Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edgar Wallace >

Gucumatz

Edgar Wallace: Gucumatz - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorEdgar Wallace
titleGucumatz
publisherWilhelm Goldmann Verlag
year
firstpub
translatorRavi Ravendro
isbn3-442-00248-6
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100609
projectida040cdc2
Schließen

Navigation:

15

»Eine Dame ist am Telefon – sie hat schon zweimal angerufen. Ich sagte ihr, daß Sie noch schlafen!« rief die Putzfrau. Plötzlich erinnerte sich Daphne an Ella und an den roten Umhang, den sie ihr geliehen hatte. Wie sollte sie ihr nun alles erklären? Sie ging zum Telefon und hörte Ellas scharfe Stimme.

»Was ist Ihnen denn in der letzten Nacht passiert?« Ella redete sie nun nicht mehr mit ›meine Liebe‹ an, aber Daphne war zu zerschlagen und erschöpft, um das zu bemerken.

»Ich bin in einen falschen Wagen eingestiegen ... er wartete . . . vielleicht um jemand von Ihren Angestellten nach Hause zu bringen. Ich habe den Irrtum nicht sofort bemerkt.«

Die Erklärung klang ziemlich unwahrscheinlich, denn Daphne war nicht sehr geschickt im Lügen. Miss Creed schien auch nicht ganz überzeugt zu sein.

»Wissen Sie das bestimmt?« fragte sie argwöhnisch. »Irgend jemand hat meinen Chauffeur mit einem angeblichen Auftrag von mir weggeschickt. Ich dachte, man hätte Ihnen einen Streich gespielt.«

»Nein, nein – ganz gewiß nicht – glauben Sie mir.« Daphne erschrak heftig. Wenn Mr. Crewe die Entführung inszeniert hatte, so wollte er womöglich durch Ellas Fragen feststellen, ob sie ihr Wort hielt.

»Ich möchte gern mit Ihnen sprechen – wo kann ich Sie um zwei Uhr erreichen?«

Daphne nannte ihr die Adresse von Mr. Beale und war sich nicht ganz klar darüber, was ihr Chef zu einem solchen Besuch sagen würde.

»Beale?« Ella schien sich Name und Adresse zu notieren. »Es ist gut – ich werde gegen zwei Uhr dort sein.«

Daphne legte den Hörer auf und begann zu frühstücken, aber es wollte ihr nicht schmecken. Sie überlegte, daß Leicester Crewe eigentlich nicht an der Sache beteiligt sein konnte – es sei denn, daß er den Namen der gefiederten Schlange für seine Zwecke benutzt hatte. Es sah ihm durchaus ähnlich, dann noch in letzter Minute vor den Konsequenzen seines niederträchtigen Planes zurückzuschrecken.

Nach dem Frühstück fuhr sie mit einem Taxi zu Mr. Beale. Sie traf ihn in der Halle und wollte sich entschuldigen, aber er winkte ab.

»Ich habe mir Sorgen um Sie gemacht«, sagte er. »Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Wenn Sie morgens einmal etwas später kommen, so ist das nicht schlimm.«

Die alte Tür lehnte an der Wand, sie war oberflächlich gereinigt worden und jetzt mit eigenartigen Arabesken bedeckt.

»Haben Sie schon die seltsame Form der Tür bemerkt? Sie würde genau in eine aztekische Türöffnung passen, obwohl ich nicht glaube, daß sie in ihren Wohnungen überhaupt Holztüren hatten. Sie verjüngt sich nach oben, das ist nicht nur eine Eigenart der aztekischen Architektur, auch die alten Ägypter kannten diese Form. Ich selbst bin fest davon überzeugt, daß die Ägypter und die Indianer in Südamerika von derselben Rasse abstammen, obwohl natürlich die meisten Ethnologen nicht mit mir übereinstimmen . . .«

Er sprach sehr viel an diesem Vormittag, und es fiel ihr nicht immer leicht, ihm zuzuhören. Mr. Beale sah sie ein paarmal forschend an.

»Sie sehen ziemlich müde aus, Miss Olroyd«, sagte er. »Darf ich fragen, auf welchem Ball Sie die vergangene Nacht durchtanzt haben?«

Daphne lächelte schwach.

»Ich habe in der letzten Nacht bestimmt nicht getanzt, aber ich bin trotzdem sehr spät ins Bett gekommen.«

Er fragte nicht weiter, und sie schien keine näheren Erklärungen abgeben zu wollen.

Kurz vor zwei rief Ella an, die ihr mitteilte, daß sie leider verhindert sei. Sie fragte, ob Daphne heute abend nicht wieder zum Theater kommen könne. Daphne hatte den roten Umhang bereits an Ella abgeschickt und sagte ihr, daß sie am Abend schon eine andere Verabredung hätte.

Um drei Uhr tauchte plötzlich Peter Dewin auf. Obwohl er an diesem Morgen ziemlich früh aufgestanden war, hatte er nicht eher Zeit gefunden, sie aufzusuchen. Sie sprach im Empfangszimmer mit ihm. Er war allerbester Laune.

