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Alma Johanna Koenig: Gudrun - Kapitel 6
Quellenangabe
typelegend
authorAlma Johanna Koenig
titleGudrun
publisherVerlag Neues Leben Berlin
year1973
firstpub1928
illustratorElke Rössler-Bullert
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectid986a5f35
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Wie die Normannen vom Wülpensande flohen – Herr Hartmuth rettet Gudrun aus den Wellen – Wie Gudrun Frau Gerlind den Willkommenskuss weigerte – Gudrun von Hegelingeland muss um ihrer Treue willen Feuer zunden zu Karadein – Wie Hartmuth Gudrun wiederfand

*

Die Normannen segelten in wilder Hast vom Wülpensand, und ihre Späher hielten ohne Rast Ausschau, ob nicht Verfolgung schon über ihnen wäre.

Aber die Hegelinge folgten nicht, und es gab unter den Normannen Helden, die sich grollend dieser Flucht schämten wie keiner Tat vorher und die fanden, es brächte König Ludwig nicht allzuviel Ehre vom Wülpensande heim.

Die vielen Schwertwunden waren im Schiffsraum gebettet worden, wo sie das Rollen der See am mindesten verspürten. Ihr stetes Stöhnen, ihre Fieberschreie und das Weinen der Frauen waren Tag und Nacht in Klage und Widerklage laut und machten die Herzen der Männer krank und ihre Worte gallbitter.

Eines Tages sah der Späher beider Herren Burgen vor sich liegen zwischen silbriger See und blauschwarzen Wäldern. Da vergaßen die Normannen ihren Übelsinn und jauchzten von Schiff zu Schiff und kletterten im Tauwerk und deuteten nach dem Lande und stritten, ob das Weiß in der Fensterluke ein Laken sei oder eine spähende Frau.

Die wunden Gefährten schleppten sie auf ihren Rücken die enge Schiffstreppe hinauf. Und deren Angst es gewesen war, den kalten Fischen zum Fraß zu dienen, die richteten sich auf Schwert und Knie auf, um die liebe Normandie zu schauen, und lachten, als wären sie gesund.

Nur die armen Geiseln verstärkten ihre Klage, sie scharten sich um Gudrun und starrten entsetzensvoll auf die fremden Burgen, die sich am Nebelhimmel erhoben, und es schien ihnen, als sei das Schiff – wie zwischen Sonne und Schatten – geteilt, zwischen der eigenen Trauer und dem Frohsinn der Fremden.

Herr Ludwig von Normandie kam aufs Geiselschiff, um Gudrun angesichts seines lieben Landes zu grüßen. Wenn Herr Ludwig zufrieden war, dann wünschte er auch nicht Weibertränen zu begegnen.

Er schmunzelte, und seine große Hand wies nach der flachen Küste, die mit Fischerhäuschen bedeckt war, denen das Strohdach wie eine warme Mütze tief über den Ohren saß. Weite Weidestrecken zogen sich ins Land hin, auf deren smaragdnem Grün die schweren normannischen Rinder grasten, watend in dem hohen, feuchten Gras, das schwarze Fell gesprenkelt von amberfarbnen Flecken. Aber Gudrun sah nicht, welch reicher Segen auf Land und goldnen Feldern lag. Sie sah nur die beiden Burgen Kassiane und Karadein, die sich darüber erhoben, mit Schutzwällen, deren Stärke wohl schon mancher Feind in Bitternis erprobt hatte, mit schweren Türmen hüben und drüben, zwischen denen wohl der Hegelinge Macht zerrieben werden würde wie Korn zwischen mahlenden Mühlsteinen.

»Nun? Wie gefällt Euch das Land Normandie, Frau Gudrun?« fragte Herr Ludwig mit Augenzwinkern. »Nicht viele schönere gibt es auf Erden. Wollt Ihr uns gnädig sein, dann sollt Ihr Freuden und Ehren hier erleben und dem schönen Lande die rechten Erben bringen!«

Gudrun schlug die Augen auf, und nicht allzuviel Freundliches stand darin zu lesen. Sie rührte auch nicht an die dargereichte Hand, daran ihres Vaters Blut klebte. »Wie vermöchte ich Arme jemandem Gnade zu erweisen, da der Herr seine Gnade von mir genommen hat? All meine Tage sind in Leid verdorben!«

