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Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre

Ossip Schubin: Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorOssip Schubin
titleGräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre
publisherVerlag von Georg Westermann
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070226
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Wenn die blonde Frau eine Ahnung davon gehabt hätte, welche starke Wirkung ihre spitzfindigen Auslassungen auf den schwankenden, charakterschwachen Künstler gemacht hatten, so hätte sie es gewiß nicht notwendig gefunden, sich ins Wasser zu stürzen. – Ein paar letzte kaltblütige Darlegungen der Situation hätten ihn dazu gebracht, sein Vorhaben aufzugeben. Aufgeregt, entmutigt, ganz und gar eingeschüchtert durch die Bedenklichkeiten und Schwierigkeiten der Situation, heimlich stark zurückdrängend nach den Ausgelassenheiten und willkürlichen Genugtuungen seines alten Lebens, von einer unbeschreiblichen nervösen Unruhe hin und her gezerrt, hatte er sich zu keinem festen Entschluß aufraffen können und war dann im letzten Moment auf die Bahn geeilt – weil die ihm zu Gebote stehende Zeit verstrichen, ehe es ihm gelungen war, einen anderen Ausweg aus der Situation herauszuklügeln. –

Die ganze veredelnde Welt- und Lebensauffassung, die ihn in den letzten Wochen aus sich herausgehoben hatte, war in ihm erstorben, nichts übriggeblieben von seiner Liebe zu Erika als ein wahnsinnig quälender Durst.

Kaum, daß er den Bahnhof erreicht und die Billette gelöst hatte, spähte er gierig nach ihr aus. – Seine Fingerspitzen brannten und die Nerven zitterten ihm in allen Gliedern. –

Sie war nirgends zu erblicken. Fünf Minuten vergingen. Sie kam nicht.

Das erste Läuten erschallte. Keine Erika. Tief verstimmt von ihrem Zögern, mit trockener Zunge und heißen Augen trat er auf die bereits in die Lagune hinausführende Vortreppe des Bahnhofs und sah über das trübe grüne Wasser hinüber. Von jeder näher schwebenden Gondel sagte er sich: »Ah! da ist sie!«

Wenn eine verschleierte Frauengestalt ausstieg, stürzte er auf sie zu. Immer irrte er sich, nicht ohne sich ein- oder zweimal eine derbe Zurechtweisung zuzuziehen.

Glücklicherweise begegnete er keinem einzigen Bekannten – überhaupt war der Zug dürftig besetzt.

Das zweite Läuten schrillte durch die Halle. Die wenigen Passagiere hatten sich in die Kupees verfügt, die Träger schoben bereits das Handgepäck hinein. Die Schaffner schlossen die Kupees; die Abreisenden standen an den Fenstern der Wagen und reichten denen, die sie begleitet, ein letztes Mal die Hände oder winkten ihnen Abschiedsgrüße zu.

Das dritte Läuten ... ein schriller Pfiff ... stöhnend und pustend dampfte der Zug ab. Sie war nicht gekommen!

Eine maßlose Enttäuschung rüttelte an ihm – eine Enttäuschung, in die sich ein großer Zorn mischte und die sich bis zum nervös-physischen Schmerz steigerte. »Sie hat den Mut verloren, im letzten Moment hat sie den Mut verloren!« sagte er sich. Gleich darauf versuchte er sich zu trösten: »Vielleicht kommt sie mit dem nächsten Zug, es war ja anfangs zwischen uns die Rede von dem Halb-zehn-Uhr-Zug,« sagte er sich. Und er wartete.

Aber irgend etwas sagte ihm, daß er vergeblich warte. Alle poetischen Erinnerungen an sie verblaßten. Er erinnerte sich nicht mehr, daß er selbst einen Augenblick gezögert hatte. Er konnte einfach nicht Worte genug finden, sie zu schmähen. Sie war allein an allem schuld. Ihre Begeisterung hatte alle Schranken niedergerissen zwischen ihr und ihm – und jetzt, jetzt war sie einfach feig. Wahrlich, es lohnte sich nicht, ein Stück so herrlich in Szene zu setzen, das doch nie zur Ausführung gelangen sollte! Wie dumm war er gewesen, nur einen Augenblick zu glauben, daß es möglich sein könnte, es aufzuführen; er hätte es doch wissen müssen, daß es im letzten Moment von der Zensur gestrichen werden würde!

