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Hermann Harry Schmitz: Grotesken - Kapitel 16
Quellenangabe
titleGrotesken
authorHermann Harry Schmitz
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Vom Hosenrock

Aus: Düsseldorfer Generalanzeiger vom 12.3.1911

La poire (sprich poar) heißt die Birne. Poiret (sprich poare) ist ein Pariser Schneiderkünstler, der momentan mehr genannt wird, als selbst Zeppelin oder Professor Ehrlich.

Jupe culotte (sprich schüpp külott) ist die französische Bezeichnung für den Hosenrock oder die Rockhose.

Jüpp Bender (sprich Jüpp Bender) heißt unser Bäckerjunge.

Mannequins (sprich mannkäns, die Schlußsilbe bitte durch die Nase) sind die entzückenden Probiermädels, die die Toiletten (sprich Toaletten) dem Publikum vorzuführen haben.

So, das wären die Worte, die mich tagelang bedrängten, in wilder Hatz durch mein Hirn stürmten und mich verwirrten.

Ich war in einer Modenschau, dort fielen diese termini technici.

Ich mußte mir klar werden über den Sinn dieser fremden Worte. Ich mußte mir ein System der Mnemotechnik konstruieren, um Ordnung zu schaffen in meinem Kopf. So, jetzt bin ich klar über mich und diese welschen Namen.

Über etwas anderes bin ich mir ebenfalls klar geworden, über die Tatsache nämlich, daß diese jupe culotte die entsetzlichste Geschmacklosigkeit ist, die je eine Mode hervorgebracht hat.

Es ist furchtbar: ich leide, seitdem ich diese Modemißgeburt gesehen habe, an den gräßlichsten Vorstellungen. Ich kann mir nicht helfen! Ich kann mir nicht helfen! Unter dem Zwang einer schrecklichen Manie stelle ich mir jedes weibliche Wesen, das mir begegnet, im Hosenrock vor. Korpulentes, Hochhüftiges, jeglich Mißwachsenes, Krummhaxiges, X- und Obeiniges, Schieflatschiges, alles sieht mein krankes, irres Auge voller Schaudern im Hosenrock. Zur tollen Groteske, zur Karikatur wird die Krone der Schöpfung in dieser sinnlosen Tracht.

Eine Frau in einer anliegenden Hose mit Kniestrümpfen kann entzückend sein, eine Frau in den Hosenröcken, die ich sah, und sie mag eine Venus sein, wirkt unbedingt lächerlich. Oder will jemand behaupten, daß eine Hosenarchitektur, wie sie etwa bei den holländischen Bauern beliebt ist, die weiblichen Formen in ein günstiges Licht setzt? Und das ist doch im Grunde die Absicht jeder Frau in ihrer Kleidung.

Die Ära der großen monumentalen Hosenböden ist angebrochen. Heil, heil, heil!!!

Ihr Frauen wickelt euch dann noch Lappen um den Kopf, aber fest wie Kompressen, damit, um Gottes willen, nichts von eurem Haar zu sehen ist, damit der Rest von Grazie, den der Hosenrock nicht zerstörte, erschlagen wird durch den Turban, die zweite Geschmacklosigkeit, die man uns von Paris aufoktroyieren will.

Ihr armen Flaneure bleibt zu Hause bei Regenwetter, denn keine reizvollen, seidenüberspannten Waden werden euch aus geschürzten Spitzen und Seidengedichten mehr erfreuen, plumpe Säcke werden fürderhin die graziösen Beinchen unserer Frauen einhüllen! –

Die Modebesichtigungen, wie sie neuerdings arrangiert werden, wirken im übrigen unbedingt erzieherisch und geschmackbildend. Das Publikum kann auf diese Weise rechtzeitig gegen eine Entgleisung Stellung nehmen. So konnte man auf der Modenschau, der ich beiwohnte, den Vergleich zwischen dem Kleiderrock alten Systems mit der Hosenfarce ziehen.

Diese wunderbaren Schöpfungen von fließenden Seiden und kostbaren Stickereien und Spitzentau, die in harmonischen Linien über den Füßen der Trägerin ausklangen und dann wieder dazwischen so eine jupe culotte – eine Ohrfeige allem Geschmack ins Gesicht.

Ich verstehe die Wut der Menge, die den bisher vereinzelten Trägerinnen des Hosenrocks feindlich entgegengetreten ist. In Madrid und in London mußte sogar die Polizei einschreiten, um das Leben der betreffenden up to date-Modefanatikerinnen zu schützen. Der gesunde Instinkt gegen die Unvernunft!

Ich wünschte, der Schneidersnob, der den Hosenrock kreierte, hätte die Sennerin gekannt, der ich im vergangenen Sommer in Tirol begegnete, und die ohne die geringste Absicht auf irgend eine Wirkung das Vorbild jenes modernen Hosenrocks mit monumentalem Boden ohne jede Grazie trug. Ich wünschte, er hätte diese furchtbare Person gesehen. Ich wünschte sogar, sie wäre seine Braut geworden. Er hätte es verdient, weiß Gott.

 

Banausingen hatte seine große Sensation: eine Modenschau. Ein erstes Modehaus aus der benachbarten Großstadt hatte sie veranstaltet. Zwar nur mit einem Mannequin, einer kleinen Pariserin. Unter anderem wurde auch der Hosenrock vorgeführt. Das war ein außergewöhnliches Ereignis für Banausingen.

