Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Hermann Harry Schmitz: Grotesken - Kapitel 37
Quellenangabe
titleGrotesken
authorHermann Harry Schmitz
typesketch
created19990517
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
Schließen

Navigation:

In der Sommerfrische

Mein erster Mittag an der Table d'hôte und was daraus entstand

Aus: Düsseldorfer General-Anzeiger vom 29.9.1908;
unter dem Titel »Was mir an der Table d'hôte in der Sommerfrische passierte« gekürzt in: Der Säugling und andere Tragikomödien, Leipzig 1911

Nein, das ging nicht. Die Anzüge vom Wirt konnte ich nicht tragen. Der Mann war zwei Köpfe größer als ich und wog dreihundert Pfund. Der Hosenbord ging mir bis zum Kinn.

Völlig abgerissen und verwahrlost war ich in Z. angekommen. Welche Mühe hatte es gekostet, den Wirt zu bewegen, mich überhaupt aufzunehmen, und ihn zu überzeugen, daß er es in mir mit einem vom Schicksal sehr zerzausten, aber ehrlichen Menschen zu tun habe. Ich hatte furchtbar treu mit meinen blauen Augen geguckt; ich hatte heiße Zähren über die gefurchten Wangen rinnen lassen – alles Zeichen eines lauteren Gemütes, Bösewichtern gelingt das nämlich nicht. – Indes umsonst. Erst eine Handvoll Goldstücke, die ich wie in Gedanken von der einen Tasche in die andere schob, machte mich ihm sympathischer.

Vier Tage hatte ich im Bett gelegen, bis mein Koffer, der während der drei Wochen meiner Eisenbahn-Irrfahrt ruhig, als ob nichts passiert wäre, in Karlsruhe gestanden hatte, endlich nach umständlichen, natürlich äußerst kostspieligen, telegraphischen Verhandlungen ankam.

Nun hatte ich mich fein gemacht, den Scheitel durchgezogen, meine schöne, weiße Flanellhose und meinen guten, auf Taille gearbeiteten schwarzen Rock mit abstehenden Schößen angezogen, um zum ersten Mal an der table d'hôte teilzunehmen.

Man war schon bei der Suppe, als ich eintrat. Das Suppengeschlürfe verstummte plötzlich: Alles schaute mir entgegen.

Ganz unten an der Tafel wies man mir einen Platz an.

Ich machte eine Verbeugung nach vorn: Da saß ein Ehepaar mit einem vierjährigen Jungen in einer weißen Matrosenbluse, nach links: gegen einen bärtigen teutschen Mann in Wollwäsche und mit einer Troddel am Hals heraus.

Als ich saß, ging das Suppengeschlürfe wieder munter weiter. Ich schaute die Tafel hinauf. Oben am Kopfende saß breit ein dicker Herr mit einem roten Gesicht und einem goldenen Kneifer; der Kneifer war mit einem Kettchen an einem um das Ohr gelegten Haken befestigt. Auch hatte der Herr einen Schmiß über die Backe. Trotzdem war er nicht stolz und sprach jovial mit seinen Nachbarn, die sich sichtbar geehrt fühlten und häufig »Herr Rat« sagten.

Darin fielen mir zwei magere Damen auf mit bescheidenen runden Haarknüzchen als Frisur hinten im Nacken und im Rücken abstehenden Korsetts. Die eine mit einer Elfenbeinbrosche: eine Hand mit einem Blumenstrauß. Die andere mit einer großen Kameenbrosche mit dem Bild der Königin Luise. Neben ihren Tellern standen Medizinflaschen und eine Schachtel mit Pillen. Über den Stuhllehnen hingen rote gehäkelte Tücher mit Fransen, die von Zeit zu Zeit auf den Boden fielen. Ein junger Mensch mit Mitessern im Gesicht, der fortwährend um nichts errötete und vor lauter Angst entsetzliche Mengen Brötchen aß, saß neben ihnen.

Einige ältere Damen mit würdigem, silberweißem Haar und schwarzen Gardinchen auf dem Kopf guckten streng auf zwei Backfische in frisch gestärkten, abstehenden Kleidern, die fortgesetzt die Köpfe zusammensteckten und kicherten.

Schräg mir gegenüber, neben dem Ehepaar mit dem Jungen, saß eine dicke, gefährlich dicke Dame in einer seidenen Bluse mit Spitzeneinsatz, der man ansah, daß sie viel Geld gekostet hatte, am Halse ein großes, mit Brillanten besetztes Hufeisen. An den dicken Fingern und in den Ohren nochmals Brillanten.

