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Grand'maman

René Schickele: Grand'maman - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorRené Schickele
booktitleGrand'maman und Der Preuße
titleGrand'maman
publisherBuchverlag Der Morgen
printrun1. Auflage
year1978
firstpub
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Grün

Das Kind saß, festgemacht in einem gelblackierten Rollstühlchen, hinter dem Fenstergitter und blickte bald über sich in den Himmel, bald unter sich in die Tiefe.

Wenn es sich vorlehnte, konnte es mit den Fingern die anmutigen Schnörkel des Gitters nachziehen. Das Gitter war eine Arbeit aus Schmiedeeisen, so alt wie das Haus selbst, das aus dem achtzehnten Jahrhundert stammte und hauptsächlich durch Erneuerung seines rosa Anstrichs frisch erhalten wurde. Zum Nachzeichnen des Gitters gebrauchte das Kind nicht einen einzelnen Finger, sondern die ganze Hand. Zwischendurch griff es zur Rassel und ahmte die Geräusche der Welt nach.

Unten in der Tiefe lag der Fluß in seinem gemauerten Bett – für das Kind nur ein Graben, angefüllt mit grünem Wasser.

Die Sonne beschien ihn, Gewitter entluden sich in sein plötzlich verfinstertes Bett, es regnete tagelang, das Wasser nahm zu und wieder ab.

Immer kam der früheste Spielgefährte, der Wind, gelaufen und vergnügte sich damit, die Sonnenstrahlen auf dem Wasser zu Kränzen von kleinen, blitzenden Strudeln zu binden. Sobald sie in genügender Zahl vorhanden waren, sammelte er sie in ein plötzlich daherfahrendes Netz, das halb aus schauernder Luft, halb aus perlendem Wasser bestand.

Nach jedem dieser Windstöße blieb der Fluß undurchsichtig grün, bis das Spiel mit Funkeln und Blitzen von vorn begann.

Wie gewöhnlich, wenn es etwas heftig begehrte, war auf einmal die Mutter da, und das Kind wurde aus dem Stuhl und über das Gitter gehoben.

»Grün«, sagte die Mutter. »Grün, grün!« Sie deutete auf den scheinbar unbeweglichen Fluß. Und da geschah das Unerhörte.

»Ün«, rief das Kind und schwang die Ärmchen.

Die Mutter drückte es an die Brust und küßte es. Es war das erste Wort, womit ihr Kind in die Welt griff.

Durch den Erfolg ermutigt, fuhr sie fort:

»Das ist die Ill. Sag Ill!«

»Ün!« jubelte das Kind. »Ün! Ün!«

In der Tiefe begann gerade wieder das Hüpfen des Lichts auf dem Wasser, und das Kind beugte sich vor und blickte gespannt nach der Brücke. Dort nämlich pflegte das Netz, das die Strudel einfing, mit eins hervorzuschießen.

Das Kind empfand soviel Angst wie Freude, und als der Winddrachen nun richtig heranjagte und die tanzenden Sonnenkringel verschlang, so daß Unordnung und ein allgemeiner Untergang erfolgten, stieß es zwar einen Freudenschrei aus, klammerte sich aber gleichzeitig mit beiden Armen an die Mutter und verbarg das Gesicht an ihrem Hals.

»Was ist denn, Kleiner?« fragte sie. »Was erschreckt dich denn so?«

»Ün«, versetzte das Kind furchtsam.

»Na, gewiß – grün. Das tut doch nicht weh?«

Gleich danach war der Schrecken vergessen. Das Kind sah lachend und mit den Armen fuchtelnd auf das Wasser, wo es wieder Strudel gab und kleine Trichter, angefüllt bis an den Rand mit flüssiger Sonne. Es waren die Augenblicke ungemischter Lust – in die erst allmählich, mit steigender Erwartung des Überfalls, die Schlänglein schauernder Furcht sich einschlichen. An ein offenes Fenster des gegenüberliegenden Hauses trat eine Gestalt, die gleichfalls ein Kind auf dem Arme trug.

»Schau, Robby«, sagte die Mutter, »deine Kusine Lisa. Mach Winke-winke!«

Sie ergriff sein Ärmchen und schüttelte es, und die beiden drüben winkten auf die gleiche Weise zurück.

»Lisa ist schon ein großes Mädchen«, erklärte die Mutter. »Ein ganzes Jahr älter als du, mein Junge. Robby, sag ›Lisa‹«

»Ün! Ün!« rief der Junge und flüchtete an den Hals der Mutter.

Alle Versuche, seine Aufmerksamkeit auf die Gestalten im gegenüberliegenden Fenster zu lenken, mißlangen, und schließlich setzte ihn die Mutter auf den Stuhl zurück, schloß das Querbrett, das ihn verwahrte, küßte ihn auf den dicken runden Kopf und verließ leise singend das Zimmer.

