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Hermann Harry Schmitz: Grotesken - Kapitel 34
Quellenangabe
titleGrotesken
authorHermann Harry Schmitz
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Der gute Mensch

Aus: Düsseldorfer General-Anzeiger vom 15.12.1912;
Buch der Katastrophen, Leipzig 1916

Aloys Behnewind war ein guter Mensch, ein wirklich, wahrhaft guter Mensch von einem ausgeprägten, fast krankhaften Altruismus, wie man ihn heute in der Zeit der feindlichen, räumenden Ellenbogen fast niemals mehr findet. Er war Junggeselle und hatte eine festgelegte auskömmliche Lebensrente.

Saß Aloys, der gute Mensch, bei Regenwetter in einer völlig besetzten elektrischen Bahn, so konnte er es nicht übers Herz bringen, sitzen zu bleiben, wenn sich jemand, welchen Geschlechts, Alters oder Standes er auch war, Platz suchend mit verzweifelten Gebärden in den Wagen hineindrängte. Sein gutes Gefühl, seine sensible Höflichkeit zwang ihn, sofort aufzustehen und dem überzähligen Eindringling Platz zu machen.

Eingeengt zwischen den Wällen feindlicher Beine und Knie stand er so eines Tages mitten im Wagen und wurde bei jeder Kurve, bei jedem plötzlichen Halten oder Abfahren durch den Ruck des Wagens hin und her gestoßen. Er trat dabei den Leuten auf die Füße, stieß aus Versehen mit seinem nassen Regenschirm jemanden in den Mund, setzte sich an einer besonders scharfen Kurve unfreiwillig auf den Schoß einer dicken Dame, wo sich bereits ein kleines Mopperl befand, sprang erschreckt und beschämt auf, um sich, von einem neuen Ruck gestoßen, in eine Pflaumentorte, die ein Konditorlehrling vorsichtig auf seinen Beinen hielt, zu setzen. Allgemeines spöttisches Lächeln auf den Mienen der Mitpassagiere. »Tölpel«, brummte ein alter Herr, dem er beim unfreiwilligen Voltigieren durch den Wagen mit seinem nach einem Stützpunkt suchenden krampfhaften Armgeschlage den Hut vom Kopfe hieb. Die alte Dame mit dem Hund schimpfte in häßlichen Ausdrücken, rief nach der Polizei und dem Schaffner. Der Konditorjunge weinte, und alle im Wagen nahmen seine Partei und sagten, Aloys müsse unbedingt die Torte bezahlen. Der Schaffner verwies ihn in strengem Ton, in der Mitte des Wagens zu stehen; er solle sich an die Vordertür stellen. Da war auch ein Ledergurt an der Decke angebracht, an dem man sich hätte halten können, wenn er nicht so schmierig und glitschig gewesen wäre.

Die Stellung an der Vordertür war äußerst quälend. Fortgesetzt mußte Aloys unter Gefahr einer Darmverschlingung den Rumpf im rechten Winkel zur Seite wenden, weil jeden Augenblick der Schaffner durch ein kleines Fensterchen mit einer Klappe, wie sie an Zellentüren in Gefängnissen angebracht sind, den Leuten auf dem Vorderperron Billetts reichte. Jetzt war einer an der letzten Haltestelle eingestiegenen alten Frau mit einem Korbe ihr 50-Pfennig-Stück, das sie krampfhaft zwischen den runzeligen, gichtknotigen Fingern hielt, gefallen und zwischen die Latten des Bodenbelages geraten. Natürlich war Aloys Behnewind mit seiner guten Seele der erste, der sich bückte, um das entfallene Geldstück zwischen den Latten hervorzuholen. Er bückte sich zu tief und fiel bei einer Kurve vornüber; dabei rutschten ihm seine Zigarren, seine Briefschaften, sein Notizbuch aus den Taschen und verstreuten sich auf dem schmutzigen Boden des Wagens. Auch der Kneifer fiel ihm von der Nase. Dann klemmte er sich, als er mit den Fingern zwischen die Latten faßte, den Zeigefinger und den Daumen ein. Niemand hatte Mitleid mit ihm, im Gegenteil, die meisten feixten höhnisch. Da kam der Kontrolleur in den Wagen, um die Fahrkarten zu revidieren. Aloys konnte natürlich seine Karte nicht finden, sie war ihm bei der Suche nach dem 50-Pfennig-Stück entfallen. Der Kontrolleur forderte mit drohender Ader auf der Stirn die Lösung einer neuen Karte. Aloys hatte dem Konditorjungen seine letzten drei Mark gegeben und war ohne einen Groschen. Er mußte seinen Namen nennen, den der Kontrolleur mit strengem, vorwurfsvollem Gesicht in ein fettiges Notizbuch schrieb. Danach ließ der scharfe Beamte den Wagen auf offener Strecke halten und befahl ihm mit unerbittlicher Miene, sofort auszusteigen, sonst würde er ihm Beine machen. Auf den Gesichtern der anderen Passagiere lag ein Schimmer von vollkommener Befriedigung. »Das geschieht dem Tölpel recht«, sagte jemand.

