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Alma Johanna Koenig: Gudrun - Kapitel 5
Quellenangabe
typelegend
authorAlma Johanna Koenig
titleGudrun
publisherVerlag Neues Leben Berlin
year1973
firstpub1928
illustratorElke Rössler-Bullert
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectid986a5f35
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Der König von Mohrenland überfällt die Seelande – Wie König Hettel Herwig Waffenhilfe bot – Wie Gerlind zum Brautraub riet – Hartmuth entführt Gudrun von Hegelingeland – Wie Herr Wate von Stürmen den Pilgern ihre Schiffe nahm – Die grosse Schlacht am Wülpensande

*

Als der König von Mohrenland die Nachricht vernahm, daß Herwig mit Gudrun den Brautkuß getauscht habe, da schien es ihm, als habe die Erde nun nicht Raum mehr für ihn und den Seeländer.

Er entbot seine Mannen aus allen Reichen und fuhr nach Seeland auf hochbordigen Schiffen. Seine Mannen brachen ins Land, und Brandschatzung und Verwüstung zogen mit ihnen. Wilde Kämpfer waren sie, sie schonten nicht Weiber noch Kinder. Herwigs Heldentum half wenig gegen solche Übermacht.

Als er sah, daß es war, als wüchsen sechs Mohren aus der schwarzen Erde auf für jeden, den sie erschlugen, da sandte Herwig Boten an Hettel und trug ihnen auf, ihn an das frisch beschworene Waffenbündnis zu mahnen. Und Herr Hettel ließ den Heerbann ergehen aufs erste Botenwort und noch ehe ihn Gudrun unter Tränen gebeten hatte. Es währte nicht drei Tage, da ritt Herr Wate auf seinem Schecken in den Hof, und nicht vier, da kam Herr Horand, und nicht fünf, da kam der weise Frute. Herr Morung aber fiel den Mohren in den Rücken und löste Herwig sein Wort.

Als aber die Hegelinge in Seeland einzogen, da erhob sich ein großer Kampf, und manchen, der am Morgen noch gelacht hatte, deckte des Abends der Staub.

Sie schlossen die Mohren von ihren Schiffen ab und bedrängten sie, wie vorher jene Herrn Herwig in der Burg bedrängt hatten. Doch die Mohren waren tapfer, und kein Heer wollte dem andern den Sieg gönnen, und Herr Hettel meinte, er werde nicht von dannen ziehen, und sollte es Jahre währen.

Dies alles aber hatte Frau Gerlind zu Karadein erfahren, die all die Zeit ihres Sohnes Trauer um Gudrun mitangesehen hatte. Sie fragte ihre Boten aus und fragte wieder, und endlich lachte sie ihr übles Lachen.

»Jetzt sollst du deine Mannen entbieten, Herr Ludwig, so viele ihrer nur sind!«

Da knurrte Herr Ludwig, was dies nur wieder sei, was sie wohl da aushecke? Und wo sie den lieben Frieden zu stören vermeine?

»In Hegelingeland!« antwortete die üble Gerlind. »Weißt du nicht, daß Mann und Maus nach Seeland gezogen sind und die Weiber die Burg hüten?«

Und sosehr Herr Ludwig sich auch wehrte, sie ließ nicht ab, nach der Hornissen und bösen Weiber Art. Sie lag ihm in den Ohren Tag und Nacht, ob er denn seines einzigen Sohnes Lebensglück keines Waffenstreiches wert erachte, bis Herr Ludwig seufzend ihren Willen tat wie all die Jahre.

Gerlind aber ging von Mann zu Mann und versprach dem Streiter Silber und gutes Gold, der ihr Hettels Weigerung wolle rächen helfen.

Hartmuth war, seit ihn Gudrun verschmäht hatte, heimgekommen wie ein kranker Mann. Er war trübe und still und ohne Teilnahme an allem. Als er aber vernahm, es gelte, Gudrun wiederzusehen, da kam neues Leben in ihn, und er gab mit vollen Händen sein Gut an die, die mit ihm reiten wollten.

Frau Gerlind hatte von ihrem eigenen reichen Mahlschatz, den sie als Braut ins Land gebracht hatte, die Schiffe rüsten lassen, und sie küßte Hartmuth viele Male, da er die Fahrt antrat. –

Sie hatten guten Wind und gingen an Land, da sie ferne die weißen Türme von Matalane sahen. Herr Ludwig wollte sogleich die Burg berennen, denn er war sehr zornig, daß er zu dieser Fahrt hatte ausziehen müssen. Doch Herr Hartmuth wehrte ihm und bat, ihn noch einmal erproben zu lassen, ob Gudrun ihm nicht doch noch in Frieden folge. Und er ließ ihr sagen, er würde sich eher vor Matalane in Stücke hauen lassen, ehe er ohne sie die Heimfahrt antreten würde.

