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Hermann Harry Schmitz: Grotesken - Kapitel 32
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titleGrotesken
authorHermann Harry Schmitz
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Lillichens Verlobung

Eine wahrhaft brave Geschichte

Aus: Düsseldorfer General-Anzeiger vom 19.11.1911;
Buch der Katastrophen, Leipzig 1916

»Papächen, Papächen, Mutti, Mutti!« klang eine helle Stimme aus dem Parke herüber zur Terrasse, wo Graf Eberhard Unstrut von Felsenhorst mit seiner Gattin, der Gräfin Hildegard, beim Frühstück saß.

Es war ein wunderbarer Frühlingsmorgen. Die Vöglein zwitscherten, daß es nur so eine Freude war. »Pipipipipi«, klang es von allen Seiten. »Päng, päng«, machte der Buntspecht.

Die altehrwürdige Sandsteinfassade des gewaltigen Baus des Stammschlosses der Felsenhorst erschien in den Strahlen der Morgensonne wie in Gold getaucht.

Es war das erstemal nach den langen Winterwochen, daß das gräfliche Paar auf der Terrasse frühstückte. Das erstemal, ja, ja. Man hatte eine schwere, recht schwere Zeit hinter sich. Gräfin Hildegard hatte wohl an drei Monate an einem furchtbaren Brustübel auf den Tod daniedergelegen. Der alte, treue Hausarzt, Doktor Bimstein, war nicht von ihrer Seite gewichen. Das waren graue Tage gewesen, wie ein Alb hatte es auf dem Schloß gelegen.

Mit dem Scheiden des Winters verzog sich das Leiden mehr und mehr. Die kräftige Natur der Gräfin und warme Flanellunterkleidung trugen den Sieg davon. Nun saß sie zum erstenmal nach langer Zimmerhaft, noch bleich und abgehärmt, aber wieder dreihundert Pfund schwer in ihrem Lehnstuhl, der mit dem gräflichen Wappen geschmückt war, auf der Terrasse. Sie war eingehüllt in einen roten Plüschmantel mit Pelzbesatz. Über ihre Knie war ein Eisbärfell, was sonst im Salon vor dem Klavier lag, gebreitet. Die linke Hand, deren bleiches Aussehen noch von den überstandenen Leiden kündete, streichelte den auf ihrem Knie ruhenden Kopf ihres Lieblings-Neufundländers Benno. Die feine, geäderte rechte Hand hielt ein Butterbrot mit Servelatwurst belegt.

Graf Eberhard Unstrut von Felsenhorst war eine herrliche Reckengestalt und stand da in seinem knapp sitzenden Reitanzug mit langen Stiefeln als der echte Sproß der von Felsenhorst.

»Hö, hö, hö hö«, lachte er frisch und klar in den Morgen, daß es nur so von allen Seiten widerhallte.

Dann riß er plötzlich in tollem Übermut, in aller Sonnenfreude seine genesende Gattin aus dem Lehnstuhl und wirbelte sie laut jauchzend in der Luft herum. Sie verlor dabei einen mit Perlen bestickten Plüschpantoffel, den Kneifer und das Servelatwurstbrot. Auch rutschte der rechte Strumpf herunter.

»Hö, hö, hö, hö«, schrie der herkulische Graf und schleuderte die Gräfin wieder in den Lehnstuhl.

»Oh, du Lieber, Guter! Noch immer der Alte, Wilde! Oh, du mein Gemahl!« stieß die Gräfin nach Atem ringend hervor.

»Man muß sich doch Bewegung machen, alte Schraube«, brüllte der Graf und setzte sich wieder an den Frühstückstisch, um im unterbrochenen Frühstück fortzufahren.

Es war schon eine Pracht, diese beiden Menschen in ihrer Harmonie und Liebe, die sich durch die vielen Jahre der Ehe so fest erhalten hatte, zu sehen.

