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Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre

Ossip Schubin: Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorOssip Schubin
titleGräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre
publisherVerlag von Georg Westermann
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070226
projectid95f571aa
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Er hielt sich diesmal flüchtiger als sonst vor dem Porträt Erikas auf, das den auffälligsten Platz im ganzen Atelier einnahm, und schritt auf seinen Schreibtisch zu. Mehrere Geschäftsbriefe lagen darauf; er öffnete sie und seufzte ungeduldig. Die meisten waren Ermahnungen zu Antworten, die bereits seit Wochen vergeblich erwartet worden waren.

Seitdem er sich in Venedig aufhielt, war seine geschäftliche Korrespondenz, ja waren seine Geschäfte überhaupt in eine bedauernswürdige Unordnung geraten.

Er öffnete noch einen Brief; ein Regiment von Zahlen sprang ihm entgegen. Es war die Abrechnung mit seinem Pariser Kunsthändler. Er schnalzte mit den Fingern, dann beugte er sich darüber, versuchte sich hineinzufinden. Unmöglich! – Die Zahlen tanzten vor seinen Augen – er legte die Feder weg. Unwillkürlich hob er den Kopf. Durch die Glaswand des Ateliers blickten ein Paar goldigbewimperte Augen zu ihm hinüber, gutmütig und spöttisch. Sein Herz fing an zu klopfen. Sie hatte sonst seine ganze Korrespondenz für ihn besorgt – wie flink, wie präzis! Bevor sie einer Liebschaft mit einem Maler zu Ehren Modell geworden, war sie Demoiselle de comptoir gewesen; sie verstand sich aufs Rechnen wie ein Bankbeamter. Er brauchte nur ein Wort zu sagen, und sie würde diese ganze verdrießliche Sache für ihn in Ordnung bringen. Aber er wollte keinen Dienst annehmen von ihr. Da öffnete sich die Tür des Ateliers, mit gemächlichen Schritten kam jemand auf ihn zu, eine warme kräftige Hand legte sich auf seine Schulter. Er trachtete sich einzureden, daß ihm die Berührung dieser Hand unangenehm sei. Aber sie war ihm nicht unangenehm, sie wirkte beruhigend auf seine kranken Nerven. Dennoch zwang er sich, sie abzuschütteln.

Die Frau lachte, ein weiches, ziemlich tief klingendes Lachen – das Lachen einer gutmütigen Zynikerin. Dann zündete sie eine Zigarette an, reichte sie ihm und sagte: » pauvre bibi, tu n'y vois que du feu; da versuche dich auszuruhen von deinen fruchtlosen Anstrengungen, ich bring' dir das in Ordnung im Handumdrehen, während du vor nächster Woche nicht fertig damit wirst.«

Diesmal legte sie ihm die Hand nicht auf die Schulter, sondern strich ihm mit beiden Händen über Stirn und Kopf.

» Voyons, Séraphine!« rief er ärgerlich, sich von ihr loswindend.

Sie lachte immer gutmütig, gleichmütig und unbewußt zynisch. Ehe drei Minuten vorüber waren, saß sie statt seiner an dem Schreibtisch; er hielt die Zigarette, die sie ihm angezündet, zwischen den Lippen und stand in Gedanken versunken vor Erikas Porträt.

Wie lange er so dagestanden haben mochte, hätte er nie zu sagen gewußt, aber mit einemmal hörte er eine volle Stimme neben sich sagen: » C'est rudement fort – tu sais! – Sapristi! Stellst du es aus?«

»Ich weiß es noch nicht,« murmelte er zerstreut, und dann ärgerte er sich darüber, daß er ihr eine Antwort gegeben hatte.

»Sie ist hübsch, das läßt sich nicht leugnen,« gestand Seraphine mit bewunderungswürdiger Objektivität. »Es tut mir eigentlich leid, daß ich dich in deiner Unterhaltung gestört habe, aber viel wär' doch nicht dabei herausgekommen. Wenn ich nicht irre, waret ihr, als ich erschien, gerade an den Grenzen des Möglichen angelangt. Sie ist eine von denen, die nichts umsonst geben und ihr Kapital immer nur auf sichere Hypothek placieren. Es tut mir sehr leid, daß ich ihr diese Hypothek nicht einräumen kann; je suis bon garçon moi – aber mon dieu, lorsqu'il y a un homme dans la question – sapristi, chaque femme pour elle!«

Da öffnete Lucrezia die Tür und meldete, daß im Garten draußen das Frühstück serviert sei. Er hatte es sich fest vorgenommen, sich nicht mit seiner Frau zu der Mahlzeit niederzusetzen. Ehe er sich noch hatte äußern können, fing sie an: »Es wäre immerhin gut, wenn du einmal wieder ordentliches Aufsehen erregtest in Paris. – Wann bist du abgereist, diesen Herbst ...? Im Oktober. – Du hast keine Ahnung, welches Vergnügen du damit den meisten deiner Kollegen gemacht hast! Ils ont poussé un grand ouf. Den tollen Farbenkarneval im diesjährigen Salon hättest du dir ansehen sollen! Bouchard hat eine Nymphe ausgestellt mit einem Faun, ganz nach deinem Muster, nur ist deine aus Fleisch und die seine ist aus Dragant – ein armseliges Ding, aber von seiten der Kritik großes Geschrei und die Médaille d'honneur, voilá! On a beau dire, du hattest angefangen den Künstlern unbequem zu werden; man feiert die Stümper, um dich kleiner zu machen; man tut, was man kann, dir den Teppich unter den Füßen wegzuziehen, damit du stolpern magst. Aber du brauchst dich nur zu zeigen, so eroberst du dir dein Terrain zurück. Neulich sagte mir Becard ... du weißt... er trachtet noch immer nach einer originellen Art, die Dinge anzusehen; er hat im Salon...«

Also plaudernd hatte sie sich langsam der Tür genähert; jetzt war sie draußen. Ohne es zu wissen, war er ihr gefolgt.

