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Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre

Ossip Schubin: Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorOssip Schubin
titleGräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre
publisherVerlag von Georg Westermann
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070226
projectid95f571aa
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Den nächsten Vormittag trug Lüdecke mit seinem üblichen feierlichen Gesicht in die Gondel seiner Herrinnen einen kleinen Koffer, welcher die Toilette enthielt, in der Erika sich malen lassen sollte, dasselbe Kleid, in dem sie Lozoncyi bei Frau von Neerwinden gesehen und das verewigen zu dürfen sich der Maler erbeten hatte. Nachdem er den Koffer abgegeben, setzte der würdige Kammerdiener sich sofort wieder an sein Lieblingsplätzchen auf einer hinter einem geschnitzten Tisch verschanzten, ebenfalls geschnitzten Bank, knapp neben dem Lift gegenüber der Tür des Speisezimmers. Er verbrachte beinahe die ganze Zeit seines venezianischen Aufenthaltes auf dieser Bank, abwechselnd damit beschäftigt, etwas Belehrendes über die vergangene Größe Venedigs zu studieren, oder damit, sich von irgendeinem ebenfalls müßigen Kurier oder Kammerdiener in die Geheimnisse der verschiedenen Bewohner des Britannia einweihen zu lassen. Nur sehr selten begleitete er seine Herrschaft bei ihren Ausfahrten. Auch Marianne war nicht mitgenommen worden; Erika hatte ihrer Großmutter erklärt, daß sie beim Anlegen ihrer Porträttoilette keine Hilfe brauche.

Der Himmel war wolkenlos, die Luft warm, ohne drückend zu sein. Die zwei Gondoliere ruderten lustig und rasch.

Lozoncyi wohnte etwas hinter dem Rialto in einer der schmäleren Wasserstraßen links vom Canal Grande. Nach Verlauf einer Viertelstunde hielt die Gondel bereits vor einer blaßgrünen Tür mit einem eisernen Löwenkopf in der Mitte. Einer von den Gondolieren klopfte mit dem Ring, den der Löwe im Maul hielt.

Lozoncyi selbst öffnete die Tür. Er trug einen verwaschenen Leinwandkittel und sah ungemein vergnügt aus.

»Bis zum letzten Augenblick fürchtete ich eine Absage, und jetzt sind Sie doch gekommen, und – nota bene! – Sie haben sich nur um eine Viertelstunde verspätet,« sagte er herzlich; dann dem den beiden Damen ins Haus folgenden Gondolier den Handkoffer abnehmend, rief er mit seiner frischen Stimme: »Lucrezia! – Lucrezia!« so laut, daß es nur so an den steinernen Wänden widerhallte. »Sie müssen schon entschuldigen, meine Damen,« wendete er sich an die beiden, »auf elektrische Schellen ist meine Behausung nicht eingerichtet.«

Von einer in den Gang hinab mündenden, teppichlosen, grausteinernen Treppe herab kam eine alte Venezianerin mit großen Ringen in den Ohren und mit gewelltem grauem Haar, das sie über der Stirn gescheitelt und rückwärts in einen Knoten zusammengedreht trug. Diese antike Frisur paßte vortrefflich zu ihrem regelmäßigen Gesichtsschnitt. Sie lachte den Damen freundlich zu und zeigte ihnen dabei zwei Reihen blendend weißer Zähne, während ihr Lozoncyi mit schwindelnder italienischer Geläufigkeit auftrug, den Koffer in das Ankleidekabinett zu bringen und auszupacken.

Aus dem schmalen Gang, der von dem Kanal quer durch das Haus führte, kam man in einen Garten, in dem alles durcheinander wuchs. Zartes grünes Laub bedeckte bereits die Büsche – hier und da zeigte sich zwischen den noch weichen und matt hängenden Blättchen eine grünlichgrau überhauchte Rispe weißen Flieders.

Die ganze Fassade des Hinterhauses entlang, in dem sich das Atelier befand, zogen sich die dicken grauen Äste eines über und über mit blaßlila Blütentrauben bedeckten Glyzinenstrauches. Diese Glyzinen trieben übrigens ringsherum ihren Unfug, in die Äste eines noch fast kahlen, grauen Maulbeerbaumes krochen sie hinauf, zwischen den grün angestrichenen Stäben eines aus Latten zusammengezimmerten Laubenganges, an der inneren Seite der Gartenmauer, schlängelten sie sich, so daß ihre fast durchsichtigen, aus zartem Violett ins Gelbliche hinüberspielenden Blüten, von der Sonne durchleuchtet, sich in wunderbarer Pracht gegen den blauen Himmel abhoben. Ein moosdurchwuchertes Bassin nahm die Mitte des Gartens ein, unter einem Akazienbaum streckte ein stark zerschundener Faun lebenslustig die Arme in die Höhe, und ringsherum wucherte verwirrtes Rosengestrüpp.

»Ach, wie reizend!« rief Erika aus.

»Nicht wahr, es ist hübsch,« sagte der Maler.

»Das Gärtlein mein' ich. Es ist des Gartens wegen, daß ich mich hier festgesiedelt habe. Man freut sich so an einem Fleckchen Erde in diesem wässerigen Venedig. Es ist das einzig Nette, was ich Ihnen zu zeigen habe, das Gärtchen.«

»Vergessen Sie doch Ihre Lucrezia nicht, das ist eine Schönheit, die Ihrem Garten den Rang abläuft!« verbesserte ihn Gräfin Lenzdorff.

»Mein altes Faktotum – ja, die hat ein hübsches Gesicht, prächtige Züge. Ich kann nichts Garstiges um mich leiden. Aber ... haben Sie gemerkt, wie kurz und dick sie ist?« fragte er die Gräfin, und zwar mit einem dermaßen bekümmerten und verdrießlichen Gesicht, daß sie darüber lachen mußte.

»Nun, was weiter; ist es in Ihren Augen ein Verbrechen?«

»Nein,« sagte er nachdenklich, »aber es macht sie zu malerischen Zwecken unbrauchbar. Ich wollte sie neulich stehen lassen – nicht möglich! – höchstens als humoristische Charge, als Wärterin der Julia, oder als moderne Kartenschlägerin, und das ist not my line. Es ist ein Jammer! Haufenweise finden Sie hübsche Gesichter unter diesen Venezianerinnen, auch noch Schultern – prachtvoll... alles weitere unmöglich! Zu lange Leiber, zu kurze Beine, keine Linie, keine großartige Bewegung, und findet man endlich ein Modell, das genügend lange Glieder hat, so ist's wieder wie ein Storch. In dieser Richtung habe ich überhaupt meine liebe Not. Als ich damals den Frühling malte, da war ich schon ganz verzweifelt, weil ich niemand auftreiben konnte für meine weibliche Figur. Da am Rialto sah ich eine Person, nicht mehr ganz jung, geschminkt, aber prachtvoll gewachsen – so groß wie Gräfin Erika, nur nicht...«

Er brach ab und wurde sehr rot; gleich darauf hatte er jedoch seine Verlegenheit über einer neuen Begeisterung vergessen. Vor der Tür des Ateliers hatte Erika den Arm nach einer Glyzinentraube ausgestreckt.

