Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Hermann Harry Schmitz: Grotesken - Kapitel 28
Quellenangabe
titleGrotesken
authorHermann Harry Schmitz
typesketch
created19990517
sendergerd.bouillon@t-online.de
modified20170929
Schließen

Navigation:

Das neue Auto

Aus: Düsseldorfer General-Anzeiger vom 26.1.1913;
Buch der Katastrophen, Leipzig 1916

»Was der kann, kann ich auch«, sagte der Brauereibesitzer Emil Kiste selbstbewußt, als er hörte, daß sich sein Nachbar, der Konsul Edgar von Wirsing, ein prächtiges Luxusauto mit einer Leistung von 100 PS angeschafft hatte. Er, Emil Kiste, sollte sich von diesem Wirsing übertrumpfen lassen?

Emil Kiste war einst ein einfacher Brauknecht gewesen, in der Brauerei, die jetzt sein Eigentum war. Er hatte es verstanden, des Brauers Tochter zu berücken, und der alte Vater hatte »ja« gesagt. Emil Kiste hatte die überzeugende Art, sich als äußerst tätigen, werktüchtigen Arbeiter aufzuspielen, die er noch bei jeder Gelegenheit mit rausgedrückter Brust durch kraftvolle Richtsprüche wie: »Die Axt im Hause ersetzt den Zimmermann«, »Selbst ist der Mann!« verstärkte.

Der alte Vater, dessen Horizont nicht über seine Braubottiche hinausging, war stolz auf seinen arbeitsam schaffenden Schwiegersohn. Überall war er zur Hand. Die Axt im Hause ersetzt den Zimmermann! Das war dem alten Vater ein starkes, zuversichtliches Maxim, wenn er den Sinn der kernigen Worte auch nicht ganz verstand.

Wie es meistens kommt, der alte Vater starb, und Emil Kiste erbte die Brauerei und einen großen Komplex aussichtsvoller Grundstücke, die bald nach dem Tode des Schwiegervaters durch das Prospekt der Anlage einer Eisenbahn enorm im Werte stiegen. Für eine Riesensumme verkaufte Emil Kiste das Areal an Spekulanten.

Er war ein schwerreicher Mann geworden. Felsenfest war er überzeugt, daß er nur durch seine eigene Tatkraft und persönliche Tüchtigkeit emporgekommen war.

»Hat dieser Kiste einen Dusel gehabt!« sagten zwar die Leute.

»Ja, ja, die Axt im Hause ersetzt den Zimmermann – selbst ist der Mann!« brüstete er sich noch immer und ließ Naive respektvoll staunen. »Ich verstehe alles!« War die Gasuhr nicht in Ordnung oder versagte das Telefon, die Wringmaschine oder der Rasenmäher, der Soxleth-Apparat, so hielt er sich alleine für fähig, die Schäden zu reparieren.

Eines Tages kaufte er sich einen Palast in dem vornehmsten Teil der Stadt. Er hatte es dazu. Klotziges Geld macht vornehm. Er wurde enttäuscht. Die feinen Leute mit Namen und guter Herkunft wollten nichts von ihm wissen und schnitten ihn.

Namentlich sein Nachbar Konsul von Wirsing war ihm ein Dorn im Auge. Es war ihm eine Genugtuung, daß es ihm bisher immer gelungen war, diesen eingebildeten, hochmütigen Menschen zu übertrumpfen.

Der Konsul legte in seinem Garten eine Hühnerzucht an; Emil Kiste folgte sofort mit einer Paradiesvogelfarm. Bei Wirsings wurden eines Tages die Lanzenspitzen des Vorgartengitters vergoldet; Herr Kiste ließ sofort das ganze Vorgartengitter vergolden. Kistes bestrebten sich, ihre Nachbarn mit dem vornehmen Namen in allem unbedingt zu überbieten. Als Frau Konsul ein Baby bekam, folgte ihr Frau Kiste schleunigst mit Drillingen.

Jetzt hieß es ein Auto zu beschaffen, welches das neue Luxusauto von Wirsing weit in den Schatten stellte und alle Autos, die je gebaut wurden, als alte Karren erscheinen ließ.