Der zweite Zug fuhr ab. Er verließ den Bahnhof.

Es mochte gegen zehn Uhr sein, als er den Schlüssel in die malachitgrüne Tür zu seiner Wohnung steckte und quer durch den kalten Gang in das Gärtchen trat. Der Mond stand am Himmel, das Buschwerk des Gärtleins warf pechschwarze Schatten zwischen das bläulichweiße Licht, das die Wege und Rasenplätze überschimmerte. Die Luft war warm, die Wege waren mit abgefallenen Rosenblättern bestreut, der Frühling hatte sein Gewand abgestreift, eine durstige Müdigkeit lag über der ganzen Natur.

Lozoncyis Mund war trocken, rote Punkte flimmerten ihm vor den Augen. Da hörte er hinter sich einen leisen Schritt. Er wendete sich um – wie festgerammelt im Boden blieb er stehen.

»Erika!«

Sie kam auf ihn zu, sehr blaß, mit großen, traurigen Augen; sie trug ein einfaches schwarzes Kleid, ihr Kopf war bloß, ihr goldenes Haar schimmerte im Mondschein.

»Erika!« rief er heiser, ohne ihr einen Schritt entgegenzugehen. Er hielt sie für ein Wahnbild, das seine Sehnsucht in die Nacht gezaubert. Aber immer näher kam sie auf ihn zu; jetzt fühlte er die Wärme ihres jungen Lebens neben sich. »Also sind Sie's wirklich?« murmelte er. »Ich dachte, es sei ein Trugbild, das mich foppt. Was tun Sie hier?«

»Kein Wunder, daß Sie fragen,« antwortete sie ihm leise wie beschämt. »Ich bin gekommen, um Abschied von Ihnen zu nehmen.«

»Abschied!« stieß er hervor. »Sie kommen zu mir mitten in der Nacht, um Abschied von mir zu nehmen...« Die Sprache versagte ihm. Alles drehte sich um ihn herum; sein Begriffsvermögen blieb einfach stehen. »Erika! meine Erika!« murmelte er.

Er trat knapp an sie heran und streckte die Arme nach ihr aus; sie wich vor ihm zurück.

»Es ist alles zu Ende zwischen uns,« sagte sie matt, »es kann nicht sein.«

Er zuckte zusammen; sie merkte es, wie er aschfahl wurde in dem grellen Mondschein.

»Zu Ende?« stieß er hervor. »Das ist nicht möglich, Erika! Was soll das? haben Sie mir nicht meine Selbstbeherrschung genommen und wollen mich nun im letzten Moment im Stich lassen? Ich kann's nicht von Ihnen glauben, Erika!« Es war ein leidenschaftliches Flehen in seiner Stimme. Die Nacht war lau und duftig. Wieder streckte er den Arm nach ihr aus. Sehr sanft, aber bestimmt wies sie ihn ab.

»Lassen Sie mich,« bat sie. »Es ist etwas Schreckliches geschehen – ich muß es Ihnen sagen so schnell als möglich – aber ich halte mich nicht mehr auf den Füßen!« Zitternd vor Aufregung und Müdigkeit legte sie die Hand auf den Ast eines rosendurchwucherten Maulbeerbaumes, um sich zu stützen, und wie sie es tat, schauderte der Baum, und eine Wolke von weißen Rosenblättern sank zur Erde nieder. Alles um sie herum welkte! Wie schwül die Nacht war!

Sie setzte sich auf die Bank unter dem Maulbeerbaum, über ihr der dunkle Nachthimmel, aus dem der Mond hemusleuchtete, zu ihren Füßen das welke Blütenkleid des Frühlings.