»Nur einen Augenblick, Gräfin, bleiben Sie so!« schrie er fast vor lauter Eile; dann in sein Atelier stürzend, kam er mit einem Skizzenbuch und einem Korbsessel heraus. Den Korbsessel stellte er irgendwo in den Schatten für die alte Gräfin, worauf er sofort sich eine Notiz aufzukritzeln begann.

»Sehen Sie nur diese Biegung!« rief er der Großmutter zu. »Das ist Musik!«

Die Art und Weise, wie er unablässig mit der Schönheit oder Häßlichkeit des menschlichen Körpers beschäftigt war, die genaue Analyse, welcher er denselben bei den verschiedensten Anlässen unterzog, was ja teilweise sein Beruf mit sich brachte, hatte eigentlich etwas Verletzendes. Aber keine der beiden Damen nahm Anstoß daran. Erika teilweise aus Unerfahrenheit, teilweise weil ihrer Eitelkeit zu sehr geschmeichelt war, als daß sie ein so unangenehmes Bedenken hätte aufkommen lassen – die alte Frau nicht, weil sie in dieser Richtung seit der letzten Zeit überhaupt abgestumpft war, und nebenbei auch, weil Lozoncyi Betrachtungen und Bemerkungen in obenerwähnter Richtung mit einer derartig frischen Unbefangenheit vorbrachte, daß es den Eindruck machte, als ob er höchstens gegen die guten Manieren sündige. Man mußte sehr tief in ihn hineinsehen, um zu entdecken, wie dieses ewige Beschäftigtsein mit der körperlichen Schönheit in seine innerste Natur hineingegriffen hatte.

»Es ist fabelhaft, wie gut Sie sich zu kleiden wissen!« rief er, indem er fortfuhr, das junge Mädchen bald voll, bald blinzelnd zu betrachten.

Sie trug ein sehr einfaches weißes Wollkleid und einen großen Hut aus gelbem Reisstroh mit ein wenig schwerer, altvenezianischer Spitze geputzt.

»Ich hätte fast Lust, Sie so zu malen anstatt in der Abendtoilette,« murmelte er. »Nein, Ihr Porträt mach' ich Ihnen in Gala, wie's sein soll, in Lebensgröße. Aber ich bitte Sie, seien Sie einmal ganz großmütig – Ihr Bild fangen wir morgen an, und heute schenken Sie mir eine Stunde für mich, ich will mir ein Aquarell von Ihnen machen zur Erinnerung. Ermüdet Sie's nicht zu sehr, den Arm so auszustrecken?«

»Eine Frau, die sich bewundert fühlt, ermüdet nichts,« erklärte die Großmutter. »Für mich aber ist die Situation etwas weniger kurzweilig. Haben Sie kein amüsantes Buch bei der Hand?«

 

Erika war endlich doch müde geworden, trotz der andauernden Bewunderung, die ihr Lozoncyi während seiner Malerei spendete. Man hatte die Pose unterbrochen. Unter dem glyzinenumwucherten Maulbeerbaum an einem kleinen, etwas wackeligen Tischchen hatte Lozoncyi seinen Gästen ein improvisiertes Frühstück vorsetzen lassen, vorzüglich bereitet und sehr einladend serviert, teilweise auf abgeschundenen Steinguttellern, teilweise auf schweren Vermeilschüsseln von wundervoller alter Arbeit. Er freute sich über den guten Appetit der beiden Damen, und Lucrezia, die eben abgeräumt und den Kaffee gebracht hatte, stand, die Hände auf beide Hüften gestützt, vor der alten Gräfin und nahm mit vergnügtem Lächeln alle Lobsprüche entgegen, welche diese ihrer Kochkunst spendete, als man an der Tür poltern hörte.

»Der Teufel!« murmelte Lozoncyi, »doch nicht am Ende ein Besuch?«

Aber es war kein Besuch, sondern nur ein Brief, den Lozoncyis Gondolier, ein hübscher brauner Bursche in mit roter Schärpe umgürtetem Matrosenkostüm, brachte.

Unwillkürlich heftete Erika ihre Augen darauf.

Die Schrift war offenbar die einer Frau, der Poststempel von Paris.

Lozoncyi hatte beim Anblick der Schrift ungeduldig mit den Achseln gezuckt; dann den Brief ungelesen und unerbrochen in seine Tasche gleiten lassen.

»Wollten die Damen nicht einen Blick in meine Werkstatt werfen?« fragte er.

»Ich wollte Sie eben darum bitten, uns hineinzuführen, « sagte Gräfin Lenzdorff, »ich bin sehr neugierig auf Ihre »Schweren Träume«.«

»Ja!« – er schüttelte sich wie im Fieberfrost – »schwere Träume – das ist das Wort!«

Das Atelier, in das man durch eine Glastür aus dem Garten trat, war ein großer und hoher, aber sehr schlichter Raum, alles darin verstaubt und wirr durcheinandergeschoben – die Werkstatt eines sehr nervösen Künstlers, bei dem man nie aufräumen darf, weil er sich selbst von dem Kehricht seiner Kunst nicht trennen kann. Erikas Augen fielen sofort auf ein merkwürdiges und schauerliches Gemälde.

Eine einzige Figur in einem sich eng um die Glieder schließenden Gewand von unbestimmter Farbe, den Kopf dürstend vorgeneigt, die Arme mit einer Gebärde qualvoller Sehnsucht tastend vorgestreckt, schritt auf einen Sumpf zu, aus dem ein Irrlicht flimmerte. Über ihr aus einem düsteren Nachthimmel strahlten reine, helle Sterne. Alles wundersam in Stimmung und Ausdruck: die traurige Harmonie der Farben, das sternendurchstrahlte Blaudüster des Nachthimmels, der fahle Sumpf und vor allem die weibliche Gestalt, an der jeder Gesichtszug, jede Fingerspitze, ja jedes Fältchen ihres Gewandes Sehnsucht ausdrückte.

»Was dachten Sie sich dabei?« fragte die alte Gräfin.

»Erraten Sie's nicht?«

Nein, sie erriet es nicht, Erika aber sagte leise: »Blinde Liebe!« Er sah sie schärfer an, als er sie noch je angesehen, dann fragte er: »Wie sind denn Sie darauf gekommen?«

»Ich sehe ja, wie die Figur dem Irrlicht nachschleicht und die Sterne unbeachtet über sich strahlen läßt. Sieh doch, wie sie einsinkt in den Sumpf, Großmutter! Es ist gräßlich!« rief Erika.

»Blinde Liebe!« wiederholte die Großmutter nachdenklich – der Gegenstand lag für sie sehr fern.

