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Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre

Ossip Schubin: Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorOssip Schubin
titleGräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre
publisherVerlag von Georg Westermann
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070226
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Dennoch erschien sie pünktlich beim Frühstück wie gewöhnlich; aber inmitten der zwanglosen, freundlichen kleinen Mahlzeit, die sie wie alle Tage in dem Wohnzimmer ihrer Großmutter einnahm, überfiel sie eine drückende Mattigkeit, eine Sehnsucht, sich einmal ordentlich auszuweinen irgendwo im Dunkeln, wo sie niemand dabei ertappen würde.

Indessen zog sich die Mahlzeit endlos in die Länge. Die Großmutter, welche ihren Ärger über Lozoncyis verheimlichte Ehe längst vergessen und sich den Abend zuvor bei Aglaja von Neerwinden außerordentlich gut unterhalten hatte, war bei vortrefflicher Laune und konnte des Plauderns kein Ende finden. Sie war ganz besonders witzig, scharfsinnig und geistreich.

Immer noch hielt sich Erika, brachte es über sich, munter zu erscheinen, zu lachen. Es war ihr dabei zumut, als ob sie mit schmerzenden Zähnen Nüsse knacke.

Da, als sie gerade wähnte, es nicht mehr aushalten zu können, erschien Lüdecke und präsentierte ihr ein Billett. Es sei gestern gekommen, berichtete er, kurz ehe die Damen ausgefahren seien zum Diner. Er habe es vergessen, er bitte um Entschuldigung.

»Altes Schaf!« murmelte die Großmutter; Erika aber öffnete mit zitternden Händen das Blättchen. Es war von Fräulein Horst, der Klavierlehrerin in der Pension Weber. Sie schrieb, daß sie sich seit ein paar Tagen unwohl fühle und infolgedessen nach Hause abzureisen gedenke. Mit rührender Dankbarkeit und Schwärmerei verabschiedete sie sich brieflich von Erika, da ihre erschöpften Kräfte es ihr nicht mehr erlaubten, die Komtesse aufzusuchen.

Aufrichtig betrübt, nebenbei ein wenig beschämt durch das Bewußtsein, die harmlose Schwärmerin in letzterer Zeit vernachlässigt zu haben, ließ sich Erika eine Gondel rufen, in der sie sich sofort nach der Pension Weber begab. Als sie in dem Flur des Etablissements nach Fräulein Horst frug, malte sich eine große Bestürzung auf allen Gesichtern. Erika erriet, daß man ihr den bereits eingetretenen Tod der Armen verschweigen wollte – wenigstens momentan, um ein paar soeben von der Bahn eingetroffene Touristen nicht unangenehm zu berühren.

Sie wartete ab, bis man diesen ihre Zimmer angewiesen hatte, worauf sie Attilio, den ihr durch ihre wiederholten Besuche bei Fräulein Horst bekannten Kellner, bat, sie zu der Leiche zu führen.

Die schmalen, muffig riechenden Gänge der Pension entlang erzählte er ihr halblaut, man habe schon längere Zeit keine Hoffnung gehabt. Vorgestern habe sich auch noch die letzte Unruhe eingestellt: das Reisefieber, die Sehnsucht nach der Heimat, das sichere Zeichen nahender Auflösung; für heute abend sei die Abreise der Ärmsten beabsichtigt gewesen. Ach, man habe so gehofft, sie zur rechten Zeit fortzubekommen, und nun sei sie doch hier gestorben! Den Morgen habe man sie tot im Bett gefunden, die Kerzen neben ihr tief herabgebrannt, auf ihrer Bettdecke ein aufgeschlagenes Buch. Ach ja, es sei recht traurig, so fern von der Heimat zu sterben, aber es sei auch unangenehm für das Etablissement, die Exzellenz könne sich das gar nicht vorstellen. Welcher Schaden für die Pension! Der Signor Barone aus dem ersten Stock habe sofort erklärt, er brächte keine Nacht mehr dort zu.

