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Hermann Harry Schmitz: Grotesken - Kapitel 39
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titleGrotesken
authorHermann Harry Schmitz
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Aus einem rheinischen Städtchen

Aus: Düsseldorfer General-Anzeiger vom 10.10.1909;
Buch der Katastrophen, Leipzig 1916

Turbine Muhlmann

Als wir am 30. September, morgens, aus dem Gasthaus »Zum Turm« traten, war ganz Caub beflaggt.

»Aha, wegen Sedan«, meinte Toni Bender, der nicht gern lange über etwas nachgrübelte.

»Sedan ist doch am 2. September«, belehrte ich ihn.

Ich studiere nämlich peinlich genau alltäglich den Abreißkalender, das ist zur wahren Manie bei mir geworden. Auf diese Weise sind mir die historischen oder sonst bemerkenswerten Daten ziemlich geläufig.

Ich rekapitulierte: »30. September Todestag des Schlachtenmalers Franz Adam und des bekannten Chirurgen B. von Langenbeck und Geburtstag der Johanna Sebus.«

»Es wird wegen der Sebus sein«, reflektierte ich, »die hat sich ja um die Rettung aus Wassersnot verdient gemacht. Das wird schon so sein, daß man die hier in Caub, wo sich alles um die Schiffahrt dreht, feiert.«

»Mußt ja immer alles besser wissen«, sagte Toni; »von mir aus können sie auch wegen Johanna Sebus geflaggt haben. Uns kann das aber auch völlig gleichgültig sein. Mir wenigstens ist es furchtbar egal.«

Schweigend gingen wir nebeneinander her.

Eigentlich wollte es mir doch nicht so recht in den Kopf, die Sache mit der Johanna Sebus. Man hätte doch schon mal irgendwie ihren Namen in Verbindung mit Caub hören müssen.

Meine Gründlichkeit ließ mir keine Ruhe.

»Du, Toni, in welchen Beziehungen mag Johanna Sebus denn eigentlich zu diesem Städtchen gestanden haben?«

»Ihr Bruder war mit Blücher zusammen auf Quinta«, suchte Toni Bender die Frage abzutun, »und Blücher ist doch der Stadtheilige hier.«

Davon hatte ich noch nie gehört und äußerte einigen Zweifel dieser Behauptung gegenüber.

Toni Bender wurde die ganze Angelegenheit riesig lästig. »Immer deine Spitzfindigkeiten, die stehen mir schon am Hals heraus«, grollte er.

»Ich möchte das doch gerne wissen; ich werde jemand fragen«, entschloß ich mich.

»Wirst dich nett blamieren mit deiner Ignoranz«, nörgelte Toni weiter; »ich wüßte aber auch wirklich nicht, was mir annähernd so gleichgültig wäre wie die Frage, warum heute hier geflaggt ist.«

Der Steuermann Jonas Rüderke kam uns entgegen. Den fragte ich.

Er war im höchsten Grade erstaunt: »Na, das wissen Sie nicht? – Frau Turbine Muhlmann hat heute Geburtstag.«

»Ach ja, natürlich«, verstellte sich Toni Bender; »ich habe es dir ja direkt gesagt«, wandte er sich an mich.

»Da hast du dich mal wieder nett blamiert«, fuhr er fort, als der Steuermann weg war.

Beklommen schwieg ich. Turbine Muhlmann – davon hatte ich noch nie gehört. Ich strengte mein Hirn vergebens an. Sollte ich, der ich mir wirklich mit Recht auf meine Datenkenntnis etwas einbilden konnte, hier versagen?

Ich mußte mir Luft machen.

»Du weißt hoffentlich jetzt wenigstens, wer Turbine Muhlmann war«, suchte ich Toni Bender zu verblüffen.

»Natürlich. Die geistvolle Erfinderin der Sommersprossen«, bekam ich prompt zur Antwort.

Ich schwieg wütend und kaute an meiner Zigarre.

»Entschuldige, ich glaube, ich habe mich vertan«, begann Toni Bender nach einer Weile mit dem harmlosesten Gesicht von der Welt; »Frau Muhlmann war die wackere Vorkämpferin der Kniebeuge.«

»Ich verbitte mir diesen Quatsch!« schrie ich ihn wütend an.

