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Hermann Harry Schmitz: Grotesken - Kapitel 35
Quellenangabe
titleGrotesken
authorHermann Harry Schmitz
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Onkel Bogumil trinkt

Eine stark alkoholhaltige Geschichte

Aus: Düsseldorfer General-Anzeiger vom 23.2.1913;
Buch der Katastrophen, Leipzig 1916

Im Familienrat machte man eines Tages Ernst und beschloß definitiv, Onkel Bogumil in eine Trinkerheilanstalt zu schaffen. Das konnte so nicht weitergehen. Onkel Bogumil trank täglich zwanzig Flaschen Rheinwein und zwei Pullen dreisternigen Kognak. Das tat er nun schon seit vielen Jahren.

Seine Nase bekam dabei das Aussehen eines Glühstrumpfes. Der Datterich am Morgen wurde chronisch, und ein wachsender Stumpfsinn verriet die zunehmende Einwirkung seines alkoholhaften Lebenswandels.

Dann mochte es ihm gefallen, plötzlich an die Hängelampe zu springen und sich hin und her zu schaukeln oder die Bilder von der Wand zu nehmen und die Farben abzulecken. Auch versuchte er, auf Schränke zu klettern. Stundenlang hüpfte er auf einem Bein im Zimmer herum, oder er bemühte sich, sich auf den Kopf zu stellen. Sah er eine Fliege, so konnte er unbändig lachen. Er trieb noch andere irre Dinge.

Die Familie hatte ihn lange Jahre ruhig gewähren lassen, hoffend, daß ein Herzschlagerl seinem trinkfrohen Dasein ein Ende machen würde. Als er aber eines Tages anfing, mit den leeren Flaschen aus dem Fenster die Passanten zu bombardieren, sinnlos gegen das Mobiliar wütete, alles zerschlug und nach dreißig Flaschen Wein behauptete, es seien weiße Mäuse in seinem Zimmer, und schrie, man müsse eine Falle aufstellen und Gift streuen, wurde die Familie stutzig. Den Umstand, daß Onkel Bogumil abends stets sinnlos betrunken war und wie ein toter Klotz unter den Tisch sank, nutzte die Familie, den völlig bewußtlosen Onkel wie ein Möbelstück in ein Auto zu verladen und in die Trinkerheilanstalt des berühmten Professors Sektpropp zu schaffen. Diese Trinkerheilanstalt nannte sich unverfänglich: Alkohol-Entziehungs-Sanatorium.

Wenn der ehrsame, wohlsituierte Bürger sich in Sekt, schweren Weinen und schillernden Likören täglich gewohnheitsgemäß betrinkt, so sagt man fast anerkennend so obenhin: »Er ist ein handfester Trinker«, oder: »Er weiß einen guten Tropfen zu schätzen!« Wenn sich dann eines Tages bei dem handfesten Trinker oder feinen Weinkenner die weiße Maus zeigt oder andere gesteigerte Verwirrungen, bemühen sich die Angehörigen in zwingender Fürsorge, den Betroffenen in einem Alkohol-Entziehungs-Sanatorium unterzubringen. Der kleine Mann aber mit geringen Revenuen, der dem unmäßigen Genuß gemeinen Fusels frönt, wird mit Abscheu ein Säufer und Trunkenbold genannt, und wenn ihn das delirium tremens trifft, er Ladenfenster eintritt und sich an Frau und Kindern im Boxen übt, durch staatliche Fürsorge in einer Anstalt, die man unverhohlen und unbeschönigt »Säuferasyl« nennt, interniert.

Als Onkel Bogumil nach zwei Tagen erwachte und um sich starrte, bemerkte er zu seinem Schrecken, daß die lieben, weißen Mäuslein nicht wie sonst auf einer mit roten Klatschrosen bemalten Tapete hin und her liefen, sondern auf einer gestreiften Tapete ihr Wesen trieben. In seinem Kopf war es ihm wie ein Gekribbel von Ameisen und Käfern. Wo war er nur? Wo war der Tisch, unter welchem er immer erwachte? Wo war seine Morgenpulle Kognak? Stöhnend und alkoholische Schwaden ausstoßend, versuchte er sich aufzurichten. Er lag in einem Bett, was ihm lange nicht passiert war.

Zwei Männer in weißen Kitteln traten an sein Bett; es waren Professor Sektpropp und sein Assistent.

Wie Kinderaugen zu Weihnachten angesichts des brennenden Christbaums glänzen, so leuchtete es in den stieren Augen Onkel Bogumils auf, als er in der Hand des Assistenten eine Kognakflasche gewahrte. Man überließ ihm die Flasche, die er gierig hinuntergoß. Das war nicht sein Kognak Dreistern. Er verzog den Mund, pfui! Aber es war immerhin Alkohol. Tag für Tag bekam er allmorgendlich seine Flasche Kognak. Mit jedem Tage wuchs ihm der Ekel vor diesem Kognak, der bei ihm nur Bauchgrimmen und Brechreiz hervorrief. Mit dem Rheinwein, den man ihm gab, ging es ihm gerade so. Ein widerlicher Nachgeschmack, den er nicht los wurde, quälte ihn unsäglich. Dabei gab es nur fade Süppchen und kein Scharfgewürztes, namentlich keine Salzgurken, die ihm so angenehm den Magen kitzelten. Nach vier Wochen wies er mit Abscheu und Ekel den Anstaltsalkohol zurück. Die Sehnsucht aber gärte in ihm qualvoll Tag und Nacht nach seinem alten Rheinwein und seinem Dreistern-Kognak. Alle seine Versuche, den Wärter zu bestechen, schlugen fehl. Er wurde bewacht wie ein Raubmörder, Flucht war ausgeschlossen.