Wer auf meiner Seite saß, konnte ich nicht sehen. –

Es gab Suppe mit langen Fadennudeln. So lange Nudeln hatte ich noch nie gesehen. Die Dinger mit einer gewissen Grazie zu verschlingen, ist immerhin nicht ganz leicht. Vom Löffel flutschten sie zurück in die Suppe, oder auf das Tischtuch, oder auf meine Rockaufschläge, viele blieben auch am Kinn und an den Backen hängen und bildeten einen wallenden Bart. Ich wurde nervös. Die Leute guckten schon. Der Junge mir gegenüber lachte laut und stopfte sich mit den Fingern die Nudeln klumpenweise in den Mund. Seine Mutter sagte, das sei ein echtes süddeutsches Gericht. Jetzt war mir ein Nudelwirrwarr auf den Boden gefallen, meine Füße verwickelten sich darin. Ich strampelte mit den Beinen, um mich aus der glitschigen Umschlingung zu befreien, trat dabei unter den Tisch, daß die Teller hoch sprangen. Ich wurde immer nervöser. Jetzt hing mir eine lange Nudel am Mund heraus, ich sog, ich zog, sie hatte sich um einen Knopf geschlungen. Plötzlich sprang der Knopf ab, und das Ende der Nudel schnellte mir ins Auge. –

Die Tränen schossen mir in die Augen. Ich hielt meine Serviette vor das Gesicht.

Von allen Seiten wurden Ratschläge gegeben, wie man etwas aus dem Auge machen müsse. »Schneuzen, stark schneuzen«, erklärte der Mann mit der Troddel kategorisch. »Nach der Nase zu reiben«, hieß es. »Überhaupt nicht reiben«, widersprach ein anderer. »Den Augendeckel aufheben«, riet wieder jemand.

Endlich hatte ich die heimtückische Nudel erwischt.

Dicke Schweißperlen standen mir auf der Stirn.

Am liebsten wäre ich aufgesprungen und aus dem Saal gelaufen. Mir war das furchtbar peinlich. Die Leute am Tisch lachten verstohlen. Einige fragten, ob es jetzt besser sei. –

Plötzlich wandte sich der teutsche Mann mit markiger Stimme an mich: »Gedenken Sie länger hier zu bleiben, mein junger Freund?«

Alles am Tisch beugte sich vor und schaute nach mir. Ich war noch immer mit den Füßen in die Nudeln verwickelt und suchte mich unbemerkt zu befreien. Ich war zu verstört, um etwas zu sagen. Nervös machte ich Pillen aus Brot und bekam einen roten Kopf

»Wohl nur Passant!« fuhr der Wollmensch hartnäckig fort.

Jetzt hatte ich den linken Fuß frei. Die Nudeln hatten sich um das Stuhlbein geschlungen und hielten den rechten Fuß noch fest. Ich starrte, ganz von meinen Befreiungsversuchen unter dem Tisch in Anspruch genommen, vor mich hin und drehte mechanisch Brotpille auf Brotpille.

»Ein entzückendes Plätzchen hier daroben« – mein Nachbar war ausdauernd.

Ich hatte nun auch den rechten Fuß frei und atmete befreit auf.

»Wie bitte?« wollte ich mich gerade an den teutschen Mann wenden, als der Junge mir gegenüber anfing, unruhig zu werden.

Auf dem Tisch stand ein Aufbau mit Essig, Öl, Pfeffer, Salz und Senf. In der Essigflasche schwamm eine tote Fliege. In Essigflaschen sind immer tote Fliegen, das muß sein. Eine wenigstens bestimmt. Der Junge wollte die tote Fliege haben, er wollte sie absolut haben. Der Vater sagte, das gehe nicht, die Fliege gehöre dem Wirt. Erst als die Mutter ihm den Senftopf zum Spielen und ein Glas Rotwein zu trinken gab, war der Junge ruhig. Der Bub langweile sich, erklärte die Mutter.

Der Fisch wurde hereingebracht. Als die Reihe an mich kam, lagen auf der Schüssel nur noch einige Scheiben Zitronen und eine Flosse. Von gegenüber reichte man mir eine zweite Schüssel, auf welcher auch noch ein Kopf lag.

»Schmackhaft, äußerst schmackhaft«, schmatzte der teutsche Mann und schob sich ein großes Stück mit dem Messer in den Mund.

