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Grün aus Trümmern

Paul Ernst: Grün aus Trümmern - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorPaul Ernst
titleGrün aus Trümmern
publisherAlbert Langen / Georg Müller
printrun6. bis 8. Tausend
year1933
firstpub1923
correctorreuters@abc.de
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Erstes Hauptstück

Der Schriftleiter des Volksblattes ging in seinem Arbeitszimmer wütend auf und ab, stöhnend und zuweilen mit dem Fuß auf den schmutzigen, feuchten Fußboden stampfend. Er hielt sich die Backe.

Das Zimmer war lang und schmal. Am Fenster stand der lange Schreibtisch, auf dem Zeitungen und sonstige Druckschriften aller Art staubig aufgehäuft lagen. Nur ein kleiner Raum auf ihm war frei zum Schreiben; da lag der angefangene Leitartikel, standen Tintenfaß und Kleistertopf. Ein Rohrstuhl aus gebogenem Holz, abgegriffen, durchgesessen, stand davor. Dann war da noch in einer Ecke ein emailliertes Waschbecken in eisernem Ständer, dahinter ein sehr schmutziges Handtuch an der Wand. An der Tür an Haken Hut, Rock und Manschetten. Die Nebentür öffnete sich. Ein Mann von etwa fünfzig Jahren, mit blondem, etwas angegrautem Vollbart sah durch die Spalte. Er fragte: »Was ist Ihnen denn, Herr Doktor?«

Dr. Lewandowsky, der Schriftleiter, ein verwachsener Mensch von etwa dreißig Jahren, mit unordentlichem Kopfhaar und Bart, übernächtig, verdrossen, erwiderte kurz: »Zahnschmerzen! Zahnschmerzen!« Er stampfte mit dem Fuß auf. »Verdammte Bude! Ihr Fenster schließt nicht. Beständig hat man Zug!«

Der Andere trat in das Zimmer und untersuchte das Fenster.

»Es schließt ganz fest. Ich kann nichts spüren.«

»Aber ich spüre es. Das genügt mir«, erwiderte Dr. Lewandowsky. »Weshalb lassen Sie nicht ein Doppelfenster anbringen? Für den Tintenkuli ist es wohl gut genug so, was?«

»Aber Herr Doktor!« entgegnete der Andere.

»Verdammte Zahnschmerzen! Habe früher nie Zahnschmerzen gehabt!« schrie der Schriftleiter.

»Gehen Sie gleich zum Zahnarzt, vielleicht ist es nur eine Kleinigkeit!« sagte der Andere. »Es ist genug Manuskript in der Druckerei.«

»Wissen Sie denn, ob ich die Zahnschmerzen los sein will?« fragte Dr. Lewandowsky ihn tückisch. »Der Mensch will sich fühlen. Fühlen will sich der Mensch. Aber das verstehen Sie nicht. Lassen Sie mich in Ruhe!«

Es klopfte an der Tür. Der Schriftleiter rief »Herein!« Ein junger Mann trat ein, ein Arbeiter, in weiten Hosen von schwarzem Baumwollsamt, die unten merkwürdig ausgeschweift waren, und mit einem ungeheuer großen schwarzen Schlapphut.

»Lassen Sie sich sehen, lassen Sie sich bewundern«, rief Dr. Lewandowsky höhnisch. »Ein Beau – ein Gentleman. Alle Mädchen sehen hinter ihm her.«

Der junge Mann lachte verlegen: »Wenn man im Streikzug geht, da zieht man doch seinen besten Staat an!«

»Selbstverständlich, den besten Staat! Verdammter Zahn! Na, was sagt denn der Krauter?«

Der junge Mann schwieg, es zog eine Röte über sein Gesicht, und er drehte den Hut in der Hand.

Der Ältere, Dritte, der bis nun schweigend gestanden hatte, legte ihm die Hand auf die Schulter: »Nehmen Sie Verstand an, Genosse. Der Mann hat recht. Sehen Sie sich noch drei, vier Jahre in der Welt um, dann kommen Sie wieder. Dann haben Sie was gelernt, dann haben Sie die Welt gesehen, dann machen Sie sich selbständig. Ich war dreißig, als ich mich selbständig machte.«

Der junge Mann schüttelte verlegen unwillig die Hand ab. »Also punkt zehn geht der Zug vom Bahnhof ab; die Bahnhofstraße, die Kaiser-Wilhelmstraße zum Schloß. Dann Demonstration vor dem Schloß. Es werden gegen fünftausend Mann.«

»Muß noch in die Abendnummer«, sagte der Schriftleiter. »Haben Sie die Ansprachen?«

Der Arbeiter suchte in der Brusttasche und gab ihm zwei geheftete Papiere. Der Schriftleiter setzte sich an den Tisch, nahm die Feder zur Hand, überflog die Seiten, machte Striche, änderte einige Worte und klebte die Blätter dann zusammen. Die beiden Andern sprachen inzwischen leise miteinander. »Ich sehe es ja wohl ein, es ist ja wohl vernünftig«, sagte der Jüngere, »Und man will doch auch weiter kommen. Es steht nicht gut mit dem Alten. Ich sage mir: was habe ich von der Selbständigkeit?«

Der Schriftleiter stand auf und rief: »Ja, das ist nun der deutsche Revolutionär. Erst Verlobung mit Minchen. Es ist doch eine richtige Verlobung, was? Die Tanten waren doch dabei? Was? Und dann: Versprechen, ich bleibe dir treu, du bleibst mir auch treu. Ich spare, du sparst, er spart, wir sparen. Wenn wir fünfzig alt sind, dann heiraten wir. Verdammte Zahnschmerzen! Vertiko, Sofa mit Plüschbezug und Paneel.«

Das Telefon klingelte. Er stürzte eilig hin, hielt sich den Hörer an den Kopf und schrieb, indem er einige Worte fragend wiederholte. Er wendete den Kopf: »Neueste Nachricht. Der österreichische Thronfolger in Serajewo gemordet. Wieder einer hin. Na, Hampe, dauert nicht mehr lange. Sie erlebens noch. Sie werden noch Präsident der deutschen Republik!«

»Ich habe meine Druckerei, ich bin der Vorsitzende der Partei im Land, ich bin im Landtag, ich bin im Reichstag, weiter will ich nichts«, erwiderte Hampe. »Die Entwicklung geht langsam, aber sie geht sicher. Wir erlebens nicht mehr, unsere Kinder vielleicht. Wir sind hier nicht in Serajewo.«

»Nein, wir sind hier alle Untertanen seiner Königlichen Hoheit des Herrn Großherzogs«, rief Dr. Lewandowsky höhnisch aus. »Wir zahlen unsere Gelder an die Organisation und lesen das Parteiblatt, wir beteiligen uns an den Streiks und an den Demonstrationen, und dann gehen wir nach Hause und trinken unser Flaschenbier. Ausländer, Fremde sind es meist, die unter uns gesät den Geist der Rebellion. Dergleichen Sünder, gottlob! sind selten Landeskinder.«

»Ja, dem deutschen Arbeiter fehlt es eben an Aufklärung«, sagte der junge Mann. »Ihnen, Genosse Hampe, kann man das nicht übelnehmen. Sie sind schließlich kein Proletarier.« »Kleinbürgerlich bis auf die Knochen, die ganze Partei in Deutschland«, sagte Lewandowsky. »Wer weiß. Einmal muß ja die Geschichte ins Rollen kommen. Der Zarismus kann keinen Stoß mehr aushalten. Dann gehe ich nach Rußland.«

»Genosse Müller«, sagte Hampe mit Nachdruck. »Ich habe die Druckerei. Aber mein Besitz ist das Eine, und meine Überzeugungen sind das Andere. Das hat nichts miteinander zu tun. Ich habe noch das Sozialistengesetz mitgemacht. Damals war es nicht so leicht, wie heutzutage. Ich bin ja kein studierter Mann, aber das weiß ich, daß die Wissenschaft für den Sozialismus ist, das sehe ich, daß der Kleinbetrieb sich nicht halten kann heutzutage. Aber Fleiß und Ehrlichkeit ist auch etwas. Und wenn einer ein ordentlicher Kerl ist, so findet er schon ein Unterkommen.« »Na, wie ist es, Hampe, wenn ich zu Ihnen steige und sage: ›Geben Sie mir Ihre Tochter zur Frau‹, was sagen Sie da?« fragte ihn lachend Lewandowsky.

