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Hermann Harry Schmitz: Grotesken - Kapitel 22
Quellenangabe
titleGrotesken
authorHermann Harry Schmitz
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Der interessante Kopf

Aus: Buch der Katastrophen, Leipzig 1916

Herr Leobschietz war Reisender in Rüböl und hatte die Gelbsucht. Er war sehr langweilig, weil er immer von Rüböl sprach. Er war erstaunt, daß alle Leute, die er so kennenlernte, ihn bald satt hatten und ihn, wenn sie ihm begegneten, ostentativ schnitten. Das war ihm unerklärlich. Er hielt sich für einen geselligen Menschen, der in jede Gesellschaft paßte und seinen Mann stellte. Seine Sehnsucht war, in guter Gesellschaft zu verkehren.

Vorläufig aber waren sein einziger Umgang die Rübölinteressenten, die jeden Freitag zum Kegeln im Rübölklub zusammenkamen. In diesem Klub drehte sich das Gespräch nur um Rüböl, Rüböl, Rüböl... Dieses fortwährende Geschwätz über Rüböl hatte zur Folge, daß sich Rüböl an den Wänden niederschlug und in dicken Tropfen über die Tapeten rann.

Infolge der Gelbsucht sah Herr Leobschietz natürlich sehr gelb aus. Die Augen waren gelb, der Anzug gelb, die Schuhe gelb, die Milchfrau gelb, das Klavier gelb, alles war gelb und der Kanarienvogel grün.

Wenn er abends aus dem Bureau kam und sich in den Anlagen spazierend erging, liefen ihm die Kinder nach und riefen: »Postkutsche!«

Passanten schauten sich nach ihm um. Frau Bellhoff sagte: »Das ist ein Schineeß.«

»Wegen dem gelben Gesicht, Mama?« fragte altklug der kleine Bertram.

Diese blöden, fortgesetzten Belästigungen verdrossen natürlich Leobschietz ungemein.

Er hatte einmal in einem Buche »Wie werde ich gebildet?« etwas von Atavismus gelesen. So schien ihm auch seine Gelbsucht auf atavistischer Grundlage entstanden zu sein. Sein Onkel Milbenflutsch war nämlich Bahnhofsvorsteher auf der Insel Ju-tschu im Gelben Meer gewesen.

Zwar belehrte ihn der Geheimrat Boorsalbe: »Gelbsucht ist, wenn die Galle in das Blut tritt.«

»Ohne anzuklopfen?« witzelte der fade Rübölerich.

Geheimrat Boorsalbe wies dann noch darauf hin, daß sich das bei dieser Krankheit entstehende Gelb in den Tränensäcken der Augen sammle.

Eines Abends im Juni war Leobschietz gelb wie nie. Falten durchfurchten sein Gesicht, wo eben Platz war.

Er war sehr niedergeschlagen, die unartigen Kinder hatten ihm wieder »Postkutsche!« nachgerufen und Vorbeigehende dumme Bemerkungen gemacht.

Eine stille Wut stieg in ihm auf, was ihn noch gelber machte; eine Verzweiflung kam über ihn. Selbstmordideen quälten ihn. »Bin ich ein gelber Firlefanz?« stöhnte er. »Gerade ich.« Er brach auf einer Bank zusammen, stierte verzweifelt auf die Fußspitzen. Das war ein Leben! Ein Gespött der Leute! Gelbe Tränen flossen ihm durch die Wangenfurchen. Dann lehnte er sich zurück, schlug sich mit der Faust vor den Kopf und setzte sich ganz gerade auf die Bank. Sein Profil stand wie eine scharf geschnittene Silhouette gegen den Abendhimmel. Sein Kinn stand vor wie ein Fensterbalkon, die Nase ähnelte einem spitzig gebogenen Geierschnabel.

Er hatte nicht bemerkt, daß sich jemand am anderen Ende der Bank niedergelassen hatte.

Plötzlich wurde er aufgeschreckt. Ein alter Herr mit weißem Bart und Schlapphut stand vor ihm: »Verzeihen Sie, daß ich Sie störe.«

»Bitte, bitte«, faßte sich schnell Leobschietz.

»Sie werden meinen Namen kennen, ich bin der berühmte Kunstmaler Professor Brauntupf.« Der alte Herr schob die linke Hand in den Gehrockaufschlag, reckte sich, daß er zwei Köpfe höher erschien, und drehte den Kopf nach links: so stand er da, der große Mann, wie ein Denkmal. Er sagte noch einmal, daß Leobschietz heiliges Schaudern überlief. »Ich bin der berühmteste Maler Brauntupf – Brauntupf!« Er guckte stolz um sich.

Leobschietz verneigte sich devot.

Dann nahm Brauntupf die Hand aus dem Gehrockaufschlag, zog die Heldenbrust ein und sagte zu Leobschietz: »Stellen Sie sich mal ins Profil.« Er hielt die halb geöffnete Faust vor das Auge wie ein Fernrohr und brüllte enthusiasmiert: »Herrlich! Herrlich! Sie sind mein Mann!«

Leobschietz wurde noch gelber.