»Ja,« sagte er, »die blinde Liebe, das Verhängnis der erniedrigenden Leidenschaft!« Mit einem bitteren Lachen setzte er hinzu: »Nun, das einzig Tröstliche dabei ist, daß man die Irrlichter manchmal erreicht und die Sterne doch nicht erreichen könnte!«

»Nein,« rief Erika heftig, »das ist kein Trost! Tausendmal lieber die Hände vergeblich ausstrecken nach den Sternen, sich aufrichten und wachsen durch die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren, als sich erniedrigen zu einem Glück, das nur im Sumpf zu finden ist!«

Er beugte sich etwas zu ihr und sagte halblaut: »Das, was Sie gesagt haben, war sehr schön ... aber Sie haben doch nicht verstanden!«

»Nun, dem armen Teufel hast du gründlich den Kopf verdreht,« meinte, gemütlich in den Polstern des schlanken Schiffleins zurückgelehnt, Gräfin Lenzdorff, während sie mit Erika nach Haufe gondelte. »Es schadet ihm weiter nichts.« Dann nach einer Weile setzte sie hinzu: »Von wem nur der Brief sein mochte, über den er sich so geärgert hat? Von der blonden Person etwa, mit der er in Baireuth war?«

Erika antwortete nichts, stumm sah sie auf einen großen Strauß von Glyzinen, den er zum Abschied für sie gepflückt. Plötzlich fuhr sie zusammen. Eine dicke schwarze Raupe kroch schwerfällig zwischen den blassen, duftigen Blumen. Mit einem kleinen Schrei des Ekels warf Erika den Strauß ins Wasser.

Zu gleicher Zeit stand Lozoncyi in seinem Atelier vor der Aquarellskizze, die er von Erika Lenzdorff entworfen.

»Ein eigentümliches Geschöpf!« murmelte er vor sich hin. »Erinnere mich kaum, etwas Interessanterem je begegnet zu sein; und bei all ihrer Vornehmheit und trotz ihrer Blässe gesund, reich entwickelt, nichts Verrenktes, Verkrüppeltes an ihr! Hm! Wenn ich gut zähle, muß sie wenigstens vierundzwanzig Jahre alt sein. Wie kommt es, daß sie noch nicht verheiratet ist? Ob sie eine unglückliche Liebe hat? Sie scheint noch gänzlich unbefangen – fast als ob sie bisher ohne irgendeine Neigung durchs Leben gegangen wäre. Wie stolz sie den Kopf hält! Die Spezies war mir bisher unbekannt. Hm! Es gibt immer Frauenzimmer genug für die schmutzige Arbeit im Leben; ein paar müssen doch übrigbleiben, den heiligen Gral zu hüten.« Er wendete sich nach der Tür des Ateliers, die in den Garten hinausführte. Ein feuchter Dunst brütete jetzt über den Blüten, aus der Erde stieg es wie ein berauschender Dampf. Ein eigentümliches Lächeln trat auf seine Lippen. »Der Frühling kümmert sich einen blauen Kuckuck um den heiligen Gral; er geht seinen Weg,« murmelt er, »er geht seinen Weg!«

Eigentlich hatte er Erika anfangs fast abgestoßen; aber gleich von Anfang hatte er ihre Phantasie beschäftigt, wie sie noch kein Mann beschäftigt hatte, trotzdem daß seine nur wenig verhüllte Lebensauffassung sie bis ins Marternde verdroß und sie erriet, daß es in seiner Seele schwüle Schatten gab, denen sie sich nicht nähern durfte, und daß, so vollendet und ritterlich er Frauen wie ihre Großmutter und sie als eine vornehme Abart des weiblichen Geschlechts zu respektieren verstand, sie beide für ihn doch nur eine Abart blieben – etwas Kurioses, das einen interessiert, weil man ihm selten begegnet, über dies alles grübelte sie sich in mancher Nacht die Seele wund, während sie im fiebrigen Halbschlaf ihren schönen Kopf über das Kissen schob.

Und aus all der Unruhe tauchte endlich etwas Seltsames auf, etwas Ehrgeiziges, Rührendes, Törichtes. Sie stellte sich die Aufgabe, ihn zu edleren Lebensansichten zu bekehren; aber dabei gewöhnte sie sich, wenngleich widerwillig und entrüstet, doch mit Dingen zu beschäftigen, um die sich einfach nicht zu kümmern für sie das einzig Richtige gewesen wäre. Daß Erika unbefangen mit dem Feuer spielte, war an und für sich nichts Merkwürdiges; daß ihr die Großmutter mit lächelndem Gleichmut bei dieser Beschäftigung zusah, das war allerdings staunenswert.

Anfangs war das Porträt unglaublich rüstig vorwärtsgeschritten; jetzt waren Wochen vergangen, und noch immer konnte Lozoncyi kein Ende finden.

Er malte es lebensgroß, als Kniestück und, um Erika nicht zu ermüden, sitzend, mit einem großen Strauß von mattlila Glyzinen auf dem Schoß. Nicht die geringste Pose, keine Spur von Konvention!

»Setzen Sie sich ruhig hin, so wie es Ihnen am bequemsten ist,« hatte er sie gebeten. »Jede Stellung, die Ihnen natürlich ist, muß schön sein, etwas häßliches könnten Sie sich höchstens mühsam ankünsteln.«

 

Die Tage folgten einander, die langen lauen Frühlingstage. Als die beiden Damen zum erstenmal bei Lozoncyi erschienen waren, hatte man noch überall den rauhen grauen Anwurf der das Gärtchen umschließenden Mauern hinter den dürftig belaubten Büschen schimmern sehen. Jetzt war das Grün überall üppig und dicht, die Rosen blühten und der Flieder hatte bereits begonnen zu welken.

Die lila Glyzinentrauben waren längst verschwunden, und die beiden Akazienbäume, in deren Schatten der Faun frohlockend die dicken Arme in die Luft hielt, waren wie eingetaucht in grün durchschimmertes Weiß und strömten einen Duft von betäubender Süßigkeit aus.

Auch das Atelier war anders geworden. Als sie es zum erstenmal besucht, war es kahl gewesen wie ein Schuppen – jetzt fanden sie es jedesmal, wenn sie erschienen – und das war drei- bis viermal die Woche –, mit den herrlichsten Blumen ausgeschmückt.

Wenn die Sitzung vorüber war packte Lozoncyi davon zusammen, was von der sich jetzt stetig steigernden Hitze nicht gelitten hatte, und trug es in die wartende Gondel. Bisweilen fuhr die Gondel mit den Blumen und Gondolieren allein nach dem Britannia, Lozoncyi führte seine Gäste zu Fuß auf pittoresken Umwegen nach Hause.

Es war ein großer Genuß, mit ihm spazierenzugehen. Kein Mensch wußte so wie er auf den Reiz eines an und für sich nichtigen Details aufmerksam zu machen, auf irgendeine Schönheit, die oft nur in einem malerischen Farbenfleck bestand, aus einem Geranium, das aus dem Fenster eines verödeten Hauses herausblühte.