»Mir fehlen jetzt nur noch wenige Stücke in meinem Zusammensetzspiel. Das ist eine tolle Geschichte, ich bin ganz begeistert!«

»Was für eine Geschichte?« fragte sie ein wenig verwirrt.

Er bemerkte erst jetzt, wie müde sie aussah. »Fühlen Sie sich nicht wohl?« fragte er. »Sie sind ja so weiß wie die Wand!«

Sie hatte nicht die geringste Lust, mit ihm über ihre Person zu sprechen. »Wollen Sie Mr. Beale besuchen?« erkundigte sie sich ein wenig schroff.

»Ich kam, um mit Ihnen zu reden. Wir beide werden heute abend in einem hübschen Restaurant essen –«

»Ich werde heute abend früh ins Bett gehen«, unterbrach sie ihn. Er machte ein enttäuschtes Gesicht. »Ich bin furchtbar müde, und Sie würden es mir bestimmt nicht verzeihen, wenn ich mitten in Ihrer anregenden Unterhaltung einschliefe.«

»Ich würde Sie schon wachhalten – darauf können Sie sich verlassen! Es gibt genug aufregende Skandalgeschichten, die ich Ihnen erzählen könnte«, sagte er vergnügt.

»Auch ich wüßte einige Dinge zu berichten, bei denen Ihnen die Haare zu Berge stehen würden«, gab sie ihm zur Antwort. Darauf mußten sie beide lachen.

»Aber im Ernst – ich bin wirklich viel zu müde, um heute abend auszugehen.«

Sie schwieg plötzlich. Er hatte das Gefühl, daß sie ihm noch etwas sagen wollte. Aber sie streckte ihm nur schnell die Hand zum Abschied hin.

»Sie gehen jetzt wohl zu Ihren gefiederten Schlangen zurück?« Er war bestürzt, als er sah, wie sie zu zittern anfing.

»Nein, nein – kein Wort mehr von gefiederten Schlangen!« sagte sie schaudernd. »Leben Sie wohl.« Sie war verschwunden, ehe er noch eine Frage an sie richten konnte.

Er wollte unbedingt den Grund ihrer plötzlichen Abneigung gegen gefiederte Schlangen wissen, und so beschloß er, vor ihrem Haus auf ihre Rückkehr zu warten. Unterwegs war er in Grosvenor Square gewesen und hatte dort erfahren, daß Mr. Crewe schon um neun Uhr in die Stadt gegangen war. Er hatte ein Büro in der Nähe von St. Martin's Le Grand, das aus zwei Räumen bestand. Es war im obersten Stockwerk eines hohen Gebäudes und wurde von ihm nur selten aufgesucht. Ein Angestellter genügte, um die Geschäfte abzuwickeln, die in diesem kleinen Büro getätigt wurden.

Crewe war seit einigen Stunden damit beschäftigt, eine Liste seiner Börsenpapiere aufzustellen und ihren Wert abzuschätzen. Er war an diesem Morgen mit der Absicht aufgewacht, alle seine Aktien zu verkaufen und sich an einen Ort zurückzuziehen, wo ihn die gefiederte Schlange nicht erreichen konnte.

Es war ihm klar, daß die gefiederte Schlange niemand anderes als William Lane war. Dieser Lane, der Farmer ohne Mitleid getötet hatte und dessen Drohungen drei weitere Menschen beunruhigten, hatte nichts mehr mit dem schweigsamen Mann zu tun, der damals auf der Anklagebank von Old Bailey saß und ohne Bewegung das Urteil anhörte, das über ihn gefällt wurde.

Während der vergangenen Jahre hatte Crewe fast vergessen, daß ein Mann namens Lane überhaupt noch existierte, hatte vergessen, daß hinter den Mauern eines düsteren Gefängnisses jemand lebte, dem er schweres Unrecht angetan hatte.

Schon bevor sein Angestellter kam, hatte Crewe ein Dutzend Briefe geschrieben, die Instruktionen für seine Beauftragten an der Börse enthielten. Drei bis vier Tage würde es in Anspruch nehmen, bis er seine Bestände an Aktien zu Geld gemacht hatte. Crewe hatte gerade die zu erwartenden Beträge zusammengezählt, als der Angestellte die Visitenkarte Peters hereinbrachte. Zuerst hatte Crewe die Absicht, eine Unterredung mit ihm abzulehnen, dann siegte aber seine Neugier – vielleicht konnte er von dem Reporter irgend etwas in Erfahrung bringen. Er räumte seine Papiere beiseite und erwartete ihn mit einem möglichst unbefangenen Gesicht.

»Nehmen Sie bitte Platz . . . Eine Zigarre?« begrüßte er Peter betont heiter. »Ich bin allerdings sehr beschäftigt und habe nur fünf Minuten Zeit. Etwas Neues über die gefiederte Schlange?«

Peter ließ sich durch Crewes scheinbaren Gleichmut nicht täuschen. Er sah nur zu deutlich, wie sehr sich sein Gegenüber in den letzten Tagen verändert hatte. Die Drohung, die sich plötzlich gegen vier Menschen gerichtet hatte, war am deutlichsten von seinem Gesicht abzulesen. Peter dachte daran, daß Farmer bereits tot und Paula Ricks fluchtartig verschwunden war . . .