»Was hat Becard ausgestellt?«

»Eine Frau auf dem Balkon nach dem Diner, zwischen zwei Beleuchtungen, auf der einen Seite Kerzenlicht aus der offenen Tür, auf der anderen Seite Mondlicht – die eine Hälfte von ihr schwefelgelb, die andere meergrün; c'est d'un drôle!«

»Ich habe die Skizze zu dem Ungeheuer in seinem Atelier gesehen!« rief aufgeregt Lozoncyi. »Hat man ihm das passieren lassen?«

Sie hatte sich jetzt an den appetitlich gedeckten Tisch niedergesetzt, auf dem eine goldgelbe Omelette dampfte; sie antwortete nicht gleich.

»Hat man ihm das passieren lassen?« wiederholte Lozoncyi.

»Passieren lassen ... Aber mein Lieber, man hat ihn aufs Schild gehoben, man feiert ihn comme le Messie!«

Lozoncyi hatte sich jetzt ihr gegenüber gesetzt. Er schlug mit der Faust auf den Tisch: »Verflucht!« murmelte er zwischen den Zähnen.

» Tu as tort de te fâcher,« meinte sie; »es ist ein guter Kerl und dein Freund. Er selbst sagte mir unlängst anläßlich seines succès: »Es ist der Neid gegen Lozoncyi, der mir zugute kommt.« Übrigens gibt es eine ganze Koterie unter deinen Kollegen. Darf ich dir vorlegen? Die Omelette wird kalt.«

Er gestattete ihr, seinen Teller zu füllen.

 

Zwei Stunden später schritt er in seinem Atelier auf und ab, finster, den Schweiß auf der Stirn.

Sein Frühstück hatte ihm geschmeckt und das Geplauder seiner Frau hatte ihn unterhalten. Mit kaum merklichen Gesprächswendungen hatte sie seine Phantasie hinübergelockt zu seinem alten, bequemen, ungenierten, gutmütig verliederten Künstlerleben in Paris. Immer neugieriger hatte er sie ausgeforscht nach dem Tun seiner Kollegen; dann hatte sie ihm Anekdoten erzählt, stark gewürzte, aber drastische, amüsante Anekdoten; sie hatte ihm seine Orangen geschält; dann, da die Sonne jetzt das ganze Tischchen, an dem sie saßen, zu überfluten begann, hatten sie den Kaffee in dem Atelier getrunken. Ein Gefühl großen Behagens hatte ihn überkommen; aber mittendrin empfand er noch eine lästige Unbequemlichkeit. Sie sah ihn an; lachend verschwand sie und kam mit einem Paar leichter Hausschuhe wieder. Es war heiß, die Stiefel drückten ihn; eilig entledigte er sich ihrer und schlüpfte in die bequemen Pantoffel hinein. Ihm war's, als ob er sich seit langer Zeit endlich wieder einmal eines einengenden Zwanges entledigt hätte. Er streckte und reckte sich. Plötzlich überschlich's ihn unangenehm kalt.

Die Frage kam ihm, ob er es je über sich gewinnen werde, sich vor Erika so rücksichtslos gehen zu lassen.

Er fuhr zusammen; die momentan hergestellte Harmonie zwischen ihm und seiner Frau war gestört. Mit den plötzlichen Stimmungswechseln, an die sie sich im Laufe der Jahre gewöhnt hatte, wies er sie von sich ab, zeigte ihr förmlich die Tür, heftig, roh.

Wieder hämmerte es ihm im ganzen Körper – es war zum Rasendwerden. Seine Erika gegenüber eingetretene Gefühlsermattung hüllte sich jetzt in ein neues Gewand. Es war abscheulich, es war gewissenlos, verbrecherisch, die Begeisterung dieses unerfahrenen jungen Wesens beim Wort zu nehmen, es vielleicht, nein gewiß, zu namenlosem Elend zu treiben, sagte er sich. Er trat an seinen Schreibtisch; er wollte ihr schreiben, daß es unmöglich sei, daß er zurücktrete ihr zuliebe. Aber kaum hatte er das erste Wort geschrieben, so fühlte er, wie sein Blut wallte, wie die Sehnsucht nach ihr ihn betäubte; er fühlte, daß er den Entschluß zu einer ehrlichen Entsagung ebensowenig fassen konnte als einen anderen. Was wollte er eigentlich? Er sprang auf, zerknitterte in rasender Heftigkeit den Briefbogen, den seine Feder kaum berührt, und warf ihn von sich. Noch einmal trat er vor das Porträt. Warum war sie auch so überspannt...

Den Kopf tief gesenkt ging er in das Nebengemach. Ein paar von ihren Sächelchen waren dort noch liegengeblieben, ein spitzenumsäumtes Taschentuch, ein Paar Handschuhe. Er preßte sie heiß an seinen Mund.

 

»Erika! Erika!« ruft die alte Gräfin Lenzdorff in offenbar ungewöhnlich freudiger Erregung ihrer Enkelin über den ganzen Garten des Britannia hinüber zu. »Erika!«

Die alte Frau sitzt an der Brustwehr des Gärtchens neben dem Canal Grande. Erika tritt soeben aus einer Seitentür des Hotels. Die Großmutter hatte sie wegen ihres Sonnenschirmes hinaufgeschickt. Wie seltsam sie aussieht, wie weiß ihre Wangen sind und ihre Lippen wie fieberhaft rot! Das aber ist Nebensache; – was einem jeden, der sie heute aufmerksam betrachtet, am auffälligsten sein muß, ist das verklärte Licht in ihren Augen – ein Licht, das durch einen Tränenschimmer hindurch leuchtet.

»Komm schnell!« ruft die Großmutter, »ich habe eine Überraschung für dich. Erika! Erika!« Aber Erika kommt nicht schnell, ganz langsam geht sie durch den rosendurchblühten Garten auf die Großmutter zu, die einen offenen Brief in der Hand hält.

Die Sonne scheint voll und grell in den kleinen Garten, der Himmel ist wolkenlos, die Lagune wie mit Demanten bestreut; auf den schwarzen Gondeln flimmern große weiße Glanzlichter, die entblößten, sehnigen braunen Hälse der Gondoliere glänzen wie Bronze. Ein Lärm von lustig kreischender Geschäftigkeit tönt bald lauter, bald schwächer hinein. Dazwischen hört man das matte Lecken und Plätschern der Lagunenwellen und träumerisch schwirrende Kirchenglocken.