Ich sah einmal japanische Jongleure, die mit einer wunderbaren Geschicklichkeit mit Stäbchen und Kugeln balancierten. Der Mann neben mir war ihnen bedeutend über. Es grenzte direkt ans Fabelhafte, mit welcher enormen Sicherheit er alles, aber auch alles mit dem Messer zum Munde führte. – –

»Ich komme schon im zehnten Jahr hier herauf«, fing der bärtige Mann noch kauend wieder an, »zehn Jahre, mein junger Freund. – Böllerknüz, Böllerknüz ist mein Name!« Er legte sich gegen mich und prustete mir ein Stückchen Fisch an die Backe. Wohlerzogen verneigte ich mich: »Schmitz, Herr Schmitz.« –

»Dann sind Se wohl aus Köllen«, rief die dicke Dame mit der teuren Bluse über den Tisch, »in Köllen heißen alle Leute Schmitz!« Sie wackelte wie eine gallertartige Masse vor Lachen auf ihrem Sitz über ihr glänzendes Bonmot. Auch die anderen Leute am Tisch lachten. Nur die Damen mit den Knüzchen und der Elfenbein- und Kameenbrosche lachten nicht. Sie hatten sich gerade Pillen in den Mund gesteckt und schluckten krampfhaft unter Vorschnucken des Kopfes.

»Doch nichts für unjut«, fuhr die seidene Bluse fort, »Spaß muß sein. Wir sind doch nicht umsons die fidelen Rheinländer.«

»Ich bin nicht aus Köln, ich bin aus Düsseldorf«, klärte ich sie auf.

»Düsseldorf, das kenne ich auch, gewiß. Ich habe eine Tochter da verheiratet, Frau Neverding. Sie kennen sie sicher.«

Bedauernd verneinte ich wohlerzogen.

»Ja, Düsseldorf ist ja jans nett, aber an Köllen kann es doch nicht heran«, meinte die Dicke.

»Dann kennen Sie Düsseldorf eben nicht«, erwiderte ich ein wenig gekränkt; »was bietet denn Köln so Außergewöhnliches, bitte?«

»Oh, wir haben der Dom und es Automatenresterang und die Kölner Kuns und es Odekolonch und der Dom und de Hochstraß und der Dom und es Automatenresterang und es Odekolonch und der Dom und....«

»Ich meine, der Ruf von Düsseldorf als weltbekannte Kunst- und Gartenstadt ist so befestigt, daß es tatsächlich überflüssig ist, darüber zu disputieren«, mischte sich der Herr mit dem Schmiß am Kopfende des Tisches, den man Herr Rat nannte, in die Unterhaltung.

»Ja, Düsseldorf ist ja 'ne schöne Stadt, jewiß, dagegen ist ja nichts zu sage«, lenkte die brillantenbeladene Korpulenz ein, »aber über de Köllsche Gemiedlichkeid jeht doch nichts. Die Leut in Düsseldorf sind so steif.«

»Was, wir Düsseldorfer steif?« erregte ich mich. »Das lustige Malervölkchen steif?« Ich lachte höhnisch.

Wieder nahm der Rat meine Partei: »Da muß ich Herrn... wie heißen Sie, bitte – Ach ja – Herrn Schmitz zustimmen. Ich bin viel in der Welt herumgekommen, fand aber in keiner Stadt ein derartig ungezwungenes, geselliges Leben, wie gerade in Düsseldorf.« –

Das Gespräch wurde unterbrochen. Es wurden große Schüsseln mit seltsamen Dingen hereingebracht.

»Ah, Spätzli«, hieß es allgemein.

Man fing bei mir an. Ich hatte noch nie Spätzli gegessen, ich war zu bang, ich wollte mich nicht wieder blamieren, wie eben mit den Nudeln. Ich dankte.

»O, Sie nehmen keine Spätzli?« klang es vorwurfsvoll von allen Seiten.

»Und der Kölner Karnewall und der Gürzenich und der Bahnhof« – Die dicke Dame konnte sich noch immer nicht zufriedengeben. »Haben Sie mal nen Maskenball bei uns in Köllen mitgemaach? Da können Sie richtige rheinische Frohsinn und Humor kenne lerne!«

Der Junge mir gegenüber steckte den Serviettenring in den Senftopf und einen Finger tief in die Nase. Er mopste sich grenzenlos.

