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Gutenberg > Eduard Bauernfeld >

Großjährig

Eduard Bauernfeld: Großjährig - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
booktitleGesammelte Schriften Band 5
authorEduard v. Bauernfeld
firstpub1846
year1871
publisherWilhelm Braumüller
addressWien
titleGroßjährig
pages191-192
created20060811
sendergerd.bouillon
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Zweiter Act.

Erste Scene.

Amalie und Schmerl (sitzen am Tische links und spielen Karten).

Amalie. Sie haben gestochen, Herr Schmerl. Sie spielen aus.

Schmerl (der die Karten ungeschickt hält). Ich spiele aus – ein Dings da – ein Aß.

Amalie. Ich gebe zu.

Schmerl. Sie geben zu. (Läßt die Hand mit den Karten auf den Tisch sinken.) Ich gebe auch zu – daß Sie eine charmante Frau sind.

Amalie (verweisend). Herr Schmerl! – Es ist an Ihnen.

Schmerl (nimmt die Karten wieder auf). An mir? – Mir fehlt eine Karte –

Amalie. Sie sind überhaupt nicht beim Spiel. Nun haben Sie vergeben.

Schmerl. Vergeben Sie – das Piket ist ein äußerst schwieriges Spiel.

Amalie. Ich will auf's Neue mischen und ausgeben. Heben Sie ab. (Gibt Karten.)

Schmerl. Wie hübsch Sie das machen, Madame Blase-Walter!

Amalie. Haben Sie jetzt alle Karten?

Schmerl (nimmt eine Karte nach der andern auf). Ich glaube wohl. (Läßt die Karten wieder sinken.) Sagen Sie mir aufrichtig, Amalie, erinnern Sie sich denn noch bisweilen unserer Jugendzeit?

Amalie. Ganz dunkel. Kaufen Sie.

Schmerl. Gleich, gleich! – Wissen Sie noch, wie wir uns kennen lernten?

Amalie (zupft an den Karten). Es war unter den Linden –

Schmerl. Im Wonnemonat, im Mai – wo die Bäume blühen – sogar in Berlin. Sie waren freundlich mit mir –

Amalie. Das bin ich immer – gegen Jedermann –

Schmerl. Ich hielt mich für eine Ausnahme – ich war der einzige Mann, der in's Haus kam –

Amalie (immer mit den Karten beschäftigt). Blase war auf einer kleinen Zwischenreise begriffen – sein Verhältniß zu mir blieb damals noch geheim –

Schmerl. Für mich wenigstens – ich merkte nichts, kam immer mehr in's Zeug –

Amalie. Haben Sie gekauft?

Schmerl (legt die Karten ganz weg, lehnt sich über den Tisch zu ihr). Ich warb um Sie, und – – ich habe mich damals wohl recht blamirt – wie?

Amalie. Warum? Ich war verlobt – Sie konnten das nicht wissen.

Schmerl. Verlobt! Leider, leider! – Arme Frau! Sie hatten Kummer in Ihrer Ehe – ich weiß das von Ihrem Schwager – aber ein Mann, der Sie quälen konnte, ist in meinen Augen ein – Dings da –

Amalie. Keine Beschuldigung gegen meinen Gatten, Herr Schmerl!

Schmerl. Ich sage ja kein Wort – ich denke nur an jene schöne, entschwundene Zeit. Ach, die Jugenderinnerungen sind doch das Beste, was Einer hat!

Amalie. Die Jugend ist noch besser.

Schmerl. Freilich, freilich! Wenn man da capo von vorne anfangen könnte! Zwanzig Jahre zurück und die Erfahrung dazu –

Amalie. Man würde das Nämliche erfahren.

Schmerl. Wohl möglich! Die Menschen kommen mir vor, wie der – Dings da der Epimetheus – der auch immer erst hinterher klug war. Aber ich dächte doch, wenn ich noch ein Mal mit Ihnen unter den Linden säße – (Will ihre Hand ergreifen.)

Amalie (gibt ihm die Karten in die Hand). So würden wir unsere Partie ausspielen.

Schmerl. Die fatalen Karten!

Amalie. Sagen Sie Ihr Spiel an, Herr Schmerl.

Schmerl. In's Himmels Namen! – Ich hab' vier – fünf Herzen.

Amalie. Die gelten Alle nichts.

Schmerl. Oho!

Amalie. Was haben Sie noch?

Schmerl. Nichts. Drei Dinger da – drei Könige.

Amalie. Ich schlage Ihre Könige.

Schmerl. Meinetwegen! (Ergreift ihre Hand mit den Karten.) Amalie! Wenn es sich anders gefügt hätte! Wenn ich Ihr Mann geworden wäre, statt des Herrn – Dings da – wir säßen uns vielleicht auch traulich gegenüber, wie eben jetzt – aber nicht einzeln, sondern verbunden –

Amalie. Herr Schmerl –

Schmerl (hält immer ihre Hand, während einzelne Karten nach und nach unter den Tisch fallen). Herr Schmerl! (Steht auf und lehnt sich hinüber). Wie kalt das klingt, wie fremd! Dann hieß' es: »Lieber Schmerl! Mein lieber Schmerl! Lieber Mann!« – Ich hielte Ihre Hand in der meinen – wie jetzt – aber Sie zuckten nicht dabei; ich würde Sie auf den Händen tragen, und Sie schenkten mir vielleicht –

Zweite Scene.

Vorige. Auguste (durch die Mitte).

Amalie (reißt ihre Hand los und ordnet schnell die Karten). Vierzehn Buben!

Schmerl (erstaunt, sinkt in den Stuhl zurück). Was?

Amalie (leise). Meine Tochter –

Schmerl (aufblickend). Ja so! (Steht auf, wie auch Amalie.) Schön Gustchen, guten Abend!

Auguste (mit unterdrücktem Lachen). Gleichfalls, Herr Schmerl.

Amalie (verlegen). Sie wollten ja den Schwager besuchen, Herr Schmerl –

Schmerl. Den Schwager?

Amalie (winkt ihm). Freilich, freilich! Er hat Sie eigens eingeladen –

Schmerl (welcher nicht versteht). Papa Blase? Mich? Wozu denn?

Amalie. Zu einer feierlichen Handlung. Der junge Baron soll heute großjährig erklärt werden.

Schmerl. Das Riesenkind? Das Wickelkind?