Der schwarze Pudel des Bankiers Schmytt – er ist genau nach dem Muster des Pudels eines kürzlich durchgereisten englischen Herzogs hergerichtet, mit drei Reifen schwarzgeringelten Pelzes über dem glattgeschorenen Bauch – liegt vor der Tür des Lesezimmers und reibt sich melancholisch die Schnauze. Ein sehr langer Engländer mit einem viel zu kleinen Kopf stolpert, die Hände tief in den Taschen seines kleinkarierten Touristenjacketts, immer und immer wieder im selben Kreis um den sonnenverbrannten Rasenplatz des Gärtchens. Es macht einen schwindlig, ihn anzusehen; dabei starrt er, mit seinen dickbesohlten Halbschuhen kleine Kiesel aufwirbelnd, mißmutig vor sich hin in den grobkörnigen Kies, als suche er die Lösung einer interessanten Frage, die allem Anschein nach finanzieller Natur ist.

Seine Frau, eine rothaarige kleine Person mit sehr schönen Zähnen, sitzt indessen knapp vor dem Speisesaal an einem gelb lackierten Blechtischchen und kokettiert im Schatten ihres roten Sonnenschirms mit einem dunkelgelben Rumänen, dem sie sehr zu gefallen scheint und mit dem zusammen sie eine Flasche Brauselimonade leert.

»Von wem ist der Brief?« fragt die Großmutter neckend.

»Ich ... ich ahne nicht,« murmelt Erika, und ihre weißen Wangen werden noch weißer und ihre leuchtenden Augen werden starr.

»Wirklich nicht? – Von wem kann wohl ein Brief sein, über den ich mich so freue!«

Erika fährt zusammen.

»Von Goswyn!« sagt die Großmutter. »Aber was für ein Gesicht du machst!«

»Soll ich mich vielleicht ebenso freuen wie du, weil Goswyn endlich von der großen Teilnahme, die du ihm entgegenbringst, Notiz genommen hat?« sagt Erika. Aber ihre alte herbe Betonung fehlt und ihre Stimme klingt matt und klanglos.

»Laß es gut sein,« entgegnet die Großmutter gutmütig triumphierend. »Lies erst den Brief, und dann sag' mir, ob du noch die geringste Lust hast, ihm böse zu bleiben. Magst du ... ihm nun besonders gewogen sein oder nicht – immerhin wird dich der Brief freuen. E fragt unter anderem an, ob wir Anfang nächster Woche noch in Venedig sind, und ob er uns nicht ungelegen käme.«

Erika hält den Brief in den Händen; sie heftet ihre Augen darauf, aber die großen deutlichen Schriftzüge schwanken vor ihrem Blick. Von dem weißen glatten Briefbogen hinweg sieht sie in das helle Sonnengeflimmer auf der Lagune.

Mitten zwischen den schwarzen Gondeln mit den weißen Glanzlichtern erblickt man jetzt Prinz Helmy in seinem gelben Kutter, der gewöhnlich vor dem Hotel Britannia vor Anker liegt. Die beiden Damen erspähend, klettert der Prinz über ein paar Gondeln bis zu ihnen heran. »Hätten die Damen keine Lust, sich mir anzuvertrauen? Ich könnte die Fahrt bis nach dem Lunch verschieben, und es würde vielleicht amüsanter sein, in meinem Kutter nach Chioggia zu fahren als in dem Dampfer.«

»Gewiß wär's amüsanter,« erwidert die alte Gräfin mit einem freundlichen Wohlwollen, das Prinz Helmy an ihr nicht gewohnt ist. »Aber,« setzt sie hinzu, »leider kann ich mir das Vergnügen nicht gönnen. Ich tue diesmal hauptsächlich als Stütze der Gesellschaft mit, Konstanze Mühlberg zuliebe, und da kann ich sie auf ihrem Dampfer nicht allein lassen.«

»Schade!«

Indessen ruft eine lustige alte Stimme: »Leg' mich Ihnen zu Füßen, meine Damen!« Es ist Graf Treurenberg, der, völlig ausgerüstet zu der Partie nach Chioggia, im hellen Sommeranzug an sie herantritt. »Sie kommen doch auch nach Chioggia?«

»Allerdings.«

»Schade, daß Sie nicht mit uns fahren können!«

»Ich bedauerte soeben,« bemerkte Prinz Helmy.

»Wissen Sie nicht, ob Lozoncyi von der Partie sein wird?« fragt Treurenberg.

»Habe keine Ahnung,« erwidert Gräfin Lenzdorff mit auffallend kühler Betonung.

»Was sagen Sie denn zu der Frau, die ihm da plötzlich heruntergeschneit kommt? Eine Überraschung, was?«

»Eine Überraschung, die mich sehr kühl läßt,« erwidert die Gräfin hochmütig.

»Daran zweifle ich nicht,« entgegnet Treurenberg lachend. »Von einigen unserer venezianischen Schönheiten würde ich das Gegenteil behaupten. Komisch ist's immerhin, daß der Kerl seine ›unlöslichen Bande‹ verschweigt. Hm! Ich habe ihn einmal in Paris mit der in Rede stehenden Persönlichkeit gesehen, aber im Traume hätt' ich mir's nicht einfallen lassen, daß diese gelbhaarige Dame legitime Ansprüche auf ihn geltend machen könne. Eine Jugendeselei – offenbar!«

»Ein Mühlstein, den er sich um den Hals gebunden hat,« meint der blauäugige Prinz Helmy sentimental, »eine Last, die ihn jetzt zu Boden drückt. Mir ist sehr leid um ihn.«

»Hm!« meint Graf Treurenberg gedehnt, »mit dem Mitleid bin ich nicht so schnell bei der Hand. Solche Frauen machen mitunter den Künstlern das Leben sehr bequem, und dann im Grunde hat sie ihn bis jetzt wenig geniert.« Er reibt sich die Hände und zwinkert vielsagend.

Eine Pause folgt – ringsherum nichts als Glockengeschwirr und der Lärm von geschäftig durcheinanderpolternden Menschen, die man nicht sieht.