König Ludwig hielt an sich, daß sein Zorn nicht Macht gewänne. »Ist es denn wahrlich solch hartes Los, auf Kassiane zu sitzen und Herrn Hartmuths Liebe zu empfangen? Nicht für den schlechtesten Helden wird mein Sohn gehalten, Frau Gudrun von Hegelingeland!«

Da aber ward es sichtbar, daß die junge Gudrun Hagen Walants Stamm entsprossen war. Sie warf das Haupt zurück, und ihre Augen sprühten goldne Lohe. »Tot und starr will ich eher liegen, als Hartmuth zum Gatten nehmen! An seiner Wiege ward es nicht gesungen, daß sein Blut sich vermischen soll mit Lehnsherrnblut!« Da ward Ludwigs Antlitz wie sein Mantel so rot, und diese Rede war in seinen Ohren so gallbitter, daß er aller edlen Sitte vergaß, deren ein Mann nie vor Frauen vergessen sollte.

Er stieß Gudrun so hart, daß sie taumelte und ausglitt auf den feuchten Deckbalken und in die Wogen fiel.

Herr Hartmuth weilte bei seinen wunden Gefährten. Er vernahm Gudruns Schrei, und es riß ihn auf – da sah er sie versinken. Er ließ fallen, was er in Händen hielt, und sprang gewappnet in die Wellen.

Da Gudrun – emporgetaucht – zum zweitenmal versank, da faßte er in raschem Zustoß noch just das Ende ihrer Flechte und zog die Besinnungslose heran, als zöge er seltenen Fischfang ein, an goldener Angelleine.

Er erreichte eine kleine Barke, die angebunden hinter dem Schiff trieb, hob seine reglose Last in den fast kenternden Kahn, schwang sich selbst darein und begann, Gudrun die triefenden Gewänder abzutun. Er hob und senkte ihre bloßen Arme, auf deren Haut die Tropfen zitternd perlten wie Tau auf Blütenblättern, und selber schütternd vor Frost, ruhte er nicht, bis Gudrun wieder zu atmen begann. Sie kam zu sich und saß aufrecht in dem schwanken Boot in ihrem nassen Hemde und schämte sich unmaßen, denn in andrer Sitte war sie aufgewachsen. All ihre Mädchen weinten um ihre Herrin und um ihre eigene Not; denn keine war unter ihnen, die nicht Arges für sich selbst befürchtete, wo man mit ihrer Königin also verfuhr.

Hartmuth nahm Gudrun auf die Arme und brachte sie auf das Schiff zu ihren Frauen, und Hildburg legte sogleich den eigenen Mantel um sie.

Herr Hartmuth trat mit großem Zorn zu seinem Vater. »Wollt Ihr meine Braut ertränken, von der Ihr wißt, daß sie mir zehnmal teurer ist als das eigene Leben? Stünde hier ein andrer Mann als Ihr, Herr Vater, ich nähme ihm beides: Leben und Ehre!«

Herr Ludwig brummte unmutig in seinen Bart: »Ohne Schuld hab ich mein Leben gelebt und will ich's auch weiter leben bis ans Ende. Bitte du Frau Gudrun für mich, daß sie verzeihen möge, mein Sohn.« Heimlich aber meinte er, daß aller Unfriede der Welt von den Frauen käme.

Herr Hartmuth sandte einen Boten zu seiner Mutter und ließ sie bitten, Gudruns Empfang zu rüsten, denn nun käme die ins Land, nach der er Verlangen getragen, noch ehe er sie gesehen. Frau Gerlind und seine junge Schwester Ortrun, so bat er, sollten an den Strand kommen, seine Braut zu grüßen und nach Karadein zu geleiten.

Als ihr diese Botschaft ward, da schien es Frau Gerlind, als habe sie niemals liebere vernommen. »Mit großen Freuden will ich tun, was Herr Hartmuth heischt«, sagte sie in Hast. »Hettels Tochter soll mit Ehren empfangen werden. Sie soll nicht denken, daß sie zu geringen Leuten käme.«

Auch die kindjunge Ortrun war aller Freude voll und konnte es kaum erwarten, Gudrun zu sehen und zu erfahren, ob wahrlich ihr Angesicht so hold sei, wie die Fahrenden sangen.