»Ich war auf dem Wege zur Bahn,« begann sie. »Ich wäre pünktlich gewesen, wer weiß, vielleicht hätte ich mich früher eingefunden als Sie. Ich war überzeugt davon, daß ich recht täte. Der Weg zur Bahn führt an Ihrem Hause vorüber. Meine Gondel hatte die Brücke, die sich über diesen Kanal spannt, noch nicht erreicht, als ich das Wasser aufrauschen hörte. Eine Frau hatte sich aus einem Hause ins Wasser gestürzt. Ich war außer mir, Sie können sich das vorstellen. Augenblicklich schoß mir's durch den Kopf, daß es Ihre Frau gewesen sein könne. Ich flehte meinen Gondolier an, sie zu retten. Er rettete sie. – Es war wirklich Ihre Frau, und ich sagte mir, daß ich sie in den Tod gejagt. Sie lag da zu meinen Füßen in der Gondel, mit Schlamm und Algen bedeckt – schrecklich! Ich brachte sie nach Hause. Wir schleppten sie die Treppe hinauf und brachten sie zu Bett, dann riefen wir sie in das Leben zurück. Das gelang uns verhältnismäßig leicht; aber kaum hatte sie die Augen aufgeschlagen, so verzerrten sich ihre Züge, sie rang röchelnd nach Atem – Ich schickte Lucrezia nach dem Arzt, indes ich bei der Kranken blieb. Lucrezia kam lange nicht, und als sie kam, brachte sie keinen Arzt. Die Unglückliche war ruhiger geworden, aber ich konnte sie nicht zum Reden bringen. Mit geschlossenen Augen lag sie unbeweglich. Und auf einmal öffnete sie die Augen. Da hörte ich Ihren Schritt. Sie hatte ihn früher vernommen als ich. Ich verstand alles. Sie hat ein stärkeres Anrecht auf Sie als ich. – Ich hab' kein Recht, ihr zu nehmen, was ihr gehört. Verzeihen Sie mir – und leben Sie wohl!« Sie hatte sich von der Bank erhoben und streckte ihm die Hand entgegen; ihre Augen standen voll Tränen.

Er nahm ihre Hand nicht. »Und das ist alles, und daraufhin wollen Sie sich von mir lossagen?« rief er heftig. »Aber das ist ja kein Grund, nicht der geringste; die Teufelin da oben hat Ihnen eine Komödie vorgespielt, nichts weiter! Merken Sie denn das nicht? Sie hatte unser Vorhaben erraten, sie hat Ihnen aufgelauert... sie hatte gar nicht die Absicht, sich das Leben zu nehmen!«

»Ich weiß nicht« – Erika legte die Hand an die Stirn. »Der Kanal war tief an der Stelle, sie hätte immerhin mit dem Leben büßen können für ihren Versuch. Und wie hätt' ich dann weiter existieren sollen! Nein! Während ich dort oben neben ihrem Bett saß, fiel mir's plötzlich wie ein Schleier von den Augen – ein Schleier, der meine Handlungsweise verschönert hatte. Ich sah ein, daß ich beim besten Willen nur Schaden angerichtet hätte. Mein Leben zu geben für Sie, dazu war ich bereit – dazu bin ich noch immer bereit; aber das Leben anderer mitzuopfern, die mir und Ihnen nahestehen, das kann ich nicht – ich bring's nicht über das Herz – ich kann nicht, ich kann nicht! Ich hätte Sie nicht aus Ihrer Ruhe wecken, ich hätte Ihnen die Kraft der Entsagung nicht rauben sollen – ich weiß es. Wenn Sie wüßten, wie bitter ich mir's zum Vorwurf mache, wie gräßlich mir's ist. Sie leiden zu sehen! Mein armer Freund! Ich bitte Ihnen ja meine Torheit von ganzem Herzen ab!« Sie nahm seine Hand und drückte sie demütig an ihre Lippen.

Die Nacht wurde immer schwüler und drückender, aus der Erde, aus den Pflanzen, aus den welken Blüten auf dem Boden, aus dem Leben, das sich ans Licht drängte, und aus dem, das der Verwesung entgegenschauerte, drang ein betäubender Duft.

Bis dahin hatte Lozoncyi stumm dagestanden, den Kopf tief gesenkt. Als ihre Lippen seine Hand berührten, sah er auf.

»Leben Sie wohl!« murmelte sie leise.

Er wiederholte: »Leben Sie wohl!« – Dann plötzlich setzte er hinzu: »Wollen Sie nicht noch einen Blick in das Atelier werfen zum Abschied? – einen letzten Blick?«

Es fiel ihr nicht ein, seine Aufforderung sonderbar zu finden. Er ging ihr voran, sie folgte ihm. Sie kannte sich nicht mehr vor Mitleid; ans Kreuz hätte sie sich schlagen lassen, um ihm seinen Schmerz abzunehmen – den Schmerz, den sie verschuldet hatte.

