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Hermann Harry Schmitz: Grotesken - Kapitel 17
Quellenangabe
titleGrotesken
authorHermann Harry Schmitz
typesketch
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Warum mein Beitrag ungeschrieben blieb

Aus: Düsseldorfer Theaterwoche, 1912, Heft 85

Dü-Bü-Ba-Ba-Ba...!! Ich bin verrückt geworden. Ich bin meiner Sinne nicht mehr mächtig. Dieses Dü-Bü-Ba-Ba-Ba quält mich Tag und Nacht. Fluch dem, der diesen Namen erfand!

Ich war stets ein ruhiger Mensch bisher, weiß Gott, das können meine Bekannten bestätigen. Ich lebte meine Tage hin in stiller Beschaulichkeit, versorgte meine Goldfische und die Amsel, achtete der anspruchslosen Mehlwürmer und begoß sinnig mit einer grünen Gießkanne das Geranium am Fenster. In Weihestunden schrieb ich, da ich doch meines Zeichens Dichter bin, an meinem Roman »Die Heide klagt's«, bestimmt für die Wochenzeitschrift »Heimchen am Herde«. Unsere Magd, die Lina, wagte zu solchen Zeiten nur auf den Zehen durch das Haus zu gehen. Es hatte etwas von der Stimmung im Hause des Olympiers in Weimar. Der Frieden meiner Seele war vollkommen.

Dü-Bü-Ba!! Der 30. März kam! An diesem Tage begann mein Leid, mein schreckliches Schicksal.

Ein unsympathischer, blauer Brief war unter meiner Post an jenem Tage, der unangenehm abstach von den anderen rosig duftenden, in zarten Farben spielenden Enveloppen. Eine geheimnisvolle Macht zwang mich, ihn vor den anderen lockenden Briefen zur Hand zu nehmen. Ich öffnete ihn mit einer gewissen Scheu, mit einer fettigen Haarnadel meiner Tante Dötzkuhle.

Wie eine letzte Verfügung eines alten Mannes auf dem Totenbett war die Schrift, zittrig, aber eindringlich und voll starkem Willen und Suggestion. Ein Gebot ging an mich von dem seltsamen Wesen Dü-Bü-Ba, den witzigen Bronn meiner Feder in ein Denkblatt zu Gunsten der Jünger Dü-Bü-Bas zu ergeußen. Ha, in zehn Tagen mußte das Schriftliche abgeliefert sein, forderte hart das Schreiben. Und es kam wie ein Zwingendes über mich, und ich beschloß dem Wesen Dü-Bü-Ba zu willfahren. Mit dem gefaßten Entschluß wuchs meine Unruhe. Ich grübelte Tag und Nacht, was ich der Denkschrift des Dü-Bü-Bas einverleiben sollte. »Dü-Bü-Ba«, klang es mir unausgesetzt in den Ohren. Mir fiel nichts ein, und die zehn Tage vergingen. Der zehnte Tag kam, es war mir wie ein Verhängnis. Vieles hatte ich begonnen, aber nichts fertig bekommen. Stöße halbbeschriebener Blätter lagen auf meinem Schreibtisch. Eine qualvolle Angst lastete auf mir. Dü-Bü-Ba!!

Dann war er gekommen, der Jünger Dü-Bü-Bas, in mein stilles Heim von ohngefähr. Mich mit stahlharten Augen fixierend, heischte er meinen Beitrag. Ich brachte keinen Ton heraus und wies stumm auf die angefangenen Manuskripte. Er rollte die Augen und spuckte einen Backenzahn in das Fischglas. Ich verfiel in eine Ohnmacht. Dü-Bü-Ba.... Als ich wieder zu mir kam, war der Jünger fort. »Wir geben Ihnen noch weitere zehn Tage, dann aber trifft Sie unser Zorn«, stand auf einem Blatt, das man mir mit einer Sicherheitsnadel an der Weste festgesteckt hatte.

Ich stürzte hinaus, ich mußte unter Menschen gehen. Ich geriet auf die Promenade. Ein holdes Wesen voll Liebreiz und mit einem Pelzjackett, das bisher meinem Geflirt keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte, stürzte plötzlich auf mich zu, faßte mich unter und schaute mich mit suchenden Augen an. »Sollte sie sich über Nacht in mich verliebt haben?« pochte es in meinem Herzen. »Dü-Bü-Ba verlangt Gedichte in ein Stammbuch und Postkarten mit Ihrem Konterfei«, flüsterte mir die Schöne energisch zu. Das war ja wie ein Fluch, das war ja eine allgemeine Verschwörung. Ich riß mich los, aber schon nach wenigen Schritten wurde ich wieder gehalten und sollte einer entzückenden Blondine zum Wohle des Dü-Bü-Ba bei der Tombola helfen. Ich raste durch die Stadt, hinter Bäumen sprangen Menschen hervor, die im Namen Dü-Bü-Bas Unmögliches verlangten. Ich müsse den Siegfried singen. Ich müsse das Rautendelein spielen, das Büfett übernehmen. Wie verhext tobten die Leute unter dem Schlagwort Dü-Bü-Bas. Alle waren sie von einer fixen Idee besessen. Von allen Seiten auf Schritt und Tritt drang man auf mich ein. Tagelang raste ich durch die Stadt, verfolgt von irgend jemandem, der etwas für Dü-Bü-Ba von mir erheischte. Ich fiel, Gott sei Dank, in ein offenes Kanalloch und entzog mich so meinen Verfolgern. Ich wurde zwei Tage später von dem Kanalarbeiter Ambrosius Duftknote gerettet und nach Hause geschafft.

Dort saß zu meinem Schrecken, wie ein gräßliches Fatum, drohend der Jünger Dü-Bü-Bas. »Die zehn Tage Frist sind herum«, sagte er mit metallischer Stimme. Ich ergriff meine Browning und schoß ihn tot. Ich nahm zwei Pfund Veronal und legte mich auf meinen Diwan. In der Nacht weckte mich ein Geräusch am Fenster, es waren Menschen, die meinen Beitrag für die Druckerei abholen wollten. Im Kleiderschrank saß das reizende Geschöpf im Pelzjackett. Und alle atmeten Dü-Bü-Ba – Dü-Bü-Ba – – Mein Kopf wurde eiförmig, aus der geplatzten Fontanelle lief Rührei mit Schinken. Ich nahm meine Browning und schoß die neuen Eindringlinge tot.

Ich bin verrückt geworden. Ich habe mich dann auch erschossen. Meine letzten Worte waren: »Dü-Bü-Ba«. –

»Hinderlich wie überall, ist der eigene Todesfall.« So blieb mein Beitrag ungeschrieben.

 


 

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