Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Alma Johanna Koenig: Gudrun - Kapitel 2
Quellenangabe
typelegend
authorAlma Johanna Koenig
titleGudrun
publisherVerlag Neues Leben Berlin
year1973
firstpub1928
illustratorElke Rössler-Bullert
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20130731
projectid986a5f35
Schließen

Navigation:

Hagen Walant – Wie Horand das Spielmannslied von Schön-Hilde sang – König Hettels Brautwerber – Wie Herr Wate die drei Irenschläge lernte

*

Im Irenlande lebte vor langer Zeit ein König von wilder Sinnesart, Hagen mit Namen. Er lachte nur dazu, wenn man ihn »Walant« nannte, den Teufel unter den Königen. Er war stärker als andere Männer und von so hohem Wuchs, daß sein dunkler Scheitel sich über die lichten Häupter seiner Mannen erhob wie ein Dornbusch über Weizenfelder.

Die fahrenden Spielleute sangen, Hagen Walants Wildheit stamme daher, daß er als Knabe von dem Vogel Greif geraubt worden sei und sich auf einer wüsten Insel seines jungen Lebens bitter habe wehren müssen. Und auch davon sangen die Fahrenden, daß er von der Greifeninsel seine schöne Königin heimgebracht habe. Nun aber waren das alte Mären, denn die Königin von Irenland führte Hagens Tochter an der Hand, die schöner war, als sie selbst es jemals gewesen. Es lag wie Zauber auf Jungfrau Hildens Gesicht, und mancher edle König, der sie gesehen, hatte seine Brautwerber nach ihr gesandt. Aber die mit Prunk und Trompetenschmettern in den Schloßhof von Baijane geritten waren, die fanden in hänfenen Schlingen ein übles Ende.

Zwanzig Boten und mehr ließ Hagen Walant so hängen, sandte den Strick ihren Herren und ließ ihnen melden: Er gebe sein Kind keinem, der nicht ein größerer König sei als er selber.

Indessen flog – wie die Schwalbe im Frühjahr fliegt – das Lied über die Lande von der schönen Jungfrau Hilde, die in ihres Vaters arger Hut saß, nicht anders, als ihre Mutter vom Greifen gehütet worden war. Das Lied kam bis ins ferne Dänenland, wo Herr Horand lebte, der dem König Hettel von Hegelingen lehenspflichtig war. Horand war jung und wohlgetan und erfahren in den Waffentaten edler Ritterschaft. Als Sänger aber hatte er nicht seinesgleichen in allen Landen.

Als er das Lied von Schön-Hilde vernahm, da verließ ihn die süße und schlichte Weise nicht wieder.

Er begann hinzuträumen und dem Ton Klang zu verleihen und dem Worte heißere Gewalt, und er sang das umgeschaffene Lied des Nachts auf seiner einsamen Feste am Meer, daß die lauschenden Fischer ihre schweren Netze einzuziehen vergaßen und die gefangenen Fische entwichen.

Es kam aber so, daß König Hettel alle seine Mannen zu einem Feste entbot, und nie hatte ein König herrlichere Diener.

Von all den großen Fürsten, die Hettel lud, war der gepriesenste Herr Wate von Stürmen. Die Märe ging, er stamme aus der Riesen Geschlecht. Sein Bart hing ihm bis an den Gürtel, und sein wildes Haar floß weit die Schultern herab. Gütig schien er und großmütig, und er lachte, daß es dröhnte. Kam aber der Kampfrausch über ihn, dann schonte er nicht, was er traf, und vertilgte auch in der Wiege das Kind, ehe es ihm zum Rächer erwachsen sollte.

Als alle Geladenen mit Freuden getafelt hatten, da bat König Hettel Herrn Horand, seinen Freund, ihnen eine seiner Weisen zu singen. Als Horand aber die Harfe zur Hand nahm, da war es, als sei in seinem Gedächtnis nichts mehr von den herrlichen Liedern zurückgeblieben, die ihn über alle Lande berühmt gemacht hatten.

Er wußte, sosehr er sich besann, nur mehr das Spielmannslied von Schön-Hilde, und er sang es zum erstenmal laut im Saal und legte all seines Gesanges Süße in die Strophen. Da er geendet hatte, blieb lange alles still.

Dann sprach König Hettel in tiefem Sinnen: »Der Mann wäre wohl selig bis ans Ende, der solche Magd zum Weibe nähme. Wer ist sie, deren Lied du singst, Horand?« Der Sänger entgegnete mit schwerer Zunge, als stünde er unter Zauberzwang: »Das ist Hilde, Hagen von Irlands Kind!«

Da ließ Hettel seine Rechte fallen. »So ist zu Ende, was noch nicht begann!« sprach er, und Horand schöpfte neuen Atem.