Hampe erwiderte: »Sie haben studiert und sind Doktor, und Sie sind mir sehr wert als Schriftleiter. Wenn Sie mir auch manchmal zu scharf sind, denn die Abonnenten vermehren sich, und das ist die Hauptsache. Aber meine Tochter gebe ich Ihnen nicht. Das wissen Sie ganz genau. Sie haben auch bloß einen Witz gemacht mit der Frage. Alles, wo es hingehört. Sie haben eine große Zukunft in der Partei vor sich. Sie haben große Gaben. Wer weiß, was einmal aus Ihnen werden kann. Ich habe mein Auskommen, und mein Schwiegersohn kann mir einmal im Geschäft helfen.«

»Verdammter Zahnschmerz«, schrie Dr. Lewandowsky. »Was wollen Sie denn eigentlich bei mir? Ich begleite den Zug, vielleicht kommt noch ein Zwischenfall, der in die Zeitung muß, aber wahrscheinlich ist das ja gerade nicht. So, nun, meine Herren, können Sie das Zimmer verlassen. Der Leitartikel schreibt sich nicht von selber. Zum Zahnarzt ist ja keine Zeit, da ist zum Schwatzen auch keine.« Der junge Arbeiter verabschiedete sich ungeschickt. »Hören Sie mal, Müller«, rief ihm der Schriftleiter nach, »Sie haben gehört, eben habe ich einen Korb gekriegt. Wie ist es denn, Minchen hat doch noch eine Schwester? Könnten wir Schwäger werden? Den Zimmerplatz beanspruche ich nicht, den können Sie erben, aber vielleicht hat der alte Krauter noch so etwas Pinke Pinke?«

Der junge Mann lachte verlegen und ging ohne Erwiderung aus dem Zimmer. Der Buchdruckereibesitzer trat in das Nebengelaß zurück, und so blieb Dr. Lewandowsky allein. Das Volksblatt war die sozialdemokratische Zeitung der Hauptstadt O. des gleichnamigen Großherzogtums. Aus dem Gespräch der drei Männer haben wir schon erfahren, daß ein größerer Streik begonnen hatte. Die sämtlichen Bauhandwerker hatten die Arbeit niedergelegt. Der junge Mann, dessen Namen Müller der Schriftleiter nannte, war Zimmermann und war Vertrauensmann seiner Gewerkschaft; er war ein tüchtiger und verständiger Mann, außerdem unverheiratet, und so machte es sich denn von selber, daß er der eigentliche Anführer in der Streikleitung war.

O. war eine Stadt von etwa siebzigtausend Einwohnern. Wer eine Vorstellung von ihr bekommen wollte, der mußte sich ihre Entstehung klarmachen. Noch bis in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hatte sie nicht mehr wie zwanzigtausend Einwohner gehabt. Da war das Schloß, das mit zwei Flügeln in einen eisengitterumzäunten Garten hineingebaut war, auf den die Hauptstraße führte, die Kaiser-Wilhelmstraße, mit Häusern meistens aus dem achtzehnten Jahrhundert. Heute waren im Erdgeschoß dieser früher vornehmen Häuser überall Läden mit großen Spiegelscheiben ausgebrochen. Hinter dieser Hauptstraße auf beiden Seiten befand sich ein Gewirr von Straßen, Gassen und Gäßchen, in denen Handwerker und kleine Geschäftsleute hausten. In den sechziger Jahren hatte man den Bahnhof etwas außerhalb der Stadt gebaut; schon längst aber war durch eine breite Straße die Verbindung mit der alten Stadt hergestellt; sie stieß in stumpfem Winkel auf die Kaiser-Wilhelmstraße, welche denn so als ihre Fortsetzung erschien; schon längst hatten sich Parallelstraßen zur Bahnhofstraße und verbindende Querstraßen entwickelt; alle mit dreistöckigen Häusern, wie sie in jenen Jahrzehnten gebaut wurden, alle sehr weit, ganz gerade und recht kahl. In der Bahnhofstraße standen große Geschäftshäuser, Banken, auch eine große Volksschule; in den Nebenstraßen wohnten in den hohen und großen Häusern Arbeiter, kleine Angestellte, in den Kellern waren Läden für Eßwaren und Ähnliches.

Auf der diesem Bahnhofsviertel gegenüberliegenden Seite der Altstadt befand sich das Villenviertel. Es war zunächst in einen alten städtischen Park hineingebaut, den man aufgeteilt hatte; und als die aufgeteilten Stücke nicht mehr ausreichten, hatte man weitere Villenstraßen in das umgebende Ackerland gezogen, Gärten eingerichtet mit jungen Bäumen und Ziersträuchern. Die Villen waren in der Geschmacksrichtung ihrer Entstehungszeit gebaut: zuerst kam deutsche Renaissance, meistens Ziegelbau mit Bruchsteinecken, Türmchen, auch wohl zwei Pyramiden auf dem Dach. Dann schlossen sich Häuser an, welche nicht mehr einen so einheitlichen Charakter trugen: da kam Jugendstil, Englischer Stil, auch Biedermeierbestrebungen machten sich geltend; aber in sehr vielen Straßen waren die Bäume doch schon so groß, daß man von der Architektur nicht allzusehr gestört wurde. Es hatte früher eine Landstraße quer durch den Park geführt. Zu deren Seiten waren die ersten Villen gebaut, und so hatte sie sich denn zur Hauptstraße des Viertels entwickelt; sie hieß jetzt noch »Landstraße«. Sie stieß wieder in einem stumpfen Winkel auf die Kaiser-Wilhelmstraße, so daß vom Bahnhof aus ein einheitlicher Straßenzug durch die ganze Stadt hindurchführte.

Der Großherzog war ein alter Herr, der nun mit Bewußtsein seit den vierziger Jahren die ganze große Entwicklung Deutschlands mitgemacht hatte: er hatte noch die letzten Nachklänge unserer geistigen Zeit gehört, dann war er in die liberale Zeit gekommen, die bestimmend und bildend auf ihn gewirkt hatte; bei der Gründung des Reichs durch den großen Kanzler hatte er in seinem kräftigsten Mannesalter gestanden und war opferwillig und begeistert einer der mächtigsten Helfer bei der großen Tat gewesen; dann hatte er den wirtschaftlichen Aufschwung gesehen: die Zunahme der Bevölkerung, die auch seine Hauptstadt so ganz verändert hatte, die Zunahme des Reichtums, die Entwicklung neuer Gesellschaftsklassen, die Rückbildung und das Untergehen alter. Er wurde von den Bürgern verehrt als das lebende Zeichen bedeutender geschichtlicher Vorgänge, als der ehrenhafte und tüchtige Mitarbeiter an ihnen. Aber von Jahr zu Jahr war die Sozialdemokratie mächtiger geworden, die sich nicht mehr durch geschichtliche Bande an ihn und sein Haus gefesselt fühlte und ihm fremd gegenüberstand; das ältere Geschlecht war ihm nicht feindselig, es war noch unter den Jugendeindrücken des allgemeinen Liberalismus aufgewachsen; aber die jüngeren Leute trugen schon eine heftige Gegnerschaft zur Schau und sprachen gern unter sich über eine republikanische Neuordnung der Verhältnisse, wo dem Tüchtigen freie Bahn gegeben werden sollte und veraltete Vorrechte fallen mußten.

Wir haben bereits die vornehmsten sozialdemokratischen Führer kennen gelernt. Es war das der Buchdruckereibesltzer Hampe, ein Mann in den Fünfzigern, der sich aus ganz kleinen Anfängen zu einem achtbaren Besitz emporgearbeitet hatte; er war der Drucker des Parteiblattes und gewissermaßen auch sein Besitzer, freilich sehr eingeschränkt in seinem Besitzrecht durch Einspruch und Besteuerung der Genossen. Er hatte eine ordentliche und fleißige Frau, die früher, solange es nötig war, im Geschäft mitgeholfen hatte, aber sich nun ganz ihrer Wirtschaft widmete, und ein einziges Kind, eine Tochter von nun fast sechzehn Jahren. Er war Abgeordneter der Partei im Reichstag und im Landtag, und seine tüchtige, verständige und bürgerlich ehrenwerte Art hatte viel dazu beigetragen, daß die Partei sich so schnell im Land verbreitet hatte. Der junge Zimmergeselle Müller war erst vor zwei Jahren zugezogen. Er war ein fleißiger und ordentlicher Arbeiter mit Streben nach Höherem: er hatte eine kleine Bibliothek naturwissenschaftlicher und politischer Werke, in der er eifrig las, und unermüdlich war er für Partei und Gewerkschaft tätig. Dr. Lewandowsky war gleichfalls nicht einheimisch. Er stammte aus Posen und war durch Beziehungen, die er als Schriftsteller in Parteikreisen hatte, nach O. als Schriftleiter gekommen, wo er nun schon seit drei Jahren lebte und wirkte. Da der Hof liberal war, so hatte die konservative Partei keine große Bedeutung. Die höheren Stände, die Unternehmer und Geschäftsleute rechneten sich fast ausschließlich zur liberalen Partei. Sie hatten die Vorstellung, daß 1871 eine große Tat geschehen sei, die sie nun zu schützen und zu ehren hatten; sie wünschten wohl, daß in Berlin ein freiheitlicherer Kurs eingeschlagen würde; aber sie waren doch dankbar dafür, daß sich Kunst und Wissenschaft, Handel und Industrie so entwickeln konnten, und nahmen an, daß vor der immer zunehmenden Bildung alle Gespenster rechts und links allmählich verschwinden mußten, und daß auch alle äußeren Verhältnisse und Beziehungen des Reichs sich immer günstiger gestalten würden durch Arbeit, Verstand, Bildung und Redlichkeit des deutschen Volks.

Der Liberalismus war hier ein enges Bündnis eingegangen mit den geistigen Mächten der Nation. Ein weltberühmter Unternehmer hatte in O. seinen Sitz, welcher sich zur Aufgabe gemacht hatte, Bildung und Wissen im weitesten Kreise des Volks zu verbreiten. Der Kommerzienrat Werner war der Besitzer und Leiter eines großen Verlagsunternehmens, das die Hauptwerke der Literatur in billigen und guten Ausgaben druckte; und sein Geschick und Fleiß hatte das Geschäft so gestellt, daß eine große Druckerei mit einem Personal von fast zweitausend Mann, mehrere große Papierfabriken im Lande und andere, kleinere Betriebe fast alles aus den Rohstoffen selber herstellten, was für das Verlagsgeschäft nötig war. Die Geschäftsgebäude des Kommerzienrats Werner lagen auf der Seite des Bahnhofs außerhalb der Stadt. Etwas später, als das erzählte Gespräch in der Druckerei des »Volksblatts« vor sich ging, saß Werner in seiner Schreibstube, öffnete die eingegangenen Briefe, versah sie mit kurzen Bemerkungen und legte sie dann neben sich zur Seite. In den Betrieben war es still. Die Arbeiter und ein Teil der Angestellten waren in einen Sympathiestreik für die Bauarbeiter eingetreten.