Amalie (dringender). Ja doch! Der Schwager erwartet Sie –

Schmerl. So will ich gleich – Adieu, meine Damen! (Küßt Amalien die Hand.) Madame Blase-Walter – (Leise.) Amalie –

Amalie (entzieht sich ihm). Geh'n Sie nur, Herr Schmerl. (Leise.) Vorsicht, mein Freund!

Schmerl (eben so). Vorsicht! Verstanden! (Laut.) Schönes Gustchen, auf Wiedersehen! (Für sich, im Abgehen.) Vorsicht! – Sie ist charmant! Papa Blase hat recht – ich bleibe bei der Mama. (Ab, in Herrn Blase's Zimmer.)

Dritte Scene.

Amalie. Auguste.

Amalie (nach einer kleinen Pause, wie unbefangen). Was meinst Du, mein Kind? Soll ich nicht ein anderes Kleid anziehen?

Auguste (die sich im Zimmer zu schaffen machte). Warum, Mama? Das Grün kleidet Sie recht gut.

Amalie. Aber Du – (Richtet an ihr.) Dein Anzug ist etwas vernachlässigt –

Auguste. Finden Sie?

Amalie. Besonders für heute, wo der junge Baron – er ist sehr artig, sehr zuvorkommend gegen Dich.

Auguste. Im Gegentheil! Er geht mir die ganze Zeit her aus dem Wege.

Amalie. Weil Du es zu wünschen scheinst –

Auguste. Nicht doch, Mama! Er weicht mir wirklich aus. (Ablenkend.) Da ist der Schmerl ganz anders –

Amalie. Der Schmerl?

Auguste. Ja. Der folgt Ihnen auf allen Tritten und Schritten.

Amalie. Was Du für Einfälle hast! – Aber der Baron – Dein Onkel meint –

Auguste. Ich weiß, ich weiß! Er sagte neulich: Alte Liebe rostet nicht –

Amalie. Alte Liebe?

Auguste. Er meinte den Schmerl –

Amalie (rasch). Possen! Possen! Er sprach von dem jungen Baron. Er ist wirklich ein guter Mensch –

Auguste (wie zerstreut). O ja –

Amalie. So sanft, so gefällig. – Und obendrein wohlhabend – ja, reich –

Auguste. So sagt man –

Amalie. Kurz, ein Mann, wie sie selten vorkommen –

Auguste (mit den Karten spielend). Aber ein schlechter Piketspieler –

Amalie. Wer? Hermann?

Auguste. Nein! Herr Schmerl!

Amalie (rasch). Du verstehst mich nicht! – Ich will doch wenigstens eine andere Chemisette nehmen. (Eilt in ihr Zimmer.)

Vierte Scene.

Auguste (allein).

Der erste Sturm ist glücklich abgeschlagen. Eigentlich kam's noch gar nicht dazu. Die Mama ward als Plänkler vorausgesendet – aber ihr Angriff war nicht herzhaft genug. Nun wird der Onkel nachrücken mit dem schweren Geschütz: »Du bist mir Dankbarkeit schuldig« – bum! – »Du mußt an Deine Zukunft denken« – bum! – »An Deine Versorgung« – bum! bum! – O Liebe! Süße Poesie des Lebens! Sie lassen Deine schönen farbigen Blüten nicht frei in die goldenen Lüfte schießen – sie stellen sie vor der Zeit in das dumpfe Treibhaus der Ehe und speculiren damit, wie die Holländer mit ihren Zwiebeln. Ich will nichts wissen von diesem Liebesschacher! – Ein Glück, daß der junge Mann denkt wie ich – daß er mir ausweicht.

Fünfte Scene.

Auguste. Spitz (aus dem Seitenzimmer links).

Spitz (spähend). Fräulein Auguste! Sind Sie allein?

Auguste. Nein, Herr Spitz. Meine Gedanken sind bei mir.

Spitz. Ihre holden Gedanken mögen verzeihen, aber längst sucht' ich die Gelegenheit zu einer Unterredung.

Auguste. Mit mir?

Spitz. Allerdings. Ich möchte gerne Ihrer Gnade empfohlen sein.

Auguste. Meiner Gnade?

Spitz. Als künftiger Frau Baronin, unserer Gebieterin –

Auguste. Da plänkelt schon wieder Einer! – Baronin! Das klingt nicht übel! Aber ich bin's noch nicht.

Spitz. Wird werden, Fräulein – wird werden – wenn Sie anders wollen.

Auguste. Aber soll ich wollen? Soll ich die Frau eines unreifen Mannes werden? Rathen Sie mir's, Herr Spitz?

Spitz. Unreif? Wer weiß! Glauben Sie mir: in dem jungen Menschen steckt bereits der fertige Mann; die Puppe wird nächstens zum Schmetterling. Im Vertrauen: der Baron ist eigentlich weit gescheidter als sein Vormund.

Auguste. Als mein Herr Onkel Polonius? Sehr möglich!

Spitz. Sein Geist wurde nur unterdrückt – durch schlechte Erziehung.

Auguste. Das sagen Sie? Sein Hofmeister?

Spitz (zuckt die Achsel). Ich hatte meine Vorschriften. Uebrigens – unser Erziehungssystem ist doch so übel nicht: es macht Nichts aus den Menschen, und so können sie später Alles werden. Doch glauben Sie mir, mein Fräulein, ging' es nach mir, ich hätte den Baron weit lieber nach liberalen Grundsätzen erzogen.

Auguste. Was Sie sagen! Sie sind am Ende selber liberal?

Spitz. Ganz gewiß! Aber im Stillen. Als junger Mensch sprach ich frei – jetzt begnüg' ich mich, frei zu denken. Das Sprechen war mir damals übel bekommen: ich ward von der Universität relegirt wegen Verdachtes der Hinneigung zu liberalen Tendenz-Annäherungen.

Auguste. Und jetzt schlagen diese Tendenzen wieder vor?

Spitz. Nach Umständen. Ich bin jeder Metamorphose fähig, denn mein Geist ist frisch und versatil; allein ich will die Richtung meines Geistes von Ihnen empfangen, Fräulein.

Auguste. Von mir?

Spitz. Ja, ja, von Ihnen. Ich bitte um meine Instruction. Doch sie steht in Ihren Augen.

Auguste. Und wie lautet sie?

Spitz. Wir befreien den jungen Mann.

Auguste. Wir?

Spitz. Sie und ich – ich und Sie. Ein klein wenig haben Sie bereits vorgearbeitet, wie es scheint.