»Keine großen Neuigkeiten. Sie werden doch vermutlich Zeugnis bei der Totenschau ablegen müssen?«

Crewe sah ihn erschrocken an.

»Bei der Totenschau . . .? Was habe denn ich dort zu tun? Ich habe ganz vergessen, daß eine Totenschau abgehalten wird . . .«

»Aber Sie sind doch der Hauptzeuge! Ich dachte, Sie hätten schon eine Vorladung erhalten. Bin gespannt, was der Richter sagen wird, wenn er erfährt, daß Mrs. Paula Staines in solcher Eile abgereist ist.«

Crewe sah Peter ungläubig an.

»Abgereist?« wiederholte er. »Was soll das heißen?«

»Nun, daß sie heute morgen in den Schnellzug nach Vlissingen eingestiegen ist. Und ich kann sie zu dem Entschluß nur beglückwünschen! Hoffentlich hat sie eine glücklichere Überfahrt als ihr Vater . . .«

Während er sprach, behielt er Crewe scharf im Auge und sah, wie er plötzlich totenblaß wurde.

»Ihren Vater . . .? Den kannte ich nicht.«

»Was – Sie haben den großen Ricks nicht gekannt?«

Crewe sah aus, als ob er einen schweren Schlag erhalten hätte; seine Stimme klang schrill und heiser:

»Ich weiß wirklich nicht . . . Ricks ... Ich dachte immer, sie hieße Staines . . .«, erwiderte er völlig aus dem Konzept gebracht. »Tun Sie doch nicht so geheimnisvoll, Dewin.«

»Nun, sie heißt Paula Ricks – und ist die Tochter des Falschmünzers Ricks, der sich vor einer Reihe von Jahren das Leben nahm. Niemand weiß das besser als Sie, Mr. Crewe!«

»Sie hat England verlassen, sagen Sie? Wissen Sie das auch ganz genau?« Leicester wollte offensichtlich jeder Auseinandersetzung aus dem Wege gehen.

»Ich habe es selbst gesehen«, erwiderte Peter. »Zeitungsreporter haben manchmal ein untrügliches Gefühl für kommende Ereignisse, und ich ging zum Bahnhof, um mir bei der Abfahrt der wichtigsten Züge nach dem Kontinent die Reisenden ein wenig anzuschauen.«

Crewe dachte schnell nach.

»Hm, ich habe so eine Erinnerung . . . Sie sagte letzthin, daß sie für eine Woche verreisen wolle . . . Ich glaube, Paris . . .«

»Sie hat aber bei dem Portier in Buckingham Gate hinterlassen, daß sie mindestens ein Jahr lang fort sein wird«, entgegnete Peter ruhig. »Sie brauchen sich darüber gar keine Illusionen zu machen – Miss Ricks ist endgültig und für immer verschwunden; und ich weiß, daß ein einziges kleines Wort sie vertrieben hat.«

»Ein – einziges Wort?«

Peter nickte.

»Ein sehr merkwürdiges Wort allerdings. Es würde mich interessieren, ob es Sie auch so erschreckt . . .« Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Sie beobachteten sich beide scharf.

»Vor einem Wort erschrecke ich nicht so ohne weiteres«, meinte Leicester Crewe schließlich gelassen.

Peter staunte, wie sich der Mann in den letzten Minuten verändert hatte. Vorher war er mehr oder weniger der Typ des durchschnittlichen Geschäftsmannes gewesen, der immerhin eine gewisse Lebensart angenommen hatte; jetzt verkörperte er wieder den Typ des kleinen, schmierigen Winkelspekulanten, der er früher gewesen war.

»Ich will ganz offen mit Ihnen reden, mein Herr«, begann er. »Ihr geheimnisvolles Getue geht mir langsam auf die Nerven – verstehen Sie mich? Ihr Zeitungsleute glaubt immer, daß Ihr euch einfach alles erlauben könnt. Die Sache kann nämlich ziemlich unangenehme Folgen für Sie haben, wenn Sie nicht vorsichtiger sind. Ich weiß nicht, wer Joe Farmer ermordet hat, aber wenn Ihr kleines Wörtchen irgend etwas mit gefiederten Schlangen zu tun hat, dann rate ich Ihnen, Ihre kostbare Zeit nicht länger zu verschwenden – mich jedenfalls können Sie damit nicht erschrecken.«

»Mrs. Staines –«, begann Peter.

»Zum Kuckuck mit Mrs. Staines!« schrie Crewe. »Es ist mir völlig gleichgültig, wo sie sich aufhält. Ich bin auch an weiteren Mitteilungen nicht im geringsten interessiert«, sagte er böse, als Peter einen Brief aus der Tasche zog.

Aber der Reporter ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, sondern faltete das Papier auseinander.

»Diesen Brief habe ich heute morgen erhalten«, sagte er langsam. »Er ist mit Maschine geschrieben und hat weder Unterschrift noch Absender.«

Er legte das Blatt vor Leicester Crewe, der es widerwillig las:

Leicester Crewe (oder Lewston) siehe die Akten der Londoner Gerichtsverhandlung unter dem Namen Lewston, Februar 1905, oder Polizeiblatt vom 14. Februar 1905, S. 3 Absatz 3.