Indessen hatte Attilio den Schlüssel des Kämmerchens gebracht, in dem die Leiche verschlossen war. Er ließ Erika ein. Sie winkte ihm, sich zu entfernen. Das Zimmer war verdunkelt, nicht einmal ein paar Kerzen hatte man zu Häupten der Leiche hingestellt. Erika schob die Vorhänge etwas zurück; ein Kruzifix stand auf dem Nachttisch mitten zwischen den Medizinflaschen und Liebesgeschichten, die auch heute denselben bedeckten. Eins der Bücher war aufgeschlagen, wahrscheinlich an derselben Stelle, wo die Verstorbene aufgehört, es zu lesen. Eine deutsche Übersetzung von Romeo und Julia – an der Balkonszene war es offen: »Es ist die Nachtigall und nicht die Lerche ...«

Erika schlug das Laken zurück, das den Kopf der Leiche bedeckte; doch verschleierte sie, bis ins Innerste erschüttert, sofort wieder das arme tote Gesicht, dermaßen erschrak sie vor dem Ausdruck dürstender Sehnsucht in den starren, bleichen Zügen – einer Sehnsucht, die unbefriedigt in den Tod gegangen war.

Sie kniete nieder neben der Verstorbenen, grub ihre Stirn in den Bettrand und weinte.

Als Attilio kam, sie sanft zu mahnen, nicht zu lange zu verweilen, raffte sie sich auf und verließ mit tiefgesenktem Kopf das Zimmer.

Während sie die Treppe hinunterging, hörte sie eine schnarrende Stimme mit leichtem polnischem Akzent rufen: »Sophy, Sophy, bist du bereit?« Dann aus der Tiefe des Korridors auftauchend, sah sie zwei Gestalten, eine breitschultrige kurze Amu, schwer beladen mit einem Schalpaket, einer Reisetasche und etlichen Parapluies, unter ihrem von blauem Schleier umflatterten Hut aufsehend zu einem Manne, der, die Hände in den Taschen seines karierten Jacketts, das Monokel im Auge, neben ihr herwanderte und sich offenbar mit großer Herablassung von ihr anbeten ließ: Strachinsky und seine junge Frau.

Strachinskys Blick streifte Erika - er runzelte die Stirn und sah von ihr weg. Sie war dessen froh, in ihrer verzweifelten Stimmung hätte sie sich kaum überwinden können, mit dem Paar zu reden. Ihr ganzes Sein war von dem Gedanken erfüllt: Wo finde ich jetzt noch ein dunkles, stilles Plätzchen, um mir die Last vom Herzen zu weinen, die ich nicht mehr ertragen kann!

Sie schickte die Gondel zurück, eilte durch die schmalen, schluchtartigen Gassen nach der Piazza San Zacharie und trat in die Kirche gleichen Namens.

Die Kirche war leer, kein einziger Fremder anwesend, um sich an der Schönheit der berühmten Bellini zu erfreuen.

Sie kauerte sich in dem finstersten Winkel auf dem harten Steinboden zusammen, und dort, den Kopf auf den Strohsitz eines Kirchenstuhles stützend, weinte sie noch heftiger, als sie neben der Leiche geweint. Mit einemmal fuhr sie empor; sie hatte das Gefühl, nicht mehr allein zu sein in der Kirche – neben ihr stand Lozoncyi.

Sie erhob sich, tat, was sie konnte, ihren zerrissenen Stolz irgendwie zurechtzurücken. »Welch sonderbarer Zufall führt Sie hierher?« fragte sie ihn.