Sprach Herr Frute von Dänemark, König Hettels weiser Ratgeber, dessen blauen Augen mehr zu sehen vergönnt war als denen anderer Männer: »Viel hab ich von Hilde, der Irin, vernommen und lange schon erwogen, daß es keine bessere Königin für uns Hegelinge gäbe. Ich meine, Ihr solltet Werber aussenden, Herr Hettel!«

Der edle König erwiderte mit Unwillen: »Mir ward Bescheid, daß jeder Mann Hagen Walant verhaßt sei, der um sein Kind würbe! Mancher gute Bote ist darum gestorben. Soll ich meine treuen Mannen henken lassen von Herrn Hagen?«

»So sendet Wate aus, Herr Hettel!« sprach Frute. »Keinen bessern Boten könnt Ihr finden!«

Herr Wate sprang auf, daß der Schenktisch schwankte, und er schrie: »Wahrlich, dem ist mein Tod nicht leid, der zu dieser Fahrt rät! – Hagen Walant hab ich in jungen Jahren gesehen, damals, da er allein den Greifen erschlug! Nie wieder sah ich solchen Mann, und nur ungern verwett ich mein Haupt gegen seines! Aber ist Frau Hilde so schön, wie Horand singt, und soll sie Herrn Hettels Weib werden, wie Frute rät, so will ich den Werbebrief tragen. Wer aber meiner Ruhe nachstellt, der soll gleiche Mühsal dulden: Es sollen Horand und Frute mit mir fahren, das ist mein Begehr!« Hettel sah in seines Freundes Horand vertrautes Gesicht, und zu ihm geneigt, sprach er leise: »Schnell, sing uns ein anderes Lied, Horand, damit wir alle vergessen, von Hilde zu reden.«

Horand antwortete, ohne den König anzusehen: »Ich weiß einen Mann, dem rettete sein König das Leben in einer Sarazenenschlacht und lag danach selbst todwunde durch viele Tage. Und der Gerettete schwor auf seines Herrn Wunde, es sei fortan Hettels Wunsch ihm mehr als eigener Wille und Hettels Leben mehr als eigener Tod. Horand, mein ich, hieß der Mann.« Der Sänger hob frei den Blick und sprach laut zu Ende: »Darum war meine Botenfahrt beschlossen nach deinem ersten Blick und Wort, und noch bevor Frute sie geraten hatte.«

Als der junge Herr Morung dies hörte, der Herr von Friesenland, da lachte er fröhlich. »Fahren Wate und Frute und Horand nach Irenland, so will auch ich um meinen Hals nicht bangen!«

Es begann ein großes Hin- und Widerrufen, und der Helden wollte keiner zurückbleiben. Sie beredeten, wie sie guter Männer Blut an Hagen rächen wollten und es ihm weisen, daß Hegelingenkraft über Irenkraft gehe. In das große Lärmen aber sprach Frute zu Herrn Hettel, dessen Antlitz voller Sorge war: »Nötig ist es, dem Lande einen Erben zu geben, und keine Braut kenn ich, die edleren Blutes wäre, Herr Hettel. Aber ich weiß einen Rat, wollt Ihr den hören, dann mag Wate sein ungefüges Haupt behalten wie alle andern ... Lasset Schiffe aus Zypressenholz erbauen mit silberbeschlagenen Masten und seidenen Segeln, stark genug, tausend gewappnete Männer im Kiel zu bergen. Und lasset Geschmeide an Bord bringen, edle Waffen und kostbaren Weiberkram; mein Neffe Horand soll unser Meister sein und mit uns friedlichen Kaufleuten fahren!«

Horand tat einen tiefen Atemzug, und dann sprach er sehr laut und mit Lachen: »Soll ich weite Fahrt scheuen, wenn es schöne Jungfrauen zu sehen gilt? Ich fahre!«

Da lachten alle mit ihm, und lang erwogen sie Frutens gute List, mit der er nur wenige, erprobte Helden an Deck zu zeigen beschloß, um die andern alle im Schiffsraum zu verbergen.

