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Hermann Harry Schmitz: Grotesken - Kapitel 27
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titleGrotesken
authorHermann Harry Schmitz
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Die Diva und die Notbremse

Aus: Düsseldorfer General-Anzeiger vom 8.12.1912;
Buch der Katastrophen, Leipzig 1916

Vor nichts in der Welt hat der Mensch einen so unbedingten heiligen Respekt wie vor der Notbremse. Sie erscheint ihm wie eine geheimnisvolle unbekannte Kraft, die, von tollkühner Menschenhand gelöst, mit schwerer Vergeltung den übermütigen Täter trifft. Eltern weisen Kindern mit erhobenem Finger bedeutsam den geheimnisvollen Hebel, schrecken sie warnend, ihn zu berühren oder auch nur anzuschauen.

Lepra oder Cholera oder die Pest erscheint den Menschen als leichter Schnupfen im Vergleich zu der Katastrophe der Auslösung der unheimlichen Gewalt der Notbremse.

Die erschreckliche Furcht basiert im Urgrunde auf einer atavistischen Veranlagung oder einer Infektion mit dem Respektbazillus, der uns schon von Jugend auf im Blute gärt, sich mit den Jahren fortgesetzt vermehrt und diese hektische Subordination und zitternde Scheu vor der amtlichen Verordnung hervorbringt. Protokoll! Amtliche Sistierung! Diese Worte sind Keulenschläge. Diese Worte lassen die Menschen mit Schaudern überlaufen.

Diese Veranlagung hatte die Opernsängerin Julie Briendöpke in ausgesprochenem Maße.

Die Beschäftigung am Theater gebiert ja sowieso in kurzer Zeit äußerste Nervosität. Auf dieser Basis wachsen schon unbedeutende Mißhelligkeiten des Alltags zu gesteigerten Tragödien. Ein stehengebliebener Schirm, eine auf das Seidene verschüttete Soße, ein heruntergefallener Zopf, eine im Rücken geplatzte Bluse oder andere solcher nichtigen Miszellen genügen, nervöse Evolutionen hervorzurufen.

Die Opernsängerin Briendöpke war an dem Theater einer mittleren Provinzstadt engagiert. Der Direktor der Oper der benachbarten Residenzstadt hatte ein Auge auf sie geworfen und schlug ihr eines Tages ein Engagementsgastspiel an seiner Bühne vor. Sie sollte die Brünhilde singen. Ein Ereignis für sie, welches natürlich eine außergewöhnliche nervöse Spannung bei ihr zur Folge hatte. Es konnte ihr passieren, daß sie an einem Fuß einen gelben Halbschuh und am anderen einen schwarzen Lackstiefel anhatte, wenn sie ausging. Je näher der Tag des Gastspieles herankam, desto mehr wuchs ihre Nervosität. So war sie in der Premiere der Oper »Förster Teobalds Trautliebchen«, deren Verfasser der Kapellmeister ihres Theaters war, steckengeblieben und dann in ihrer Verwirrung in die Partie der Brünhilde geraten. Das war natürlich ein Skandal und die Kündigung. Was kümmerte sie das? Sie baute auf das Engagement in der Residenzstadt.

Tag und Nacht übte sie ihre Rolle bei offenem Fenster. Fünfmal bekam sie ein Protokoll à 5 Mark wegen ruhestörenden Lärms auf die Anzeige der Nachbarn bei der Polizei hin.

Es kam der Tag vor dem Gastspiel. Sie war unruhiger und konfuser als je. Sie goß sich Tinte statt Rum in den Tee, bestrich den Toast aus Versehen mit Gesichtscreme. Dabei sang sie Passagen aus der Brünhilde, daß die Hunde in der Nachbarschaft heulten.

Sie mußte um sieben Uhr spätestens in der Oper der Residenzstadt sein. Es bedurfte einer halbstündigen Straßenbahnfahrt, um aus dem Villenvorort zum Bahnhof zu kommen. Die Diva war nach einer schlaflosen Nacht schon um fünf Uhr in der Früh auf den Beinen und lief hastig in ihrer Wohnung auf und ab. Sie versuchte die Stimme. Erst nach dem Verschlucken von zehn rohen Eiern und fünf Schachteln Caruso-Pillen gelang ihr Meisterstück, auf dem dreigestrichenen »f« zu trillern und das viergestrichene »c« zu singen. Sie beschämte mit dieser Höhe die italienische Sängerin Lucrezia Agujari und den Eiffelturm. Die Nachbarn waren der Ansicht, der Foxterrier sei mit dem Schwanz zwischen die Tür gekommen.