Auguste (überhörend). Also ein geheimer Bund?

Spitz. Zu Gunsten meines Zöglings, seiner völligen Emancipation.

Auguste. Wie, Herr Spitz? Und dazu wollen Sie sich wirklich brauchen lassen?

Spitz. Warum nicht? Die Spitze lassen sich zu Allem brauchen. Sind Sie einverstanden?

Auguste. Vielleicht.

Spitz (küßt ihr die Hand). Danke, mein Fräulein. Dieser Wink ist mir genug: nun hab' ich meine Instruction. – Noch Ein's, Fräulein! Trauen Sie mir einigen psychologischen Blick zu?

Auguste. Ganz gewiß! Wenigstens kennen Sie die Schattenseite der Menschen.

Spitz. Wer den Schatten kennt, kennt der das Licht nicht auch? – Sie haben gleich anfangs auf meinen Zögling keinen günstigen Eindruck hervorgebracht – allein das hat sich bald geändert. Ein neuer Geist ist in ihn gefahren seit – Sie im Hause sind. Aber nehmen Sie sich in Acht, Fräulein! Sie haben die Büchse der Pandora geöffnet – Sie haben die bösen Geister heraufbeschworen – vergessen Sie das Zauberwort nicht, das sie wieder bändigt.

Sechste Scene.

Vorige. Schmerl. Blase (ein Papier in der Hand), dann Hermann und Amalie.

Schmerl (im Auftreten). Papa Blase! Sie sind also einverstanden?

Blase. Vollkommen. Als Oberhaupt der Familie geb' ich meine Zustimmung. Aber erst die Tochter, dann die Mutter – so ist's in der Ordnung. – Du bist schon da, liebe Nichte? – Herr Spitz, wo ist Ihr Zögling?

Spitz. Auf seinem Zimmer.

Blase. Ganz allein? Was macht er dort?

Spitz. Er fängt Fliegen und läßt sie wieder aus.

Blase. Nun, das ist unschädlich. Rufen Sie ihn her.

Spitz. Sogleich, Herr Blase. (Oeffnet die Seitenthüre.)

Blase. Nun fehlt noch die Schwägerin.

Schmerl. Ich will sie holen –

Blase. Da ist sie schon!

(Amalie und Hermann von verschiedenen Seiten treten auf.)

Schmerl (Amalien entgegen). Madame Blase-Walter –

Blase (bei Hermann's Eintritt). Da kommt der Held des Tages! Nun können wir anfangen. Nehmt Platz, meine Freunde! Hermann, Auguste, hier zur Rechten; Frau Schwägerin, Herr Schmerl –

Schmerl (geht zu Amalien). Auf der Linken – auf der äußersten Linken!

Blase. Ich und Herr Spitz bleiben hier in der Mitte.

Schmerl. Im Centrum – im juste milieu.

(Alle setzen sich, bis auf Blase.)

Blase (setzt die Brille auf). So eben ist dies Decret aus der Kanzlei angelangt. (Liest.) »An den wirklichen Gerichts-Assessor Hermann Freiherrn von Eichen zu Eichenthal.«

Schmerl. Hört, Hört!

Blase. St! (Zu Hermann.) Diese Schrift enthält Ihre Großjährigkeits-Erklärung. Ich übergebe sie Ihnen, mein geliebter Zögling, und umarme Sie als einen Mann, der von diesem Augenblick an selbstständig und sui juris ist.

Schmerl (halblaut zu Augusten hinüber). Nun ist's nichts mehr mit dem Wickelkind.

Auguste (für sich). Was wird er thun? Er sieht mich nicht an –

Spitz (aufstehend). Herr Blase, darf ich mir ein Wort erlauben?

Blase. Immer zu, Herr Spitz, immer zu. (Setzt sich.)

Schmerl. Aber machen Sie's kurz, denn die Linke wird unruhig.

Spitz (zu Hermann). Herr Baron! Das große Werk Ihrer Bildung und Erziehung ist nunmehr unter meiner schwachen Beihilfe segenreich vollendet worden –

Schmerl. Segenreich? Murren auf der Linken.

Spitz. Sie sind jetzt großjährig und im vollen Besitze Ihrer Freiheit und Unabhängigkeit. –

Schmerl. Allgemeine Heiterkeit!

Spitz. In welchem Sinne Sie aber auch in der Folge Ihre Angelegenheiten zu führen gedenken, vergessen Sie nicht, Herr Baron, daß ein getreuer Spitz an Ihrer Seite steht, welcher bereit ist, Ihnen sein Leben lang zu dienen, und sich genau nach einem jeden System zu benehmen, welches Sie einzuschlagen belieben werden. (Verneigt sich.)

Schmerl. Aha! Er spricht wie der – Dings da – pro domo – der Cicero.

Blase (steht auf). Genug, Herr Spitz, genug! Ueber das System ist keine Frage: es ist und bleibt das Blase'sche.

Schmerl. Abermaliges Murren.

Blase. Der Herr Assessor kennt uns Beide; er weiß, daß wir sein Bestes wollen. Ihre Kenntnisse werden ihn fortan unterstützen –

Spitz (verneigt sich). So wie Ihre guten Rathschläge –

Blase (eben so). Ihre Treue und Ergebenheit –

Spitz. Ihre administrative Weisheit –

Schmerl (zu Amalien). Das Centrum macht sich Complimente – die Linke muß auf der Hut sein.

Blase. Und nun zu einer andern Frage – zu einer Lebensfrage. Tritt zu mir, liebe Nichte – Herr Assessor, Ihre Hand –

(Auguste steht auf, wie auch die Uebrigen.)

Auguste (für sich). Was wird er thun? Wie wird er sich benehmen?

Blase (will seine Hand ergreifen). Herr Assessor –

Hermann (entzieht sich ihm). Verzeihen Sie, Herr Blase! – Ich bin nun großjährig und somit selbstständig, nicht wahr?

Blase. Selbstständig?

Schmerl. Das versteht sich! Die Freiheit ist Ihnen – Dings da – octroyirt.

Blase. Das heißt, bis wir sie ihm wieder wegnehmen.

Hermann (anfangs unsicher). Ich bin von nun an Herr meines Willen, meiner Person – und so will ich vor Allem in Zukunft meine Güter selbst verwalten.

Auguste (für sich). Nicht übel!

Blase. Selbst verwalten?

Schmerl. Die Opposition billigt das.