Bloß Wate zögerte: »Ich kann schlecht den Kaufmann spielen. Mein ganzes Leben lang ward meine Gabe ohne Gegenwert getauscht mit meinen Heergenossen. Schläge allein sind die Ware, die ich zu Irland feilhalten möchte!« Hettel beriet noch lange mit Frute, und es ward der Plan bis ins kleinste in jener Nacht beschlossen. Sie setzten die Zeit der Fahrt für den Beginn des Maien fest, um bis dahin Schiffe und Zehrung, Waffen und Kaufkram nach Gebühr zu bereiten.

Herr Hettel entließ die Fürsten bald mit großer Gnade nach ihren Ländern und bat sie, nicht um Roß noch Gewand zu sorgen. Er wolle ihre Mannen so wohl ausrüsten, daß sie alle vor schönen Frauen zu bestehen vermöchten.

Als der Mai nun über Land ging, begann ein großes Reiten auf frühlingsfeuchten Wegen nach Hettels Hof.

Obgleich König Hettel reiche Rüstung ihnen allen versprochen hatte, setzte doch jeder der Fürsten seine Ehre daran, die eigenen Mannen, so wie sich selber, mit Pracht zu waffnen und zu kleiden.

Als sie die Rosse und Schilder aufs Schiff brachten, da sahen sie erst, wie diese mit Reichtum beladen waren. Die Hegelinge schifften sich ein, und jene, die sich im Kielraum verbergen sollten, schwuren Mann um Mann in Frutes Hand den Eid, daß nicht Vorwitz noch Neugier, noch Ungehorsam, noch eigenes Unbehagen sie verlocken sollten, aus dem Schiffsraum aufzusteigen, ehe er sie riefe.

Hettel selbst ritt zum Strande hinab. Sein Antlitz war bleich und voll Sorge. Als er Horand zum Abschied umfing und ihm Gott zum Geleite wünschte, da raunte er ihm heimlich ins Ohr: »Bange ist mir ums Herz, und ich wollte fast, du hättest mir nie das Lied von Schön-Hilde gesungen!«

Die Hegelinge zogen die Segel auf, und der Wind blies von Norden, wie es erwünscht war. Sechsundzwanzig Tage sahen sie über sich nur den Himmel, blau wie ein Feld von blühendem Lein, und unter sich das stetig blaue Meer.

Und alle Nächte saß Horand am Bug, die Beine über den Schiffsbord hängend, und sang zu den glitzernden Sternen auf. Und ein Knecht, der ihn hörte, schwor bis an seine alten Tage, Nacht um Nacht seien die Meerminnen aufgetaucht, fischschwänzig in dem grüngläsernen Gewässer.

Am siebenundzwanzigsten Morgen sahen sie vor sich die Küste von Irenland, und Frute war es, der das Steuer in die Hand nahm und vor den Klippen warnte. Denn je weiter sie kamen, desto zerklüfteter war das Gestade, weit vorgelagert drohte flutzerfressenes Gestein, rot, wie nie geschaut, verwaschen von unablässig anstürmendem Meer, manchmal wie Torbogen zu unsichtbarer Feenburg gewölbt, manchmal seltsam geformt wie versteinte Wächter von übermenschlichen Maßen.

»Ungute Zeichen sind es, die uns da grüßen!« sprach Herr Irold von Waleis, der Junge, und fuhr sich durchs braune Haar. »Diese Klippen sind rot, wie nur vergossenes Männerblut rot ist!«

Aber Horand lachte: »Willst du ein schlimmerer Zeichendeuter sein als ich? Dies ist roter Widerschein der Hochzeitsfeuer, die wir zünden werden!«

Sie kamen nur langsam vorwärts, zu jeder Stunde gefaßt, feindlichem Überfall zu begegnen. Aber sie trafen niemand als die Möwen und Meerschwalben, die im Sturzflug die Luft durchkreuzten. Nur wenn die Küste sanfter zum Meere abfiel, gewahrten sie riesige Herden von wolkenweißen Schafen. Und alte Hirten, in den gleichen Pelz gekleidet wie jene, spähten unter der dürren Hand mißtrauisch nach den gleitenden fremden Schiffen. Bei Einbruch der Dunkelheit befahl Frute, die Küste zu verlassen und auf freiem Meer zu ankern. Wenn sie aber des Morgens an Land gingen, um Süßwasser einzunehmen, dann sahen sie Flußtäler zwischen grünen Hügeln, einsamer und schöner, als sie es je geträumt hatten.

Am sechsunddreißigsten Tag, da geschah es, daß Herr Morung vom Mäste winkte und schrie. Und da sie kauend, Becher und Hartbrot zur Seite setzend, herbeisprangen, da sahen sie, was sie nie vorher gesehen hatten.

