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Größenwahn

Johannes Scherr: Größenwahn - Kapitel 1
Quellenangabe
typeessay
authorJohannes Scherr
titleGrößenwahn
publisherMax Hesses Verlag
firstpub1876
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070730
projectid37c9e410
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Für die, welche Vorreden lesen.

Es ist ein ernstes Buch, welches ich hier veröffentliche, ein wahrheitstrenges Buch für ernste Menschen, die in Büchern etwas anderes und besseres suchen als die Befriedigung eines flüchtigen Unterhaltungskitzels.

Daß es von solchen Lesern und Leserinnen, welche der Erörterung fragwürdigster Fragen nicht aus dem Wege gehen, sondern vielmehr einem Autor, der mit dem Eifer, die Wahrheit zu suchen, den Mut, sie rückhaltslos zu sagen, verbindet, aufrichtig zugetan sind, immerhin noch eine stattliche Anzahl gibt, kann ich aus eigener Erfahrung bezeugen.

Bin ich doch in der Literatur meinen eigenen Weg gegangen, habe niemals weder den Tonangebern der Tagesmoden noch den Pythonissen der Teekesseldreifüße nachgefragt und habe weder für das gelehrte Vorder- noch für das gelehrttuende Hinterborneo, weder für den urteilslosen Haufen noch für die blasierte Feinschmeckerei geschrieben. Auch bin ich nie Mitglied einer jener auf Gegenseitigkeit des Geschäftsbetriebes beruhenden Kameradschaften gewesen, welche die Spitze des bekannten Hebelschen Schwankes umgeschliffen haben zu der Maxime: »Lobst du meinen Juden, lob' ich deinen Christen.« Bei allem, was ich schrieb, hatte ich nur mein Volk im besten Sinne vor Augen, d. h. alle Deutschen und Deutschinnen von Kopf und Herz, und ich bin – warum sollt' ich es nicht sagen? es ist ja wahr – gelesen und verstanden worden, soweit Deutsche über den Erdball hin wohnen.

Angesichts dieser Tatsache kann ich es mit dem Achselzucken gebührender Verachtung geschehen lassen, so dann und wann einer aus dem hintersten Borneo aus eigenem Antrieb oder auf Befehl seiner »gnädigen Herren und Oberen« an meinem Wege lauert, um vom hochaufgeblasenen Maulesel der Parteiborniertheit herab mit dem stumpfen Spieße des Unverstandes nach mir zu stechen. Solche Gesellen vom Opportunitätsgesindel muß man in ihrer Obskurität verkommen lassen, ohne ihnen auch nur die Ehre einer Namensnennung anzutun. Was vollends die schwarzen Grunzer und die roten Kläffer angeht, bah! wer wird von solchem Getier etwas anderes erwarten als Gegrunz und Gekläff? ...

Zur Herausgabe des vorliegenden Buches hat mich zunächst ein äußerlicher Umstand veranlaßt. Mein Büchlein »Die Gekreuzigte« sollte im Laufe dieses Jahres in dritter Auflage gedruckt werden. Das brachte mich auf den Gedanken, dasselbe nicht wieder einzeln erscheinen zu lassen, sondern in einer Sammlung von Essays, worin verwandte Probleme behandelt sind. Um die Zahl dieser kulturgeschichtlichen Darstellungen auf vier zu bringen, wurde das Münstersche Wiedertäuferdrama aus meinem »Novellenbuch« herübergenommen, wohinein es, weil strenghistorisch gefaßt und durchgeführt, doch nicht recht paßte.

Warum ich dem Buche den Gesamttitel »Größenwahn« gab, wird, hoff ich, aus dem »Präludium« wie aus den einzelnen Hauptstücken erhellen. Der Titelbeisatz »Vier Kapitel aus der Geschichte menschlicher Narrheit« – rührt davon her, daß die vier mitgeteilten Historien ursprünglich als Abschnitte einer von mir seit langem geplanten »Geschichte der menschlichen Narrheit« gedacht, entworfen und ausgeführt wurden.

Man wird schon zugeben müssen, daß eine solche Geschichte nicht übel am Platze wäre zu einer Zeit, welche so wie die unsere von Schwindel, Selbstüberhebung und Dünkeltobsucht strotzt. Sie darf ja geradezu einen Ehrenplatz ansprechen im Weltnarrheitsbuch, diese Zeit, wo das tolle Dogma vom 18. Juli 1870 möglich war, kraft dessen ein alter Mann, welcher schon sechs Jahre zuvor größenwahnwitzig genug gewesen, mit seinem im »Al Gesù« präparierten Syllabusschwamm die Resultate einer tausendjährigen Kulturarbeit wegwischen und mittels der aus besagtem Schwamm abtröpfelnden »Kanones« die moderne Gesellschaft ins Mittelalter zurückfluchen zu wollen, alle die hierarchischen Hochmutsdelirien der mittelalterlichen Gregore und Innocenze noch überbieten durfte. Und sotaner Riesenschwindel spektakelt keineswegs allein auf der Bühne der Gegenwart, bewahre! Er hat ebenbürtige Mitspieler. Da ist z. B. der gelehrte Größenwahn, welcher auf dem Treibsand irgend einer gerade modischen, mehr oder weniger windigen Hypothese mit »affenartiger Geschwindigkeit« eine neue »Weltanschauung« nach der andern, jedesmal natürlich die »absolut vernünftige, wahrhaft wissenschaftliche und einzig zeitgemäße« Weltanschauung aufschwindelt, bis der nächste, aus einer andern Studierstube kommende Hypothesenwind das anspruchsvolle Kartenhaus wieder umbläst. Da ist auch der Größenwahn der arbeitscheuen Rafferei und Rapserei, welcher sich als »volkswirtschaftliches« Genie und »realpolitisches« Verdienst aufzuspielen weiß mit solchem Erfolg, daß jeder beliebige Schmutzchrist oder Stinkjude, dem es gelungen, die Million oder gar die Milliarde zu erdiebsfingern, als ein dreimal gebenedeiter Apis im papierenen Börsendorado vom unteren, mittleren und oberen Pöbel mit Halleluja und Hosianna umtanzt wird. ...

Leider aber mußte ich die Hoffnung, das geplante große Unternehmen weiterführen und vollenden zu können, fahren lassen, nachdem ich erkannt hatte, daß diese Arbeit für zehn Kulturhistoriker allzu riesenhaft wäre, geschweige für einen und noch dazu grauhaarigen.

Die vier nachstehenden Größenwahngeschichten sind durch drei »Zwischensätze« getrennt, welche eingefügt wurden, damit der Leser ausruhen und von den düsteren Eindrücken, die er etwa von den Hauptstücken empfangen hätte, sozusagen sich erholen könnte.

Ich habe Grund, zu hoffen, daß auch dieses mein Buch sich Freunde werben werde. An Feinden wird und soll es ihm ebenfalls nicht fehlen. Denn alles, was dumm und dünkelhaft, verlogen und windbeutelig, heuchlerisch oder fanatisch, gemein und knechtisch, impotent und neidisch, ist mir feindlich gesinnt, und die ganze Sippschaft der Windfahnen, Gunstbuhler und Kriechkünstler hat einen naturgemäßen Aberwillen gegen meine Schriften.

Das wäre mein Stolz, wenn es sich überhaupt der Mühe lohnte, auf irgend etwas stolz zu sein in dieser närrischen Welt.

Am Zürichberg, Ostern 1876.

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