Am dritten Morgen war der Empfang bereitet für all die Männer und Frauen.

Die Helden, die Burgwacht gehalten, geleiteten Frau Gerlind hinab und ihr edles Ingesinde. Zwischen zwei Fürsten von Normandie ritt das Kind Ortrun weit vorauf, auf ihrem kleinen irischen Zelter, in dessen Mähnenbusch Silberglöckchen eingeflochten waren. Ihre blanken Augen spähten in Neugier aus, welche von den mehr als sechzig Frauen wohl Gudrun wäre. Und sie sah ihren lieben Bruder Hartmuth eine Jungfrau an der Hand führen, die hielt ihr Haupt gesenkt, daß die nach vorn geworfenen Flechten bis an ihre Schuhe hingen. Ortrun sah, daß ihre Haare die Farbe wilden Honigs hatten; so war dies Gudrun. Die Frauen, die hinter ihr gingen, schluchzten alle ohne Maß, und jählings begriff die junge Ortrun, daß ihre liebe Heimat für jene nur unselige Fremde sei. Sie glitt von ihrem Roß herab und lief dem Zug der Geiseln entgegen. Gudrun hob langsam den Blick, sie sah Ortruns kleines, zuckendes Gesicht und lächelte. Da mußte Ortrun sie für alle Zeit lieben. Das Kind warf ihr die Arme um den Hals und küßte sie und empfand tief, wie an Gudrun alles in reinstem Ebenmaß gefügt war und nichts anders zu denken oder hinzuzuträumen blieb. Da war auch Frau Gerlind aus dem Sattel gehoben worden, und als sie König Hagens Enkelkind an ihres Sohnes Seite sah, da tat sie einen tiefen Atemzug. Sie neigte sich zum Kusse vor, aber ehe noch ihre schmalen Lippen Gudruns Wange streiften, wich jene zurück.

»Niemals, Frau Königin, werde ich Euren Kuß empfangen! Euer Rat war diese böse Heerfahrt, und Ihr seid es, die die Helden aufreizte, bis solches Elend über mich kam.«

Da zürnte Frau Gerlind heimlich, aber sie hielt an sich und tat weiterhin süß und voll Liebe.

Alle geringen Normannen aber, Mann und Weib, und alle Knechte, die Gudrun am Wege grüßten, die grüßte die Jungfrau mit Freundlichkeit, und alle meinten, nie habe man noch zu Normandie so süße Schönheit gesehen.

Die Frauen aus Hegelingen betauten den ganzen Weg zu Ludwigs Burg mit ihren Tränen. Nur eine war unter ihnen, jene Herzogin Heregart, deren Haare röter waren als der roten Eichhörnchen Fell und deren Haut weiß war wie der Eichhörnchen Brust, die tauschte Blicke mit Frau Gerlinds schönem Schenken.

Das machte die kleine Hildburg noch härter weinen, die Heregart geliebt hatte.

Gudrun stand im Hofe und sah zu, wie man das geraubte Gut aus ihres Vaters Burg herantrug und damit Tausch trieb und sich brüstete solcher Beute. Das Herz tat ihr weh, als sollte es zerbrechen.

Hartmuth sah dies wohl. Er führte sie mit Ehrfurcht in die Gemächer, die seine Mutter ihr bestimmt hatte. Da verbrachte Gudrun mit ihren Frauen die Nacht in großer Angst und Trauer.

Am Tage sprach Gerlind: »Und wann wollen wir die Hochzeit halten mit vieler Freude? Denn solch eines Gatten wie Herrn Hartmuths mag eine Braut wohl froh werden, will mich dünken!«

Das hörte Gudrun mit an und sprach sanft und traurig: »Saget mir, Frau Königin, wäret Ihr selber wohl eines Gatten froh geworden, durch den Eure Lieben vorher so viel Böses erfahren hätten?«

»Wähnt Ihr vielleicht, ich hätte mir Herrn Ludwig auserwählt? Was man nicht ändern kann, so heißt es, soll man mit gutem Willen tragen!« sprach die üble Gerlind. »Wollt Ihr Herrn Hartmuths Ehgemahl heißen, so will ich Euch meine eigne Krone mit all ihren Edelsteinen schenken!«

»Nicht Eurer Krone begehr ich, noch will ich Herrn Hartmuth als Ehgemahl erleiden! Nicht lange bleib ich zu Normandie! Tag und Nacht will ich nach der Heimat trachten!« sprach Gudrun.