»Nun, Johann, was hat Er?« rief der Graf einem alten, klapperigen Mann in grüner Livree, der langsam herangehumpelt kam, entgegen. Es war Johann, das alte Faktotum des Hauses. Bereits unter dem Vater des jetzigen Grafen diente er im Schloß. Er hatte Graf Eberhard als Kind auf den Knien geschaukelt, ihm Pfeilbogen und Weidenpfeifen geschnitzt. Er war mit dem Schlosse so verwachsen wie der alte Efeustock an der Westseite des Turmes.

Er brachte auf einer silbernen Platte, die das Wappen der Felsenhorst trug, einen Brief.

Gespannt schaute die Gräfin zu ihrem Gatten hinüber und wetzte erwartungsvoll auf ihrem Sitz hin und her.

»Graf Bodo will uns morgen besuchen«, löste Graf Eberhard die Erwartung seiner Gattin.

»Graf Bodo!« wiederholte die Gräfin freudig erregt. »O Gott, mein liebstes Goldlillichen, was würde ich mich freuen, wenn das etwas würde mit dem Grafen!«

»Du denkst an eine Heirat? Topp, das ist ein guter Gedanke!« Der Graf klatschte mit den flachen Händen auf seine Beine. »Graf Bodo ist, wie mir Baron Fettfleck von Deutz, damals in Baden-Baden bei der Vorstellung Bodos versicherte, von sehr altem Adel. Das genügt mir!« Der Graf trat an die Gräfin heran und schlug ihr vor Freude über den gefaßten Plan mit der geballten Faust auf die Achsel, daß es nur so krachte. »Topp, topp, das wird gemacht!« schrie er laut.

»Du Lieber, Guter«, stöhnte Gräfin Hildegard, die durch den Schlag tief in den Lehnstuhl hineingetrieben worden war.

»Papächen, Papächen, Mutti, Mutti!« klang es jetzt wieder, aber deutlicher als zuerst, aus dem Park herüber, und plötzlich sprang aus dem Schatten der Bäume, wie ein junges Reh, ein mild-liebliches Mädchen von etwa achtzehn Jahren, mit Grübchen in den Wangen und mit einem weißen Hängekleide angetan. Sie stürmte in graziösen Sprüngen über den Rasen zur Terrasse. In der einen Hand schwang sie einen Strauß würziger Waldblumen, in der anderen hielt sie sorgsam ein mit Wasser gefülltes Einmachglas mit lebenden Kaulquappen.

Es war ein liebreizendes Bild voller Charme und natürlicher Grazie.

Die Eltern schauten sich gegenseitig bewundernd an. Der Mutter lief schleunigst eine Zähre über die Wange auf den Plüschmantel.

»Hier, Papächen, bringe ich dir liebe, kleine Kaulquappen für unser Aquarium«, begrüßte das Mädchen stürmisch den Vater und stellte das Glas vor ihn hin. »Und dir, liebe Mutter, zu deiner Genesung diese Blumen.« Sie legte der Gräfin den Strauß in den Schoß und drückte ihr einen schallenden Kuß auf den Mund. Sie bekam von der Mutter, die noch ein Honigbrot gegessen hatte, ein wenig Klebriges an das Kinn. Aber was kümmert das, wenn sich Menschen lieb haben.

»Nun zugegriffen, du Wildfang. Du wirst Appetit haben nach dem Morgenspaziergang«, meinte die Mutter sorgend. Das ließ sich Lillichen nicht zweimal sagen. Hei, wie lockte der würzige Kaffee, die goldgelbe Butter, die blutroten Wurstscheiben, die duftenden Scheiben frischen Brotes, süßer Honigseim, alles auf blitzblanken Tellern, der Tisch mit weißem köstlichem Linnen überzogen.

Mit Wohlgefallen und Stolz schauten die Eltern auf ihr Kind, das eine Schnitte nach der anderen mit einer außergewöhnlichen Schnelligkeit verschwinden ließ.

Nachdem Lillichen noch ungefähr die ganze Servelatwurst gegessen hatte, wurde sie auf einmal ernst und nachdenklich. Das lustige Lachen schwand von ihren Zügen. Ihre Augen verschleierten sich, nur ab und zu schaute sie mit einem Blick starker Sehnsucht zum Park hinüber.