Drei große Grafen brachten diese Botschaft vor Frau Hilde und Frau Gudrun, aber auch zum dritten Male fand Hartmuths Werbung nicht besseres Gehör.

»Niemals wird das geschehen, daß ich Hartmuth zum Gemahl nehme!« sprach Gudrun. »Ich bin Herrn Herwig von Seeland anverlobt, und solange ich lebe, begehre ich keinen andern zum Manne!«

Frau Hilde ließ den hohen Boten Gaben reichen, aber sie nahmen nichts und erbaten der Frauen Urlaub, um zu den Schiffen zu reiten.

Hartmuth lief ihnen entgegen, er preßte die Lippen zusammen, da er ihre Rede vernahm. »Sagtet ihr, daß unsre Heere bereit vor Matalane stehen?« fragte er heiser.

»Das sagten wir, Herr, nach Eurem Willen. Aber da antwortete Frau Gudrun: ›Will Herr Hartmuth nicht Wein mit uns trinken, so wird man ihm Blut kredenzen!‹ Und niemals hat ein süßerer Mund herbere Sprache geredet!«

»So kenne ich keinen besseren Freund als den Mann, der mir nun raten will, den Sturm auf Matalane zu beginnen!« rief Herr Hartmuth mit flammenden Augen.

Als der Wächter die Hegelinge zu den Waffen rief, weil die normannischen Fahnen vor der Feste wehten, da hieß Frau Hilde das Tor eilig verrammeln. Die Helden jedoch, die ihrer und der Burg hüteten, dünkte es schmählich, sich zu verbergen; sie banden Hettels Zeichen an ihre Speere und wählten Ausfall und offene Schlacht.

Aber da der Zusammenprall geschah und Waffen wider Waffen klangen, da mußten sie es vor Ludwigs Macht bereuen, daß sie nicht Frau Hildes Rat befolgt hatten.

Als die Hegelinge zur Burg zurückflüchteten, folgten ihnen die Normannen unter Herrn Hartmuths Fahne auf den Fersen nach und drangen mit ihnen zugleich fechtend durch das Tor.

Hartmuth hielt mit der Linken sein Zeichen und hieb sich mit dem Schwerte den Weg durch Hof und Saal bis zum Turm. Dort oben riß er Hettels weißes Banner herab und pflanzte das seine auf an dessen Statt. – Da begannen die Frauen bitter zu wehklagen, und Frau Hilde seufzte nach Herrn Hettel und nach Wate, die zu Seeland weilten.

Die Normannen begannen nun, nach ihrer Art, zu nehmen, was sie an reichem Gut fanden, zwischen Verwundeten und Toten und Kämpfern. Hartmuth aber schaffte sich Raum unter den Hegelingen und kam in Gudruns Gemach. Seine Augen brannten im Helmschatten, sein Mund bebte, da er sprach: »Nun, Jungfrau, denkt Ihr immer noch gleich gering von Hartmuth dem Normannen?«

Gudrun aber wandte sich ab von dem Mann und sagte: »Wäre mein Herr Vater daheim und Wate und Herwig, der mein Liebster ist, niemals hättet ihr feigen Mutes gewagt, als Räuber zu kommen und als Mordbrenner!«

Da kehrte Hartmuth um und befahl bei seinem Schwert, allen Raub einzustellen und die Flammen zu löschen, die an die Burg Matalane gelegt waren.

Ludwig fürchtete der Hegelinge Wiederkehr von Seeland und sehnte sich danach, in aller Eile heimzugelangen. Er trieb die Normannen zu Schiff und riß Gudrun aus Hildens Armen. Zweiundsechzig Jungfrauen führten sie mit Gudrun an Bord, und da war niemand, der es ihnen hätte wehren können, und Frau Hilde rang in fassungslosem Weinen die Hände.

Sie sah die gelben Normannensegel aufrauschen, sah sie kleiner und kleiner werden und sah sie verschwinden, weit am blauen Horizont.

Da sandte sie einen Knaben als Boten aus, denn es waren nicht mehr viele Männer heil zu Matalane verblieben. Der ritt Tag und Nacht, bis er Herrn Hettel fand und sein Heerlager.