Es klopfte bescheiden an der Tür. Auf das Herein öffnete sie sich, und der Faktor der Druckerei trat ein.

»Setzen Sie sich, Reichardt«, sagte der Kommerzienrat und wies auf einen Stuhl neben seinem Schreibtisch.

»Ich habe es mir nun genau berechnet. Wenn Herr Kommerzienrat meinen, dann können wir den ganzen Homer mit den kleineren Gedichten gebunden für eine Mark fünfzig Ladenpreis abgeben.«

»Das ist mir lieb, das freut mich«, sagte Werner. »Ich habe hier noch ein paar Handschriften angeboten bekommen; das ist etwas, was die Leute kaufen für die Eisenbahn; bei dem können wir etwas verdienen, das rechnen wir dann dem Homer zugute. Das ist immer mein Wunsch gewesen, auch einen billigen Homer zu haben. Sie können doch die Leute beobachten. Meinen Sie, daß viele von den jüngeren Leuten sich den Homer kaufen werden?«

»Einige gewiß«, sagte Reichardt.

»Es geht langsam, es geht langsam. Aber es geht doch vorwärts, es muß doch vorwärts gehen!«

»Ja, natürlich, Herr Kommerzienrat«, sagte Reichardt, »und es ist doch auch wichtig, daß wir einmal der Welt zeigen, was die Firma leisten kann. Den Homer für eine Mark fünfzig, holzfreies Papier, klarer Druck, Ganzleinen mit Goldaufdruck, das macht uns so leicht keiner nach. Da kann die Konkurrenz sich anstrengen.«

»Wie steht es denn nun mit dem Streik?« fragte Werner.

»Unsere Leute treten morgen wieder an. Heute ist der große Demonstrationszug. Am Bahnhof sammeln sie sich. Die berittenen Schutzleute stehen schon überall den ganzen Weg entlang. Die Soldaten werden in der Kaserne gehalten. Ach, Herr Kommerzienrat, das ist kein Arbeiten mehr! Die jungen Leute wissen alles besser als unsereins, man darf schon kein Wort mehr sagen. Sehen Sie, ich habe das Gymnasium bis Tertia besucht. Mein Vater sagte: ‹Wenn du einmal Setzer werden willst, dann mußt du auch griechische und lateinische Worte setzen können, die kommen immer einmal vor.› Dann habe ich fünf Jahre gelernt, fünf Jahre. Und dann bin ich auf Wanderschaft gegangen. In England bin ich gewesen und in Frankreich. Aber heutzutage? Was ich bloß für Ärger habe, die Bengels immer pünktlich in die Fortbildungsschule zu bringen! ›Bildung macht frei‹, sage ich ihnen; aber Kino, Tanzboden, Mädchen, Kneipe, das ist es heute. Und dann drei Jahre Lehrzeit, und in denen nichts gelernt wird. Aber gleich hohen Lohn, das muß ja sein! Und dann losgeheiratet, so eine Schlunze vom Tanzboden weg, an der sich schon ein halbes Dutzend abgewirbelt hat. Es ist keine Ehre mehr in der Welt, Herr Kommerzienrat, und wenn keine Ehre mehr ist, dann ist alles zu Ende.«

Werner seufzte: »Ja, daran darf man nicht denken. Das müssen einmal die jungen Leute in Ordnung bringen. Wir können da nichts mehr tun.«

Ein Geräusch ließ sich von weitem vernehmen von taktmäßig gehenden Männern. »Das ist der Zug«, sagte der Faktor. Durch eine Lücke in den Häusern konnte man auf die Bahnhofstraße sehen; dort zog es schwarz von Menschen vorbei. »Bei Hahn und Sohn ist der Sympathiestreik auch angesagt. Das ist eine richtige Heerschau«, sagte der Faktor.

Wie ein Rauschen des Meeres klang das Marschieren des Zuges.

»Kommen Sie denn noch manchmal mit Hampe zusammen?« fragte Werner.

»Wenig. Die Ansichten sind zu verschieden«, erwiderte der Faktor. »Und dann: Er ist jetzt Prinzipal, er ist Landtagsabgeordneter, er ist Reichstagsabgeordneter, da will er eben einen anderen Umgang haben.«

»Er selber ist doch wohl ein ordentlicher Mann?«

»Da ist nichts zu sagen. Und er kommt auch vorwärts. Aber er paßt mir nicht mehr. Und sein Umgang paßt mir auch nicht. Ich bin ein Handwerker. Wenn bei uns zu Hause mehr Geld gewesen wäre, dann hätte ich ja wohl studieren können. Aber der Handwerkerstand muß auch sein. Und jeder muß wissen, was er ist. Und mit solchem Volk mag ich nichts zu tun haben, mit dem Hampe verkehrt, das lebt doch nur von den Arbeitergroschen, und wenn sie unter sich sind, dann lachen sie bloß über die Dummen.«

Der Zug ging und ging. Die beiden Männer sahen durch das Fenster, wie in den schmalen Ausschnitt der Lücke immer wieder neue Menschen taktmäßig vorkamen und verschwanden.

Der Zug ging durch die Bahnhofstraße, die Kaiser-Wilhelmstraße. Vor dem Schloß stellten sich die Massen auf. Es waren Ordner vorgesehen, welche die Reihen verteilten. Der große Platz vor dem eisernen Gitter war angefüllt von Männern, die Nebenstraßen auch; in der Wilhelmstraße wurde der Raum freigehalten für die Elektrische Bahn.

Drei Männer gingen zwischen den Wachen vor ihren Schilderhäuschen durch das eiserne Tor, überschritten den freien Platz zwischen den Flügeln und traten in das Schloß. Es waren Hampe, Müller und einer der Führer der Maurer. Sie wurden in einen großen und hohen Saal geführt. Die Wände waren weiß lackiert und vergoldet; es waren in festen Zwischenräumen Wandleuchter aus Bronze angebracht. Von der Decke hing ein großer Leuchter mit Kerzen herab; die Kerzen waren aus Porzellan nachgebildet und trugen an der Spitze ein Glühlämpchen. Der Saal war ganz leer, kein Stuhl und kein Tisch stand da. Der Boden war spiegelblank, zum Ausgleiten.

Die Männer standen da und waren verlegen; sie wußten nicht, wohin sie ihre Hände tun sollten. Hampe war in Frack und Zylinder, mit weißen Handschuhen; Müller in der beschriebenen Zimmermannstracht, der Maurer in dunklem Sonntagsanzug.

Die Tür wurde geöffnet und der Großherzog trat herein. Er war ein hoher und schlanker alter Herr, leicht gebückt, in einer prächtigen Uniform.

Die Drei verneigten sich tief, der Großherzog winkte leicht mit der Hand.

Hampe räusperte sich. »Königliche Hoheit,« begann er, »das arbeitende Volk Ihrer Residenzstadt ...« Er stockte. Er hatte sich eine kurze Rede zu Hause aufgeschrieben und wörtlich auswendig gelernt, aber nun versagte ihm plötzlich vor Verlegenheit das Gedächtnis, und es fiel ihm nichts ein, was er sonst sagen konnte; so fing er von neuem an: »Königliche Hoheit, das arbeitende Volk Ihrer Residenzstadt ...« Der Schweiß trat ihm auf die Stirn.

Der Großherzog sagte: »Sie wollen mir mitteilen, Herr Abgeordneter, daß die Bürger meiner Hauptstadt Beschwerden vorzubringen haben. Ich habe ein offenes Ohr für alle meine Untertanen. Als ich nach dem Hinscheiden meines hochseligen Herrn Vaters die Regierung meines Landes übernahm, da erklärte ich, daß meine Sorge der Wohlfahrt des Volkes geweiht sein solle. Ich habe mich bemüht, und wurde darin von meiner Regierung und meinem Landtag unterstützt, alle gebundenen Kräfte frei zu machen, jedem meiner Untertanen zu ermöglichen, nach seinen Anlagen und erworbenen Fähigkeiten zu arbeiten, um sein Los zu verbessern. Die alten Beschränkungen der Erwerbung des Bürgerrechts wurden aufgehoben. Die Gewerbefreiheit wurde eingeführt. Eine Bevorzugung des Adels findet in meinem Lande nicht statt, mein erster Minister ist bürgerlich; ich bin stolz darauf, daß er der Sohn eines rechtschaffenen Tischlermeisters dieser Stadt ist. Die neue Zeit brachte die neuen Aufgaben der sozialen Gesetzgebung. Sie wurden nach Kräften gelöst. Ich bin mir bewußt, daß große Veränderungen im gesellschaftlichen Leben der Menschheit vor unsern Augen vor sich gehen; es wird immer mein Streben sein, die Schwachen zu unterstützen in ihrem Kampf ums Leben; Sie wissen, daß von meinen Vorfahren eine Reihe von hochherzigen Stiftungen begründet sind, die zeitgemäß ausgebaut werden. Für jede Anregung bin ich dankbar.«

Er sah Hampe an, der weiter schwieg.

