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Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre

Ossip Schubin: Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorOssip Schubin
titleGräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre
publisherVerlag von Georg Westermann
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070226
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Nachdem Lozoncyi sich hinausbegeben, hatte seine Gattin mit einem tiefen Seufzer ihre bis dahin hinter dem Nacken verschränkten Arme sinken lassen, als ob es ihr endlich vergönnt sei, nach einer harten Arbeit auszuruhen. –

Aber die Erleichterung hielt bei ihr nicht vor. Die Überzeugung eines vollen Sieges fehlte ihr. – Und als sie nach einer Weile ihren Gatten suchen ging, ihn wie von einem Zauber befangen in seinem Atelier vor dem Porträt Erikas stehend fand, wurde sie sehr unruhig. Am liebsten hätte sie sich mit einem Messer auf das Bild gestürzt und, es vernichtet. Aber obzwar ihre Selbstbeherrschung nachzugeben anfing, behielt sie doch noch genügende Besonnenheit, um zu erkennen, daß sie durch Gewalttätigkeiten nichts erzielen konnte. –

Sie hatte ihre Trümpfe ausgespielt, und wenn sie damit nichts erreicht hatte, dann war eben nichts mehr zu erreichen.

Nachdem sie ein paar Minuten lang dem Gatten scheele Blicke in den Rücken gebohrt, zog sie sich, zornig an ihrer Unterlippe nagend, zurück. – Wenn er sich durchaus einen Stein um den Hals binden wollte, sollte er's nur tun. Er würde es ohnehin bald satt bekommen und als reuiger Sünder zu ihr zurückkehren.

Mit einemmal aber fing ihr Herz an ganz gewaltig zu klopfen. Würde er sein unsinniges Experiment wirklich satt bekommen – oder würde am Ende das überspannte Mädchen mit den leuchtenden Augen einen Einfluß auf ihn gewinnen, wie sie ihm im Lauf ihrer Beziehungen nie auf ihn ausgeübt hatte. So sehr sie sich auch mühte, konnte sie diesmal der Entwicklung seines Liebesabenteuers nicht gleichgültig entgegensehen. –

Es stand zu viel auf dem Spiel. Daß Erika eine andre, zugleich stärkere und subtilere Anziehungskraft auf ihn ausübte als alle die zahllosen Frauen, denen zuliebe er bis dahin seiner angetrauten Gattin untreu geworden war, fühlte sie... Langsam verschleppte sich der Nachmittag.

Die Dämmerung begann zu sinken, als die Blonde die Haustür gehen hörte. Sie eilte ans Fenster und erblickte die alte Lucrezia, die einen Handkoffer in eine Gondel legte. Gleich darauf stieg Lozoncyi ein. Die Gondel stieß ab. –

Die Blonde hielt sich die Hand vor die Augen. Ihr war schwindlig geworden. Die dumpf in ihren Adern schwelende Leidenschaft schlug plötzlich Flammen.

Hatte sie wirklich verspielt? Totenbleich stand sie am Fenster und starrte der Gondel nach. Da erblickte sie ein zweites Fahrzeug – eine offene Barke – und darinnen Erika Lenzdorff, eine Reisetasche neben sich.

Eine teuflische Eingebung kam ihr. Sich weit über den niedrigen Balkon vorbeugend, der die Schutzwehr des Fensters bildete, stieß sie einen entsetzlichen Schrei aus und stürzte sich in den Kanal.

Es mochte um anderthalb Stunden später sein. Die alte Gräfin, welche sich verpflichtet gefühlt hatte, Konstanze Mühlberg zuliebe bei dem Fest zu erscheinen, hatte nicht gefunden, daß ihre Pflicht so weit reichte, sie zu zwingen, demselben bis zu seinem seligen Ende beizuwohnen. Sie war sehr unruhig, konnte die Gedanken von Erika nicht losringen und hatte es endlich dankbar angenommen, als Prinz Nimbsch ihr anbot, sie auf seinem Kutter nach Hause zu befördern, ehe noch der Dampfer den Rest der Gäste Konstanze Mühlbergs nach Venedig zurückbrachte.

Mit der Geschwindigkeit einer fliehenden Schwalbe schoß das kleine Fahrzeug über die Wellen. Prinz Nimbsch, welcher diesmal ausnahmsweise die Führung gänzlich seinen Matrosen überließ, lehnte neben der alten Frau in den grellroten Sammetpolstern seines noch sehr neuen Schiffleins, den rechten Fuß auf dem linken Knie, den Blick in die Ferne gerichtet oder nirgendhin, und machte gutmütige Versuche, sie zu unterhalten, die in den Sand verliefen. Die alte Frau war zerstreut, oder vielmehr konzentrierten sich ihre Gedanken um etwas, das der Prinz nicht erraten konnte: um das plötzlich veränderte Wesen Erikas.