Geschwächt von all den Quälereien, die der Sektproppsche Wein und Kognak bei ihm zur Folge hatte, verfiel er in eine tiefe Traurigkeit, und ein Moralischer lag auf ihm wie eine Lawine.

Professor Sektpropp war stolz auf seinen Erfolg. Seine Entwöhnungstherapie bestand darin, daß er dem Wein und Kognak ein Geheimmittel in gesteigerten Dosen beimischte, welches dem Getränk einen widerlichen Nachgeschmack gab und die Patienten abschreckte. Dazu eine reizlose Kost, wie der Wissenschaftler sagt.

Um einen Rückfall zu vermeiden, hielt Professor Sektpropp eine strenge Internierung Onkel Bogumils auf weitere drei Monate unbedingt für nötig.

Onkel Bogumil hatte das Pech, daß er zu einer Zeit in die Trinkerheilanstalt kam, wo allgemein nur diese quälende Art der Alkoholentziehung, wie er sie an seinem Leibe erfuhr, angewandt wurde. Heute geschieht die Entwöhnung auf schonendere Weise, was manchen trinkfesten Leser beruhigen und nicht abhalten wird, einen über den Durst zu trinken.

Eines Tages fragte Onkel Bogumil harmlos den Professor Sektpropp, ob er Sauerbrunnen trinken dürfe. »Aber natürlich, das ist mir sehr recht! Das beweist Ihre radikale Heilung von dem Teufel Alkohol!«

Onkel Bogumil schrieb an einen guten Freund, der auch ein fanatischer Verehrer alten Rheinweins war, ihm umgehend hundert Flaschen Sauerbrunnen mit Inhalt 1868 in das Sanatorium zu schicken.

Dieser Freund verstand den Wink. Und prompt kam das bestellte Mineralwasser an.

Es traf sich gerade, daß der Professor, der mit äußerster Strenge den Betrieb überwachte, auf einige Wochen verreiste und die Obhut über die Patienten dem Assistenzarzt anvertraute. Dieser war eine Zeitlang in der gleichen Weise wie Onkel Bogumil und viele Insassen des Sanatoriums dem Trunke ergeben gewesen. Seine Passion war auch von jeher alter Rheinwein gewesen. Er war dann in dem Sanatorium gründlich von dem Laster entwöhnt worden, so daß der Professor nicht zögerte, ihn als Assistenzarzt in seine Dienste zu stellen. Er baute felsenfest auf seinen neuen Assistenten.

Am Abend nach der Ankunft des Sauerbrunnens hörte man aus der Stube von Onkel Bogumil ungewohntes Grölen, dazwischen Gläserklingen. Der Assistenzarzt machte sich auf, pflichtgemäß nach dem Rechten zu sehen. Schon im Korridor witterte der feine Weinkenner in ihm den Duft alten kostbaren Rheinweines. Er schnalzte vor Begier mit der Zunge. Aus Onkel Bogumils Zimmer kam dieser Duft. Er vergaß alle seine starken Prinzipien der Enthaltsamkeit. Mit der lechzenden Sehnsucht eines Verdurstenden in der Wüste stürzte er in Bogumils Stube. Lautes Gebrüll empfing ihn. Eine Korona entwöhnter und halbentwöhnter Insassen des Sanatoriums hatte, wie auch den Arzt, der magnetische Duft des alten Rheinweins in das Zimmer Onkel Bogumils gelockt. Eine Flasche Sauerbrunnen nach der andern entstieg der Kiste. Schon bedeckten unzählige leere Flaschen den Boden. Kurz entschlossen riß der Assistenzarzt den mit einem duftenden gelbbraunen Etwas gefüllten Humpen an sich. Dieser Sauerbrunnen war eine fabelhafte Rüdesheimer Auslese 1868. Der Freund hatte die Bogumilsche Bestellung richtig aufgefaßt.

Der tägliche Bedarf stieg ins Ungeheuere. Neue Sendungen trafen täglich ein. Alle Insassen lagen im Banne dieses köstlichen Gesöffs, und bei allen zeigten sich schon wieder jene neckischen bekannten Reaktionen von Alkoholvergiftung. Die Therapie Professor Sektpropps erlitt elend Schiffbruch und wurde mit dieser Massenbezechtheit glänzend ad absurdum geführt. Der Assistenzarzt sah zuerst wieder die weiße Maus. Onkel Bogumil lachte schon wieder über Fliegen. Die Berge leerer Sauerbrunnen-Flaschen im Hof ließen Vorübergehende staunen.

In dem sonst so stillen und friedlichen Sanatorium wütete die sinnlose Betrunkenheit, die sich in Grölen, eingeschlagenen Fenstern, auf die Straße geschleuderten Möbelstücken und Mineralwasser-Flaschen manifestierte. Es war ein Teufelsspektakel, wie bei einem Hexensabbat – Tag und Nacht. Onkel Bogumil sprang zum Fenster hinaus und brach sich den Hals. Die Bürger mieden die Straße, wo das Sanatorium lag.

Als der Professor Sektpropp von seiner Reise zurückkam und mit Mühe über Berge von Sauerbrunnen-Flaschen und Kistenwällen zum Hause vorgedrungen war, machte er große Augen vor dieser Bescherung.

Sein Assistenzarzt schleppte sich auf allen vieren ihm entgegen und bellte ihn an.

Professor Sektpropp gab angesichts dieses völligen Mißerfolgs seiner Alkoholentziehungstherapie seine Anstalt auf. Er bekehrte sich, nachdem er sich die übriggebliebenen 10 Kisten und 50 Flaschen schmunzelnd zugeführt hatte, zu der Einsicht, daß seine bisherigen alkoholfeindlichen Tendenzen ein absoluter Nonsens gewesen waren.

 


 

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