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Hermann Harry Schmitz: Grotesken - Kapitel 23
Quellenangabe
titleGrotesken
authorHermann Harry Schmitz
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Hitze! Hitze!

Aus: Buch der Katastrophen, Leipzig 1916

Man spreche mir nicht von wollenem Unterzeug, von Kamelhaardoppelleibchen, von dicken Schafswollsocken, von Pelzmützen mit Ohrenwärmern, Pulswärmern, Glühwein oder heißen Bettkrügen. Oh, das lasse man lieber, denn ich kann dann sehr ungemütlich und häßlich werden. Ich bin ohnehin aufs höchste gereizt.

Ich bin kein Eisverkäufer oder Selterwasserfabrikant oder Aktionär eines Strandbades oder einer Badeanstalt. Ich profitiere nicht von den Hitzeferien in den Schulen. Ich habe nicht den geringsten Vorteil von der Hitze. Sie quält mich nur auf das furchtbarste und bringt mich dem Irrsinn nahe. Dazu kommt, ich bin schlecht gerüstet gegen dieses afrikanische Wetter.

Vor einigen Jahren starb mein Onkel Hubert. Ich bekam seinen Panamahut. Es war ein wertvoller Panama, so sagten meine Verwandten, die des Onkels goldene Uhr und seine Schmuckgegenstände an sich nahmen.

Man kann Panamahüte so lange tragen, wie man will, sie werden dadurch nicht reiner und ansehnlicher. Ich habe meinen Panamahut getragen, bis er grün wurde. Wir sind auf ein unterhaltsam, lehrreich Blättchen, den »Familienfreund«, abonniert. Da findet man eine Rubrik »Praktische Ratschläge fürs Haus«. Es wird angegeben, wie man Tintenflecken aus Damasttüchern entfernt, wie man aus Zahnstochern und Apfelresten lustige Spielzeuge für die lieben Kleinen machen kann, wie man Gardinen und Muskeln stärkt, und auch wie man alte Panamahüte wie neu auffrischt. Ich habe genau nach dem Panamaauffrischungsrezept gehandelt, ich habe stundenlang aufgefrischt. Ich muß irgend etwas falsch gemacht haben. Mein Panamahut ist wohl weiß geworden, ist aber zusammengeschrumpft wie ein Stück Haut. Ich habe ihn von einem befreundeten Architekten zum Hute formen lassen. Er bekam aber nur noch den Durchmesser einer Kaffeetasse und saß mir auf dem Kopfe wie ein Zündhütchen. Ich habe ihn einmal auf Zureden eines Todfeindes aufgesetzt. Alle Welt hat mich geschnitten. Assessor Bleistiftschutz hat ostentativ weggeguckt. Frau Rat Tüllentropf ist schnell in ein Geschäft geflüchtet. Das tat mir weh, sehr weh. Man hat den Hut dann bei uns zum Durchschlagen von Pflaumenmus benutzt.

Ich trage jetzt meinen guten, braunen, so häufig verwechselten, fünf Pfund schweren, steifen Filz. Ich habe das Gefühl, als hätte ich einen brennenden Petroleumkocher auf dem Kopf. Meine Haare werden nur so abgesengt. Mein Kopf ähnelt einer Prärie nach einem Brande.

Man hatte mir als Kind gegen wehe Augen kleine Goldknöpfchen in die Ohren gemacht. Sie sind bei der durch den Filzhut verstärkten Hitze geschmolzen und abgetropft wie Siegellack. Auch ein Stück Ohrläppchen ging verloren, aber nur wenig. Die Ohren sind zu knallroten Blasen, gleich Kinderballons, angeschwollen. Ich sehe nun wirklich merkwürdig aus. Es kleidet mich nicht besonders. Vornehme Leute, die mal sagten, sie wollten mich einladen, haben es nie getan.

Ich habe eine wirklich, eine wirklich schöne, weiße Hose gehabt. Ein angenehm kühles Kleidungsstück. Mein Patenonkel Emil Heisterbach, der zwei Häuser weiter auf der gleichen Straße wie wir wohnte, hatte sie auf einer Reise in Ruhrort für sich gekauft. Leichtsinnig, wie der alte Heisterbach immer war, hatte er die Hose nicht anprobiert. Natürlich war sie nachher zu eng, selbst wenn er die Schnalle offen ließ. Er hatte sie mir dann zu meinem dreißigsten Geburtstag nebst zwanzig Mark in bar geschenkt. Ein herzensguter Mensch, der Onkel Emil! Er starb bald darauf.