Nun schloß er: »Vielleicht haben Sie mir Vorschläge zu machen, ich bitte Sie, dieselben schriftlich aufzusetzen und mir einzureichen. Ich werde sie meinen Ministern zur Prüfung übergeben.« Ein Wink, die drei Männer verbeugten sich tief, und der Großherzog verließ den Raum. Auf der Treppe sagte der Maurer zu Müller: »Du, Albert, nun sind wir ebenso klug wie vorher.« Sie gingen über den freien Platz zwischen den Flügeln zurück, durch die eiserne Tür zu den harrenden Leuten. Hampe hatte ein leises Gespräch mit den Ordnern. Die zusammengehörenden Gruppen wurden in bestimmter Reihenfolge durch Querstraßen abgeführt, und bald waren Platz und Straße, wie sie vorher ausgesehen hatten. Es war die Zeit des Schulschlusses. Aus der Tür des Gymnasiums brachen die Kleinen, lachend, schreiend, sich knuffend, und sich schnell nach ihren Richtungen verteilend, dann kamen die größeren Schüler, plaudernd, streitend, mit ihren tiefern Stimmen, eifrig mit ihren kleinen Mappen.

Hans Werner, der einzige Sohn des Kommerzienrats Werner, ging mit zwei Freunden die Kaiser-Wilhelmstraße hinunter, dann in die Landstraße; erst trennte sich der eine Freund, dann der andere; er bog in eine Nebenstraße ein, die zu dem elterlichen Hause führte. An der Ecke einer Gasse blieb er stehen; hier lagen die Häuser in großen Gärten, der Weg führte an Zäunen, über welche Sträucher und Bäume überwuchsen. Hans trat einige Schritte zurück, so daß er auf der Straße nicht von weitem her gesehen werden konnte, und lauschte durch das Blattwerk.

Da bog Anna Hampe in die Straße ein, ihre Büchermappe übermütig an den Tragriemen schwenkend. Sie war ein frisches, rotbackiges Mädchen, mit braun strahlenden Augen, bräunlichem Gesichtston und dickem, dunkelbraunem Haar, das ihr in zwei sehr starken Zöpfen auf den Rücken siel. Plötzlich blieb sie stehen und sah sich um. Es war niemand auf der Straße. Da lag zwischen den Stäben eines eisernen Gitters, das einen Garten von der Straße abtrennte, ein kleiner Veilchenstrauß. Sie bückte sich rasch, ergriff ihn, und barg ihn in der hohlen Hand. Hans kam aus seinem Versteck hervor, mit gleichgültigem Ausdruck des Gesichts, als gehe er in gewöhnlicher Weise seinen Weg. Er ging an Anna vorüber und grüßte sie höflich. Sie dankte ihm mit einer hastigen Kopfbewegung, und in der Verlegenheit machte sie dazu einen Knicks, wie die kleinen Mädchen machen; das Blut war ihr ins Gesicht geschossen, tiefdunkel bis zu den Haarwurzeln. Sie hatte ihre Mappe fester gefaßt und ging mit festen Schritten.

Nun stand Hans vor der väterlichen Gartentür. Er öffnete sie und trat ein, dann ging er den Kiesweg zum Hause. Die Frau des Kommerzienrats Werner war schon vor längeren Jahren gestorben. Eine unverheiratete Schwester, Tante Minna, versorgte den Haushalt. Am Mittagstisch saßen der Kommerzienrat, Tante Minna und Hans. Der Vater erzählte von der Ermordung des Erzherzogs. »Hoffentlich zieht die Tat nicht weitere Folgen nach sich. Wahrscheinlich steht hinter ihr die russische Partei in Serbien und wird von den Kriegshetzern in Rußland geschoben. Wenn sich an dem Verbrechen ein Krieg entflammt, dann wird es der Weltkrieg«, sagte er.

»Muß dann Hans auch mit?« fragte Tante Minna besorgt. Der Vater lächelte: »Ich nehme an, er geht freiwillig. Ich gehe auch. Denn wenn wir in diesem Krieg besiegt werden, dann sind wir verloren« – er fügte mit düsterer Miene hinzu: »Vielleicht auch, wenn wir siegen.«

Hans blickte scheu zu seinem Vater hin, dessen Stirne tief durchfurcht war. »Man kann nur seine Pflicht tun«, sagte er.

»Lieber Sohn«, erwiderte der Kommerzienrat, »das habe ich auch immer gedacht, als ich noch jünger war. Nun bin ich fast fünfzig Jahre alt, da kann man schon auf manches zurückblicken, da beginnt man das eigene Leben zu verstehen und das Leben der andern. Das genügt nicht, daß man seine Pflicht tut. Man muß mehr tun.«

Hans sah den Vater mit glänzenden Augen an: »Was, Vater?«

»Wenn ich das wüßte; mein Kind, dann wäre ich ein anderer Mensch«, sagte Werner. »Das ist es, daß ich das nicht weiß. Aber die andern wissen es auch nicht. Ich habe noch niemanden gefunden, der es mir sagen konnte. Ich bin ein Geschäftsmann, aber ich habe doch immer meine Tätigkeit als Amt aufgefaßt. Als welches Amt? Wir leben in einer Zeit, da die Gedanken und Gefühle, welche früher nur in einem kleinen Kreis lebten, sich über das ganze Volk verbreiten, so habe ich immer gedacht. Das erste Buch, das ich druckte, war der Faust. Ich dachte: ›Früher konnten nur die Wohlhabenden das Buch lesen. Nun soll es dahin kommen, daß auch der ärmste Lehrjunge es sich kaufen kann‹. Er kauft es sich ja auch. Aber, weißt du, manchmal denke ich: war denn mein Leben richtig? Habe ich mich nicht geirrt?«

»Das wäre ja fürchterlich, wenn du dir das sagen müßtest,» erwiderte Hans.

Werner lächelte: »Ich kenne keinen Menschen, bei dem nicht etwas Fürchterliches in der Art vorliegt. Der Unterschied ist nur, daß die meisten durch eine glückliche Blindheit geschützt sind, denn sonst würden sie wohl das Leben nicht tragen können.«

Die Tante klapperte mit den Tellern. »Solche Gespräche sind nichts für junge Leute, Schwager«, sagte sie. »Laß ihn einen tüchtigen Menschen werden, der im Leben seinen Mann stellt. Zum Herbst macht er nun die Abgangsprüfung. Er hat jetzt viel zu arbeiten. Wir wollen hoffen, daß nicht etwa ein Krieg dazwischen kommt. Ein unterbrochner Bildungsgang ist ein großes Unglück für den Menschen.«

»Es gälte zu prüfen, ob es überhaupt ein Glück für die Menschen ist, wenn ihnen das Höchste so nahe gebracht wird«, sagte Werner, wie zu sich selber.

»Vielleicht ist es so, wie mit dem äußern Wohlstand, der auch nur von wenigen ohne Gefahren ertragen werden kann. Aber wenn das so wäre, dann wären alle Ansichten falsch, in denen ich gelebt habe, und für die meine Arbeit ist. Und wozu lebe ich denn?«

»Für deine Familie, Schwager«, sagte die Tante scharf. Gutmütig lächelnd reichte ihr Werner die Hand: »Ja, du hast recht. Wir wollen nicht in Zwist geraten.«

Damals brachte jeder Tag wichtige Ereignisse. In der Schriftleitung des Volksblatts hatte Dr. Lewandowsky häufige Unterredungen mit dem Druckereibesitzer und Verleger. Er sagte: »Der Zarismus will den Krieg anzetteln. Das Proletariat ist gegen Zarismus und Militarismus. Jetzt schlägt die Stunde der Befreiung.«

Es wurden immer die neuesten Nachrichten sofort gedruckt und an den Straßenecken angeschlagen. Im einfachen Volk war eine große Unruhe, niemand wußte recht, was werden sollte. Es war die Vorstellung: »Sie wollen über uns herfallen, sie wollen unsere Industrie vernichten, es gilt unser Brot!« Aber niemand im einfachen Volk wußte recht, wie das nun alles im einzelnen war; es wurde gesagt: »Das läßt der Engländer nicht zu«; einem solchen Ausspruch wurde entgegengehalten: »Der Engländer ist selber neidisch auf unsere Konkurrenz, wir sind ihm doch über, wir schlagen ihn glatt auf dem Weltmarkt.«

»Wird der Kaiser auch Mut haben?« fragten einige bekümmert; »er hat die großen Worte, aber Taten sieht man nicht. Er wird warten, bis es zu spät ist.« Andere erwiderten: »Er muß. Der Generalstab kommt und sagt: ›So und so, Majestät, wir müssen losschlagen, sonst übernehmen wir keine Sicherheit‹.«

Nun kamen der Mobilmachungsbefehl und die Kriegserklärung. Es war, als wenn die Nachrichten sich durch eine Art von Ansteckung verbreiteten, ohne Worte. Plötzlich zeigte es sich, daß in den Straßen die Leute in einem Zuge gingen; es waren Männer, Frauen und Kinder. Es wurde gesungen, zuerst war es die »Wacht am Rhein«. Da waren die Züge schon auf die Hauptstraße gekommen; die Kaiser-Wilhelmstraße herab kam bereits ein großer Zug; die kleineren Züge ordneten sich ein, wie es im Stocken und bei vorhandenen Lücken ging. Die »Wacht am Rhein« war verstummt, es kam das Lied »Deutschland, Deutschland über alles«. Nun sammelten sich die Menschen auf dem Platz vor dem Schloß, die großen eisernen Tore wurden geöffnet, die Menschen fluteten in den abgezäunten Raum zwischen den Flügeln und standen dicht gepreßt. Von einer Gruppe wurde angestimmt:

Ein feste Burg ist unser Gott,
Ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not,
Die uns jetzt hat betroffen.