Elli Creed. Joseph Farmer, siehe die Polizeiakten von Marylebone Juni 1910. Ebenso die Peddington Times vom 22. Juni 1910. Name Farmster, geb. Lewston.

»Was soll das bedeuten?« fragte er, nachdem er das Schriftstück gelesen hatte.

»Ich habe heute morgen Erkundigungen eingezogen. Sie, Mr. Crewe, heißen Lewston, und Miss Ella Creed ist Ihre Schwester. Sie heiratete Farmer oder Farmster, als sie siebzehn Jahre alt war. Sie sind zweimal vorbestraft, einmal wegen Versicherungsbetrugs und einmal wegen betrügerischen Verkaufs von wertlosen Aktien. Sie sind einer früheren Verurteilung wegen Falschmünzerei nur entgangen, weil sich ein Formfehler in der Anklage fand. Ihre Schwester und Farmer waren vor dem Gericht in Marylebone wegen Hehlerei angeklagt. Sie scheinen aus einer wirklich unternehmungslustigen Familie zu stammen!«

Leicester Crewe biß sich auf die Lippen.

»Was soll das heißen? Wollen Sie mich etwa erpressen?«

Peter lächelte.

»Wenn ich dies als Frage verstehen soll, ob ich Sie anzeigen werde, so kann ich Sie beruhigen.«

Crewe betrachtete das Schreiben noch einmal, drehte es um und hielt es gegen das Licht.

»Es ist mir ganz egal, ob die Sache bekannt wird«, sagte er barsch. »Es ist schließlich kein Verbrechen, wenn man in der Welt vorwärtskommen will. Falls Sie mich erpressen wollen, so kann ich Ihnen nur sagen, daß ich mich auf nichts einlasse. Vielleicht haben Sie bei Ella mehr Glück. Ich nehme an, daß Sie diese Geschichte bei der Totenschau vorbringen wollen, um einen Sensationsbericht für Ihre Zeitung zu bekommen.«

»Diese Absicht habe ich keineswegs«, entgegnete Peter ernst. »Wenn ich eine gute Geschichte entdecke, behalte ich sie erst mal für mich selbst. Sie können ganz beruhigt sein, ich werde nichts gegen Sie unternehmen. Ich bemühe mich nur, ein schwieriges Rätsel zu lösen, und ich hoffte, daß Sie mir dabei helfen könnten.«

Der Mann sah ihn düster an. »Was für ein Rätsel meinen Sie?« fragte er mit belegter Stimme.

»Die Geschichte von Gucumatz!« erwiderte Peter.

Crewes Gesicht blieb unbewegt. Langsam verfärbte es sich, dann wurde es dunkelrot und dann wachsbleich.

»Gucumatz!« wiederholte er mechanisch und sah Peter an. Dann verzogen sich seine Lippen zu einem spöttischen Lächeln. »Jetzt verstehe ich! Sie haben das Wort natürlich in dem Geldbeutel entdeckt, den Joe Farmer immer bei sich trug. Das war eine seiner verrückten Ideen!«

Peter lachte.

»Dieselbe Erklärung fand auch Mrs. Staines. Sie war einen Augenblick sehr erleichtert, bis –«

»Nun, bis . . .?« fragte Crewe ungeduldig, als Peter eine Pause machte.

»Bis ich ihr erzählte, daß Gucumatz ein aztekisches Wort für gefiederte Schlange ist.«

Crewe schwieg einen Augenblick.

»Ach, das ist ja interessant«, sagte er dann gedehnt.

Er hatte sich schnell wieder gefaßt. Peter bewunderte seine Haltung, denn er wußte ganz genau, wie schwer ihn diese Mitteilung treffen mußte.

»Die Sache regt mich nicht weiter auf!« fuhr Crewe mit einem schwachen Versuch zu lächeln fort. »Die gefiederte Schlange . . . das ist die Bedeutung. Der Kerl lebt also noch?«

Peter nickte.

»William Lane ist ganz gesund – daran gibt es keinen Zweifel mehr.«

Crewe spielte nervös mit den Papieren, die auf dem Tisch herumlagen.

»Zu dumm, daß ich das nicht früher gewußt habe, sonst hätte ich ihn beobachten lassen.«

»Aus welchem Grund verfolgt Lane Sie eigentlich?«

Crewe schüttelte den Kopf.

»Das fragen Sie ihn am besten selbst, wenn Sie ihm begegnen. Ist es der Polizei eigentlich bekannt, daß er Farmer ermordet hat? Es ist in diesem Lande anscheinend möglich, daß jeder sich seine eigenen Gesetze macht. So ein Kerl kann frei herumlaufen und andere Leute erschießen, bloß weil er sie haßt.«

Er begann in den Papieren herumzuwühlen, und sein Gesicht zeigte einen Ausdruck von Hilflosigkeit.

