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Wilhelm Heinrich von Riehl: Gräfin Ursula - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleKulturgeschichtliche Novellen
authorWilhelm Heinrich Riehl
year1923
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart und Berlin
titleGräfin Ursula
pages259-326
created20030715
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1856
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W. H. Riehl

Gräfin Ursula.

(1856)


Erstes Kapitel.

Im Schlosse zu Hadamar saß Frau Gräfin Ursula, des Grafen Johann Ludwig von Nassau-Hadamar Gemahlin, und führte die Nähnadel so emsig, daß die Kammerfrau, gleich ihr mit weiblicher Handarbeit beschäftigt, kaum in die Wette nähen konnte. Der erste Blick ließ in der Gräfin die bedeutende Frau erkennen. Mittelgroß, schwächlich von Statur, etwas vorwärts gebeugt, obgleich noch in jungen Jahren, zeigte doch ihr Kopf eine Würde und Hoheit, daß man die nach äußerlichem Maße unscheinbare Erscheinung eine wahrhaft königliche nennen mußte. Das Gesicht war bleich; man sah, häufiges Siechtum lastete auf dem jugendlichen Körper; aber die großen schwarzen Augen strahlten das Bild eines mächtigen Geistes aus, der zu herrschen wußte über die Schwäche dieses gebrechlichen Leibes. Die hochgewölbte Stirn, die kräftig hervortretende, doch nicht übergroße Nase verkündeten die männliche Seele, die in diesem unansehnlichen Weibe wohnte; die feingeschnittenen, in den sprechendsten Linien gezeichneten Lippen ließen die reiche Beredsamkeit ahnen, wie sie je nach Umständen weiblich fein und geistreich oder männlich gewaltig, diesem Munde entquoll. Und doch spielte bei allem Adel, bei aller Hoheit ein Zug des Wohlwollens um diese Lippen, der herzgewinnend jeden Unbefangenen zu der hohen Dame hinzog, als könne sie nur seine Freundin sein.

In einem höchst einfachen Gewand von schwarzem Wollenstoff erschien die Gräfin geschmackvoll zwar gekleidet, doch viel schmuckloser als die Frauen ihres Gefolges und Dienstes. Auch ihr Zimmer bekundete den gleichen Geist strenger Schlichtheit und Sparsamkeit. Wenn sie von ihrem Gemahl, der fürstlichen Glanz und Prunk liebte, zur Rede gestellt wurde wegen des Uebermaßes von Schmucklosigkeit, dann pflegte sie zu antworten, in diesen bösen Zeiten, wo der Bürger verhungere und auch die Fürsten nicht fett würden, zieme es wohl den Gewaltigen, voranzugehen in der Entsagung und sich das Beispiel jenes Alfons von Arragonien zu merken, der, bürgerlich gekleidet und wohnend, zu sagen pflegte, er wolle lieber in der wahren Würde der Gewalt und in Tugend und Sittenstrenge als der erste seines Volkes glänzen, denn durch das Blitzen des Diadems und das Schimmern des Purpurs.

Es war freilich eine böse Zeit, denn es war das Jahr 1629, in welchem Kaiser Ferdinand der deutschen Nation mit dem Restitutionsedikt jenes verhängnisvolle Maigeschenk gemacht hatte, welches den bereits elfjährigen Krieg zu einem dreißigjährigen weiter spinnen sollte.