Horand sah als erster Frau Hildens Farben und den Boten, den das niederbrechende Roß schier begrub. Er sprang zu, wischte Staub und Schweiß von des Knaben Stirn und bot ihm den Frühwein im eigenen goldenen Mundbecher.

Da schlug der Knabe die Augen auf und sah Horands Antlitz. Er richtete sich auf, und als er die Ritterschaft um sich her sah, zum täglichen Kampf wider die Mohren schon gerüstet, da schrie er mit seiner brüchigen Knabenstimme: »Unglück, Herren! Unglück über uns, dieweil ihr hier streitet! Die Burg ist gebrochen, das Land ist verbrannt, und Frau Gudrun ist geraubt mit allen Frauen!«

Da sprach Herwig, die braunen Fäuste geballt, mit feuchten Augen: »Das hat Hartmuth getan! Wehe mir, daß ihr sie mir nicht zum Weibe gabt, als ich flehte!«

»Verschweigt die Kunde«, sprach Wate, »sonst droht uns doppeltes Unheil von dem Mohrenhelden!«

Antwortete Frute: »Nein, Freund Wate, ich selber will ihm sogleich die Kunde bringen!«

Und da die Helden staunten, sprach Frute, der weise Mann: »Frieden müssen wir schließen mit dem Mohrländer, aber nicht Frieden allein. Erfährt er auf rechte Weise Gudruns Raub, so wird er uns helfen, sie zu befreien!«

Da sahen sie, daß der Mohrenfürst schon ungeduldig herankam, mit ihnen zu kämpfen. Er ritt als erster vor seiner Schar, sein Pardelfell wehte, und das rote Tuch, das er um den goldenen Helm gewunden hatte, brannte in der Sonne wie sprühende Lohe. Sein Pferd war ganz in Gold gezäumt, es war grau wie die Wolke und jagte schneller dahin als sie.

Herr Frute ließ die Hörner blasen. Und Irold von Waleis rief über den Schild, daß es wie Stiergebrüll dröhnte: »Mohrland! Mohrland! Wollt Ihr Sühne nehmen von uns Hegelingen?«

Der König von Mohrenland stutzte und hielt sein Pferd mitten im Anritt auf, daß es stieg, und senkte seine Lanze, an der die Bänder flogen.

»Sühne will ich nur nehmen, wenn der Vertrag in Ehren geschehen mag!« sprach er bedachtsam.

Erwiderte Frute: »Nichts anderes fordern wir als Euren gerechten Beistand gegen den Mann, der heimlich Frau Gudrun raubte.«

Da ward des Mohren braunes Antlitz furchtbar verzerrt unter dem goldenen Helm, und er knirschte zwischen weißen Zähnen: »Welcher ist der Mann?« Er vernahm Hartmuths Namen und sprach ein böses Wort in einer Sprache, die keiner kannte, und bot sein Schwert und aller seiner Mannen Schwerter den Hegelingen, Hartmuth zu strafen. Denn große Not heilt kleine Kümmernis, wie die Rede geht.

So ward der Streit beigelegt und Rat gehalten, wie man wohl die Räuber erreichen möge, und Wate bot sich zum Führer an.

Hettel aber schüttelte traurig das Haupt. »Zum Landkrieg zogen wir aus, und wir haben keine andern Schiffe als die der Mohren. Wie wollen wir Ludwig fangen?«

Wate lachte, daß sein Leib schütterte: »Diesmal, Herr König, ist es Wate, der weisen Rat weiß! Eine Bucht hab ich zur Nacht gesehen, darin ankerten wohl hundert gute Kiele, die Pilgrime führen. Die frommen Männer haben's so eilig nicht ins Heilige Land, sie mögen am Strande warten, bis wir mit den Schiffen wiederkommen.«

Und sowenig dies nach Herrn Frutes Willen war, da blieb kein anderer Rat, wollte man die Normannen fangen.

Herr Wate zog mit hundert Mannen aus. Er bot den Pilgern ungeheuren Sold, aber sie wollten von den Schiffen nicht lassen. Da ward Wate zornig und hörte nicht länger, er ließ aus den Schiffen tragen, was drinnen war an Nahrung und Silber – soviel die Pilger auch wehklagten. Er löste die Anker, zog die Kreuzsegel auf und kam mit Lachen zu Hettel gefahren.

 

Es war ein öder Hafen, den man den Wülpensand hieß, da wähnte Herr Ludwig endlich ungestraft zu ruhen. Sie waren Tag und Nacht in jagender Hast gesegelt, und die Frauen waren krank vor Müdigkeit.