Der Mondschein drang in das Atelier, ringsum flimmerte es magisch wie der leuchtende Schutt eines zerfallenen Luftschlosses, und mitten durch das magische Leuchten und Flimmern sah man die Gestalt der »blinden Liebe«, die mit durstendem Blick ihrem Ziele zustrebt – in den Sumpf.

Aus dem Garten drang der betäubende Gewitterdunst, und von fern, fern schwebte es herüber nur wie ein Seufzer lockender Sehnsucht, das Lied der Nachtsänger von Venedig.

Traurig sah Erika sich um. »Es war schön!« murmelte sie. »Ich danke Ihnen für alles! Adieu!«

Sie streckte ihm ihre beiden Hände entgegen; fast hätte sie ihm ihre Lippen gereicht in ihrem verzweifelnden Mitleid, das immer wärmer wurde.

Da nahm er ihre Hände in die seinen und beugte sich über sie. »Es ist vielleicht besser, daß es so gekommen ist,« murmelte er, und seine Stimme klang fieberhaft erregt und dabei einschmeichelnd zärtlich wie noch nie. »Das Opfer, das Sie mir bringen wollten, war zu groß, ich hätte es nie annehmen dürfen von Ihnen. Und Sie haben recht, wir müssen unsere Umgebung schonen, es geht nicht anders. Aber um des Himmels willen lassen Sie mich nicht ganz verschmachten, nicht zugrunde gehen!«

Sie sah ihn aus ihren großen Augen an – sie begriff nicht. Er küßte ihre Hände eine nach der anderen; ohne daß sie es merkte, hatte er sie näher herangezogen an sich. Die Mattigkeit in ihren Gliedern wurde stärker. Sein Atem war kurz und heiß; dann sagte er leise, ganz leise: »Sie müssen heute noch zu Ihrer Großmutter zurückkehren, ich weiß es. Ihr Leben können Sie mir nicht widmen, aber – O Erika! Unsere ganze Existenz besteht aus ein paar aneinandergereihten Augenblicken! Gönnen Sie mir hier und da einen Augenblick des Glücks! Sie werden nicht ärmer werden dadurch, und mich ... mich werden Sie wie einen König reich machen! Die Welt soll nie etwas davon erfahren – kein Schatten wird auf Sie fallen – verlassen Sie sich ...«

Endlich verstand sie. Sie riß ihre Hände aus den seinen, ein heiserer, kläglicher Wehlaut entfuhr ihren Lippen. Ohne ein Wort wendete sie sich von ihm ab und floh über die welken Blüten hinweg quer durch den schwülen Duft des Gärtleins, durch den langen kalten Gang des Hauses, ohne einmal Atem zu schöpfen, bis die grüne Haustür mit dem Löwenkopf hinter ihr ins Schloß gefallen war. Hinter sich hörte sie's heiser, verzweifelnd: »Erika! Erika!«

Aber sie horchte nicht mehr, der Wahn war zerstört, ihr graute vor ihm.

Einen Augenblick stand sie ratlos auf dem schmalen Uferdamm. Ihr Gondolier hatte sie im Stich gelassen. Es war spät, und sie war allein.

Rings um sie das gespenstische Mondlicht und das dunkle, klagende Wasser. Sie fürchtete sich nicht – was hätte sie noch fürchten sollen, nachdem die Welt in Trümmer gegangen war für sie!

Sie suchte den Weg nach Hause im Zickzack über Brücken an schmalen Uferdämmen entlang, durch schmale, entlegene Gassen. Immer weiter ging sie, den Kopf vorgeneigt. Daß sie jemand treffen könnte, so allein dahinwandelnd, mitten in der Nacht, mit bloßem Kopf – ihren Hut hatte sie in dem Zimmer der Kranken vergessen –, fiel ihr nicht ein. Sie ging und ging. Plötzlich durchklang's die Nacht: » Ninon, Ninon, que fais-tu de la vie, toi qui n'as pas d'amour! Comment vis tu ...«

In dem schmalen Kanal, über den eine Brücke führte, glitt die lichtumflackerte Sängerbarke auf sie zu. Von der Brücke herab sah sie dieselbe nah, ganz nah, die Sängerin eine fahle, hohlwangige alte Person, die Männer abgerissen, verliedert und schmutzig.

