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Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre

Ossip Schubin: Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorOssip Schubin
titleGräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre
publisherVerlag von Georg Westermann
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070226
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Rings um sie heirateten die Mädchen, die mit ihr debütiert hatten, nach rechts und links; ganz bescheidene Mädchen, die sie ehemals herablassend protegiert hatte, heirateten Erikas alte Verehrer – um sie bewarb man sich gar nicht mehr. Anfangs lachte sie über die wichtigen Mienen, welche diese jungen Frauen ihr gegenüber annahmen; aber als es mit der nächsten Saison schlimmer wurde, verdroß es sie. Ein neuer Schönheitsflor war erblüht, man drängte sich um Erscheinungen, deren einzige Überlegenheit darin bestand, daß man sie noch nicht so oft gesehen hatte wie die Gräfin Erika.

Im Grunde des Herzens hatte sie noch immer keine Lust zum Heiraten. Das Heiraten war für sie einfach eine in der Organisation unseres sozialen Lebens begründete schwerfällige Unbequemlichkeit, der sich zu fügen sie so lange als irgend möglich hinausschob. Sich einen Mann in Liebe unterzuordnen, war etwas, wogegen sich ihr innerstes Wesen sträubte, aber es ärgerte sie doch, daß die Freier ausblieben.

Da, als die tonangebenden Damen von Berlin bereits begonnen hatten, die Köpfe über sie zu schütteln und sie als einen »kritischen Fall« zu bezeichnen, verblüffte sie plötzlich die Welt durch die Ankündigung ihrer Verlobung mit einem der reichsten englischen Peers, Percy Marquis of Langley.

In Karlsbad, wo ihre Großmutter eine leichte Kur gebrauchte, lernte sie ihn kennen. Schon mehrere Tage hindurch hatte sie gemerkt, daß sie ein ältlicher, vornehm aussehender Herr, wo sie sich auch zeigen mochte, beständig mit den Blicken verfolgte. Endlich, eines Morgens, kam er auf die alte Gräfin Lenzdorff zu und fragte halb lächelnd, ob sie sich seiner wirklich nicht erinnere, oder ob es eine wohlerwogene Absicht ihrerseits sei, ihn so ausdauernd zu schneiden.

Sie reichte ihm hierauf freundlich die Hand und erwiderte: »Lord Langley, am Kontinent ist es Sache der Herren, die Damen zu grüßen, übrigens, selbst wenn ich auf Ihre Nationalgewohnheiten eingegangen wäre, hätte ich wahrscheinlich nicht gewußt, ob ich von Ihnen Notiz nehmen soll, ob nicht.«

Er lachte, die Augen halb zuzwinkernd, behauptete aber sofort, ihre Anspielung passe nur auf eine bei ihm längst vergangene Lebensperiode, jetzt sei er ein alter Mann usw. » I have sown my wild oats,« erklärte er und setzte hinzu: » I've taken a long time to sow them, haven't I? But it's all over now!« Hierauf bat er die Gräfin, ihn ihrer Begleiterin vorzustellen.

Von da an widmete er beiden Damen die ritterlichste Aufmerksamkeit. Erika fühlte sich stolz auf seine diskret kundgegebene Bewunderung und plauderte ungewöhnlich gern mit ihm. Eigentlich hatte sie sich überhaupt noch nie so gut mit einem Mann unterhalten. Er hatte ehemals der Diplomatie angehört und alle Leute gekannt, deren Lord Malmesbury in seinen Memoiren, und alle, deren der Graf d'Alton Shee in seinen Aufzeichnungen erwähnt, kurz, alles was in den letzten vierzig Jahren nennenswert berühmt oder berüchtigt war, vom Kaiser Nikolai angefangen, von dem er schwärmte, bis zur Cora Pearl, über die er der alten Gräfin Anekdoten ins Ohr flüsterte und deren Erfolge ihm, wie er achselzuckend behauptete, rätselhaft waren.

Er war einer der subtilsten Lebenskünstler und geistvollsten Plauderer, die man sich denken konnte, dabei von vornehmem Äußeren, mit strammer Haltung, korrektem Anzug, gutgeschnittenem, wenn auch etwas fleischigem und stark gefärbtem Gesicht, der vollendete Typ jener Engländer, welche, dem britischen National-Cant den Rücken drehend, im Auslande ein lustiges Leben führen, ohne Glauben, ohne sittliches Ideal und ganz durchdrungen von einem bis aufs äußerste verfeinerten, aber durchaus nüchternen Epikureismus, den er im Verkehr mit Damen zu mildern wußte, wenn er es auch nie der Mühe wert hielt, ihn gänzlich wegzuheucheln.

Vierzehn Tage nachdem er sich der Gräfin Lenzdorff ins Gedächtnis zurückgerufen, hielt er bei ihr um die Hand ihrer Enkelin an, und zwar brieflich. Nicht ohne Verlegenheit teilte die alte Frau dem jungen Mädchen seinen Heiratsantrag mit. »Es ist immerhin fatal,« begann sie. »Ich begreife gar nicht, wie es ihm einfallen konnte, an dich zu denken; ein junges, blühendes Geschöpf wie du – und seine sechzig Jahre! ... Was soll ich ihm antworten?«

Erika blieb einen Moment sprachlos, der Antrag des alten Engländers kam ihr völlig überraschend, aber merkwürdigerweise übte er auf sie durchaus nicht dieselbe abschreckende Wirkung wie auf die Großmutter. Sie hatte sich immer gewünscht, in der englischen Gesellschaft zu leben. Sehr wohlhabend, wie sie war, wußte sie doch, daß ihr Einkommen zu den Reichtümern Lord Langleys in keinem Verhältnis stand. Und dann, die Stellung einer englischen großen Dame war doch etwas ganz anderes als die der Gattin irgendeines preußischen Edelmanns. Die fatale Krankheit der Romantik, die ihr im Blut steckte, äußerte sich bei ihr ohnehin in letzter Zeit in einem gewissen sozialen Größenwahn. Welch ein Spielraum breitete sich vor ihr aus! Sie sah sich gefeiert, umschwärmt, von Bittschriften belagert, eine der politischen » Influences« von Europa.