Die Normannen entzündeten Lagerfeuer, daran die schönen Geiseln niedersanken, um mit Weinen ihr Los zu beklagen. Nur eine unter ihnen, die schöne Herzogin Heregart, begann ihre Zöpfe neu zu flechten, die wie Kupfer im Feuerschein glänzten, und tauschte Rede mit den Normannen.

All die Zeit hatte Herr Ludwig unwirsch zur Eile getrieben, bis sie den Wülpensand erreicht hatten. Nun aber gedachte er sieben Tage seine Glieder zu strecken, denn er wußte wohl, daß Hettel weit war, bedrängt vom Feinde und ohne Schiffe. Er begann sich recht seiner Muße zu freuen zwischen der harten Schlacht und der Heimkehr zu seinem üblen Weibe.

Sie hatten aber noch keine drei Nächte am Wülpensande gelagert, da ging Herr Hartmuth am Strande hin und sah Schiffe unter dem Kreuzsegel fahren. Da dünkte es ihn sonderlich, daß die Schiffe nördlichen Kurs nahmen, und als er genauer spähte, da gewahrte er Männer an Deck, die wohl niemals das Kreuz Gottes auf ihren Kleidern getragen hatten.

Hartmuth lief, so schnell er vermochte, und schrie den müßigen Mannen von weit: »Mein Schwert, mein Schwert! Es kommen grimme Feinde!«

Da waren aber die Schiffe schon so nahe, daß die Normannen vom Lande her gar nicht die Speere werfen konnten, sondern zustoßen mußten.

Wate war der erste, der an Land sprang. Die Geschosse flogen um ihn so dicht, wie im Alpenwinter die Schneeflocken stieben. Aber bald sahen die Normannen, daß Wate nichts von seiner Kraft verloren hatte. Und es war wie ein Damm am Meer, errichtet aus Leichen der Normannen und der Hegelinge, denn am furchtbarsten tobte der Kampf am Strande. Herwigs Schiff vermochte nicht anzulegen, denn Bord an Bord drängten sich die Segler. Da sprang Herwig weit von Deck zu Deck, warf sich, gepanzert wie er war, ins Meer, halb watend, halb schwimmend zwischen treibenden Toten, von Geschoßhagel umsaust, und wenn ihm eine Welle die Lippen näßte, dann schien es ihm nicht salzig bitter, sondern süßlich vom Geschmack des Bluts.

Hartmuth schwang den Speer und wollte ihn erschlagen, aber flink wie ein Fisch war Herwig; er stieß mit den Seinen zu den Hegelingen, die Gefallenen zu ersetzen. Und es starben viele gute Männer; breite Streifen Blutes färbten wie Öl das gurgelnde Wasser, und über klirrenden Schwertern blitzten Seeschwalben hin und her, kreischend und erregt kreisend über den Klippen, die ihre Nester bargen.

Hatten die Normannen wie Räuber zu Matalane gehaust, am Wülpensande fochten sie wie Helden. Sie hielten selbst vor den Mohren stand, vor kehligen Schlachtschreien, vor den Hieben scharfer Sichelschwerter. Und wo sie die Geiseln geborgen hatten, da standen sie in zehnfachen Reihen, und wenn Herwig einen schlug, so sprangen drei andere vor, und die Hegelinge vermochten nicht zu den Frauen vorzudringen und hörten nur ihr Weinen. Und noch im Tode zogen die Normannenleichen einen immer höheren Wall um sie.

Die Hegelinge fochten vom Morgenrot bis zum heißen Mittag, sie fochten vom Mittag bis zur kühlen Nacht. Da war der feine Meersand wie Brotteig fest von vergossenem Herzblut.

Die Hegelinge kämpften, solange man noch zu sehen vermochte, ob man nicht den eigenen Bruder erschlage. Bei sinkender Dämmerung begegneten sich Hettel und Ludwig im Gewühl, und sie rangen lange gegeneinander. Immer näher erkämpfte Hettel sich den Weg zu Gudrun, und es schien, als werde er sein Kind erretten. Er sah schon ihr goldenes Haar. Da hieb Herr Ludwig ihm mit aller Kraft nach dem Haupte, und der Hieb traf.

Gudrun sah des Vaters Fall, sie schrie, sie wollte mit ihren schwachen Händen den eisernen Ring der Wächter zerteilen, sie schlug mit den Fäusten wirbelnd auf ihre Schilde und gepanzerten Rücken. Aber die Normannen hielten den Ring, selbst als Herr Wate gegen sie anstürmte.

