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Hermann Harry Schmitz: Grotesken - Kapitel 15
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titleGrotesken
authorHermann Harry Schmitz
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Was Tante Gottmeih Schlüngel in der Stadt passierte

Aus: Düsseldorfer General-Anzeiger vom 12.3.1911;
Der Säugling und andere Tragikomödien, Leipzig 1911

Das war immer eine ungemein peinliche Geschichte, wenn Tante Gottmeih Schlüngel aus Dülken zu ihren Verwandten in die Stadt auf Besuch kam.

Es war wirklich im höchsten Grade unangenehm, sich mit dieser keineswegs schicken oder in irgendeiner Weise interessant oder dekorativ wirkenden Person mit auffallenden Gebärden und spontanen Verwunderungsepilepsien öffentlich sehen zu lassen und seine Verwandtschaft mit ihr vor aller Welt zu dokumentieren.

Gerade jetzt, als der Vater, der Kanzleirat auf irgendeinem Bureau war, den Kronenorden vierter Klasse bekommen hatte, als Adalbert, der Älteste, Referendar geworden war, als man also anfing, etwas zu bedeuten, und sich fast zur Gesellschaft rechnen konnte, kam diese höchst kompromittierende Tante recht ungelegen.

Außerdem war es aus mit der ganzen Bequemlichkeit. Die Tante war enorm anspruchsvoll und erwartete und verlangte, daß sich alles um ihre Person drehe.

Aber was war zu tun? Die Tante war sehr begütert, schon bei Jahren, und der Vater der nächste Erbe.

Wie eine dumpfe Gewitterstimmung lag es jedesmal auf der Familie, wenn der Brief aus Dülken angekommen war, der den Besuch Gottmeih Schlüngels anzeigte. Der Vater kaute wütend an seiner Zigarre, knöpfte sich ruckweise, ostentativ den Rock zu und lief wie ein wildes Tier durch das Zimmer.

Irgendeine Kleinigkeit, etwa daß die Kinder einen Zigarrenstummel in das Goldfischglas geworfen hatten, oder aber daß es im Wohnzimmer wieder mal nach Küche roch, nach Wirsing oder Sauerbraten, oder daß Adalbert zufällig verschwiemelt aussah, oder daß Ami, der Pinscher, etwas an das Klavier gemacht hatte, brachte dann die Wut des Vaters in der entsprechenden Richtung zur Entladung. Dabei war es doch nur der angekündigte Besuch, der ihn so giftete, was er sich aber der Kinder wegen nicht merken lassen wollte.

Die Mutter war weniger delikat und machte ihrem Ärger über den unwillkommenen Besuch in der deutlichsten Weise, in gehässigen Spitzen gegen den Vater, der derartig zweifelhafte und lästige Blutsverwandte habe, Luft.

Der Brief aus Dülken hatte immer den schönsten Familienzwist zur Folge.

Adalbert, der Referendar, betrachtete den Besuch der Tante als ein ihn besonders treffendes Verhängnis. Mit zornesbebender Stimme schrie er, daß er den Teufel täte, auch nur einen Schritt mit der Tante vor die Tür zu setzen. Er habe Verpflichtungen der Gesellschaft gegenüber. Er persönlich. Seine gesellschaftliche Position würde er aufs Spiel setzen, und dazu habe er wegen dieser zufällig mit dem Vater verwandten Hinterwäldlerin nicht die geringste Lust. Er habe auch seine Ehre. Die Stimme schlug ihm über. Und ob man sich wohl einbilde, daß Leutnant von Gallenstein, der jetzt immer so liebenswürdig seinen Gruß erwiderte, ihn auch in Begleitung dieser unmöglichen Tante aus dem Gebirge wiedergrüßen würde? Schneiden würde ihn von Gallenstein, das wäre schon mal pottsicher – und er hätte recht. Und Adalbert tat enorm männlich. Das machte aber auf den Vater nur geringen Eindruck, und er dämpfte Adalberts Männlichkeit um Beträchtliches.

Die Mutter nahm natürlich Partei für ihren Ältesten, ein Umstand, der auch nicht besonders dazu angetan war, beruhigend auf die Erregung des Vaters einzuwirken.

Die Eltern schrien so lange aufeinander ein, bis die Mutter, nicht als die klügere, sondern als die kurzatmigere, aus dem Zimmer lief, die Tür ins Schloß knallte und nach kurzer Sammlung draußen in der Küche über das Dienstmädchen, die sanfte, wenig schlagfertige Lina herfiel. Vom nicht staubgeputzten Salon an bis zu den Beziehungen Linas zum Biermann wurden dem armen Ding ihre Schandtaten vorgehalten. Diese Attacke auf das wehrlose Dienstmädchen gipfelte in dem hingeschnauzten Befehl, die Einmachgläser vom Kleiderschrank im Fremdenzimmer wegzunehmen und die in diesem Zimmer stehende Nähmaschine auf den Flur zu setzen. Das Fremdenzimmer würde wieder benutzt.