»Ich werde Ihnen erklären, warum Sie mein Mann, ein Geschenk meiner Muse sind!« begann der berühmte Mann pathetisch. »Sehen Sie, ich trage ein Werk in mir seit Jahren: Die Begegnung Dantes mit Beatrice. Ich war in Italien und habe gesucht nach einem Kopf, der mir zu meinem Dante dienen könnte. Hunderte von Modellen habe ich geprüft. Hoffnungslos bin ich zurückgekehrt. Ich habe mich vergeblich seit Monaten hier bemüht, einen Dantekopf zu finden. Und nun in dieser späten Stunde finde ich in Ihnen, was ich gesucht, den Dantekopf, die scharfe Nase, das springende Kinn, die dunkle Gesichtsfarbe – Sie müssen mir sitzen – unbedingt!«

»Dante, Dante, meine Tante, deine Tante«, schwirrte es in Leobschietz' Kopf herum. Er warf einen dankbaren Blick zum Himmel, daß endlich eine Autorität seinen Kopf anerkannte.

»Wann ist es Ihnen genehm, zu kommen? Mein Atelier ist in der Akademie. Im übrigen, wie heißen Sie?«

»Leobschietz, Leobschietz in Rüböl, verehrter Meister!«

»Wo liegt diese Stadt?« fragte ihn Brauntupf.

Leobschietz begann nun des breiteren über Rüböl und so zu reden.

»Also kommen Sie morgen?« sagte der Professor kurz.

Leobschietz überlegte, wie er von seinem Rüböldienst freikommen könnte. Er müßte seinem Chef sagen, er besuche die Kundschaft. Es wäre ihm eine Ehre, morgen um jede Zeit zu erscheinen, entschied er sich.

»Also um zehn Uhr, Herr Rüböl. Guten Abend!« Der Professor ging strammen Schrittes, die Füße nach auswärts gesetzt, in die Stadt zurück.

Leobschietz schwoll der Kamm in dem Gefühl, nun ein berühmter Mann zu sein. Er würde endlich die ersehnte Rolle in der Gesellschaft spielen.

Fünf Wochen arbeitete Professor Brauntupf an seinem Meisterwerk in täglichen Sitzungen. Leobschietz schob beim Chef die westfälische Reisetour vor. Brauntupf verheimlichte seinen Kollegen gegenüber sein Dantemodell. Er lud Leobschietz auch einige Male zum Essen ein. Leobschietz quoll auf. Er hatte erreicht, was er so sehr ersehnt.

Der Tag der großen Kunstausstellung erschien. »Die Begegnung Dantes mit Beatrice« von Professor Brauntupf erregte immenses Aufsehen bei den Künstlern und beim Publikum. Die Kritik nannte das Meisterwerk einen Clou. Namentlich erregte der Kopf des Dante ein ungewöhnliches Interesse, die markanten Gesichtszüge des erhabenen Poeten der commedia divina wurden besonders gelobt und den besten Dante-Bildern alter Meister gleichgestellt.

Das Bild wurde vom Staate angekauft, und Professor Brauntupf bekam die goldene Medaille. Seine Kollegen bestürmten ihn, ihnen das Modell zu verraten, das ihm zu diesem Dantekopf gestanden hatte. Er schmunzelte und schwieg,

Der Rübölreisende Leobschietz bekam den Größenwahn.

In allen Blättern schrieb man von dem unbekannten Modell. Man behauptete, es sei ein Italiener von adliger Geburt.

Zufällig traf der Bildhauer Klömpke eines Tages Leobschietz auf der Straße. Das war ja der Mann mit dem Dantekopf, fuhr es ihm durch das Hirn. Den mußte er kennenlernen, der kam ihm wohl gelegen. Er arbeitete gerade an einer Büste des Savonarola, und ihm fehlte das passende Modell.

Leobschietz machte wieder die Tour nach Westfalen. Die Büste Savonarolas des Bildhauers Klömpke hatte fast noch mehr Erfolg als das Bild von Professor Brauntupf. Wieder war es der markante Kopf, der es tat, nur war er diesmal hagerer. Das Werk wurde von der italienischen Regierung angekauft.

Man wußte in Künstlerkreisen, daß das Modell Leobschietz hieß, aber nicht, was er war. Er war der bekannteste Mensch in den Künstlerkreisen der Stadt. Das gefiel ihm wohl.

Als er nun noch zu der Gelbsucht einen Bandwurm bekam und er grün und violett im Gesicht wurde, stürzten sich die Neoimpressionisten und Futuristen auf ihn.

Er war überall eingeladen. Wenn er auch langweilig war und fad, man brauchte ihn wegen seiner Gesichtsnuancen.

Eines Tages riet ihm Geheimrat Boorsalbe dringend, da die Gelbsucht und der Bandwurm überhandnahmen, in ein Sanatorium zu gehen. Leobschietz folgte dem Rat des Arztes.

Nach vier Wochen kehrte er zurück mit Hängebacken, dickem Schmerbauch, Doppelkinn, abstehenden Schweinsohren. Von einem interessanten Kopf, an dem sich Künstler begeisterten, konnte nicht mehr die Rede sein.

Als er vom Bahnhof kam, begegnete er just dem Professor Brauntupf. Der Maler schaute ihn bei seinem Gruße einen Augenblick an, schüttelte den Kopf und ließ ihn stehen.

Ähnlich taten es alle, denen er Modell gestanden hatte und durch die er in die Geselligkeit des Künstlervölkchens eingeführt worden war.

Er interessierte in seiner vulgären Pausbäckigkeit die Künstler nicht mehr, man schnitt ihn allenthalben, das war ihm bitter.

Er verlor dazu seine Stellung in dem Rübölgeschäft. Der Chef hatte die Bummelei während seiner Glanzzeit gemerkt und ihn glatt hinausgeschmissen.

Er kam sehr herunter.

Das ist der Fluch der Gesundheit.

 


 

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