Robert spähte durch das Gitter, und wenn unten ein Wagen vorüberfuhr, ergriff er die Rassel und schwang sie aus Leibeskräften.

Einmal, als er lautlos dem Spiel der Strudel im goldgrünen Wasser folgte, setzte sich eine Schwalbe auf das Fenstergitter.

Sie strich abwechselnd mit dem einen und dem andern Flügel über das Köpfchen, schüttelte sich, fuhr mit dem Schnabel zwischen den Federn herum, als ob sie eilig jedes Stäubchen entfernte, schüttelte sich wieder, glättete mit langsamen, von unten nach oben kämmenden Bewegungen des Kopfes die vorgewölbte Brust, wobei sie sich im Kreise drehte und lustig umheräugte. Als sie nun mit dem Schnabel auch die Krallen zu säubern begann, setzte sich eine zweite Schwalbe auf das Gitter, und sogleich bemühten sich beide, voreinander schönzutun. Sie spreizten schimmernde Flügel, nickten mit den Köpfchen, die nach allen Seiten kleine Sprühfeuer versandten, ihre samtigweiße Brust hob und senkte sich, dazu zwitscherten sie ganz leise und innig.

Auf einmal waren sie weg, und das enttäuschte Kind schluckte ein paarmal, als ob es losweinen wollte. Es stieß aber nur einige piepsende Töne aus, die vermutlich die Schwalbensprache nachahmen sollten.

Die Mutter brachte den Vater. Ein Strahlen aus dunkelblauen Augen, mit dem der Himmel über dem Gitter gleichsam greifbar wurde, verdichtete sich und sank auf das Kind herab. Der Mann kauerte neben dem Fahrstühlchen und begann unverzüglich alles Grün durchzunehmen, das es auf der Erde geben mochte.

»Die Bäume sind?« fragte er und hob den Zeigefinger.

»Ün«, sprach das Kind, der Finger fiel herab, und das Kind wartete gespannt, daß er sich wieder aufrichtete.

»Das Gras ist?«

»Ün.«

So ging es weiter, mit Heben und Fallen des Fingers und dem Strahlen tiefblauer Augen. Gehorsam, still beseligt von der eigenen Aufmerksamkeit, nahm das Kind an der gewaltigen Ausschweifung teil. Die Strenge der Form, in der sie geschah, war womöglich noch ergreifender als der Singsang der kleinen Gebete, die ihm die Mutter morgens und abends vorsprach.

Als das Kind wieder allein war, saß es still versponnen im Nachgenuß des Erlebten.

Ein dumpfes Dröhnen im Haus, das rasch näher kam, weckte es auf, und neben ihm ragte die Köchin Gudula. Sie ragte fast bis an die Decke des Zimmers.

Wo bei andern Menschen ein Ohr war, hatte sie ein rotes Loch – das Kind lehnte sich weit in den Stuhl zurück, um es zu betrachten. Sooft es die Hand hob und mit der Rassel schüttelte, nickte der Kopf in der Höhe. Es war ein schönes Spiel. Die Gestalt blieb unbeweglich, nur der Kopf nickte.

Man konnte das Spiel auch völlig vergessen, und wenn man nach langer Zeit wieder in die Höhe sah, war das rote Loch noch immer da, und wenn man die Rassel nach unten schwang statt nach oben, nickte der Kopf seitlich statt nach vorn.

Nachdem Gudula das vermeldete neue Wort des jungen Herrn persönlich aus seinem Munde vernommen hatte, marschierte sie entschlossen ab, wie sie gekommen war, und trotz der Filzpantoffeln bebte der Fußboden unter ihrem Schritt.

Das Kind kehrte zur Uneigennützigkeit seines Treibens zurück, ahmte mit der Rassel die Geräusche der Welt nach und blickte auf das grüne Wasser in der Tiefe ...

 

Dort unten gab es zu beiden Seiten des Grabens eine Brücke.

Die eine, in deren Höhlung der Wind wohnte, war schmal und den stillen Fußgängern vorbehalten, über die andre rasselten Wagen und jagten Menschen und Fahrräder auf die Seite – furchtverbreitende Ungetüme. Hier wie dort versank der Graben in Finsternis, und je heller die Sonne schien, um so dunkler grub sich das Loch in die Tiefe. Hier und dort war das Ende der Welt.

Oben blieb die Welt offen, wie sich an den Vögeln zeigte, die hin und her kreuzten, ohne daß sich ihnen ein Hindernis in den Weg stellte. In der offenen Welt, und zwar rittlings auf dem Dach des gegenüberliegenden Hauses, hockte der Münsterturm. Ein wunderbares Ding!