Da mochte das einfache Gewand, das einfache Gemach der Gräfin wohl zu dem Ernste der Zeit passen. Und dennoch, obgleich das Gemach so einfach, erschien es als ein fürstliches, wie die Gräfin dem ersten Blick als eine fürstliche Dame, obgleich sie schlichter gekleidet war als ihre Kammerfrauen. Die hohen Wände des Zimmers waren schmucklos; die puritanische Strenge der eifrig reformierten Herrscherin verschmähte sinnenreizendes Bildwerk. Dafür zeichnete sich der mit schöner gotischer Steinmetzarbeit gezierte Erker durch eigentümlichen Schmuck aus. An den schmalen Wänden waren Spruchbänder in abenteuerlicher Verschlingung gemalt und auf denselben standen Bibelverse, die sich alle mahnend, ermunternd, drohend auf den fürstlichen Beruf bezogen. Die Füllungen zwischen den Gewölbrippen der zierlichen Decke prangten in tiefblauer Farbe, und Sonne, Mond und Sterne, in Gold aufgetragen, wandelten an diesem Firmamente friedlich nebeneinander. Den Schlußstein der Kuppe aber bildeten vereint das nassauische Wappen mit dem aufsteigenden Löwen und das lippesche mit seinen Schwalben, Sternen und Rosen; denn Gräfin Ursula stammte aus dem Geschlecht der Grafen von Lippe. Im Kreise aber um die Wappen stand der Wahlspruch der Gräfin geschrieben: »Im Glauben fest.« Aus den Fenstern des Erkers, unter denen die Elb, ein Nebenflüßchen der Lahn, vorüberrauschte, blickte man auf die Häuser der Stadt Hadamar. Das Schloß, schon keine Burg mehr, erhob sich inmitten der Stadt, die bürgerlichen Wohnungen überragend, und doch als wäre es aus denselben hervorgewachsen wie das neue Fürstentum aus dem neuen Volkstum.

Die Gräfin saß mit ihrer Näharbeit an einem kunstreichen Tischchen, in den Niederlanden verfertigt und charakteristisch für die Zeit und für den, der es benutzte. Auf der einen Seite war es ein Nähtisch, auf der anderen ein kleines Klavier von drei Oktaven, entsprechend den bescheidenen Ansprüchen jener Tage. Auf dem Brettchen über der Klaviatur, wo wir jetzt die Firma des Fabrikanten zu suchen gewohnt sind, war der Bibelvers eingelegt: »Lobe den Herrn mit Saitenspiel und Harfen.« Und dieser Mahnung entsprechend lag ein Notenbuch mit Psalmen und geistlichen Liedern aufgeschlagen auf dem Pult. Auf der anderen Seite zeigte das Nähtischchen jene unübersehbare Fülle von kleinen Gefächern, Schublädchen, geheimen Kästchen und ähnlichen Dingen, wie sie unsere Vorfahren liebten. Selbst die mit elfenbeinernem Schnitzwerk zierlich eingelegte Elle, die zur Seite am Tische hing, war nicht ohne ihr biblisches Motto. Warnend stand auf derselben der Spruch des Jesus Sirach eingegraben: »Wie ein Nagel in der Mauer zwischen zweien Steinen stecket, also stecket auch Sünde zwischen Käufer und Verkäufer.« Aber nur ein Halbschied des Nähtisches war für Garn, Seide, Nadeln und Scheren bestimmt, die andere Hälfte diente zur Aufstellung einer kleinen Apotheke. Schon der eingelegte Bibelspruch am Rande zeigte diese Bestimmung an: »Der Herr lasset die Arznei aus der Erde wachsen, und ein Vernünftiger verachtet sie nicht.« Die gebildeteren Frauen hatten in jenen Tagen den ärztlichen Beruf, der ihnen als ein Erbteil aus uralter Zeit zugefallen war, noch keineswegs aufgegeben, und an jedem Morgen fanden sich Kranke von nah und fern in den Vorsälen des hadamarischen Schlosses ein, um von der Gräfin Rat und Hilfe zu erbitten.

Freilich in den letzten Jahren waren es nicht bloß Kranke gewesen; Scharen von Notleidenden aller Art drangen in das Schloß, um hier, als bei den Leuten, die an Macht und Rang zunächst nach unserem Herrgott kamen, Rettung zu suchen. In den schlimmsten Tagen war das Schloß förmlich belagert werden von Schwärmen halbverhungerter Menschen, die mit dem herzzerreißenden Rufe »Brot! Brot!« stundenlang unter den Fenstern auf und nieder wogten. Denn wo niemand mehr helfen konnte, da mußte doch der Graf noch Hilfe haben. So meinte das Volk, welches noch den vollen Glauben an die unantastbare höchste Macht und Weisheit des patriarchalischen Fürsten in sich trug. Und der Graf und die Gräfin thaten das Menschenmögliche, diesen Glauben nicht zu Schanden zu machen. Oft schon hatte man den letzten Brotlaib, der im Schlosse war, den Unglücklichen hinausgegeben. An festen Tagen ward Speise unter alle bedürftigeren Einwohner der Stadt verteilt. Täglich wurden die reichlichen Ueberreste der herrschaftlichen Tafel aufs Land hinaus zu Kranken und Schwachen geschickt. Ja, die Gräfin ging selber hin, wo die Not groß war, und oft sah man sie, den Korb mit Speisen und Arzneien selbst im Arm tragend, zu den Häusern der Kranken und Armen eilen.