Wie von ungeheuren Händen behauen, schob sich Stein an Stein, in unabsehbarer Weite, ein Estrich, aus dunklen Basaltquadern gefügt, für Schritte von weiterem Maße als Menschenmaß, das letzte Zeugnis einer Tanzhalle aus fernen Zeiten, da noch Riesensöhne Herren des Landes waren, über Jahrhunderte dauernd auch noch im heutigen Irenland und bis zum heutigen Tag.

Und Wate nickte. »Hab ich es nicht eh und je gewußt, daß Hagen Walants Ahnen sich nicht weit von meinen finden? Der Schwertgriff ward heiß in meiner Hand, als ich diese Stätte sah!«

Sie durchkreuzten schweigend und in Waffen die Bucht, in der die Mächtigen der Erde einst gehaust hatten. Granitfelsen fielen ins wilde Meer, steil wie Wände. Ohne Baum, ohne Gras ragten sie, als wollten sie dem Aufblick zu den Göttern wehren. Der Schrei der Adler war in der Hegelinge Ohren und das Sausen des Sturmes, das Tosen und Zischen von stürzenden Wasserfällen. Und Horand war, als begriffe er nun erst die Lieder, die von Hagens Wildheit sangen und von Hildens Schönheit, denn über alle Maße wild und schön schien ihm Irenland. Endlich sahen sie Baijane, Hagens Burg, die wie ein Adlerhorst auf dem schwarzen Felsen lag. Aus unbehauenen Blöcken des gleichen Gesteins war sie aufgebaut, die, ineinandergekeilt, runde Torbogen formten, die, aufeinandergehäuft, hohe Mauern ergaben, mit schmalen Fensterluken schwindelnd hoch droben, mit einem runden, flachbedachten Turm. Raubvögel zogen mit Kreischen über den Häuptern der Turmwächter hin, die längst die Schiffe erspäht hatten, und so hoch standen diese da droben, daß ihr Hörnerruf nur als schwacher Widerhall an der Hegelinge Ohr drang.

Sie umsegelten den Berg, und da war es, wie Frute verheißen hatte. Ein reicher Ankerplatz lag vor ihnen, Schiffe, Mast an Mast, und Gehöft bei Gehöften. Es wimmelte von Männern, die mit Gruß und Fragen herbeikamen. Sie waren wohlgekleidet und wohlerzogen. Es ließe sich leben zu Irenland, meinten die Hegelinge.

Sie refften die Segel aus weißer Seide und begannen sogleich ihre Waren an Land zu tragen, in Fässern und Kisten und Ballen. Wessen man nur bedurfte, fand man da. Die Iren hatten niemals so reiche Kauffahrer gesehen und so schmucke Schiffe. Sie begannen von allen Seiten herbeizuströmen, und sechzig große und geringere Fürsten, die von Herrn Hettel Schwert und Lehen genommen und ihm zuliebe diese Fahrt getan hatten, standen da und priesen mit Lächeln und edlem Anstand ihre Waren an. Und Frute und Horand trugen die reichsten Gewänder und geboten ihnen als ihre Meister.

Da liefen Boten und meldeten Hagen dies sonderbare Geschehen, und Hagen befahl seinen Mannen, mit ihm an den Strand zu reiten. Der Landweg führte gewunden und sacht den Berg von Baijane hinab, und die Hegelinge sahen Hagen Walant auf seinem schwarzen Hengst, der einzig seine Last zu tragen vermochte, heranbrausen. Die Helden schritten ihm entgegen, sie boten und empfingen edlen Gruß. Hagens Blicke unter buschigen Brauen hingen mit Staunen an Wate. Der König befragte, nach des Wirtes Recht, die Hegelinge um Herkunft und Namen. Da ließ der weise Frute sein Haupt zur Brust sinken und seufzte wie ein unseliger Mann:

»Fernher kommen wir und haben Böses erfahren! Vergönne uns Armen, unser Gut feilzuhalten! Du magst bestimmen, Herr, ob wir hier unsere Zuflucht finden!« Während er so sprach, stand all die Zeit Herr Wate hinter ihm. Wie alle Hegelinge, trug auch er heimlich das Waffenhemd unter dem Kleide und hielt die Hand ingrimmig bereit am Schwertgriff.

Aber König Hagens Art war es nicht, übel mit denen zu verfahren, die in Demut ihm nahten. Er sicherte den Gästen Frieden zu und freies Geleit zur Burg und drohte jedem Strafe an, der die Hand nach dem Gut der Fremden ausstrecken wolle.