 

Alle Männer hatten ihre Hüte und Mützen abgenommen und hielten die Hände gefaltet. Da konnte man Arbeiter und hohe Beamte sehen, rauhe und schwarze Hände, und feine, weiße Hände. Der Großherzog war herausgetreten und stand oben auf den Stufen. Er hielt den Helm unter dem Arm, auch er hatte die Hände gefaltet.

Es geschah, daß Männer sich die Hände schüttelten, die sich nie gesehen hatten. »Nun ist alles eins«, sagten sie. »Sie sind reich und ich bin arm, aber wir sind zwei Deutsche«, wurde wohl gesagt. Ein Mann stand mit seiner Frau da, wohl ein Krämer. Der Frau kamen Tränen. »Mußt du denn nun mit fort?« fragte sie. »Beherrsche dich«, erwiderte der Mann, »ich bin Unteroffizier.« Ein junger Arbeitsbursche, ein hübscher, frischer Kerl, stand neben einem Mädchen aus den höheren Ständen, das atemlos auf den Großherzog hinsah. Plötzlich fühlte sie sich von dem jungen Mann umarmt und geküßt. Sie wollte schreien; aber der junge Mann sagte treuherzig: »Ruhig, Fräulein, es ist nicht böse gemeint. Ich muß heute noch fort, morgen bin ich vielleicht schon tot.« Das Mädchen sah ihn an, dann gab sie ihm selber einen Kuß. Der junge Mann errötete und verlor sich in der lachend die Beiden umgebenden Menge. Die Glocken läuteten von den Kirchen, ihr Ton klang durch alle Geräusche der Stadt. Schon kamen die Eisenbahnzüge mit Kriegern durch, die an die Grenze fuhren. Auf dem Bahnhof standen Frauen, welche Kaffee kochten und Brote bereiteten für die Durchfahrenden. Bis dahin sagten alle Leute als Abschiedsgruß »Adieu«. Ohne Verabredung, mit einemmal sagten sie nun »Auf Wiedersehen«, sie wollten das Fremdwort nicht mehr hören.

In der Kaserne war ein reges Treiben. Die Einberufenen drängten sich in schwarzen Scharen, ein Päckchen, eine Pappschachtel in der Hand. Es wurden Züge gebildet, die hinausgeführt wurden zum Bahnhof. »Nach dem Westen«, hieß es, »nach dem Westen, die Franzosen sind die Gefährlichsten. Laßt die Russen nur ins Land kommen, das müssen wir aushalten. Erst müssen wir die Franzosen schlagen, dann erst können die Russen an die Reihe kommen.« Es wurde von dem Russeneinfall in Preußen erzählt. Die englische Kriegserklärung wurde besprochen. »Ja, der Engländer hat doch die belgische Neutralität beschworen, er muß seinen Schwur halten. Aber wir, was sollen wir machen? Wir sind in der Notwehr, wir haben mit zwei Feinden zu tun.«

Wenn die Züge in den Bahnhof einfuhren, dann sangen die Krieger. Sie drängten sich, um den Kaffee, die Brote zu empfangen. »Nur keine Angst«, riefen sie den Leuten auf dem Bahnhof zu. »Wir schaffen es schon. Ins Land dürfen sie nicht.« Immer mehr Staaten erklärten den Krieg. »Das gibt tüchtige Arbeit«, riefen die Krieger. »Besser auf einmal, dann hat man nachher seine Ruhe.«

Auf dem Gymnasium wurde mitgeteilt, daß diejenigen, welche freiwillig mitgehen wollten, eine Notprüfung ablegen könnten. Alle jungen Männer, welche etwa das nötige Alter hatten, drängten sich zu der Prüfung. Auch Hans meldete sich.

Sein Vater zu Hause trug schon die Offiziersuniform. Er bereitete sich auf den Abmarsch vor, nun hatte er noch viel zu ordnen, denn er ließ einen großen Betrieb zurück, und es war nötig, daß zu Hause alles in Ruhe seinen Gang ging, damit die Leute draußen ihr frisches Herz haben konnten.

Er besuchte den Präsidenten des Landgerichts und sagte zu ihm: »Ich gehe hinaus und fühle, daß ich nicht zurückkomme. Ich bitte, daß ich Sie als Vormund für meinen Sohn vorschlagen darf. Ich weiß sonst niemanden; das Amt ist sehr schwer durch die Größe meines Unternehmens. Es werden große Umwälzungen kommen, natürlich müssen sie sich auch bei meinem Geschäft bemerkbar machen. Ich möchte, daß das, was ich mir erarbeitet habe, bestehen bliebe; und ich möchte, daß mein Sohn, wenn es etwa schlimm kommen sollte, nicht alles verliert. Danach richten Sie sich. Die Hauptsache ist, daß mein Geschäft erhalten wird. So viel, daß er nicht gerade Proletarier wird, muß ja für meinen Sohn doch wohl immer bleiben. Es wird ja wohl nach dem Krieg alles neu aufgebaut werden müssen.« Der Präsident gab ihm die Hand und sagte: »Ich werde tun, was ich kann. Auch ich sehe schwere Zeiten bevorstehen. Die Arbeiter werden nicht immer so gestimmt sein, wie sie jetzt sind. Wenn der Krieg in einem halben Jahr zu Ende sein kann, dann wäre ja alles gut. Ich hoffe, daß man sich oben auf eine lange Dauer einrichtet.«

»Wir rechnen, daß die Kampfkraft eines Mannes bei uns gleich drei bei den Feinden ist. Dazu muß dann noch kommen, daß wir strategisch geschicktere Führer haben werden. So kann vielleicht die Übermacht sich ausgleichen«, sagte Werner. »Aber auch ich fürchte, wenn der Krieg lange währt; das wird er. Dann kommt es darauf an, bei welchem Volk der einfache Mann mehr Widerstandskraft der Nerven hat. Und da wird bei uns viel gesündigt; die Führung weiß nicht, wie sie die Leute behandeln muß, und die politischen Parteien werden auf die Dauer ihren gegenseitigen Haß nicht unterdrücken.«

Als er zurückkehrte, begegnete er auf der Straße dem Abgeordneten Hampe. Der grüßte und ging auf ihn zu. Er sagte: »Wir sind politische Gegner, Herr Kommerzienrat. Aber ich möchte Ihnen eines sagen. Als ich junger Mann war und nichts besaß, denn meine Eltern hatten vierzehn Kinder, da können Sie es sich denken, daß es knapp herging, da kaufte ich mir immer am Sonnabend ein Heft Ihrer Volksbibliothek. Das erste war der ›Faust‹, das zweite waren ›Die Räuber‹, dann kam ›Nathan der Weise‹, dann ‹Maria Stuart‹. Ich weiß noch ganz genau die Reihenfolge. Die Bücher habe ich noch, obgleich ich heute große Ausgaben in schönem Einband mit Golddruck aus dem Rücken besitze. Die haben aber nachher nicht so viel bedeutet für mich, wie Ihre Heftchen. Dafür möchte ich Ihnen nun Dank sagen,«

Er reichte dem Andern die Hand, Werner nahm und drückte sie. Die beiden Männer gingen zusammen weiter.

»Ich weiß, Herr Hampe, in Ihrer Gegnerschaft ist kein persönlicher Haß gewesen«, sagte Werner. »Sie wissen auch, daß ich zu meinen Arbeitern gut bin; ich glaube nicht, daß viele unter ihnen sind, die einen persönlichen Haß gegen mich haben. Aber der Haß ist doch da. Er muß doch einen Grund haben. Ich suche den Grund. Wenn ich ihn fände, dann wären vielleicht viele Fragen gelöst.«

Hampe sah ihn verwundert an. »Ja, Herr Kommerzienrat«, sagte er, »das ist eben der Klassenkampf.«

Werner lächelte und brachte das Gespräch auf anderes. In der Schriftleitung des Volksblattes kam es zu immer heftigeren Auseinandersetzungen. Dr. Lewandowsky sagte: »Wir sind nun eben eine demokratische Partei; das heißt, was die Dummen beschließen, das müssen die Klugen ausführen. Wilhelm hat gesagt: ›Ich kenne keine Parteien mehr‹. Wenn der Krieg zu Ende ist, so kennt er sie wieder. Das Proletariat läßt sich zur Schlachtbank führen. Auf die weiße Weste der Bourgeoisie spritzt kein Tröpfchen Blut.«

Hampe erwiderte: »Unsere Feinde wollen unsere Industrie vernichten. Dann ist das Proletariat arbeitslos. Wenn durch die Schuld der Sozialdemokratie der Krieg verloren geht, dann hat sie keinen Boden mehr im Volk.«

»Na, in den andern Ländern sind doch auch Arbeiter? Glauben Sie, daß die so dumm sind, sich für ihre Bourgeoisie totschießen zu lassen?« sagte Lewandowsky.

Hampe sprach: »Wenn bei uns das Unglück kommt, Sie können in ein anderes Land gehen. Wir müssen hier bleiben und müssen es ausbaden.«

»Das ist also der internationale Standpunkt des klassenbewußten Proletariats!« schloß Lewandowsky.

