andere wieder sahen mit starrem, hungerndem Blick in abgewandte Gesichter, und wieder andere hatten ein staunendes Lächeln, denn noch nie vorher hatten sie der gewaltigen Liebe ins Antlitz gesehen.

Und wie Herr Horand spielte, standen zugleich hier Herr Herwig auf und dort Frau Gudrun und begegneten sich mit ausgestreckten Händen und schritten Hand in Hand in die Nacht, deren Sterne vor so viel Glück zu zittern schienen in ihrer einsam kalten Höhe.

Da gingen auch Herr Ortwin und Frau Ortrun aus dem Saale und tauschten mehr der Küsse, als solcher Sterne am Himmel waren.

Und Herrn Hartmuths Haupt war tief auf die Brust gesunken. Frau Hildburg legte zart die Hand auf seinen Arm, da fuhr er auf und sah sie an und führte sie aus dem Saale. Und unter den Sternen riß er ihre zarte Gestalt an sich, wie ein Frierender des Nachts seine Decke an sich reißt.

Und das Lied wuchs und wuchs und füllte den Raum, stemmte die Hallenmauern fort, ließ den ganzen Sternenhimmel ein ...

Keiner ertrug es von den wenigen, die noch im Saale saßen. Und endlich blieb nur noch Frau Hilde neben dem Sänger.

Sie saß da und lebte nochmals rückschauend ihr Leben, und vielleicht ist nichts bitterer, als nochmals am Kreuzweg zu stehen und zu sehen, daß man den unrechten Weg gewählt hat.

Und die Nacht verging, und die Sterne vergingen.

Herr Horand sah um sich. Die Lichter warfen verzuckend riesige Schatten an die Wände. Und Herr Horand war allein mit den Schatten.

Nun ist nur mehr das große Abschiednehmen zu vermelden, das am zehnten Tage anhub, mit Liebesworten und Liebesgaben, mit Küssen und mit Tränen.

Schar um Schar sah man zu den Schiffen reiten.

Der Herr vom Mohrenland führte seine Königin heim, weit übers Meer nach Alzabé.

Herr Wate nahm Urlaub nach Stürmenland.

Herr Ortwin zog mit der schönen Ortrun nach dem Reich Ortland.

Herr Morung kehrte nach seinem Friesenreich in der weiten Ferne.

Doch als Herr Hartmuth scheiden sollte mit seiner Königin, da war es, als könne Gudrun Hildburg nicht lassen. Sie wünschte ihr Segen zu tausend Malen für tausendfache Treue und küßte das kleine braune Gesicht und sah es lange an und wußte, sie würde es schwerlich wiedersehen.

Mit Hartmuth und Hildburg aber ging Herr Horand zu Schiff, um Irold den neuen Frieden und Hartmuths Königsschaft zu bezeugen. Und als Frau Gudrun ihn zum Abschied küßte, da sah sie, wie viele graue Fäden der Herbst in seine Locken zu wirken begann, und ihr Herz tat ihr weh, und sie schlug die Arme um ihn und küßte lange den Mund, auf den des Liedes Gabe gelegt war.

Als letzte schieden Herwig und Gudrun von Matalane, da war es sehr still geworden. Da Frau Hilde so stark weinte, gelobte Herr Herwig von Herzen, alljährlich dreimal gute Boten nach Matalane zu senden, die ihr von Gudrun Kunde brächten.

Dann ritten sie den Weg hinab, der wie von Zeichen einer schwermütigen Schrift bedeckt war, von den Hufspuren so vieler scheidender Gefährten.

Und noch lange wandte Gudrun sich rückwärts im Reiten. Während Herrn Herwigs braune Hand ihres Zelters Zügel führte, winkte sie und winkte.

Ganz oben auf der Zinne sah Gudrun noch lange, wie ihr weißes Zeichen, Frau Hildens Tränentüchlein, wehten.

Hier hat Gudrun ein Ende.

*

[Illustrationen aus Urheberrechtsgründen nicht aufgenommen. Re]

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