Halb zwölf war es. Wo blieben die Friseuse, die Masseuse, die Maniküre und die Schneiderin mit der neuen Robe? Sie jagte ihre Mädchen und Rudel roter, grüner, blauer Radler zu den Säumigen. Dieses quälende Warten! Sie würde noch verrückt werden! Um vier Uhr fuhr die Straßenbahn. Dieser Auftakt des so wichtigen Tages war ein schlechtes Omen. Endlich kamen die bummeligen Verschönerungskreaturen. »Wir haben gemeint...«, verteidigten sie ihr Zuspätkommen. Man machte sich gemeinsam an die Aufbügelung der Diva, Haare flogen, Fingernägel knackten, die Diva stöhnte unter der Faust der Masseuse.

Halb vier schlug es, als Julie Briendöpke köstlich frisiert und poliert, prangend im neuen Staat in Känguruhsprüngen zur Haltestelle hastete. Plötzlich zuckte ihr eine furchtbare Erkenntnis durch das Hirn. Sie hatte ihre Partitur und die Tasche mit der Börse vergessen. Ohne Besinnung machte sie kehrt.

In wilden Telemachsprüngen stürzte sie nach Hause. Mit abgetretener Stoßlitze und schiefer Frisur kehrte sie zur Haltestelle zurück. Himmeldonnerkiel! Der Wagen war abgefahren. Seine Rückseite grinste die Ärmste aus der Ferne höhnisch an. Wetterleuchten eines Weinkrampfes zeigte sich auf ihren Zügen. Dabei begann es zu regnen. Sie war ohne Schirm. Den Pleureusen auf dem Hut war der Regen wenig nützlich, sie wuchsen nicht davon wie Blumen. Wirklich, ein böses Geschick wirkte gegen die Diva. Sie kauerte sich an einen Telegraphenmast. Mit der nächsten Bahn würde sie um halb acht in die Residenzstadt kommen. Wenn sie sich sputete, würde noch alles werden. Aber ihr Optimismus stand auf schwachen Beinen.

Der nächste Wagen kam. Mit einer jähen Hast, sich das linke Schienbein stoßend, stieg Julie Briendöpke ein. Sie atmete ein wenig auf. Aber eine nervöse Angst vor neuem Mißgeschick quälte sie. Sie zupfte sich mit zitternden Händen die derangierte Frisur und die Toilette zurecht.

Zehn Minuten mochte man gefahren sein.

Päng klirr! Ein Ziegelstein flog plötzlich klirrend in ein Fenster, daß die Scherben nur so flogen. Er riß einem Gendarmen den Helm vom Kopf und prallte am Busen einer äußerst korpulenten Milchfrau, ohne ihr Schaden zu tun, ab. Ein zweiter Ziegelstein traf in einen Korb mit Eiern, den ein altes Bäuerlein auf dem Schoße hielt. Es war wie die Explosion einer Granate. Nach allen Seiten spritzten die geplatzten Eier. Niemand im Wagen wurde verschont.

Julie Briendöpke hatte einen Dotter im Auge und einen Nervenschock. Ein alter Herr war glänzend mit Eiweiß überzogen, welchen Stoff er sowieso schon selbst in hohem Prozentsatz produzierte. Der Gendarm sah aus wie Rührei mit Schinken, was ihn aber nicht hinderte, sofort heldenmütig seine Pistole und sein Seitengewehr zu ziehen.

Wüste Trunkenbolde, die keine Autos und Bankguthaben hatten, warfen haßerfüllt diese Ziegelsteine. Der Waffenübermacht des Gendarmen gelang es, die Revolution niederzuschlagen. Vor allem wurden die Augenzeugen notiert. Julie Briendöpke war dem Wahnsinn nahe. Aber, Gott sei Dank, der Wagen fuhr wenigstens mit beschleunigtem Eiltempo weiter. Vielleicht, vielleicht gelang es noch! Sie flehte inbrünstig zu allen guten Geistern.

Ein Ruck! Plötzlich, in voller Fahrt, stoppte der Wagen! Die Insassen schlugen mit den Köpfen zusammen, mit holzigem Klang, wie wenn man Kegelkugeln aneinander schlägt. Ein neues Unheil!

Über den Schienen lag ein totes Pferd!