Blase. Selbst verwalten! Da haben wir wieder die freien Ideen! – Aber bester Herr Assessor –

Hermann. Genug, Herr Blase! Ich habe meinen Willen – will ihn haben.

Auguste (für sich). Sieh' doch!

Blase. Ihren Willen?

Schmerl. Was denn sonst? (Zu Amalien). Nun wird's mir klar: es ist ein versteckter – Dings da – ein Brutus, den man anfangs auch immer für einen Simplex hielt. – Nur zu, junger Mann! Opposition, nur Opposition!

Hermann. Ich weiß aus guter Quelle, wie übel man auf meinen Gütern gewirthschaftet hat. Ich weiß, daß dort Reformen nöthig sind.

Blase. Was? Reformen?

Schmerl. Reformen! Freilich, freilich! Nichts als Reformen! – Nur zu, junger Brutus! Nur zu!

Hermann (mit steigender Sicherheit). Dieser Brief eines wackern Mannes hat mich aufgeklärt.

Blase (fragend zu Spitz). Ein Brief?

Spitz (leise). Er ist vom Waldmeister –

Hermann. Ich erfahre daraus, welche Fehler sich eine leichtsinnige und unwissende Administration hat zu Schulden kommen lassen – aber das soll nicht so bleiben! Meine Wälder sollen nicht länger ausgerottet werden; ich will neue Pflanzungen anlegen, neue Bauten herstellen, Sümpfe und Moräste austrocknen –

Schmerl. So ist's recht! Keine Sümpfe mehr! Bloß Opposition!

Blase. Keine Sümpfe? Das sind Schwärmereien! – Hören Sie, junger Mensch – mir fehlen die Worte! Ich hätte gute Lust, Sie unter Curatel setzen zu lassen.

Schmerl. Die Linke protestirt –

Hermann. Unter Curatel?

Blase. Jetzt, gleich, im Augenblick. Ich gehe zum Präsidenten –

Hermann. Zum Präsidenten? Und unter Curatel? (Geht auf Blase los, welcher zurückweicht.) Unter Curatel! –Herr Blase, ich habe lange geschlummert, aber ich bin jetzt erwacht – die Augen sind mir geöffnet. Man hat beispiellos an mir gehandelt – beispiellos –

Schmerl. Das find' ich auch! Beispiellos!

Amalie (die ihn immer zurückzuhalten sucht). Nicht doch, Herr Schmerl!

Schmerl. Er hat Recht, Madame Blase-Walter! Beispiellos!

Blase (sieht sich wie nach Hilfe um). Herr Spitz!

Spitz (nähert sich). Aber bester Herr Baron –

Hermann. Auch Sie, Herr Spitz!

Spitz. Ich?

Hermann (geht auf ihn zu). Auch Sie! Besonders Sie!

Schmerl (ebenso). Ja Sie! Sie ganz allein.

Hermann. Mein Lebensglück ist zerstört – vielleicht für immer zerstört – Sie tragen die Schuld.

Schmerl. Sie! Ja Sie!

Spitz (mit einem Seitenblick auf Auguste). Ihr Lebensglück? Wer weiß! Es läßt sich wohl wieder herstellen. Frischen Muth, Herr Baron! Sie sind jung und kräftig – noch ist nichts verloren.

Hermann. Ich bin leider, wozu Sie mich erzogen haben, Herr Spitz! Ohne Thatkraft, unpraktisch, unwissend –

Spitz. Unwissend? Und Ihr Griechisch, Ihr Latein? Die Astronomie? Die Botanik?

Hermann. Ja, es ist wahr; Sie haben eine Menge von Kenntnissen in meinen Kopf gepfropft – nun seh' ich es ein: es war weniger, um meinen Geist zu nähren, zu bilden, als ihn zu ersticken, zu tödten. Sie haben Cicero's Periodenbau und Linnée's Nomenclaturen zu Hilfe gerufen, um mich in leeres Formelwesen zu verstricken; Sie haben einen Gelehrten, einen Pedanten aus mir machen wollen – aber Sie haben mich zu keinem Menschen gemacht. Und wenn ich jetzt im Frühling meiner Tage rathlos, hilflos, verlassen dastehe, so tragen Sie die Schuld, Sie ganz allein! Denn Sie haben mir nicht mein eigenes Innere, nicht Menschenseele und Geist, nicht die Blätter der Geschichte aufgeschlossen – Sie haben mich bloß griechisch gelehrt! Sie ließen mich die Staubfäden der Pflanzen zählen, aber Sie lehrten mich nicht den Boden kennen, in welchem sie wurzeln, der mir gehört, das Erbe meiner Väter, das ich bebauen, besäen, befruchten, auf dem ich arbeiten sollte. Sie wiesen mir den Orion, die Cassiopeia, die Sternbilder des Himmels, aber Sie verschwiegen mir, daß unter diesen schönen Sternen meine Unterthanen traurig umherwandeln und klagen – über mich, ihren Herrn, ihren angebornen Beschützer, der sie verkümmern, verderben, verschmachten läßt! Ueber Sie diese Klagen, Herr Spitz! Ueber Sie, über Sie!

Schmerl. Ja, über Sie! – Anhaltender Beifall auf der Linken. Ueber Sie!

Auguste (für sich). Wie feurig er spricht! Ich hätt' ihm's nicht zugetraut.

Hermann. Und nun genug! Ich will fort. – Wo ist mein Hut?

Spitz. Sogleich, Herr Baron – (Eilt ist das Nebenzimmer.)

Hermann. Leben Sie wohl, Herr Blase. Ich gehe, den ersten Schritt zu meiner Befreiung zu thun.

Spitz (kommt zurück mit Hermann's Hut, seinen eigenen verborgen haltend). Hier ist der Hut –

Hermann. Leben Sie wohl – Alle wohl. Die Zeit der Kindheit ist vorüber – nun will ich werden, was ich Andern, was ich mir selbst versprach: ein Mann, ein neuer Mensch! Leben Sie wohl, Alle mit einander! (Ab.)

Spitz. Den neuen Menschen wollen wir für's Erste doch ein Bischen überwachen! (Schleicht ihm nach.)

Auguste (für sich). Er geht – er ist fort –

Schmerl. Der Simplex hat sich vollständig emancipirt – die Rechte ist zur Linken übergetreten – das Centrum ist gesprengt, vollständiger Sieg der Opposition! (Reibt munter die Hände, auf- und abgehend.)