Lewandowsky hatte eine hohe Schulter, und sein linker Fuß war zu kurz; er konnte sich nur mühsam mit dem Stock fortbewegen. Seine Dienststunden waren zu Ende. Er machte sich straßenfertig und humpelte die Treppe hinunter.

Er trat in ein Haus in einer der breiten Straßen des Bahnhofsviertels. Die Treppe zog sich durch die Stockwerke hoch; rechts, links und in der Mitte waren Türen zu den Wohnungen; an jeder Tür waren mehrere Namen, vier oder fünf der Mieter und Aftermieter. An einer Tür klingelte er; ein junges Mädchen öffnete und begrüßte ihn, er folgte ihr auf ihr Zimmer. Dort schleuderte er den Hut auf das Bett und warf sich auf einen Stuhl.

»Der Chef hat geschlossen, aber er zahlt dem ganzen Personal die Gehälter weiter. Er denkt, daß der Krieg in drei Monaten zu Ende ist«, sagte das Mädchen.

Lewandowsky lachte. »Die Deutschen sind doch das dümmste Volk der Welt. Da sind sogar die Juden dumm«, sagte er. Sein Körper schüttelte vor Husten, der durch das Lachen erregt wurde. Das Mädchen kam ihm besorgt zur Hilfe.

»Na, da hast du also nichts zu tun. Kannst du den ganzen Tag auf der Straße liegen. Da wird ja wohl bald noch ein Liebhaber kommen, was?« fragte Lewandowsky.

Die Augen des Mädchens füllten sich mit Tränen. »Wie kannst du nur so sprechen!« erwiderte sie ihm. »Ich habe doch ... das ist nicht recht, so etwas zu sagen ... ich bin dir doch nach hier gefolgt ... ich habe doch meine Eltern verlassen deinetwegen.«

»Puh! Das hast du mir schon oft genug vorgehalten!« sagte er. »Habe ich dich vielleicht gezwungen? Du bist doch selber gekommen!«

»Das weiß ich«, erwiderte sie. »Ich weiß auch, daß niemand für mich einsteht.«

»Habe ich dir etwas versprochen? Ich habe dir gesagt, daß ich kein weibliches Gepäck schleppen kann. Hampe will jetzt wieder eine neue Maschine einstellen. Ich kriege meine zweihundertundfünfzig Mark jeden Ersten; und wenn ich dem Spießer nicht mehr passe, dann kündigt er mir.«

»Ich möchte gern Privatarbeit übernehmen«, entgegnete ihm das Mädchen. »Der Chef will mir die Schreibmaschine ins Haus geben. Vielleicht kann ich da noch etwas nebenbei verdienen, mein Gehalt habe ich ja, dann kann ich dir etwas geben.«

Lewandowsky fuhr sich mit dem Zeigefinger zwischen Hals und Kragen. »Hampe ist eingezogen, er muß in der Woche fort. Dann liegt alles auf mir allein. Da kann er etwas ausspucken.«

»Dir verdanke ich ja doch alles, was ich geworden bin. Du hast mich aufgeweckt«, sagte sie zärtlich. »Nun habe ich ›Raskolnikow‹ auch ausgelesen. Die ganze Nacht durch habe ich gelesen, es hat mich nicht losgelassen.«

»Ja, das ist die Frage«, sagte Lewandowsky wie zu sich selber. »Nur ist da noch so eine alte Ideologie bei Dostojewsky, so achtzehntes Jahrhundert. Er will immer die Menschen beglücken. Deshalb klappt er auch nachher zusammen. Deshalb kommt er nicht über das Gewissen fort. Das Gewissen ist ein Reflex, und es paßt sich sehr langsam den veränderten Verhältnissen an.«

Von einer entfernteren Straße her hörte man Marschschritte und Gesang abziehender Krieger.

»Da werden die Kälber vom Fleischer getrieben«, sagte er. »Ja, das ist die Sache. Ein freier Mensch muß man sein. Alle diese Leute sind ja doch nur Reflexbewegung. Was machst du, wenn Cohn und Companie nicht mehr zahlen? Eine andere Stelle wird sich nicht leicht finden. Das Büropersonal wird überall entlassen.«

»Ich denke, wer arbeiten will und kann, der wird immer durchkommen«, erwiderte sie zaghaft.

Er lachte höhnisch. »Das ist so ein Glaube, wie der an die Vorsehung. Gehöre ich vielleicht in die Bude bei Hampe? Dann kannst du auf die Straße gehen.«

Ein dunkles Rot überflammte das Gesicht des Mädchens, nun rannen ihr zwei Tränen in die Mundwinkel hinab. »Wie kannst du nur so sprechen!« sagte sie. »Ich weiß, daß du ein edler Mensch bist, der sein Leben den Unterdrückten geweiht hat. Aber wie kannst du nur so sprechen.«

»Ach, du meinst, weil du eine Baronesse bist und dein Vater Regierungsrat ist, deshalb ist so etwas nicht möglich?« fragte er sie. »Der erste Schritt ist schon getan. Der ist der schwerste. Der zweite ist schon leichter; und nachher, na! Ist schon manche Geheimratsgöre den Weg gegangen, auch manche Baronesse. Da kommt der Erste, die Miete muß bezahlt werden. Na, viel zu versetzen hast du nicht, du hast bloß eine Handtasche mit von Hause genommen, und Anschaffen war ja nicht. Das Kleid sieht schon schäbig genug aus. Was willst du dann machen? Wenn wir abends ausgegangen sind, dann habe ich ja immer das warme Abendbrot bezahlt. Wenn ich ein warmes Abendbrot bezahlen will, dann habe ich die Wahl!«

Das Mädchen hatte den Kopf in die Arme auf die Tischplatte gelegt und weinte herzbrechend.

»Das sage ich dir nur«, fuhr er fort. »Man muß das Leben ansehen, wie es ist.« Er erhob sich unbeholfen an seinem Stock und trat zu ihr, er legte die Hand auf ihre Schulter. »Nun heule nur nicht. Du heulst immer gleich los! Was hat denn das für einen Sinn! Du bist auf mich angewiesen. Wenn ich meine Hand wegziehe – Nichts! ... Na, nun ist Schluß! Ich kann das Heulen nicht ausstehen. Du wirst auch nicht schöner davon. Ich will meine Ruhe haben, wenn ich bei dir bin, Ärger habe ich schon so genug.«

Das Mädchen schluckte und zwang sich. Sie richtete sich hoch und trocknete sich die Tränen. »Ich weiß ja, jedes Glück muß bezahlt werden«, sagte sie. »Es ist auch nur, weil ich dachte, du liebst mich nicht mehr. Und ich habe doch alles zu Hause gelassen, was ich hatte, ich gräme mich schon selber über mein Kleid, ich zerbreche mir den Kopf, wie ich mir ein neues Kleid kaufen kann, für den Sonntag muß ich doch etwas haben, und wenn ich mit dir ausgehe, daß du dich mit mir nicht zu schämen brauchst. Manchmal denke ich an zu Haus, ich hatte schöne Kleider. Ich hatte auch schönen Schmuck, der stammte noch von meiner Urgroßmutter, deshalb wollte ich ihn nicht mitnehmen, ich dachte, den sollte nun meine Schwester haben, denn für meine Angehörigen bin ich ja doch nun tot.«

»Siehst du«, sagte er, »als ich dich das erste Mal sah, es war in einem Laden, wo ich mir Strümpfe kaufte, da sagte die Verkäuferin: ›Das ist Edith von Eyb, ich bin mit ihr zusammen konfirmiert, die ist das stolzeste Mädchen in der ganzen Stadt, die Regierungsassessoren sind alle um sie herum, ihre Eltern sind auch reich, aber die will einen Grafen heiraten mit einem Schloß‹. Siehst du, ich bin ein armer polnischer Jude, mein Vater hat mit alten Hosen gehandelt, wenn er zu deinem Vater gekommen wäre, der hätte ihn hinausgeworfen, einen Buckel habe ich und ich hinke, aber ich habe dich doch herumgekriegt. Man muß eine Arie singen, dann hat man die Weiber an den Fingern, soviel man will.«

Sie hängte sich an seinen Hals und rief: »Wenn du so sprichst, ich kann es nicht hören, ich kann es nicht hören, dann ist es, als ob du ein schlechter Mensch wärest. Ich weiß ja doch, du bist der edelste Mensch, den ich getroffen habe. Was mache ich mir aus Grafen und Schlössern, die dumme Verkäuferin, ich habe immer nur gewartet, daß ein Mann kommen sollte, den ich lieben kann. Ich zermartere mir ja den Kopf, wie ich mehr verdienen könnte, Klavierstunden geben vielleicht, daß du nicht die ekelhafte Zeitungsarbeit tun müßtest, daß du frei wärst und deinen Geist ganz entwickeln könntest!«

»Ich wollte am nächsten Sonntag mit dir einen Ausflug machen. Ich hatte es mir auf dem Fahrplan ausgerechnet, es ginge gerade in einem Tag«, sagte Lewandowsky. »Zwei Stunden Bahnfahrt, dann noch eine halbe Stunde Wagen. Ich wollte mit dir auf die Eybenburg, wo deine Vorfahren gewohnt haben. Aber das geht nun nicht, da sind die Truppentransporte.«