Als Herr Hartmuth dies hörte, stieg ihm Schamesröte in die Wangen, und er rief unmutsvoll: »Ist mir Gudrun sowenig gewogen, Mutter, so will ich auch fürder nicht mehr um sie werben!« Als Frau Gerlind sah, daß ihrem Kinde von Gudrun Schmerz bereitet worden war, da kam Haß über sie, daß sie nur mühsam an sich hielt, nicht Gudrun anzuspringen, wie die Tigerin, deren Jungen man Leides tut. Sie ging Hartmuth nach und sprach ihm zu mit geheimer List: »Es müssen die Unbelehrbaren von denen lernen, die weiser sind. Wollet Ihr mir Gudrun überlassen, so will ich sie so erziehen, daß sie minder hochmutsvoll zu Euch redet.« Hartmuth war froh, als er dies hörte. »Tut das, Frau Mutter – aber wollet auch bedenken, wie fremd die Jungfrau hier ist, und sie recht mit Güte belehren.«

Als Herr Hartmuth auf seine Burg Kassiane gezogen war, die der seines Vaters gegenüberlag, kam die üble Gerlind sogleich zu Gudrun. Sie blieb mit gekreuzten Armen vor ihr stehen und sah sie böse an aus verengten Augen. »Willst du nicht Freude, so sollst du Leiden haben«, lachte sie. »Ich will dir jetzt dein Los bestimmen, und es ist keiner hier, der es von dir wendet. Von nun an sollst du Dienste tun als Magd, wo du nicht Königin sein wolltest. Du sollst das Holz spalten und herbeitragen und mein Feuer schüren.« Und als Gerlind dies gesagt hatte, da wartete sie gierigen Blicks, denn nun erwartete sie, Gudrun zu ihren Füßen zu sehen, um Gnade bittend und in Tränen.

Aber Gudrun war Hagen Walants Blut, sie zuckte mit keiner Wimper, da sie vernahm, daß ihr von der Lehnmannsfrau das Amt zugewiesen ward, das nur die niedrigsten Mägde versahen und die allerschlechtesten. Sie faltete ihre schmalen Hände, von deren Schönheit die Fahrenden sangen, vor der Brust, und sie lächelte in Gerlinds Gesicht.

»Alles, Frau Königin, alles will ich gerne tun, was Ihr mir gebietet, bis es Gott gefällt, meinen Jammer zu wenden. Ich will lieber Euer Feuer zünden, so wahr ich im Leben nie noch Brände schürte, als Eures Sohnes Krone tragen.«

Als Gerlind sah, daß auch dies keine Macht über Gudrun hatte, da wallte solcher Zorn in ihr auf, daß sie sie hätte töten mögen. »Deine Hoffart will ich dir noch verleiden«, zischte sie. »Jetzt sollst du erleben, was Königinnen selten widerfuhr. Von deinem Ingesinde bist du geschieden von morgen ab. Alle, die dir angehören, sollen mir dienen, wie du selber! Du dünkst dich kostbarer als alles um dich her? Ich will dich von allem Hohen scheiden, solange ich atme!«

Gerlind schlug die Gadentüre zu und ging davon, rauschend in ihren kostbaren Gewändern, und sie sprach zu sich selbst und ballte die Fäuste und murmelte abgerissene Worte vor sich hin.

»Ich will dir sagen«, sprach sie zu Hartmuth, »daß Hettels Tochter dich geringer achtet als unsre grauen Wolfshunde, denn die hat sie gestreichelt. Aber ich werde ihren Stolz noch brechen, ehe sie sich des versehen mag.«

Da faßte Hartmuth der Mutter Hand und bat: »Wie sich das Kind auch gebaren möge, seid gut zu ihr, ich bitte Euch – um meinetwillen! Ich habe ihr ja nichts als Böses getan mit aller meiner Liebe.«

Aber Frau Gerlind war übler Gewißheit voll. Seit sie Gudruns Lächeln gesehen hatte, glaubte sie nicht mehr, sie anders als Hartmuths Weib zu sehen denn durch bittern Zwang. »Harten Sinnes ist Gudrun, und nur Härte kann sie zwingen«, sprach sie.