Das war das leuchtende Phantom, das sie den ganzen Frühling hindurch an sich gelockt hatte?

Die Kerzen brannten tief, eine von den grellen Papierhülsen fing Feuer. Die Barke glitt unter die Brücke. Als sie an der anderen Seite herauskam, waren die Lichter verlöscht und die Sänger verstummt. Traurig sah man sie hinziehen wie einen schwarzen, formlosen Fleck im Mondlicht. Kurz darauf fand Erika eine Gondel, die sie ins Hotel brachte.

Infolge großen Zustroms neuer Gäste war das Hotel noch offen, und Erika konnte deshalb fast unbemerkt die Treppen hinaufgehen. »Vielleicht ist die Großmutter noch nicht nach Hause zurückgekehrt, vielleicht wird es mir gelingen, den Brief zu vernichten, ehe sie ihn gelesen hat,« sagte sie sich. Sie ging sofort auf ihr Schlafzimmer zu; durch die angelehnte Tür drang Licht. Es war zu spät. Sie riß die Tür auf ... dort neben dem Bett saß die Großmutter in einem Lehnstuhl, gerade und steif, mit weit offenen Augen in einem totenblassen Gesicht, in das der Schmerz dieser letzten Stunden tiefere Furchen gegraben hatte als alle anderen Erfahrungen ihres mehr denn siebzigjährigen Lebens.

Als sie die ernste, traurige Erscheinung in dem Rahmen der Tür erblickte, entfuhr ein heiserer Laut ihren Lippen. Sich halb von ihrem Sitz erhebend, die Hände auf die Seiten des Lehnstuhls gestützt, starrte sie das Mädchen wie eine aus dem Grabe auferstandene Leiche an. Alles an ihr, jedes Fältchen ihres Kleides zitterte. »Erika!« stammelte sie halblaut. »E – ri – ka!« Elend, mühsam fiel der Name von ihren Lippen, fast als ob sie vom Schlage gelähmt gewesen wäre. Sie versuchte dem Mädchen entgegenzugehen und konnte nicht. Erika eilte zu ihr, so weit trugen sie ihre Kräfte; dann brach sie zu Füßen der alten Frau zusammen und legte ihren Kopf auf ihre Knie.

Sie konnten zu Anfang beide nicht sprechen. Die alte Frau fuhr dem jungen Geschöpf nur leise über das Haar mit ihrer zarten Hand, die plötzlich wärmer geworden war als sonst. Das Mädchen schluchzte. Nach einem Weilchen beugte sich die Großmutter etwas nieder: »Erika,« murmelte sie, »nur das eine ... Was hat dich gerettet? Wo kommst du her?«

Erika hob den Kopf; halblaut, mit heiserer, dünner Stimme erzählte sie der Großmutter alles bis zu dem Punkte, wo sie in den Garten hinabgestiegen war, um von Lozoncyi Abschied zu nehmen. Da stockte sie ...

Die Großmutter wartete atemlos, ihr Herz schlug heftig; sie hatte nicht den Mut, Erika zum Weiterreden zu drängen.

Endlich hob Erika von neuem an: »Ich hatte mich überhoben; ich hatte mehr tun wollen für ihn, als irgendeine andere je getan; ich wollte ihn emportragen zu den Sternen. Und er ... ihm war's zu mühsam – er hatte keine Lust dazu, er wollte mich nur herunterzerren in die Pfütze, aus der ich ihn retten zu können geglaubt hatte. Und ... als ich das endlich begriffen hatte ...« Ein heftiges Schluchzen erschütterte ihren ganzen Körper, sie konnte nicht weiterreden.

Die Großmutter hatte verstanden – alles! Sie sprach kein Wort, sondern streichelte nur leise den armen jungen Kopf in ihrem Schoß. Nach einem Weilchen redete sie Erika zu, sich niederzulegen, half ihr, sich auskleiden, und glättete das Kopfkissen, in welchem Erika nun ihr von Tränen überströmtes Gesicht verbarg.

Sie saß neben Erikas Bett, bis diese vor Müdigkeit – der bleiernen Müdigkeit, die auf eine große Nervenerschütterung folgt – einschlief. Sie saß neben ihrem Bett die ganze Nacht, bis tief in den Morgen hinein, regungslos, den stolzen Kopf gesenkt, die breiten Schultern gebeugt.

