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Hermann Harry Schmitz: Grotesken - Kapitel 4
Quellenangabe
titleGrotesken
authorHermann Harry Schmitz
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O Gott, bei Benders ist Hausputz!

Aus: Düsseldorfer General-Anzeiger vom 7.5.1911;
Der Säugling und andere Tragikomödien, Leipzig 1911

Alljährlich im Frühjahr bekam Frau Meta Bender, wie jede echte gute deutsche Hausfrau, ihren Koller: den Hausputzkoller.

Das war immer eine schlimme, eine äußerst schlimme Zeit für das Haus und die Lieben von Meta Bender. Die sonst wirklich ziemlich umgängliche und gütige Frau war während dieser Zeit nicht wiederzuerkennen, sie war wie umgewandelt, grausam, rücksichtslos und brutal.

Ich halte diesen Hausputzkoller für eine ganz bestimmte psychologische Erscheinung, und zwar für eine entgleiste Frühlingsregung, die sich nur noch an der Politur von Mahagonimöbeln, an frisch gestärkten Gardinen, in Atmosphären von schwarzer Seife und Bohnerwachs zur höchsten Ekstase begeistern kann. Ja, ja, so was muß es schon sein.

Es ist ein Zustand, der vor den Nervenarzt gehört, wirklich, denn die fast unheimliche Willenskraft der Aktivität, die die von dem Koller betroffenen Hausfrauen entwickeln, trägt absolut ein pathologisches Gepräge.

Hier liegt noch eine Aufgabe für die bakterologische Wissenschaft, den Bazillus, den Erreger dieser seltsamen Erkrankung zu entdecken und ein entsprechendes Gegenmittel zu finden.

Vater Rizinus Bender hatte ohnehin zu Hause verflucht wenig zu sagen. Höchstens schlug er mal, wenn es ihm zuviel wurde und seine Frau gerade nicht im Zimmer war, sehr vorsichtig mit der geballten Faust auf den Tisch und sagte bestimmt, aber sehr leise, daß er es leid sei und er der Herr im Hause sei. Heute beim Frühstück sei das Graubrot trocken gewesen, und er werde in jeder Richtung, in jeder Richtung gründliche Remedur schaffen.

Und die alte Tante Hülsenkuff mit dem Holzbein und dem großen Kropf, die bei Benders das Gnadenbrot genoß und auf welche das Wort »Remedur« einen enormen Eindruck machte, bat zitternd Vater Bender, nicht zu weit zu gehen, und außerdem höre sie seine liebe Gattin kommen.

Dann dämpfte Rizinus schleunigst seinen Zorn und machte die Wutfaust schön flach und ergeben.

Wenn er schon in friedlichen, normalen Zeiten nicht recht wagte, den Ansichten und dem Tun seiner Gattin wirksamen Widerstand entgegenzusetzen, wie viel weniger hätte er daran gedacht, gegen die gigantische Unerbittlichkeit des Hausputzkollers irgendwelche Front zu machen. Das war ein starres Verhängnis, dem er als absolut hilfloser Zwerg gegenüberstand.

In banger Erwartung sah er alljährlich dem Nahen des Frühlings entgegen. Wie ein Damoklesschwert hing der Gedanke an den großen Hausputz über seiner Seele.

Der arme Mensch wurde von Tag zu Tag sichtlich unruhiger; er irrte durch die Wohnung. Keine Pfeife, keine Zigarre wollte ihm mehr schmecken. Bis dann mit dem ersten abgehangenen Bild und den leeren, gardinenlosen Fenstern der Schrecken des Hausputzes seinen Einzug hielt in sein friedliches Heim.

Heuer sah er mit ganz besonders gemischten Gefühlen dem dräuenden Ereignis entgegen. Frau Bender hatte so ganz nebenbei verlauten lassen, daß sie dieses Mal eine besonders eingehende und gründliche Reinigung vorzunehmen gedenke. So alle paar Jahre sei das dringend nötig. Sie habe bereits genügend Hilfspersonal engagiert.

Da war ja Entsetzliches zu erwarten.

Und eines Tages war es dann losgegangen.

Herr Bender hatte nach dem Frühstück harmlos im Wohnzimmer gesessen und die Zeitung gelesen, als plötzlich seine Frau, gefolgt von drei bis an die Zähne mit Eimern, Besen, Putztüchern und sonstigen seltsamen Geräten bewaffneten, ihm gänzlich unbekannten, gar nicht sehr liebreizend aussehenden weiblichen Wesen entschlossen mit schweren Schritten in das Zimmer trat. Die Begeisterung der Krieger, die unter dem Einfluß einer großen, göttlichen Idee in die Schlacht ziehen, lag auf ihren Stirnen.