»Nun?« fragte Gräfin Lenzdorff, die sich indessen an ihren Schreibtisch gesetzt hatte.

»Nun?« wiederholte Erika etwas verlegen.

»Was soll ich schreiben – daß du ihn nicht willst, natürlich. Aber wie soll ich's ihm denn höflich beibringen?«

Erika schwieg.

Die Großmutter hatte indes angefangen zu schreiben. Da hörte sie hinter sich eine leise, etwas verschämte Stimme sagen: »Großmutter!«

Sie wendete sich um. »Was willst du, Kind?«

»Siehst du ... wenn ich schon überhaupt heiraten muß...«

Die Großmutter blieb starr. Dann rief sie scharf: »Du könntest dich entschließen ...?«

Erika nickte.

Die alte Frau fuhr gerade wie ein Pfeil aus ihrem Sessel empor, zerriß den begonnenen Brief, warf die beiden Stücke heftig auf den Boden und verließ das Zimmer. Nachdem sie die Tür bereits geschlossen, öffnete sie dieselbe neuerdings und rief über ihre Schulter hinüber:

»Schreib ihm selbst«

– – – – – – – – – –

Zwei Tage nach seiner Verlobung verließ Lord Langley Karlsbad, um für den Empfang seiner jungen Gattin die nötigen Vorbereitungen in Eyre Castle zu treffen, wohin er sie Ende August heimzuführen gedachte.

Tränen vergossen die Brautleute beide nicht beim Abschied, und ihr Austausch von Zärtlichkeiten belief sich darauf, daß der Bräutigam seiner Braut mit großer Ehrerbietung die Hand küßte. Diese nüchterne Auffassung der Situation erschien Erika überaus befriedigend.

 

Nachdem Gräfin Lenzdorff die Karlsbader Kur beendet, verfügte sie sich mit Erika nach Franzensbad zur Nachkur.

Die Festspiele in Baireuth machten damals viel von sich reden; in dem schläfrig hinduselnden Franzensbader Traumleben hörte man überhaupt kaum etwas Interessantes, das nicht mit dem Parsifal zusammengehangen hätte. Doch wies die alte Gräfin ihre Enkelin anfangs schroff ab, als ihr dieselbe ihren dringenden Wunsch, nach Baireuth zu reisen, gestand. Überhaupt war die alte Frau seit der Verlobung schlecht gelaunt, und ihre Zärtlichkeit hatte sich Erika gegenüber merklich abgekühlt. Sie widersprach ihr häufig, zeigte sich reizbar und erwiderte oft auf die unschuldigsten Vorschläge Erikas: »Warte, bis du verheiratet bist!« Von Baireuth wollte sie schon gar nichts wissen und behauptete, an den Bruchstücken des Parsifal, die ihr vierhändig aus allen Fenstern von Franzensbad entgegentönten, übergenug zu haben und gar keine Lust zu verspüren, das Spektakel an seinem Urquell aufzusuchen, sie leide ohnedies an Kopfweh ... seit Erikas Verlobung.

Diesen Widerstand verlängerte sie eine gute Weile, bis endlich zuletzt ihre Neugier den Sieg davontrug und sie sich bereit erklärte, ihrer Enkelin als gequältes Opferlamm nach Baireuth zu folgen.

Lord Langleys letzter Brief datierte aus München, wo eine seiner Töchter – denn er war Witwer, aber ohne Sohn – an einen jungen englischen Diplomaten verheiratet war; Großmutter und Enkelin sollten dort mit ihm zusammentreffen, um sich mit ihm gemeinschaftlich nach Schloß Wetterstein in Westfalen, dem Sitz des Lenzdorffschen Majoratsherrn, eines Großonkels Erikas, zu verfügen, wo die Trauung vollzogen werden sollte.

Sehr vergnügt über die endlich durchgesetzte Nachgiebigkeit der Großmutter, schrieb Erika einen Brief an Lord Langley, in dem sie ihn bat, ihr nach Baireuth entgegenzukommen, anstatt in München auf sie zu warten – übrigens möge er ganz nach Belieben verfahren ... setzte sie hinzu.

Lüdecke wurde voraus nach Baireuth geschickt, um Billette und Wohnung zu besorgen, wenn Billette und Wohnung überhaupt noch zu haben seien.

Beides mußte schwerer halten, als es anfangs wahrscheinlich erschien, denn zwei Tage vergingen, ohne daß Lüdecke etwas von sich hören ließ. Endlich, am Vormittag des dritten Tages, flog den Damen ein Telegramm auf ihrer täglichen Brunnenpromenade nach. Es enthielt die Worte:

»Alles bereit – Brief folgt.

Lüdecke.«

und veranlaßte die alte Gräfin zu dem Ausruf: »Schafskopf!« Um wenige Stunden nach dem Telegramm erschien der angekündigte Brief:

»Euer Exzellenz!