Auguste (wie oben). Er ist fort – was hat er vor? Er ist fort – und hat mich nicht einmal angesehen – (Geht langsam in ihr Zimmer.)

Siebente Scene.

Schmerl. Amalie. Blase (der sich wie erschöpft in den Armstuhl gesetzt).

Schmerl. Victoria! Helfen Sie mir Victoria rufen, Madame Blase-Walter. Victoria, Freudenschießen – Dings da – Te deum –

Amalie. Nicht doch, Herr Schmerl! (Auf Blase deutend.) Der Schwager!

Schmerl (tritt zu ihm). Papa Blase! Nun, wie geht's?

Blase. Wie soll's gehen? Mein Reich ist aus –

Schmerl. Nicht doch, Papa Blase! Ein politischer Charakter darf den Kopf nie verlieren. Munter, frisch! Das Leben ist ja so schön – wie der Dings da sagt –

Blase. Ich habe zu leben aufgehört.

Schmerl (mit einem Blicke auf Amalien). Und ich will erst recht anfangen –

Blase. Ist nicht der Mühe werth. Es ist Alles aus, rein aus, seit ich nicht mehr – (Schreibt in die Luft.) Blase – Blase! – O, warum hab' ich ihn großjährig erklären lassen! – Seit Jahren und Jahren bin ich so sicher und bequem auf meinem Princip herumgeritten, und nun – – Warum hab' ich ihn großjährig erklären lassen! – Herr Schmerl! Frau Schwägerin! Haben Sie's gehört? Reformen! Der junge Mensch will Reformen machen!

Schmerl. Da hat er recht. Was soll er denn sonst machen!

Blase (steht auf). Was er machen soll? Nichts soll er machen. Abwarten soll er – das Gute kommt von selbst.

Schmerl. Das Schlimme leider auch. Wir haben's erlebt.

Blase. Er will Pflanzungen anlegen, neue Bauten herstellen, Sümpfe und Moräste austrocknen – was soll das helfen? s' ist kein System darin – kein System!

Schmerl. Na, hören Sie, Papa Blase, ich denke, die Sümpfe passen in gar kein System.

Blase. Wer sagt Ihnen das? In das meinige haben sie gepaßt. Ich seh' es wohl, die guten alten Zeiten sind vorüber.

Schmerl. Das ist eben das Gute!

Blase. Die neue Generation taugt nichts –

Schmerl. Optische Täuschung, Papa Blase! In fünfzig Jahren wird wieder die gute alte Zeit daraus.

Blase. Nichts wird daraus, sag' ich Ihnen – gar nichts!

Schmerl. Das ist auch möglich!

Blase. Ich sage Ihnen noch mehr; der Welt-Untergang steht vor der Thür, wenn man uns beseitigen will, uns Männer des Bestehenden, der Ordnung.

Schmerl. Sorgen Sie nicht. Wir werden uns zu helfen wissen, wir Männer des Fortschritts, des – Dings da – der Bewegung.

Blase. Bewegung! Fortschritt! Nun hören Sie einmal, Frau Schwägerin! Die Männer des Fortschritts! So sehen sie aus. Wahrhaftig, Ihr kommt mir vor, wie die blinden Pferde in der Tretmühle; die heben immer die Beine, bleiben aber immer auf dem alten Fleck.

Schmerl. Tretmühle? Nun hören Sie einmal, Madame Blase-Walter! – Herr Blase, wollen Sie mich beleidigen?

Amalie. Nicht doch, Herr Schmerl –

Blase. Ei was! Wenn er beleidigt sein will –

Amalie. Nicht doch, Herr Schwager –

Blase. Ich habe dem Herrn längst sagen wollen, daß mir seine modernen Redensarten im höchsten Grade zuwider sind.

Schmerl. Und ich habe den Herrn längst versichern wollen, daß mich das nicht im Geringsten bekümmert.

Amalie. Aber Herr Schmerl – aber Herr Schwager –

Blase. Nun wird's mir klar; der Einwirkung dieses Herrn habe ich es zunächst zu verdanken, daß sich mein Mündel gegen mich empört hat.

Schmerl. Das ist die Schuld des Herrn! Ich rieth Ihnen immer wie der Marquis – Dings da – geben Sie ihm Gedankenfreiheit.

Blase. Was hilft ihm die Freiheit, wenn er keine Gedanken hat?

Schmerl. Was helfen ihm die Gedanken, wenn er keine Freiheit hat?

Blase. Er braucht keine. Er ist nicht reif dafür.

Schmerl. Es gibt Leute, die längst überreif sind.

Blase. Ueberreif? So kann nur Einer sprechen, der kein administrativer Kopf ist.

Schmerl. So kann nur Einer sprechen, der ein – Dings da – ist –

Amalie. Aber Herr Schmerl –

Schmerl. Ja, das ist er!

Amalie. Nein, er ist's nicht!

Schmerl. Ja, er ist's!

Blase. Was bin ich denn eigentlich?

Schmerl. Was Sie sind? Sie sind ein Conservativer.

Blase. Conservativ? Hören Sie's, Frau Schwägerin? Conservativ! Ja, das bin ich – und ich bin stolz darauf.

Schmerl. Stolz?

Blase. Allerdings, Herr Schmerl, allerdings! Denn das ganze Weltsystem, der liebe Gott selber ist conservativ.

Schmerl. Ich behaupte das Gegentheil.

Blase. Die weite Schöpfung beruht auf dem Princip der Stabilität.

Schmerl. Stabilität? Im Gegentheil –

Blase. Lassen Sie mich ausreden! – Ist nicht Alles so geblieben, wie's am ersten Schöpfungstage war? Ist das Firmament nicht stabil? Und die Sonne, der Mond, die feuerspeienden Berge und die vier Jahreszeiten? Spazieren die Planeten nicht beständig in ihrer vorschriftmäßigen Bahn herum? Ziehen sich die Körper nicht an nach dem Gesetz der Schwere, und gibt's irgendwo einen absolut leeren Raum als in gewissen Köpfen? Blöckt das Schaf nicht gerade so wie vor sechstausend Jahren? Und der Löwe brüllt, das Pferd wiehert, die Taube girrt und der Esel yaht! Fressen nicht die wilden Thiere die zahmen, die Raubvögel die kleineren Vögel, diese die Käfer, der Mensch so ziemlich Alles, und die Würmer auch den Menschen? Ist dieses Fressen und Gefressenwerden nicht eigens weise darauf eingerichtet, die Welt zu erhalten? Ist's nicht conservativ? – Ja der Hunger ist das Eine große Lebensmotiv, und die Liebe ist das Andere. Hunger und Liebe erhalten die Welt im Gange, und darum sorgen auch wir Männer der Ordnung immer dafür, daß die Kartoffeln nicht ausgehen, damit die Leute zu essen haben, und sich lieb haben können. Mehr braucht's nicht. Hab' ich nicht recht, Frau Schwägerin? Hab' ich nicht recht?

