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Hermann Harry Schmitz: Grotesken - Kapitel 40
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titleGrotesken
authorHermann Harry Schmitz
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Als ich gen Italien fuhr

Aus: Düsseldorfer General-Anzeiger vom 2.5.1909;
Der Säugling und andere Tragikomödien, Leipzig 1911

Nachdem ich mein zweites Paar Gummischuhe in diesem Jahr verschlissen hatte, eine Grippe, eine Gesichtsrose und zwei Influenzaanfälle überstanden hatte, erwachte in mir mit aller Macht die alte germanische Sehnsucht nach dem sonnigen Süden, dem ewig blauen Himmel Italiens. –

Es ist ein beseligendes Gefühl, bestimmt zu wissen, daß man im richtigen Zug und im richtigen Waggon sitzt. Amsterdam–Ventimiglia stand auf dem Schild, welches draußen am Waggon angebracht war.

Das war eine Not gewesen, bis ich endlich so weit war.

Erst die nervöse Fragerei bei dem ganzen Bahnhofspersonal, auf welchem Bahnsteig der Zug einlaufe, ob ich bis Como, meinem vorläufigen Reiseziel, auch sicher sitzen bleiben könne, ob der direkte Wagen nach Italien vorne oder hinten im Zug sei, ob der Zug voraussichtlich stark besetzt sei, ob Verspätung gemeldet sei, ob er schon Einfahrt habe.

Dann die Angst, der Gepäckträger werde mit meinem Handgepäck nicht rechtzeitig am Zuge sein oder mich nicht finden. Es war eine entsetzliche Hatz.

Dabei mußte ich mich fortgesetzt mit Tante Düne Fletschknaster, Tante Brösele Hupebeih und Onkel Dagobert Klabauter, die es sich nicht hatten nehmen lassen, mir das Geleite zu geben, in zuvorkommendster, liebenswürdigster, erbneffenhafter Weise unterhalten.

Es ist ein lieber, sinniger Brauch, jemanden, der eine Reise tut, zum Bahnhof und an den Zug zu begleiten. Worte von Ewigkeitswert werden in diesen letzten Augenblicken getauscht.

»Also schreibe sofort, wenn du ankommst«, bat Tante Düne zum zweiundachtzigsten Male.

»Setze dich rückwärts, lasse das Billett nicht in den Fensterkasten der Kupeetür fallen«, riet mir zum wiederholten Male Dagobert.

»Hast du auch alles?« beunruhigte sich fortgesetzt Brösele Hupebeih.

Ängstlich schaute ich nach dem Gepäckträger aus und antwortete auf alle Fragen mit geistesabwesenden Jas.

»Ah so, was ich noch sagen wollte«, erinnerte sich plötzlich Tante Fletschknaster, »Benders mußt du auch mal schreiben. Vergiß es nicht.«

»Du hättest dir was zum Essen einstecken sollen«, begann Tante Hupebeih wieder; »hast du auch den Kofferschlüssel gut weggetan und den Gepäckschein?«

»Bei Eisenbahnunfällen empfiehlt es sich, die Beine auf den Sitz zu ziehen«, belehrte mich Dagobert.

In fünf Minuten läuft der Zug ein. Wo der Gepäckträger nur bleibt! Angstvoll schaute ich mich um.

»Ja. Benders werde ich selbstverständlich mal schreiben«, murmelte ich, ganz in Anspruch genommen von der Sorge um mein Gepäck. Der Gepäckträger wird mich doch richtig verstanden haben?

»Vergiß also nicht, sofort eine Postkarte zu schreiben!« Ich grinste Tante Düne an.

»Du hättest dich wärmer anziehen sollen«, bemerkte Tante Hupebeih.

Kein Verlaß ist auf die Gepäckträger!

Ich äuge verzweifelt umher. Ich dränge mich durch die Menschen bis zum Rande des Perrons, lehne mich hinaus, um zu schauen, ob das Einfahrtsignal schon gezogen. »Zurücktreten« wird gerufen und dazu geschellt. Schon biegt der Zug um die Kurve vor dem Bahnhof und fährt fauchend und knatternd in die Halle ein. Man läuft mit dem Zug. Man ist zu weit nach vorn gelaufen. Man rast zurück. Reckt sich den Hals aus nach dem Gepäckträger. Stürmt auf und ab. Wird gestoßen, gedrängt, beschimpft. Immer gefolgt von den guten Verwandten, im Rücken das Keuchen der kurzatmigen Tanten.