Vor allem mögen Euer Exzellenz die Komtesse beruhigen, es ist alles in Ordnung – Besorgnisse waren jedoch nicht unbegründet, denn es waren anfangs durchaus keine Billette zu beschaffen – d. h. besonders nicht für Parsifal, auf den es die Komtesse ja hauptsächlich abgesehen hatten. Ich hatte bereits Schritte eingeleitet, um eine Audienz bei der hier allmächtigen Frau Wagner zu erlangen. Da ereignete sich ein glücklicher Zufall. Die Mutter eines Wiener Bankiers starb plötzlich am Schlagfuß, wodurch zwei Plätze frei wurden für eine ganze Serie, und habe ich mich sofort derselben versichert; auch in betreff der Wohnung mein möglichstes getan, doch war es allerdings etwas spät und jedes Plätzchen in den Hotels – wo selbst in den Korridoren Betten für durchreisende Baireuthpilger aufgeschlagen – besetzt, auch die vornehmen Privatwohnungen bereits vergriffen, weshalb ich für Eure Exzellenz nur zwischen zwei Logis die Wahl hatte, und zwar eines derselben bei einem Rittmeister von Adel, aber mit Masern bei zwei Kindern, von denen das jüngste gestorben, aber nicht an Masern, sondern an Diphtheritis, weshalb ich, obgleich die Infektionsstoffe durch Reinigung mit Chlor und Karbol – von welchem ein sehr übler Geruch noch zu verspüren – beseitigt, doch vorgezogen habe, für Euer Exzellenz das zweite Logis bei einem Bäckermeister zu nehmen, welcher zwar nicht von Adel, aber sich samt seiner Familie einer vortrefflichen Gesundheit erfreut – und die Zimmer sind größer.

Anbei ein Zettel mit Instruktionen, welchen ich Euer Exzellenz bitte der Marianne zu übergeben, damit selbe genau weiß, in welcher Weise sie während meiner Abwesenheit Euer Exzellenz versorgen, und was die unentbehrlichsten Reiseeffekten sind, insbesondere der kleine silberne Teekessel samt Kanne.

Indem ich Euer Exzellenz bitte, mich per Drahtpost zu benachrichtigen, mit welchem Zug Euer Exzellenz in Bayreuth einzutreffen geruhen, bleibe ich Euer Exzellenz gehorsamer und untertäniger Diener

Karl Lüdecke.

1. P.S. Ich an der Stelle Euer Exzellenz würde den Frühzug benutzen, die Luft in der Eisenbahn schmeckt früh viel besser, und ist auch das Ankommen erheiternder als am Abend in einer kleinen Stadt mit schlechter Beleuchtung, insbesondere, als die Reise nicht anstrengend – dauert nur vier Stunden.

2. S.P. Kann Euer Exzellenz versichern, daß Euer Exzellenz die Pilgerfahrt nach Baireuth nicht bereuen werden. Habe bereits gestern eine Vorstellung mitgemacht, dank der Protektion eines Feuerwehrmanns, welchen ich als einen alten Kameraden begrüßte, indem derselbe mit mir zugleich bei den A ... Füsilieren gestanden, hinter der Bühne, und sind die Aufführungen in der Tat hochinteressant, wenn auch die Musik nicht eigentlich wie Musik klingt, sondern wie etwas ganz anderes, daß es einem dabei kalt durch die Gebeine fährt, was, wie mich mein alter Kamerad versichert, die beabsichtigte Wirkung ist – auch macht sich der während der Aufführung ganz dunkle Zuschauerraum sehr effektvoll.

Entschuldigen Exzellenz meine übermäßige Schwatzhaftigkeit, ich schreibe das nur so von wegen der Komtesse und zeichne mich noch einmal usw. ...«

Den nächsten Tag verlassen sie Franzensbad – Franzensbad mit seinen weißschimmernden Birken, mit seinem guten Gebäck und schwachen Kaffee, mit seinen Symphonie-Konzerten und seinem ins Leere schmachtenden, bleichsüchtigen Schönheitsflor. Dem praktischen Rat Lüdeckes folgend, benutzen sie den Morgenzug. Der Tau liegt noch auf allen Gartenanlagen, da sie in einem offenen Wägelchen auf den Bahnhof hinausfahren.

Ehe sie das Kupee besteigen, hat Gräfin Lenzdorff bereits sechsmal Gelegenheit gehabt, sich über von Marianne angerichtete Konfusionen zu ärgern und sich mit lang gedehnten Seufzern nach »ihrem unentbehrlichen Schaf, dem Lüdecke,« zu sehnen.

Im letzten Moment wird Marianne noch zurückgeschickt, um einen Band »Oper und Drama« und zwei Broschüren über »die innerste Beschaffenheit der Kundry« zu holen, welche sie auf dem Toilettentisch ihrer Herrin vergessen hat – zur großen Entrüstung der letzteren. »Vom musikalischen Standpunkt kann Baireuth für mich kein Interesse haben,« so entscheidet diese, »höchstens vom kulturhistorischen, da will ich über das Gebotene orientiert sein.«

Ganz atemlos, die Bücher ans Herz drückend, kommt Marianne in einer Droschke zurückgefahren nach dem dritten Läuten, ja gerade in dem Augenblick, in dem der Stationschef, der nur aus Rücksicht für die »hohen Herrschaften« den Zug hat warten lassen, das Zeichen zur Abfahrt geben will. Der Schaffner schiebt das gehetzte und aufgeregte Frauenzimmer noch in aller Eile in das Kupee zu den Damen hinein, sie drückt sich demütig in eine Ecke, die Gräfin setzt ihre Brille auf und versenkt sich in das Studium von »Oper und Drama«, und Erika blickt hinaus in die stille, ebene Landschaft, auf die frisch abgeräumten Stoppelfelder, über die sich die Schatten der Telegraphenstangen endlos lang ausdehnen, mitten zwischen das goldene Geflimmer des Morgenlichts.