»Ich danke Ihnen jedenfalls für Ihre Angaben, Dewin. Es ist mir aber nicht möglich, Ihnen irgend etwas zu erklären. Von mir aus können Sie die Geschichte in Ihrer Zeitung bringen. – Also deshalb ist Paula abgereist? Bis vorhin habe ich Ihnen das nicht geglaubt. Und sie nannte mich einen Feigling!«

»Wollen Sie mir nicht wenigstens den Anfang der ganzen Sache erzählen?« fragte Peter.

Mr. Crewe lachte hart.

»Ich habe keine Lust, auf der Anklagebank von Old Bailey zu sitzen und für zehn Jahre ins Zuchthaus zu wandern. – Brauchen Sie Geld?« fragte er plötzlich brutal.

»Ich hätte eine ganze Menge davon nötig«, entgegnete Peter schnell. »Aber ich will es nicht von Ihnen, Crewe. Sie könnten mir jedoch eine Menge Arbeit und Mühe ersparen, wenn Sie mir die Geschichte von Gucumatz berichten wollten. Sind Sie jemals in Südamerika gewesen?«

Zum erstenmal schien Crewe wirklich belustigt zu sein.

»Ich hätte keine Ahnung, daß das Land überhaupt existiert, wenn ich nicht zufällig ein Paket Trambahnaktien von Buenos Aires besäße. Kennen Sie vielleicht jemand, der sie mir schnell abkauft?«

Peter hatte plötzlich eine Idee.

»Warum gehen Sie nicht zu Mr. Beale – Mr. Gregory Beale? Ich habe neulich gehört, daß er sein ganzes Vermögen in südamerikanischen Unternehmungen investiert hat.«

Leicester dachte nach. »Beale . . .? Ist das nicht der Mann, bei dem meine frühere Sekretärin jetzt beschäftigt ist?«

»Ganz recht – er hat Miss Olroyd angestellt.«

»Ich kenne ihn nicht – hat er denn so viel Geld? Geben Sie mir seine Adresse.« Er notierte sie sich schnell auf einem Block.

»Wenn Sie vielleicht ein paar hundert Pfund brauchen, Dewin . . .«

»Hören Sie damit auf«, entgegnete Peter. Als er in der Tür stand, drehte er sich noch einmal um. »Noch etwas, Crewe – wenn sich Ihr Gewissen melden sollte und wenn Sie gerne einem verschwiegenen Menschen beichten möchten, dann finden Sie meine Nummer jederzeit im Telefonbuch.«

Peter besaß ein eigenes kleines Auto; aus dritter Hand gekauft und nicht gerade sehr elegant, hatte ihn der Wagen doch noch nie im Stich gelassen. Natürlich hätte er auch mit der Bahn nach Newbury fahren können, aber er zog die offene Landstraße und die Einsamkeit vor, denn er hatte noch allerlei zu überlegen.

Sein Weg führte durch Thatcham, und er hielt Ausschau nach dem Haus, in das Hugg in der Nacht vor William Lanes Tod eingebrochen war.

An einer Ecke stand ein Schutzmann; Peter hielt und fragte.

»Aber ja, ich erinnere mich noch gut an den Fall«, sagte der Beamte. »Einer der Strolche wurde bei einem Autounfall getötet – ich glaube, er hieß Lane. Mr. Bonnys Haus hat die Nr. 92, diese Straße weiter geradeaus.«

Mr. Bonny war ein ziemlich nervöser Mann, der ununterbrochen redete. Es dauerte fast eine Viertelstunde, bis Peter zum Kernpunkt der Sache vorgedrungen war.

». . . ich sah die beiden Burschen in der Eingangshalle. Von dem Podest im ersten Stock aus drehte ich das Licht an und brauchte mich nur über das Treppengeländer zu lehnen, um sie zu beobachten. Der Kleinere von ihnen hatte das Silber in einem Sack unter dem Arm.« Peter erinnerte sich daran, daß es Mr. Hugg seinerzeit diskret vermieden hatte, von Silber zu sprechen, und seinen Einbruch damit entschuldigte, daß er bei der Kälte Kleider gesucht hätte. »Der andere war der Mann, der später getötet wurde – ein großer, häßlicher Kerl . . .«

»Ich dachte, der Mann, der getötet wurde, wäre an dem Einbruch gar nicht beteiligt gewesen?« fragte Peter schnell.

»Natürlich war er das!« knurrte Mr. Bonny. »Er war es ja, der mich zu ermorden drohte, wenn ich herunterkäme!««

Peter verabschiedete sich. Die Lösung des Rätsels war gefunden. Der getötete Einbrecher war nicht William Lane gewesen, sondern Harry. William Lane war als einziger bei dem Autounfall unverletzt geblieben.

Es hatte eigentlich keinen Zweck, noch weitere Nachforschungen anzustellen. Um ganz sicher zu gehen, fuhr Peter aber doch noch nach Thatcham und Newbury; dort wurde ihm alles bestätigt, was Mr. Bonny erzählt hatte.

Als er bei zunehmender Dunkelheit auf der Straße nach London zurückfuhr, überlegte er wieder. Harry war also getötet worden, und William Lane hatte seinen Ausweis und seinen Entlassungsschein in die Tasche des Toten gesteckt, während Mr. Bonny die Polizei benachrichtigte. Anscheinend hatte man die Identität des Toten in keiner Weise angezweifelt. Hugg hatte von dem ganzen Vorfall natürlich nichts gemerkt, da er ja gleich bewußtlos gewesen war.

