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Hermann Harry Schmitz: Grotesken - Kapitel 9
Quellenangabe
titleGrotesken
authorHermann Harry Schmitz
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Die geteerte Straße

Aus: Düsseldorfer General-Anzeiger vom 14.6.1911;
Der Säugling und andere Tragikomödien, Leipzig 1911

Da waren eines Morgens in aller Frühe um sechs Uhr Männer angekommen, die einen vollgepackten Karren und einen auf Rädern laufenden, schwarz verrauchten großen Ofen mit sich führten.

Sie gebärdeten sich laut, klirrten bedeutsam mit ihren Werkzeugen, scheuchten die Bewohner der stillen Straße aus den Betten und ließen sie erschreckt ob des ungewohnten Lärms zu so früher Stunde an die Fenster eilen.

Auch Herr Bender war aufgesprungen, um zu schauen, was da draußen vor sich ginge. Er hatte sich in der Hast am Nachtschränkchen den Zeh gestoßen, was seine Laune über die frühe Störung keineswegs verbesserte. Wütend hatte er gebrummt: »Geht denn diese Malefizbuddelei wieder los? Soll man nie zur Ruhe kommen? Was soll denn das jetzt schon wieder? Kanal, Gas, Wasser, Telephon und elektrische Lichtleitung: das liegt doch alles schon!«

Vater Bender hatte schon recht. Es war in den letzten Jahren ein ununterbrochenes Aufreißen und Zuwerfen und immer wieder Aufreißen und immer wieder Zuwerfen gewesen, bis alle Leitungen, die in eine moderne Stadt gehören, endlich untergebracht waren.

Wie manches unschuldige Kind, wie mancher gebrechliche Greis oder Greisin waren dabei zu Schaden gekommen und waren wie reife Pflaumen jach in die Gräben gestürzt. Wie mancher Versonnene, der abends heimkehrte, hat sich in dem Gewirr von Balken, Geräten und Erdwällen verlaufen und wurde dann verhungert oder an Körper und Geist gebrochen aufgefunden.

Ja, das waren immer schlimme Zeiten, an die die Anwohner mit Schrecken zurückdachten.

Und jetzt sollte es wieder losgehen?

Gerade vor der Wohnung von Benders machten die Männer halt. Sie redeten laut durcheinander und gestikulierten wild mit den Armen. Sie konnten nicht darüber einig werden, wo sie sich mit ihrem Kram aufbauen sollten. Erst nachdem sie einige Male mit dem Karren und dem Ofen die Straße auf und ab gefahren waren, entschlossen sie sich für den Platz vor der Wohnung von Benders. Natürlich sah das Herr Bender höchst ungern, er krakeelte in häßlicher Weise im Hause herum.

Eine enorme Truhe ohne jeden Altertumswert, mehrere Kisten, Fässer, schwarz und weiß gestreifte Holzblöcke und zwei Gestelle wie Marterl wurden von den Männern von dem Karren geladen und auf der Straße aufgebaut. Gemächlich, ohne Hast.

Dann wurde aus der Truhe mit der ernsten Gebärde der Tat ein Kochkessel hervorgeholt, unter dem fahrbaren Ofen Feuer gemacht und Kaffee gekocht, den einer der Männer, er schien der Anführer zu sein, jedem in seine emaillierte Blechkanne zuteilte. Pakete in fettigem Zeitungspapier zerklafften zu monumentalen Butterbroten. Man lagerte sich und frühstückte gründlich mit dem heiligen Ernst und Eifer einer rituellen Verrichtung.

Mittlerweile war es halb neun geworden, als man begann, sich entschlossen zu recken und laut von »anfangen« zu reden. Der Ofen wurde geschürt mit dem Erfolg, daß bald dicke, ätzende Rauchwolken die Straße füllten und in die Häuser drangen.

Vater Benders Stimmung wurde lebensgefährlich.

Die Männer holten die Werkzeuge aus der Truhe und klirrten damit. Die Marterl, auf deren Votivtafel »gesperrt« stand, und die Holzböcke wurden an das Straßenende geschleppt und dort mitten auf dem Fahrdamm aufgestellt. Alles taten die Männer mit großen, wichtigen Gesten, ohne Überstürzung.

Dann erschien plötzlich ein dicker Mann mit einer Beamtenmütze und einer Pelerine. Er zog gleich ein dickes Notizbuch und einen gelben Maßstab hervor und tat sehr wichtig. Mit seinem gebogenen Spazierstock aus Natureiche, den er vorher am Arm eingehakt getragen hatte, zeigte er auf der Straße herum. Auf sein Geheiß wurde dann alles zusammengepackt, auf den Karren geladen, fünf Häuser weitergefahren und dort wieder aufgebaut.

Der dicke Mann leitete den Transport mit Feldherrngebärde, steckte sich, als die Tat geschehen, aus einer zerknüllten Papiertüte eine Zigarre an und ging, einen letzten Blick über die Männer und ihr Gerät werfend, hoch erhobenen Hauptes von dannen.

Die Männer standen beratend zusammen und kritisierten die Anordnung des dicken Mannes mit der Beamtenmütze. Dann wurde der Kaffeekessel aufgesetzt, neue Butterbrotpakete geöffnet und vor allen Dingen mal gründlich gefrühstückt.

Darüber war es halb elf geworden.

Man hatte sich Zeit genommen mit dem Frühstück, aber schließlich hatte man sich gereckt und allen Ernstes wieder von »anfangen« geredet. Die Männer erhoben sich, machten sich an den Werkzeugen zu schaffen, liefen geschäftig hin und her. Die Marterl und die Holzböcke wurden von dort, wohin man sie zuerst hingestellt hatte, fortgeholt und am entgegengesetzten Ende der Straße aufgebaut.