Auf dem Bahnhof in Baireuth erwartet natürlich Lüdecke seine Herrschaft strahlend vor untertäniger Freude über das Wiedersehen, vor Mitteilungsdrang berstend und mit einem Operntextbuch in jeder Tasche seines dunkelgrauen Rockes. Er geleitet die Damen zu dem Wagen, den er für sie bestellt hat, besteigt einen zweiten mit Marianne und dem Gepäck und dirigiert beide zu dem gemieteten Logis in der Maximilianstraße beim Bäckermeister Strümpfel. Sie halten vor einer dunklen, mit ungleichen spitzigen Steinen gepflasterten Durchfahrt, deren düstere Schlupfwinkel-Physiognomie sie eigentlich befremden könnte, wenn ihnen nicht bei ihrem Eintritt die Frau Bäckermeisterin, blond, frisch, von Bewillkommnungseifer glänzend, entgegengestürzt käme mit dem Ausruf: »Grüß Gott, Frau Gräfin!«

Ein solcher unverwüstlicher Vorrat freundlichen guten Willens spricht aus diesem Ausruf, daß es unmöglich wäre, ihr danach noch ihren Hauseingang zu verübeln, über eine sehr hohl klingende und dumpfig riechende Holztreppe folgen sie ihr hinauf auf einen mit Ziegeln gepflasterten Hausflur, von wo aus sie ihre Wohnung betreten – einen großen, niedrigen Salon mit einer ganz kleinen Teppichinsel vor dem Sofa, in einem Meer von grellgelb lackierter Diele, mit einer Möbelgarnitur von roter Peluche, zwei Gummibäumen, einem Kanarienvogel in weiß gestrichenem Vogelkäfig und einem Glasschrank; rechts und links von dem Salon zwei Schlafzimmer, alles gemütlich, sauber, vorweltlich.

Beim Frühstück stellt sich's heraus, daß sie sich irgendwie verrechnet haben und um vierundzwanzig Stunden zu früh eingetroffen sind. Aber da sich Gräfin Lenzdorff in guter Laune befindet, und zwar zum erstenmal seit Erikas Verlobung, lacht sie nur zu diesem Mißgeschick. Sobald sie sich des Eisenbahnstaubes entledigt und etwas zurechtgemacht haben, fahren sie in die Ermitage, und zwar in einem schwerfälligen, blau ausgeschlagenen Viersitzer mit einem Paar feierlich schweren Braunen bespannt, denen ein buntbetroddeltes Fliegennetz um die Ohren hängt; durch das heute von phantastischem fremdem Leben fiebernde Städtchen, in dem sich die mit moderner Stuckatur beklecksten neuen Bauten recht wunderlich ausnehmen zwischen den altdeutschen Giebeldächern, fahren sie hinaus ins freie Land, zwischen frisch abgeräumten Feldern und saftigen, von gelbem und blaßlila Blumenschimmer verklärten Wiesen, durch die schönen, schattigen Alleen – Alleen, wie sie nur zu fürstlichen Lustschlössern führen –, in den stillen verlassenen Park, in dem sich außer ihnen nur noch sehr wenige Fremde zwischen den herrlichen Laubgängen und den dazwischen hervorlugenden verwitterten Statuen herum bewegen.

Gegen ein Uhr kehren sie in das Städtlein zurück und essen zu Mittag in der »Sonne« am selben Tisch mit österreichischen Aristokraten und Berliner Kommerzienräten und vielen anderen Baireuthpilgern aus bekannten und unbekannten Ländern, dann bummeln sie noch ein wenig in dem lieben alten Städtchen mit seiner zwischen altväterischer Giebelarchitektur hineinspielenden markgräflichen Rokokoresidenz-Vornehmheit. Sie sehen sich das Grab des Meisters an und das alte Theater und geben Karten ab in der Villa Wahnfried. Die alte Frau verliert sich in geistreiche Betrachtungen darüber, was sich wohl die Markgräfin zu dem großen deutschen Spektakel denken würde, der jetzt jedes oder wenigstens jedes zweite Jahr Leben in das verschlafene und verschollene Residenzstädtlein bringt, und Erika zeigt ihr lachend die »Parsifalpantoffeln« und »Nibelungenbonbons« in den Auslagen der kleinen, unansehnlichen Läden.

Die Sonne steht bereits tief, und die Schatten der hochgiebeligen Häuser dehnen sich über die ganzen breiten Plätze aus und kriechen in den schmalen Straßen an den Wänden der ihnen gegenüberstehenden Häuser empor, als die alte Gräfin, eine gelinde Müdigkeit verspürend, nach Hause zurückkehrt, um sich mit einer Tasse Tee zu erfrischen. Erika geleitet sie bis in die Durchfahrt, dort bemerkt sie: »Ich möchte mich umsehen, ob ich irgendwo einen Band Tauchnitz auftreiben könnte; darf ich die paar Schritte allein gehen? Wir sind ja auf dem Dorfe.«

»Meinetwegen,« ruft die alte Frau, indem sie bereits die Treppe emporklimmt.

Nichts Übles gewärtig, biegt Erika um die nächste Straßenecke.