Warum hatte William Lane das getan? Aus welchem Grund wollte er sich verbergen? Peter brauchte sich diese Frage nicht lange zu überlegen; die Antwort war ihm klar.

Wenn Daphne auch sehr gleichgültig tat – in Wirklichkeit wäre sie Peter am liebsten um den Hals gefallen, als er sie unerwartet besuchte. Die Aussicht, den Abend ganz allein verbringen zu müssen, war fürchterlich für sie gewesen. Mit ihren Nerven war sie so am Ende, daß sie bereits Geräusche – Fensterklappen und Türenknarren – hörte, die gar nicht existierten. Sie hatte eben einen Entschluß gefaßt, als Peter kam. Er war überrascht, daß sie seine Einladung zum Abendessen sofort annahm; fast hatte er befürchtet, daß sie ablehnen würde.

Auf einem Stuhl stand ihr kleiner gepackter Koffer.

»Wollen Sie etwa verreisen?«

»Ja«, sagte sie. »Eine halbe Stunde später hätten Sie mich nicht mehr angetroffen – ich nehme für eine Woche ein Zimmer im Ridley-Hotel. Es liegt in Bloomsbury, in einer sehr ruhigen Gegend. Ich habe eine Bekannte, die dort wohnt.«

»Wie kommen Sie bloß auf diese Idee? Hat man Ihnen die Wohnung gekündigt?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich glaube, Sie haben Angst!«

Daphne errötete.

»Warum sollte ich Angst haben?« fragte sie abwehrend.

Peter sah sie nachdenklich an.

»Es ist ja eigentlich kein Grund dazu vorhanden – wahrscheinlich hat Sie aber der Mord so aus der Fassung gebracht. Daran habe ich gar nicht mehr gedacht!«

Sie versuchte, die Sache als belanglos hinzustellen, aber Peter ließ sich nicht so leicht täuschen.

»Ich weiß gar nicht, warum ich mich dazu entschlossen habe, wegzugehen«, sagte sie verlegen. »Es war so ein langweiliger Abend, und meine Umgebung fiel mir auf die Nerven. Da rief ich das Hotel an und fragte, ob ein Zimmer frei wäre. Sie denken wohl, ich sei sehr dumm?«

»Im Gegenteil, ich halte Sie für sehr klug«, sagte er ruhig. »Und obwohl ich nicht an eine Gefahr glaube –«

In diesem Augenblick läutete das Telefon.

»Bitte tun Sie mir den Gefallen und antworten Sie«, bat sie ihn ängstlich. »Es ist sicher Miss Creed. Sie wollte mich unbedingt heute abend sprechen, aber ich habe ihr gesagt, daß ich bereits eine andere Verabredung hätte.«

Peter nahm den Hörer ab, aber es war nicht Ella Creed. Jemand sprach mit tiefer, anscheinend verstellter Stimme.

»Ist dort Miss Olroyd?«

Im Apparat knackte es, während Peter bejahte. Er verstellte dabei sehr geschickt seine Stimme.

»Denken Sie auch noch daran«, sagte der Fremde. »Sie sollen niemand etwas von den Ereignissen der letzten Nacht erzählen.«

Peter hörte noch ein Knacken, dann war alles still. Er legte langsam den Hörer auf und ging zu Daphne zurück.

»Wer hat angerufen?«

»Was ist Ihnen letzte Nacht passiert?« fragte er statt einer Antwort. Sie merkte, daß er beunruhigt war.

»Ich – kann es Ihnen nicht sagen!«

»Sie müssen, Daphne. Es ist wirklich sehr wichtig, daß Sie mir alles anvertrauen«, drängte Peter beharrlich.

Sie schüttelte nur schwach den Kopf.

»Ich – ich mußte versprechen, daß ich nicht darüber rede!«

Er legte ihr die Hände auf die Schultern und schaute sie ernst an.

»Ich frage Sie nicht deshalb, weil ich für meine Zeitung eine gute Geschichte brauche«, sagte er leise. »Ich bitte Sie, mir alles zu sagen, weil – weil ich Sie liebhabe, Daphne.«

Sie wurde abwechselnd rot und blaß und brachte kein Wort heraus. Er streichelte sacht ihren Arm.

»Bitte, Daphne!«

»Ich darf nicht – ich habe es doch versprochen –«, stammelte sie. »Jemand holte mich vom Theater ab . . .«

Und dann erfuhr Peter nach und nach die ganze unheimliche Geschichte ihres nächtlichen Abenteuers. Es bedeutete für sie eine sichtliche Erleichterung, endlich sprechen zu können.

»Niemand hat mir etwas getan – alle waren sehr anständig zu mir. Ach, Peter, Sie dürfen kein Wort weitererzählen! Und Sie dürfen auch nicht versuchen, den Ort ausfindig zu machen!«

Er legte seinen Arm um sie, als sie plötzlich zu schluchzen begann. Es dauerte lange, bis er sie beruhigt hatte.