Wate rief: »Hettels Tod! Hettels Tod!« bei jedem Streich, der einen Mann fällte, und das schien ihm der beste Totengesang. Viele Hegelinge und viele Normannen teilten die große Todesstunde mit dem König Hettel.

Endlich ward es so finster, daß sie kaum ihres Schwertes Klinge noch sahen. Da ward vom Kampf gelassen, und die Lebenden fachten Feuer an; das schien den Toten so seltsam in die gebrochenen Augen.

Ludwig kam heimlich zu seinem Sohne, der den Schlaf der Erschöpfung schlief.

»Morgen wirst du mich von Wates Hand tot sehen«, sprach der König.

»Da sei Gott vor, Herr Vater, und mein Schwert!« sagte Hartmuth.

»Nicht dein Schwert kann helfen noch das eines andern Mannes, wenn wir hier den Morgen erwarten. Denn dann wird Wate mich erschlagen.«

Sprach Herr Hartmuth: »Niemals soll man von uns Normannen sagen, wir wären zur Nacht vor den Hegelingen geflohen.«

»Und Gudrun?« fragte Herr Ludwig. »Dünkt dich auch dieser Preis so gering, daß du ihn aufs Spiel setzest?«

Da stöhnte Hartmuth auf und schlug schweigend die Hände vors Antlitz.

Ludwig aber ging und hieß die Mannen mit vielem Lärm sich bei den Feuern regen. Als aber die Hegelinge schliefen und hier und dort die Brände niedrig schwelten, da führten die Normannen heimlich die Frauen an Bord, und sie drohten ihnen, jene ins Meer hinabzustoßen, die zu schreien begänne. Als sie sich aber eingeschifft hatten, da sahen die Normannen, daß viele Schiffe leer blieben, denn es waren ihrer Gefährten unzählige, die auf dem Wülpensande ihr Ende gefunden hatten.

So fuhren sie mit den schluchzenden Frauen aufs Meer und in die Nacht hinaus, und sie waren schon weit, als der neue Morgen graute.

Als das erste Frührot schien, rang Wate sich aus dem Schlafe auf und ließ sein Heerhorn schallen. Da reckten die Hegelinge sich taumelnd empor, die Angesichter noch schwer vom Schlaf, verschwommen, mit bleiernen Lidern. Auch die Verwundeten, auch die zum Sterben müde waren. Sie griffen halb noch im Traume zu den Waffen, saßen auf erschöpfte Pferde auf und lenkten sie in Reihen; aber es war, als gäbe es kaum noch Raum zwischen all denen, die selbst Wates Horn nicht mehr zu wecken vermochte.

Wate blies, daß seine Stirnadern schwollen. Er rief den Feind zum Sturm. Aber der Feind war still, wie die Toten im Sande still lagen.

Sagte Frute: »Niemals dünkten mich ihrer Segel so wenige draußen am Meer!«

Und die Hegelinge starrten in sein Gesicht und wagten, was sie da lasen, nicht auszudenken.

Schleichende Späher fanden die Schiffe leer, die noch schaukelten. Am Ufer lagen herrenlose Waffen überall zwischen kalten Feuerstellen und den Haufen der Toten.

Die Späher kamen wilden Laufes zurückgerannt, lauthin schreiend, es sei kein Normanne mehr zu sehen. Herwig ward bis in die Lippen blaß und schlug die Hände vor die Augen.

Wate schrie: »Zu Schiff! Zu Schiff!« Klirrend sprangen die Hegelinge aus den Sätteln.

Aber Herr Horand, der Frute kannte, hob die Hand.

Denn da stand Frute und hatte ein Zweiglein des Heidekrauts abgerissen und hielt es wider den frischen Wind, der wehte. Und er sah wechselnd zum Himmel auf und aufs Meer, dessen Wellen mit weißen Schaumkämmen an die Klippen schlugen.

Sprach Frute und sah Herwig mit milden Augen an: »Bitter ist das Schicksal dessen, der weiter sieht, als andere sehen. Und ich sehe drei Dinge, um die Ihr mir nicht danken werdet, wenn ich sie sage.

Das erste ist: Sie müssen dreißig Meilen schon gesegelt sein, ehe wir nur erwachten. Denn Wind und Meer dienten ihnen wider uns.

Das zweite ist: Sie kehren in den Frieden ihres eigenen Landes heim und finden Freunde für jene, die wir erschlugen.