Hartmuth gab traurig zurück: »Steht es so, so duldet es mich hier nicht länger. Ich will auf neue Heerfahrt aus, soweit mich nur die Schiffe tragen. Aber noch einmal bitt ich Euch, Frau Mutter, leistet mir getreuen Dienst und haltet Gudrun, daß sie mich nicht ganz zu ihren Feinden zählen mag, wenn ich wiederkehre!«

Da trug Frau Gerlind noch tieferen Haß zu Gudrun, die solche Liebe ungedankt ließ und Hartmuth in die Fremde jagte. Denn Herr Ludwig war nie nach Frauensinn gewesen, hingerekelt zwischen Schlaf und Jagd. Anders hätte Frau Gerlind blühen mögen, hätte einer auf Erden sie so geliebt, wie ihr Kind unbelohnt die von Hegelinge liebte.

Sie riß die Tür zum Frauenhause auf, und sie scheuchte Gudruns Frauen zur Arbeit, mit Worten, die Striemen zogen wie Birkenruten, die im Wasser gelegen sind. Da waren Töchter von Herzogen, von Königen und Grafen, die stellte sie an, Wasser zu tragen und die Fliesen zu waschen, zu spinnen oder Flachs zu hecheln den ganzen Tag, daß ihre schönen Hände rauh und rissig wurden.

Und sie schied die, die seit ersten Kindertagen Gefährtinnen waren, so, daß sie kaum mehr, durch Gänge huschend, ein Wort zu wechseln vermochten, obgleich sie in dem gleichen Frauenhause lebten.

In all der Zeit und sosehr Gerlind sie quälte, tat Gudrun alle niedre Arbeit ohne Widerwort, und niemals hatte Gerlind sie weinen gesehen. Und noch eine gab es, die nicht weinte, das war Heregart, die Herzogin. Lange Zeit schon tat sie keine Arbeit mehr. Sie saß am Tisch neben Gerlinds schönem Schenken. Und wenn Gudrun kniete und Feuer anblies, da lachte die Herzogin, daß ihr der Wein in die Kehle geriet und sie husten mußte.

Und Tag verging um Tag und hatte seine kleinliche Qual, und Nacht um Nacht verging und hatte ihre geheimen Tränen. Da waren es dreieinhalb schwere Jahre geworden.

Hartmuths Schiffe schaukelten im Hafen, sie waren übervoll mit erbeutetem Gut aus fremden Ländern. Hartmuth kam mannhafter zurück, braungebrannt von der Südsonne. Vier Augen fanden ihn schöner denn je. Frau Gerlinds Augen und die einer zarten, schwarzlockigen Magd, die, als Hartmuth jählings vor ihr stand, mit hohem Schrei geflüchtet war – Flocken grauen Hanfes hinter sich zurücklassend. Hartmuth aber hatte anderen Willkomm erträumt in all den Jahren. Er durchschritt Saal um Saal, er riß Türe um Türe auf und rief Gudruns Namen. Die alte Burg war nach Normannenart gebaut. Die Grundmauern waren wohl aus Steinblöcken erhöht wie die äußeren Ringwälle. Die Hallen aber waren aus Holz gefügt, sie hallten unter seinen einsamen Tritten, und Gudruns Name klang hohl wider aus dunklen Ecken. Er fand sie nicht in den Sälen und nicht in den reichen Gemächern, in denen er sie verlassen hatte. Immer schneller ging er, und er wagte nicht nach ihr zu fragen, denn er las böse Kunde von verwirrten Gesichtern der Begegnenden, und begann zu fürchten, sein Herzlieb sei gestorben. Da hub Hartmuth von Normandie an, langsam und leise zu gehen, und wußte in seinem Herzen, daß er drei Jahre gekämpft und gesiegt hatte, nur um heimkehrend ihrem Lächeln zu begegnen. Er durchmaß einen langen, engen Gang, der den Weg zu seiner Mutter Gemächer kürzte und den er nutzte seit Kinderzeiten. Hier war es still und dunkel, denn noch hatte man, der Kälte wegen, die Bretter nicht von den Luken genommen. Von diesem Gang aus ward das Feuer in den Kaminen drinnen angefacht, und zwischen Eichenstrünken und Wurzelstöcken kniete da eine, deren Haar so golden war wie das der Gudrun. Und da er stand und seinen Augen nicht traute, da sagte sie sanft: »Seht Ihr, Herr? So findet Ihr mich wieder.«