Edith klatschte in die Hände. »Ach, wie ich mich darauf freue! Nicht wahr, in vierzehn Tagen sind die Bahnen wieder frei? Mein Vater hat von der Burg erzählt. Sein Großvater hat sie verkaufen müssen, solange ist sie in der Familie gewesen. Er ist als kleines Kind einmal dort gewesen.«

Lewandowsky verabschiedete sich und ging. Auf der Treppe begegnete er der Stubenwirtin Ediths. Er grüßte sie, und sie redete ihn an: »Sie sind bei Ihrer Braut gewesen? So ein gutes Fräulein! Zu gut ist sie! Über die Monatsrechnung nie ein Wort! Und so höflich immer: ›Bitte, Frau Schiwecke, danke, Frau Schiwecke, ach, entschuldigen Sie nur, Frau Schiwecke‹. Da sieht man doch gleich, was eigentlich vornehme Leute sind. Und Herrenbesuche? Außer Ihnen keinen, keinen einzigen, keiner kommt über die Schwelle! Natürlich, ich bin eine anständige Frau, so etwas dulde ich auch nicht. Ich habe nur anständige Mieter. Aber schließlich, überall passiert einmal etwas. Nein, ich sage immer, es gibt noch anständige Mädchen auf der Welt, man muß nur suchen, es gibt sie noch.« Sie redete weiter, Lewandowsky unterbrach sie und ging die Treppe weiter hinunter. Die Frau sah ihm nach und murmelte: »Der krumme Jude, was der sich eigentlich denkt! Na, mit so was sich abgeben! Da wäre ich mir denn doch zu gut.«

Sie stieg die Treppe hoch bis zu ihrer Gangtür, öffnete sie mit dem Drücker und trat ein. Dann stellte sie ihren Marktkorb ab und klopfte an der Tür ihrer Mieterin.

Edith saß mit einer Häkelarbeit am Fenster. Sie hatte verweinte Augen. Frau Schiwecke stemmte die Hände in die Hüften und begann ein Gespräch. Sie sprach von den ausziehenden Kriegern. Ja, und die Frauen bekommen sehr hohe Unterstützungen. Sie selber natürlich hatte wieder einmal nichts, denn ihr Mann war tot. Aber eine Kriegersfrau hatte sich zwei Zimmerpalmen gekauft, auf Abzahlung. Das ging alles von den Obern aus, die sagten sich: Wenn wir Krieg machen wollen, dann muß Ruhe unter den Arbeitern sein. Und das Wetter war so schön, immer in der Stube sitzen, das war nichts für einen jungen Menschen. An die Luft mußte das Fräulein gehen. Ja, das sah sie wohl, daß das Fräulein geweint hatte. Gott ja, wenn man so jung ist! Sie wollte aushorchen, Edith wich ungeschickt aus. Schließlich konnte sie nicht mehr, die Tränen stürzten ihr wieder heftig aus den Augen, sie bat Frau Schiwecke flehentlich, sie allein zu lassen, sie habe Kopfschmerzen. Die Frau ging und zog kopfschüttelnd hinter sich die Tür zu. »Das hat nicht lange mehr Bestand«, sagte sie zu sich. »Der Schiwecken soll einer was weis machen. Das Mädchen ist es besser gewohnt. Wer weiß, wie das alles zusammenhängt. Die kann den feinsten Kavalier haben, wenn sie will, und der sie nicht so abgerissen herumlaufen läßt. Das Mädchen hat ja keine ganzen Schuhe.«

Der Kommerzienrat Werner war schon zu seinem Truppenteil gestoßen. Die laufenden Arbeiten wurden von den Leuten erledigt, wie immer; besondere Angelegenheiten mußten ihm berichtet werden. Sein Sohn Hans ging öfters auf das Büro, fragte nach allem und suchte ein Bild des ganzen Betriebes zu gewinnen. In der Druckerei schaltete der alte Reichardt, dem Werner völlig vertraute.

Hans hatte nun öfter Zusammenkünfte mit Anna. In wenigen Wochen sollte er die Prüfung überstanden haben, dann mußte er auch ins Feld. Er hatte das Mädchen auf dem Weg angesprochen und hatte ihr gesagt: »Nun ist alles anders. Wenn ich erst draußen bin, dann weiß ich nicht, was mit mir geschehen kann. Wir sind noch zu jung, um mit unseren Eltern zu sprechen; aber wir denken doch nun, daß wir einmal Mann und Frau sein werden.«

Anna war tief errötet und hatte genickt; sie nahm den einen Zopf in den Mund.

An jedem Tag trafen sie sich zu einer bestimmten Stunde. Dann gingen sie zusammen in den Anlagen, die fast menschenleer waren. Anna sagte: »Es ist mir gleichgültig, wenn die Menschen reden. Ich gehöre nun zu dir. Mein Vater ist auch im Feld, und wenn die Mutter etwas sagt, dann erkläre ich es ihr schon. Wenn du zurückkommst, dann heiraten wir, und wenn nicht ... nun, dann bleibe ich eben so und denke an dich.«

Hans sagte: »Wie der Krieg auch ausgehen wird, er muß zur Vernichtung der gegenwärtigen Welt führen. Sie ist reif für die Vernichtung. Und wir wollen uns sagen, daß auf uns die Pflicht ruht, daß wir mithelfen, wieder neu aufzubauen. Was mein Vater gearbeitet hat, das ist gut, und ich will nach meinen Kräften ihm bei seiner Arbeit helfen, wenn der Krieg zu Ende ist. Aber das ist nicht alles. Ich bin auch da als ein Mensch, und du bist da als ein Mensch. Und wenn wir Kinder haben, so müssen die höher kommen wie wir. Daran müssen wir denken. Ein großer Teil meiner Klasse ist liederlich, und ich sehe ja doch auch, wie im Volk die Liederlichkeit um sich greift. Was werden diese Männer für Väter werden? Dich Hab ich lieb, und du gehörst zu mir, und du wirst die Mutter meiner Kinder sein. Ich möchte viele Kinder haben und will sie gut erziehen.«

Anna erwiderte ihm: »Ich habe immer Sorge, weil mein Vater doch nun zu der Partei gehört. Weißt du, die Mädchen in der Schule schneiden mich alle, die wollen nichts mit mir zu tun haben. Aber ich weiß doch, wie es bei ihnen zu Hause ist. Wenn meine Eltern Schulden machten und über ihre Verhältnisse lebten, dann könnte ich sie doch nicht achten. Ein Kind soll ja nicht über seine Eltern richten, aber das sieht man eben. Nun bin ich jetzt aus der Schule, da hat meine Mutter gesagt, ich lerne das Kochen, aber das lerne ich bei ihr selber im Haus, denn aus dem Haus geben mich meine Eltern nicht; sie sagen, sie wissen nicht, wohin sie mich da geben; und das ist auch richtig. Weißt du, mein Vater hat viele Sorgen, denn er hat doch gar kein Vermögen, aber das kann ich dir sagen, er denkt nicht an sich, und es braucht sich keine Familie zu schämen, in die ich hineinkomme, denn die Ehre ist doch schließlich die Hauptsache.«

»Mein Vater wird keine Schwierigkeiten machen, wenn er dich erst kennen lernt«, erwiderte Hans. »Sein Vater war ein armer Buchdrucker, und das Geschäft ist ganz langsam so groß geworden. Er weiß auch, daß die neuen Zeiten andere Ansichten erfordern, ich habe mit ihm darüber gesprochen und ihm das klargemacht. Er sieht alles ein, was man ihm sagt. Nur die Tante wird dagegen sein, die hat aber nichts zu sagen.«

Die beiden trennten sich. Sie gaben sich die Hand zum Abschied. Hans sagte: »Ich habe dich noch nie geküßt, denn ich mag das Herumlecken nicht leiden.« Das Mädchen wurde rot, riß ihre Hand los und lief fort.

Frau Hampe hatte früher ihre Wirtschaft mit einem Dienstmädchen besorgt. Das war nun entlassen, da Anna in dem Alter war, daß sie der Mutter helfen konnte. So waren die beiden Frauen allein in der Wohnung. »Wir sind Handwerker, wenn dein Vater auch Abgeordneter ist«, sagte die Mutter. »Jeder nach seinem Stand. Du hast nun genug in der Schule gelernt, mehr wie ich, denn ich habe nur die Volksschule besucht, nun geht das Leben an.«

Wenn die Hausarbeit am Vormittag gemacht war, dann saßen am Nachmittag die beiden in der Wohnstube und nähten. Sie saßen sich an den Fenstern gegenüber. Dann erzählte die Mutter, was sie von ihrer Mutter und Großmutter gehört hatte. Sie sagte: »Ja, der Vater ist nun draußen, und die andern Männer auch. Die Franzosen kommen nicht herein. Meine Großmutter hat das noch mit erlebt. Da haben sie ihren Eltern alles fortgenommen, die Schubladen standen aufgerissen, kein Stück Leinenzeug war geblieben, nicht einmal ein Hemd hatten sie noch. Und die jungen Männer mußten Soldaten werden für die Franzosen und wurden fortgeschleppt in ferne Länder, nach Spanien und Rußland, und wer nicht sofort gehorchte, der wurde totgeschossen. Dann kam aber die Freiheit, da war vor der Stadt ein hoher Berg, auf dem stand ein Kreuz, und meine Großmutter war damals acht Jahre alt, aber das wußte sie noch genau als alte Frau. Da kamen vier Gemeinden von den vier Himmelsrichtungen, alle Leute, auch die kleinsten Kinder, und die noch nicht gehen konnten, die wurden getragen, das waren vier Züge, die zogen auf den Berg, und oben standen die Geistlichen und predigten, und dann wurde gesungen: ›Ein feste Burg ist unser Gott‹.« Anna hörte still zu und bückte sich auf ihre Arbeit. Sie nähte Hemden für sich, die sie einmal als Aussteuer mitbekommen sollte, wenn sie heiratete. Die Mutter hatte den Stoff gekauft. »Man weiß nicht, wie es kommt«, hatte sie gesagt, »jetzt haben wir das Geld im Schrank liegen, und Hemden müssen sein.«