Es mochte etwa neun Uhr sein, da öffnete Marianne leise die Tür von Erikas Schlafzimmer. Erika schlug die Augen auf, sie hatte alles vergessen.

Ihr Blick fiel auf eine kleine schwarze Reisetasche, die Marianne in der Hand hielt.

»Ich bitte, Exzellenz, ein Gondolier hat die Tasche gebracht,« erklärte die Zofe. »Er sagt, die Komtesse habe sie in der Gondel vergessen gestern nach dem Unglück – nämlich nach dem Schrecken, wollte ich sagen; er hat mir erzählt ... Die arme Komtesse, daß sie gerade hat zu so etwas kommen müssen! Aber es war ja auch wieder ein Glück, weil dadurch die fremde Frau gerettet worden ist. Der Gondolier verlangt die hundert Lire, die ihm die Komtesse versprochen dafür, daß er die Frau aus dem Wasser gezogen hat!«

Die Großmutter schöpfte tief Atem.

»Ist die Komtesse krank?« fragte die treue Marianne mitleidig, indem sie die Augen besorgt auf das Gesicht des jungen Mädchens heftete, dem das Fieber auf den Wangen brannte.

»Nur etwas angegriffen nach der Aufregung,« sagte Gräfin Lenzdorff, indem sie Marianne das Geld einhändigte.

»Kein Wunder! Arme Komtesse!« murmelte die Zofe mitleidig und zog sich zurück. Matt und elend schloß Erika von neuem die Augen. Als sie sich nach einem Weilchen nach der Großmutter umsah, saß diese an ihrem Schreibtisch, den Kopf in die Hand gestützt und mit der Feder unschlüssig Linien in ein Löschblatt zeichnend, während das weiße Briefpapier vor ihr leer blieb.

»An wen schreibst du, Großmutter?« fragte Erika.

»Ich wollte an Goswyn schreiben,« erwiderte die alte Gräfin halblaut. »Ich kann ihn ja nicht ohne Antwort lassen, und ... ich weiß nicht recht ...« Sie stockte.

Wie ein Blitz fuhr ihr eine Erinnerung an den Brief, den sie gestern an Goswyn abgeschickt, durch die Glieder. Sie hatte ihn gänzlich vergessen.

»Ich muß ihm natürlich schreiben, daß er nicht kommen soll,« sagte die Großmutter.

Erika schöpfte tief Atem – stockte. Mußte sie auch noch das der Großmutter antun! Endlich brachte sie's heraus: »Er wird nicht kommen!« stammelte sie kaum hörbar. »Er...«

Von einer schrecklichen Ahnung ergriffen, sah sich die Großmutter um. Erika lag mit dem Kopf gegen die Wand.

»Nun?« rief die Großmutter kurz.

»Ich hab ihm gestern geschrieben,« erwiderte Erika, jedes Wort mühsam hervorstoßend, »was ich vorhatte. Ich sagte mir, daß er es ja doch erfahren würde, früher oder später, und ... da wollte ich, er möge es wenigstens auf die Art erfahren, die ihm am wenigsten weh tun würde!« »Erika!« stieß die alte Frau hervor, »Erika!«

Aber Erika lag still, den Kopf gegen die Wand. Nach einem Weilchen murmelte sie kaum hörbar: »Großmutter – ich bitte dich – schreib ihm, daß ...« – sie barg das Gesicht in ihre Kissen – »daß, ... O Großmutter! ... schreib ihm ... daß er mich nicht zu verachten braucht!«

Die Großmutter blieb stumm. Alles war still in dem Zimmer, totenstill.

Plötzlich hörte Erika einen eigentümlichen, schwachen, wimmernden Laut. Sie sah sich um. Die Großmutter hielt sich beide Hände vors Gesicht und weinte.

Es war das erstemal, seit Erika sie kannte, daß sie die alte Frau hatte weinen sehen.

