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Alma Johanna Koenig: Gudrun - Kapitel 4
Quellenangabe
typelegend
authorAlma Johanna Koenig
titleGudrun
publisherVerlag Neues Leben Berlin
year1973
firstpub1928
illustratorElke Rössler-Bullert
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectid986a5f35
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Gudrun von Hegelingeland und ihre drei Freier – Wie Hartmuth von Normandie als sein eigener Werber kam – Wie Herwig von Seelanden mit Lachen die Braut errang

*

König Hettel herrschte in Frieden und großen Ehren und liebte seine Königin. Die kleine Gudrun lief schon mit hellem Lachen durchs Haus, als Königin Hilde noch einen Sohn und Erben gewann, den sie Ortwin nannten.

Sein Vater schenkte ihm das große Reich Ortland in die Wiege, und als der Knabe kaum der Frauenpflege entwachsen war, da hob Herr Wate ihn vor sich auf den Schecken und legte die winzigen Finger um den Schwertgriff zurecht. So begann Wate sein zu hüten, wie ein rechter Waffenmeister soll. Gudrun aber wuchs mit den Tagen und ward schöner mit jedem Tag, so kindjung sie auch war. Herr Horand nahm sie nach Dänemark zu Gast und lehrte sie viel Wissen, den Mägdlein sonst ungewohnt, Harfenspiel und edle Wissenschaft von Dingen und Völkern. – Und er sah, daß seine Wünsche über alle Maßen sich zu erfüllen begannen an Gudrun.

Ihr Haar war golden und hing lang in zwei breiten Flechten, in denen der Schein der Borten verging. Ihre Augen waren golden wie die jungen Seeadler, und ihr Hals war wie Kirschblust im Frühjahr.

Wo sie ging, entfiel den Männern polternd, was sie in Händen hielten, und sie bückten sich flammendrot und starrten ihr nach mit einem ungläubigen Lächeln. Die Frauen seufzten und suchten verwirrten Blickes zu ergründen, was wohl so anders sei an diesem Antlitz, das auch nur Augen, Nase und Mund zeigte wie das ihre.

Zu jener Zeit kam der Herr von Mohrenland auf weiter Fahrt nach Matalane und war nicht schwarz, wie sonst Mohren sind, sondern seine Haut war braun wie das Fell von Waldtieren, und er war recht wie ein Mann geschaffen. Als er mit seinen Mannen zu König Hettel kam, da ward ein Waffenspiel angesagt. Gudrun, das Kind, aber bat ihre Frau Mutter so sehr, daß Frau Hilde erlaubte, sie zu begleiten, und so sah Gudrun zum erstenmal die Ritterspiele und sah mit Staunen die fremden Reiter auf herrlichen Pferden, mit den Pardelfellen an Sattels Statt und den großen Goldscheiben in den Ohrläppchen.

Als aber der Fürst von Mohrenland ihr helles Lachen hörte, da sah er auf, und seine Schwerthand sank. Niemals noch, schien es ihm, habe er solch goldenes Wunder gesehen wie Gudrun. Und noch an diesem Abend warb er bei König Hettel. Der aber war, wie viele Väter sind. Er konnte nicht begreifen, daß die zum Weibe erwachsen sein sollte, deren erstes Lallen er noch im Ohre hatte, und er lachte dem Werber schallend ins Gesicht wie zu einem Scherz. Da schlug Zornesröte über die braunen Wangen, und der Fürst von Mohrenland stieß sein Dolchmesser vor Hettel in den Tisch, daß die arabische Klinge zitternd haftete.

Und am gleichen Abend noch ritt der Fürst mit seinen Mannen von Matalane und schwor, es werde Hettel sein Lachen teuer zu stehen kommen.

 

Zu jener Zeit lebte in der Normandie ein großer König, der Ludwig hieß. Sein einziger Sohn und Erbe war Hartmuth, der wohlgetan an Antlitz war und in den Geboten der Ritterschaft wohl erfahren. Aber seiner Mutter, Frau Gerlind, waren drei Söhne gestorben, ehe sie ihn gebar, und so hatte sie an Hartmuth mit allzu großer Angst gehangen. Das hatte ihn weich gemacht und schwächer gegen der Mutter Willen, als es gut war. Und auch noch als seine Schwester Ortrun geboren ward, hing Frau Gerlind nur Hartmuth an in übergewaltiger Liebe.