Es war noch keine eigentliche Kriegsverwüstung über das hadamarische Land gekommen. Aber die steten Truppendurchmärsche, Einquartierungen, Requisitionen und Kontributionen, die sich seit zehn Jahren ununterbrochen gefolgt, drückten härter als der unmittelbare Krieg. Dazu kamen Mißjahre und ihr natürliches Gefolge, Seuchen. Auch heuer war alles übel geraten. Das Korn stand meist so licht, daß man zwischen den Halmen spazieren gehen konnte. Das Obst war nicht gezeitigt. Hanf und Flachs waren so klein geblieben, daß die Fasern, wie der Bauer pfiffig zu sagen pflegt, nur für Kinderhemden langten, nicht für ein großes Mannshemd. Mastvieh war in der Gegend so rar, wie heutzutage ein Hirsch oder Reh, und ward, wo sich ein Stück blicken ließ, von den Soldaten nicht minder eifrig gejagt.

Unter diesen schwierigen Umständen entfaltete Graf Johann Ludwig eine ebenso bewunderungswürdige Thätigkeit als kluger Fürst, wie seine Frau als Mutter der Armen und Kranken. Schlauen Geistes, gewandt in den Formen, glatt, beredt, mit Glanz und Geld imponierend, wo es nötig war, rastlos geschäftig, wußte er mit allen kriegführenden Parteien sein Abkommen zu treffen und, wenn es auch nicht immer gelang, doch in gar vielen Fällen die schwerste Last der Durchmärsche, Einlagerungen und Gelderpressungen von seinem Ländchen abzuwälzen. Sah es trotzdem so schlimm in der beneideten hadamarischen Grafschaft aus, um wieviel schlimmer noch mußte es in den angrenzenden Gebieten stehen! Johann Ludwig erntete für seine Klugheit und seinen Eifer, der ihn oft monatelang nicht aus dem Sattel kommen ließ, das volle Maß der Volksbeliebtheit. Man sagte damals nicht mit Unrecht, der hadamarische Graf könne seine Grafschaft an einem Haar weiter ziehen, als andere Fürsten ihr Land an Ketten. Er sollte bald Anlaß haben zu erproben, wie weit er sein Land nach sich ziehen könne.

Wir kehren zurück in das Gemach der Gräfin Ursula.

Sie hatte auf eine Weile die Arbeit aus der Hand gelegt und den Deckel über das kunstreiche Nähtischchen geworfen. Ein banges Träumen und Sinnen überkam sie. Doch jetzt nicht zum erstenmal, es war ihr schon öfters so ergangen in den letzten Tagen. Ihr Gemahl war nach Wien gereist, um dort die Ungnade des Kaisers von sich und den Grafen von Nassau-Diez und Nassau-Dillenburg abzuwenden; denn man hatte ihnen vor dem Reichshofrat allen Ernstes den Prozeß zu machen begonnen, weil sie dem Kurfürsten von der Pfalz zehn Lehenreiter ins Feld gestellt. Außerdem wollte Johann Ludwig Erleichterung für sein in der letzten Zeit von den Kaiserlichen wieder schwer geplagtes Land unmittelbar am Throne des Kaisers erwirken.

Nun war seit vielen Wochen kein Brief des Grafen nach Hadamar gekommen, noch sonst eine Kunde von ihm. Dagegen hatten vor vierzehn Tagen die kaiserlichen Offiziere die strengste Ordre erhalten, das Land thunlichst zu räumen, alle Naturalrequisitionen zu bezahlen und überhaupt die Grafschaft Hadamar in jedem Betracht zu schonen als Freundesland. Also war der Aufenthalt des Grafen in Wien vom glänzendsten Erfolg begleitet, und dennoch ließ er nicht eine Silbe von sich hören.