»Weißt du, wer morgen kommt?« mischte sich die Gräfin, der die plötzliche, merkwürdige Veränderung nicht entgangen war, in das Sinnen ihrer Tochter.

Ja, Mutterauge sieht scharf, sieht verdammt scharf!

Lilli fuhr, wie aus einem Traum geweckt, empor: »Was, wer soll kommen?« fragte sie apathisch.

»Graf Bodo, Graf Bodo!« schrieen die Eltern auf sie ein mit einer Begeisterung, die man bei einem »Hoch« aufzuwenden pflegt. –

»Warum sagt ihr das so laut?« Lillis große, runde Augen starrten verwundert die Eltern an.

»Weil dieser Besuch seine Bedeutung, eine ganz enorme Bedeutung hat. In diesem Besuch liegt dein Glück, deine Zukunft«, deklamierten Vater und Mutter.

»Was aber hat mein Glück mit dem Grafen Bodo zu tun?« meinte Lilli.

»Wir, deine treusorgenden Eltern, haben Graf Bodo, Sproß eines uralten Geschlechtes, dir zum Gatten ausgewählt. Du wirst nächsten Dienstag achtzehn Jahre. Nach dem Felsenhorstschen Hausgesetz müssen die Töchter spätestens mit dem achtzehnten Jahre verlobt sein. Du wirst dich also mit dem Grafen Bodo verloben, wie wir das wünschen!« Die Stimme des Vaters, die vorher so fröhlich geklungen, nahm jetzt einen scharfen, befehlenden Ton an. Wenn es sich um Dinge handelte, die die Tradition seiner Familie berührten, kannte er keinen Spaß. Er war eben dann ein echter Unstrut von Felsenhorst: Herz wie Stahl, Herz wie Stahl.

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf Lilli diese Eröffnung. Als wohlerzogenes Kind verzichtete sie auf Widerreden, stand verstört vom Tisch auf, nahm ihr Glas mit den Kaulquappen und ging laut schluchzend in das Schloß. Sie sagte fast erstickt von Tränen nur einmal: »Theobald!«

Graf Eberhard packte der Zorn, jener Zorn, der von alters her im Blute der Felsenhorst gärte, schlug mit der Faust auf den Tisch, daß das Kaffeeservice durcheinanderflog und an der Milchkanne der Ausguß abbrach. »Wer hat hier zu bestimmen? Ich bin der Vater, der Vater. Wer ist der Vater? Ich, ich, ich!« schrie er mit aller Kraft. Da das niemand bezweifelte, wurde er noch wütender.

»Was sagte sie noch – Theobald?« Der Vater bekam einen Wutkrampf.

»Laß sie sich ruhig erst mal sammeln, laß sie zu sich kommen. Das ist doch für ein junges Mädchen ein Schritt fürs Leben. Sie wird schon zur richtigen Erkenntnis kommen«, suchte Gräfin Hildegard ihren Gatten zitternd zu beruhigen. »Außerdem ist von der Milchkanne die Schnute abgebrochen. Die wird man vielleicht mit Syntetikon wieder kitten können«, fügte sie zaghaft hinzu.

»Es heißt nicht Schnute, es heißt Ausguß«, brüllte sinnlos vor Wut der Graf. Dann blickte er seiner Gattin starr in die Augen, gab dem Neufundländer einen Tritt in die Weichen und ging mit wuchtigen Schritten, scharf vor sich hinpfeifend, in den Park.

 

Lilli von Felsenhorst war verliebt, grenzenlos verliebt. Im Walde hatte sie ihn getroffen, den jungen Maler Theobald Rüstig, fast täglich. An schönen Blicken baute er seine Staffelei auf und lag fleißig seiner Kunst ob. Er glich einem Südländer mit seiner braunen Gesichtsfarbe und seinen herrlichen schwarzen Augen. Schwere dichte Locken fielen ihm bis an die Waden. Er trug einen kleidsamen schwarzen Samtanzug, der sehr prall saß. Um den Hals hatte er einen buntfarbigen, verwegen flatternden Schlips.