Amalie. Es scheint wirklich –

Schmerl. Ich behaupte vom Allem das Gegentheil. Ihr wollt die Welt erhalten?

Blase. Ja, das wollen wir.

Schmerl. Warum? Wozu?

Blase. Wir wollen –

Schmerl. Lassen Sie mich ausreden! – Die Welt ist fertig und sie erhält sich von selbst – bloß durch das Dings da – die Bewegung. Freilich, folgte man Euch, so säßen wir wackere Deutsche noch im finstern Urwald, das Bärenfell um die Schulter, verspeis'ten Wurzeln und Eicheln, und wären mit einem Wort – Dinger da – Barbaren. Aber da kam die große Bewegung – die Völkerwanderung – ein Zauberschlag – verschiedene andere Schläge – die neue Welt war da. Die Wälder brennen jetzt in unsern Oefen, aus dem Bärenfell ist ein Salonfrack geworden, aus den Eicheln Thee und Kaffee, und die Barbaren sind gegenwärtig Commerzienräthe, Kammerjunker, Garde-Lieutenants und Börse-Spekulanten – wodurch? Durch die Bewegung. Der physische Mensch muß sich Bewegung machen – das ist das Erste – fragen Sie nur Ihren Arzt – und ein Bischen geistige Commotion kann auch nicht schaden. Darum Bewegung! Nur Bewegung! – Hab' ich nicht recht, Frau Blase-Walter, hab' ich nicht recht?

Amalie. Man sollte meinen –

Blase. Was meinen? Ich bleibe bei meiner Meinung.

Schmerl. Und ich bei der meinigen. Ich sage, es geht vorwärts.

Blase. Und ich behaupte, es bleibt beim Alten.

Amalie. So ist's recht! Meine ein Jeder, was er will: so handelt Ihr Beide, wie es vernünftigen Männern ziemt. Bewegen Sie sich, Herr Schmerl – bleiben Sie stille stehen, Herr Schwager – kümm're sich Keiner um den Andern! Die Welt wird ohne Euch Beide wissen, was sie zu thun hat. Was mich betrifft, so will ich mich zu meiner Tochter bewegen.

Schmerl. Das bewegt mich, Ihnen das Geleite zu geben. Adieu, Papa Blase! Nichts für ungut! Aber ich bleibe dabei: es geht vorwärts. (Beide ab.)

Achte Scene.

Blase (allein). Dann Spitz.

Blase (allein, ihm nachrufend). Nein, es bleibt beim Alten! – Vorwärts? Ohne mich? Ohne uns? Ohne – (Er schreibt in die Luft.) Blase – Blase – das ist unmöglich – pur unmöglich! Denn wir sind eine Nothwendigkeit – eine Natur-Nothwendigkeit. (Wie oben.) Blase – Blase –

Spitz (auftretend). Herr Blase! Wo ist Ihre Nichte?

Blase. Da d'rinnen. – Was sagen Sie, Herr Spitz? Man will uns bei Seite schieben –

Spitz. So scheint es –

Blase. Uns, die wir uns für nothwendig hielten – für unentbehrlich!

Spitz. Das sind wir auch Alle – eigentlich Keiner.

Blase. Aber das Princip! Das System!

Spitz. Wird sich wieder geltend machen.

Blase. Meinen Sie?

Spitz. Lassen Sie mir nur freie Hand, Herr Blase.– gehen Sie auf Ihr Zimmer – warten Sie's ab –

Blase. Abwarten – Sie haben Recht. Abwarten! – Was für ein Zauber in dem Worte liegt! – Abwarten! – Ich gehe. Rufen Sie mich, Herr Spitz, wenn ich wieder nothwendig geworden bin. Vor der Hand wollen wir's abwarten.– abwarten. (Ab in sein Zimmer.)

Neunte Scene.

Spitz (allein). Dann Auguste.

Spitz (allein). Und wir wollen das Eisen schmieden, weil es warm ist. (Klopft an die Seitenthüre im Hintergrunde.)

Auguste (tritt heraus). Sie sind's, Herr Spitz?

Spitz. Ja, mein Fräulein! – Nun, was sagen Sie? Unser Werk gedeiht. Der junge Mann hat sich emancipirt.

Auguste. Es sieht so aus –

Spitz. Es ist so. Der Schmetterling ist fertig.

Auguste. Darum ist er auch weggeflogen –

Spitz. Allerdings. Zum Präsidenten – in's Bureau.

Auguste. Ein Bureau-Schmetterling also! Ist das »des Pudels Kern?«

Spitz. Nicht doch, ich vermuthe, daß er seine Anstellung aufgeben will.

Auguste (rasch). Aufgeben?

Spitz (faßt sie ins Auge). Vielleicht um – gewissen Wünschen zu begegnen –

Auguste. Wer sagt Ihnen –?

Spitz. Mein psychologischer Blick.

Auguste. Das heißt wohl gar –?

Spitz. Daß er in Sie verliebt ist? Allerdings.

Auguste. Verliebt? Und er geht mir aus dem Wege, er sieht mich nicht an –

Spitz. Das macht, er hat seinen Kopf –

Auguste. Das ist richtig!

Spitz. Den muß man ihm zurechtsetzen –

Auguste. Schaden könnt's nicht.

Spitz. Eine Frau vermag das am allerbesten.

Auguste (natürlich). Sagen Sie: ganz allein.

Spitz. Eben d'rum! Es gibt geborne Ehemänner – Hermann gehört darunter – Männer, die es durchaus nöthig haben, unter die sanfte Herrschaft einer Frau zu gerathen – einer klugen, verständigen Frau. Der junge Mensch ist jetzt frei – allein er weiß seine Freiheit nicht zu handhaben; er wird über die Schnur hauen, dumme Streiche machen – darum nehmen Sie sich seiner an, Fräulein, leiten, lenken Sie, bändigen Sie ihn – noch ist es Zeit. (Nach der Mittelthüre lauschend.) Horch!.– Es ist richtig! Die bösen Geister sind schon los – zum Glück besitzen Sie die Zauberformel. Noch einmal, Fräulein, bändigen Sie ihn, eh' es zu spät wird. Wenn Sie Succurs brauchen, ich bin hier in der Nähe. (Links ab.)