»Bist du bereit, Onkel Hans?« fragt Prinz Helmy.

Treurenberg ist bereit, er empfiehlt sich den beiden Damen. Kurz darauf sieht man ihn in dem kleinen Kutter neben dem Prinzen, der sich mit seinen zwei Matrosen um die Wette bemüht, noch ein Segel auf sein kleinwinziges Fahrzeug aufzuhissen. Dann grüßen die beiden Herren noch einmal zu den Lenzdorffs hinüber, ernst ehrerbietig; der Kutter setzt sich in Bewegung, erst langsam zwischen den Gondeln hindurch, dann schneller, immer schneller, wie ein Vogel hinschwebend über die hellgraue Lagune, schneller, immer schneller nach der Richtung hin, wo die weißen Schaumköpfe des offenen Meeres in sich überstürzendem Ungestüm aus der Wasserfläche auftauchen.

Es ist eine Kleinigkeit, aber die Last, die heute Erikas Herz bedrückt, ist schwerer geworden. Sie hat sich gesagt, daß von morgen an nie, nie mehr ein Mann sie so tief und mit so viel ritterlicher Hochachtung grüßen wird, wie die beiden in dem Kutter sie gegrüßt haben.

Ihre Anwandlung von Feigheit ist kurz. Gleich darauf empfindet sie die schmerzgewürzte Genugtuung eines Fanatikers, der sich freut, noch eine Qual mehr leiden zu dürfen für seine Überzeugung.

»Ich begreife nicht, daß uns das Lunch noch nicht gemeldet wird,« bemerkt Gräfin Lenzdorff, ihre an einer Chatelaine hängende Uhr zu Rate ziehend; dann sieht sie zu Erika auf. Sie erschrickt über das Aussehen des jungen Mädchens. »Was hast du nur?« fragt sie, und da Erika, anstatt zu antworten, die Farbe wechselt, kommt ihr zum erstenmal der Gedanke: Wäre es möglich, daß sie sich für den Maler interessiert – die Erika? Meine stolze Erika? Beobachtend heftet sie den Blick auf ihre Enkelin.

Indem fängt ein Kind in einem Perambulator an zu schreien. Es ist das Kind der Engländerin, die mit dem Rumänen kognakgewürzte Limonade trinkt. Gleichgültig sieht sie sich nach dem armen Wurm um. Ohne die geringste Miene zu machen, dasselbe zu trösten, fährt sie fort, im Schatten ihres großen roten Sonnenschirms dem weizengelben jungen Manne ihre glänzenden weißen Zähne zu zeigen.

Erika tut der kleine Verlassene leid. Sie hebt ihn aus den Kissen, nimmt ihn auf den Arm und streichelt ihn. Sie ist dem kleinen Kerl nicht unbekannt, da sie öfters, wenn sie ihm im Garten oder in der Cour d'honneur des Hotels begegnet ist, mit ihm getändelt hat. Er läßt sich ihre Liebkosungen nicht nur willig, sondern mit augenscheinlicher Genugtuung gefallen, reibt seine tränenfeuchte, etwas rauhe rote Wange an ihrem glatten weißen Gesicht und schluchzt nur noch ein bißchen aus Wichtigtuerei, oder weil sich die kleine Brust nicht so schnell beruhigen kann wie der aufgeregte kleine Geist.

Was für eine reizende junge Mutter sie wäre! denkt die alte Gräfin, sie gerührt beobachtend. Wenn Goswyn sie so sehen könnte! Zugleich schleicht sich eine häßliche Unruhe um ihr sonst so regelmäßig schlagendes Herz. Was soll ich ihm antworten? Mein Gott, ich hatte keine Ahnung! Vielleicht bilde ich mir's nur ein. Aber wenn ... was hätte ich da wieder angerichtet! Und die Welt spricht von meiner Klugheit ... Armes Kind!

Indem tritt Fritz in den Garten hinaus und meldet, daß das dem Ausflug nach Chioggia zu Ehren um eine Stunde vorgeschobene Dejeuner serviert ist.

 

Lozoncyi hatte begonnen, seine Reisevorbereitungen zu treffen. Nachdem er in einen Handkoffer aus gelbem Leder die nötigsten Dinge (oder solche, die er dafür hielt) ziemlich wirr durcheinandergeworfen hatte, setzte er sich an das wacklige vierfüßige Möbel, das ihm als Schreibtisch diente, um sich in das Kursbuch zu vertiefen.

Von der ursprünglichen Absicht, direkt nach Wien oder Florenz zu reisen, abweichend, beabsichtigte er nun nach München mit Erika zu reisen, und zwar auf einem komplizierten Umweg, damit man dem entflohenen Paar nicht sofort auf die Spur kommen möge. – Da nun aber niemand auf der Welt unbeholfener im Entdecken und Feststellen von Anschlüssen war als Paul Lozoncyi, so erwies sich seine Beschäftigung als ebenso mühsam wie unfruchtbar.

Sein Kopf war schon ganz wirr von Zeichen, die er nicht deuten konnte, und Ziffern, die er immer wieder vergaß, als er bemerkte, daß jemand neben ihn getreten war. »Du suchst?« fragte die tiefe, warme, einigermaßen männlich klingende Stimme seiner Frau.

»Dürfte ich dich fragen, was dich das angeht?« rief er ungeduldig.

»Oh, ich wollte dir nur ein wenig helfen! Wohin beabsichtigst du zu reisen?« »Wer sagt dir, daß ich überhaupt reisen will?« herrschte er sie an.

»Das ist nicht schwer zu erraten,« konstatierte sie trocken. »Zu deinem Vergnügen hast du noch niemals in einem Kursbuch geblättert. Im übrigen,« lächelnd deutete sie auf den Handkoffer, der überfüllt, noch klaffend, »«zugeschnallt und unzugeschlossen auf einem Diwan lag.

»Und was geht's dich an, wenn ich wirklich reisen will?«

»Oh, das geht mich eine ganze Menge an,« entgegnete sie ihm und lachte dabei gutmütig und mechanisch, ein Lachen, das wie das Gurren eines dicken alten Taubers klang.