Sie geht sehr langsam, die Augen über das altväterische Bauwerk, die hohen Giebel der Häuser gleiten lassend. Da hört sie hinter sich eine Stimme »Rika! Rika« rufen.

Sie wendet sich um, zuckt zusammen, als ob ein Blitz vor ihr niedergefahren wäre und einen Baum versplittert hätte. Vor ihr steht mit weit von den Wangen aufgekämmtem Backenbart, etwas kupfriger als früher, aber elegant zusammengekrempelt, in einem stutzerhaften karierten Anzug, ein Monokel im Auge, der Ritter von Strachinsky.

»Rika! Meine liebe kleine Rika!« ruft er, ihr seine Hand entgegenstreckend, aus, »welche Überraschung und welche Freude, dich hier zu sehen und ohne den Zerberus, der sich immer störend zwischen uns stellt. Das Schicksal wird ihr's noch einmal heimzahlen, der alten Hexe!«

Erika zitterte vor Entrüstung, aber die Zunge klebte ihr am Gaumen. Beim besten Willen hätte sie nichts zu erwidern vermocht. Eine gräßliche, dumme, kindische Panik hatte sie überkommen, fast, als ob dieser Mensch noch irgendeine Macht über sie gehabt hätte, als ob er sie aus ihren jetzigen angenehmen Verhältnissen heraus zurückzuzerren vermocht in die alte Traurigkeit von Luzan.

»Du bist ja ganz sprachlos,« fuhr er fort. Er hatte sich indessen einer ihrer zitternden Hände bemächtigt und führte sie an seine Lippen: »Kein Wunder, wir haben uns schon sehr lange nicht gesehen. Dieser eifersüchtige Drach ...«

»Ich möchte dich bitten, nicht in diesem Ton von meiner Großmutter zu sprechen,« rief sie. Sie redete ihn mit »du« an, aber wie seltsam war es ihr, daß sie zu diesem Menschen »du« sagen mußte, so völlig losgerissen war sie von ihrer Vergangenheit.

Eine kalte, unheimliche Pein zuckte ihr in allen Nerven, sie dachte an ihre Mutter, die Erinnerung an deren schreckliches, durch diesen Menschen erniedrigtes Leben wurde in ihr wach.

»Du bist beeinflußt von der Alten,« erklärte der Strachinsky; »nun, das war ja zu erwarten, aber jetzt wird das alles anders werden; wenn du einmal verheiratet bist, werden wieder herzlichere Beziehungen zwischen uns herrschen. Ich trage nie etwas nach, ich verzeihe alles – ich war von jeher zu gut, das war mein einziger Fehler – ein Idealist war ich, ein Don Quichotte – meine arme Frau hat es mir immer gesagt – meine arme, heißgeliebte Emma – ich habe sie heute noch nicht vergessen,« und er fuhr sich ins Auge.

»Ich muß nach Hause,« murmelte Erika, »die Großmutter erwartet mich.«

»Nun, ich glaube, du könntest dich schließlich immer ein paar Minuten lang deinem alten Vater widmen, wenn es auch nur aus Pietät für deine Mutter wäre,« bemerkte der Ritter, indem er seinen erhabensten Gesichtsausdruck annahm.

Aus Pietät für ihre Mutter ...! Nun, hungern oder in irgendeiner Richtung Not leiden hätte sie ihn nicht lassen wollen. »Brauchst du etwas?« murmelte sie.

»Nein!« erwiderte er kurz mit abweisender Empfindlichkeit.

Dann folgte eine Pause. Sie sah sich um.

Während dieser unerquicklichen Unterhaltung hatte sie einen Fuß vor den anderen gesetzt, ohne sich über die Richtung, die sie einschlug, auch nur im mindesten Rechenschaft zu geben.

»Willst du mir den Weg zeigen in die Maximilianstraße?« frug sie ihn.

»Hier links,« antwortete er lakonisch; dann die Brauen in die Stirn ziehend, erklärte er: »Ein unpraktischer Idealist, wie ich es bin, hatte ich über die schreiende Undankbarkeit, die du mir in diesen letzten Jahren, ja eigentlich von jeher bewiesen hast, einen Strich ziehen wollen. Ja, ich hatte sogar die Absicht, deinen Bräutigam zuerst aufzusuchen, obgleich das eigentlich die verkehrte Weltordnung gewesen wäre! Aber ... ich sehe, daß du gar nicht mehr aus noch ein weißt vor Hochmut. Meinetwegen! Mögest du nicht zu schwer dafür büßen!« Bei diesen Worten grüßte er mit grotesker Grandezza. Ehe sie sich dessen versehen, war er verschwunden.

Ein paar blaugraue Wolken waren indessen den Himmel hinaufgezogen, ein kurzatmiger zorniger Wind zauste an den schweren Straußfedern auf Erikas Hut, vereinzelte Regentropfen fielen.

Erika war dermaßen aufgeregt, daß sie kaum damit fertig werden konnte, ihren Schirm aufzuspannen; ehe sie die Maximilianstraße erreicht hatte, verirrte sie sich zehnmal und stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus, als sie endlich den dunklen Torweg erblickte.