Er wandte sich an die renommiertesten Automobilfabriken des In- und Auslandes. Er war enttäuscht, denn alle Wagen, die ihm von diesen Firmen angeboten wurden, übertrafen in keiner Weise das Auto des Konsuls Wirsing. Es wurmte ihn schwer, daß er in diesem Falle seinen Nachbar nicht übertrumpfen sollte.

Aber der Zufall wollte, daß eines Tages ein Herr, der mit englischem Akzent sprach, sich bei Emil Kiste als Mister John C. Blotting-Paper aus Amerika vorstellte: »Oauh, Mister Kiste, Sie wollen kaufen eine Auto, wie niemand bisher hat. Well, you see. Ich bin the inventor – das uill heißen – Erfinder auf eine ganz neue Autotyp, das Gigantic Mammoth Auto. Well, you see – ich bin der representative – das uill heißen – Vertreter der Gigantic Mammoth Auto Co. Ltd. Meine Autos haben eine Leistung von 2000 PS mit 50 Zylinder.«

Das ist mein Mann, schoß es Emil Kiste durch den Kopf.

Er hatte keine Ahnung, was das geheimnisvolle »PS« bedeutete. Aber, daß dieses phänomenale Mammoth-Auto 2000 PS gegen diese erbärmlichen 100 PS des Wirsingschen Autos hatte, gab ihm das Bewußtsein, daß er auch dieses Mal wieder den ekelhaften Konsul übertrumpfen würde.

Unklar war ihm auch, was es mit den vielen Zylindern für eine Bewandtnis hatte. Er besaß selbst schon fünf Zylinder, die ihm für die paar Beerdigungen genügten. Vielleicht gab es auch bei dem Auto des Mister John C. Blotting-Paper Strohhüte außer den Zylindern. Er war ein absoluter Waisenknabe und hatte keine Ahnung von den technischen Geheimnissen einer Automobilmaschinerie.

»Well, wir machen eine velocity – uill heißen – eine Höchstgeschwindigkeit von 2000 Kilometern in der Stunde, wo die anderen Autos, die alte Autos, sich mit nur 120 Kilometern in der Stunde hinschleppen. – Oauh, wir bringen something quite new – uill heißen – eine neue Sensation. Mammoth-Auto kann Farbe wechseln wie Chamäleon und sich einstellen auf die Nuancen der Toiletten der Ladys in die Wagen. Dieses Wunderauto hat 40 Räder mit Pneumatiks, so dick, daß drei Männer sie nicht umfassen kann, wie eine berühmte Baum in Kalifornien. Well, you see, Mister Kiste, Sie werden eine einzige Auto haben in die ganze World. Mammoth-Auto braucht kein Benzin. Aus eine Wunderextrakt, mit der Trade Marke Semper idem, eine absolute Sekret, – uill sagen – Geheimnis der Gigantic Mammoth Auto Co. Ltd., eine Extrakt, der sich immerfort aus sich selbst erneuert, never – uill sagen – niemals alle wird und eine ungeheure Kraft entwickelt und die Motoren zu dieser höchsten Leistungsfähigkeit der Mammoth-Automobile bringt. Well, you see, Mister Kiste, Sie uerden eine Weltrekord machen mit unsere Autotyp. Zwar eine äußerst komplizierte Maschinerie. Sehr kompliziert, bei jedes Stück Auto werden bei der Konstrukschen regelmäßig 20 Ingenieure und 100 Monteure irrsinnig. You see, the prize von diese Gigantic Mammoth Auto beträgt 300 000 Dollars, ohne Skontoabzug, Scheck auf New-York. Sagen Sie all right!«

Kiste sagte: »all right«. Was lag ihm an einem Milliönchen und mehr für diesen endgültigen Triumph über den unsäglichen Protz von Wirsing.

Mister John Blotting-Paper gab telegraphische Weisung nach Hamburg, wo in einer leeren Luftschiffhalle das von Amerika mitgebrachte Mammoth-Auto eingestellt war. In siebenundzwanzig Minuten brauste schon das Gigantic Mammoth Auto, Häuser erzittern machend, heran und hielt vor Kistes Palast.