Entsetzt richteten sich aller Blicke auf dieses schauerliche Hindernis. Einsam lag diese Tierleiche an dem Eingang der grauen Vorstadtstraße. Nur wenige Gassenbuben standen staunend dabei. Ein kleiner Pausback schlug das tote Pferd mit einer Kinderpeitsche. Der Schaffner stieg aus und beschloß, nachdem er mit prüfender, sachverständiger Miene den Kadaver lange beschaut hatte, das Pferd sei tot. Die Feuerwehr müsse kommen. Vorher schrieb er alle auf als Zeugen.

Julie Briendöpke starrte stier, völlig fassungslos auf dieses tote Pferd. Mit dem gellenden Schrei: »Ein Königreich für kein totes Pferd!« sprang sie auf, stürzte aus dem Unglücksvehikel und raste in sinnloser Hatz in irgendeine Richtung, wo sie den Bahnhof vermutete.

Das tote Pferd stand ihr grauenhaft quälend fortgesetzt vor Augen. Verfolgte sie nicht diese furchtbare Vision? Es war grausige Wahrheit. Hufschläge folgten ihr, näher und näher hörte sie hinter sich das Klappern dieser toten Hufe auf dem Pflaster, das Schnaufen aus den welken Nüstern.

Die letzte Hoffnung. Sie sah den Bahnhof vor sich. In wahnwitzigen Sätzen überquerte sie den Vorplatz. Sie spürte schon den giftigen Atem des toten Pferdes im Nacken. Sie stürzte ohne Billett durch die Sperre, in den bereitstehenden und schon abgerufenen Zug, das Keuchen und Klappern des Pferdes hinter sich. Ein zwingendes Muß ließ sie beim Einspringen in ein Frauenabteil umschauen nach dem gräßlichen Verfolger. O Schrecken! – aus dem Pferde war ein unheimlicher, tiefschwarz gekleideter Mann von unbestimmtem Alter geworden, mit einer schwarzen Brille, durch die seine Augen sie wie glühendes Mineral mit grünen Blicken stachen. Er sprang mit mächtigem Satz in das nebenliegende Nichtraucherabteil.

Ermattet, aber befreit warf sie sich in die Polster. Hier konnte ihr nichts mehr geschehen. Ein Molekül von Hoffen ward ihr. Aber plötzlich fiel ihr Blick auf die unverriegelte Tür des Waschraums zwischen ihrem Abteil und dem Nichtraucherabteil. Ein Sprung, ein Schrei und den Riegel vorgeschoben!

Gleichzeitig ein Klopfen, ein Tasten am Griff von innen. Das Klopfen wurde stärker. Schwere Tritte und Stöße drohten die Tür zu sprengen. Eine Spalte entstand, die Tür würde weichen und sie dem gräßlichen Wüterich mit der Brille in die Hände fallen. Starren Blicks, wie gelähmt, hing sie an der Tür des Waschraums, der ihr Verderben barg. Was tun? Hinausspringen aus dem fahrenden Zug? Hals- und Beinbruch würden die Folge sein.

Ihr irr suchender Blick fiel plötzlich auf einen Hebel an der Wand. Notbremse! gellte es in ihr. Ihre Augen weiteten sich. Notbremse! Immer schwerere Tritte an der Tür, die im nächsten Augenblick zersplittern mußte. Blitzschnell flog ihr die Gewißheit durch die Seele, daß es etwas Schlimmes, Entsetzliches sei, von ewigem Fluch belastet, die Notbremse zu ziehen. Sie fürchtete dieses unverständliche Gesetz von Jugend auf. Ein Schreckbild dünkte ihr dieser geheimnisvolle Hebel. Lieber aber die furchtbare Folge der tollkühnen Berührung der Notbremse, als diesem grauenhaften Vampir in die Fänge fallen und einen qualvollen Tod finden.

Von einer überirdischen, enormen Energie gepackt, warf sie den Hebel herum. Ein jäher Ruck, und der Zug hielt. Ein Weinkrampf befiel sie.

Ihr Geschrei wies sofort dem herbeistürzenden Zugführer und den zwei Schaffnern, wo der Bremser war. Sie rissen das Frauenabteil auf. »Ich habe die Notbremse gezogen! Der schwarze Mann, das tote Pferd! Helfen Sie mir!« schrie ihnen die Diva entgegen. Das Gepolter im Waschraum erweckte die schreckliche Vision eines einstürzenden Wolkenkratzers. Der Zugführer zog mit der vorgehaltenen Pistole den Riegel von der Tür, auf alles gefaßt.