Zehnte Scene.

Auguste (allein). Dann Hermann.

Auguste (allein). Ich soll ihn bändigen? Wird's denn nöthig sein? Aber Herr Spitz hat Recht . . . der junge Mensch hat seinen Kopf.

Hermann (rasch die Mittelthüre öffnend, spricht zurück). Habt Ihr gehört? Den Wagen – in einer Stunde – hier vor's Thor. (Eintretend.) Fräulein Auguste!

Auguste. Herr Assessor –

Hermann. Nichts mehr mit Assessor, Fräulein! Ich habe meine Stelle zurückgelegt.

Auguste. Also wirklich?

Hermann. Ihr Wunsch ist erfüllt: ich bin kein kleiner Beamter mehr – gar kein Beamter.

Auguste. Das läßt sich hören –

Hermann. Ich werde mich auf meine Güter begeben – heute noch.

Auguste. Heute noch?

Hermann. Später auf Reisen gehen. –

Auguste. Auf Reisen?

Hermann. Ja, ich will fort – fort von hier – gleichviel wohin! In die weite Welt.

Auguste. Dieser plötzliche Entschluß –

Hermann. Steht fest – unwandelbar fest. (Sich steigernd.) Man soll sehen, daß ich einen Willen habe. Ich werde überhaupt in Zukunft selbstständig auftreten, selbstständig, durchaus selbstständig. (Geht auf und ab.)

Auguste (betroffen). Selbstständig?

Hermann (nähert sich ihr). Zweifeln Sie daran, mein Fräulein?

Auguste (retirirend). Nicht im Geringsten –

Hermann. Niemand soll mich hindern, ein Mann zu sein – ein Mann!

Auguste. Das will ja auch Niemand – aber seien Sie nur mäßig.

Hermann. Mäßig? Nichts da! Ich war lange genug zahm, aber es kommt nichts heraus dabei. Sanfte und geduldige Menschen werden verlacht, verspottet, verhöhnt – nun will ich wild werden, wild – nicht gegen Sie, mein Fräulein! Nicht gegen Sie! Ihnen dank' ich ja meine Selbstständigkeit, meine Energie! Sie haben meinen schlummernden Geist geweckt – zwar durch Lachen, durch Spotten – doch gleichviel! Ich bin jetzt ein Mann – ein Mann – das ist genug. Ich will mich auch in Zukunft nur mit Männern umgeben, ich will arbeiten, wirken, thätig sein, will mich in's Leben stürzen, in die Welt – in eine lebendige, schaffende, in eine thätige, neu gestaltende Welt – – Wär' nur gleich etwas da, das ich neu gestalten könnte! (Er stößt einen Stuhl hart auf den Boden.)

Spitz (steckt den Kopf bei der Seitenthüre herein).

Auguste. Mein Gott! Sie sind ja entsetzlich!

Hermann. Nicht gegen Sie, mein Fräulein, nicht gegen Sie! Aber die Andern! Die Andern sollen mich kennen lernen.

Auguste. Die Andern?

Hermann. Ihr Onkel – Herr Spitz – (Spitz verschwindet wieder.) Herr Dings da – Alle, Alle!

Auguste. Alle?

Hermann. Sie haben nichts zu besorgen – Sie nicht. Sie sind von diesem Augenblicke an frei, Auguste.

Auguste. Frei?

Hermann. Frei, ganz frei.

Auguste. Frei? – Wie verstehen Sie das?

Hermann. Sie sollen Ihren Willen haben – wie ich. Man soll Sie zu nichts zwingen.

Auguste. Mau zwingt mich ja nicht –

Hermann. Doch, doch! Das weiß ich besser. Man will Sie zwingen – aber ich duld' es nicht. Ich werde Sie schützen.

Auguste. Schützen? Gegen wen denn?

Hermann. Gegen – – gleichviel! Gegen die ganze Welt. Ich weiß, was ich zu thun habe. Sie sollen sehen, daß ich Ihr Freund bin, Auguste, Ihr wahrer Freund. Ich war es eigentlich immer.

Auguste. Sie waren es immer?

Hermann. Allerdings. Warum sollen Sie es nicht erfahren? – Sie spotteten des unbeholfenen jungen Menschen, in dessen Inneren sich vielleicht ein reicheres Geistesleben regte als er äußerlich zu zeigen vermochte – Sie stießen ihn zurück – wissen Sie denn, daß er sich schon damals zu Ihnen gezogen fühlte – vor einem Jahre – im ersten Augenblick, als er Sie sah –

Auguste. Schon damals –

Hermann. Ich verbarg mein Gefühl – aus Stolz – aus Angst, lächerlich zu erscheinen – ich lernte Sie näher kennen, und – – doch genug! Sie sind jetzt frei, Auguste, ganz frei.

Auguste (für sich). Mit seiner Freiheit!

Hermann. Ich will nicht weiter an mich denken – nur an Sie. Ist Ihre Mutter zu Hause?

Auguste. Meine Mutter?

Hermann. Oder Ihr Onkel?

Auguste. Mein Onkel? Was haben Sie denn vor?

Hermann. Ihnen zu beweisen, daß ich jetzt selbstständig, daß ich ein Mann bin. Und auch die Andern sollen es erfahren – auch die Andern! (Stößt einen Stuhl auf den Boden, wie oben.)

Auguste. Er ist ganz außer sich! Und das soll Liebe sein –

Elfte Scene.

Vorige. Spitz. Dann Blase. Später Schmerl und Amalie.

Spitz. Fräulein! Brauchen Sie Succurs?

Auguste. Bester Herr Spitz, er wächst mir über den Kopf!

Spitz. Wie, Herr Baron–?

Hermann. Herr Spitz! Gerade recht! (Geht auf ihn los.) Sie such' ich, Ihnen will ich sagen –

Spitz (zieht sich zurück). Sagen?

Auguste. Nur mäßig, lieber Hermann, nur mäßig!

Blase (auftretend). Was für ein Lärmen? – Bester Herr Assessor –

Hermann. Herr Blase! Gerade recht! (Wie oben). Sie wollt' ich finden, Ihnen wollt' ich erklären –

Blase (zieht sich gleichfalls zurück). Erklären?