Als Goswyn Erikas armen, gequälten, überspannten und durch und durch rührenden Brief erhalten hatte, war er halb wahnsinnig geworden. Erikas Bekenntnis hatte nichts in ihm wachgerufen als irrsinniges Mitleid, das hastig drängend irgendeinen Ausweg suchte. Er hätte ihr nacheilen, sie einholen, sie um Gottes willen vor dem Schmerz bewahren wollen, den sie in ihrer Verblendung willkürlich auf sich nahm. Einholen konnte er sie nicht mehr, sagte er sich, dazu war es zu spät, aber nacheilen hätte er ihr doch mögen, sie an seine Brust schließen und in seinen Armen bergen vor den fürchterlichen Qualen, denen sie sich ausgesetzt. Er hätte seine Uniform, seinen Namen, alles preisgegeben; um sie zu schützen und zu trösten. Nicht einmal Eifersucht fühlte er momentan – nichts als Mitleid. Und plötzlich erinnerte er sich seines Bruders, erinnerte sich dessen, wie er dem armen, zerschlagenen Mann, der sich schmerzensblind, unsicher herumtappend, in seinem Unglück nicht zurechtfinden konnte, zugerufen hatte: »Verzeih!« – kalt, fast höhnend, von seiner durch nichts zu erschütternden sittlichen Überlegenheit herab. Beunruhigt hatte ihn diese Erinnerung oft; heute traf sie ihn wie ein Peitschenhieb. Wie hart, wie wenig teilnahmsvoll er damals gewesen war! Den Makel, welcher der Familienehre zugefügt worden, hatte er empfunden; den Schmerz, der den Bruder getroffen, fast nicht.

»Verzeih, wenn du's imstande bist – verzeih!«

Er hörte sich die Worte sprechen, ruhig, aufreizend, er hätte den Bruder aus dem Grabe reißen mögen, um sie ihm abzubitten!

Mein Gott! Was hätte er Erika nicht verziehen!

Natürlich regte sich in ihm sofort der Gedanke, daß es ein Unrecht an Erika sei, ihre Verirrung mit der Sünde Dorothees in einem Namen zu nennen. In seinen Augen war das etwas ganz anderes; in den Augen der Welt aber war es dasselbe, oder vielmehr wäre der Fall Erikas der Welt als der unverzeihlichere von beiden erschienen. Und Goswyn hatte bisher sehr viel auf die Meinung der Welt gegeben und sich an dem Bewußtsein gefreut, hoch in der Achtung seiner Mitmenschen zu stehen. Jetzt war ihm das alles gleichgültig – mochte die ganze Welt ihn auslachen, er würde ihr doch nachrennen, sobald sie seines Trostes bedürfte.

Dann entfaltete er noch einmal das arme, in seiner heißen Hand zerknitterte Briefchen. Er hatte es bis dahin noch nicht einmal zu Ende, gelesen – jetzt las er es durch bis zum Schluß. »Wenn Sie in diesem vergangenen Herbst mir nur ein gutes Wort gegeben hätten ...« las er. Was ihn da überfiel!... eine Ohnmacht war es nicht. Menschen wie Goswyn von Sydow werden nicht ohnmächtig; aber es wurde plötzlich schwarz in seiner Seele und um ihn herum, seine Glieder wurden schwer und kalt, ihm war es, als ob seine innere Lebenstätigkeit erstarrt sei.

Um vierundzwanzig Stunden später kam der Brief der alten Gräfin, und da ereignete sich, etwas Sonderbares. Natürlich empfand er beim Lesen desselben eine ungeheure Erleichterung, aber diese Erleichterung schwemmte das Mitleid, das er für Erika empfunden hatte, mit sich fort. Sie war gerettet, ja – er freute sich darüber, daß sie gerettet war, aber – sie war plötzlich klein geworden in seinen Augen.

An diesem Resultat war leider zum großen Teil der Brief der armen und verängstigten Großmutter schuld, der, voll konfuser Beschönigungen und Entschuldigungen des Sachverhalts, sich allzusehr bemühte, den von Erika beabsichtigten verhängnisvollen Schritt als eine nicht ernst zu nehmende Kinderei hinzustellen, eine Torheit, die Erika zwar in einem Moment akuter Überspanntheit unternommen, auf keinen Fall aber durchgeführt hätte. Kann folgten noch mehrere Seiten Teilnahme an seiner Enttäuschung – Selbstanklagen, nochmalige Entschuldigungen und Beschönigungen, ja schließlich die verschämt geäußerte Hoffnung, es würde alles noch gut werden! Das war unter den Umständen eine starke Zumutung.