Der Gepäckträger hatte schon lange mein Gepäck im richtigen Wagen untergebracht und einen Platz belegt. Ich fand ihn, als ich schon ganz verzweifelt jede Hoffnung aufgegeben hatte. Ich zahlte ihm vor Freude dreißig Pfennig zu viel. »Hast du auch klein?« mischte sich Tante Fletschknaster, leider erst, als ich bereits bezahlt hatte, in diese Angelegenheit.

Nun wurde endgültig Abschied genommen. Zwischen die einzigen noch freien zwei Finger der linken Hand drückte mir Tante Brösele einen dicken, schmerzhaften, mit Draht gebundenen Strauß, den ich bereits vorher mit nicht geringem Mißtrauen betrachtet hatte. Nochmals wurde ich beschworen, das Billett nicht zu verlieren, mich rückwärts zu setzen, sofort zu schreiben, auf den Kofferschlüssel und den Gepäckschein acht zu geben, Benders ja nicht zu vergessen.

Ich versprach alles mit forcierter Herzlichkeit und stieg, vom Schaffner zum letztenmal energisch aufgefordert, ein.

Ich quetschte mich durch den Gang des Zuges, in welchem sich fortgesetzt Leute mit roten, bangen Gesichtern und großen sich quer stellenden Koffern auf und ab mühten. Ich fand in einem sonst völlig besetzten Abteil auf dem einzigen noch freien Platz meine Handtasche.

Der Zug hielt noch immer. Tante Düne klopfte mit dem Schirm gegen das Fenster und machte mir durch Gesten verständlich, daß sie noch etwas zu sagen habe. Ich stolperte unter Entschuldigungen über die Füße der Kupeeinsassen zum Fenster und mühte mich ab, das Fenster zu öffnen. Zerrte, zog, ruckte an dem Fensterriemen. Die Tanten gestikulierten erregter. Es mußte etwas äußerst Wichtiges sein, das man mir zu sagen vergessen hatte.

Ich quälte mich entsetzlich mit dem Fenster, die Leute guckten höhnisch. Ich bekam einen roten Kopf.

Endlich gelang es mir, das Fenster zu öffnen.

»Vergiß nicht, Benders zu schreiben!« Das war es, was Tante Düne noch auf dem Herzen hatte.

Ich stand am Fenster und wiederholte mechanisch, nur um etwas zu sagen: »Grüßt nochmals alle, auch Tante Traudchen!«

Wenn der Zug nur endlich fahren wollte!

Die Tanten und der Onkel schauten am Zuge auf und ab, stellten sich dann auf die Zehen und guckten in mein Kupee. »Der Zug ist gut besetzt«, konstatierten sie dann richtig. »Hast du auch alles«, Tante Brösele hatte ebenfalls das Bedürfnis, noch etwas zu sagen.

Wenn der Zug nur fahren wollte! Die Situation war zu peinlich. Die Leute im Kupee, denen ich auf den Füßen stand und auf den Knien lag, murrten schon. Andere feixten und hörten interessiert dem angeregten Gespräch zu!

Endlich! Der Zug setzte sich in Bewegung.

»Vergiß nicht, Benders zu schreiben«, mit dem Zuge laufend, stieß es Tante Düne ein letztes Mal keuchend hervor.

Tante Hupebeih verstreute bei dem Versuch, das Taschentuch aus ihrem Pompadour zu zerren, dessen ganzen Inhalt über den Perron: Schlüssel, Pfeffermünztabletten, Bleistift, Haarnadeln, Taschenkämmchen, Groschenstücke, Perronkarte.

Onkel Dagobert lief auch noch ein Stück neben dem Zuge her und winkte mit dem Schirm. Er hatte nur nach dem Zuge gesehen und war mit aller Kraft gegen eine Säule gelaufen. Sein Hut flog in hohem Bogen über den Bahnsteig. Das war der letzte Eindruck, den ich von meinen Lieben mitnahm in die Fremde. –

Meine Handtasche war recht schwer. Ich bin kein Hüne. Ich brauchte lange, bis ich sie im Netz hatte. Die Leute im Kupee grinsten schadenfroh. Ich setzte mich in der Verwirrung auf Tante Bröseles Blumenstrauß, fuhr sofort wieder hoch, da mich ein Drahtende gepitscht hatte. Nun wurde ich aber zornig und warf den Strauß zum Fenster hinaus. Die Leute im Kupee höhnten laut und machten freche Bemerkungen. Ich keilte mich zwischen zwei harte, feindliche Ellenbogen. So sehr bequem saß ich nicht: ich hatte die aufgeklappte Armstütze im Rücken und im Nacken das Kopfpolster. Harte, haßerfüllte Knie und Ellenbogen bedrängten mich mehr und mehr.

Alle Herzensbildung, alles feine, altruistische Empfinden geht auf der Eisenbahn in die Binsen.