Mister John C. Blotting-Paper hatte nicht zu viel behauptet. Diese Maschine war in der Tat eine kosmische Manifestation, eine absolute Offenbarung des letzten Aufschwungs der Technik ins Gigantische, wo die Grenze des Irrsinns beginnt. Mister John C. Blotting-Paper sagte: »Mister Kiste, you understand – uill heißen – Sie verstehn? Ich werde Ihnen das Auto und seine Handhabe erklären, zu Ihrer Richtschnur, damit Sie können lernen den Zweck der Maschinerie.«

Diese Erklärung währte acht Stunden. Emil Kiste wußte danach gerade so viel wie vorher.

Von dem achtstündigen Geschwätz stark heiser, spuckte Mister John C. Blotting-Paper ein verkautes Stück Sen-Sen-Gummi aus und sagte: »Oauh, Mister Kiste, haben Sie understand – uill heißen – verstanden meine Explikation?« Kiste wollte sich nicht blamieren und sagte: »Jähs!«

Dann überreichte ihm Mr. Blotting-Paper zwei Broschüren, eine mit der Aufschrift »Was muß der Mammoth-Auto-Fahrer wissen?« und eine zweite: »Wie bricht sich der Mammoth-Auto-Fahrer nicht den Hals?« In diesen beiden Bändchen fand man erschöpfende Aufschlüsse über die Gesamtkonstruktion des Autos und praktische Hinweise zur Abstellung etwaiger Störungen.

Der amerikanische Chauffeur, der das Auto von Hamburg gebracht, war in dem Preis einbegriffen.

Nie hatte Emil Kiste vor etwas so viel Respekt gehabt wie vor diesem neuen Mammoth-Auto. Wenn ihm auch seine alten Grundsätze: »Die Axt im Hause ersetzt den Zimmermann!« – »Selbst ist der Mann!« aufstießen, so war er doch im stillen froh über den amerikanischen Chauffeur. Zwar äußerte er sich so obenhin, daß er wohl auch allein mit dem Auto fertig würde. Mister John C. Blotting-Paper bekam seinen 300 000 Dollar-Scheck aus New-York, sagte: »Good bye, Mister Kiste!« und reiste mit dem nächsten Ozeandampfer wieder ab.

Emil Kiste war dem Chauffeur und dem unheimlichen Automobil hilflos überlassen.

Eine liebe Genugtuung war es ihm nur, als er hörte, daß der Konsul von Wirsing im Bett lag und höchstwahrscheinlich aus Wut über seine Niederlage krank geworden war.

Die erste Ausfahrt. Das ganze Hausgesinde war um das Auto versammelt. Neugierige hingen lebensgefährlich aus den Fenstern. Frau Kiste bestieg als erste in roter Robe das Auto, und allsogleich nahm das bisher gelbe Auto die Farbe ihrer Robe an, aber nur die rechte Hälfte des Autos reagierte auf Rot, während die linke Hälfte, wo Herr Kiste in einem gelben Paletot Platz nahm, seine gelbe Farbe behielt.

Diese erste Fahrt ging ohne erheblichen Zwischenfall vor sich. Man fuhr im Leichenzugtempo, im Schnelligkeitsminimum der Mammoth-Autos, 100 Kilometer in der Stunde, wie der Geschwindigkeitsmesser anzeigte. Waren protokollsüchtige Polizisten auf dem Wege, zog der Chauffeur die Staubpuste, wodurch das ganze Auto sofort in eine dichte Staubwolke eingehüllt wurde. Ein Erkennen des Wagens oder der Nummer war unmöglich.

Außer einem unvorsichtigen Dackel, der in einer Kurve in das Auto lief, brachte das Auto auf dieser ersten Fahrt weiter nichts zur Strecke.

Kiste saß bei den ferneren täglichen Ausfahrten immer neben dem Chauffeur, um das Geheimnis des Autofahrens zu ergründen. Auf einer Rekordfahrt mit der Maximalschnelligkeit, 2000 Kilometer, blieb das Auto plötzlich stehen. Die Signalsirene schrie gellend auf, das Auto drehte sich um sich selbst, sauste los wie ein Pfeil und stoppte dann plötzlich mit einem scharfen Ruck. Emil Kiste und der Chauffeur flogen in hohem Bogen aus dem Auto. Dabei schrie die Sirene ein heiseres, furchtbares Lachen.