Julie Briendöpke vergrub ihren Kopf in den Polstern. Sie würde erblinden unter dem Anblick dieses gräßlichen schwarzen Phantoms. Wie Peitschenhiebe drang plötzlich gellendes Gekeife auf sie ein. Eine weibliche Stimme war's. Die Diva schaute erschreckt auf. Eine elegante Dame, grün vor Wut, sprang auf sie los, packte ihr Haar mit krallenden Fingern, daß die Nadeln und Kämme flogen. »Beschweren werde ich mich!« schrie sie wie eine Dampfpfeife und zerkratzte der Diva das Gesicht. In dieser erwachte ein entsetzlicher Haß. Um dieses Weibes willen zog sie die Notbremse? Mit der Wut eines Kannibalen stürzte sie auf ihre Feindin, riß ihr die Ärmel aus der Bluse und schlug ihr die Frisur herunter. »Und wegen so was zog ich die Notbremse, ich Blöde, mit tollkühnem Griff, der Furchtbares zur Folge hat!«

Die Eisenbahnbeamten versuchten die Streitenden zu trennen. In der Tür des Waschraumes erschien der schwarze Mann mit der Brille, der von dem Zugführer respektvoll gegrüßt wurde, es war ein Apotheker aus der Residenzstadt, ein harmloser Mensch. Mit sanfter Stimme erkundigte er sich, was passiert sei.

Die Exaltation der beiden hysterischen Frauen ging über in ein reumütiges Heulen. Sie fielen den Schaffnern an die Brust und weinten ihnen die Uniform naß. »Ich habe die Notbremse gezogen!« schrie schluchzend, von Tränen erstickt, die unglückliche Diva.

»Ja, das haben Sie getan, ich muß Sie an der nächsten Station vorführen«, kündigte in strengem, dienstlichem Beamtenton der Zugführer an. Er verließ mit den Schaffnern das Abteil, und der Zug setzte sich wieder in Bewegung.

Vorgeführt sollte sie werden? Himmel, das durfte nicht geschehen! Lieber die Flucht oder den Tod, wurde sich die Diva klar.

Plötzlich hielt der Zug wieder mit einem Ruck. Irre stierte Julie Briendöpke auf den Griff der Notbremse. Hatte sie wieder in ihrem Wahn unbewußt die Notbremse gezogen? Der Zug hielt auf freiem Felde vor einer Weiche. Raus, Flucht war ihre Rettung. Mit einem großen Satz sprang sie aus dem Zug. »Ich Unglückliche habe die Notbremse gezogen! Was kümmert mich Brünhilde, was kümmert mich mein Gastspiel? Fort, nur fort! Ich habe die Notbremse gezogen!« schrie sie fortgesetzt. Zur fixen Idee war ihr das schreckliche Tun geworden. Fremde Leute, die ihr begegneten, wandten sich erschreckt zur Seite, schüttelten den Kopf und machten sich schleunigst aus dem Staube.

»Notbremse gezogen, Notbremse, was heißt das?« murmelten andere verstört vor sich hin und schauten der flüchtigen Diva nach. Die Diva sprang sinnlos in eine elektrische Bahn, die ihren Weg kreuzte. Neben ihr saß ein altes Mütterchen mit einem Kapotthut und gütigen, wohlwollenden, blauen Augen, die würde Verständnis für ihr Unglück haben. Laut schluchzend wandte sie sich an die Nachbarin: »Denken Sie, meine Gute, ich habe die Notbremse gezogen; ich bin verloren.«

Erschreckt schaute die alte Frau auf, verließ so behende, wie ihre Gicht es ihr erlaubte, den Platz neben der Diva und setzte sich in die äußerste Ecke des Wagens. Die Diva folgte ihr in ihrer zwingenden Hysterie, sich von dem drückenden Alp zu befreien, dorthin: »Haben Sie Erbarmen, ich habe die Notbremse gezogen.«

Die alte Frau rief hilfeflehend nach dem Schaffner, zu halten und sie aussteigen zu lassen. »Ich habe nie die Notbremse gezogen«, jammerte beteuernd das alte Mütterchen. Sie zeigte mit der bedeutungsvollen Geste nach der Stirn, auf die Diva weisend.

Julie Briendöpke verfiel völlig der furchtbaren fixen Idee der gezogenen Notbremse. Unentwegt, in grausamer Beharrlichkeit, murmelte sie: »Ich habe die Notbremse gezogen.« In seltenen lichten Momenten versuchte sie unbewußt, das dreigestrichene »f« zu trillern und das viergestrichene »c« zu singen. Aber gewöhnlich sah man sie in dem Garten eines großen, grauen, vielfenstrigen Hauses gebeugt dahinschreiten, fortgesetzt schuldbewußt vor sich hin sagend: »Ich habe die Notbremse gezogen!«

 


 

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