Da ließ Wate ungern die Hand vom Schwerte.

Frute aber bot dem König kostbares Trinkgeräte zur Gabe, guten Goldes wohl tausend Mark schwer. Und er gab an alle Mannen Halsbergen und Schilde, daß alle Iren vor so großen Geschenken staunten. Und er bat mit Anstand, jene Gaben selbst an den Hof bringen zu dürfen, die den edlen Frauen bestimmt seien. Da führten die fremden Kaufleute zwölf arabische Zelter ans Land, weiß wie Birkenrinde, mit Nüstern, so rosig wie die Fersen eines jährigen Kindes. Sie hatten die Hälse rund wie Schwäne gebogen und drückten das Maul gegen die Brust. Schaum flog davon in Flocken, und sie tanzten unruhig nach langer Seefahrt auf den zartgefesselten Füßen.

Zwölf Ritterschilde ließ Frute an Land bringen, die waren gehäuft angefüllt mit Schapeln aus reinem Gold, wie sie die Frauen um die Stirne trugen, mit Haften, die Mäntel zu schließen, mit Gürtelspangen und Armreifen, alles aus lichtem Golde und bedeckt von edlen Steinen.

Hundert reiche Stoffballen trugen sie an Land, die waren »Sigelate« genannt; es war Seide, die Gold steif durchwirkte. Und »Baldekin«, wie er nur zu Bagdad in rechter Purpurfarbe gehandelt ward. Und Ballen von feinstem Linnen, das weißer war als Kirschblüten.

Mit diesen Gaben ritten vierundzwanzig Ritter, von Horand und Irold geführt, sie waren alle gekleidet wie reiche Fürsten, wenn sie zu Hofe gehen, um das Schwert zu nehmen.

Als sie anlangten, sprach der Oberste von Hagens Kämmerern: »An zwanzigtausend Mark schätze ich den Wert dessen, was sie an Gaben brachten!« Als Hagen dies hörte, befahl er, allen Frauen an seinem Hofe ihr Anteil zuzumessen und den Kaufherren gedoppelten Gegenwert zu schenken. Er bot Horand und Irold ihre Sitze neben dem Königssitz und fragte, woher sie kämen.

»Wir sind Heimatlose, Herr«, sprach Horand, »und wir kamen nach Irenland, um deine Gnade zu erflehen. Eines großen Königs Zürnen liegt schwer auf uns.« Der wilde Hagen fragte: »Wer ist es, der euch Burgen und Länder hat räumen lassen? Unklug dünkt er mich, wenn ich euch ansehe! Wäre er weiser gewesen, er hätte euch in seinem Dienste behalten.«

Da sprach Horand: »Hettel von Hegelingen ist es. Seine Macht ist groß, und groß sind seine eigenen Taten. Herrlich ist Hegelingeland, und niemals können wir fern der Heimat froh werden!«

»Ich will euch vergelten, was Hettel an euch verbrach«, sagte Hagen. »Wollt ihr an meinem Hofe bleiben, so will ich euch wiedergeben, was euer König euch genommen hat.«

Horand dankte Hagen Walant, wie es die edle Zucht gebot, aber es schien ihm Frutes List nun fast zu gut, und es ward ihm schwer, sie fortzuspinnen, da Hagen ihm so voll Freundlichkeit begegnete.

Den Hegelingen ward reiche Herberge bereitet, und Hagen ließ ihnen Zehrung bieten. Doch dünkte es Frute nicht nach Ritterart getan, des Mannes Brot zu teilen, dem sie Übles sannen, und er entbot dem Irenkönig seinen Dank: »Und wenn wir nicht andere Speise gewöhnt wären als Gold und pures Silber, wir führten genug mit uns, um unseren Hunger zu stillen!«

Die Irenboten, denen er dies sagte, sahen zu, wie er die Schutzdecken von seiner Ladung nehmen ließ, und sie meinten, noch niemals so herrliches Gut gesehen zu haben.

Aber es ward auch noch niemals erlebt, daß Kaufherren ihre Schätze um so geringen Preis losschlugen. Es kaufte, wer dessen begehrte.

Stand aber ein Armer von ferne und drehte seinen löchrigen Hut, oder ein Kind saugte am Daumen, mit runden Augen, dann schenkten die Helden lachend, was jene auch um weniges nicht zu kaufen vermocht hätten, und Horand strich den Kindern übers flächserne Haar.