»Du hast dich ja sonst nicht drum bekümmert, wo ich hinreise, ob ich reiste oder nicht,« murrte er.

»Würde mich auch heute nicht darum bekümmern, wenn ich nicht so die Ahnung hätte – als ob mit dieser von dir geplanten Reise ein recht gefährliches Abenteuer verbunden wäre!«

»Seraphine,« fuhr er sie an. Sie trug einen sehr romantischen Namen, wie fast alle Pariser Portierstöchter.

»Hm! Und meinst du wirklich, ich hätte es nicht erraten, daß du mit dieser Mlle. Ste-N'y Tonche durchgehen willst?«

»Seraphine! Was fällt dir ein? Ich verbiete dir solche absurde Vermutungen!« brüllte der Maler, indem er mit geballten Fäusten auf sie losging. Die Hand auf der Hüfte und sich von einem Fuß auf den andern wiegend, blieb sie gelassen vor ihm stehen. Sie kannte ihn gut und wußte, daß er zu jenen Männern gehört, die zwar manchesmal drohend die Faust heben, aber nie losschlagen gegen eine Frau. In der Tat ließ er nach einem letzten, kurzen Aufschnauben die Hand sinken, während sie sich phlegmatisch auf den Diwan setzte, gerade neben den klaffenden Handkoffer.

»Herrgott, muß das eine Närrin sein, die sich in so ein Abenteuer einläßt,« murmelte sie vor sich hin, indem sie sich gemächlich eine Zigarette anzündete.

»Eine Närrin!« schrie er entrüstet. »Ich verbiete dir, in diesem Ton von dem Geschöpf zu reden, das ich auf der ganzen Welt am höchsten verehre. Sie ist eine Heilige!« Er keuchte; er war blaß vor Zorn.

»Eine Heilige, die sich entschlossen hat, mit einem verheirateten Mann durchzugehen! Sonderbare Heilige, fürwahr!«

»Schweig!« herrschte er sie an. »Sie tut, was sie tut, von einem Standpunkt aus, den du einfach nicht begreifst. Was versteht eine Dirne wie du von dem Empfinden eines Engels wie sie!«

Die Blonde hatte sich indessen die Polster an der Rücklehne des Diwans möglichst behaglich zurechtgeschoben, und den Kopf auf den hinter ihrem Nacken verschränkten Armen, blinzelte sie ihn zwischen ihren goldenen Augenwimpern schläfrig an. Anstatt seine Entrüstung mit gleicher Münze zu bezahlen, bemerkte sie nur phlegmatisch: »Du vergißt, scheint mir, daß die Dirne deine angetraute Gattin, und das sie dir ... hm! ... manchesmal sehr nützlich war!«

Er hatte angefangen auf und ab zu gehen, wobei er kleine Gegenstände, die unordentlich auf dem Boden herumlagen, ungeduldig aus dem Wege stieß.

Plötzlich vor ihr stehenbleibend, stampfte er mit dem Fuß. »Wenn ich's nur vergessen könnte!« schrie er heiser. »Wenn ich nur könnte! Aber selbst wenn ein Blitz in dich hineinschlüge und du auf der Stelle tot bliebst, könnte er mich nicht von dir befreien. Denn du bist in mir, bist in mein Fleisch und Blut, in mein Denken und Fühlen übergegangen, mit all deiner moralischen Fäulnis. Und wenn mir vor dir graut, graut mir auch vor mir selbst. Ich weiß ja, daß ich nicht wert bin, ihr die Schuhriemen zu lösen, und daß nichts bei unserem armen, verzweifelten Experiment herauskommen wird als ein Moment der Ekstase und dann ... ein grenzenloser Jammer ... es sei denn ... Doch davor bewahr' mich Gott!« Er warf sich in einen Stuhl, lehnte seine beiden Ellenbogen auf den Tisch, barg das Gesicht in seinen Händen und begann zu schluchzen.

»Es sei denn?« wiederholte sie gedehnt, lauernd, spöttisch.

Er ließ die Hände fallen und schlug mit der Faust aus den Tisch. »Warum fragst du? Du weißt's so gut wie ich, was ich meine.«

»Nun ... es sei denn,« noch gedehnter, noch lauernder, noch spöttischer.

»Es sei denn,« er röchelte es heiser, nach Atem ringend, »es sei denn, daß es mir gelingt, sie zu lehren, sich in derselben Pfütze wohlzufühlen, in die du mich herabgezerrt«, – dumpf und halblaut: – »aus der sie mich retten will!«

»Ach so, retten will sie dich! Das ist ja recht lobenswert,« murmelte immer mit ihrem phlegmatischen Spott die Blonde, und wieder lachte sie tief und weich und zynisch das gurrende Lachen eines alten Taubers, der so viel erlebt hat, als er erleben konnte, und sich nun behaglich von seinen vergangenen Anstrengungen ausruht.

Lozoncyi saß, den Kopf in den Händen, stumm. Nach einer Weile begann die Blonde von neuem: »So wenig ich deiner Meinung nach imstande bin, die herrlichen Motive zu verstehen, die diese Heilige dazu bewegen, eine ... unsinnige Dummheit zu machen«, – sehr ironisch: – »so kenn' ich mich in der weiblichen Psychologie doch besser aus als du!«

»So!« ebenfalls sehr ironisch.