Erst war Lilli bei diesen zufälligen Zusammentreffen stolz wie eben eine echte Felsenhorst an ihm vorübergegangen, kaum seinen höflichen, aber zurückhaltenden Gruß erwidernd. Dann aber konnte sie ein liebes Lächeln in ihrem Gegengruß nicht mehr zurückhalten. Und eines Tages sprachen sie miteinander. Wie es denn mit jungem Liebesvolk zu gehen pflegt, so geschah es auch hier. Gott, ja. Erst wechselte man nur einige flüchtige Worte, dann setzte man von Tag zu Tag einige Minuten zu, bis man zuletzt manches Stündchen im Wald versteckt plauderte.

Der Maler Theobald Rüstig war ein Ehrenmann durch und durch. Nur ein einziges Mal ließ er sich hinreißen, Lilli einen Kuß auf die Hand zu geben. Sonst blieben ihre Liebkosungen auf einen Händedruck beim Abschied beschränkt. Er war, wie gesagt, ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle. Er hatte seine strengen Grundsätze und hätte sich nie unterfangen, die junge Komtesse ohne Einwilligung der Eltern oder eine offizielle Legitimation auf den Mund zu küssen.

Die beiden liebten sich maßlos und waren sich klar, daß sie füreinander fürs Leben bestimmt waren.

Zwar war der Maler arm wie eine Kirchenmaus, und es fiel ihm schwer, das bißchen für seinen bescheidenen Unterhalt zu erwerben. Dazu kam noch, daß er aus seinen knappen Mitteln die frühere Waschfrau seiner verstorbenen Mutter, die Witwe Bunke, und ihre Kinder unterstützte. Er ließ ihre Jungen studieren, die Witwe alljährlich nach Ostende oder Biarritz zu ihrer Erholung gehen und kaufte den Töchtern Karten für Bayreuth. Ja, er war ein Ehrenmann, die Seele von einem Menschen. Lilli und Theobald waren übereingekommen, daß Theobald, sobald er sein großes Gemälde »Rübezahl« verkauft hätte, beim alten Grafen um die Hand seiner Tochter anhalten sollte.

 

An jenem Morgen, an dem sich die Szene auf der Terrasse abspielte, saß Theobald, nachdem ihn Lilli verlassen hatte, stundenlang grübelnd, den Kopf in die Hände vergraben, vor seiner Staffelei. Plötzlich schreckte ihn ein Lärmen und Geschrei in der dichtesten Nähe aus seinen Sinnereien auf. Ein Schuß fiel. Es wurde um Hilfe gerufen. Es fiel noch ein Schuß.

Er sprang auf, packte seine Palette, stürzte durch das Gebüsch und fand nach wenigen Sätzen den Grafen Eberhard, überwältigt von zwei Räubern, am Boden liegen, die gerade dabei waren, ihn zu berauben. Theobald, nicht faul, schleuderte seine Palette und traf den einen Räuber mitten ins Gesicht. Infolge der dick aufgesetzten Farben blieb die Palette fest im Gesicht des Räubers kleben. Seinen Spießgesellen brachte der junge wackere Mann mit einem Jiu-Jitsu-Schlag zu Fall. Er band die Mordbuben mit ihren Hosenträgern und legte sie nebeneinander.

Er wandte sich nun dem Überfallenen zu, der mit geschlossenen Augen, schwer atmend, auf dem Boden lag. Er hatte eine blutige Wunde an der Stirn. Sein Hut war durchlöchert. Theobald legte ihm sein zufällig nasses Taschentuch auf den Kopf, was zur Folge hatte, daß Graf Eberhard die Augen aufschlug und sich mit aller Energie aufrichtete. Der eine Räuber knirschte vor Wut. Der mit der Palette war an Gummigutt erstickt.