Das dritte ist: Nahrung mangelt uns, wie uns Waffen mangeln. Und es sind unser wenige geworden in den Schlachten zu Seeland und am gestrigen Tag. Dies ist, was ich sehe. Nun ratet selber, was ich Euch danach raten muß.«

Da faßte ihn Herwig am Arm und rüttelte ihn hart und rief: »Frute! Um Christi Leiden willen: Bedenkst du auch ganz, wozu du da raten willst?«

Frute legte beide Hände auf Herwigs Schultern und sprach traurig: »Zum Schwersten, Herwig, was einem Manne zu begegnen vermag, zum Verzicht auf der heißen Spur der Rache!«

Da ward Murmeln laut unter den Mannen, keiner sah aus, als läge noch Schlaf über ihm, ihre Schwerter flammten im kalten Morgen, und sie hielten sie abwärts gekehrt, wie es der Hegelinge Sitte war seit alten Tagen, wenn des Führers Spruch nicht ihrer Herzen Spruch war.

Und Wate schrie zornrot, gegen Frute Brust an Brust gestellt: »Soll das die große Treue sein, die wir alle unserem Herrn Hettel geschworen haben? Sollen wir unsre Nasen am Herde wärmen und Schmach ungerächt lassen, wie kein Himmel sie sah?«

Sprach Frute traurig: »Sieh nicht nur deinen Willen, Wate, sieh um dich.«

Da begann Wate die zu sehen, die hinter ihm standen. Und ob sie nun auch ihre Schwerter hoben bis zum letzten Mann, es waren doch nicht viele Klingen, die in der Sonne spiegelnde Blitze warfen. Da war kein Schild unverbeult, kein Helm unzerschroten, kein Kämpfer ohne Wunden. Wates Lippen begannen zu zittern unterm greisen Bart, da er sah, daß das Heer der toten Hegelinge, die da um Hettel geschart lagen, viele Male größer war als das derer, die lebten.

Da kniete Herr Wate nieder vor allen, er, dem selbst Herr Hettel verstattet hatte, stehend die Lehen zu empfangen. Und er sprach laut nach oben: »Ist es darum, Herr Christ, weil ich deine Diener gekränkt habe, daß du mich so strafst an meinem innersten Herzen? Herr, Herr, ich bin ein alter Mann. Schlage mich mit deinem Blitz hier auf meinen Knien, aber verlange nicht, daß ich so zu Frau Hilde heimkehre!«

Und es war ein großes Schweigen zum strahlenden Himmel. Herr Frute neigte sich und half sacht dem Freunde vom Knien auf. Herr Horand sprach mit seiner klingenden Stimme: »Ich sehe keinen Rat als Frutens Rat. Heim müssen wir, möge Gott uns verzeihen.«

Und er senkte das Schwert in die Scheide, schmerzhaft klang der klirrende Ton in der großen Stille nach.

Und schweigend taten Herr Morung und Herr Irold und Herr Herwig, wie er getan hatte.

Da neigten die Mannen ihre Häupter und suchten mit der Schwertspitze die Schwertscheide und konnten die Waffen nicht versorgen, so bebten ihnen die Hände. Und viele glitten vom treuen Roß und bargen ihr Gesicht im Mähnenhaar, damit keiner sehe, was für bittere Tränen sie weinten. Die Rosse scharrten und bogen den Hals zurück und stießen mit schnaubenden Nüstern sanft fragend des Herrn Arm.

Am Himmel stand groß die Sonne über machtlosen, trostlosen Männern und über denen, die schon Frieden gefunden hatten.

Da sprach Herwigs schwanke Stimme: »Und Gudrun?« Die Hände an den Schläfen, regte er den Kopf, als wolle er den Gedanken entgehen, die wie Wespen ihn umschwärmten. Er wandte sich und schwankte fort, stolpernd, taumelnd, wie ein Blinder. Aber einer ging ihm nach, der wußte, wie einsame Tränen brennen.

Horand sprach zu Herwig, dessen Verzweiflung alle Worte verlernt hatte bis auf Gudruns Namen. Und der Sänger deckte eigene, nie vernarbte Wunden seines Herzens auf, die er verschwiegen hatte in langen Jahren, und er tröstete: »Sieh, solches erleidet ein Mann und erträgt es doch, zu leben!«

Frute, der wußte, daß Arbeit ohne Muße der einzige Zauber wider große Trauer ist, sprach zu den Hegelingen: »Wollt ihr euren guten König und eure Gefährten alle den Füchsen und Raben lassen? Mein Rat wäre es, ihr grübet ein Grab und wölbtet ein Steinmal darüber, ihnen zum Gedächtnis.«

So wurden Hettel und alle Hegelinge mit großen Ehren begraben, und ein weit sichtbares Mal ward gehäuft zum Gedächtnis der großen Schlacht. Und als dies geschehen war, da bestatteten sie nach Frutes weisem Willen auch die Normannen.