 

Die Tante war angekommen.

Sie war wirklich eine höchst unangenehme Person. Das mußte man schon sagen. Die Abneigung der Familie war erklärlich.

Peinlich wachte sie darüber, daß auch »Umstände« wegen ihr gemacht wurden, daß sie in genügender Weise respektiert und geehrt wurde und daß man sie auch überall hinführte, wo etwas los war.

Gott, wenn die Erbschaft nur nicht gewesen wäre!

Die Eltern hetzten sich mit ihr fast zu Tode durch alle Kinematographentheater, alle Konzerte, Museen, durch die Anlagen, Warenhäuser und den Zoologischen Garten. Die Tante war nicht kleinzukriegen. Es war unheimlich.

Adalbert hatte bisher Dusel gehabt. Es war ihm immer noch gelungen, sich der Gefahr, sich der Tante widmen zu müssen, zu entziehen.

Bis eines Tages das Verhängnis kam.

Die Tante war noch nie in einem richtigen, großen Theater gewesen. Sie hatte in der Zeitung herumgeschnüffelt und war dabei auf die Anzeige des Theaters gestoßen, das an diesem Abend als letzte Vorstellung in der Saison ein modernes russisches Drama zur Aufführung brachte. Da mußte sie hin. Sie war nicht mehr zu halten. Alle Vorstellungen, daß es sich um ein sehr trauriges und merkwürdiges Stück handele, was ihr nicht gefallen würde, waren vergebens.

Da der Vater durch die höchst ehrenvolle Einladung seines Chefs zu einer Skatpartie in dessen Wohnung – eine Absage wäre einer Pensionierung gleichgekommen – allerdringlichst verhindert war, die Mutter an einem Influenzaanfall darniederlag, so bekam Adalbert vom Vater den bestimmten Auftrag, sich der Tante für diesen Abend anzunehmen und sie ihrem Wunsche gemäß in das Theater zu führen.

Adalbert schäumte vor Wut, ersann tausend Ausflüchte, schützte die wichtigsten Verabredungen vor, um dieser entsetzlichen Sache zu entgehen. Der Vater war unerbittlich. Es half ihm nichts, er mußte mit der Tante ins Theater.

Dazu war heute noch der Abonnementsabend und die letzte Vorstellung der Saison, wo alles im Theater war, was eben was war. Die Folgen waren nicht auszudenken – er würde sich absolut unmöglich machen.

Adalbert wurde sofort fortgeschickt, zwei Billetts im Vorverkauf zu besorgen. Er tat es, nahm aber mit Vorbedacht für die Tante einen Platz im Parkett, für sich einen auf dem zweiten Rang. Er sagte, es wäre nichts anderes mehr zu haben gewesen.

Aber was hat ihm alle Vorsicht geholfen?

Er machte, als er mit der Tante das Theater betrat, einen schüchternen Versuch, sich meuchlings zu drücken und die Tante ihrem Schicksal und gütigen Logenschließern zu überlassen. Die Tante war aber nicht so einfach zu beschlabbern; wohlbewußt, daß sie sich auf unsicherem Boden befand, klammerte sie sich fest an ihren Führer.

Er hätte die Frau kalten Herzens erwürgen können.

An der Garderobe verlangte sie seine Unterstützung beim Ablegen ihres höchst lächerlichen und vorsintflutlichen Spitzenmantels mit Jetbesatz. Dann mußte er ihr die Bänder der Trikottaille, die indiskret herausbaumelten, hineinstopfen, dann blieb die Frisur an ihrem herzlieben Kapotthut hängen, was auch seine Hilfe erforderte. Sehr viele Mal mußte er den Pompadour, der ihr immer entglitt, sich natürlich öffnete und seinen vielseitigen Inhalt verstreute, aufheben.

Es war eine gräßliche Situation. Er wagte gar nicht aufzuschauen, um nicht den spöttischen, vernichtenden Blicken der Leute zu begegnen. Aus war es mit ihm, aus mit seiner gesellschaftlichen Position.

Dabei hatte Tante Schlüngel die liebe Angewohnheit, fortgesetzt laut und umständlich zu fragen.

Es hatte zum letztenmal geklingelt und die Vorstellung bereits begonnen, als die Tante mit ihrer Toilette fertig war. Mit einem kühnen Schubs hatte Adalbert seine liebe Verwandte aus Dülken aus dem hellerleuchteten Gang in den verdunkelten Zuschauerraum gestoßen und sich selbst schleunigst auf seinen Platz im zweiten Rang in Sicherheit gebracht. Das war ohne Zweifel gemein von ihm, aber begreiflich.