Schon auf der Treppe hörte sie durch die Tür des Salons die Stimme ihrer Großmutter, und zwar hatte dieselbe den warmen herzlichen Klang, den sie nur annahm, wenn sie sich mit einem der wenigen Menschen unterhielt, die ihr auf der Welt wirklich sympathisch waren. Sie mußte Besuch bekommen haben. Nicht danach gestimmt, mit fremden Menschen zu plaudern, verwünschte Erika die Einteilung ihres Logis, die es ihr unmöglich machte, ihr Schlafzimmer aufzusuchen, ohne den Salon zu betreten. Verdrießlich öffnete sie die Tür. Der altväterische silberne Miniaturteekessel, den nicht zu vergessen Lüdecke der Marianne so energisch ans Herz gelegt, stand auf dem runden Sofatisch und nahm sich wunderlich genug aus inmitten der schwerfälligen »besten Teetassen« der freundlichen Wirtin. Die Gräfin saß auf dem Sofa, neben ihr in einem Lehnsessel, den Rücken gegen die kleinscheibigen Provinzstädtchenfenster, ein Mann in Zivil. Er richtete sich auf, so hoch, daß es Erika anfangs war, als müsse er mit dem Kopf gegen die Decke des niedrigen Zimmers anstoßen. Seine Züge vermochte sie nicht zu erkennen, da er, wie schon gesagt, gegen das Licht stand, aber ehe er ihr noch einen Schritt entgegengetan, schrie sie fast: »Goswyn!« und stürzte mit ausgestreckten Händen auf ihn zu. Dann, als er mit etwas förmlicher Ritterlichkeit eine dieser beiden nach ihm wie nach einem Rettungsanker langenden Hände küßte und sie ohne besonders herzlichen Druck aus der seinen gleiten ließ, bemächtigte sich ihrer eine große Verlegenheit; sie erinnerte sich, daß sie ihn eigentlich Herr von Sydow hätte nennen sollen und es sich überhaupt für sie geschickt hätte, der Freude darüber, ihren abgewiesenen Freier wiederzusehen, einen gemesseneren und würdevolleren Ausdruck zu geben. Ein derartiger Ausbruch von Begeisterung, wie der, dessen sie sich soeben schuldig gemacht, lag ihren jetzigen Gewohnheiten eigentlich sehr fern. Sie war eben heute wie aus den Angeln gehoben. Der Schrecken, den ihr der unerwartete Zusammenprall mit dem Stiefvater verursacht, hatte ihre Nerven erschüttert; der Starrkrampf, der in letzter Zeit ihr Empfinden gefangengehalten, fing an von ihr zu weichen, ihr junges Herz pochte wieder fast so laut wie damals, als sie zum erstenmal die teppichbelegte Treppe in der Bellevuestraße ihrem neuen Leben entgegengegangen war – so stark wie damals bei jenem Glanzdonnerstag der Gräfin Brock, wo sie plötzlich, von der Erinnerung an ihre unglückliche Mutter überwältigt, ihren sämtlichen Anbetern davongelaufen war, um sich in irgendeinem Winkel auszuweinen.

Von der weltklugen, kalt-sicheren Braut Lord Langleys war plötzlich nichts übriggeblieben als eine beschämte, gerührte und zugleich von einem nicht deutlich ausgesprochenen Mißbehagen gedrückte junge Person, die ihre überherzliche Begrüßung des jungen Mannes vor sich selber als eine Zudringlichkeit verurteilte und sich nun so weit als möglich von ihm in einen der mit rotem Sammet bespannten Lehnstuhle setzte.

»Wie lange sind Sie schon in Baireuth, Herr von Sydow?« fragte sie mit einer kleinen, bescheidenen Stimme, die dem jungen Offizier wie ein Echo aus alten Zeiten eigentümlich zu Herzen ging.

Erika, die sich jetzt an den Schatten, der seine Züge verdeckte, gewöhnt hatte, merkte, daß er lächelte – sein altes gutes Lächeln. Seine Züge waren jetzt schärfer herausgemeißelt als früher, er war stark abgemagert und hatte auch das letzte Restchen seiner ehemaligen übergesunden Schwerfälligkeit verloren.

»Ich bin schon vor mehreren Tagen gekommen, ich habe meine musikalischen Genüsse bereits hinter mir,« erwiderte er.

»So! – und was machen Sie denn dann noch in Baireuth?« fragte Erika und sah ihn aus großen Augen staunend an.

Er lachte gezwungen, wie man aus Verlegenheit mit zusammengeschnürtem Halse lacht, und wurde seiner schönen alten Gewohnheit gemäß sehr rot; dann sagte er ruhig: »Ich erfuhr durch Ihren Quartiermacher Lüdecke, dem ich vorgestern hier begegnete, daß Sie kommen sollten, und da entschloß ich mich, Ihre Ankunft abzuwarten.«

Sie wollte ihm etwas darauf erwidern, etwas Liebes, Freundliches, aber sie brachte nichts über die Lippen. Statt ihrer nahm die Großmutter das Wort:

»Es war sehr schön, daß Sie in dem langweiligen Nest ausgeharrt haben, nur um uns zu begrüßen, ich rechne es Ihnen hoch an,« versicherte sie ihm, und Erika fügte kleinlaut hinzu: »Ich auch!«

Dann folgte eine Pause; schließlich sagte Goswyn:

»Ich muß Ihnen zu Ihrer Verlobung gratulieren, Gräfin Erika.« Er brachte die Worte sehr tapfer heraus. Erika aber vermochte nichts auf seinen Glückwunsch zu erwidern. Sie hatte mit einemmal das Gefühl, als ob sie sich für irgend etwas schäme, ohne daß sie recht gewußt hätte, für was.

»Kennen Sie Lord Langley, Goswyn?« fragte die alte Gräfin mit der eiskalten Betonung, die sie stets anzunehmen pflegte, wenn die Verlobung ihrer Enkelin zur Sprache kam.