Das mochte die Gräfin wohl nachdenklich machen. Unheimlich fast berührte sie's, daß sie eben jetzt ihren Blick gar nicht abwenden konnte von dem Deckel des Nähtisches, in dessen Mittelschild ihr Wahlspruch geschrieben stand: »Im Glauben fest.« Immer aufs neue mußte sie heute diese Worte lesen und ihnen nachgrübeln, sie wußte selbst nicht warum.

Da wurde sie aus ihrem Sinnen durch die Meldung geweckt, daß Pfarrer Niesener aus dem benachbarten Rennerod in wichtigen Dingen um Gehör bitte.

Die Gräfin kannte den Pfarrer wohl, denn namentlich an den kleineren protestantischen Höfen bildeten damals die Geistlichen ein Hauptelement der Geselligkeit, und sowohl in den engeren Zirkeln wie bei den großen Gelagen durften sie vor anderen sich erlauben, ein kühnes, freimütiges Wort in die Unterhaltung zu werfen.

Der Pfarrer trat ein, artig und unterthänig in seinen Manieren und dennoch fest und zuversichtlich, wie einer, der des Umganges mit den Großen dieser Welt gewohnt ist.

Die Gräfin begrüßte ihn herzlich und hieß ihn niedersitzen. »Ihr wollt von wichtigen Dingen reden? Fast habt Ihr mich erschreckt mit diesem Wort.«

»Von den wichtigsten Dingen, meine gnädigste Gräfin, die sich seit Jahr und Tag, seit mir's gedenkt, ereignet haben.«

»Ihr habt Kunde vom Grafen! Schlimme Kunde! O, sprecht sie aus, ohne Umschweife, ohne Einleitung. Der Herr hat mich stark gemacht in meiner Schwachheit.«

»Ich habe Kunde vom Grafen. Er befindet sich gesund und wohl in Wien. Aber so kann ich meinen Bericht nicht anfangen. Erlaubt, gnädige Gräfin, daß ich weit aushole, um der Sache willen, wie um Euretwillen, daß ich, wie ein geschwätziges altes Bauernweib, von dem scheinbar Fernsten und Gleichgültigsten ausgehe. Wenn ich's nicht in der Ordnung erzählen kann, dann bringe ich gar nichts heraus, was ich Euch sagen muß.«

Die Gräfin lächelte und winkte zustimmend. »Ich bin schon in Geduld gefaßt. Redet, wie Ihr's Euch ausgedacht, wie es Euch ums Herz ist. Ich will schweigen und folgen wie ein Lamm.« Als sie, innerlich erbebend, daß sie kaum die Fassung behalten konnte, diese Worte gesprochen, blickte sie wieder auf den Tisch und auf den Spruch: »Im Glauben fest.« Aber jetzt war es ihr mit einemmal nicht mehr unheimlich, über denselben zu grübeln; die Worte leuchteten ihr vielmehr entgegen wie ein helles Licht des Trostes und gaben ihr Kraft und Mut zurück, den Pfarrer ruhig anzuhören.

Derselbe begann: »Ein Vetter des Pfarrers Textor in Mengerskirchen ist, wie Euer gräfliche Gnaden wohl wissen, mit dem gnädigsten Herrn Grafen als Sekretär nach Wien gegangen. Er ist ein feiner Kopf, ein ausgelernter Jurist, dazu ein wahrhaftiger Mann, auf dessen Wort man Häuser bauen darf. Dieser hat einen Brief, so dick wie ein kleines Buch, nach Mengerskirchen geschrieben voll unerhörter und doch gewiß glaubwürdiger Nachricht über das, was sich im letzten Monat in Wien zugetragen. Der Brief jagte dem Pfarrer Textor einen solchen Schrecken ein, daß er ihn gar nicht für sich allein zu behalten wagte; er berief darum die Geistlichen der ganzen Umgegend zusammen, um ihnen das Schreiben mitzuteilen und zu fragen, wie man dessen Inhalt vor Euer gräflichen Gnaden bringen solle. Aber ich muß noch etwas weiter ausholen.«

»Ihr seid grausam gründlich, Niesener! Doch ich habe Geduld gelobt,« sagte die Gräfin, kaum ihrer Sinne mächtig.