Gottmeih Schlüngel drängte sich völlig verwirrt in die erste beste Reihe, zwang die Leute aufzustehen, um dann, in der Mitte angekommen, zu konstatieren, daß in dieser Reihe kein Sitz mehr frei war. Sie schlurfte zurück, streifte die Programme, Operngläser von den Schößen der Leute, was allgemeine Mißbilligung von seiten der Betroffenen hervorrief. Zum Überfluß entfiel ihr auch der Pompadour wieder, und sein neckischer Inhalt verstreute sich auf dem Boden. Auch das erregte ziemlichen Verdruß. Hartnäckig suchte sie trotz allgemeinen Protestes ihren Kram zusammen. Man murrte allgemein.

»Bssssst, bssssst, bssssst« klang es von allen Seiten.

Jetzt versuchte sie, gewaltsam gegen die feindlichen Knie ankämpfend, in eine andere Reihe einzudringen. Hier fand sie endlich einen freien Sitz, auf dem sie sich ächzend und Adalbert verfluchend niederfallen ließ.

Wo hatte sie nur die Garderobenmarke hingesteckt? Das fiel ihr auf einmal ein. Ein nervöses Durchstöbern der Taschen und des Pompadours begann. Man schaute sie wütend an. Gott, wo war nur die Nummer! Endlich fiel ihr ein, daß sie Adalbert haben mußte. Ihre Ruhe und Andacht war durch diese Sorge erheblich gestört.

Was auf der Bühne, die ziemlich dunkel war, vor sich ging, war ihr völlig unverständlich. Mehrere alte Frauen sprachen monoton durcheinander, dazwischen wurde hinter der Bühne gräßlich geschrien.

»Warum sitzen wir denn nun hier?«

»Fragen Sie ihn. Wissen wir es denn?«

»Er wird es nicht sagen.«

»Er wird's nicht sagen. Er spricht überhaupt nicht«, – so unterhielten sich die alten Frauen, die selbst über sich völlig im unklaren zu sein schienen. Na, dann konnte es ihr ja auch egal sein, warum das alles war, dachte sich die Tante. Die Verwandten schienen doch recht gehabt zu haben, als sie ihr von dem Besuch des Theaters abrieten. Denn in dem dunklen Theater zu sitzen und diese unklaren Auseinandersetzungen anzuhören, war wenig amüsant.

Sie döste eine Weile vor sich hin, als sie plötzlich aufgestört wurde. Ein Herr schob sich bis zu ihr durch und machte sie höhnisch darauf aufmerksam, daß sie auf seinem Platz sitze und daß sie diesen Platz zu seinem Bedauern verlassen müsse. Sie versuchte Einwendungen zu machen, mußte aber schließlich dem hartnäckigen Menschen den Platz räumen. Verzweifelt drängelte sie sich wieder durch die Reihe. Unwillige, hämische Bemerkungen fielen über sie her.

»Bsssst, bssssst, Ruhe, sitzen, bssssst«, schallte es von allen Seiten.

Eine entsetzliche Verwirrung kam über sie. Sie wußte nicht mehr ein noch aus. Nur heraus aus diesem Theater! Sie verlief sich bei diesem Versuch auf die andere Seite des Parketts, befand sich plötzlich in einer Parkettloge, geriet in ihrer Not in den Orchesterraum und sogar auf die Bühne, über die sie zweimal wie ein gehetztes Wild, einen Ausweg ins Freie suchend, hin und her lief. Das Stück war so tiefsinnig und rätselhaft, daß das Publikum meinte, das gehöre dazu.

Auf einmal befand sie sich auf dem ersten Rang, wo sie in einem freien Sessel ermattet zusammenbrach. Die Dunkelheit im Raum und das gleichförmige Geplätscher des Dialogs schläferten sie ein; bald war sie fest eingeschlafen.

Die Vorstellung war zu Ende, noch immer saß die Tante schlafend auf dem ersten Rang.

Die Logendiener kamen und deckten Schutztücher über die Sitze. Sie übersahen in der Eile und dem Halbduster die schlafende Tante und bedeckten sie mit einer schweren Decke. –

Als im nächsten Herbst das Theater wieder für die neue Saison hergerichtet wurde, fand man in der ersten Rangloge Nr. 14 auf Platz 4 eine mumifizierte Leiche, die ein Billett, nur gültig für Parkett, bei sich hatte, was dem Logendiener einen Verweis eintrug. Tante Gottmeih Schlüngel war unter dem Tuch erstickt.

Und Adalbert?

Er hatte von seinem Platz aus mit Entsetzen das Tun der Tante verfolgt, dann in seiner völligen Verzweiflung sein Programm, seine Handschuhe, eine Streichholzschachtel, eine Mark und zwanzig in Nickel und das Opernglasfutteral seines Nachbars verschlungen und war plötzlich nach dieser Diät tot zusammengebrochen.

Es war auch so besser für ihn, denn Leutnant von Gallenstein hätte ihn jetzt sicher geschnitten.

Das ganze Vermögen der Tante fiel laut Testament an einen Herrn Pluncke Daunenkörper in Liblar.

Man kann sich die Wut der Eltern Adalberts vorstellen. Eine Gemeinheit war es immerhin. Nicht?

 


 

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