»Mein Gott!« bemerkte zuweilen die alte Gräfin, »in allen diesen Gäßchen bin ich hundertmal gewesen, und wenn ich mit Ihnen an diesen selben Häusern vorüberspaziere, so ist mir's, als sähe ich sie zum erstenmal! Sie haben ein eigenes Geschick dazu, einen zu lehren, das Leben schön zu finden!«

»So? Hab' ich das?« murmelte er. »Nun, wie viele andere Menschen versteh' ich offenbar zu lehren, was ich selbst nicht kann!«

Erika hatte sich bald dermaßen in seine Eigenart hineingelebt, daß sie sich gewöhnte, mit seinen Augen zu sehen, und gewährte es ihr eine besondere Freude, wenn sie einen malerischen Punkt früher als er entdeckt hatte und nun ihrerseits ihn darauf aufmerksam zu machen vermochte. Er würdigte ihre Entdeckungen stets großer Aufmerksamkeit, lobte ihre feine künstlerische Empfindung, versicherte ihr, daß er dieselbe in diesem Maße noch bei keiner zweiten Frau angetroffen habe, und dann endigte seine und ihre gegenseitige Freude über einen verfallenen Torbogen, in dessen Tiefe man eine zerzauste Venezianerin ein rotbraunes Segel flicken sah, in einer lachenden Neckerei.

Dann fragte die Großmutter, wovon das Gespräch handle, und Lozoncyi antwortete: »Wir lehren einander gegenseitig das Leben schön finden, Gräfin Erika und ich.« Und einmal suchte er dabei den Blick des jungen Mädchens und sagte herb: »Schade, daß das alles so bald aufhören muß!«

Alle seine schroff abbrechenden Redensarten, die, hart an eine Liebeserklärung streifend, sich dennoch nie ganz in eine solche ausgestalteten, deutete sie sich natürlich auf dieselbe Weise. Er liebt mich, aber er hat nicht den Mut, auf eine Gegenliebe meinerseits zu hoffen; er ist überzeugt davon, daß ich für ihn unerreichbar bin.

Ihre Eitelkeit war bis zum äußersten geschmeichelt durch die Überzeugung, diesem ungewöhnlichen, großartig begabten Menschen ein so tiefes Gefühl eingeflößt zu haben.

»Es ist doch etwas Fürchterliches und Ergreifendes, der armen gequälten Menschheit zuzusehen, wie sie nach Tausenden und Abertausenden von Jahren noch immer ihren Gott sucht, der sich ihr nicht zeigen will!« bemerkte Erika mit einem leichten Schauer zu Lozoncyi, durch das Portal einer Kirche blickend, in der sich die Gläubigen kniend um den Altar drängen, die Stirn gegen den kalten harten Stein gedrückt.

»Was wollen Sie?« erwidert er ihr. »Der ganze Fortschritt der Menschheit, alles, was sie in der Kunst geleistet hat, in der Poesie, alles, was an ihren Leistungen überhaupt der Mühe wert ist genannt zu werden, basiert auf diesem Suchen, dem Sichdurchringenwollen zu der ewig unsichtbaren Gottheit. Sollten wir sie je von Angesicht zu Angesicht erschauen, so wär's ja mit all unseren armseligen kleinen Bestrebungen zu Ende, wir hätten kein Interesse mehr daran, und das ganze Kartenhaus unserer Errungenschaften fiele in sich zusammen!«

»Und wenn sich die Menschheit eines Tages davon überzeugte, daß der Gott, den sie seit Jahrtausenden gesucht hat, gar nicht existiert?« sagt Erika leise.

»Nun, dann wär's erst recht mit allem zu Ende,« erwidert er ihr. »Eine Zeitlang würden die Menschen das Kartenhaus ehrgeiziger stützen als je; aber schließlich würden sie's müde werden, sich aufrechtzuerhalten, um in den leeren Himmel hineinzuschauen – binnen kurzem würden sie auf allen vieren kriechen und Gras fressen!«

»Ach, Kinder, erlaßt mir eure Metaphysik und freut euch lieber daran, daß die Welt heute so schön ist und daß ihr am Leben seid, um sie zu genießen!« Mit diesen Worten ruft die alte Gräfin die beiden jungen Leute aus den Höhen ihrer philosophischen Betrachtungen in die Wirklichkeit herab. Und sie lachen und geben ihr recht.

Ein Sonntagnachmittag ist's und die Luft voll Glockengeschwirr und voll von dem Geruch des Weihrauchs und der Wachskerzen, den die heute ganz Venedig durchziehenden Prozessionen zurückgelassen haben.

Zu dreien gehen sie in der einschläfernden Nachmittagshitze durch eine der breiteren Callen. Weiter gehen sie, immer weiter – über leicht gewölbte Brücken, unter denen das grüne Wasser sich langsam hinschleppt, über große öde Plätze, aus deren grasdurchwuchertem Pflaster ein bleiches Standbild ragt, immer weiter in die sich länger und länger hindehnenden Schatten hinein.

Jetzt befinden sie sich auf einem der ärmeren Campi an der anderen Seite des Kanals hinter dem Rialto, an allen Seiten verwitterte Häuser mit grünlichen und himmelblauen Jalousien, von denen viele, lebensgefährlich an einer Angel hängend, knarren und wimmern.

Unten auf dem breiten, unregelmäßigen, aus sehr großen, ausgetretenen Steinen bestehenden Pflaster welke Blüten und Rosenblätter, den Weg der vorübergehenden Prozessionen bezeichnend. Die Luft ist drückend heiß. Eine Schwermut voll schwüler Träume schwebt über allem. Erika und Lozoncyi sind beide stumm geworden.

»An was denkt sie?« fragt er sich, indem er sie immer und immer wieder verstohlen ansieht. Ihr Gang ist etwas schleppender, träger als sonst, ihr Gesicht blasser, nur die Lippen darin tiefrot.

»Der Frühling hat sie auf die Lippen geküßt,« sagt sich der Maler. Der Frühling wagt alles.

Ihr Weg führt sie an einer halb verfallenen Gartenpforte vorbei, über die sich blütenbeladene Zweige von Rosen und Jasmin neigen. Wie tief sie sich niederbeugen zur Erde, wie von einem geheinmisvollen Magnetismus angezogen! Und zwischen dem wuchernden duftenden Frühlingsgewirr sitzt auf einer Stufe ein junges Paar, ein Matrose und ein Mädchen aus dem Volke; beide bildschön. Hand in Hand, Auge in Auge, leise redend, eng aneinandergeschmiegt, selig, weltvergessen.

Die Großmutter betrachtet das hübsche Genrebild wohlwollend durch ihr Lorgnon.

Etwas hinter der alten Frau zurückbleibend, flüstert Lozoncyi zu Erika: »Ich glaube, das sind auch zwei, die einander lehren, das Leben schön finden, Gräfin Erika – nur in einer anderen Tonart als wir!«

Er sagt das herausfordernd scherzhaft; sein Blick sucht den des jungen Mädchens. Erika aber hält die Augen zu Boden gesenkt. Sie ist noch blässer als früher. Es ist, als ob eine mächtig niedergehaltene innere Unruhe sie quäle.