»Wie kann ich nur so vergeßlich sein. Du hast recht, unwillig zu sein. Ich habe das verwechselt. Frau Muhlmann war die talentvolle Erfinderin des kleinen Einmaleins«, fing Toni wieder an mit sachlich gerunzelter Stirn.

Ich boxte ihn unter das Kinn.

Er trat mir gegen das Schienbein.

Es gab einen Mißton in unserer Freundschaft. Wütend ging jeder einen anderen Weg.

Die Turbine Muhlmann ging mir im Kopf herum. Sie mußte doch eine historische Person sein, wenn eine ganze Stadt ihretwegen Flaggenschmuck anlegte.

Ich fragte noch etwa zwanzig Leute, denen ich begegnete, natürlich höchst diplomatisch – ich wollte mir doch keine Blöße geben –, konnte aber nicht mehr erfahren als das, was mir Jonas Rüderke gesagt hatte.

Ich betrank mich, so ärgerte mich diese Geschichte, und schlief dann bis zum Abend.

Am Stammtisch im »Turm« traf ich abends wieder mit Toni Bender zusammen. Er lachte mich freundlich an. Ich schnitt ihn.

Die Schiffahrt gab dem Stammtisch seinen Charakter. Ein kunstvoll gearbeiteter Anker aus Messing lag in der Mitte. Die Kapitäne und Steuerleute trafen sich hier. Alles famose, liebe Menschen.

Über berufliche Dinge und Tagesfragen wurde debattiert. Eine gewisse Hitze oder Leidenschaft, die sonst im allgemeinen derartigen Stammtischunterhaltungen anhaftet, kam hier nicht so recht auf, denn meistens war schon spätestens um halb zehn Uhr die Mehrzahl der Mitglieder der Tafelrunde eingeschlafen. Es kam sogar vor, daß Toni Bender und ich allein als letzte Überlebende am Tisch saßen.

Bis elf Uhr blieb man in der Regel so angeregt schnarchend beisammen, dann rieb man sich verwundert die Augen, trank seinen Schoppen leer und ging höchst befriedigt von dem unterhaltsamen Abend auseinander.

Ich wandte einmal schüchtern ein, daß es sich doch eigentlich zu Hause viel bequemer schlafen ließe. Da kam ich aber schlecht an. Man wolle auch seine Zerstreuung, sein Vergnügen haben, wenn man den ganzen Tag, von morgens um vier Uhr ab, hart gearbeitet habe. Das leuchtete mir ein. Warum man aber auch schon so früh anfange? Die Schiffe könnten doch auch zu einer anständigen Zeit, vielleicht so gegen elf Uhr, abfahren, bemerkte ich. Davon verstünde ich nichts, hieß es.

An dem Abend von Frau Muhlmanns Geburtstag war der Stammtisch sehr gut besucht. Es ging lebhafter zu als gewöhnlich.

Man sprach allgemein von dem Geburtstagskind. Am meisten aber Toni Bender. Er finde diese einheitliche Flaggenkundgebung für diese verdiente Frau wirklich im höchsten Grade sympathisch. Er trinke auf das Wohl der Jubilarin und der Cauber Bürger, die so solidarisch in solchen Fragen zusammenhielten. Unverschämt feixend schaute er zu mir herüber.

Man wollte auch von mir hören, wie mir diese Kundgebung gefalle.

»Oh, gut, ich finde das wirklich wohltuend«, erwiderte ich vor mich hinblickend.

Ich saß wie auf glühenden Kohlen. Mein ganzes Prestige wäre zum Teufel gewesen, wenn man gemerkt hätte, daß ich keine Ahnung davon hatte, wer diese bemerkenswerte und sehr gefeierte Turbine Muhlmann war.

Toni Bender, dem Halunken, war meine Verlegenheit nicht entgangen, und er wußte, wenn sich das Gespräch einem anderen Gebiet zuwenden wollte, es immer wieder krampfhaft auf die Muhlmann zu bringen.

Ich hielt es nicht länger aus. Unter irgendeinem Vorwand drückte ich mich und kehrte erst nach elf Uhr in den »Turm« zurück.

Nur noch der Wirt war auf. Der mußte mir Aufschluß geben über diese rätselhafte Muhlmann.