Unbedingt, auf den Männern lag jetzt der Wille zur ernsten Arbeit.

Plötzlich waren sie dann auf einen Zuruf des Anführers zusammengelaufen. Es wurde laut durcheinander geredet, zwischen den Kisten und den Geräten suchend herumgestöbert und immer wieder kopfschüttelnd der Ofen angeschaut. Es schien etwas zu fehlen.

Nach einer Weile begannen die Männer die Werkzeuge in die Truhe zu räumen und die Sachen zusammenzurücken. Nachdem dies geschehen war, zogen sie sich die Röcke an und gingen weg.

An diesem Tage sah man die Männer nicht mehr. Aber die Marterl und die Böcke ließen sie stehen. Der Milchmann, der Eismann, der Biermann, der Bäcker und der Doktor, alle schimpften, daß sie mit ihren Wagen nicht in die Straße fahren konnten.

Vater Bender ging auf der Straße auf und ab und inspizierte racheschnaubend das Gerät der Männer.

Am nächsten Tag in aller Frühe um sechs kündete lautes Stimmengewirr die Rückkehr der Männer an. Zwei Säcke mit Kohlen brachten sie auf dem Karren mit. Die hatte man am Tage vorher vergessen.

Umständlich wurden die Werkzeuge ausgepackt, es wurde gestikuliert und vor allen Dingen gründlich gefrühstückt. Dann wurde von »anfangen« gesprochen, aber nicht so recht Ernst damit gemacht. Man müsse auf den Inspektor warten. Das war der dicke Mann mit dem gelben Maßstab. Gegen zehn Uhr begann es zu regnen. Die Männer zogen ihre Röcke an, räumten die Werkzeuge in die Truhe, stellten das Gerät zusammen und gingen weg.

Es regnete zwei Tage, und die Männer ließen sich nicht sehen. Nur bei Anbruch der Dunkelheit kam ein Mann und stellte eine Laterne auf die Truhe.

Dann eines Morgens wieder in aller Frühe kamen die Männer zurück. Und an diesem Tage sollten die geängstigten und mit Spannung wartenden Anwohner den Zweck und die Absicht der Männer erfahren.

Fässer wurden zerschlagen, aus denen eine zähe schwarze Masse hervorquoll, der Ofen wurde geschürt, ein großer Kessel aufgesetzt und aus der schwarzen Masse ein Brei gekocht. Ein blauer, undurchdringlicher Rauchnebel lag in der Straße. Bei Kuhlenkamps, gegenüber von Benders, erstickten eine alte Frau und ein Dackel. Herr Ignaz Windlicht riet, man müsse Watte essen.

Vater Bender rannte mit dem Gewehr durch das Haus und schrie und schwor, er werde die Männer, einen nach dem andern, abschießen. Und man möge ihn halten. Die Familie zitterte, klammerte sich an ihn und hielt ihn zurück. Es wäre aber nicht nötig gewesen, denn Vater Bender hätte nie geschossen, er war viel zu bang.

Der Männer Zweck und Sinn aber war, die Straße zu teeren. Und sie taten es mit großen Besen und mit unvergleichlichem Ernst. Mancher versuchte, durch einen individuellen Pinselstrich seiner Arbeit eine persönliche Note zu geben. Drei Wochen haben die Männer an der Straße gestrichen, bis die ganze Straße dalag im Spiegelglanz ihres staubtötenden Teerüberzuges.

Es war sieben Uhr abends, als die Männer fortzogen. Die Straße wurde dem Verkehr übergeben.

Vater Bender, der während der letzten Wochen aus seinem Verdrußkoller nicht herausgekommen war, hatte den Abzug der Männer mit Freuden begrüßt und die Lina weggeschickt, drei Liter Bier zu holen. Sie holte das Bier gleich um die Ecke. Es verging eine Stunde, und die Lina war noch nicht da mit dem Bier. Der Vater wurde ungemütlich. Adam, der Älteste, wurde ausgeschickt, zu schauen, wo die Person bliebe. Auch Adam kam nicht wieder. Das war ja äußerst seltsam. Jetzt mußte das Finchen los, dann der Hubert, der Döres, der Karlemann und schließlich selbst Tante Firlefinzchen. Aber niemand kam zurück. Dann mußte Mutter Bender, die schon im Bett lag, und die Gicht in den Beinen hatte, heraus auf die Jagd nach der Lina. Auch sie kam nicht wieder.

Was ging da vor sich?

Schließlich war es Vater Bender zu dumm geworden. Da mußte er selber mal nachschauen.

Ein entsetzliches Schauspiel bot sich ihm dar. Im fahlgrünen Mondlicht ein Gezappel und Armwerfen von Gestalten, die alle am Boden gebannt schienen. Hilfloses Recken qualvoller Leiber. Unkluge, die die frisch geteerte Straße betreten hatten und wie Fliegen an einer Leimtüte kleben geblieben waren.

Es war ein schauerlicher Anblick.

Seine ganze Familie fand Vater Bender hier, zappelnd, um Hilfe wimmernd. Noch viele Bewohner der Straße waren von dem gleichen Malheur betroffen. Selbst der Revierschutzmann war unter den Geleimten.

Alle Versuche, die Unglücklichen zu befreien, waren erfolglos. Mehreren Festgeklebten hatte man bei den Befreiungsversuchen die Arme ausgerissen.

Schließlich wurde in der Stadtverordneten-Versammlung beschlossen, die armen Menschen absägen zu lassen. Die Arbeit wurde auf dem Submissionswege dem Schreinermeister Klabau übertragen.

Der Fremde wundert sich über die vielen Leute ohne Füße in jener ruhigen, aber geteerten Straße.

 


 

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