»Kein Zufall,« gab er zur Antwort. »Ich sah Sie hier eintreten und bin Ihnen nachgekommen.«

»Ah!« Mit unerhörter Überwindung zwang sie sich dazu, einen gleichgültigen Ton anzuschlagen. »Ich war in der Pension Weber, um von meiner armen Klavierlehrerin Abschied zu nehmen. Ich fand sie tot. – Sie begreifen ...«

Er schüttelte seinen braunen Kopf. »Und Sie wollen mich glauben machen, daß die Tränen, die Sie eben vergossen haben, der armen Klavierlehrerin gelten?« sagte er herb. »Wahrlich, die Lüge ist Ihrer nicht wert! Gräfin Erika, ich bin Ihnen nachgekommen, um ein letztes Mal ungestört mit Ihnen zu reden, um Ihnen zu danken – und Sie um Vergebung zu bitten. Seien Sie doch aufrichtig mit mir, wie ich es mit Ihnen sein werde. Gönnen wir uns den Trost, daß wir einander bei unserem letzten Abschied auf den Grund unserer Herzen geschaut haben; 's ist ohnehin ein armseliger und schmerzlicher Trost!«

Er sprach das alles mit einer jegliche Verstellung beiseiteschiebenden Bestimmtheit aus, gegen die Erikas Stolz machtlos blieb. Vergeblich suchte sie ein Wort der Erwiderung – sie fand keines. Sie sah ihm ins Gesicht und erschrak über sein verfallenes Aussehen.