»Ja, harret aus in der Geduld, Ihr werdet sie brauchen und wir werden sie brauchen!« rief der Prediger, von seinem Sitze sich erhebend im hohen priesterlichen Ton. »Selig, wer beharret bis ans Ende! Dort steht der Spruch geschrieben, der jetzt der rechte Wahlspruch ist: Im Glauben fest. – Doch ich will ruhig erzählen; höret mich ruhig an.

»Schon in Koblenz hat sich der gnädige Herr Graf gerne mit den Jesuiten herumgestritten; er ist ein beredter Herr; er disputiert gerne, denn er disputiert keck, den Gegner blendend, siegreich, ehe man die Hand umdreht. Da imponierte ihm die verschmitzte Dialektik der Jesuiten gewaltig, ihre feinen Ausfälle und Finten im Redegefecht, ihre schillernden Scheingründe, ihre bestrickenden Trugschlüsse. Er disputierte mit ihnen, aber er bewunderte und beneidete sie wie ein guter Fechter den besseren. Auf der Reise nach Wien stieß der Herr Graf in Mainz auf den Jesuiten Ziegler, den Beichtvater des Kurfürsten. Da gab es sogleich wieder ein theologisches Turnier und gewaltiges Lanzenbrechen. Der Jesuit spürte schon, daß der streitlustige hohe Herr nicht so ganz fest im zwinglischen Sattel saß, und schrieb flugs an seinen hochberühmten Kollegen in Wien, den Pater Lämmermann, des Kaisers Beichtvater, und empfahl den ritterlichen Herrn den Schlingen seiner Dialektik aufs dringendste. So schob ein Jesuit meinen gnädigsten Grafen dem anderen zu, und Euer Gemahl kam aus bloßer Streitlust dahin, daß er sich zuletzt diesem und jenem katholischen Lehrsatz anbequemte und glaubte doch ein guter reformierter Christ zu bleiben. Es ist schon lange allerlei Gerede darüber umgelaufen, daß selbst Graf Moritz, Euer Herr Schwager, ausrief: ›Man spricht gar wunderlich von meinem Bruder; der Teufel mag die Accommodisten holen.‹ Das ist soldatisch roh gesprochen, aber im Grunde hat er doch recht. Nehmt mir's nicht übel, gnädigste Gräfin; ich rede hier rückhaltslos, ohne Menschenfurcht, nur meinem Gott verantwortlich, wie es der Herr fordert von einem Prediger seines Evangeliums.«

»Ich sage Euch ja, ich bin geduldig wie ein Lamm,« erwiderte die Gräfin mit erstickter Stimme. »Aber weiter, weiter! Ich weiß ja schon alles, was jetzt kommen wird. Ihr gewinnt einen Gotteslohn, wenn Ihr mich nur um ein kleines rascher foltert.«