»Ja! – Wie du weißt...« sie griff nach einer neuen Zigarette und fing an, Ringe vor sich hinzublasen. »Wie du weißt, hab' ich so manches erlebt und erfahren, ehe ich deine gesetzlich angetraute Gattin geworden bin.«

»Findest du es sehr geschmackvoll, mich daran zu erinnern?«

»Die Erinnerung hat dich bisher nie sehr bedrückt,« erwiderte sie trocken. »Es wäre mir nie eingefallen, dir meine Vergangenheit zu verschweigen, und als du mir deinen Namen gabst, warst du noch viel zu vernünftig, um Wert auf die erkünstelte und verkümmernde Reinheit einer Frau von siebenundzwanzig Jahren zu legen; aber das gehört nicht hierher. Was ich dir mitteilen wollte, ist, daß ich eine Zeitlang Sekretärin von Charcot gewesen bin und bei dieser Gelegenheit die verschiedensten Fälle von weiblicher Überspanntheit kennengelernt habe. – Es ist aus meinen bei Charcot geschöpften Erfahrungen heraus, daß ich dir erkläre – sie wird sich nicht wohlfühlen in der Pfütze, in der du dich wohlgefühlt hast. Solche hysterischen Frauenzimmer, wie die, fühlen sich überhaupt nicht wohl, außer in einer Kinderstube mit möglichst vielen legitimen Babys drin, legitimen!, wohl verstanden! – Da ihr dieses Abkühlungsmittel durch den von euch beiden so genial geplanten Zeitvertreib wohl versagt bleiben dürfte – seh' ich keinen Ausweg aus den ihr bevorstehenden Verlegenheiten als... den Selbstmord oder ... die Salpetriere!«

»Schweig!« schrie er, »willst du mich ganz zur Verzweiflung bringen?«

»Nein! Nur dich dran verhindern, es selber zu besorgen!«

Darauf erwiderte er nichts, aber immer mehr nahm sein Gesicht einen grübelnden, unruhigen Ausdruck an.

Sie beobachtete ihn genau. » Tu sais c'est bien sale ce que tu es en train de faire,« stellte sie fest, »und die Welt wird dir's nicht leicht verzeihen, vor allem wirst du deine ganze vornehme Porträtklientel verlieren. Keine sogenannt anständige Frau wird mehr für dich sitzen wollen!«

»Wer weiß? Vielleicht erst recht!« murmelte er vor sich hin.

»Ja, vielleicht ... Sie sind allerdings manchmal recht komisch, deine sogenannt anständigen Frauen. Lassen wir deine Karriere beiseite, denken wir an dein Gewissen ... wenn du eins hast, und ein Mann mit einer so starken Phantasie und so schwachen Nerven wie du hat immer ein Gewissen oder, was auf dasselbe herauskommt, ein marterndes Gedächtnis ... und das ... siehst du, das könnte dir, wenn die Sache schief geht – und sie wird jämmerlich schief gehen –, ganz gehörig aufspielen! ... La lu auras des cauchemars!«

Nun zündete er sich seinerseits eine Zigarette an, aber anstatt wie die Blonde gemächlich Rauchringe vor sich hinzublasen, dampfte er rasch in kurzen gierigen Zügen; plötzlich, die noch brennende Zigarette auf die Erde werfend, rief er: »Warum sagst du mir das alles, da du mir den einzigen befreienden Ausweg nicht gönnst!«

»Den einzigen Ausweg,« wiederholte sie phlegmatisch neugierig, als wüßte sie gar nicht, um was es sich handle, und schob fragend die Brauen in die Stirn.

»Den einzigen! – Unsere Scheidung!«

»Oh!... und das sollte der einzige Ausweg sein?«

»Der einzige,« ächzte, die Fäuste ballend, Lozoncyi.

»Ah! So! Komisch, wieviel Naivität immer noch selbst im abgefeimtesten Don Juan steckt!« murmelte sie vor sich hin und versenkte sich zugleich in den Anblick eines Mückenstichs auf ihrem weißen, vollen Handgelenk.

»Was willst du damit sagen?« zischte kaum hörbar der Maler. Deutlich merkte es die Blonde, wie ein leises Zittern seinen überreizten, nervösen Körper durchlief.

»Nichts – gar nichts. Es ist sehr heiß, findest du nicht? Mit diesen Worten schlug sie den offenen Kragen ihres Morgenrocks noch mehr zurück, wobei ihr Nacken in seiner ganzen, an leicht vergilbten weißen Marmor erinnernden Pracht zum Vorschein trat. Zugleich ließ sie einen ihrer goldgestickten roten Saffianpantoffel von ihrem nackten Fuß fallen. Der Fuß war edel geformt wie der einer antiken Statue und gepflegt wie die Hand einer Kokotte.

Lozoncyi ließ seinen alles enthüllenden Malerblick über ihre nur mit Batisthemd und langem durchsichtigem Morgenrock bekleidete Gestalt gleiten. Keine Linie entging ihm, und jede verborgene Schönheit ihres Körpers trat in sein Gedächtnis.

Und mit einemmal sah er sie vor sich, wie sie ihm zum erstenmal gestanden, für sein Bild Venus und Äsop, das ihm die goldene Medaille im Salon eingebracht hatte.

Dermaßen verblüfft und geblendet war er von ihrer Schönheit gewesen, daß ihm der Pinsel aus der Hand gefallen war. Bettelarm, hatte er sich damals von trockenem Brot genährt, um ihre kostspieligen Sitzungen bezahlen zu können; als aber trotz aller Entbehrungen seine Mittel nicht mehr gelangt, hatte sie ihm gutmütig angetragen, ihm umsonst zu stehen – ihm, dem unbekannten Maler, sie, eines der begehrtesten Modelle von Paris.

Darüber war er krank geworden. Unterernährt, die letzte warme Decke im Versatzamt, kein Scheit Holz im Kamin, war er auf seinem armseligen Bett gelegen mit schmerzendem Hals und vor Kälte schlotternden Gliedern ... auch daran erinnerte er sich noch, wie er, aus einem fiebrigen Halbschlaf erwachend, prasselnde Holzscheite im Kamin brennen gesehen, während zugleich eine weiche Daunendecke sich wärmend und schmeichelnd um seine Glieder schmiegte und alles um ihn herum einen so wohlgeordneten sauberen Eindruck machte, daß er es kaum vermochte, sein armseliges, verwahrlostes Stübchen zu erkennen. Neben seinem Bett aber saß, von Sauberkeit und pünktlichster Körperpflege duftend, eine blonde Frau mit weißem Krägelchen und Manschetten an ihrem dunkelblauen Kleid, und ihm mit der Sachlichkeit einer Berufspflegerin den Puls fühlend bemerkte sie: »Ich denke, der Moment wäre gekommen für eine Tasse heißer Bouillon.«

Ah! ... Das warme Behagen, das seine müden Glieder durchrieselte, während er die würzige, goldfarbene Brühe herunterschlang. Und dann das langsame Hinübergleiten in einen neuerlichen erquickenden Schlaf, immer mit dem Bewußtsein des prasselnden Feuers im Kamin und der blonden Vorsehung neben seinem Bett.