»Nicht wahr,« sagte er, ihr Zusammenzucken bemerkend, bitter, »in diesem Falle ist Ihrem verletzten Stolz bereits die nötige Genugtuung zuteil geworden. Sie können ihn ruhig beiseitelegen. Gegen die Pein, die ich seit vorgestern abend mit mir herumtrage, ist Ihre Qual ein Kinderschmerz! – Ach!« In etwas von seinem sonstigen ungeduldigen Ton verfallend, dem ungeduldigen Ton eines Menschen, der gewohnt ist, daß man ihm mit Freuden den Willen tut, rief er: »Setzen Sie sich doch einen Augenblick. Es ist ohnehin die letzte Gelegenheit, die sich uns bietet, uns auszusprechen. – Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig. Sie haben das Recht, mich zu fragen, wie ich dazu kam, Ihnen die Kenntnis meiner häuslichen Angelegenheiten vorzuenthalten. Nun, daraufhin vermag ich nur zu erwidern: ich spreche überhaupt nie von meiner Ehe. Ich bin nicht stolz auf meine Frau. Ich führe sie nie in die Welt. Die wenigsten Menschen in der Gesellschaft wissen, daß ich verheiratet bin, obgleich ich nicht absichtlich ein Geheimnis daraus mache. Ich reise häufig ohne sie, und diesen Herbst hatten sich die Verhältnisse zwischen uns, aus irgendeinem Grunde, der nicht weiter erörtert zu werden braucht – so unerquicklich gestaltet, daß wir überein kamen, uns zeitweilig zu trennen. Es war mir unangenehm, mich mit dem Gedanken an meine Frau zu beschäftigen. Nun, trotz allem hätte ich Ihnen meine Lage nicht verschweigen sollen. Ich hätte es auch nie getan, wenn ich geahnt... Sie zucken zusammen – aber es ist ja abgemacht zwischen uns, daß wir, alle läppisch verschleiernden Ausflüchte beiseiteschiebend, einander gegenseitig für einmal im Leben die Wahrheit sagen wollen. Sie hat in diesem Fall ohnehin nichts Verletzendes für Sie. – Ich hatte eine Schwärmerei für Sie gefaßt, als Sie noch ein ganz kleines Mädchen waren. Soll ich sagen, daß ich Sie liebte vom ersten Augenblick, da ich Sie wiedersah? – Nein! Sie interessierten mich, Sie erregten meine Neugierde, mein Staunen, ich konnte nicht aufhören, an Sie zu denken! Ich wollte nicht an Sie glauben. Manchmal nannte ich Sie überspannt, und manchmal sagte ich, Sie seien einfach eine kalte Natur. Sie wissen ja, wie ich Ihnen ausgewichen bin, als ich schon längst die Augen nicht mehr losreißen konnte von Ihnen – und dann, dann ... Sie haben keine Ahnung, mit welchem Herzklopfen ich die Treppe hinaufstieg zu Ihnen den Abend, wo ich Ihnen meine Bitte vorbrachte, Ihr Bild malen zu dürfen. Von da an war's aus mit dem Grübeln über Sie – ich freute mich einfach an Ihnen, Sie erschienen mir als der Schlüssel zu einem reinen, edlen Leben, das auf der Welt zu finden war, wenn ich auch bis dahin nichts davon geahnt hatte. Und ich fing an, mich nach diesem Leben zu sehnen; der große Ekel, den ich sonst der ganzen Welt zugewendet, kehrte sich jetzt gegen mich. Und dann war's auch mit dem zu Ende. Ich hatte gar keinen Gedanken mehr als Sie; mich auf die paar Stunden zu freuen, die ich mit Ihnen zubringen durfte, das füllte meine ganze Seele aus. Wenn Sie fort waren, dann blieb ich noch lange, lange in meinem Atelier sitzen, jedes Ihrer Worte, jeden Blick rief ich mir ins Gedächtnis zurück. Die knospenhafte Herbigkeit Ihres Wesens, die tiefe Begeisterungsfähigkeit, die in Ihnen brachlag, und dabei die stolze, von keinem Hauch verdunkelte Reinheit, die Ihr ganzes Sein durchdrang – ach Gott, wie schön war das alles! Aber Sie waren so fern von mir, das Weltall lag zwischen uns. Eine Sehnsucht, die jeglicher Hoffnung bar ist, kommt nie zur vollen Entfaltung, sondern verkümmert und stirbt, ohne nur einmal die Flügel geregt zu haben. Da, vorgestern abend, kam mir das erstemal der Gedanke – vielleicht – wenn es möglich gewesen wäre – im Laufe unseres Spazierganges kam er mir. Noch denselben Abend eilte ich zu Ihnen unter irgendeinem Vorwand, um mich zu überzeugen, ob ich mich geirrt. Ich hatte Ihnen kaum in die Augen gesehen, so wußte ich, daß ich mich nicht geirrt hatte. Und dann ... ich bin herumgelaufen in den Straßen wie toll. Als ich endlich heimkam, da schlich ich mich in das Atelier und fing an zu träumen. Ich erzählte mir's selbst, wie das alles so gewesen wäre, wenn ich das wundervolle Glück, das sich mir bot, in meine Arme hätte schließen dürfen. Mir war's, als fühlte ich Ihre Nähe. Rings um mich wurde es lebendig von süßen Visionen. Das, worüber ich mein ganzes Leben gespottet, ein engverbundenes edles Familienleben, erschien mir plötzlich als das lockendste Glück der Welt – neben Ihnen. Bis in jede Einzelheit dachte ich mir's aus, und wie ich selbst meine Kunst geläutert und veredelt hätte durch Ihren Einfluß – meine Kunst, die bis jetzt nichts war als der unreine Schmerzensschrei einer gequälten Seele. Mein ehemaliges Leben war weit. Wie ein schwüler Sumpf lag's hinter mir. Wie ich Sie anbetete, wie dankbar, andächtig und zärtlich! ... Da plötzlich wachte ich auf – das Bewußtsein kam mir, wie unmöglich das alles war; ich kroch hinaus aus dem Atelier in den Garten, wo alles im Frühmorgen so weißlich verwischt aussah wie mein sterbender Traum. Ich bemühte mich, zu denken, Schlüsse zu ziehen. Es tat mir weh, aber ich zwang mich dazu. Welchen Weg meine Gedanken auch einzuschlagen versuchten, immer führten sie zur Verzweiflung, zur Trennung von Ihnen. Die Überzeugung ließ sich nicht abweisen, daß ich verpflichtet sei, den Verkehr mit Ihnen so rasch als möglich abzubrechen. Wie es weiter kam ...? Das wissen Sie selbst. Was ich aber gestern gelitten habe, vom ersten Moment an, da Sie in mein Atelier getreten, bis zu dem, da Sie mir nachgekommen sind in das Gärtchen, dort zwischen die Rosen – beide Hände mir entgegengestreckt und die Augen voll Licht – das können Sie sich nicht denken! – Ihnen da nicht zu Füßen fallen, Sie nicht in die Arme schließen, Ihnen nicht sagen zu dürfen: Mein Himmel, meine Königin – dein mit Leib und Seele, dein mit jedem Wort, dein mit jedem Gedanken – mein ganzes Leben, meine ganze Kunst ein Dankgebet zu dir! Glücklos zu leben, wenn man keine Ahnung von dem Glück gehabt hat – das ist nichts, das nimmt man hin. Aber, wenn einem ein Engel die Pforten des Paradieses weit aufreißt und man sagen muß: Nein, ich darf nicht! – das ist schrecklich; man begreift gar nicht, daß man es überlebt!« Er schwieg.