Der Chauffeur, kreideweiß, riß seinen Handwerkszeugkoffer unter dem Sitz hervor und kroch unter das Auto. Emil Kiste stand zitternd, mit offenem Mund dabei und stierte auf die unter dem Auto hervorgestreckten Füße des Chauffeurs. Eine halbe Stunde beschäftigte sich der Chauffeur unter dem Auto. Schweigend, mit einem krampfhaft verzerrten Zug im Gesicht, nahm er seinen Platz wieder ein. Emil Kiste babberten die Beine. Die Heimfahrt mit 1000 Kilometer Geschwindigkeit verlief glatt.

Der Schrecken über diesen seltsamen Vorfall steckte Emil Kiste noch lange in den Knochen. Als bei den weiteren Fahrten nichts Derartiges mehr passierte, beruhigte er sich. Der Chauffeur aber machte noch immer ein bedenkliches Gesicht. Jeden Tag kroch er mehrere Male unter das Auto und hantierte mit seinen Werkzeugen im Bauch des Autos.

Drei Monate besaß Kiste nun das Mammoth-Auto, und er hatte noch immer nicht die Courage, selbst zu fahren. Wo waren seine alten Grundsätze: »Die Axt im Hause ersetzt den Zimmermann« – »Selbst ist der Mann«? Er schämte sich vor sich selbst und vor seiner Familie wegen seiner Unentschlossenheit. Eines Morgens erschien beim Frühstück ein Eisbär mit einer riesigen Brille. Die Kinder flüchteten sich schreiend. Es war Vater Kiste im Autopelz. Endlich entschloß er sich, eine Fahrt allein zu wagen. Die ganze Nacht studierte er in den beiden Broschüren. Er fühlte sich wohl gewappnet. Der Chauffeur schüttelte sehr bedenklich den Kopf und schloß sich in sein Zimmer ein.

Einem vorbeigehenden Neger gestattete Kiste, auf dessen Bitte hin, mitzufahren. Der stieg mit breitem Grinsen ein. Gleich wurde das Auto schwarz.

Kiste ließ vor der Abfahrt das Sirenensignal nach allen Kräften johlen, um den Konsul an das Fenster zu locken, diesen Angstwurm, der nie ohne Chauffeur fuhr, zu beschämen.

Voller Zuversicht bestieg er den Führersitz. Er drückte einen Hebel vor, der ihm der richtige dünkte. Es war natürlich die Staubpuste, die er in Tätigkeit setzte und alle, die seine Abfahrt umstanden, mit Staub bedeckte.

Dann gelang es ihm, den richtigen Hebel zu finden.

Ein tolles Geknatter, ein Knall, eine Rauchwolke, und im gleichen Moment sahen die Hinterbliebenen das Mammoth-Auto in der Ferne als kleines Pünktchen verschwinden. Emil Kiste hatte den Hebel auf die Maximalgeschwindigkeit geschaltet. Wanderer retteten sich auf Telegraphenstangen, die Leute in den Dörfern auf die Dächer. Plötzlich mäßigte sich die Geschwindigkeit des Autos ohne Zutun von Kiste, es humpelte ein wenig, wie ein Gelähmter, dann drehte es sich plötzlich um sich selbst, lief ein Stück ganz schnell zurück und fuhr in gemäßigter Geschwindigkeit weiter. Kiste graute es. Man kam in eine kleine Stadt. In einer stillen Straße sprang das Auto plötzlich auf das Trottoir und zerquetschte einen von ohngefähr daherkommenden Kassenboten, den einzigen Menschen auf der Straße, an der Häuserwand wie eine Fliege, drehte sich dann mit einem grellen Sirenengeschrei um, rannte einige 1000 Kilometer weiter und blieb schließlich wie festgenagelt stehen.