Man sehe sich nur in der Reisezeit den Sturm auf einen Zug an. Ein Schulbeispiel des Bankerotts jeglicher Erziehung. Eine Orgie entfesselter Leidenschaften. Die Herrschaft des Biceps par excellence. Glieder werden ausgerenkt, wertvolle Roben zerfetzt, Zigarren in den Hals getrieben, hilflose Greise und Frauen und unmündige Kinder zerstampft.

Die Sieger, d. h. diejenigen, denen es gelungen ist, über Leichen in ein Kupee zu gelangen, begegnen einander mit grenzenlosem Haß und betrachten jeden, der Anspruch erhebt, im gleichen Abteil zu sitzen, als ihren schlimmsten Todfeind. Wagt es dann noch irgendein verhetzter Unglücklicher, der vergeblich am ganzen Zug mit weit heraushängender Zunge und stierem Blick nach einem Platz gesucht hat, einzusteigen, um den letzten theoretisch noch freien Sitz einzunehmen, so trifft ihn der solidarische Zorn sämtlicher Kupeeinsassen. Man setzt sich so breit man kann, bläht sich unter Lebensgefahr aggressiv auf, dehnt und streckt die Glieder in dem Bestreben, einen möglichst großen Raum mit seinem Ich auszufüllen.

Erst ganz allmählich besinnt man sich wieder auf seine Erziehung. Die gereizte Stimmung brutalen Egoismus' macht langsam milderen Gesinnungen kultivierter Lebensart Platz. Man schämt sich und bereut, daß man dem Flegel, der im Grunde genommen in jedem Menschen steckt, mal wieder die Zügel schießen ließ, und sucht die auf den Kampf ums Dasein gestimmten Gebärden durch eine unterstrichene Höflichkeit zu verwischen, benutzt das geschlossene oder geöffnete Fenster zur Anknüpfung verbindlicher Gespräche.

Natürlich gibt es auch absolute Flegel, die im schlichten Tritt gegen das Schienbein ihres Nächsten überhaupt die einzig mögliche gesellige Verkehrsform sehen.

So einer saß mir gegenüber. Ich wäre zum Krüppel geworden, wenn ich noch länger sitzen geblieben wäre. Vollständig zerknüllt und verbogen rettete ich mich in den Seitengang. –

Ich halte die Erfindung des Speisewagens für erheblich wichtiger als die der doppelten Buchführung.

Hören wir, wie der geschickte Sonntagsblattplauderer über diese neuzeitliche Institution in seiner launigen Weise plaudert.

Im eleganten Restaurant sitzend, vor sich auf dem blütenweißen, kokett gedeckten Tisch die erlesensten Gerichte, von flinken Kellnern geräuschlos bedient, durch die Lande dahinzusausen – während des Diners umschmeichelt von dem Zauber des sagenumwobenen Rheines mit seinen burgengekrönten Bergen – sich angesichts des majestätischen Stolzenfels an Steinbutt à la meunière zu delektieren, die trotzige Marxburg bei Tournedos à la Rossini, das verträumte St. Goar bei französischer Poularde zu erleben – Eiscreme schlürfend zur Loreley hinaufzusinnen – den Tee mit petits fours im fruchtbaren Hegau und in den Reichslanden das Souper einzunehmen: das ist Kultur, das ist Fortschritt, das ist das zwanzigste Jahrhundert. Vorbei sind die Zeiten ewiger Schinkenbrote, ewiger Koteletten, aus fettigen Tüten gegessen, oder weißglühender Bouillon, hastig an irgendeiner Station in den Bauch gezischt...

Lassen wir jetzt den geschickten Sonntagsblattplauderer aufhören.

Er hat aber recht, der geschickte Sonntagsblattplauderer. Ich habe mich im Speisewagen ergiebig gerächt für die im Kupee erlittene Unbill: drei leere Flaschen Rüdesheimer-Berg standen nachher an meinem Platz.

Wie war es mir auf einmal heiß durchs Herz geschossen, als mir nach aller Hatz zum Bewußtsein kam, daß ich morgen unter italienischem Himmel, unter des Südens immer lachender Sonne wandeln würde, daß ich dem Lande meiner Träume von Minute zu Minute näher kam, dem Lande, wo die Zitronen blühen und die Goldorangen glühen. Erst hatte ich der Mignon Lied schüchtern vor mich hin gesummt, war dann aber begeisterter geworden und hatte mit sonorem Organ losgelegt: »Dahiiiiin, dahiiiiin möcht ich mit dir...« Man war gekommen und hatte gesagt, das gehe nicht.