Wie gebannt starrte Rizinus aus seinem Sessel diesem Aufzug entgegen.

Vor allem wurden sämtliche Türen und Fenster geöffnet und Durchzug hergestellt.

Wie ein Feldherr vor dem Angriff gab Mutter Bender bestimmt und kalt ihre Befehle.

Auf den Ruf »Franz«, den sie gellend ausstieß, kam ein breitschulteriger Mann in Arbeiterkleidung, in den besten Jahren und mit einer Leiter. Das gleiche Leuchten einer eigentümlichen Ekstase lag auf seinem Gesicht.

Die Leiter wurde an die Wand gelehnt, und der Mann, den die Frauen »Franz« nannten, kletterte behende hinauf. Bild auf Bild wurde heruntergeholt.

Gierig griffen die roten beefsteakähnlichen Hände der drei Frauen nach den Kunstwerken.

Mutter Bender stand wie aus Bronze mit übereinandergeschlagenen Armen mitten im Zimmer und erinnerte an Napoleon.

Von Rizinus Bender nahm kein Mensch Notiz.

Jetzt hatte der Mann, den man Franz nannte, die Leiter ausgerechnet schräg über den Sessel Rizinus' gestellt. Geduckt, zitternd zog sich der Hausherr in seinem Sessel zusammen.

»Päng, päng, klirr, klirr!« Der Franz hatte schwitzige Hände, und der schöne Farbendruck »Genesung« war ihm entglitten. Rizinus Bender hatte ihn jetzt wie einen Halskragen übergestülpt.

»Hoppla«, meinte Franz, nahm gelassen ein anderes Bild von der Wand und reichte es den Frauen. Niemand nahm Notiz von diesem Vorfall oder machte gar Anstalten, den armen Rizinus zu befreien.

Mama Bender stand wie aus Bronze mit übereinandergeschlagenen Armen mitten im Zimmer und erinnerte an Napoleon.

Wie unter dem Bann einer furchtbaren, dämonischen Macht vermochte Vater Bender sich nicht zu rühren. Seine Augen verfolgten mit Grausen das Tun dieser furchtbaren Menschen.

Plötzlich stieß Frau Bender einen hellen Schrei aus. Alle stürzten sich mit Sturmgebärden auf das Vertiko und trugen dieses Möbel mit lautem Jauchzen aus dem Zimmer auf den Hausgang. Manches schöne Nippes, das auf dem Muschelaufsatz stand, fiel zu Boden und zerbrach.

Wie ein wilder Taumel kam es über die fünf. Mutter Bender verlor jede Beherrschung und wütete gegen die Möbel, so wild wie ihre Mannen.

Möbelstück auf Möbelstück wurde ergriffen und draußen auf dem Flur barrikadenartig aufgestapelt.

Und mit jedem Möbelstück, auf welches sich diese merkwürdigen Fanatiker stürzten, wuchs in ihren Augen ein wildes Feuer von übermenschlicher Begeisterung.

Rizinus lag starr in seinem Sessel, »Genesung« um den Hals.

Dann plötzlich wurde sein Sessel gepackt, ohne Rücksicht auf ihn hinausgetragen und auf einen polierten Tisch gestellt. Man stellte ihn zu sehr an die Kante. Der Sessel kam ins Rutschen und fiel nebst Rizinus herunter. Der Sessel brach ein Bein. Rizinus nicht, er stieß sich nur schauerlich das Schienbein, was eine gewisse Reaktion aus der starren Lethargie zur Folge hatte und ihm Kraft gab, sich in die gute Stube zu flüchten.

Das Geräusch von Wassersalven, die in das Wohnzimmer gefeuert wurden, drang an sein Ohr. Dazwischen vernahm er kurze, scharfe Kommandorufe seiner Gattin. Ab und zu ein Klirren, Knacken und Brechen als Zeichen, daß solch ein Feldzug seine Opfer forderte.

Einen ganzen Tag saß er klopfenden Herzens in der guten Stube und horchte auf das Toben draußen.

Das wußte er aus früheren Jahren, daß während der Hausputzepoche nicht gekocht wurde und daß er zur Stillung seines Hungers lediglich auf Brot und amerikanisches Büchsenfleisch angewiesen war.