Der Lebemann von Banausingen, Assessor Knösels, auf dessen lockeren Lebenswandel, als großstädtische Note, die Bürger innerlich fast gerade so stolz waren wie auf ihre neue Wasserleitung, hatte sogar mit dem Pariser Mannequin »Im goldenen Stinktier« im Hinterzimmer soupiert. Er hatte zur Vorbereitung den ganzen Nachmittag aus dem kleinen Ploetz j'ai, tu as, il a usw. repetiert. »Dieser Assessor ist doch ein verflucht toller Kerl«, meinte der Stationsvorsteher Erdrutsch am Stammtisch und schlug dem Amtsrichter Kohlrabenkruhm auf die Beine. –

Frau Bleuels hatte den krankhaften Ehrgeiz, aufzufallen und ihre Geschlechtsgenossinnen bei jeder Gelegenheit zu übertrumpfen.

Kurz nach der Modenschau feierte die erste Gesellschaft von Banausingen, »die Philharmonie«, ihr Stiftungsfest. Das war in jedem Jahr das größte gesellschaftliche Ereignis. Da galt es, sich zu zeigen.

Frau Bleuels war nach langem Nachdenken und inneren Kämpfen auf den Hosenrock als diesmaligem Bluff verfallen. Sie war in die Hauptstadt gefahren und hatte sich in dem großen Modehaus einen Hosenrock modernsten Schnittes bestellt.

Der Abend des Stiftungsfestes. Um acht Uhr begann das Fest. Sieben Uhr: das Kleid war noch nicht da. Kleider sind nie rechtzeitig da. Frau Bleuels war in einer entsetzlichen Aufregung. Das war gut zu verstehen. Herr Bleuels war bereits im Frack. Der Arme hatte nichts zu sagen und war in solchen Fällen stets das Karnickel. So ergoß sich auf ihn auch jetzt der Zorn seiner lieben Gattin. Frau Bleuels drohte schon damit, sich einfach ins Bett zu legen und überhaupt nicht in die Philharmonie zu gehen, als mit dem Zug um Viertel vor acht endlich eine Näherin des großen Modehauses mit dem erwarteten Hosenrock ankam.

Hals über Kopf, unter Assistenz der Näherin, wurde das fremdartige, umständliche und komplizierte Gewand angelegt. Viele Haken, unzählige Verschnürungen, raffiniert verknüpfte Bänder, Druck- und andere Knöpfe waren zu schließen, bis Frau Bleuels das Kostüm glücklich und ordnungsgemäß am Leibe hatte.

Herr Bleuels fand das Kleid wunderbar, die Näherin bekam einen Lachkrampf, die Kinder johlten. Frau Bleuels war ein wenig befangen, stolperte beim ersten Schritt und rannte gegen das Vertiko. Der Trompeter von Säckingen aus Biskuitporzellan fiel um, und seine Trompete brach ihm im Munde ab.

Frau Bleuels war eine energische Frau und hatte sich bald gefunden.

Das war ein glorioser Abend in der Philharmonie für Frau Bleuels. Die anderen Weiber platzten vor Wut, die Männer standen stumm, ergriffen. Sie hörte nur Schmeichelhaftes, Bleuels waren nämlich die reichsten Leute in Banausingen.

Es war sehr spät, als man wieder zu Hause war.

Frau Bleuels hatte mit den altbewährten, traditionellen Gesten versucht, sich ihres Hosenrockkleides zu entledigen. Aber vergebens war ihr Zupfen dort an jenem Bande, vergebens knöpfte sie Knöpfe auf und wieder zu, vergebens hupfte sie umher, sie kam nicht »außi«. Der Gatte wurde befohlen, aber auch sein Mühen war vergebens. Es war ein übermenschliches Verlangen, sich in diesem Chaos zurechtzufinden.

Die Dienstmädchen wurden geweckt und versuchten vergeblich ihr Heil, ihre Herrin aus den Umstrickungen des tückischen Gewandes zu befreien.

Man rief den Gärtner, den Kutscher mit dem gleichen negativen Resultat.

Man ließ den Installateur und den Klempner, sicherlich geschickte Leute, aus den Betten holen, aber auch die Kunst dieser Männer versagte.

Niemand vermochte Frau Bleuels aus dem Hosenrock zu befreien.

Frau Bleuels war dem Irrsinn nahe. Sie schrie nach Gift und nach einem Revolver. Man brachte ihr beides. Sie schrie nach einem Abgrunde.

Die Feuerwehr wurde alarmiert.

Ganz Banausingen war in Aufregung.

Die Feuerwehr hat es dann geschafft, ja die Feuerwehr.

Herr Görges, der dritte Spritzenmann, kam auf die Idee.

Frau Bleuels wurde auf sein Geheiß mit Benzin begossen und angezündet. Die Kinder waren der Ansicht, es sei Weihnachten, und sangen Weihnachtslieder. Das Gewand verbrannte, und sie war befreit.

Dank ihres dicken Felles geschah ihr nichts.

Herr Görges bekam eine Flasche Tafelbier und eine Zigarre.

Der Hosenrock ist bei Frau Bleuels jetzt unpopulär.

 


 

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