Wenn das Kind morgens über das weiße Gitter des Bettes guckte, erkannte es an der Farbe des ragenden Gesteins das Wetter. War der Turm dunkel, begann das Kind mit kleinen, verdrießlichen Rufen, die immer wieder ansetzen mußten, um sich einen Weg in das Nebenzimmer zu bahnen, die dort schlafende Mutter zu wecken. Stand dagegen der Turm, einem rosigen Lichtsturz gleich, im silbernen Himmel, dann krähte es vor Vergnügen – ein Laut, der das Erwachen der Mutter festlich mit Sonne und Himmelsbläue umgab. Und von ihrem »Tu entends, Edouard: Il fait beau« Französ. – »Hörst du, Edouard: Es ist schön.« erwachte der Vater.

Abends drangen die Strahlen der Sonne so stark durch die hohe, schwebende Gestalt des Turmes, daß sie ganz und gar aus feuriger Luft gemacht schien. Es war das letzte, was das Kind an schönen Tagen von der Welt sah, und sicher ging die überschlanke Himmelsblume an solchen Abenden in seine Träume ein.

Oft allerdings verschwand das Münster schier in den Wolken oder war nur als dunkler Strich erkenntlich im Nebel oder blieb gar darin verborgen, Stunden und Tage. Eine graue Angst drückte auf die Straßen und erstickte die Geräusche, die sonst die Stadt mit ihren heitern Lebenszeichen erfüllten. Wie Wehklagen antworteten einander die Stundenschläge der Kirchen, als letzte, fern und dumpf die der Münsterglocke – auch sie wußte keinen Trost für die kleineren Geschwister.

Es kam vor, daß die Mutter an solchen Tagen Licht machte. Sobald die Schritte des Vaters im Flur hörbar wurden und das Kind das vertraute Geräusch mit Strampeln und Singsang begrüßen wollte, löschte sie es schnell aus, und in die Dunkelheit trat ein Riese, auf dessen Wort die Mutter kleinlaut erwiderte und in dessen Gesicht, als es sich zu ihm niederbeugte, das Kind ängstlich nach den Zügen des Vaters forschte.

Er hatte kurzes, braunes, seitlich gescheiteltes Haar, er trug keinerlei Bart. Die dunkelblauen, verschlafenen Augen konnten plötzlich aufstrahlen, und dann erhellte sich die Traurigkeit, die vom Gesicht auf die gedrungene Gestalt überströmte, und der Mann stand wie im Licht. Darauf wartete das Kind.

Alles blieb finster.

»Ein dummer Kerl!« äußerte der Vater, den die Zurückhaltung des Kindes kränkte. »Oder fehlt ihm etwas?«

»Er kann die Dunkelheit nicht ertragen«, antwortete die Frau.

»So rücke den Stuhl ans Fenster.« Sie antwortete nicht. Vor dem Fenster stand ein schwärzlicher Nebel.

Der Mann sagte: »Wenn es nach dir ginge, würde das Haus bei hellem Tag in Lichterglanz erstrahlen.«

»Ja«, gestand leise die Frau.

Der Mann verließ das Zimmer. Eine Tür krachte zu. Eine zweite. Nach einer Weile, im Haus herrschte erschrockene Stille, brach das Kind in Weinen aus.

Wie oft fand der Auftritt statt? Robert wußte nur, daß der Vorfall sich noch wiederholte, als er längst nicht mehr im fahrbaren Stühlchen saß, sondern vor einem ordentlichen Tisch, an dem er seine Schularbeiten machte. Als die Tür zugekracht war, hatte er einmal auf den Tisch geschlagen und gerufen: »Eine Gemeinheit!«, und die Mutter hatte ihm eine zitternde Hand auf den Kopf gelegt: »Nein, Robby, er meint es nicht so. Er ist bekümmert. Wahrscheinlich hat er geschäftliche Sorgen ... Oder Grand'maman hat ihm gesagt – ... Sie will nicht, daß wir tagsüber Licht brennen. Sie sagt, es beleidige den lieben Gott. Der liebe Gott weiß, warum er uns Nebel schickt.«

Sie sprach hastig, und ihr Lächeln flatterte wie ein Vögelchen, das eine Katze erblickt und noch nicht recht fliegen kann.

»Warum fürchtet er sich vor Grand'maman?« hatte er gefragt. »Er ist doch ein Mann!«

»Er liebt sie, mein Junge, er liebt sie! ... Und er liebt mich ... Und, siehst du, Robby, beides geht wohl nicht recht zusammen.«

»Da muß er eben wählen. Ich muß auch wählen zwischen Lisa und Eva.«

Die Mutter rief unmerklich belustigt: »Du Armer! Mußt du wirklich? ... Das ist aber sehr schwer – wie?«

Er zuckte die Achsel und trat mit männlich entschiedenem Schritt an das Fenster.

Sie war gefolgt und hatte ihm den Arm um die Schultern gelegt: »Hast recht, mein Junge. Über so was spricht man lieber nicht.«

Da hatte er ihren Kopf gefaßt und sie wahllos ins Gesicht geküßt, daß sie, erschrocken, schnell das Zimmer verließ.

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