»Der Bub langweilt sich«, klagte die Mutter, »sonst ist er aber auch brav.«

»Kommen Sie doch einmal in unsere Tonhallen- oder Zoologischen Garten-Konzerte oder in unsere Theater«, verteidigte ich meine Mitbürger; »dieses natürliche Benehmen der Leute, so fern von jeder aufdringlichen Konvention. Da sehen Sie Menschen, die das Herz auf dem rechten Fleck haben, weiß Gott.« Meine Stimme bebte in heiliger Erregung. –

Man brachte das Geflügel. Natürlich kam jetzt die Schüssel wieder zuletzt zu mir. Zwei Ellenbogenstücke und ein Bürzel lagen noch auf der Platte. Ich war zu schüchtern, der Servierfrau etwas zu sagen. Böllerknüz hatte mir die letzten beiden ansehnlichen Stücke vor der Nase weggenommen. Er arbeitete an einem Rumpfstück. Er war wütend, da er merkte, daß er hereingefallen war. Es war nur Knochen. Erregt stach er auf das Stück ein. Er glitschte aus, und der reichlich mit Sauce befeuchtete Rumpf einer guten Ente flog mir in den Schoß. Nicht genug damit, warf Böllerknüz im Eifer, das Huhn zu schnappen, mein gefülltes Rotweinglas um, so daß meine Hose auch hiervon einen guten Guß mitbekam.

Ich grinste und meinte taktvoll: »Oh, das tut nichts!«

Ein brauner häßlicher Flecken als Insel in einem großen Rotweinmeer auf meiner feinen weißen Hose.

Der Junge mir gegenüber lachte aus vollem Hals und schrie: »Ho, der komische Onkel.«

»Das sagt man nicht«, verwies ihn die Mutter.

»Der Bub ist vorlaut«, ergänzte der Vater.

»Ist mich mal in Luzern im Schweizerhof passiert. Ein Kleid von achthundert Mark vollständig verdorben«, sagte die Kölnerin.

Ich beteuerte fortgesetzt, daß das gar nichts mache. Man konnte fast meinen, es hätte mir nichts Erwünschteres passieren können.

Der Junge langweilte sich schon wieder. Er packte eine tote Eidechse und einen Flaschenkork aus der Tasche aus und spielte damit. Die Mutter sagte, der Bub langweile sich. Überhaupt sei so eine table d'hôte eine Geduldsprobe für ein Kind.

Oben am Tisch stritt man sich über einen Weg. Man könne ihn auch von der anderen Seite machen, da sei er lohnender, hörte ich die Pillendamen sagen. Der Blick sei herrlich lieb, wunderlieb entzückend. Die Backfische nahmen verstohlen Mandeln von einem Aufbau, der auf dem Tisch stand, und steckten sie ein.

Jetzt gab es Pudding. Gelatinepudding mit Waldbeerkompott. Der Junge schrie, er wolle ganz viel haben. Die Mutter packte ihm den Teller hoch voll. Wie es gekommen war, weiß ich nicht. Ich hatte vor mich hingedöst und mit Entsetzen von Zeit zu Zeit einen Blick auf meine Hose geworfen. Ein Aufschrei! – Der Teller des Jungen schlug plötzlich um, und eine Handvoll Waldbeerkompott flog in hohem Bogen über den Tisch und traf mich mitten ins Gesicht.

Nachgerade fing es nun doch an, mir ernstlich ungemütlich zu werden. Prustend sprang ich auf. Meine Augen waren verklebt mit Waldbeeren. Ich strebte tastend der Tür zu. Eine hinterlistige Nudel, die ich noch am rechten Fuß hinter mir herschleppte, verwickelte sich in einen Schnürhaken des linken Stiefels. Ich geriet ins Stolpern und sauste gegen das Büfett und stieß mir gräßlich den Kopf an der offenen Büfettür. Ein Bowlenservice geriet ins Wanken und fiel vom Büfett herunter auf mich. – – –

Gütige Hände nahmen sich meiner an und führten mich zur Tür.

Aus dem Lachen der Leute am Tisch klang fett und singend die Stimme der Kölnerin:

»So am Tabbeldoh hat man doch immer Unterhaltung. Ich eß immer am Tabbeldoh.« –

Ich schämte mich zu sehr vor den anderen Leuten. Ich wusch und rieb mit Seife, mit Bimstein, mit Benzin, mit einer Wurzelbürste: die Waldbeerschwärze ging nicht ab. Auf der Stirn hatte ich eine Beule so groß wie ein Apfel von dem Stoß an der Büfettür. Ein Arzt würde mir etwas geben können, um die Waldbeerfarbe zu beseitigen. Der nächste Arzt war in W., einem größeren Badeort, fünf Stunden von Z. entfernt.