Es regnete und stürmte, daß es schwer war, voranzukommen. Regen und Hagel schlugen einem um die Ohren. Aloys machte sich entschlossen auf in der Richtung seiner Wohnung, die eine gute Stunde entfernt lag. Einem Herrn, der vor ihm ging, riß ein plötzlicher Windstoß den Hut vom Kopf und zauste den aufgespannten Schirm, daß er umschnappte und im Nu das Aussehen eines verunglückten, abgestürzten Aeroplans bekam. Der Hut rollte in der entgegengesetzten Richtung von Aloysens Wohnung wie ein flüchtiger Hase durch den Straßendreck und die Gossen. Schon faßte unwiderstehlich, mit Allgewalt den guten Menschen Aloys die altruistische Manie, und in gewaltigen Sprüngen setzte er dem Hut des fremden Mannes nach. Seine Pelerine schlug sich bei dieser wilden Jagd um seinen Kopf. Er lief mit aller Kraft gegen eine Gaslaterne, daß die Laterne oben abbrach. Eine grünblaue Beule war die Folge dieses Zusammenstoßes. Er befreite seinen Kopf von der Pelerine und rannte weiter dem fremden Hut nach. Tückisch verschlangen sich die Bänder der Pelerine um seine Beine. Er kam im vollen Lauf zu Fall und stieß sich mit dem Schienbein erheblich an dem granitenen Rand des Bürgersteiges. Sei eigener Hut wurde von der Windsbraut gleichfalls entführt. Er stieg wie ein Windvogel in die Luft und blieb an der Dachrinne eines Kirchturmes hängen. Was kümmerte ihn sein Hut? Sein gutes Herz gab ihm ein, zuerst den fremden Hut zu retten. Bald hätte er ihn erwischt, als im selben Moment ein dahersausendes Auto den Hut überfuhr und ihn in ein völlig zerfetztes Filzernes verwandelte. Es stach Aloys weh ins Herz, als er sah, daß seine Aufopferung vergeblich war. Traurig trottete er ohne Hut, mit der Beule als Kopfbedeckung, durch dieses Schweinewetter nach Hause.

Seine Bereitwilligkeit, aller Welt zu helfen, war sein Fluch und brachte ihn fortgesetzt in äußerst unangenehme und peinliche Situationen. Jeden Tag hatte er irgendeine kleinere oder größere Schererei durch seine Hilfsbereitschaft. Niemand dankte ihm; er war immer der Blamierte. Er sah nicht ein, daß der gute Mensch eben ganz und gar nicht mehr in unsere heutige Zeit paßt.

Aloys hatte einen Bekannten namens Oskar Knieß, ein krasser Egoist, der es nur darauf absah, den guten Aloys auszunutzen. Eines Tages besuchte Oskar den guten Aloys. Natürlich kam er mit einer Bitte. Oskar sprach von einem Mädchen, welches er in Dungheim am letzten Sonntag kennengelernt habe. Genau konnte er sich nun nicht so recht mehr erinnern, wie sie aussah, ob sie hübsch war und was sie anhatte, er war nämlich an dem Tage erheblich betrunken gewesen und erinnerte sich nur unklar der Maid. Nur das eine wußte er, daß er sie für den nächsten Sonntag eingeladen hatte, um ihr die Stadt zu zeigen. Sie sollte mit dem Zug um elf Uhr kommen und Aloys müsse mit von der Partie sein.

Um elf Uhr Sonntagvormittag standen Oskar und Aloys auf dem Bahnhof, um die Donna aus Dungheim abzuholen. Und sie kam. Starr schauten die beiden auf eine dicke Weibsperson mit einem knalligen Papierblumengarten auf dem Fettkopf und einer grün und rot karierten Bluse aus Flanell. Es war ein grotesker Aufzug, der die beiden Dschentlemän lähmte. Die Holde näherte sich watschelnd wie ein Auto mit kaputten Pneus, ein breites, schmunzelndes Lachen auf dem sommersprossigen Gesicht, und ehe Oskar wußte, wie ihm geschah, lag sie ihm an der Brust. Der Anprall warf ihn beinahe zu Boden. Ein unendliches Mitleid erfaßte Aloys für Oskar. Mußte der betrunken gewesen sein, als er dieses entzückende Geschöpf kennengelernt hatte! Apathisch ließ Oskar alles geschehen. Er war völlig zerquetscht und aus der Form, als die Schöne vom Lande von ihm abließ. Jetzt hing sie sich bei Aloys ein. Oskar kam wieder zu sich und versuchte abzurücken, daß es so aussah, als ob er überhaupt gar nicht zu dieser Person gehöre. Wie peinlich war ihm dieser Aufzug! Er legte Wert darauf, in der feinen Gesellschaft zu verkehren, und nahm sich höllisch in acht, gegen die feinen Manieren zu verstoßen. Aloys war weniger penibel, aber daß ihn diese Lady vom Lande mit selbstverständlicher Intimität einhakte, auf offener Straße, gerade zur Promenadenzeit, wo alles unterwegs war, ging ihm doch ein wenig gegen den Strich.