Im höchsten Maße aufgeregt, wie er es war, bedachte er nicht, daß der Brief von einer völlig zu Boden geschmetterten, sehr alten Frau herrührte, die unter dem auf sie einstürmenden Eindruck den Kopf verloren hatte und infolgedessen Dummheiten schrieb.

Wütend setzte er sich an seinen Schreibtisch, um ein paar höfliche Zeilen zu antworten, die vor allem anderen den Zweck haben sollten, irgend jemand recht weh zu tun und ihn am Weltall im allgemeinen für die Qualen der verflossenen vierundzwanzig Stunden zu rächen; dann errötete er vor sich selbst über seine Roheit, schämte sich, nahm sich vor, einfach freundschaftlich und zurückhaltend zu schreiben, tauchte die Feder ein und konnte keine Worte finden. Worauf er sich entschloß, die Sache schweigend zu den Akten zu legen. Was war da noch zu schreiben!

An Erika war nicht mehr zu denken. Mochte sie hundertmal durch einen ihr freundlich gesinnten Zufall oder ihre eigene Schwäche vor dem Äußersten bewahrt worden sein – die Sache blieb sich gleich. Immerhin gehörte ihr Herz einem anderen, einem verheirateten Mann, für den sie bereit gewesen, etwas zu tun, was nicht zu entschuldigen war.

Nachdem er sich dies deutlich bewiesen, hatte er sich vorgenommen, das Leben ruhig und vernünftig wieder aufzunehmen, als ob es auf der weiten Welt gar keine Erika Lenzdorff gäbe oder je gegeben habe.

Aber die Resultate seiner Anstrengungen in dieser Richtung waren unerfreulich. Sich Erikas Bild immer wieder zu vergegenwärtigen, allerhand reizende Luftschlösser um sie herumzubauen, sich mit dem Rätsel ihrer ungewöhnlichen Individualität, die ihn trotz ihrer vielen Verkehrtheiten und Fehler, so wie sie nun einmal war, anzog, zu beschäftigen, das hatte seit Jahren den subtilsten Reiz seines Lebens ausgemacht, und sich das von einem Tag zum anderen abzugewöhnen, war nicht so leicht, wie es anfangs schien.

Er schlug die Stunden tot, wie es eben ging, er hatte nichts mehr vor sich, auf das er sich hätte freuen können, seine Zukunft dehnte sich vor ihm aus in eintöniger Nüchternheit, wie ein naßkalter, grauer Nebel, durch den er sich Tag für Tag mühsam hindurcharbeiten mußte, ohne die geringste Hoffnung, am Schlüsse all dieser unfruchtbaren Quälereien noch einmal die Sonne zu sehen.

Er war kein wimmernder Schwächling, der sich nach und nach mit einem gewissen Behagen in diesen desperaten Zustand hineinlebt und seine Melancholie mit Geschmack als einen ästhetischen Zeitvertreib vervollkommnet, um sich und die Welt damit zu ergötzen. Im Gegenteil schämte er sich recht empfindlich seiner unmännlichen Niedergeschlagenheit; er rüttelte sich zusammen, wie er konnte, sagte sich's, daß es sich für einen gesunden Menschen, der noch etwas nutz sein soll auf der Welt, wahrlich nicht schicke, seine Zeit trostlos zu verjammern, nur weil sein Lieblingswunsch ihm vom Schicksal in der freilich denkbar unangenehmsten Weise abgeschlagen worden ist.

Er verdoppelte seinen Diensteifer, schraubte seinen Ehrgeiz, dem ein immer weiterer Spielraum von allerhöchster Seite eröffnet wurde, zu künstlicher Höhe empor. Es nützte alles nichts.

Die ganze Behaglichkeit unserer Existenz beruht auf einer gewissen, mit unserer geistigen und körperlichen Gesundheit eng verbundenen vernünftigen Tätigkeit der Phantasie, die uns jenes Quantum von Illusionen zuführt, die zum Verhüllen und Beschönigen der unleugbaren Häßlichkeit des innersten Lebenskerns durchaus notwendig ist.

Diese Tätigkeit der Phantasie war momentan bei Goswyn erlahmt. Seine Nerven hatten jenen Grad der Abspannung erreicht, in dem man nicht mehr imstande ist, das Leben wichtig zu finden.

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