Es kamen weiße Priester, die von der Schlacht am Wülpensand vernommen hatten, und hoben ihre Rechte und segneten die Toten und segneten die Lebenden, die auch den Feinden die letzte Ruhestätte gegönnt hatten.

Frute sprach: »Unrecht taten wir, da wir den frommen Pilgern ihre Schiffe nahmen, und alles Unrecht trägt eigene Strafe in sich. Laßt uns nun Sühne darbringen.«

So verkauften die Hegelinge Waffen und Rosse der Toten und spendeten all ihr eigenes Silber und Gold, damit die weißen Mönche eine Kirche errichten sollten, um der Seelen der dort Begrabenen willen. Der weißen Priester einer steckte sein Kreuz in den Grund und weihte die Stätte, noch ehe die Hegelinge schieden.

Langsam fuhren sie hin. Der Wind, der den Normannen gedient hatte, ließ ihre Segel matt an den Mast schlagen. Sie saßen barhäuptig an den Rudern, und keiner sprach ein Wort, solange sie das weiße Mal am Wülpensand noch in weiter Ferne sahen.

 

Rauhreif fiel, da sie an den heimatlichen Strand kamen. Keiner jauchzte, keiner hatte für die Heimat ein Lächeln.

»Nun kommt das Schwerste«, sprach Wate leise. »Und ich will es sein, der die Botschaft zu Frau Hilde trägt. So will ich sühnen, daß ich die Frommen mit dem Schwert aus ihren Schiffen getrieben habe.«

Er schüttelte eigensinnig das Haupt, da Horand sich anschickte, ihn zu geleiten, denn Herr Wate war hart gegen sich, wie er gegen andre hart war.

Sie sahen ihn den Scheckenhengst besteigen und den Speer über den Sattel legen, an dem seines Herrn Farben fehlten. Er trug das blutige Zeichen auf seinem Herzen unter dem Waffenhemd.

Er begann langsam zu reiten, Schritt vor Schritt. Die Raben stolzierten vor ihm her über dünn gefrorenes Feld und stoben nicht auf vor dem langsam fallenden Roßhuf.

Er saß gesenkten Hauptes im Sattel. Aus seinem grauen Haar waren die Borten genommen, es hing wirr und mit Weiß vermengt. Zum erstenmal dachten, die ihn scheiden sahen, daß Wate ein alter Mann sei.

Auf Matalane sahen sie, ohne seiner recht acht zu haben, den einzelnen Reiter herankommen. Niemals hatte man Wate heimkehren sehen ohne Fahnenwehen und Hörnerruf, ohne Schall und großes Gefolge.

Erst da die Hunde mit atemlosem Geblaff und Gewinsel an ihm hochstrebten und voranjagten und wiederkehrten und mit wegfeuchten Pfoten und immerfeuchten Schnauzen ihn bedrängten, da meldete ihn des Wächters Ruf.

»Ich sehe keine Mannen bei Wate, und ich höre nicht sein Horn. Sind meine armen Augen so trüb von Tränen, daß ich Hettels Zeichen nicht erkennen kann?« fragte Frau Hilde.

Da sagten auch ihre Frauen mit Zagen, sie vermöchten kein Zeichen zu erspähen.

»Dann sei Gott uns Armen gnädig!« stammelte Frau Hilde und drückte den Knaben Ortwin fester an sich.

Es begann ein Hasten zum Tor, über alle Gänge und Höfe, über alle Treppen. Verstörte Augen hingen an Wates Gesicht.

Da biß der Alte die Zähne zusammen.

»Betrügen kann ich schlecht, Frau Hilde, und kann's Euch nicht verschweigen. Es liegen die Besten erschlagen, die wir hatten. Weh mir, daß ich der Bote bin!«

Da erschraken sie alle und wagten nicht zu fragen und drückten sich an die Mauern, und niemals ward ein traurigeres Ingesinde gesehen.

»O wehe mir!« sprach die Königin Hilde in der bangen Stille. »Nun hab ich sie beide verloren, Hettel und mein Kind!«

Der schöne Knabe Ortwin flehte: »Weine nicht, Mutter, ich ziehe mit Wate aus. Wir werden Schwester Gudrun wiederbringen und Hartmuth erschlagen!« Und als das Kind gesprochen hatte, da war keiner unter den Männern, der nicht Wate bestürmt hätte, nach Normandie den Krieg zu tragen.