Frauenzungen sind schneller als Vogelflug, und es währte nicht lange, da wußte Frau Gerlind von des Mohrenfürsten Liebe zur goldäugigen Gudrun und von Hettels Lachen. In ihr begann ein Plan zu keimen und Triebe zu schießen und mit tausend eigensinnigen Wurzeln sich in ihr Herz zu graben. Sie sah heimlich ihren Sohn an und fand, keiner sei schöner und edler als er, und je länger sie ihn ansah, desto sicherer wußte sie, keine andre Jungfrau sei seiner wert als Gudrun, das Kind von Hegelingen.

Und sie begann König Ludwig in den Ohren zu liegen früh und spät und begann Hartmuth in Gudruns goldenes Haar zu verspinnen, daß ihm schien, als liebe er sie, und hatte sie nie gesehen.

Da ließ Gerlind den Kaplan den Werbebrief schreiben, und Gerlind kleidete die Boten, häufte die Brautgaben aus eigenem Schatz und hieß die Werber nach Hegelingeland aufbrechen.

Herr Ludwig war böse: »Ist Euch bekannt, Frau Gerlind, wie Gudruns Mutter aus Irland kam? Übermütig sind die Hegelinge! Ich wette, daß es uns ergeht wie dem Mohren!«

Da sprach Hartmuth: »Ich wollte, Frau Mutter, ich könnte ein starkes Heer nach Hegelingen führen. Mit dem Schwerte in der Faust wollt ich um Gudrun werben! Und nicht ablassen, ehe ich sie gewönne!«

Die Boten zogen aus und hatten üble Reise, ehe sie nach Hegelingeland kamen. Wohl hundert Tage fuhren sie, da wurden sie nach Dänemarks Küste verschlagen. Herr Horand hielt prächtig Hof zu Dänenland, aber er hatte kein Weib genommen und freite nicht, solange er lebte. Zweimal im Jahre, zur Zeit von des Herrn Urständ und des Herrn Geburt, ritten Wate und Frute, Horand und Morung, der Frau Hildburg gefreit hatte, nach Matalane, und dann sang Herr Horand neue Lieder vor Frau Hilde und der jungen Gudrun.

Doch als er nun Herrn Hartmuths Boten gespeist und geherbergt hatte, da führte er sie selber nach Matalane, mitten im Jahr, obgleich es nicht Christtag noch Osterfest war.

Herr Hettel grüßte die Gäste gütig, wie es seine Art war, aber als er hörte, daß sie zu werben kämen, verfinsterte sich seine Stirne. Er ließ seinen Mönch kommen, der zu lesen verstand, und als er das Schreiben zu Ende vernommen hatte, da sprach Hettel: »Hätte euch nicht Herr Horand zu mir geleitet, wahrlich, ich würde euch übel von dannen weisen, ihr Herren. Allzu jung ist meine Tochter Gudrun, das mögt ihr eurem König melden.«

Da aber sprach Frau Hilde, Hagen Walants Kind: »Ist Hartmuths Sinn verwirrt, daß er daran zu denken vermag, er könnte sie zum Weibe gewinnen? Mein Vater, Herr Hagen von Irland, hat seinen Vater, Herrn Ludwig von Normandie, mit hundertdrei Burgen belehnt zu Karadein! Seit wann ist dies erhört, daß Lehnsherrnblut und Lehnsmannsblut sich mischen?«

Da neigten sich die Boten und ritten von dannen und trugen in kurzer Zeit die üble Botschaft nach Normandie.

Herr Ludwig begann zu schelten:

»So wird es, wenn es nach Frauenrat ergeht! Du bist es, die uns diese Schande gebracht hat! Hab ich nicht abgeraten von Anfang an?«

Und Frau Gerlind weinte bittre Tränen. »Mein Sohn! Wie gerne hätte ich Gudrun als deine Königin gesehen!«

Der junge Hartmuth aber faßte den Boten, einen edlen Grafen, am Arme und fragte ihn leise: »Könnt Ihr mir sagen, Graf, ob Ihr Hettels Tochter gesehen habt?«

»Ich sah sie wohl, denn sie kam herab, Herrn Horand zu grüßen. Ihr Haar ist Gold, ihre Augen sind Gold, und wenn sie lacht, dann wird ein Grübchen in ihrer Wange, als habe ein Kinderfinger es eben eingedrückt. Und die sie kennen, sagen, ihr Herz sei lauter wie klares Gewässer.«