»Erinnern Sie sich dessen noch, wie böse Sie mir waren, als ich mir erlaubte, Ihnen gegenüber zu behaupten, daß die Liebe das Wichtigste im Leben sei?« flüstert er.

Eine Pause – sein Herz klopft stark. Er möchte die Worte lieber nicht gesagt haben. Wird sie ihm dieselben verübeln? Da hebt sie die schweren, müden Augenlider, und ihn voll ansehend, spricht sie langsam: »Ich war Ihnen böse, weil Sie es leichtfertig sagten.«

Ist ein Blitz vor ihm in die Erde gefahren, oder hat der Frühling ihm plötzlich alle seine Blüten vor die Füße gestreut? Er atmet kaum mehr. Dann – wie findet er den Mut, es auszusprechen – leise schleppend murmelt er: »Und wenn ich mir erlauben wollte, es Ihnen ernsthaft zu sagen?«

Er bemerkt, wie sie zusammenzuckt; dann hebt sie den Kopf, etwas Feierliches liegt in ihrem Gesichtsausdruck; sie will die süßen Lippen öffnen. Da wendet die Großmutter sich um. »Es ist unerträglich schwül heute,« ruft sie schärfer als sonst, fast ungeduldig; »ich komme nicht mehr weiter, wo ist der nächste Gondelstand, Lozoncyi?«

»Wohin soll das führen?«

Zum hundertstenmal seit den letzten zwei Stunden stellte sich Lozoncyi die Frage.

»Wohin soll das führen?«

Er stand in seinem Atelier vor dem unvollendeten Bilde Erikas. – Unvollendet!

»In der nächsten Sitzung kann's fertig sein – es ist unnütz, sich ein X für ein U darüber zu machen – seit zehn Tagen halte ich sie doch nur mehr so hin von einem Mal zum anderen. Warum? Weil ich mir nicht ausdenken mag, wie mir zumut sein wird, wenn sie nicht mehr kommt., Wohin soll das führen...?«

Er war sehr blaß, der Schweiß stand ihm auf der Stirn; er trachtete sich von dem Porträt abzuwenden, aber wie er sich bemühte, immer wieder zog ihn etwas vor das Bild. »Ein herrliches Geschöpf,« murmelte er vor sich hin, »einzig in ihrer Art; und so wunderschön. Es ist ein Unsinn für ein Wesen ihrer Art, so schön zu sein – ein Widerspruch der Natur, eine Verschwendung!« Er stampfte mit dem Fuß auf den Boden. Es ärgerte ihn, daß sich ein unreiner Gedanke in seine Bewunderung Erikas hineingeschlichen. »Seltsames Geschöpf! Welche Augen! So hell, so tief, so durchdringend!« Er konnte nicht aufhören, sich mit ihr zu beschäftigen, die Leidenschaft rüttelte ihm an allen Nerven.

Aber! ... Sie war ein junges Mädchen. Mochte er auch vor Sehnsucht nach ihr verschmachten, er hätte ebensogut daran gedacht, die silbernen Leuchter vom Hauptaltar der Markuskirche zu stehlen, als auch nur den leisesten Versuch zu machen, sich ihr in irgendeiner bedenklichen Weise zu nähern. So etwas hätte durchaus gegen den Kodex von Ritterlichkeit verstoßen, den er sehr hoch hielt. – Er tat, was er konnte, um seine Leidenschaft ... seine Begierde einzudämmen.

Aber wie er sich auch mühte, konnte er seine alles verdeutlichende Malereinbildungskraft nicht losreißen von ihrer Schönheit.

Er liebte sie – das wußte er schon lange. Aber bis jetzt war seine Liebe zu ihr ein zartes, edles Empfinden gewesen, etwas, dessen er sich selbst nicht fähig gehalten, das ihn vor sich selbst adelte. Er hatte das Gefühl einer Art Erleichterung und Erholung gehabt in ihrer Nähe, hatte sich durch den Verkehr mit ihr innerlich gehoben gewähnt. Damit war's vorbei.

»Das Schöne an der Liebe ist der Traum, der ihr vorangeht,« murmelte er vor sich hin. Der Traum war ausgeträumt, was nun ...?

Da kam ihm ein letzter wahnsinniger Gedanke. »Sie ist durchaus ungewöhnlich, es ist ein großmütiger, überspannter Zug in ihr, der sie über alle Kleinlichkeit hinüberträgt. Hätte sie sich vielleicht entschließen können, mich zu heiraten?«

Es schüttelte ihn plötzlich wie im Fieber – er wehrte die lockende Vorstellung von sich ab wie eine folternde Qual. »Nein – nein – nein!« rief er heftig, »es ist eine Torheit, so etwas nur zu denken! Trotz all ihrer Begeisterungsfähigkeit, trotz all ihrer manchmal über das Ziel hinausschießenden Warmherzigkeit ist sie ja viel zu sehr Komtesse, um sich so etwas einfallen zu lassen!«

Sein Mund war trocken, eine eiserne Hand würgte ihn an der Kehle. Er wendete dem Bild den Rücken zu und trat hinaus in den Garten. Graue Gewitterwolken bedeckten den Himmel. Die Blumen neigten die Köpfe erdenwärts – ferner, lang ausatmender Donner umgrollte den Horizont.

»Und wenn es doch wäre!« murmelte er dumpf.

 

Erika saß an dem Fenster ihres Boudoirs, in den weißlichen Abend hinausschauend. Rings um sie herum war es bereits dunkel, zu dunkel, um zu lesen. Draußen war die Luft noch durchsichtig. Ihre Fenster blickten in das kleine Gärtchen des Hotels – das um diese Jahreszeit aussah wie ein einziges großes Rosenbeet mit einem schmalen Sandweg herum. Der süße Geruch der Rosen drang zu ihr empor und zugleich mit ihm, von ihm unzertrennlich, der faule, sumpfige Hauch der Lagune.

Ein paar ferne Glocken schwirrten noch immer, und das Wasser schlug leise gegen den Fuß der alten Paläste an.

In tiefe Gedanken versunken saß sie da. Die Lebensaufgabe, nach der sie sich so lange gesehnt, lag endlich vor ihr. Daß Lozoncyi sie liebte, darüber konnte selbst bei einer mißtrauischen Grüblerin, wie sie es war, kein Zweifel bestehen, und er liebte sie, wie sie geliebt werden wollte: mit Verehrung und Bewunderung, mit genauer Würdigung ihrer Eigenart.

Die Zukunft tat sich vor ihr auf, hell, leuchtend. Es kam ihr vor, als ob sie es hätte von jeher ahnen sollen, daß sie für etwas ganz Besonderes auserkoren war.

Warum er ihr bis jetzt noch nie ein direktes Geständnis seiner Gefühle abgelegt? Auf diese Frage wußte ihr Hochmut nur eine Antwort: Er wagt es nicht! Es war an ihr, ihm einen Schritt entgegenzutun.

So weit war sie in ihren Gedanken gekommen, als Marianne eintrat. »Herr von Lozoncyi,« meldete sie.