Oskar Knieß ging bereits drei Meter vor dem Paar und überließ Aloys den spöttischen Blicken der Passanten. Er war mehr tot als lebendig. Flucht, rücksichtslose Flucht, das war die einzige Rettung. Aber wie? Scheu und verstohlen ließ er seine Augen herumschweifen, wo war eine Rettung? Aloys trottete schweigend neben dem Mädchen her. Sein verzeihendes Gütegefühl begann sich in seinem guten Herzen zu regen. Es war doch tragisch, wenn eine sogenannte Krone der Schöpfung so aussah wie diese Dungheimer Vertreterin des schönen Geschlechts. Ein Gefühl des Wohlwollens und eines herzlichen Mitleids wegen dieses tragischen Dilemmas begann sich in seinem guten Herzen zu regen. Oskar Knieß sah plötzlich scharf die Straße hinunter. Sein verdrossenes Gesicht erhellte sich sichtbar. Hoffnung lag auf seinen Zügen. Dort, etwa hundert Schritte weiter, klapperten an einem Schild zwei Messingbecken, das Zunftzeichen der Friseure. Eine glänzende Idee! »Ich muß mich eben rasieren lassen«, stieß Oskar Knieß plötzlich, kaum eine Erleichterung verbergend, hervor, »bitte, wartet eine Weile hier draußen; Aloys, du bist so gut und leistest meiner Freundin Gesellschaft. Es wird nicht lange dauern.« Schon war er in dem Friseurgeschäft verschwunden. Die Messingbecken schlugen zusammen, als applaudierten sie. –

Aloys und die Dungheimerin standen am Schaufenster und beschauten die Auslagen des Friseurs. Seifenstücke, ein Gnom mit Wattebart inmitten einer sinnvollen Girlande von Zahnbürsten und Kämmen, bunte Flaschen waren mit künstlerischem Geschmack aufgebaut. Verstohlen ruhten die guten Augen des gütigen Aloys auf der anvertrauten Freundin Oskars. Die Auslage des Friseurs war auch nicht länger als eine halbe Stunde imstande, die Dame zu fesseln. Eigentlich konnte man sich in dieser Zeit unzählige Male rasieren lassen. Der Friseur wohnte an der Hauptstraße, wo Sonntags die Crème der Gesellschaft promenierte. Das Paar erregte allgemeines Aufsehen. Bekannte schnitten Aloys ostentativ. Die Blume vom Lande bekam mehr und mehr Zutrauen zu Aloys und hing sich wieder bei ihm ein. So wälzten sie sich auf und ab vor dem Friseurladen. Wer nicht wieder kam, war Oskar Knieß; man hätte sich in der Zeit, die er in dem Laden war, einen langen Bart und lange Locken wachsen lassen können.

Zuweilen stieg in Aloysens Hirn der Gedanke auf: wenn Oskar nun überhaupt nicht zurückkäme? Aber dann fiel sein Blick auf die Prinzessin der Kartoffelgegend. Ein unbedingtes, unwiderstehliches Gefühl der Zuneigung zu dieser Blume vom Lande, die angehäufte Fülle seines monumentalen Altruismus brach mit kosmischer Allgewalt hervor. Er umschlang die Freundin aus der Fremde und küßte sie vor aller Welt auf die Wange.

Die beiden Liebesleute warteten noch bis Donnerstag auf Oskar Knieß. Er kam nicht.

Aloys Behnewind heiratete den Koloß vom Niederrhein. Sie erschien ihm als eine unergründliche Talsperre für den Strom seines Altruismus.

Acht Tage war friedliche Stille im Heim der Jungvermählten. Eines Tages aber hörte man lautes Geschimpfe aus der Wohnung Behnewinds. Gegen eine gellende Frauenstimme versuchte vergebens eine Männerstimme anzuschreien. Die Keiferei nahm Tag für Tag zu. Bis auf die Straße hörte man den Radau. Passanten blieben stehen. Dann flogen eines Tages Stocheisen, Kohlenstücke, Stiefelknechte, leere Flaschen, Stiefel, Bügelbolzen und sonstige harte Gegenstände klirrend durch die Fenster auf die Straße. Revolverschüsse, Schmähworte, die die elektrische Bahn entgleisen ließen, Droschkenpferde wild machten, sprangen aus den zerschlagenen Fenstern der Wohnung Aloysens.

Aloys, der gute Mensch, war ein Menschenfeind geworden. Seinen Altruismus und seine Herzensgüte hatten die Flitterwochen völlig vernichtet, und seine Herzlichkeit war in einen Menschenhaß, der sich auf seine Dungheimer Gattin konzentrierte, umgeschlagen.

Teuflisch lockte er sie eines Tages in einen Freiballon und drückte ihr eine Höllenmaschine in die Hand. Sie ist gottergeben in die Luft geflogen.

 


 

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