Mit tiefgesenktem Kopf hatte sie ihm zugehört. Zwar umschlich sie ein halbwaches Gefühl, daß es nicht in der Ordnung sei, sich von einem verheirateten Manne sagen zu lassen, was er ihr gesagt hatte, doch beschwichtigte sie ihre kaum aufkeimenden Bedenken mit der Entschuldigung: Es ist der Abschied!

Seine Augen suchten die ihren; würde sie ihm etwas erwidern? Ihr Mund blieb geschlossen, aber auf ihren Lippen schwebte eine Frage, die sich nicht recht hinauswagte.

Er beugte sich zu ihr nieder. »Sie haben etwas auf dem Herzen,« flüsterte er, »teilen Sie es mir mit.«

»Ich ... ich« – endlich brachte sie's heraus – »ich begreife nicht recht, was Sie dazu bewogen haben kann, diese Frau zu heiraten!«

Er zuckte mit den Achseln. »Ja ... heute begreife ich's selber nicht,« sagte er. »Aber was wollen Sie? Ich lebte außer allen Beziehungen mit Frauen, die mir hätten Respekt einflößen können – zwischen Kollegen ohne Familien, zwischen Weibern, von denen die meisten gerade so viel wert waren wie die, von der wir sprechen. Im Grunde war ich damals überzeugt, daß es keine anderen Frauen gäbe als solche, oder verkümmerte alte Jungfern wie meine Tante Illona. Um zehn Jahre älter als ich, bestimmte sie jeden meiner Gedanken, jede meiner Handlungen; ich konnte nicht mehr ohne sie sein und heiratete sie endlich von einem Tag zum anderen aus Eifersucht, aus Angst, daß ein Kollege sie mir wegnehmen könnte.« Er stockte.

Erika holte einen langen, mühsamen Atemzug.

»Kurze Zeit darauf kam der Ruhm,« begann er von neuem, »plötzlich über Nacht. Alle Pforten standen mir offen. Ich mache mich nicht besser vor Ihnen, als ich bin. Es ging nicht einmal schlecht zu Anfang. Ich fühlte die Last nicht, die ich mir aufgehalst hatte. Dutzende von Kollegen befanden sich im selben Fall wie ich. Sie sorgte für alle meine Bequemlichkeiten, sie räumte mir jeden Stein aus dem Weg, sie führte die Unterhandlungen mit meinen Kunsthändlern, sie war alles, was ich nicht war: praktisch, umsichtig, energisch. Ich ging in die Welt ohne sie, sie verlangte es nicht besser, und ich ließ mir von anderen Damen den Reiz des Lebens zuführen, der meinem Heim fehlte. Der eigentliche Ekel vor meiner bisherigen Gefühlsverwilderung kam mir auch da noch nicht. An idealem sittlichem Gehalt war die elegante Welt, in der ich jetzt verkehrte, nicht viel reicher als die niedrigen Sphären, in welchen ich mich früher bewegt. Ich bitte Sie, wer sind denn zumeist diejenigen, die einen jungen Künstler in die sogenannte gute Gesellschaft ziehen? Ein paar überspannte Weiber, die sich langweilen und mit denen es im übrigen schon längst nicht ganz richtig ist. Einen tiefen Blick in eine echte, reine Frauennatur zu tun, dazu haben wir armen Künstler in der großen Welt am allerwenigsten Gelegenheit, wenigstens in den Anfängen unserer gesellschaftlichen Karriere. Was mein Leben unter anderen Umständen hätte werden können, fiel mir gar nicht ein, fiel mir überhaupt nicht ein, bis ... O Erika, Erika, warum haben Sie einen anderen Menschen aus mir gemacht! Warum haben Sie mich aus dem Sumpf gezogen, der mein Lebenselement geworden war, wenn Sie mich jetzt verschmachten lassen!«