Sprach Herr Hartmuth: »Dann will ich selber ausziehen, sie zu gewinnen.«

Herr Hartmuth brach auf und wählte die besten Mannen sich zu Gefährten. Er kam unerkannt nach Matalane, und unerkannt siegte er dreimal im Waffenspiel. Nie hatte Hartmuth bessere Waffentaten getan, als da ihm Gudrun zusah. Er begegnete der Jungfrau so manchesmal, wenn sie mit ihrem Ingesind vorüberging, und sie dankte ihm freundlich, da er grüßte, nicht anders, als wäre ein Bittender dort gestanden. Ihm aber war es, als versenge ihn ihr Blick, und er sah nur Gudrun und ersehnte nur Gudrun, und so sah er nicht, daß eine andre Jungfrau sich heimlich nach ihm wandte, wie es wohl oft ergeht im Leben. Dies aber war die junge Hildburg, Herrn Morung von Friesenlands Tochter und der Hildburg von Portugal.

Eines Abends sandte Hartmuth einen seiner Knaben zu Gudrun mit heimlicher Botschaft. Daß er Hartmuth von der Normandie sei, ließ er ihr künden, und daß es ihm unwert scheine, ohne sie zu leben, seit er sie gesehen. Und er gemahnte sie daran, daß seine Werbung geschehen sei nach aller Sitte. Gudrun hörte mit staunenden Augen den Knaben an. So sonderlich dünkte es die Jungfrau, daß ein fremder Mann von weither kam und eilends daran dachte, sie von Vater und Mutter fortzuführen, daß helles Lachen sie überkam. Und so sehr lachte sie, daß sie gar nicht merkte, wie ihre Freundin Hildburg, an die sie vor Lachen sich lehnte, keineswegs einstimmte wie sonst. Gudrun sandte den Knaben zurück zu seinem Herrn und hieß ihn melden, niemals in ihrem Leben gedenke sie zu ehelichen, sie wolle bei ihren guten Eltern bleiben. Und Herr Hartmuth möge eilends in sein Land Normandie zurückkehren, ehe Hettel, ihr Vater, ihn erkenne, denn er sei recht böse über seine Boten gewesen.

Und so ritt Herr Hartmuth unerkannt und traurig heim.

 

Es währte aber nicht allzu lange, da kam ein neuer Gast nach Matalane, seine junge Kraft im Kampf spiel zu erweisen. Das war Herr Herwig von Seelanden. Seeland war Ortland angegrenzt, wo Irold bis zum Tage von des jungen Ortwins Schwertnahme die Herrschaft führte. Ein kleines Reich war Seeland, ob auch lehnsfrei. Herr Herwig hatte bis zu diesem Tage mehr den Waffen denn den Frauen nachgefragt, und Wate hatte heute dreimal genickt zu seinen harten Schlägen. Als das Turnier nun abgeblasen ward mit Trompetenschallen, da war Herwig heiß und durstig, er warf sein Panzerhemd in den Schild und begann die Schwärze des Eisens von seinem Antlitz zu waschen. Dann lief er in Sätzen die Treppe hinauf; doch wich er vor einem Zug junger Mägdlein zu Seite und neigte sich, wie die Sitte ihn hieß.

Die Jungfrau, die vorauf schritt, aber hob den Blick zu ihm, und ihr Auge war golden wie das der jungen Seeadler, die er an Seelands steiler Küste aus dem Neste geraubt hatte. Und ihm war, als sei ein Glanz wie von holdem Staunen darin.

Da begann Herwig sie anzulachen mit weißen Zähnen, so frei und fröhlich war ihm zumute, und die Jungfrau sah ihn an und lachte wieder, und wie Rosenblätter, die sich vom Kelch zurückwölben, waren ihre Lippen. Und hätte eine der andern nicht – eine kleine mit schwarzkrausem Haar – sie hinweggezogen, die Goldäugige wäre wohl länger stillgestanden, und vielleicht hätte Herwig die Hände nach ihr ausgestreckt wie nach den jungen Seeadlern, deren scharfe Schnäbel bitter schmerzen.

Am gleichen Abend noch erfuhr Herr Herwig, daß die Jungfrau Gudrun sei von Hegelingeland, und er sandte, kaum heimgekehrt, Werber aus, sie zu freien. Die Gaben aber, die seine Boten brachten, waren die geringsten von allen.