Auguste. Nur mäßig! Er ist ganz ausgewechselt –

Schmerl (läuft herein, nimmt Augusten beim Kopf). Mein Töchterchen – Ihr Papa!

Hermann (schlägt ihn auf die Achsel). Was soll das, Herr Schmerl?

Schmerl (wendet sich um). Der Brutus! – Was es soll? (Amalien entgegen, die eben eintritt.) Sie ist mein – nach zwanzig Jahren – durch Beharrlichkeit, durch Ausdauer – durch Opposition. Es lebe die Opposition! (Küßt ihr die Hand.)

Blase (näher tretend). Ihr seid also ein Paar geworden? Gratulire. Was meinst Du, liebe Nichte? Du solltest das Beispiel nachahmen –

Schmerl. Ja, ja, nehmen Sie den Brutus. Machen Sie's kurz, Gustchen – wie die Mama. (Küßt Amalien die Hand.)

Amalie (abwehrend). Herr Schmerl!

Blase (ergreift Augusten's Hand, nähert sich Hermann). Liebe Nichte – bester Herr Assessor –

Hermann. Halt, Herr Blase! Es scheint, Sie wollen mir die Hand Ihrer Nichte geben?

Blase. Freilich, freilich! Die Hand meiner Nichte – meiner Tochter – meiner lieben Adoptiv-Tochter, Auguste Blase-Blase. (Will Hermann's Hand ergreifen.)

Hermann. Verzeihen Sie, Herr Blase! Diese Heirat wird nicht zu Stande kommen.

Blase. Nicht? Warum denn nicht?

Hermann. Weil ich auf die Hand des Fräuleins verzichte.

Blase. Wie? Schmerl. Was?

Auguste (halblaut zu Amalien). Mama, er schlägt mich geradezu aus.

Amalie (eben so). Da hast Du's nun!

Blase. Herr Spitz! Er will nicht heiraten. Es ist klar: er hat den Verstand verloren!

Schmerl. Das ist noch kein Beweis.

Amalie (strenge). Herr Schmerl!

Blase. Nicht heiraten! Aber er wird sich besinnen – wird zu sich kommen – bester junger Mann –

Hermann. Genug, Herr Blase. Mein Entschluß steht fest.

Blase. Steht fest! Herr Spitz, was sagen Sie dazu?

Spitz. Daß sich der Herr Baron wie ein Mann benommen hat.

Blase. Wie ein Mann?

Spitz. Er will das Herz eines Mädchens nicht zwingen.

Hermann. So ist es!

Spitz. Er opfert lieber seine eigene Neigung –

Hermann. Herr Spitz –

Blase. Seine Neigung?

Spitz. Ganz gewiß! Denn ich bin überzeugt –

Hermann. Schweigen Sie, Herr Spitz!

Schmerl. Ja, schweigen Sie!

Spitz. Vollkommen überzeugt, daß Sie das Fräulein lieben, Herr Baron.

Hermann. Lieben! Wer sagt Ihnen –?

Spitz (mit einem Seitenblick auf Auguste). Mein psychologischer Blick –

Hermann. Lieben! Lieben! Was verstehen Sie von Liebe? Wie können Sie sich unterfangen von Liebe zu sprechen? Von diesem mächtigen, unergründlichen, unerklärbaren Gefühl, das wie ein Blitz in unser Herz, in unsere Seele schlägt, uns über uns selbst hinaushebt, einen neuen Menschen aus uns macht, einen Menschen voll Kraft, voll Glück, voll Freude, voll Entzücken, voll Seligkeit – und voll Kummer, voll Schmerz, voll Desperation, voll Erbitterung, voll Zorn, voll Wuth – – wahrhaftig, ich könnte Sie erwürgen, daß Sie von Liebe zu sprechen wagen!

Auguste (ergreift ihn unwillkürlich beim Arm). Hermann – – ich fange an mich vor ihm zu fürchten!

Spitz. Lassen Sie nur, Fräulein! Das ist die Krisis.

Hermann (auffahrend). Die Krisis? Welche Krisis?

Auguste (wie oben). Nur mäßig, lieber Hermann! Sie sind so heftig –

Hermann (wendet sich zu ihr). Nicht gegen Sie, Auguste, nicht gegen Sie!

Auguste. Wirklich nicht?

Hermann (heftig). Zweifeln Sie daran?

Auguste (ängstlich). Nein, lieber Hermann – gewiß nicht.

Hermann. Nicht? (Ergreift ihre Hand und drückt sie an sein Herz.) Ach, Auguste!

Spitz (zu Beiden). Versteh' ich nun nichts von Liebe?

Hermann (wieder heftig). Nichts verstehen Sie. (Läßt Augustens Hand los.) Sie sind frei, mein Fräulein – ganz frei.

Auguste. Frei! Schon wieder frei!

Spitz. Wenn sie aber nicht frei sein will!

Hermann. Nicht will?

Blase (tritt dazu). Freilich will sie nicht –

Schmerl. Keine will's – 's ist wie bei der Mama.

Hermann. Nicht will! Wie, Auguste? Sprechen Sie –

Amalie. Praktisch, mein Kind! Nur praktisch!

Schmerl. Wie die Mama –

Hermann. Sprechen Sie, Auguste! Nur ein Wort –

Auguste (mit niedergeschlagenen Augen). Was soll ich sagen? Sie wollen ja in die weite Welt ziehen –

Hermann. Sie stoßen mich hinaus?

Auguste. Wer sagt Ihnen das? Sie sollen reisen, aber Sie sollen wiederkommen – nach einem Jahr – als Mann, als neuer Mensch –

Hermann (mit Augusten beschäftigt). Ich will es werden – ich bin es schon!

Schmerl. Verstanden!

Blase. Herr Spitz! Ist's denn wirklich? Wir sind wieder nothwendig?

Spitz (händereibend). Der Status quo ist hergestellt –

Blase. Es bleibt beim Alten – Blase – Blase –

Schmerl. Nein, es geht vorwärts! Das hat man uns zu danken – der Dings da – der Opposition!

 


 

Anmerkung zu »Großjährig«.

Wie es zuging, daß ein Lustspiel, welches sich im Jahre 1846 offenbar über das in Oesterreich herrschende »System« und dessen Repräsentanten lustig machte, demungeachtet auf die politisch-keuschen Bretter des Hofburgtheaters zu gelangen im Stande war, wird gelegentlich in den »Memoiren« erzählt werden. –

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