Das Jahr darauf erhielt er die Médaille d'honneur für seine Pasiphae.

Wieder hatte sie ihm dazu gestanden, und zwar in einer Ferme in der Normandie, und wieder sah er sie deutlich vor sich mit der Gedächtnistreue des Malers, der sich gewöhnt hat, Skizzen von Vorwürfen zu machen, die ihm seine Erinnerung übermittelt. In der von Hecken umfriedeten, umschirmten Wiese sah er sie stehen in einem herrlichen Morgenlicht ohne Grellheiten und voll goldener Schleier, sah ihren blühenden, reich und gesund entwickelten Körper sich in zartem Farbenschmelz abheben gegen einen schwarzen Stier, den sie geduldig und übermütig zu diesem Zweck gezähmt und mit dem sie so furchtlos umging wie ein Kind mit einem treuen bösen Hund, der alle anderen beißt, und dem das Kind unbefangen den Arm in den Rachen steckt.

Er sah das schimmernde Sonnenlicht auf ihrem blonden Haar, er sah den funkelnden Tau auf dem Wiesengras um die rosigen Zehen ihrer weißen Füße. Mit der grausamen Selbstsucht eines ganz in seiner Aufgabe konzentrierten jungen Künstlers hatte er in seinen Ansprüchen an ihre Leistungsfähigkeit keine Grenzen gekannt. Sie aber hatte immer durchgehalten; nie hatte sie eine Anstrengung, die sie für ihn ertragen mußte, verdrossen.

Und wie sie für ihn gesorgt hatte! Alle materiellen Schwierigkeiten seiner Existenz hatte sie geebnet. Mit angeborenem Kunstsinn und durch den mannigfachen Verkehr in Pariser Ateliers geschärftem Kunstverständnis seine kolossale Begabung rasch erkennend, hatte sie eine wahre Genialität darin entwickelt, derselben die günstigsten Entfaltungsmöglichkeiten zu schaffen.

Ja, er verdankte ihr viel. Erst in dem Augenblick, wo er den Vorsatz gefaßt, sich von ihr endgültig zu trennen, erfaßte er es, wieviel! Daneben freilich ...

Untreu (soviel er wußte) war sie ihm nie gewesen, aber ihre Lebensauffassung war die zynischste, der Verkehr, den sie um sich und ihn versammelt hatte, der liederlichste, den man sich denken konnte. Es war ihm früher nie eingefallen, Anstoß daran zu nehmen.

Seine Mutter war eine Wiener Tingeltangelsängerin gewesen und nicht um ein Härchen keuscher und prüder als die blonde Seraphine. Nur der strenge Ordnungs- und pfiffige Geschäftssinn der Pariserin hatten ihr gefehlt.

Und sein Vater? Der war ein ungarischer Edelmann, aber den hatte Paul Lozoncyi nie gekannt. Er hatte die Tingeltangeltänzerin zwei Monate vor Pauls Geburt auf dem Totenbett geheiratet, um seinem Kinde wenigstens einen ehrlichen Namen zu geben, da er ihm sonst nichts zu hinterlassen hatte.

Die Mutter war gut gegen den Knaben und er seinerseits ihr sehr anhänglich gewesen. Daß verschiedene Freunde von ihr bei ihr ein und aus gegangen waren, hatte er als etwas Selbstverständliches hingenommen. Nach ihrem Tod (Paul war damals fünfzehn Jahre alt) hatte einer der Freunde die Sorge um seine Existenz übernommen. Er hatte ihn als Lehrling in einem Kolonialgeschäft untergebracht, wogegen sich der junge Paul, der durchaus Maler werden wollte, leidenschaftlich wehrte. Nach zweijährigem Martyrium war er aus dem Kolonialgeschäft durchgebrannt und hatte den Weg zu seiner Tante Illona gesucht, einer älteren Schwester seines Vaters, die, eine arme, verkümmerte alte Jungfer, sich in Dresden ihren Lebensunterhalt mit mühsam ausgetüpfelten Miniaturen erpinselte. Im Laufe seiner Wanderschaft hatte er Erika kennengelernt.

Die Begegnung mit dem allerliebsten kleinen Mädchen hatte tatsächlich einen großen Eindruck auf ihn gemacht. Jahrelang hatte seine reiche Künstlerphantasie an dem Faden weitergesponnen, und er hatte tatsächlich eines Tages den Ort seiner Begegnung mit ihr aufgesucht, um sich davon zu überzeugen, was aus ihr geworden war. Das hatte er nicht erfunden, er hatte nur hinzuzufügen vergessen, daß es im Laufe einer Reise von München nach Prag geschehen und er einfach bei der entsprechenden Station ausgestiegen war und einen Zug überschlagen hatte, um seine kleine Landpartie auszuführen.

Ein paar nüchterne Einzelheiten zu unterdrücken, um die Schilderung einer Tatsache hübsch und poetisch herzurichten, ist niemand verboten.

Und er hatte vom ersten Augenblick an gleich damals in dem Klostergarten, als er ihr vorgestellt worden war, den dringenden Wunsch gefühlt, sich bei dem schönen und eigenartigen Mädchen einzuschmeicheln. Sie hatte ihm's angetan, hatte Saiten in seiner Seele erklingen lassen, von denen er bis dahin gar nicht geahnt hatte, daß er sie besaß.

Er liebte sie. Sein ganzes Empfinden verzehrte sich momentan in einem flammenden Wunsch. Wieder zündete er sich eine Zigarette an und fing an auf und ab zu gehen, immer rascher, unruhiger, wie ein wildes Tier im Käfig.

Die Blonde saß schweigsam, immer noch die Arme unter dem Kopf, die Knie übereinander, und wippte leise mit dem Fuß, an dem der goldgestickte Pantoffel hing. Sie betrachtete den Maler, aber ohne Aufdringlichkeit – so wie von ungefähr, leicht zwinkernd mit einem schmalen, überlegenen Blick.