Anna fragte die Mutter: »Mutter, kommt es oft vor, daß Liebesheiraten gemacht werden?«

Die Mutter sah erstaunt auf und sagte: »Wie meinst du denn das? Wenn zwei sich heiraten, dann ist es doch so, daß sie sich gern haben.«

»Nein, ich meine so«, sagte Anna, »daß einer vielleicht ein reicher Mann ist und nimmt ein armes Mädchen, oder das Mädchen ist nicht von seinem Stand.«

Die Mutter schüttelte den Kopf. »Das sind so Mädchengedanken«, sagte sie. »Das ist meistens kein Glück, wenn ein Mädchen über seinen Stand heiratet. Die Liebe verfliegt, und dann ist das andere da. Die Ehe will wohl bedacht werden, daß alles zusammen paßt. Und das ist auch oft so, daß ein junger Mann hinter dem Mädchen her ist, die nicht von seinem Stand ist, aber ans Heiraten denkt er nicht. Da ist schon manches Mädchen unglücklich geworden.«

Anna wurde rot und beugte sich über ihre Arbeit. Sie preßte ihre Lippen zusammen.

»Du brauchst noch lange nicht ans Heiraten zu denken«, schloß die Mutter. »Ich war fünfundzwanzig Jahre alt, als wir getraut wurden. Acht Jahre waren wir verlobt; aber dein Vater wollte erst etwas vor sich bringen, er sagte: das paßt mir nicht, ich habe nichts, und du hast nichts, da kommt Hunger und Kummer zusammen.«

Überall war nun in diesen Wochen und Monaten Abschied und Trennung. Auch der Zimmergeselle, von dem wir am Anfang gehört haben, hatte seinen Gestellungsbefehl bekommen.

Es war an einem Sonntagmittag. Er ging noch einmal auf den Reißboden, um sein Werkzeug zu holen und zusammenzupacken; da ist er allein, denn die andern haben unten auf dem Platz zu schaffen. Mit einem Mal ist das Mädchen hinter ihm und weint herzbrechend, er dreht sich um, drückt sie und küßt sie und sagt: »Weine nicht, ich komme schon wieder, und der Alte wird schon vernünftig werden«, sie aber hängt sich an ihn und ruft: »Ich gehe als Marketenderin mit.« Da plötzlich kommt der Meister an, er ist hinter einem Bretterstoß gewesen und hat alles gehört. Er faßt die Axt des Burschen, die da liegt und rennt auf ihn zu. Aber das Mädchen, schnell losgemacht, auf den Vater los, steht zwischen beiden und hält die Hände hoch. Da läßt der Vater die Axt fallen und geht mit den Fäusten aus Müller zu; die beiden fassen sich und ringen, und der Bursche wirft den Alten auf einen Haufen Hobelspäne. Nun will er schnell die Bodentreppe hinunter, da steht der Polier, der den Kampf gehört hat, und will ihn aufhalten. Aber Müller kommt mit Wucht von oben, der Polier stürzt auf den Rücken und schlägt die Treppe nieder, er springt über ihn weg; das Mädchen händeringend oben an der Treppe, da ruft er lachend: »Nun leb wohl und bleib mir treu, beim ersten Urlaub komme ich, hebe mir mein Handwerkszeug auf«; fort ist er aus dem Hoftor, zu seiner Schlafstelle; da packt er sein Bündel und geht zur Kaserne. Und nun kam auch an Hans die Reihe.

Er war unter einer Truppe, die in der Kaserne eingekleidet war, die erst zur Ausbildung geschickt werden sollte: lauter ganz junge Leute, viele Gymnasiasten, fast Knaben noch, welche die Notprüfung gemacht hatten.

Es hingen Fahnen aus den Fenstern, eine Siegesnachricht war gekommen. Vom blauen Himmel strahlte glänzend die Sonne, frohes Leben war in den Straßen, die jungen Leute marschierten singend und lachend. Auf dem Trottweg nebenan gingen Väter, Mütter, Geschwister; den Alten war das Herz schwer, aber sie zwangen sich zur Ruhe. Gruß und Zuruf hier und da aus dem Zug, Nicken, Tücherschwenken, Händewinken und Ruf zurück.

Anna hatte zur Mutter gesagt: »Ich gehe heute zum Bahnhof, um den Abschied zu sehen.« Die Mutter war eigentlich nicht recht einverstanden, sie sagte, daß junge Mädchen bei dergleichen nichts zu tun haben; schließlich gab sie nach; aber sie kleidete sich um und ging mit.

Nun standen die beiden in der Bahnhofshalle, als der Zug der jungen Leute hereinkam, erhitzt, lachend, lärmend und fröhlich. Das Mädchen sah ein ernstes Gesicht, es war Hans. Da konnte sie sich nicht mehr halten, sie riß sich von der Mutter los, und Hans stürzte sich ihr entgegen, sie lagen sich in den Armen, weinten und lachten, und Hans küßte sie auf Mund, Wangen und Stirn. Die Mutter eilte hinzu und faßte ihr Kind am Ärmel, sie rief: »Was ist denn das, was ist denn das?« Ein Unteroffizier stand da, der sagte gutmütig: »Laß nur, Mutter, die nehmen Abschied, die verstehen sich, da fragen sie dich nicht.« Einige Leute lachten. Anna war flammend rot und löste sich, Hans stand verlegen. »Wer ist denn das?« fragte die Mutter. »Hans Werner heiße ich«, stellte sich Hans vor. »Wir wollten noch keinem etwas sagen, aber nun ist es doch so gekommen. Wir haben uns verlobt.« Die Mutter schlug die Hände zusammen und rief: »Aber Anna!« und Anna standen die Tränen in den Augen.

Nun hatten sich die andern schon durch die Tür gedrängt auf den Bahnsteig; da stand der Zug, sie stiegen ein, die Abteile füllten sich, aus den Fenstern sahen die jungen Leute, sprachen und riefen zu ihren Anverwandten. »Ich muß fort«, sagte gepreßt Hans, noch einmal umarmte er Anna und küßte sie auf die Stirn, dann riß er sich los, eilte durch die Tür, lief am Zug entlang und stieg in ein Abteil.

»Komm, Kind, nach Hause, komm«, mahnte die Mutter und zog Anna am Ärmel. »Nein, Mutter, laß mich hier, bis er abfährt«, sagte sie, sie weinte in ihr Taschentuch. Die Mutter konnte sie nicht halten, sie lief auf den Bahnsteig und winkte mit dem Tuch, die Mutter war ängstlich und ratlos hinter ihr her, die Bänder ihres Hutes hatten sich gelöst und flatterten, ihr Gesicht war rot vor Aufregung.

Ein Pfiff. »Alles einsteigen«, rief der Schaffner, die Türen wurden zugeschlagen. Junge Mädchen liefen noch mit Brettern, auf denen Kaffee stand und Brote lagen. Anverwandte drängten sich an den Zug, Hände wurden geschüttelt. Anna reichte ihre Hand zu Hans, er ergriff sie; sie wischte sich mit dem Taschentuch die Augen, ihm rollten die Tränen. »Gib ihm die Hand, Mutter, gib ihm die Hand zum Abschied«, rief sie aufgeregt. Die Mutter wußte nicht recht, wie es kam; plötzlich fühlte sie, daß Hans ihre Hand hielt und fest drückte.

»Achtung«, rief der Schaffner, ein neuer Pfiff, der Schaffner schwang sich auf das Trittbrett, und der Zug zog an. Die Leute wichen zurück, der Zug begann zu rollen.

Köpfe über Köpfe aus den Fenstern, Taschentücher, Rufe, Tränen. Plötzlich aus dem Zug das Lied: »Deutschland, Deutschland, über alles.« Es verklang im Fortrollen des Zuges, die Rauchwolke legte sich über ihn.

Anna war in die Knie gesunken und weinte. Die Mutter stand vor ihr und fragte, sprach, klagte, rang die Hände. Die Menschen verliefen sich; einer, ein andrer blickte scheu auf die Gruppe der beiden und wendete dann den Blick unbeteiligt ab, als habe er nichts gesehen. Schon war der Bahnsteig leer, nur ein Beamter ging noch und trat dann in eine Tür.

Nun erhob sich Anna. Mit beiden Händen nahm sie den Arm der Mutter, die beiden gingen.

»Was machst du nur mit mir, Kind, was machst du nur mit mir!« seufzte die Mutter. »Davon habe ich ja nichts gewußt!« Ein Lächeln überhuschte das verweinte Gesicht Annas. »Was wird denn der Vater sagen«, fuhr sie klagend fort.

Da warf sich Anna im Gehen an die Brust der Mutter. Die beiden standen in der Bahnhofshalle, und das blühende, gesunde junge Mädchen küßte die verstörte, alternde Frau zärtlich auf den Mund.

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