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Großmütterchen

Helene Hübener: Großmütterchen - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorHelene Hübener
titleGroßmütterchen
publisherVerlag der Francke-Buchhandlung GmbH
yearo.J.
isbn3882243465
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131217
projectidf434e2c3
wgs9110
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1. Kapitel. Großmutter auf Reisen

»Großmutter will morgen zur Stadt fahren«, jubelten die Kinder. »Weiß denn Großmutter nicht, daß es morgen schneien und daß die Fahrt bitterkalt sein wird«, sagte Pfarrer Ries, der behaglich im Sofaeckchen saß und aus seiner langen Pfeife große Dampfwolken vor sich herblies. »Großmutter hat einen großen Fußsack«, rief eine Stimme aus der Kinderschar. »Und warme Tücher und Mäntel«, eine andere. »Und Doßmama muß uns schöne Sachen kaufen«, quäkte ein kleiner Krauskopf von zwei bis drei Jahren dazwischen. »Ich wünsche mir eine Trommel und Trompete«, schmetterte der siebenjährige Philipp, während das älteste neunjährige Töchterchen hinzufügte: »Und ich eine Puppenstube! Großmutter hat alles aufgeschrieben, sie kauft für jeden etwas ein.«

»Quält mir die gute Großmutter nicht allzusehr«, mahnte der Vater; »sie hat euch an den Geburtstagen so reich bedacht, da müßt ihr jetzt bescheiden sein.«

»Zu Weihnachten will sie uns viel schenken. Sie will in einen großen Spielwarenladen gehen und für uns alle einkaufen.« So schwirrte es durcheinander, als sich die Tür öffnete und die Mutter der Schar sichtbar wurde. Sie trug ein großes Brett mit Kaffee und Milch, während ein junges Mädchen, die Stütze des Hauses, folgte, mit Brot, Butter und was sonst zum Vesper gehörte. Nun entstand unter den Kindern neue Bewegung; ihre Aufmerksamkeit und Gedanken wurden auf ein anderes Feld gelenkt, alles eilte an den Tisch, es wurde mit Stühlen gerückt und mit Tassen geklappert, bis auf ein energisches Wort vom Vater allgemeine Ruhe eintrat.

»Wo bleibt denn unsere Großmutter heute?« fragte der Pfarrer seine Gattin, eine frische jugendliche Erscheinung, der man es nicht ansah, daß sie bereits Mutter von fünf Kindern war. Bevor die Gattin antworten konnte, rief eine Stimme aus der anderen Stube: »Großmutter bittet um Entschuldigung, daß sie etwas später kommt, sie wird gleich erscheinen.« Man hörte eine weibliche Stimme mit einer männlichen reden; die männliche sagte: »Ja, Frau Elsner, um sieben Uhr müssen wir fort, es ist weit zur Stadt, und meine Pferde müssen sich ausruhen, bevor wir die Rückreise antreten, es wird Ihnen doch nicht zu früh sein?« »Nein, Christian, es ist mir recht so, ich werde pünktlich fertig sein.«

»Will denn die Großmutter wirklich zur Stadt?« fragte der Pfarrer seine Frau. »Sie will, es läßt sich nichts machen.« »Und ich denke, der Herr Schwiegersohn erteilt mir seine gütige Erlaubnis«, sagte eine angenehme, wohlklingende Stimme. Eine Dame in den fünfziger Jahren, der man die Großmutter entschieden noch nicht ansah, trat mit diesen Worten an den Tisch und setzte sich an den Platz, der ihr oben vorbehalten war. Gesprächsthema bildete die morgige Reise in die Stadt. Die Kinder waren gewohnt, bei Tische zu schweigen, wenn die großen Leute redeten. Aber sie verfolgten mit großem Interesse die heutige Unterhaltung, die sich um das »für« und »wider« der Reise drehte. Mit angstvollen Mienen hörten die Kinder, wie die Eltern es der Großmutter vorstellten, daß sie bei dem unsicheren Wetter sich nicht der Gefahr des Erkältens aussetzen dürfe. Als aber Frau Elsner erklärte, sie würde die Reise dennoch unternehmen, es gebe ja Fußsäcke und Mäntel die Hülle und Fülle, da gab es leuchtende Augen und freudestrahlende Angesichter; ein jedes der Kinder barg in sich die Hoffnung auf Erfüllung eines Lieblingswunsches. »Die Großmutter reist doch in die Stadt«, ging es flüsternd durch die Reihen, und eh' man sich's versah, waren die kleinen Plappermäulchen wieder in Bewegung.

Es war ein liebliches Familienbild, das sich dem Beschauer darbot, in dem großen, behaglichen Wohnzimmer des Pfarrhauses zu Dornburg. Die in den besten Jahren stehenden Eltern, umgeben von einem Kranz blühender Kinder und als geliebtes Oberhaupt die noch rüstige Großmutter, die seit Jahresfrist ihre Heimat im Pfarrhause aufgeschlagen hatte, seit der Gatte von ihrer Seite genommen war. Sie hatte hier einen gesegneten Wirkungskreis gefunden, da sie sich hauptsächlich den Kindern widmete und dadurch ihrer Tochter wesentlich half. Auch in der Wirtschaft unterstützte sie die Frau Pfarrerin, denn die geringen Einkünfte der Pfarre schlossen das Halten vieler Dienstboten aus. Außer dem Knecht, Christian, und dem Dienstmädchen, Marianne, gab es nur noch die Stütze, Fräulein Linchen, und da ein großer Garten vorhanden war, außerdem etwas Ackerwirtschaft, so war niemand um Arbeit verlegen.