Wieder mußte er an seine Pasiphae denken, an den ungeheuren Triumph, den er damals am Vernissagetag erlebt hatte, an die Ovationen seiner Kollegen.

Er blieb vor ihr stehen. »Ich kann nicht leugnen, daß du sehr gut gegen mich gewesen bist, daß ich dir viel verdanke,« sagte er heiser. »Wir waren tüchtig verliebt ineinander, wenn ich an die ersten Zeiten unserer Leidenschaft zurückdenke – Donnerwetter! Aber so etwas nimmt ein Ende. Gerade etwas so Heißes, wie's unsere Liebe war, das kann nicht ewig dauern. Seraphine, was hast du denn noch von einem Mann, der dich nicht mehr liebt?« Er kniete nieder vor ihr und legte seine gefalteten Hände auf ihren Schoß. »Du hast ganz recht. Diese heimliche Flucht mit einem jungen Mädchen wäre eine Abscheulichkeit. Da du meine Absichten erraten hast, kann ich ja offen mit dir darüber reden. Löse die Fessel, die uns aneinanderkettet. Ich will dich wie eine Prinzessin versorgen!«

»Hm! ... Und wenn's mir nun einmal kein Vergnügen macht, mich wie eine Prinzessin versorgen zu lassen? Wenn ich lieber deine zerfallenden Hemden flicken möchte in einer Mansarde in Clichy?« Der heisere, halb zischende Klang ihrer Stimme verriet ihm, wieviel von der geradezu elementaren Leidenschaft, die er ursprünglich in ihr geweckt, noch in ihren Adern weiterschwoll. Er erschrak darüber, und doch rief ihm sein Schrecken viele Dinge ins Gedächtnis zurück, die ihm ehemals süß und begehrenswert erschienen waren. Nicht ohne Überwindung wehrte er den Anflug von Sentimentalität von sich ab und erwiderte trocken, fast bitter: »Es ist keine Rede von zerfallenden Hemden mehr!«

»Leider!!! Manchmal verfluche ich die Geschicklichkeit, mit der ich dir den Weg zum Reichtum geebnet habe. Ohne mich wärst du ein armer Schlucker heute noch; du hast nicht so viel Geschäftssinn wie ein Kanarienvogel. So wie die Sachen jetzt stehen, schwimmst du auch ohne mich. In der Mansarde hättest du mich heute noch nötig!«

»Ach, laß die Mansarde in Ruh',« murrte er. Dir ist ebensowenig darum zu tun wie mir, in die Mansarde zurückzukehren!«

»Vielleicht, j'uis pas sûre ...« Sie schwieg erinnerungsversunken, dann sich zusammenrüttelnd: » Enfin! Vielleicht hast du recht; man kann die Vergangenheit nicht zurückzaubern, den überwältigenden Impuls, das heiße Blut, die wundervolle Tätigkeit der Phantasie, den Blick in die Zukunft. Die Mansarde war schön, weil die Jugend drin wohnte. Ohne Jugend und ohne Zukunft wäre sie einfach unbequem und entmutigend. Das reifere Alter braucht einen anderen Rahmen. Apropos. Daß unser Hotel in der Avenue de Villers unter Dach und Fach ist, weißt du doch?« Er fuhr zusammen. »Nein!« erwiderte er.

»Ich hatte dir's doch geschrieben!«

»Deine letzten Briefe habe ich nicht mehr gelesen.«

»Hm! Das merkte ich. Drum bin ich hergekommen, um nach dem Rechten zu sehen. Mon pauvre chéri, wie du mich dauerst! ... Diesmal schüttelt's dich ordentlich. Aber du wirst genesen – wenn du deinen unsinnigen Plan aufgibst, wirst du genesen. Zeus, dein Atelier ist herrlich – mit Lichteffekten, fabelhaft. Das schönste Atelier in Paris. Für den zwanzigsten hatte ich die Einweihung bestimmt – la pendaison de la crémaillére. Hatte sogar die Liste der Gäste aufgesetzt, alle unsere Freunde ... mit einigen Eliminationen – auf deiner Stufe der Zelebrität ist man sich eine Art Exklusivität schuldig. Die größten Künstler von Paris hatten mir schon versprochen, den Abend durch ihre Mitwirkung zu verschönen. Unsere neue Häuslichkeit wäre eine Woche lang Stadtgespräch gewesen!«

»Unsere« klang's ihm im Ohr. Ja, ihr und sein Besitz waren gemeinschaftlich. Es würde schwerhalten, wo nicht ganz unmöglich sein, dieses gesetzlich betätigte Gefüge auseinanderzureißen. Und die ganze Geschäftsführung lag in ihren Händen. Was nun anfangen mit dem luxuriös angelegten, halbvollendeten Künstlerheim, das bereits eine Million verschlungen hatte. All das hatte seine nur auf ein Ziel gerichtete Sehnsucht vergessen. Zum Teufel damit! »Behalte den ganzen Krempel!« schrie er sie an und stampfte mit den Füßen. »Laß mich ungeschoren mit dem dummen Hotel in der Avenue de Villers – haus' du allein drin oder mit wem du willst, aber gib mich frei, gib mich frei!« Er rang die Hände, knirschte mit den Zähnen wie ein Besessener.

Sie aber blieb ganz ruhig. »Dich freilassen? Nie!« erklärte sie.

»Begreifst du denn nicht, wie grausam du bist?«

»Grausam, ich? Gegen dich? Das ist köstlich! Als ob ich dir je ein Vergnügen mißgönnt, einen Seitensprung verübelt hätte. Ich bin ja auch heute noch bereit, mich mit allem abzufinden. Hm! ...« Sie machte eine lange Pause – dann die Augen fast zukneifend, mit ironisch abwärts gebogenen Mundwinkeln: »Bist du denn ganz sicher, daß alle diese Umständlichkeiten« – sie deutete auf das Kursbuch – »absolut nötig sind? Selbst die überspanntesten Frauenzimmer paktieren...«

Mit einem abscheulichen Schimpfwort schnitt er ihr die Rede ab. Dann nahm er sie bei beiden Schultern und warf sie zur Tür hinaus. – Und doch! ... In Gedanken versunken blieb er stehen.

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