Als die Nacht niedersank und es ruhig im Hause wurde, schlich sich Herr Bender mit einer Büchse Corned beef, nicht ohne furchtbare Stürze über die im Flur aufgebauten Möbel, in sein Schlafzimmer.

Laute Stimmen weckten ihn bei Morgengrauen schon aus dem Schlaf. Er fuhr auf, und sein verschlafener Blick ruhte voll Entsetzen auf den gräßlichen Frauen und dem Manne mit der Leiter, die sich anschickten, ihre furchtbare Mission auch in diesem Zimmer zu erfüllen. Frau Bender stand wie aus Bronze mit übereinandergeschlagenen Armen mitten im Zimmer und erinnerte an Napoleon.

Dürftig bekleidet rettete sich mit knapper Not Vater Bender in die gute Stube.

Und mit jedem neuen Tag wuchs der Fanatismus der Truppen seiner Frau. Von Zimmer zu Zimmer wurde er getrieben. Der Hausgang, das Treppenhaus, der Vorgarten, die Straße war angefüllt mit Möbeln. Ausräumen, ausräumen! war die Devise.

Benders hatten neun Kinder. Eins nach dem andern war bei dem Tohuwabohu des Hausputzes zugrunde gegangen. Auf Anton war ein Kleiderschrank gefallen und hatte ihn platt gedrückt, daß er nur noch als Lesezeichen zu verwenden war. Erich war, eingeklemmt zwischen ein Bett und einen Säulenofen, verhungert. Die Kleineren waren in dem Gewirr spurlos verschwunden. Der Jüngste, Pepi, war vom Vakuum-Reiniger, den man auch zur Unterstützung herbeigerufen hatte, aufgesaugt worden.

Schrecken, o Schrecken!

Das Klavier, das auf der Bleiche stand, fletschte die Tasten. Man hatte seinen Bauch geöffnet und auf Befehl Metas die Saiten herausgenommen, damit sie mit Schmirgel gereinigt wurden. Endlich mal.

Entsetzen füllte das Haus.

Auf das Dach flüchtete sich in seiner Bedrängnis und Not Vater Bender, wo er an den Schornstein geklammert die unglückliche Tante Hülsenkuff fand, die sich mit ihren letzten Kräften hier hinauf gerettet hatte.

Die wilden Truppen, die im Hause tobten, hatten es auf ihr Holzbein und den Kropf abgesehen. Ersteres sollte abgeseift und frisch lackiert und letzterer bronziert werden. Lieber tot, als das zugeben, war der Entschluß der Tante. Und sie hatte sich aufs Dach geflüchtet.

Im Hause aber wütete Mutter Benders Wille zum Hausputz.

Dann geschah das Schreckliche, das dem Tun der Wahnwitzigen ein jähes Ende bereitete.

Der Maschinist, der den Vakuum-Reiniger bediente, ging auf einen Augenblick weg, um gegenüber einen Schnaps zu trinken. Mutter Bender benutzte seine Abwesenheit und stürzte sich auf den Apparat. Sie drehte an den Ventilen, stellte die Regulierung auf die höchsten Ziffern und entfesselte in ihrer wilden Ekstase die ganze ungebundene Kraft der Maschine.

Ein furchtbares Brausen und Sausen erhob sich, das von Sekunde zu Sekunde anschwoll. Mit Sturmwindskraft und Schnelligkeit saugte die Maschine die Luft in sich hinein. Bilder und Spiegel wurden von der Wand gerissen. Gardinen flogen durchs Zimmer und verschwanden im Schlund des entsetzlichen Saugers. Dann wurde plötzlich Mutter Bender wie von unsichtbarer Hand gepackt. Sie mochte sich sträuben und mit den Gliedern strampeln, nach einem Stützpunkt verzweifelt die Hände strecken, – vergebens, der Vakuum-Reiniger sog sie heran und verschlang sie. Die drei Putzfrauen und den Franz traf das gleiche schreckliche Geschick.

Franz eilte, als er Frau Bender im Vakuum-Reiniger verschwinden sah, herbei, und es gelang ihm noch, das linke Bein der Frau zu fassen. Aber, wie er sich auch stemmte mit allen Kräften und die drei Putzfrauen sich an ihn klammerten, sie wurden alle hineingerissen in die entsetzliche Maschine.

Tante Hülsenkuff hatte sich auf dem Dach erkältet und starb an einer Influenza.

Vater Bender war trotz allem Zureden nicht zu bewegen, das Dach zu verlassen.

 


 

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