Armer Narr! dachte sie unaufhörlich. Ich war töricht, ich bin daran schuld; aber wie hätte ich das vermuten können? Sie schien so stark, so völlig unempfindlich für derlei. Es ist der Wahn – die Krankheit, die wir alle durchmachen, wenigstens einmal im Leben; selbst ich hab' sie durchgemacht, habe jetzt freilich Mühe, mich dessen zu erinnern. Es tut weh, sehr weh! Aber sie hat einen tüchtigen Charakter und einen hellen Kopf. Mir ist's doch leid; ich hätte es verhindern können ... wenn ich nur geahnt hätte. Meine arme, stolze Erika! Was soll ich Goswyn schreiben unter den Umständen? – Natürlich, daß er kommen soll. Ich glaube, sie wird sich freuen; im Grunde wird sie sich freuen; ich kann mir nicht denken, daß das sehr tief geht... aber mir ist doch leid ...

Venedig lag bereits vor ihnen, grau und schattenhaft der Abglanz des blassen Sommerhimmels, in dem die Sonne längst untergegangen war und die Sterne sich noch nicht zeigten, blauweiß über den Fenstern der dunklen Paläste schimmernd.

Jetzt legten sie an vor dem Hotel. Die Gräfin hob die Augen zu Erikas Zimmer. »Sie ist nicht im Salon,« sagte sie sich, »vielleicht schläft sie ein wenig.« Prinz Nimbsch geleitete die alte Dame höflich bis in die lange, niedrige Eintrittshalle, in der wie alle Abende müßige Touristen auf den zwischen Gummi- und Oleanderbäumen angebrachten Rohrmöbeln saßen und plauderten, gähnten und lachten.

»Sagen Sie Gräfin Erika, wie ledern das Fest war,« bat der junge Österreicher die alte Frau noch zum Abschied, »und wie unendlich wir alle diese Migräne verwünscht haben, die uns ihrer Gesellschaft beraubt hat. Ich werde mir erlauben, morgen nachzufragen; hoffentlich ist die Gräfin dann bereits wohlauf.« Er küßte die Hand der alten Frau, sie nickte ihm freundlich zu. Der Lift schwebte eben zwischen Himmel und Erde; sie hatte nicht die Geduld, sein Herabsinken abzuwarten, sondern ging die Treppe hinauf in ihre Wohnung. Leise trat sie an die Tür von Erikas Zimmer heran; sie drückte die Klinke nieder – auch das war dunkel. Hatte sich die Arme schlafen gelegt? Leise schlich sie sich an Erikas Bett – leise, um sie nicht zu stören. Sie beugte sich über die Kissen; kein Hauch, das Bett war leer.

Die Ahnung von etwas Schrecklichem, Unsagbarem überkam sie sofort. Anfangs verlor sie vollständig den Kopf – ihr schwindelte. Sie wollte schreien, das Haus alarmieren, alle Leute fragen, kurz, gerade das tun, was sie einen Augenblick später am heftigsten bedauert hätte; aber die Stimme blieb ihr im Halse stecken. Sie griff mit den Händen nach irgendeinem Anhaltspunkt; dabei stieß sie zufälligerweise etwas von dem Nachttisch herab. Durch die graue Sommernacht sah sie etwas Weißes niederflattern auf die Erde, etwas Weißes, das knisterte. Sie bückte sich danach. Es war ein Brief. Sie schöpfte tief Atem; dann drehte sie das elektrische Licht auf und las den Brief. Nach den ersten Zeilen wollte sie ihn, fast blind vor Schmerz, weglegen, weil nichts drinnen stehen konnte, was sie nicht erraten hätte – und endlich las sie ihn doch, las jede Zeile bis zum Schluß, nährte ihren Schmerz mit jedem zärtlichen Abschiedswort der Unglücklichen, Verblendeten. Nichts von dem, was geschehen war, legte sie dem Mädchen zur Last – alles sich. Sie sagte sich, daß sie Erika ins Unglück hineingejagt, wie sie vor Jahren ihre Schwiegertochter in ihr Unglück hineingejagt. Von beiden hatte sie verlangt, sie möchten sich ruhig in die gänzliche Nüchternheit der Weltordnung hineinfinden – keiner von beiden hatte sich auch nur den Schatten einer idealistischen Lebensauffassung gegönnt. Sie hatte nicht begriffen, daß ihnen dergleichen zu ihrer Existenz nötig sein könne, daß sie, wenn man es ihnen mißgönnte, ihren Idealismus in einer annehmbaren Form zu befriedigen, sich in irgendeinen begeisterten und verderblichen Irrtum flüchten würden, um der abstoßenden Bequemlichkeit einer immer nur kalter Selbstsucht frönenden Existenz zu entfliehen. Das Unglück ihrer Schwiegertochter hatte sie verhältnismäßig wenig berührt – mit dem Glück ihrer Enkelin ging die Sonne für sie unter auf immer.

Sie sah so klar; warum mußte sie auch jetzt noch so klar sehen, jetzt, wo es ihr so entsetzlich weh tat?