Ich lud ihn zu einer Pulle Cauber Pfannstiel ein.

Aus der einen Flasche wurden fünf. Als ich wankend sehr spät mein Zimmer aufsuchte, wußte ich noch immer nicht, wer Turbine Muhlmann war.

Ich habe tagelang die Menschen gemieden, mich scheu verkrochen. Meine Unwissenheit lag wie ein Alb auf mir. Das Gespenst dieser mysteriösen Turbine Muhlmann verfolgte mich überall hin.

Dann habe ich mir ein Herz genommen und bin offiziell auf die Bürgermeisterei gegangen.

Ich habe den Bürgermeister gebeten, mir Einsicht in das städtische Archiv zu gestatten, unter dem Vorwand, daß ich die Absicht hätte, ein Werk zu schreiben über historische und legendäre Persönlichkeiten, die in irgendeiner Weise mit der Stadt in Berührung gekommen. So fehlten mir u. a. noch einige Daten aus dem Leben der Turbine Muhlmann.

Der Bürgermeister schaute mich verwundert an. »Die Urkunden und Chroniken stelle ich Ihnen recht gern zur Verfügung«, sagte er, »aber über die Frau Muhlmann werden Sie darin nichts finden. Das ist doch die Schwiegermutter vom Turmwirt, die vor einigen Tagen ihren 80. Geburtstag gefeiert hat!«

Ich machte ein recht dummes Gesicht und stotterte verwirrt heraus: »Ja, aber alles hatte doch geflaggt wie an einem patriotischen Festtag.«

»Ja, das ist hier so Brauch. Die Flaggen sitzen locker. Die Muhlmanns sind eine alte, weitverzweigte Cauber Familie«, belehrte mich der Bürgermeister. –

Ich weiß nicht, ob Toni Bender von meiner Blamage gehört hat.

Er fragt mich von Zeit zu Zeit mit dem unschuldigsten Gesicht, ob ich nicht zufällig wisse, ob Blücher nicht zur Turbine Muhlmann in irgendeinem verwandtschaftlichen Verhältnis gestanden habe. –

Ich rede dann immer einige Tage nicht mehr mit ihm.

Das Elslein von Caub

Ich habe hier meine kurzsichtige Tante Anisplätzchen Wilbert zwei Tage zu Besuch gehabt.

Am ersten Tag ging ich mit ihr zum Blücherdenkmal. Kopfschüttelnd blieb sie eine Weile schweigend davor stehen. Dann sagte sie, sie finde die Auffassung des Bildhauers immerhin merkwürdig. Aus dem Kostüm werde sie vor allem nicht so recht klug. Der Kopf gehe ja, die Züge seien von einem außergewöhnlichen Liebreiz.

Ich guckte sie groß an. So konfus hatte man den famosen Marschall Vorwärts noch nicht kritisiert.

»Das ist doch ein sehr verständliches Monument«, warf ich ein.

»So, findest du? Ich kann mir nicht helfen«, beharrte Tante Wilbert, »ich habe mir das Elslein von Caub anders vorgestellt.«

»Das ist doch das Blücherdenkmal«, belehrte ich sie.

»Ach so, warum hast du das nicht gleich gesagt?«

Fast jedes Nest am Rhein hat seine Reminiszenz an einen deutschen Dichter. Meistens nehmen Gasthäuser für sich die Ehre in Anspruch, daß gerade ihr Wein oder ihre Wirtin einstens die Anregung zu dem oder jenem bekannten Gedicht gegeben habe.

Häufig wetteifern mehrere Prätendenten um dieselbe Ehre.

In Königswinter gibt es eine Wirtschaft »Zum kühlen Grunde« und eine andere »Zum wirklichen kühlen Grunde«. Wie ich höre, soll noch ein dritter Wirt den kühlen Grund für sich in Anspruch nehmen und sein Lokal »Zum amtlich beglaubigten und privilegierten kühlen Grunde« nennen.

Original-Lindenwirtinnen, Original-Mädchen von Stolzenfels usw. gibt es massenhaft hier am Rhein. So sagt wenigstens Toni Bender, der sich darüber ärgert, daß die Dichter gerade gut genug sind, um als Aushängeschild für spekulative Hoteliers zu dienen.