Herr Hartmuth riß sie von den Knien auf und stöhnte: »Weh uns allen! Was ist Euch, Frau Königin, widerfahren, seit ich aus dem Lande bin?«

»Das war Eure Mutter, die mir dies angetan hat«, sprach Gudrun. »Daß ich hier Feuer schüren muß, das ist stete Sünde für Euch, und für mich ist es stete Schande!«

Als Hartmuth ihre Stimme vernahm, da strömte es heiß durch sein Blut, und Zauber ergriff ihn wie eh und je, in ihren rußigen Gewändern schien sie ihm tödlich schön, und mächtiger als der weise Wille vor drei Jahren, sie mit zärtlichem Bedacht zu erringen, war die sengende Begier, nur einmal ihren feuchten Mund zu küssen.

»Nun bitte ich Euch, daß Ihr zur Seite tretet!« sprach Gudrun und beugte sich nach dem schweren Holzkorb. »Übel erginge es mir von Eurer Mutter Gerlind, ließe ich das Feuer erlöschen.«

Da drängte Hartmuth sie schweigend fort, und den Korb voller Scheite, den sie mit aller Kraft gehoben, trug er wie im Spiel zur Feuerstatt und leerte ihn in die Flammen.

Herr Hartmuth stürmte in der Mutter Gemach – er fand sie just in dem Raume, des Feuer Gudrun draußen nährte. Hier war es warm und hell, den Boden belegten edle Felle, eigengewebte Teppiche mit bunten Bildwerken von Jagden und Seefahrten verhängten die Wandbalken. Gerlind und die junge Ortrun, deren Jubel den Bruder grüßte, saßen auf niederen Sitzen vor dem Rahmen und legten mit geübter Nadel Goldfäden in des Herrn Bischofs neues Altargewand.

Hartmuth wies die Schwester von sich und rief außer sich vor Zorn und Ungemach: »Mutter! Mutter! Wie konntet Ihr Gudrun so kränken! Ich habe sie in Eurer Hut gelassen!«

Gerlind sprang auf, mit funkelnden Augen. »Bittest du für sie, die für sich nicht bittet? Die Wahl liegt einzig bei ihr. Steht ihr's nicht frei, die Krone der Normandie zu tragen?«

Hartmuth schritt auf und ab in der Kammer. Sein Panzerhemd klirrte, seine Sporen klangen, der Mantel wehte um ihn, noch kotbespritzt vom Ritt.

»Habt Ihr vergessen, was wir an dem Kinde taten? Mein Vater schlug ihren Vater. Ich selbst hab ihrer Freunde viel erschlagen. Nicht willig folgte sie in fremdes Land; meint Ihr, ihr Herz zu gewinnen, da Ihr Unrecht auf Unrecht häuft?«

Frau Gerlind trat nahe zu ihm und sprach hart und lauernd: »Bist du so gütig gesinnt, mein Sohn, warum sendest du sie nicht zurück nach Hegelingeland? Denn jetzt sollst du es wissen, begehrst du ihrer auch noch so sehr und knietest du auch dreißig Jahre vor ihr und ich und Herr Ludwig und alle unsre Mannen: niemals, niemals wirst du sie je im guten gewinnen.«

Da ward Hartmuth fahl wie ein Totenlaken, wie ihn Frau Gerlind nie gesehen hatte. Und da sie seine Augen sah, zwang sie sich mit List zu lächeln und fügte schnell hinzu: »Aber vielleicht täusche ich mich auch nur, und ich will es dir zuliebe noch einmal in aller Milde mit ihr versuchen!«

Hartmuth ging unruhig und in Zweifel von dannen, und er jagte lange Wochen mit seinem Vater den Bären und den wilden Wolf in den Wäldern der Normandie, und keiner wandte das Elend von Gudrun.

Gerlind aber hatte gehofft, ihr Sohn werde auf wilder Fahrt Gudrun vergessen über andrer Frauen Liebe. Und sie fluchte der blonden Magd, von der all sein Elend kam.

Sie klopfte vor ihr mit der Faust auf den Tisch und forderte, daß Hagens Enkelkind das Haar löse und damit den Staub wische von Tischen und Bänken.