»Haben Sie ihm gesagt, daß ich zu Hause bin?«

»Nein, ich habe gesagt, ich würde nachsehen. Wenn Exzellenz abwesend sind, sage ich nie etwas Bestimmtes,« erwiderte Marianne.

Die alte Gräfin hatte sich vor kurzem entfernt, um einen Besuch in der Nachbarschaft zu machen.

Einen Augenblick zögerte Erika, dann drehte sie das elektrische Licht auf und ließ Lozoncyi bitten, sich heraufzubemühen. Zwei Minuten später trat er ein. Freundlich machte sie ihm ein paar Schritte entgegen. Sie erschrak, als sie in sein Gesicht sah, so bleich und verfallen war es.

»Sind Sie krank?« rief sie aus, »oder bringen Sie mir die Nachricht von einem Unglück, das Sie betroffen hat?« Ihre warmherzige Teilnahme vermehrte seine Unruhe.

»Keines von beiden,« erwiderte er ihr, indem er versuchte, einen leichteren Ton anzuschlagen. »Ich bin nur gekommen, um ...« Er stockte. Weshalb war er eigentlich gekommen? Der Gedanke, daß sie ein stärkeres Gefühl für ihn empfinde – ein Gedanke, der heute zum erstenmal in ihm aufgetaucht war –, hatte sich nicht bannen lassen wollen. Seit einer Stunde schleppte er die lockende Folter durch die einsamsten Gäßchen Venedigs, ohne imstande zu sein, sie von sich abzuschütteln. Er mußte sie sehen – Gewißheit haben – und dann ...

Ach, er konnte keinen klaren Schluß ziehen – nur sehnen konnte er sich nach ihr!

Er hatte sich einen Vorwand ausgedacht zur Erklärung seines Besuches, aber er konnte ihn nicht finden; statt alles anderen sagte er:

»Es ist sehr lieb von Ihnen, daß Sie mich trotz der Abwesenheit Ihrer Großmutter empfangen, und ich will mich Ihrer Gnade auch würdig zeigen, indem ich Ihnen so kurz als möglich zur Last falle.«

»Im Gegenteil,« erwiderte sie, »ich hoffe, daß Sie uns Ihren Abend schenken werden. Meine Großmutter muß in wenigen Minuten zurückkehren, und dann wollen wir's uns recht gemütlich machen.«

»Ich – ich kann mich nicht lange aufhalten!« murmelte er zerfahren.

Seine Unruhe steigerte sich bis zum Unerträglichen. Eigentlich wußte er bereits das, was er wissen wollte – wußte auch, daß es die höchste Zeit für ihn sei, zu gehen; aber wieder vermochte er nicht, es über sich zu bringen.

Draußen plätscherte die Lagune, die Nachtsänger von Venedig machten ihre erste Runde. Man hörte sie von fern: » Io son felice – t'attendo in ciel!«

»Bringen Sie mir morgen den Gesichtsausdruck ins Atelier mit,« rief er heiser aus, »ich will ihn festhalten, so gut ich kann, zur Erinnerung an das edelste Geschöpf, dem ich je begegnet bin! Sie kommen doch morgen?« frug er.

»Gewiß! Das Porträt ist beinah fertig, nicht wahr?«

»Ja, ich denke, morgen wird die letzte Sitzung sein,« erwiderte er tonlos, »und dann ...«

»Und dann ...?« wiederholte sie.

»Dann ist alles aus!« sagte er hart.

Eine Pause – er wendet den Kopf ab. Da plötzlich – an sein Ohr, an sein Herz schlug's süß, leise: »Dann werden Sie nichts mehr von mir wissen wollen!«

Er zuckte zusammen, wie von einem elektrischen Schlag gerührt – ihm schwindelte. Indem trat in die offen gebliebene Verbindungstür zwischen dem Salon der alten Gräfin Lenzdorff und Erikas Boudoir eine hohe, schlanke Frauengestalt – die Gräfin Rheinsberg.

Sie sah sehr bleich aus, aber mit einem eigentümlichen, verklärten Glanz in den Augen, der sie ungemein verschönte. Was Erika an ihr auffiel, war, daß sie nicht wie gewöhnlich um diese Zeit im Gesellschaftsanzug erschienen war, sondern ein schlichtes dunkles Morgenkleid trug.

»Marianne sagte mir, daß Sie empfingen,« bemerkte sie mit ihrer angenehmen, schwermütig klingenden Stimme. »Störe ich nicht?« Dabei ließ sie den Blick über Lozoncyi hingleiten.

»Nicht im geringsten,« erwiderte Erika, ohne daß sie wußte wodurch, mitleidig gegen die Arme gestimmt.

»O doch ... ein wenig,« sagte die junge Frau, aber ohne nörgelnde kleinliche Bosheit, sondern mit einem unendlichen Wohlwollen – in dem etwas Rührendes war.

Lozoncyi wollte sich nun mit einer Verbeugung von den Damen verabschieden. Er dankte seinen Sternen für die unerwartete Unterbrechung.

»Wollen Sie die Rückkehr der Großmutter nicht abwarten?« fragte ihn Erika.

»Mir leider unmöglich!«

»Also adieu – auf morgen elf Uhr!« rief sie ihm nach. Er antwortete nicht.

»Der arme Lozoncyi hat mich verwünscht,« meinte die Gräfin Rheinsherg, »aber ich hab's ihm nicht übelgenommen. Ach, Gräfin Erika, ich freue mich so für Sie!« Sie sagte das so ehrlich und mit so großen, tränenglänzenden Augen, daß man ihr unmöglich böse sein konnte. Erika war ihr auch gar nicht böse, vielmehr freute sie sich darüber, daß jemand sie in ihrer edlen Großmut, auf die sich heimlich etwas zugute tat, verstanden und erraten hatte.

Die junge Frau nahm die Hand des Mädchens in die ihre und murmelte: »Ich finde es wundervoll, daß Sie den Mut haben, Ihrer Neigung zu folgen. O Erika, machen Sie's ihm nicht zu schwer!« Da kehrte die alte Gräfin von einem Besuch aus der Nachbarschaft zurück.

Gräfin Rheinsberg blieb nur noch einige Minuten. Als die Uhr halb zehn schlug, wendete sie plötzlich den Kopf. »Adieu!« rief sie, und der feierliche Ernst, den Erika gleich bei ihrem Erscheinen bemerkt hatte, trat von neuem und deutlicher als früher auf ihr Gesicht. »Ich kann nicht länger bleiben, ich wollte Sie beide noch sehen und Ihnen danken, daß Sie so lieb und gut gegen mich gewesen sind!«

»Reisen Sie denn ab?« fragte die Großmutter. Darauf gab sie keine Antwort. Sie küßte der Gräfin die Hand, dann an Erika herantretend, flüsterte sie: »Darf ich Ihnen einen Kuß geben?«

Erika nahm sie in ihre Arme und küßte sie.

»Gott behüte Sie!« flüsterte ihr die junge Frau noch zu – dann war sie verschwunden.