Für ein Geschöpf wie Erika war es ebenso unmöglich, sich aus dem Kreise seiner sittlichen Anschauungen herauszuringen, als zu versuchen, mit seinen für die Erde konstruierten Lungen auf dem Monde zu atmen.

Es gab ja Frauen, die, durch einen nicht zu beirrenden Eigendünkel gefeit, imstande waren, ruhig die Meinung der Welt herausfordernd, ihre eigenen Wege zu gehen – Frauen, für die der Pranger selbst sich in ein Piedestal verwandelte, sobald sie daraufstanden. Aber zu denen gehörte Erika nicht. Ehe die Sterne zum zweitenmal aus dem Himmel schauten, würde sie mit dem Kopf gegen die Wand schlagen; ihr würde die selbstbeschönigende Täuschung fehlen, die dazu gehört, das moralische Defizit zu decken, welches schließlich doch immer bei solchen Veranstaltungen herausschaut. »Ja, ehe die Sterne zum zweitenmal aus dem Himmel herausschauen, wird sie selbst für das begeisterte Opfer, das sie dem Elenden bringt, der sich bereit erklärt hat, es anzunehmen, keinen anderen Namen finden, als ihn die Welt seit Jahrhunderten für dasselbe Opfer findet, wenn es von wertlosen Frauen ohne Begeisterung einem Manne gebracht wird. In ihren eigenen Augen wird sie eine Gefallene sein.«

Die alte Frau sprach's halblaut vor sich hin. Der Schweiß trat ihr auf die Stirn. »Meine Erika, meine stolze, herrliche Erika!« murmelte sie. Sie wußte sehr gut, daß die Gefährlichkeit des sittlichen Falles einer Frau nach der Höhe bemessen wird, von der sie fällt. Und Erika stand sehr hoch.

Noch einmal schlug sie den Brief Erikas auf und las die Stelle nach, in der sie schrieb: »Du wirst zu wählen haben zwischen der Welt und mir. Ich weiß es, du wirst dich mir zuwenden.« – Wählen! Als ob da von irgendeiner Wahl die Rede hätte sein können! Natürlich war sie bereit, ihr die Arme entgegenzustrecken, für sie zu tun, was sie nur tun konnte – aber wieviel war das?

Und plötzlich stieg ein Bild aus ihrer Seele auf – ein unscheinbares, schreckliches Bild.

In der Abfahrtshalle eines Bahnhofs war's gewesen, da hatte sie mitten unter einer Gruppe von Auswanderern ein armes Weib gesehen mit einem Kind an der Hand, einem Knaben von etwa sechs oder sieben Jahren. Sein Gesicht war von widerlichen Narben entstellt. Alle, die an ihm vorbeigingen, sahen ihn an, einige stießen einander und flüsterten einander etwas ins Ohr; das Kind wurde erst feuerrot, dann zappelte es von einem Fuß auf den anderen, schließlich fing es fürchterlich an zu schluchzen. Da setzte sich die Mutter auf eine Bank und barg das entstellte Gesicht des Kindes in ihrem Schoß.

Als die Gräfin um eine Viertelstunde später an derselben Stelle vorbeiging, war das Weib noch dort, das Gesicht des Kindes in ihrem Schoß. Starr, scheu und verängstigt saß sie da, aus feindseligen Augen die Menschen anstierend, deren höhnende Neugier ihr Kind gekränkt, mit ihrer rauhen Hand den kurzgeschorenen blonden Kopf des Knaben streichelnd. Der Anblick war der Gräfin durch Mark und Bein gegangen. »Immer wird sie doch nicht da sitzen können, um die Difformität ihres Kindes in ihrem Schoß zu bergen,« hatte sie sich gesagt, »früher oder später wird sie das unglückliche Geschöpf doch den Blicken der Menschen preisgeben müssen.«

Ihr war's, als könne auch sie für Erika nichts mehr tun, als ihren Kopf in ihren Schoß verstecken, um sie vor der höhnenden Neugier der Welt zu schützen. So sehr hatten sich diese Gedanken ihrer Einbildungskraft bemächtigt, daß ihr's war, als fühle sie die warme Last des armen, gedemütigten Kopfes auf ihrem Knie; sie streckte die Hand aus, um ihn zu streicheln, da erwachte sie zusammenschaudernd wie aus einer Betäubung. »Nein, nicht einmal das wird mir vergönnt sein,« sagte sie sich. »Sobald Erika aus ihrem Wahn erwacht, wird sie das Leben von sich werfen. Ja, alles ist zu Ende – alles – alles!«

Marianne kam, nach ihr zu sehen. Sie winkte sie mit der Hand ab, ohne ein Wort. Sie dachte nicht daran, einen Vorwand für Erikas Ausbleiben zu erfinden, sie saß da, starr, schweigend, und blickte in die Zukunft. Ihr war's, als ob ein ungeheurer Jammer die ganze Welt verschlungen habe und sie allein übriggeblieben sei, um diesen Jammer mit anzusehen – den Jammer, an dem sie sich schuldig sprach.

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