Noch am gleichen Tage verließ ich Z. und fuhr im treuen Chaischen des Wirtes mit meinem Gepäck nach W. Wir kamen durch wunderbare Wälder in den Himmel ragender Schwarzwaldriesen (wie es immer heißt). Es war bitter kalt, so recht sommerfrisch. Bis an die Nasenspitze hatte ich mich eingehüllt, zwei Anzüge, drei Hosen, vier Westen, zwei Paletots, eine Pferdedecke hatte ich an. Um meiner Anerkennung der großartigen Natur ringsum Ausdruck zu geben, sang ich fortwährend: Wer hat Sie, Sie schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben – (ich wagte nicht vertraulich zu werden und »Du« zu sagen).

Es dunkelte, als wir in W. ankamen.

Drei volle Stunden waren wir in W. herumgefahren von einem Hotel zum anderen; nirgendwo wollte man mich aufnehmen. Man sagte, ich hätte die schwarzen Pocken oder die Cholera. Die meisten sagten, Neger nähmen sie nicht auf – Ich war dem Wahnsinn nahe. –

Der Kutscher erklärte, er habe es satt, Sein Pferd gehe ein bei dieser Fahrerei, außerdem bekomme er dreißig Mark für die Fahrt. Ich gab sie ihm, um ihn zu besänftigen. Aufmunternd zog er mich dann aus dem Wagen, baute mein Gepäck neben mir auf und fuhr weg.

Ich setzte mich auf meinen Koffer und weinte.

Von ferne ein Tosen und Lärmen. Eine tausendköpfige Menschenmenge schiebt sich über die Straße gegen mich heran. An der Spitze ein Wagen, der anstatt von Pferden von Damen gezogen wurde. Hüte und Tücher wurden geschwenkt. Hochrufe. Ich wurde von der enthusiasmierten Menge an die Wand gedrückt. »Abel – Marlow – 2 × 2 = 5 – Abel!« hörte ich die Leute rufen.

»Marlow!« – ich stieß einen Freudenschrei aus.

Richtig, Marlow war ja am Kurtheater in W. – Der mußte mir helfen. –

Ich ließ mein Gepäck im Stich und mich von der Menge fortschieben. In ein Café wälzte sich der Zug. Ich mußte durch zu Marlow, unbedingt durch. Ich drängte, ich arbeitete mit den Ellenbogen. Die Leute traten mir auf die Füße, schimpften, machten mir aber, sobald sie mir ins Gesicht geschaut hatten, mit einer seltsamen Hast Platz.

Marlow saß in der Ecke an einem runden Tisch, umgeben von einem Kranz entzückender Verehrerinnen. Um mich bemerkbar zu machen, griff ich in eine in meiner Nähe stehende Gebäckschale und feuerte einige Sahneballen klatschend gegen die Decke. –

Marlow schaute zu mir herüber. Ich benutzte den Moment, gestikulierte mit den Armen und rief: »Du mußt mir helfen, wie bin ich froh, dich zu finden!« Er zuckte mit den Achseln. Ich drängte mich bis an den Tisch und streckte ihm die Hände entgegen. »Kennst du mich nicht – verstelle dich doch nicht!«

»Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen, mein Herr«, versetzte Marlow; »Sie müssen sich irren!«

»Ich bin doch der Schmitz aus Düsseldorf«, schrie ich triumphierend.

»Sie Lügner, Schmitz ist kein Neger. Belästigen Sie mich nicht weiter. Gehen Sie zurück nach Afrika und schießen Sie mit Flitzebogen wilde Tiere tot«, versetzte Marlow sehr streng.

Die Kellner packten mich, und schon war ich auf der Straße. – –

Drei Tage später trat ich zum ersten Mal bei Hagenbeck als wilder Mann auf. Der Agent von Hagenbeck hatte mich in jener Nacht in W. in völliger Verzweiflung auf der Straße aufgegriffen und mir ein Engagement bei Hagenbeck angeboten. Irgendwo mußte ich doch bleiben. Mir war alles egal. Ich nahm an. – –

Zwei Monate später kam unsere Truppe nach Caub. Das war mein Glück. Mein Freund Nikotin erkannte mich abends in der Vorstellung und erwarb mich um einen Spottpreis. Ich war Hagenbeck nicht wild genug. Nikotin schenkte mich seiner Tante Christel Huschebold zum Namenstag. Das war wieder mein Glück. Tante Huschebold hatte ein gutes Herz und brachte mich zu den Meinen zurück. – –

 

Ich bin noch immer schwarz im Gesicht. Ich lasse mich jedoch von Zeit zu Zeit kälken. So geht es. –

Verreisen werde ich so bald nicht wieder.

 


 

 << Kapitel 36  Kapitel 38 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.