Am Fettherz, der Arme!

Gott, das war eine Prachthose, etwas ungemein Erfrischendes hatte sie. Brachte man sie in die Nähe eines Thermometers, sank es gleich um etliche Grad. Diese Hose war die Kühle, der frische Wind an sich. Sie war ein Wunder, ein unglaublicher Triumph der Kühltechnik. Es lag hauptsächlich am Stoff, ein wenig zwar auch an der Konstruktion. Die Hose hatte messerartige Bügelfalten.

Ich war krankhaft stolz auf die Hose. Ich probierte sie fast täglich vor meinem Spiegel, wagte es aber nicht, darin auszugehen. Ich war sicher, daß es sofort regnen würde, und mit der Schönheit meiner schönen Kühlhose wäre es dann alle gewesen. Oder es konnte ihr anderes Mißgeschick im Getriebe der Straßen widerfahren. Ein Radfahrer konnte gegen mich fahren, Hunde konnten Unheil anrichten, kleine, süße, entzückende Kinderchen ihre mit Apfelkraut verklebten Händchen gegen meine Hose drücken. Ich wäre bald der Wunderhose verlustig gegangen. Schon in pietätvollem Gedenken an den guten Onkel durfte an der so außergewöhnlichen Hose nichts geschehen.

Außerdem stand in unserem »Familienfreund« nichts darüber, wie man weiße Hosen zu waschen habe.

Tag um Tag nahm die Hitze zu. Auf der Straße schmolz man hin wie Wachs. Der Asphalt war aufgeweicht, und die Straßen glichen Morästen. Die Welt draußen war eine Hölle.

Dinge, die man hart liebte, wurden weich, schmolzen; was weich sein sollte, wurde hart, dorrte aus. Butter wurde zu Öl und lief einem vom Brot in den Ärmel. Brötchen, die man, weiß Gott, ohne ein Feinschmecker und Genußmensch zu sein, gerne weich aß, wurden steinhart und erinnerten an Hammerköpfe aus der Steinzeit, wie man sie in Museen findet. In den Flaschen brodelte der Wein und das Bier. Aus der Wasserleitung lief glühendes Blei, die Rohre verzehrten sich in der Glut. Die Metallplomben schmolzen in den Zähnen. Man sprach unter dem Einfluß der Hitze unwillkürlich einen Kongodialekt. Zigarren und Zigaretten rauchten sich selbst zugrunde.

Ich lag in drei Eisschränke verteilt, die Beine hatte ich in je einem und den Oberkörper und Kopf in einem anderen, großen Eisschrank (mit mir zusammen waren noch Würste, Suppenknochen, Käse und ähnliches) und litt dennoch unter der höllischen Hitze. Ich verbrauchte einen Rhonegletscher an Eis. Um mich schnurrten weißglühende Ventilatoren.

Wie ein lähmendes Band legte sich die Glut um mein Denken; wenn ich leise mit dem Kopf wackelte, spürte ich das Gehirn plätschern. Alles, trotz der drei Eisschränke! Ich mußte mein Gehirn beschäftigen, mußte mich für irgend etwas interessieren, wenn ich nicht im Stumpfsinn ganz vergehen wollte. Ich griff zur Zeitung. »Hitze, Hitze, Hitze«, atmete es mich glühend an aus ihren Spalten. Berichte über Hitzschläge, statistische Vergleiche der bisherigen höchsten Temperaturen, genaue Angaben der Gradhöhe morgens, mittags und abends aus allen Städten, Mittel gegen Hitzschläge, Vorschriften für die Bekleidung, über Hitzeferien, so höhnte es mich an. Was gingen mich alle die Vorschläge an über eine einheitliche Regelung der Hitzeferien? Der älteste Mann der Stadt soll darüber entscheiden! proponierte jemand. Die Vision peinigte mich: Ein uralter Mann, höllenhaft schwitzend, auf einem Eiskühler sitzend, einer zweiten Pythia gleich, dem fragenden Volke kündend, ob hitzefrei sei oder nicht!

Dem Himmel sei Dank, die Zeitung verbrannte mir in der Hand. Es wäre sonst mein Ende gewesen.