All die Zeit aber, da droben der lustige Handel herging, blieben Hettels Mannen im Schiffsraum verborgen, und sie hätten lieber in bitterer Schlacht stehen mögen, als hier müßig im Dumpfen zu liegen und zu bechern und zu knöchern.

Tag um Tag kamen die Kämmerer vom Strande und erzählten Wundermären von Müttern, denen feines Linnen für das Neugeborene von Frute geschenkt, von Schuldnern, deren Pfand von Wate gelöst worden war, von vielen Hungrigen, die Horand täglich speiste.

Schön-Hilde hatte einmal nur, vom Fenster aus, einen der Hegelinge erschaut, und der hatte ihr stattlicher geschienen als alle Irenherren, die sie kannte. Die Neugier plagte sie so übermächtig, auch die andern Fremden alle von Angesicht zu sehen, daß sie den Vater bat, er möge doch die Gäste zum Dank für die schönen Gaben zu Hofe entbieten. Es hieße, ein Riese sei unter ihnen, den sähe sie gern.

Hagen Walant ließ die Hegelinge zu Hofe bitten, und Frute riet, dem Rufe zu folgen.

Als die Helden in den Saal traten, ging Hagen ihnen entgegen, um sie zu ehren. Die Königin selbst stand auf von ihrem Sitz und hieß sie von Herzen willkommen.

Es war aber keiner unter den Männern, dessen Augen nicht wie gebannt durch Zauberspruch an Schön-Hilde hingen, denn so schön war sie, daß warmes Glück den überrieselte, der sie anblickte.

Sie aber stand und ahnte nichts und war nur bange vor Wate.

Und sie war froh, ihn nicht wie einen Anverwandten küssen zu müssen, so groß war er und so breit sein Bart, wenn auch heute zierlich mit goldenen Borten durchflochten. In seiner Hand lag die ihre wie ein weißes Mäuslein gefangen, und sie sah nur immer hin, ob das Mäuslein auch unversehrt bliebe. So merkte sie nicht, daß Horands Augen sich feuchteten, da er fand, daß sie noch süßer war als sein Traum.

Als die Frauen den Saal verlassen hatten, begannen die Männer Brettspiel zu treiben. Manche der Iren liefen in den Hof und begannen ihre Kräfte im Steinwurf und Speerwurf und im Schwertspiel zu messen.

Wate stand mit gekreuzten Armen dabei und sah zu. Sprach der König: »Wird auch daheim bei euch, in Hegelingeland, solch starkes Schwertspiel geübt wie bei uns Iren?«

»Nein!« sprach Wate mit ernstem Mund. »Niemals noch sah ich solche Fechterkünste! Wollte sie mich nur einer lehren, ich wendete gerne ein Jahr daran!«

Hagen Walant rief: »Mein bester Waffenmeister soll dein Lehrer sein und dich diese drei Irenhiebe zumindest lehren! Die werden dir in der Schlacht von Nutzen werden!«

Der Waffenmeister kam und kreuzte mit Wate die Klinge, und die Iren wußten kaum ihr Lachen zu verbergen, so tölpisch stellte sich Wate.

Da rief Hagen: »Holt mein Schwert! Ich selbst will es sein, der Wate die drei Schläge lehrt!«

Wate aber sprach, als bange er um sein liebes Leben: »Gebt mir Euer Wort, Herr König, daß Ihr mir nicht wollt böse Wunden schlagen!« Das Wort gab Herr Hagen mit Lachen.

Als sie nun zu fechten begannen und Wate Hagens wilde Kraft spürte, da vergaß er sich und hub an, das Schwert zu brauchen, daß Hagen Walants Panzer von den Schlägen wie ein nasser Holzbrand zu rauchen begann.

»Jetzt habe ich die drei Irenschläge erlernt!« lachte Wate. »Jetzt mögt Ihr die Schonung sein lassen.«

Es begann ein Schwertkampf, Schlag auf Schlag, daß die Mauern widerhallten. Niemals hatten sie, nicht Wate noch Hagen, solche Gegnerschaft erfahren.

Sie fochten, bis zu gleicher Zeit die Jaspisknäufe von den beiden Schwertern sprangen. Da gingen sie zu ihren Sitzen, und Hagen wischte den Schweiß von der Stirne.

»Niemals habe ich einen Schüler gesehen, der so schnell Meisterart erlernt hat!« sprach er. »Hätte ich gewußt, wie König Hettels Mannen ihr Schwert führen, ich hätte meines nicht von der Wand genommen.«

 

*

 << Kapitel 1  Kapitel 3 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.