Rosenfarben lag die Zukunft vor mir. Was scherten mich die Menschen. »Dahiiiiin, dahiiiii« – Als man aber wiederkam und sagte, das ginge absolut nicht, wurde ich sentimental und kroch in mein Kupee, welches sich mittlerweile bis auf zwei Insassen geleert hatte.

Ich vergrub mich in einer Ecke und entschlummerte sanft.

Von Italien träumte ich. Von tiefblauen Wassern, in denen sich schlanke Pinien und dunkle Zypressen spiegelten. Von Marmorvillen, versteckt zwischen Lorbeer und Orangen. Von glutäugigen Frauen in buntfarbener Tracht, die des Nordländers Herz betören. Von blauen Mondnächten im Nachen, dem fernen Mandolinen- und Gitarrenspiel, den Sängen der Fischer lauschend.

Dann sah ich mich auf einmal auf einem Ruhebett von Jaspis liegen, auf Pfühlen von indischer Seide. In einer Säulenhalle aus schwarzgeädertem Marmor von blendendstem Weiß mit goldenen Kapitälen stand mein Lager. Schlanke Palmen streichelten die Halle. Der Duft von Asphodelos kroch an mein Bett. Ich schaute hinaus in eine weite Ebene, in ein ungeheures Feld dieser Märchen, in eine weite Ebene, in ein ungeheures Feld dieser Märchenblumen.

Plötzlich begann ein liebliches Klingen, erst ganz leise, dann lauter und lauter werdend.

Durch die Ebene heran kam ein seltsamer Zug. Schöne Frauen, wie sie Rossetti malte, trugen je zu zweit zwischen sich längliche Streifen Pergamentes. Sie sprachen mit klangvollen Stimmen Verse, die in farbigen Initialen auf diesen Streifen geschrieben standen. Ein Tönen war es. Eine wundersame Sinfonie. Worte wie zarter Harfenklang, wie das Jubilieren erlesener Geigen, Worte auch wie drohendes Getön von Tuben. Über die Purpurlippen der Frauen quoll der Worte zitternde, gleitende Melodie, gleich köstlichen Juwelen – Worte gleich Rubinen, voll heißer Sehnsucht – Worte gleich dem Frühlingsahnen des Smaragds – Worte wie Opale schillernd in den Geheimnissen Indiens – –

Zwei schöne, schlanke Frauen mit Kronen von goldblondem Haar, gehüllt in amethystfarbenen Samt, auf den hohen weißen Stirnen an goldenen Kettchen Skarabäen, traten dicht an mein Lager heran und wiesen mir ihr Pergament, und ich las.

Wort für Wort, erst langsam, stockend, dann hingerissen von der Allgewalt der Musik, der Sprache, ließ ich die Worte wie köstlichen Wein über die Lippen gleiten: Si prega di non sputare nella carrozza – – – sputare nella carrozza – – –

Ein Rasseln. Ein Pfeifen. Ich werde hin- und hergeschüttelt. Träume ich oder wache ich? Greifbar sehe ich das Pergament vor meinen Augen. – – non sputare nella carrozza, wiederholte ich immer und immer wieder.

»Billett vorzeigen!« – höre ich dicht neben mir rufen. Man schüttelt mich. Ich springe auf Wie hypnotisiert hängt mein Blick an dem Pergament dort. Die schönen Frauen sind verschwunden, zerflossen die schöne Vision der Marmorhallen, der Asphodeloswiese – nur das Pergament ist geblieben. Ich spreche die Worte vor mich hin, noch immer im Bann der göttlichen Sprache Dantes.

»Na, wird's bald mit dem Billett«, schnauzt jemand auf mich ein, »hören Sie doch endlich auf, das Spuckverbot aufzusagen!«

Ich rieb mir die Augen. Richtig – ich befand mich in meinem Kupee im durchgehenden Wagen. Nach Italien. Das vermeintliche Pergament war ein Emailleschild, auf welchem in deutsch, französisch und italienisch gebeten wurde, nicht auszuspucken.

Es klang aber doch einfach grandios, in seiner Phonetik geradezu überwältigend: Si prega di non sputare nella carrozza! –

Ich hätte die weiteren zwei Flaschen Rüdesheimer nicht trinken sollen, es wäre besser gewesen. Auch die sieben Kognak waren nicht nötig.

In einem dummen Zustand kam ich morgens gegen fünf in Como an.

Ich rate jedem, der einen guten Eindruck von Como haben will, überhaupt nicht hinzugehen, oder wenigstens in Como nicht zuerst den geweihten Boden Italiens zu betreten, es überhaupt in allen Dingen nicht so zu machen wie ich.

 


 

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