Ich mußte eines Tages allerdringendst in die Stadt. Ich hatte in der Wohltätigkeitslotterie zum Besten der vom Hitzschlag betroffenen Unglücklichen zwei Pelzkragen, einen Karton Aachener Printen und drei Dutzend Tulpengläser gewonnen. Die Gewinne mußten sofort eigenhändig abgeholt werden.

Es war an dem Tage so heiß, daß das Quecksilber oben am Thermometerrohr herausspritzte und die Wände hinaufkroch. Feuersalamander hörten auf, sich über zu frische Temperatur zu beklagen.

Nach langem Kampfe habe ich mich entschlossen, die weiße Hose anzuziehen. Sie bewährte sich glänzend. Die Strahlen der gierigen Sonne prallten ab an dem Weiß der Unschuld. Wenn ich nicht den schweren Filz aufgehabt hätte und einen sechs Zentimeter hohen, weiß lackierten Patentblechkragen »Schmilzt nicht«, so wäre es noch erträglicher gewesen.

Ich traf auf der Straße ein feuchtes, klebriges, transpirierendes Etwas, meinen Freund Adam Schüttelfrost. Er erinnerte an einen Fürst-Pückler-Eispudding, den das Mädchen aus Versehen angewärmt hat. Er schwitzte einfach monumental, michelangelesk. Es war ihm so heiß, daß ihm beim Sprechen die Konsonanten in Vokale zerflossen.

Er war auf dem Wege zum Fluß. Er wollte baden. Er hatte noch den Kinderglauben vom »erfrischenden Bad«. Er hat dann auch richtig mit anderen ebenso naiven Unglücklichen den Tod gefunden, sie sind alle schlicht im Fluß verbrüht. Sie hätten sich geradesogut in glühende Bouillon legen können.

Ich würde schon aus dem Grunde nie öffentlich baden, weil ich X-Beine habe. Zwar hat mir mal eine Amerikanerin in Ostende gesagt, ich hätte a gothical act, und es wäre very nice indeed. Aber was nutzt mir das, die Leute lachen doch.

Die weiße Hose funktionierte fabelhaft. Wäre ich nicht so unvorsichtig gewesen, mich in einen Korb schwarzer Waldbeeren zu setzen, hätte ich noch lange Nutzen von dieser Wunderhose »Antihitze« gehabt. Aber ich entsetzlicher Tölpel tat das.

Ich war ein gebrochener Mann. Ich habe in meiner Not die Hose gewaschen nach dem Panamawaschrezept aus dem »Familienfreund«, mit dem Erfolg, daß aus der Prachthose eine sehr kleine Schwimmhose wurde, so war die Hose eingelaufen.

Ich gehe jetzt nicht mehr aus und nehme mir die Tracht der Papuas zum Vorbild. Ich liege in meinen drei Eisschränken und beobachte die mit Leim bestrichenen Patentfliegenfänger »Hurra! Hurra!«, bedenke, wie weise die Natur die fehlende Kühle durch um so größere Mengen von Fliegen und Mücken ersetzt und so die Menschen tunlichst davor bewahrt, durch die gräßliche Hitze beeinflußt, in dumpfes Dösen und eine tödliche Lethargie zu verfallen. Alles ist weise eingerichtet. Oja, oja!

Tante Fina ist gegen das geleimte Fliegenband gelaufen. Es klebte ihr im Gesicht fest. Es war schwer, das Band abzumachen. Aber mit Gewalt ging es ab, zwar auch ein Stückchen Backe. Tante Fina schrie schrecklich. Dabei klebten ihr noch vier Fliegen im Gesicht. Die sahen aus wie Rosinen in einem mürben Platz. Ich habe sie abgepolkt und wieder auf den Fliegenfänger geklebt.

Alle, die der Tante Fina geholfen, hatten klebrige Finger. Auch Sebastian. Er hat gleich darauf Klavier gespielt. Die Tasten sind ihm an den Fingern kleben geblieben, er war ein jähzorniger Mensch und hat die Tasten wie Wurzeln ausgerissen.

Der Fliegenleimstreifen hängt an der Lampe herunter. Ich stiere apathisch, wie die Fliegen so töricht sind und sich auf den Streifen setzen anstatt auf den Porzellanknopf der Hängelampe, wie einst. Die Backofentemperatur steigt, steigt. Ich denke mit einem gewissen Behagen in meinen Eisschränken daran, daß ich bei einem solchen Teufelswetter höchst ungern Heizer auf einem Dampfschiff oder Radrennfahrer sein möchte.

 


 

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