Entsetzen packte Kiste. Sein Kopf wurde eiförmig. Ein Pneumatik hatte sich vom Rade losgelöst und kroch wie eine Schlange über den Weg. Er begann zu beten. – Wer half ihm? Was war das mit dem Wagen? Alle seine Energie nahm er zusammen. Was blieb ihm übrig, als selbst Hand anzulegen? Selbst ist der Mann! Was konnte die Ursache sein? Er rekapitulierte alle die Störungen, wie sie die Broschüren aufführten. Die Düse verstopft, die Zündkerze verrußt, die Kolbenringe gelockert, die Lager ausgelaufen, die Kühler heiß – was wußte er? Er kroch mit dem Handwerkszeug unter das Auto. Dieses sinnlose Röhrenwirrwarr im Bauche des Autos, diese ganze Maschinerie war ihm ein schauriges Rätsel. Er lag unbequem auf dem Rücken. Fortgesetzt tropfte ihm dickes, stinkiges Öl ins Gesicht. Dort an einem gebogenen Rohr bewegte sich etwas, eine runde, weiche, gallertartige, grüne Masse in der Größe eines Zehnpfennigstückes, mit einem Stachel in der Mitte, der fortgesetzt einen gelben Saft spritzte. Mit Schrecken sah Emil Kiste, daß das ganze Rohr löcherige Stellen zeigte, die wohl durch den Saft dieses Tieres verursacht wurden. Und jetzt bemerkte er mit stierem Entsetzen, daß der ganze Mechanismus von diesem furchtbaren Ungeziefer verseucht war, überall klebten diese Zerstörer. Das war die Ursache des irren Benehmens des Autos. Davon stand nichts in der Broschüre. Er nahm seine letzte Kraft zusammen und versuchte mit dem Hammer diese Viecher zu zerdrücken. Wie am härtesten Granit glitt der Hammer ab. Unaufhörlich tropfte auf den geplagten Kiste das Öl wie aus einer Brause. Eines von den scheußlichen Tieren geriet ihm in den Halskragen und begann am Rückgrat seine bohrende Tätigkeit. Kiste war dem Irrsinn nahe. Sein Selbstbewußtsein war zum Teufel! Er verfluchte die Axt im Hause...! Warum ließ er den Chauffeur daheim? Der ahnte das Unheil. Im Fenster erschien das grinsende Gesicht des Negers! Kiste faßte die Wut, er schlug ihm mit dem Hammer den Schädel ein und warf ihn in den Chausseegraben. Das Auto wurde wieder gelb. Das funktionierte ja noch, Gott sei Dank! Gedankenlos stierte er auf die Pneus, die überall eiterige Stellen, wie Geschwüre, aufwiesen. Völlig mit Öl getränkt befahl er sich Gott, kletterte mit der ehernen Resignation eines, dem alles egal ist, auf sein Unglücks-Auto und schaltete tollkühn mit einem Ruck die Maximalgeschwindigkeit ein. Das Auto sprang vier Meter hoch, bäumte sich auf wie ein wildes Pferd, wandte sich dann plötzlich und raste, rückwärts fahrend, wie ein Orkan, mit 2000 Kilometern Schnelligkeit los. Über Berg und Tal ging die irre Fahrt, Gegenden verwüstend und entvölkernd, Dörfer und Städte einreißend. Emil Kiste verhungerte schon bald und wurde an einer Kurve hinausgeschleudert in das All. Er hätte sowieso nicht mehr lange gelebt, die Autobazillen hatten auch ihn ergriffen.

Vier Jahre raste das Auto allein durch die Welt, ohne zu halten, in unerschütterlicher Beständigkeit. Dann eines Tages vollendeten die furchtbaren Bazillen ihr zerstörendes Werk – – von einem Tag zum andern verringerte sich die Schnelligkeit des Autos, mühsam schleppte es sich auf den zerfressenen Pneus hin, humpelnd wie ein Schwerkranker, und eines Tages fiel es endlich in sich zusammen.

Millionen von diesen furchtbaren Auto-Bazillen, die ihm den Tod gebracht hatten, bedeckten die Straße.

Alle diese Stelle passierenden Autos infizierten sich und gingen dem gleichen Verfall entgegen. Diese Epidemie verbreitete sich über die ganze Welt, und in zehn Jahren nach ihrem Ausbruch gab es kein Auto mehr.

 


 

 << Kapitel 27  Kapitel 29 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.