König Herwig ward – wie den andern Werbern auch – der Bescheid von Gudruns allzu großer Jugend. Herwig aber lachte nur, da er dies hörte.

Er sammelte, was er an Streitkräften besaß, und schnallte den Helm über die falben Locken. Er selbst trug sein Banner voran. Und so jäh war sein Einfall, daß Herr Irold sich seiner viel zu spät versah. Nach langen Friedensjahren waren Herrn Irolds Mannen träge geworden, zu lange währte es, ehe sie auf die Pferde kamen, und Herr Herwig war über ihnen, ehe sie es gedachten.

Nach schnellem Sieg hielt er auf Matalane zu, Tag und Nacht, und die Seeländer sangen zum Hufschlag der Rosse.

Sie stürmten die Burg, sie berannten das Tor, Herwig ritt vor allen.

Der Helm war ihm vom Haupte gefallen, sein Haar – just so falb wie seines Rosses Mähne – wehte.

Gudrun sah vom Fenster herab, und jählings schien ihr, als läge um seine Stirn dies Haar wie Schein der lieben Engel. Im Anprall trafen sich die Feinde, und sie hörte das Splittern der Speere. Nie sonst hatte Hagen Walants Enkelkind beim Waffenkampf gebebt, aber jetzt schien es ihr, als müsse sie dies helmlose Haupt decken mit eigenen Händen. Ihre Knie schwankten, sie hielt sie krampfhaft an Hildburg, der sie wehe tat, und wußte es nicht.

»Und scheint er dir denn wahrlich liebenswerter als Hartmuth?« fragte Hildburg mit Staunen.

Aber Gudrun raunte nur, blaß: »Sie sollen ihn nicht töten!«

Sie lief hinab, sie warf sich an des Vaters gewappnete Brust, da Herr Hettel sich eben anschickte, seine Mannen aus dem Tore zu führen. Sie bat ihn mit Beben, den Waffen Einhalt zu tun, von denen man nicht wisse, wem sie nun und nun den Tod brächten.

Herr Hettel sah sein Kind glühen und zittern. Da sah er wohl zum erstenmal, daß sie erblüht war und bot Herrn Herwig Frieden.

»Nicht eher will ich an Frieden glauben«, sprach Herr Herwig, »ehe ich ungewaffnet vor den Frauen stehen darf.«

Da schüttelten Hegelinge und Seeländer die Panzerhemden ab. Hettel geleitete Herwig selbst zu den Frauen. Als Gudrun den Herrn von Seeland in den Saal treten sah, da ward ihr Antlitz ansteigend rot, als gösse man Purpurwein in einen Kelch von milchigem Onyx. Die Königin Hilde bot Herrn Herwig den Sitz und grüßte ihn mit wach spähendem Blick, der immer freundlicher ward im Schauen.

Da sprach Herwig fest: »Arm ist mein Brautschatz, aber er wiegt schwerer, wenn ich mein Schwert dazuwerfe. Nicht immer sind die reichsten Werber die, bei denen Frauen ihr größtes Glück finden!«

Er sah die Königinnen an, und seine Augen waren blau wie offene Flamme. Da sagte Gudrun sehr leise: »Herr Ritter, welche edle Jungfrau wäre so geartet, daß sie guten Ritterdienst vergälte mit üblem Haß? Sprechet, und ich will Euch wohlgeneigt hören.«

Da dachte die kleine Hildburg des armen Herrn von Normandie, dem wohl um guten Ritterdienst war mit Haß vergolten worden, und sie verstand wenig von des Herzens dunklen Wegen.

Herwig aber stand von seinem Sitze auf und trat zu Gudrun. Sie tauschten Blick um Blick, und wieder war ihnen beiden, als müßten sie lachen vor staunender Glückseligkeit. Herwigs braune Hand fing Gudruns schmale Hände, da versank die Welt ringsum.

Sprach Herr Hettel, und seine Stimme bebte: »So willst du Herwig von Seelanden zu deinem Gemahl nehmen, Gudrun?«

Sie senkte die Stirne und sprach: »Herr Vater – keinen andern!«

So ward Gudrun Herwig anverlobt mit Ring und Spruch. Doch Herr Hettel bestimmte die Hochzeit erst für Jahresfrist. Daraus entstand viel Ungemach und bittres Weh, wie noch zu erzählen sein wird.

 

*

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