»Seien Sie bedankt, junger Freund«, sagte der Graf sehr edel, »Sie haben den Grafen Felsenhorst gerettet. Wissen Sie das zu würdigen? Es war ja nicht schwer, da ich diese Räuber bereits fast kampfunfähig gemacht hatte. Wie soll ich Sie belohnen? Hier haben Sie meine Pfeife und vier Mark. Dem Samtanzug nach scheinen Sie Maler zu sein. Ich kaufe Ihnen gelegentlich ein Bild ab. Schreiben Sie mir Ihre Adresse auf.«

Völlig fassungslos reichte ihm Theobald seine Visitenkarte.

Gendarmen haben feine Ohren. Sie hörten die Schüsse, folgten zu viert ihrem Schall und tauchten bald an der Stelle der Untat auf. Sie schrieben vor allen Dingen die Namen aller Beteiligten in dicke Bücher, die sie zwischen dem siebenten und zehnten Knopf vorne im Rocke stecken hatten. Dann bemächtigten sie sich der Unholde und zogen ab. Der Erstickte eignete sich nicht zum Marschieren. Er mußte getragen werden. Der andere Räuber knirschte. Jeder der Gendarmen bekam von dem Grafen eine Zigarre und achtzig Pfennig.

Der Graf schaute flüchtig auf die Karte, die ihm Theobald gab. Seine Augen traten aus dem Kopf, die Ader auf der Stirn schwoll an. Er trat mit wutverzerrten Zügen auf den Maler zu und brüllte ihm ins Gesicht: »Theobald? Hüten Sie sich, Mensch!« Dann drehte er sich um und verschwand im Gebüsch.

Theobald stellte sich an einen Baum und weinte bitterlich.

 

Graf Bodo war auf dem Schloß Felsenhorst angekommen. Er wurde mit dem größten Aufwand empfangen. Man legte bis zum Automobil rote Läufer, und Lorbeerbäume flankierten den Aufgang. Die Knechte und Mägde in Tirolerkostümen bildeten teilweise Spalier, und teilweise erfreuten sie den hohen Gast durch Reigen und Gesang. Es wurde rotes bengalisches Feuer abgebrannt, obgleich es so am hellen Tag seinen Effekt einbüßte.

Die markige Natur des Grafen Eberhard hatte die Folgen des gestrigen Überfalls schon völlig überwunden.

Lilli fügte sich in den Befehl des Vaters und die Vorstellungen der Mutter und begrüßte in einem weißen, oben durchlochten Batistkleid, einen radgroßen Blumenkranz auf dem Kopf, in jeder Hand einen Geranientopf, mit einem entzückenden Begrüßungsspruch, der anfing: »Willkomm, willkomm«, den Gast. Sie tat alles mechanisch und schaute in jedem unbewachten Augenblick sehnsüchtig zum Walde hinüber.

Dieser Graf Bodo, in roter Husarenuniform, machte einen wenig Vertrauen erweckenden Eindruck mit seinen unsteten Augen und einem Zug von Brutalität und Verschlagenheit um den Mund. Sein forciert liebenswürdiges Benehmen konnte nicht das Unbehagen, das man in seiner Gegenwart empfand, verscheuchen.

Der Widerwillen und das Mißtrauen gegen den Grafen Bodo wuchs mit jedem Augenblick bei Lilli.

Graf Eberhard nahm nach der Empfangszeremonie seinen Besuch in sein Privatkontor, um die geschäftliche Seite der Verbindung Bodos mit seiner Tochter zu besprechen.

Lilli benutzte diesen Augenblick, um mit ihrem Einmachglas in den Wald zu verschwinden. Es waren wohl nicht die Kaulquappen allein, die sie in den Wald trieben.

Es war ein prächtiges Mahl gerichtet auf Schloß Felsenhorst. Ein Mahl von üppiger Fülle und Verschwendung. Acht Gänge, ohne den Hausgang. Ein Fanfarenstoß zeigte den Beginn an. Man versammelte sich in dem Speisesaal im Stile Pipins des Kleinen.

Es war bereits seit dem Fanfarenstoß eine halbe Stunde vergangen. Lilli war noch nicht erschienen. Die Eltern wurden unruhig. Im Grafen Eberhard gärte es. Man sandte Boten im Schloß und im Garten herum. Graf Bodo kaute an seinem schwarzen, gewichsten Schnurrbart. Das Roastbeef bekam eine Kruste.