Der Pfarrer fuhr fort: »In Wien richtete der Herr Graf anfangs nichts aus beim Kaiser mit seinen Mahnungen, Wünschen und Bitten. Er dachte schon an die Heimreise. Da schlug eines Tages der rauhe Nord kaiserlicher Ungnade so plötzlich in den Zephyr der zärtlichsten Gunst um, daß es kein Mensch sich enträtseln konnte. Es hatte aber inzwischen ohne Zweifel Pater Lämmermann die Briefe des Pater Ziegler empfangen und dem Kaiser gemeldet, daß hier eine Seele und obendrein die Seele eines vielberühmten Reichsstandes wieder einzufangen sei in das papistische Netz. Wo aber Ferdinandus dergleichen wittert, da hat er nicht Ruh' noch Rast; er ist ein Seelenfischer, so eifrig daß man ihn einen wahren Petrus des Teufels nennen könnte, besonders wenn es große Herren zu fangen gilt, die Geld im Säckel haben und Kriegsvolk in ihren Festen. Der gnädigste Herr Graf ward eingeladen zur feierlichen Grundsteinlegung eines Mönchsklosters auf dem Kalenberg, die der Kaiser selbst vornahm, und nach der Feierlichkeit speiste er ganz allein mit der Majestät und dem Pater Lämmermann. Es mögen dem Herrn Grafen glänzende Bilder vorgehalten worden sein, als er so mit dem Kaiser allein war, glänzende Bilder der staatsmännischen Laufbahn, auf welche sein Ehrgeiz steht. Der Sonnenschein ist ohnedies jetzt auf des Kaisers Seite. Da ist Ehre zu gewinnen, Reichtum, Land, und Volk; und wir Protestanten sind ja dermalen arme, geschlagene Leute. Und mit dem Pater Lämmermann muß bei jener Tafel auch wieder weidlich turniert worden sein in geistlichen Streitfragen, und der mit allen Hunden gehetzte Pater scheint meinen gnädigsten Herrn zuletzt ganz sattel- und bügellos gemacht und ihm das Schwert an den Hals gesetzt zu haben, daß er sich für völlig überwunden erklärte. Sieben Stunden sollen sie disputiert haben in einem Atem. Der Herr Graf ging gar nicht zurück in die Stadt; er quartierte sich vielmehr sogleich ins Profeßhaus der Jesuiten. Dort sind sie, als in des Teufels Hofburg, längst auf hohe Gäste eingerichtet. Sie haben ein eigenes Fürstenzimmer, in welches sich unser gnädigster Herr Graf sieben Tage lang einsperrte. Sieben Tage lang disputierte er ohne Unterlaß mit den Jesuiten, solange nur Kopf und Atem aushielt. Er würde nicht zum Essen gekommen sein, denn auch über Tisch wollte er mit dem ihn bedienenden Bruder disputieren, wenn man ihm nicht die Bedienung ganz entzogen und die Speisen samt und sonders auf die Tafel gestellt hätte, ihn dann ganz sich selbst überlassend, damit er nur auf drei Minuten sich verschnaufe. Obgleich ihn nun die Jesuiten schon fast ganz bekehrt oder richtiger verkehrt hatten, konnte der Graf sich doch der tiefsten Scham nicht erwehren bei dem Gedanken, wie er nun seinen Brüdern und Verwandten gegenübertreten würde als Ueberläufer zu einer so verhaßten Religion. Darum hat er auch den Mut noch nicht gefunden, an Euch zu schreiben. Da sperrte er sich noch ein paar Tage ein im Fürstenzimmer, mit diesen Gedanken sich quälend. Die Jesuiten boten alle Kunst auf, ihm dagegen den Ruhm und die Ehren auszumalen, welche seiner als eines Katholiken von seiten des Kaisers warteten:

»Des Voglers Pfeif' gar süße sang,
Als er thäte den Vogelsang.«

Da soll eines Tages ein Wunder geschehen sein, fast ein Seitenstück zu der Bekehrung des Saulus, indem den gnädigen Herrn Grafen, während eben eine Messe für ihn gelesen wurde, plötzlich ein Schauder überlief, daß seine Gebeine wankten und zitterten und ein Lichtstrom sein Inneres durchfloß, daß ihm alle Zweifel schwanden und er den in der katholischen Kirche allein gegenwärtigen Gott gleichsam mit Händen zu greifen glaubte. Er sprang auf, lief zu dem auf dem hohen Chore messelesenden Priester und rief: ›Mein Vater, ich bin katholisch; in diesem Glauben will ich leben und sterben!‹ Die Jesuiten wußten den Augenblick beim Schopf zu fassen; der Pater Lämmermann nahm dem Neubekehrten die Beichte ab, und am Tage Mariä Geburt – –«

»O haltet ein! Helft meiner gnädigen Frau! Sie sitzt starr und tot in ihrem Stuhle!« rief die Kammerfrau und sprang an die Apotheke des kunstreichen Tisches.

Der Pfarrer faßte die Gräfin bei der Hand; er schüttelte sie, er rief sie an. Sie blieb starr, bleich, regungslos.

Aber die starken Essenzen führten allmählich das Leben zurück.