Toni Bender ist und bleibt ein Nörgler. Auch geriet er in Wut, als ich ihn nach dem Elslein von Caub fragte.

»Nicht weniger als vier behaupten, das echte Elslein von Caub zu sein«, sagte Toni Bender, »davon heißt eine Mathilde, die scheidet mal sofort aus. Die zweite hat die Gicht, die dritte wiegt 280 Pfund, und die vierte ist vor einigen Tagen Großmutter geworden. So viel Phantasie kann ich nicht aufbringen, in diesen Matronen, so rüstig sie auch sein mögen – selbst wenn sie die Tradition auf ihrer Seite haben –, das im Cauber Nationallied gepriesene Elslein von Caub, die »Schönst' im ganzen Reich« zu sehen. Ein Elslein von Caub, an das ich glauben soll, muß einen roten Mund zum Küssen haben und mit den blitzenden Augen der siegenden Jugend in die Welt lachen. Dann braucht sie von mir aus nicht einmal Else zu heißen!«

»Das ist ja Quatsch«, warf ich ein, »ein Elslein von Caub kann nicht Marie oder Stina heißen. Das ist meines Erachtens die Hauptbedingung.« –

Es war mir aufgefallen, daß Toni überall von den bezüglichen Wirtstöchtern mit einer außergewöhnlichen, direkt verblüffenden Liebenswürdigkeit behandelt wurde. Sämtliche Backfische Caubs schienen für ihn zu schwärmen. Ich, der ich doch viel schöner war als er, wurde fast gar nicht beachtet, so große Mühe ich mir auch gab. Ich wechselte geradezu beängstigend häufig meine Krawatte, sorgte peinlich genau dafür, daß die Strümpfe in der Farbe zur Krawatte stimmten, band die Schnürbänder an den Halbschuhen zu höchst graziösen Schleifen.

Ich versuchte als angenehmer Gesellschafter zu glänzen, indem ich Kartenkunststücke machte, launige Schnurren erzählte, eine gedachte Zahl zu raten versuchte, auf einem mit Seidenpapier überzogenen Kamm trompetete, mir die Haare ins Gesicht strich und schwermütige Lieder sang. Ich bot mich an, Garn zu halten oder Ableger von Geranien zu besorgen. Alles umsonst. Es gelang mir nicht, diesen Toni Bender auszustechen.

Ich beschloß, ihn mit einer gewissen Kälte zu behandeln.

Eines Tages erfuhr ich vom wackeren Turmwirt die Ursache von Tonis Erfolgen.

Er hatte es verstanden, sich ein unerhörtes Ansehen zu geben, und so nebenbei verlauten lassen, er werde dafür sorgen, daß Caub wieder eine Attraktion in einem einwandfreien Elslein von Caub erhalte.

Das hatte sich bei den ehrgeizigen Backfischen herumgesprochen.

Jetzt ging mir ein Licht auf.

Er hatte eine Schwäche für eine gemütliche, altertümliche Schenke, in der ein braunlockiges Mädel den Wein kredenzte. (Der geschickte Feuilletonist dringt durch.)

Eine ausgeschlissene Steintreppe führte in die braungetäfelte Gaststube.

Wenn Toni Bender sagte, er habe eine wichtige Besorgung zu machen, fand ich ihn stets hier bei der braunen Else. Auch umgekehrt überraschte er mich, wenn ich eine dringende, höchst wichtige Kommission vorgeschützt hatte, sehr häufig hier.

Diese höchst seltene Übereinstimmung des Geschmackes brachte uns wieder näher, und eines Tages, als Toni gerade besonders guter Laune war – er hatte mich erfolgreich angepumpt –, erzählte er mir seinen Plan, das entzückende Wirtstöchterlein hier offiziell zum Elslein von Caub zu stempeln.

Bei einer monumentalen Bowle haben wir in Gegenwart von alteingesessenen Bürgern die Belehnung vor sich gehen lassen. Es fing höchst feierlich im Gehrock und mit wohlgebauten Reden an und endete in einer höchst unfeierlichen Trunkenheit.

Jetzt hat sich plötzlich das Interesse der hiesigen Backfische auch mir zugewandt. Und ich finde das nicht mehr als recht, denn ich bin wirklich schöner als Toni Bender.

 


 

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