»Nein! – Sie können begreifen, daß ich sehr begierig wäre, etwas Näheres über ihn zu erfahren.«

»Er ist der amüsanteste Engländer, dem ich je begegnet bin. Ein sehr geistreicher Kopf,« erklärte die Gräfin mit liebloser Objektivität.

»Es war nicht anzunehmen, daß Gräfin Erika ihre Freiheit einem gewöhnlichen Manne opfert,« sagte Goswyn, mit großer Selbstbeherrschung einen leichteren Ton anschlagend.

Statt aller Antwort beugte sich Gräfin Lenzdorff über die großmächtige und schwerfällige Teetasse, die vor ihr stand, und hob dieselbe an ihren Mund.

Das Gefühl innerer Beschämung war mit jedem Worte dieses kleinen Gesprächs in Erika gewachsen. Zugleich fühlte sie das dringende Bedürfnis, Goswyn gegenüber aufrichtig zu sein und ihn von allen Illusionen, die er ihrer Verlobung entgegenbringen mochte, zu befreien. »Lord Langley ist kein junger Mann mehr,« erklärte sie hastig, »ich will Ihnen seine Photographie holen.«

Damit verfügte sie sich in die anstoßende Stube, aus der sie alsbald mit einem dunkelblauen Sammetetui zurückkehrte, das die Photographie ihres Verlobten enthielt. Sie öffnete es und reichte es Sydow. Er sah erst das Bild, dann sie, dann noch einmal das Bild an. Seine breiten Schultern zuckten; dann, ohne ein Wort zu sagen, klappte er das Etui zusammen und stellte es vor Erika, die ihren Platz wieder eingenommen, auf den Tisch.

Ein peinliches Schweigen folgte. Der Kanarienvogel in seinem weiß angestrichenen Käfig schmetterte laut, von unten tönte das Räderrollen der Wagen herauf, die mit Baireuthpilgern beladen von der Ermitage oder Fantasie in das Städtchen zurückkehrten. Einer der Wagen hielt vor dem schwarzen Torwege unten. Bald darauf hörte man die hohlklingende Holztreppe unter den Füßen einer schwerfällig emporklimmenden Person knirschen.

Lüdecke, der sich indessen auf dem Flur draußen mit der Lektüre von »Tristan und Isolde« beschäftigt, öffnete die niedrige graue Tür der altväterischen Putzstube und meldete: »Frau Gräfin Brock.«

Der bösen Fee passierte in diesem Moment etwas, das ihr schon lange nicht widerfahren war – sie kam jemandem gelegen.

Wie gewöhnlich nickte und grüßte sie ringsherum auf das verbindlichste, ohne irgend jemand zu erkennen. Sie konnte wieder einmal ihr Lorgnon nicht finden, weshalb ihr verzuckertes Lächeln einen Gummibaum traf, den sie in ihrer Kurzsichtigkeit mit einem ihrem Herzen besonders nahestehenden Kammerherrn verwechselte.

Erst als Goswyn das verlegte optische Instrument an seinem dünnen Schnürchen, mitten zwischen ihren Kreppfalten und Jetfransen hängend, erblickte und es ihr menschenfreundlich in die Hand drückte, erkannte sie ihren Irrtum. Goswyn wollte sich sofort nach dem ihr geleisteten Liebesdienst zurückziehen, sie aber klopfte ihm vorwurfsvoll auf die Schulter – sie behandelte ihn immer, als ob er vier Jahre zähle, und winselte ihm zu: »Goswynchen, Goswynchen, du läufst doch nicht am Ende vor deiner alten Tante davon! Bleib doch noch ein Augenblickchen.«

Ob diese Worte einen bestimmenden Eindruck auf den jungen Offizier gemacht hätten, wollen wir dahingestellt lassen, als aber Gräfin Lenzdorff, sich der Bitte ihrer Jugendfreundin anschließend, in ihrem freundschaftlich befehlenden Ton sagte: »Bleiben Sie doch, Goswyn; was werden Sie heute noch viel Interessantes vorhaben in Baireuth, und mir machen Sie ein Vergnügen, wenn Sie bleiben, das wissen Sie!«, da setzte er sich, nicht ohne sich für die Liebenswürdigkeit der alten Dame durch eine Verbeugung bedankt zu haben, wieder nieder, immer mit der etwas steifen, unbeholfenen Haltung eines Offiziers in Zivil, der im Laufe des Gesprächs unwillkürlich nach der Waffe greift, die er nicht finden kann.

Die böse Fee hatte indessen hinter dem runden Tisch auf dem Sofa neben Gräfin Anna Platz genommen und lieh sich von Erika eine Tasse Tee einschenken, aus der sie mit gezierten Schlückchen zu trinken begann. Sie war wie gewöhnlich in lang nachschleppende schwarze Trauergewänder gehüllt, obgleich niemand zu sagen gewußt hätte, für wen sie momentan trauerte, und die erste Frage, welche Gräfin Lenzdorff an sie richtete, lautete: »Genierst du dich denn nicht, in Baireuth als Königin der Nacht herumzuwandeln?«

»Ganz im Gegenteil,« erwiderte die böse Fee, sich die Hände reibend, »das ist ja pikant. Neulich versicherte mir ein Herr, ich ginge in Baireuth um wie das trauernde Gespenst der totgeschlagenen klassischen Musik. Das ist doch reizend – nur paßt es nicht auf mich – gar nicht, denn ich bin ganz begeistert für Wagner!« Sie hob beide Hände, die Flächen herauskehrend, in die Höhe und begann das Triolenmotiv aus der Blumenmädchenszene im Parsifal vor sich hin zu summen: »Tri – dididi ... dididi ... trididi!«

»Was sagen Sie denn zu dem Parsifal?« wendete sich die Gräfin Lenzdorff an Goswyn. »Einer der größten Schwindel dieses Jahrhunderts, was? Sie heulen wie vom bösen Geist getrieben und nennen's Freude, nennen's Gesang!«

»Auf die Gefahr hin, sehr tief in Ihrer Achtung zu sinken, muß ich gestehen, daß der Parsifal einen gewaltigen Eindruck auf mich geübt hat, Gräfin,« erwiderte Goswyn.