Herr Wate aber, der besser als sie alle die Gräber vom Wülpensande kannte, schwieg und begann Männer zu mustern und Waffen.

Da waren die riesigen Kammern leer, in denen Herr Hettel sonst seiner Mannen Wehr gehäuft hatte. Die Vorratshäuser sah er kümmerlich beschickt nach so langen Kriegsmonden. Und da er sie zählte, da standen kaum tausend Kämpfer bereit auf dem Schloßhof von Matalane. Da dachte Herr Wate daran, wie wahr Herr Frute gesprochen hatte, und das letzte Hoffen losch in seinem Herzen aus.

Er kam zu Frau Hilde in den Saal und holte tief Atem, als sie ihn ansah, als spräche er Urteil über Tod und Leben.

»Frau Hilde, es ist so gekommen, daß großes Übel uns auferlegt ist, und kein Glück hat uns gebracht, was ich Böses getan habe. Es ist geschehen, daß ich frommen Männern ihre Schiffe zur Verfolgung nahm, und keine Buße ist ihnen worden.«

Da nahm Frau Hilde das Tüchlein vom zuckenden Mund und sprach aus ihrem Jammer: »O führt doch die Schiffe hin, wo ihr die frommen Männer findet, und zahlt Buße Mann für Mann drei Mark an gutem Silber, denn der tut übel an Gott, der übel an denen tut, die ihm dienen.«

Langsam und schweigend, ohne Zuruf und Hörnerschall, ritten am nächsten Morgen die Hegelinge ein. Alle waren müde und todestraurig, und viele trugen schwere Wunden. Frau Hilde starrte mit Augen, die keine Tränen mehr hatten, auf die wehrmüden Männer.

Die Helden saßen im Saal, blaß und schattenäugig, und keiner wußte ein Wort. Sie saßen und starrten in ihre leeren Hände, um nicht in Frau Hildens Augen zu sehen. Da erhob Herr Frute sich langsam. »Keinen andern Rat gibt es, Frau Königin, als den, den Ihr zu hören fürchtet. Warten, heißt der Rat. – Die jetzt Knaben sind, müssen schwertreif werden zu Hegelingeland. – Die am Wülpensande zu Waisen wurden, müssen zu Rittern erwachsen, ehe wir an Vergeltung denken mögen.« Und er legte die Hand auf Ortwins blonden Scheitel.

Frau Hilde hob ihr Antlitz unter der Witwenhaube, und es war blaß wie Wachs. Sie sahen alle, daß seine große Schönheit in Tränen ertrunken war. »Nicht nach Vergeltung fragt mein Herz. Schlügt ihr auch alle Normannen tot, die da leben, ihr wecktet meinen Gatten nicht darum. Mein Kind ist es, an dessen Leiden ich denke. Werde ich je wieder Gudrun in meinen Armen halten?«

Sprach Herr Herwig auf seinen Knien: »Nicht alle Rächer sind Euch erstorben, Frau Königin. Möge Gott mich in letzter Stunde vergessen, wenn ich je meines Schwerteids vergesse.«

Sprach Frute: »Alt ward ich, und mir ist, als könne kein Schlaf die Müdigkeit bannen, die auf mich fiel, seit ich meinen toten Herrn in Armen hielt. Aber ich will nicht in Gottes Frieden eingehn, eh ich Gudrun Euch wiederbringe.« Und so schworen alle Helden, Mann um Mann, und der Mohrenfürst schwor auf sein krummes Schwert mit ihnen.

Als letzter kniete Herr Horand. Er sah Frau Hilde an mit dem schmerzvollen Lächeln derer, die Einsamkeit kennen.

»Einen Trost gewann ich im Leben, und den will ich auf dies Schwert verschwören. Ich will kein Lied mehr singen, ehe ich Euch Frau Gudrun küssen sehe.«

Am andern Morgen begehrten die Helden still den Urlaub, und Frau Hilde entließ sie nach ihren Reichen.

Die Rosse wurden aus den Ställen geführt, die Hunde schnappten und bellten nach den Hufen, die Knechte liefen und riefen. Und dann saßen die Freunde auf, und ein bitteres Scheiden begann.

Die Recken, die den gewundenen Weg abwärts ritten, sahen noch lange Frau Hildens schwarzen Schleier wehen, als strichen Raben flatternd um den weißen Turm von Matalane.

 

*

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