»Das will ich tun!« sagte Gudrun mit ihrem Lächeln, das Gerlind giftiger war als alles Gift. »Gerne will ich's tun, für Herwig, meinen Liebsten, darf ich ihm nur Treue halten.«

Und sie löste ihre Flechten, daß sanftes Licht durch die Kammer schien, und reinigte damit die Tische und Bänke.

Als die Könige vom langen Jagen kamen, ward ein Gelage gehalten.

Da fanden die Edlen von Normandie beim Trunk, es sei übel getan, daß Hartmuth im Lande herrsche und doch noch nicht gekrönt sei. Und sie forderten ihn auf, endlich Gudrun zu freien und am Tage der Hochzeit mit Gudrun gekrönt zu werden. Da beschloß Hartmuth auszuführen, was er im stillen Wald beschlossen hatte: Er wollte ein Ende machen und bat Gudrun, ihm eine Unterredung zu gönnen.

Gudrun ließ widersagen, es zieme dem König von Normandie schlecht, sie in der Mägdekammer zu besuchen. Sie kam selbst zu ihm, wie sie war, in ihren schlechten Kleidern. Und hatte auch Hartmuth auf seiner Fahrt der lockenden Frauen viel gesehen, niemals hatte ihm so das Herz geschlagen, wie es diesmal schlug, da Gudrun auf seine Burg Kassiane kam.

Er grüßte sie und faßte ihre Hand, und die Worte stürzten, tausendmal überdacht, von seinen Lippen: »Ihr solltet endlich einwilligen, mein Weib zu sein, Frau Gudrun, und die Krone der Normandie zu tragen.«

Sprach Frau Gudrun – und er sah einen neuen Zug stolzen Hohnes um ihren weichen Mund: »Dazu fehlt mir der Mut, Herr König! Allzugut hab ich meine Schwieger kennengelernt. Sie hat mich mit Arbeit so müde gemacht, daß es mich wenig nach Küssen gelüstet.« »Ich will es Euch vergelten«, sprach Hartmuth heiß und leise. »Ich will Euch so sehr lieben, daß Ihr vergessen sollt, was gewesen ist!«

Da wich Gudrun zurück und sprach ernst: »Ich kann mein Herz Euch nun und niemals zukehren!«

Hartmuth trat ihr den Schritt nach und sprach: »Ihr wisset doch wohl, Gudrun, daß Ihr auf meiner Burg und meinem Erbe Euch befindet und alle Mannen zu mir schwören? Wißt Ihr das? – Wer käme wohl, mich nach dem Gesetzesspruch zu hängen, wenn ich Euch jetzt endlich zu meiner Kebse machte?«

Gudrun sah ihn furchtlos aus goldenen Augen an: »Wie könnte ich solche Missetat von Euch befürchten? Schande würde Euren Namen decken, erführen die anderen Könige, daß Ihr Hagen Walants Enkelkind als Kebse bei Euch hieltet!«

Hartmuth fiel ins Knie, und ihm war, als könne er nicht mehr atmen ohne Gudrun. »Was kümmern mich der Fürsten Reden, wenn Ihr mich nur lieben wollt, Gudrun!«

»Niemals wird dies geschehen! Alles Unglück dank ich Euch im Leben! War ich ein Mann, ich würde König Ludwig und Euch nach Gebühr in Waffen begegnen!« Da sprang Hartmuth auf, mit so gallbittrem Zorn, daß er nicht wußte, wie er ihr nur weh zu tun vermöchte. »Hat man bis nun Euch Böses getan, so war es nicht ich, der es gewünscht hatte. Nun aber acht ich gering, was immer Euch geschehe! Verschmäht Ihr meine Krone und mein Herz, so soll der Lohn Euch werden, den Ihr suchet!«

Da breitete Gudrun weit die Arme. »Den Lohn will ich erleiden, wie ich ihn bis nun ertrug! Seit Gott meiner vergaß, dien ich der üblen Gerlind und will ihr immer dienen!«

Hartmuth ging in rasendem Ingrimm aus dem Saal. Aber schon, da er die Türe ins Schloß warf, da hatte er alles vergessen über dem einen Augenblick, da sie vor ihm gestanden war, lachend die Arme allem Elend gebreitet, die sich niemals um ihn schlingen würden.

 

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