Der Pfarrer war ein gelehrter Herr, der sich nicht gern um praktische Dinge kümmerte, sondern alles, was dahin gehörte, seiner lieben Hausfrau überließ. Er fühlte sich am wohlsten im Studierzimmer, trieb eifrig Theologie und schrieb Aufsätze in theologische Zeitschriften; man sprach davon, daß er die Landpfarre bald mit einer Anstellung in der Hauptstadt vertauschen werde. Vorderhand war ihm die Stille des Landlebens ganz angenehm, da er eine große wissenschaftliche Arbeit vor hatte. Dessen ungeachtet war er ein treuer Seelsorger seiner Gemeinde und erwarb sich die Liebe seiner Beichtkinder durch sein freundliches, leutseliges Wesen. Leider konnte er, da er so viele Privatstudien trieb, sich seiner Familie nicht in dem Maße widmen, wie es seine liebe Ehehälfte gewünscht hätte. Ein Machtwort des Vaters tut oft mehr als das Tadeln der Mutter. Doch hatte nun Frau Dorothea seit Jahresfrist eine treue Hilfe an ihrer Mutter, was sie um so dankbarer anerkannte, als sie sie früher ganz hatte entbehren müssen.

Die Eltern der Frau Pfarrer waren Deutsche, hatten aber, durch besondere Verhältnisse veranlaßt, ihr Heim in Holland gehabt. Der Vater war erster Buchhalter in einem der bedeutendsten Geschäfte Amsterdams gewesen, hatte in den letzten Jahren viel gekränkelt und war vor etlichen Jahren seinem Leiden erlegen. Nun bat die einzige Tochter die Mutter, zu ihnen zu ziehen. Frau Elsner zögerte, doch das Alleinsein im fremden Lande wurde ihr unerträglich, und wenn sie auch, ihrer traurigen Erlebnisse wegen, gewünscht hätte, nie wieder nach Deutschland zurückzukehren, so überwog die Liebe zur einzigen Tochter, die ihren Gatten, einen deutschen Pastor, auf wunderbare Weise in Amsterdam hatte kennen und lieben gelernt, alle Bedenken.

Sie war zur großen Freude ihrer Kinder und Enkel eines Tages eingetroffen mit den Worten: »Da habt ihr mich, nun werdet ihr mich nicht wieder los!« Von da an war Frau Elsner nicht nur ein gern gesehenes, sondern auch ein unentbehrliches Familienmitglied des Pfarrhauses zu Dornburg. Der Pfarrer begegnete der Schwiegermutter mit Achtung und Ehrerbietung; sie, eine kluge, geistig begabte Frau, unterhielt sich gern mit dem Schwiegersohn über Dinge, die die gewöhnliche Bildungsstufe überschritten, doch konnte sie sich auf der anderen Seite nicht versagen, ihn mitunter seines zerstreuten Wesens wegen zu necken. Der Herr Pfarrer konnte vergessen, daß er zu Mittag gerufen war; er konnte vergessen, daß ihm ein Ankleidestück fehlte; ein leises Mahnen seiner Gattin: »Väterchen, du hast noch keine Halsbinde um, oder dein Vorhemdchen sitzt schief«, entlockte ihm ein freundliches Lächeln. Er pflegte dann seinen Arm um seine Gattin zu schlingen und zu sagen: »Wie gut, daß ich eine Frau habe, die an alles denkt.« Am gemütlichsten war der Pfarrer, wenn er zum Nachmittagskaffee mit seiner langen Pfeife erschien. Dann war er zugänglich für Familiensorgen und Familienfreuden, dann ergötzte er sich an dem Geplauder seiner Kinder und an dem Geschwirre, das die kleine Schar um ihn bereitete. Sein Liebling war wohl Therese, die älteste, neunjährige, für gewöhnlich »das Röschen« genannt. Die drolligen Einfälle und das originelle Wesen der Kleinen zogen ihn an, es wurde ihm schwer, eine Strafe an ihr zu vollziehen, welche die Mutter für nötig hielt, wenn sie einen ihrer tollen Streiche ausgeführt hatte. Bösartig war das Kind nicht, aber wild und ausgelassen, zu Dummheiten immer aufgelegt. Ihr um zwei Jahre jüngerer Bruder war ihr unzertrennlicher Gefährte. Philipp liebte sein Schwesterchen über alles, er wäre für sie durch's Feuer gegangen, wenn es hätte sein müssen. Er folgte ihr durch dick und dünn, wenn sie im Sommer durch Wald und Flur streifte, und durch Eis und Schnee, wenn's im Winter mit den Schlitten nach dem Dorfteich ging. Die jüngeren Kinder blieben einstweilen noch unter der Obhut des Hauses, es waren drei Mädchen, Emmi, Nanni und Mariechen, gewöhnlich Miezi genannt.