»Was sie nur gehabt haben mag?« murmelte die Großmutter, »sie war heute so eigentümlich!«

 

Die ganze Nacht hatte es geblitzt und gedonnert, doch war kaum ein Tropfen Regen gefallen; die Luft war am nächsten Morgen ebenso schwül als den Tag vorher.

In Lozoncyis Gärtchen sah, als Erika sich pünktlich um elf Uhr mit ihrer Großmutter dort einfand, alles matt und welk aus. Lozoncyi selbst war blaß, seinen Bewegungen fehlte die ihnen sonst eigentümliche rasche Elastizität und seinem Gesicht jedes Lächeln. Als Gräfin Lenzdorff ihn frug, was er habe, beklagte er sich über den Schirokko.

Erika merkte, daß keine neuen Blumen das Atelier schmückten; es war das erstemal, daß er es unterlassen hatte, seine Werkstatt festlich herzurichten. Etwas wie die Ahnung eines Unglücks umfing sie.

»Ich werde Sie heute ein wenig anstrengen müssen, damit wir endlich mit dem Bild fertig werden,« sagte er, sehr rasch sprechend. »Nur das eine Mal müssen Sie noch Geduld haben, ich möchte Ihnen kein Bild geben, das nicht so gut ist, als ich es überhaupt machen kann.«

»Sie haben der Erika ohnehin schon viel zu viel von Ihrer kostbaren Zeit geschenkt,« versicherte ihm die Großmutter herzlich.

»So – meinen Sie?« murmelte er mit einer Bitterkeit, die sie nie früher an ihm wahrgenommen. »Finden Sie auch, daß es unsereinem nicht erlaubt ist, so viele Zeit auf sein Vergnügen zu verwenden?« Und ganz leise setzte er hinzu: »Freilich, es rächt sich!«

Erika sah ihn groß und erschrocken an; die Worte waren ihr ganz unverständlich, aber der Ausdruck seines blassen Gesichts war ein derart gequälter, daß das jederzeit leicht erregbare Mitleid in ihrer Seele von Sekunde zu Sekunde wuchs.

Wie gewöhnlich verfügte sie sich in das anstoßende Gemach, um mit Hilfe der bereits ihrer harrenden Lucrezia ihr Kleid zu wechseln. Als sie in das Atelier zurückkam, stand Lozoncyi, die Hände in den Taschen seines Jacketts, mit dem Rücken gegen den Kamin neben ihrer Großmutter, die in ihrem Lieblingssessel saß und soeben die Frage an ihn richtete: »Was haben Sie nur, Lozoncyi? Haben Sie an der Börse verloren?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte er, indem er versuchte, auf ihren scherzhaften Ton einzugehen, mit gezwungener Ruhe.

»Also, wo fehlt's? Vertrauen Sie sich mir an.«

Er räusperte sich. »Hm!« begann er, »eigentlich sollte ich ...« Da erblickte er Erika. »Ah, schon fertig?« rief er aus. »Nun denn, malen wir!«

Sie konnte die Pose nicht gleich finden, er mußte ihr den rechten Arm ein wenig richten. Seine Hand war heiß wie die eines Fiebernden. Kaum hatte er Erika berührt, so zog er die Hand hastig zurück.

Dann trat er an die Staffelei, heftete den Blick auf sein Modell; lange musternd, blinzelnd, wendete sich wieder ab und begann zu malen.

Sonst war des Plauderns zwischen ihm und Erika kein Ende gewesen, heute sprach er kein Wort; es war totenstill in dem Atelier; man hörte das Knistern der Seiten des Romans, den die Großmutter umblätterte, das Zwitschern der Vögel in dem Garten draußen und das kurze, feste Auffallen des Pinsels auf der Leinwand. – Eine Stunde war vergangen. Da trat er noch einmal von dem Bild zurück, heftete die Augen auf Erika, setzte noch ein paar Striche auf und betrachtete erst sie, dann das Bild.

»Sehen Sie sich's an,« sagte er, jede Silbe hart hervorstoßend, »so gut ich's treffe, ist's fertig. Besser machen werde ich's nicht mehr!«

Sie traten beide an das Bild heran. »Ob es mir ähnlich ist, weiß ich nicht,««sagte Erika, »jedenfalls ist es ein Meisterwerk!«

»Herrlich ist's! rief die Großmutter. »Die Kleine ist Ihnen eine famose Kerze schuldig! Sie haben ihr ordentlich geschmeichelt, und – en homme d'esprit – mit feinstem Verständnis.«

»Geschmeichelt!« rief er. »Was ist da geschmeichelt! Den Ausdruck hab' ich wiederzugeben getrachtet, den Ausdruck, den nicht jeder in dem Gesicht entdeckt! Das ist das einzige Verdienst meiner armseligen Leistung – im übrigen ... eine Stümperei! Ich bin mir nie so arm vorgekommen in meiner Kunst wie dem Bilde gegenüber.« Mit diesen Worten warf er das ganze Bündel Pinsel, welches er in der Hand hielt, in den Kamin.

»Was fällt Ihnen ein?« fragte die alte Gräfin. »Sie sind ja heute schauderhaft aufgelegt.«

»Ach, die Pinsel waren abgenützt,« murmelte er, »und ein anderes Bild hätte ich doch nicht mit ihnen gemalt!«

Das Blut stieg Erika in die Wangen vor Freude. Sie hatte ihn verstanden. Seine große Aufregung und Traurigkeit beunruhigte sie nicht mehr. So fest überzeugt war sie, daß es ihr vergönnt sein würde, durch ein einziges Wort seine Trauer zu bannen.

»Eine Zeit müssen Sie mir das Bild noch lassen. Wenn es trocken ist, werde ich's firnissen, und dann schicke ich's Ihnen. Ich bitte Sie nur, mir anzugeben, wohin,« sagte er jetzt.

»Ich hoffe, daß wir im Verkehr bleiben werden, wenn nicht anders, so durch Korrespondenz,« sagte Gräfin Lenzdorff. »Ich versichere Ihnen, daß ich eine herzliche Freundschaft für Sie fühle. Die Besuche in Ihrem Atelier sind mir, obgleich ich eine sehr nebensächliche Rolle dabei gespielt habe, eine liebe Gewohnheit geworden, die abzubrechen mir schwerfallen wird. Melden Sie sich nur bei uns, wo Sie von uns hören, wir werden uns jederzeit freuen, Sie zu sehen.«

Erika war indessen näher an Lozoncyi herangetreten. »Ich weiß kaum, wie ich Ihnen danken soll!« sagte sie.

»Gar nicht!« erwiderte er, »es ist nichts zu danken. Aller Dank ist auf meiner Seite. Denken Sie manchmal an den armen Teufel, der sich an Ihnen blind geschaut hat – das ist alles, was ich mir von Ihnen erbitte. Das heißt, noch eins ... Sie erlauben mir doch, mir eine Kopie von dem Bilde zu machen für mich?«

Die Großmutter rief: »Geh dich umkleiden!«

Und Lozoncyi fragte: »Wollen Sie Ihre Sachen gleich mitnehmen, oder soll ich sie Ihnen schicken?«

Sie trat in das Nebenzimmer. Hastig, ungeduldig entledigte sie sich des ausgeschnittenen Kleides und tat ihre Straßentoilette an. »Stopft das Zeug nur in den Koffer,« befahl sie, indem sie Lucrezia ein Goldstück in die Hand steckte.