Man fand Lilli nicht, die Sendboten kamen erfolglos zurück.

Die Stimmung wurde gespannt und unheimlich. Graf Eberhard glich einem Vulkan. Graf Bodo war käsebleich. Gräfin Hildegard dachte an das Roastbeef.

Plötzlich öffnete sich die Tür, und herein traten anstatt der Erwarteten die vier Gendarmen aus dem Wald. Zwei postierten sich mit gezogenem Säbel und Revolvern an der Tür, während die anderen mit drohenden Waffen auf den Grafen Bodo zugingen und ihn im Namen des Gesetzes verhafteten.

Die Hand Graf Bodos zuckte nach einer Waffe in der Tasche, aber schon packten ihn die kräftigen Fäuste der Diener des Gesetzes, und im Augenblick war er gefesselt.

Graf Eberhard war erst völlig fassungslos. Dann tobte er wie ein wildes Tier und verlangte die Freilassung seines Gastes, für den er sich verbürgte.

Einer der Gendarmen reichte ihm ein Schriftstück, den Haftbefehl: Graf Bodo war kein Graf. Er war seines Berufes Kellner. Er war ein gefährlicher Hochstapler und Raubmörder. Die Morde an der Gemüsehändlerin Muffke, an dem Rotundenfräulein Mieze Pflaum und an dem Almosenempfänger Peter Blömmel wurden ihm zugeschrieben. Durch diese Untaten war er in den Besitz enormer Vermögen gekommen. Er war Anführer einer Verbrechergesellschaft.

Der von dem Überfall im Wald übriggebliebene Räuber, der zu Bodos Bande gehörte, hatte ihn bei seiner Vernehmung verraten.

Graf Eberhard schleuderte dem Gefesselten einen verachtungsvollen Blick zu und sagte lediglich: »Pfui, bah! Hinaus Gezücht, Gezüüüücht!«

Die Gräfin Hildegard war eigentlich in Ohnmacht gefallen, aber, da niemand sich um sie kümmerte, wieder wach geworden. Sie litt unter der Sorge um das schöne Roastbeef.

Der Graf Eberhard alarmierte das ganze Schloß zur Suche nach Lilli. Er voran mit seinen guten Schweißhunden. Zu einem Tümpel führte die Spur der Gesuchten, in welchem sie die Kaulquappen zu fangen pflegte.

O schreckliches Bild! Zwei Menschen in dem Tümpel von zum mindesten einem Meter Tiefe, Theobald und Lilli. Sie war beim Quappenfang in den Tümpel gerutscht. Er, der junge Maler, nicht faul, sofort ihr nach. Er hielt sie fest in seinen Armen, konnte aber nicht loskommen, da er sich in Schlinggewächsen verwickelt hatte. Seine Kräfte drohten zu erlahmen. Lilli benutzte die Gelegenheit, ihn abzuküssen.

Man reichte ihnen Stangen und warf ihnen Seile zu, und es gelang, die beiden aufs Trockene zu ziehen.

»Mein Sohn, mein lieber Schwiegersohn«, sagte der alte Graf mit von Tränen fast erstickter Stimme und umarmte Theobald. Alle Härte war von ihm gewichen. Eine schöne Elternmilde war über ihn gekommen.

»Mein Sohn, mein lieber Schwiegersohn. Mir rettetest du das Leben, meine Tochter bewahrtest du vor dem gräßlichen Tod in dem Tümpel. Werdet Mann und Frau!« Er führte die beiden völlig mit Schlamm bedeckten Liebesleute zusammen und legte ihre Hände ineinander.

Die Knechte und Mägde sangen: »Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut.«

Das Roastbeef war schon ziemlich verbraten, als man ins Schloß zurückkam, aber die Wiener Schnitzel waren noch zu essen. Gott, was fragen auch glückliche Menschen nach so etwas. –

So wurde aus Theobald und Lilli doch ein Paar. Die Liebe siegte über die Tücken des Schicksals und den harten Sinn adelsstolzer Eltern.

 


 

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