»Ich bin so nervös und aufgeregt, aber es ist einfach furchtbar, wenn man sich bei keinem Menschen einen Rat holen kann«, sagte sie und ging ins Nebenzimmer, um sich das Gesicht zu waschen. Als sie zurückkam, konnte man trotzdem noch deutlich die Spuren ihrer Tränen sehen.

»Es war so schrecklich – und ich habe doch niemand etwas getan!«

Er nahm sie wieder in die Arme und strich vorsichtig über ihr Haar.

»Nein, du hast bestimmt nichts verbrochen. Als deine Entführer das merkten, ließen sie dich ja auch gleich wieder gehen.«

»Wie meinst du das?« fragte sie verstört.

»Sie haben dich ganz einfach mit Ella verwechselt. Du hast ihren roten Regenumhang angehabt und bist etwa gleich groß. Als sie ihren Irrtum bemerkten, wurdest du schnell nach Haus geschickt. Der Raum, in dem du eingesperrt warst, sah wohl wie eine Gefängniszelle aus?«

Sie nickte entsetzt.

»Dann ist ja alles klar«, meinte er zufrieden. »Es war geplant, Ella in dies kleine Gefängnis zu stecken, das man eigens für sie eingerichtet hatte – und es war alles so gut vorbereitet, daß sie dort wohl niemand entdeckt hätte.«

»Aber warum denn das?«

»Ich bin mir noch nicht ganz klar, warum Gucumatz –«

»Wer ist Gucumatz?« fragte sie überrascht. »Den Namen habe ich noch nie gehört.«

»Ich weiß es noch nicht«, sagte er ablenkend. »Jedenfalls hat er mit Ella Creed zu tun. Ich habe die vergangene Nacht damit zugebracht, alle Einzelheiten des Falles William Lane nachzulesen. Ella erschien nicht vor Gericht, der einzige Zeuge der Bande, der auftrat, war Joe Farmer.«

»Du gibst mir immer mehr Rätsel zu lösen auf«, unterbrach sie ihn. »Ich weiß gar nicht, wovon du eigentlich sprichst. War Mr. Farmer denn mit dem Mann, der den komischen Namen hat, verfeindet?«

»Wir wollen jetzt essen gehen«, sagte Peter. Er küßte Daphne; dann nahm er ihren Koffer, und sie verließen das Haus.

»Findest du nicht, daß es dumm von mir ist, im Hotel zu schlafen?«

»Du hast ganz klug gehandelt; außer gefiederten Schlangen gibt es auch noch andere Gefahren.«

Als sie auf die Straße traten, sah Peter einen Mann vor dem Haus stehen, der ihm bekannt vorkam. Er rief nach einem Taxi, half Daphne beim Einsteigen und reichte ihr den Koffer hinein. Dann ging er auf den wartenden Mann zu.

»Wollen Sie mich sprechen, Hugg?« fragte er.

»Ja, Sir.« Huggs Stimme zitterte vor Erregung. »Heute abend habe ich ihn wieder gesehen.«

»William Lane?«

»Er war es ganz bestimmt!«

Peter dachte einen Augenblick nach und fragte dann:

»Woher wußten Sie eigentlich, daß ich hier bin?«

»Ich ging zuerst in Ihre Wohnung und fand dort niemand vor. Von da ging ich zum Grosvenor Square, um Mr. Crewe aufzusuchen. Aber auch der war nicht zu Hause. Ich fragte dann nach seiner Sekretärin und erfuhr, daß sie ihre Stellung gewechselt hätte. Man gab mir ihre Privatadresse, und so kam ich hierher und wollte mich nach Ihnen erkundigen –«

»Woher wußten Sie denn, daß Miss Olroyd über mich Auskunft geben kann?«

Aber plötzlich änderte Peter seinen Ton.

»Also gut, wo haben Sie William Lane gesehen?«

»In einer ärmlichen Pension – er ist sehr krank und wird wohl nicht mehr lange leben. Ich habe ihm fünf Schillinge geborgt, damit er nach Birmingham fahren kann, wo er Verwandte hat.«

Hugg wurde immer nervöser, während er sprach. Er konnte keinen Augenblick stillstehen und drehte sich dauernd um. Peter hätte schwören mögen, daß seine Zähne klapperten.

»Gut«, sagte er. »Kommen Sie morgen früh Punkt elf zu mir ins Büro.«

»Ich komme bestimmt«, entgegnete Hugg immer unruhiger.

Peter ging zum Wagen zurück und stieg ein.

»Ein alter Freund von mir«, erklärte er leichthin, erzählte aber nichts von der Unterhaltung, die er soeben geführt hatte.

Während des Essens entschuldigte er sich einen Moment bei Daphne und rief Leicester Crewe an.

»Kommen Sie heute abend zu mir, wenn Sie mich sprechen wollen«, entgegnete Crewe ärgerlich, als er erfuhr, wer anrief.

»Haben Sie sich mit dem Herrn in Verbindung gesetzt, den ich Ihnen als eventuellen Käufer für Ihre Aktien nannte?« fragte Peter.

Crewe antwortete in gezwungen liebenswürdigem Ton, daß er es schon getan hätte.