Nur eine kleine Weile schaute die Gräfin unstet umher, als wolle sie sich zurechtfinden über das Vorgefallene. Dann erhob sie sich langsam, in voller Ruhe und Majestät, heftete ihr großes, durchdringendes Auge fest auf den Pfarrer und sprach: »Der Geist und der geistigste Sinn des Ohres kann noch lebendig sein, wenn auch der ganze Mensch bereits in Erstarrung versunken erscheint. Ich habe alles klar vernommen. Vollendet ohne Scheu, ohne Schonung: ›Und am Tage Mariä Geburt – –‹«

»Und am Tage Mariä Geburt,« fuhr der Pfarrer fort, langsam die Worte wägend und mit erhobener Stimme, als müsse der letzte Tropfen des Kelches, der bitterste, am langsamsten getrunken werden, »schwur Graf Johann Ludwig von Nassau-Hadamar den Glauben seiner Väter ab und trat über in die Kirche des Papstes. Ich bin zu Ende, so stehet alles in dem Briefe geschrieben.«

Die Gräfin saß schweigend in ihrem Sessel. »Ich bin ein Weib,« rief sie, »und habe doch keine Thränen. Das Unglück, welches Gott über mein Haus und mein Land verhängt, ist zu groß, als daß man darüber weinen könnte.«

Da Niesener solches hörte, faßte er sich ein Herz und sprach weihevoll wie ein echter Priester des Herrn: »So weiß ich auch, daß du treu bleiben wirst der reinen Lehre, daß du nicht dulden wirst, daß ein Mensch sich zwischen dir und deinen Gott stelle und sei es auch dein eigener Eheherr. Auf dir steht unsere Hoffnung; Glück und Unglück des ganzen hadamarischen Landes ist doch zuletzt in deine Hand gelegt. Sei eingedenk des Wortes: Wo du dich zu mir hältst, will ich mich zu dir halten, spricht der Herr!«

Die Gräfin deutete auf ihren Wahlspruch und sprach fest: »Dies ist mein Bekenntnis. Mit Gottes Hilfe werde ich ausharren. Wo es aber sein müßte, da wollte ich mich lieber von meinem Eheherrn scheiden, das Land quittieren und als eine Bettlerin wieder heimziehen in die väterliche Burg, denn daß ich abtrünnig würde vom Glauben meines Hauses.«

Drauf sagte Niesener treuherzig: »So habe ich denn nur noch eine Bitte, die mich selbst betrifft. Seht, gnädigste Gräfin, als wir Geistlichen versammelt waren, und alle einmütig der Ansicht, daß Euch vor allen der Inhalt des traurigen Briefes mitgeteilt werden müsse, da wollte sich unter den vielen beredten Männern dennoch keiner finden, der diese Botschaft übernommen hätte. Jeder fürchtete die natürliche Ungnade, die den Boten einer solchen Hiobspost treffen müsse, und jeder schützte seine Unbehilflichkeit vor, auf dem Boden fürstlicher Zimmer im rechten Schritt zu gehen. So blieb die Sache zuletzt an mir hängen, wie das mit mißlichen Dingen gewöhnlich zu geschehen pflegt. Darum wollte ich nun Euer hochgräfliche Gnaden bitten, mir nicht gram und ungnädig zu werden, weil ich ein so schlimmer und rauher Bote gewesen bin. Es ist doch alles nur meiner gnädigen Gräfin zulieb geschehen und unserem Glauben und unserem Land zum Frommen. Ich selber habe ja nur Herzklopfen und Todesangst von der Sache gehabt und eine schlaflose Nacht.«

Die Gräfin faßte lächelnd seine Hand. »Seid im Gegenteil versichert, solange ich lebe, will ich Euch vor anderen in Gnaden gewogen bleiben. Ihr waret ein rauher Bote, aber ein wahrhaftiger, getreuer, und habt mich getröstet und gestärkt mit wenigen Worten, wie nie ein anderer Prediger mit den längsten Reden. Das soll Euch unvergessen sein. Und wenn, wider Vermuten, die reformierten Pfarrer sollten des Dienstes entsetzt und außer Landes gejagt werden, dann will ich im Gedächtnis dieser Stunde alles dafür einsetzen, daß Ihr in den lippeschen Landschaften eine neue Kirche und einen neuen Herd findet.«

Mit diesen Worten entließ sie den Geistlichen.

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