Ihr war seltsam zumut, das Herz klopfte ihr bis in den Hals hinauf. Werde ich noch einen Augenblick finden, um allein mit ihm zu sprechen?« fragte sie sich.

»Schon fertig? – Das war schnell!« rief die alte Gräfin, als sie ins Atelier zurückkam. »Haben Sie nach der Gondel geschickt, Lozoncyi?«

»Ja, Gräfin, ich wundere mich, daß sie noch nicht da ist. Indessen werde ich Ihnen die Rosen aus meinem Garten abschneiden; ich weiß ohnehin nicht, für wen sie noch blühen sollen, wenn Sie nicht mehr kommen.«

Er trat in den Garten hinaus. Einen Moment zögerte sie, dann folgte sie ihm. Ein grauer Dunst bedeckte den Himmel, eine große Mattigkeit neigte alle Zweige erdenwärts. Alle Blüten, die Lozoncyi berührte, um sie für Erika abzuschneiden, zerfielen, ganze Haufen violettroter und braunweißer Blütenblätter lagen auf den Wegen.

Lozoncyi wendete sich nicht nach Erika um, sondern schnitt mit einer dicken, kurzen Gartenschere unbarmherzig von den Rosenbüschen, was sich ihm irgend bot. Ehe er sich's versah, stand sie vor ihm. Er fuhr zusammen. Sie legte ihm leicht die Hand auf den Arm. »Es ist sehr vermessen von mir,« flüsterte sie leise, »aber mir will's nicht aus dem Kopf, daß ich ein Recht habe auf Ihre Sorgen. Drückt Sie etwas?«

Er sah sie groß an und versuchte zu lächeln.

»Der Abschied fällt mir schwer. Gräfin Erika ... das können Sie sich wohl denken,« sagte er hart.

Das Mitleid in ihr wuchs und wuchs; aber zugleich kam noch etwas anderes über sie: eine plötzliche Unruhe, ein schamhaftes Zögern. Ihre Lippen blieben geschlossen und wollten sich nicht öffnen. Da schwirrten ihr die Worte der Gräfin Ada durch die Seele: »Machen Sie es ihm nicht zu schwer!« – Ja, sie wollte es ihm nicht schwer machen! Arme betörte Erika!

Sie nahm sich zusammen – es mußte klar werden zwischen ihm und ihr. »Wenn Ihnen der Abschied wirklich schwerfällt, dann ... dann begreif' ich nicht ... wozu wir überhaupt Abschied voneinander nehmen müssen,« flüsterte sie. Die Tränen waren ihr in die Augen getreten – und er ... Sein Gesicht wurde aschfahl, die Rosen fielen ihm aus der Hand.

Da hörte man draußen die Glocke ziehen; dann frug eine weibliche Stimme französisch mit starkem Pariser Akzent: »Wohnt hier der Maler Paul Lozoncyi?«

Erika durchfuhr's ... In den welkenden Garten hinein trat eine hohe, üppige Frau, wundervoll gewachsen und mit einem regelmäßig geschnittenen Gesicht – blond, leicht geschminkt, in jedem Fältchen ihres Kleides, in jedem Löckchen ihres blonden Haares, ja selbst in dem Duft, den ihre ganze Persönlichkeit ausströmte, den Kultus verratend, den sie mit ihrem Körper trieb. Von ihrem weißen Hut herunter fiel ein blutroter Schleier über den oberen Teil ihres Gesichts, im übrigen war ihr Anzug einfach und kleidsam.

Erika erkannte sie sofort und erriet alles. Einen Moment drehte sich der Garten mit ihr, ihr war's, als müsse sie umsinken. Indes rief die Pariserin, während sie dem Maler mit ihrer sehr wohlgeformten und gut behandschuhten Rechten auf den Arm klopfte: » Une surprise – hein, mon Bibi! Tu ne t'y attendais pas – dis?«

»Nein,« erwiderte er scharf.

Sie runzelte die Brauen, und Erika mit einem herausfordernden Blick musternd, sagte sie: »Habe doch die Güte, mich vorzustellen!«

Er räusperte sich, dann ... wie ein Axthieb hart und scharf fiel's von seinen Lippen: »Meine Frau.«

Erika behielt ihre Selbstbeherrschung. So weit war sie seit Baireuth in ihrer Weltkenntnis vorgedrungen, daß niemand – nicht einmal Frau Lozoncyi – von ihr erwarten konnte, daß sie ihr freundlich entgegenkommen solle. Sie begnügte sich, auf Lozoncyis Vorstellung mit einem kurzen Kopfnicken zu danken.

Indem trat die alte Gräfin aus dem Atelier, um zu sehen, was es gab. Sie nahm sich gar nicht die Mühe, ihr Erstaunen zu verhehlen; wie ihr Lozoncyi die Fremde als seine Frau vorstellte, grüßte sie womöglich noch hochmütiger, als Erika es getan, und musterte die Pariserin durch ihr Lorgnon. Lozoncyis Diener meldete, daß die Gondel warte.

Erika reichte Lozoncyi zum Abschied die Hand und fand den Mut, zu lächeln.

Die alte Frau reichte ihm ebenfalls die Hand, lächelte aber nicht. Ihr Ton klang sehr kühl, während sie ihm sagte: »Ich danke Ihnen noch für alle Freundlichkeit, die Sie für uns gehabt haben. Ich hatte Sie bitten wollen, heute abend mit uns zu essen, aber Sie werden sich wohl den ersten Tag nicht trennen wollen von ... von Frau von Lozoncyi.«

Die Gondel stieß ab. Das Wasser rauschte auf unter dem ersten Ruderschlag, und das Holz knarrte leise. Noch einen Augenblick stand er auf der Türschwelle und sah Erika nach, dann trat er in das Haus zurück. Die hellgrüne Tür schloß sich hinter ihm.

Was Erika fühlte? Sie hatte keine Zeit, daran zu denken. Ihre ganze Kraft wendete sie daran, ihre Aufregung zu verbergen. Sie ordnete ihr Kleid und machte eine Bemerkung darüber, daß das Wasser heute besonders trübe sei. In der Tat hatte es eine stumpfe, undurchsichtige, blaßgrüne Malachitfarbe. Die alte Frau achtete nicht darauf.

»Ich hatte keine Ahnung, daß er verheiratet ist!« rief sie. »So etwas muß dem Menschen doch gesagt werden! Ein Mann hat kein Recht, das zu verheimlichen!«

Erika aber sagte in einem Ton, über dessen unbefangene Gleichgültigkeit sie sich selbst verwunderte:

»Schließlich, Großmutter, hat er nicht annehmen können, daß der Umstand für uns von dem geringsten Interesse sein könne.«

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