Sie fuhr sich mit beiden Händen über die Schläfen.

»Was kann ich tun?« murmelte sie heiser, »was kann ich tun?«

Sie stand da, still, blaß, vor Teilnahme und Mitleid bebend, hilfsbeflissen und hilflos – schön, wie er sie noch nie gesehen, durch das Fieber in ihren Augen und auf ihrem roten Mund.

Da mit einemmal tönte von der Festung San Giorgio der Kanonenschuß, der die Mittagsstunde verkündigt; zugleich begannen alle Glocken von Venedig ihre ehernen Zungen zu regen. Erika erwachte wie aus einem Traum. »Ich muß fort,« rief sie, »die Großmutter erwartet mich!«

»Das ist der Abschied,« murmelte er – für immer!«

Ein gräßlicher Schmerz zog ihr fast die Kehle zusammen. Er hielt den Kopf tief gesenkt; plötzlich wendete er ihn ab. Sie konnte es nicht aushalten, seinen Jammer mit anzusehen. Näher an ihn herantretend, legte sie ihm die Hand auf den Arm.

»Sprechen Sie sich wirklich jeglicher Verpflichtung gegen Ihre Frau frei?« begann sie.

»Ja,« erwiderte er schroff. Er begriff nicht, auf was die Frage hinzielte.

»Nun, dann ... dann ...« stotterte sie, »könnten Sie vielleicht auf eine Scheidung dringen?«

Er sah zu ihr empor. »Und Sie würden sich entschließen, meine Frau zu werden?« rief er, »Sie, die schöne, gefeierte Erika Lenzdorff, die Frau eines armen geschiedenen Malers?«

»Ja!« sagte sie fest; damit reichte sie ihm die Hand. Noch einmal tauchte sie ihren Blick in seine Augen, dann verließ sie die Kirche. In einer Art begeisterten, opferwilligen Taumels überschritt sie den Platz, zwischen dessen unregelmäßigen Quadern das Gras welkte und über dem der graue Wolkendunst schwebte. – Das war die Liebe, das große, heilige Gefühl, das sie für Lozoncyi empfand. »Endlich ist sie gekommen – für mich und ihn,« sagte sie sich.

Sie fühlte sich wie getragen von einem leidenschaftlichen Empfinden, das ihr ganzes Sein höher emporhob. Plötzlich schlich sich's wie ein Mißton in ihre Seele. Zu einer klimpernden Gitarrenbegleitung hörte sie in musikalischer Periode gesungen die Worte:

Tu m'hai bagnalo il seno mio di lagrime,
T'amo d'immenso amor –

Aufsehend, erblickte sie dieselben singenden Ungeheuer, vor denen sie damals auf der Piazza San Stefano erschrocken war.

Sie beschleunigte ihren Schritt; aber noch lange tönte es hinter ihr her: T'amo d'immenso amor! – Endlich nur mehr das Wort amor.

Sie runzelte die Stirn. Eine Empörung regte sich in ihr, ein Zorn darüber, daß jemand es wagte, das wundervolle Wort zu entheiligen.

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