Fräulein Linchen, die Stütze des Hauses, war ein liebes Mädchen, das unermüdlich tätig war von früh bis abends und sich vor keiner Arbeit scheute. Freilich hätte die Frau Pfarrer gewünscht, sie sollte ihre Gedanken ein wenig mehr beisammen haben, oder Zerbrechliches etwas fester halten, denn es verging fast kein Tag, wo es nicht platzte oder krachte in Fräulein Linchens Nähe, aber alles konnte ja nicht in einer Person vereinigt sein. Die Reue, die das junge Mädchen zeigte über zerbrochene Tassen, Gläser und Teller, rührte das weiche Herz der Pfarrerin, daß sie nicht lange böse sein konnte. So hoffte sie, daß Fräulein Linchen mit der Zeit lernen würde, Gedanken und Gefäße fester zu halten, und dachte nicht daran, um dieser Fehler willen einen Wechsel vorzunehmen, wohl wissend, daß es keine vollkommene Stütze in dieser Welt gibt, ebensowenig, wie wir alle vollkommene Menschen sind.

Heute, zum Beginn unserer Erzählung, leuchteten Fräulein Linchens Augen. Die Aussicht, morgen mit Frau Elsner zu Weihnachtseinkäufen in die Stadt zu fahren, war so wunderschön, daß sie gar nichts anderes denken mochte. Frau Pfarrerin beriet mit ihr am Abend, nachdem die Kinder schlafen gegangen waren, über verschiedene wichtige Einkäufe; hatte man Gelegenheit in der Stadt, so mußte an alles gedacht werden. Die Hausfrau war vor etwa vierzehn Tagen schon dort gewesen und hatte ihre Einkäufe besorgt, morgen mußte sie daheim bleiben, da es vor dem Feste noch mancherlei im Häuslichen zu tun gab, sie auch die Kinder nicht gern der noch jungen Marianne allein überließ.

Die Großmutter war nach Tisch hinaufgegangen in ihr Stübchen, das mit Recht ein großmütterliches Heim genannt werden konnte. Es war ein Ort stillen Friedens und behaglicher Ruhe. Das wußte die sonst lärmende Kinderschar. Wer dies Gemach betrat, mußte fein säuberlich und artig erscheinen. Hier sammelte Großmütterchen die Kleinen um ihren Lehnstuhl, um ihnen Bilder zu zeigen oder schöne Geschichten zu erzählen; hier suchte sie durch manch gutes Wort Samenkörner für die Ewigkeit zu streuen. Hier war es auch, wo die Kinder, so viele ihre Händchen schon rühren konnten, heimlich für die Eltern kleine Arbeiten anfertigten unter der leitenden Hand der guten Großmutter. Frau Elsner, die lange in der Fremde allein gestanden hatte, fühlte sich erwärmt und erquickt durch das Familienleben, welches sich ihr hier bot, so daß sie Gott täglich für seine Führung dankte, nicht ahnend, daß sie selbst schon der Familie unentbehrlich geworden war, daß das Zusammenleben mit ihr der Tochter reichen Ersatz bot für vieles, das sie als Mutter vieler Kinder nach außen entbehren mußte.

Frau Pfarrer Ries waltete still im Hause ihres Berufes als Hausfrau, war daneben ihres Mannes treue Gehilfin, wenn es galt, in der Gemeinde Kranke zu besuchen oder Arme zu unterstützen. Sie gehörte zu jenen Frauen, die nicht viel Aufhebens von ihrem Tun machen, die in der Stille wirken; sie gehörte zu denen, von welchen gesagt wird: »Als die nichts inne haben und doch alles haben.« Ein wenig mehr Energie hätte man ihr mitunter gewünscht. Frau Elsner war lebhafter, energischer, griff einmal durch, wenn es sein mußte. Aber die Naturen ergänzten sich, und die Frauen lebten in innerster Herzensgemeinschaft.

Frau Elsner rüstete zur morgigen Fahrt. Auf dem Tisch lagen die heute geschriebenen Wunschzettel der Kinder. Die Großmutter sah sie durch, und ein stilles Lächeln flog über ihre Züge. Dann steckte sie sie alle in ihr Ledertäschchen, holte ihren Geldbeutel und füllte ihn mit dem, was sie lange für die Kinder gespart hatte. Große Reichtümer hatte sie nicht, im Gegenteil, sie hatte sich, so lange sie verheiratet war, immer nach der Decke strecken müssen, hielt es aber mit dem Wahlspruch: »Der Zufriedene ist der Reichste« und fühlte sich reich, wenn sie anderen geben konnte. Für ihre Enkelkinder hatte sie immer etwas übrig; in diesem Punkte war sie schwach, obwohl sie sich heute vornahm, nichts Unnützes zu kaufen und nicht alles Geld, das der Sekretär barg, mitzunehmen.

Sie begab sich früh zur Ruhe, um Kräfte zu sammeln für den morgigen, anstrengenden Tag.

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