»Ich hoffe, daß ich mit ihm einig werde. Bis jetzt habe ich allerdings nur mit ihm telefoniert – morgen abend werde ich zu ihm gehen.«

Peter war den ganzen Abend in der besten Stimmung. Nach dem Essen brachte er Daphne nach Hause und fuhr dann zu seiner Redaktion, um nach eventuellen Neuigkeiten zu fragen. Unter seiner Post fand er eine Benachrichtigung, daß die Totenschau für den kommenden Dienstag festgesetzt worden war, und ein Schreiben von Oberinspektor Clarke, der ihn bat, möglichst bald in Scotland Yard vorzusprechen.

Er setzte sich an die Schreibmaschine und klapperte einen Artikel von etwa einer Spalte Länge herunter; der Nachtredakteur las ihn ohne große Begeisterung.

»Eine Meisterleistung ist das nicht – ist Ihnen nichts Interessanteres eingefallen?«

»Mir gefällt der Artikel ausgezeichnet«, entgegnete Peter unbekümmert und verschwand möglichst schnell.

Wenn Peter mit der Aufklärung eines Verbrechens beschäftigt war, kannte er keine Müdigkeit. Um Mitternacht streifte er durch die Victoria Dock Road und hatte das Glück, hier einen ihm bekannten Polizeisergeanten zu treffen, der seit vielen Jahren in diesem Distrikt Dienst tat.

»Hinter wem sind Sie denn schon wieder her? Neulich sah ich Sie mit Mr. Hugg, einem alten Bekannten der Polizei«, begrüßte ihn der Beamte. »Suchen Sie etwas Besonderes in meinem Bezirk . . .? Etwa einer großen Sache auf der Spur?«

»Dem Mord an Farmer«, entgegnete Peter lakonisch.

Der andere nickte verständnisvoll.

»Er hatte hier früher das Lokal ›Rose und Krone‹, und ich bin fest davon überzeugt, daß er es nur für irgendwelche dunklen Geschäfte benützte.«

»War er damals verheiratet?«

»Nein, bestimmt nicht.«

Peter erwähnte die Lewstons, aber der Sergeant zuckte die Schultern.

»Von denen habe ich nie etwas gehört.«

Sie schlenderten zusammen durch eine lange, dunkle Seitenstraße. Der Sergeant blieb stehen und zeigte auf ein Haus. »Das ist die ›Rose und Krone‹.«

Kein Fenster des kleinen, schmutzigen Gasthauses, das an der Ecke eines Gäßchens stand, war erleuchtet.

»In diesem Haus wurde die größte Razzia auf eine Falschmünzerbande durchgeführt, die ich jemals erlebt habe«, fügte der Beamte nachdenklich hinzu.

»Meinen Sie den Fall William Lane?«

»Ah, Sie erinnern sich daran – ja, es war Lane. Wir überraschten ihn inmitten seiner Werkstatt – inmitten von Druckmaschinen, Photoapparaten und mehreren tausend Stück französischer Banknoten, die gerade fertig geworden waren. Irgend jemand hat ihn verpfiffen, und es klappte alles wie am Schnürchen. Auf frischer Tat ertappt – er hat sieben Jahre bekommen. Farmer war übrigens der Hauptzeuge gegen ihn.«

»Können Sie mir sonst noch etwas von Lane erzählen?«

Der Sergeant schüttelte den Kopf, und sie gingen langsam auf das Haus zu.

»Nicht gerade viel, er war erst einige Wochen vor der Haussuchung dort eingezogen, und so kannte ihn keiner der Nachbarn näher. Wahrscheinlich hat er sein ›Handwerkszeug‹ bei Nacht und Nebel in das Gebäude geschafft. Als er festgenommen wurde, legte er ein volles Geständnis ab. Er wollte sich auch keinen Anwalt nehmen, bis das Gericht ihm schließlich einen Pflichtverteidiger zuwies.«

Über Crewe konnte der Sergeant keine Auskunft geben.

»Es ist sehr schwierig, die Spur von solchen zweifelhaften Existenzen zu verfolgen. Dieses Haus war nacheinander Absteigequartier von einigen berüchtigten Londoner Banden. Der Rauschgifthandel blühte, und die Polizei weiß heute noch nicht, wie viele gestohlene Wagen hier gehandelt und weiterverkauft wurden.«

Von der gefiederten Schlange hatte der Beamte zum erstenmal in den Zeitungen gelesen, als sie über den Mord an Joe Farmer berichteten.

»Das ist ja ein merkwürdiger Fall. Ich glaube fast, daß der Mörder jemand war, der sich an Farmer rächen wollte.«

Plötzlich kam ihm ein Gedanke.

»Ob William Lane in diese Geschichte verwickelt ist? Soviel ich weiß, wurde er vor einigen Monaten entlassen, und ich glaube, daß er verschiedene Gründe hatte, um mit Joe abzurechnen!«

Peters Nachforschungen waren noch lange nicht zu Ende, als er sich von dem Beamten verabschiedete. Er kam erst um drei Uhr morgens nach Hause und ließ sich, ohne die Kleider auszuziehen, sofort erschöpft auf sein Bett fallen.

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.