» Et tu Brute!« rief die Gräfin Lenzdorff in komischer Entrüstung.

»Nun, ganz einverstanden bin ich nicht, dies zu Ihrem Trost,« beruhigte er sie.

»Ach, es geht nichts über Wagner, es gibt nur Gott – und Wagner! ... Tridididi – dididi!« Die Fee schloß die Augen und fuchtelte geziert und begeistert mit den Händen in der Luft herum.

»Die Szene, auf die sich dein Gesang bezieht, gehört nicht gerade zu meinen Lieblingen,« bemerkte Goswyn.

»Oh, die hat uns am wärmsten begeistert, Dorothee und mich!« erzählte die Fee. »Diese flatterhaften kleinen Verführerinnen, wie neckisch – und der keusche Parsifal mittendrin! Hi! hi! hi!« Sie faltete vor Entzücken die Hände. »Neulich abends bei Frau Wagner haben wir den van Dyck kennengelernt. Etwas kräftig ist er mitunter in seiner Ausdrucksweise – Dorothee hat sich zwar prächtig mit ihm unterhalten, aber nachher hat sie ihn shocking gefunden.«

»Hm! deine Nichte hat seit einiger Zeit eine Manie, alles shocking zu finden!« bemerkte Gräfin Anna trocken, »sie singt auch gar keine Couplets mehr und schlägt die Augen nieder, wenn sie einen französischen Roman in einer Buchhändlerausgabe erblickt. Das bedeutet einen Umschwung der Dinge, der mir bedenklich scheint. Ach, verzeihen Sie, Goswyn, ich vergesse immer, daß die Dorothee Ihre Schwägerin ist!«

»Bitte, genieren Sie sich gar nicht – solang wir unter uns sind,« entgegnete Goswyn; » coram publico würde ich Sie allenfalls bitten, sich einen gelinden Zwang aufzuerlegen meinem armen Bruder zuliebe.«

»Er kann die Thee nicht leiden,« lachte die Brock, indem sie schelmisch mit dem Zeigefinger nach Sydow hindeutete; »aber ich weiß, woher das kommt. Sieh nur, wie rot er wird!« Goswyn war in der Tat dunkelrot geworden. »Er war verliebt in sie damals in Florenz – sie hat mir's erzählt, hi! hi! hi!«

»Bildet sie sich das wirklich ein, oder hat sie es nur zu ihrer Kurzweil erfunden?« murmelte Goswyn, wie zu sich selber sprechend, nachdenklich.

Die Fee hörte indessen nicht auf zu kichern, wobei sie sich in ihrer Sofaecke hin und her wand.

»Du mußt sehr lange mit der Dorothee beisammen gewesen sein,« erwähnte die Gräfin Anna etwas wegwerfend, »du hast dir alle ihre Grimassen angewöhnt. Befindet sich die in Rede stehende Persönlichkeit noch in Baireuth?«

»Nein, heute früh ist sie fort. Sie ist auf einige Tage nach Berlin, um Kommissionen zu besorgen, ehe sie sich nach Heiligendamm begibt. Aber wir waren in der Tat längere Zeit hindurch beisammen. Sechs Wochen waren wir in Schlangenbad. Ich hab' sie chaperoniert – ach, wir haben uns prächtig unterhalten! Allerhand Bekanntschaften haben wir angeknüpft, auch mit Leuten, die man zu Hause natürlich nicht kennen dürfte, aber auf Reisen ... hm! Ich bin ja eines besonderen Zweckes halber zu dir gekommen, Anna! Wenn ich nur wüßte ...« Sie zog ihr Taschentuch hervor und versenkte sich nachdenklich in den Anblick von zwei Knoten, die sie hineingeknüpft hatte – »einen Zweck – zwei Zwecke ...« murmelte sie – »der eine Zweck ist Hedwig Norbin, das heißt ihr siebzigster Geburtstag, und der zweite ... ja, richtig, der zweite« – das Taschentuch schlüpfte in die Tasche zurück – »rate, wen ich in Schlangenbad kennengelernt habe?« frug sie, den Kopf etwas zurücklegend und die Arme über der Brust kreuzend, wie jemand, der sich mit Genuß darauf vorbereitet, seinem Nächsten etwas besonders Unangenehmes zu sagen.

»Wie sollt' ich!«

»Den Stiefvater deiner Enkelin – ja ... hm!« Sie nickte bekräftigend.

Erika fuhr zusammen. Gräfin Lenzdorff sagte indessen ruhig: »So – dafür bedaure ich dich von Herzen; aber ... da ich das Unglück nicht auf dem Gewissen habe, bin ich dir gegenüber vielleicht zu keiner weiteren Entschuldigung verpflichtet.«

»Hm! Brauchst mich gar nicht zu bedauern.« Die böse Fee klopfte mit der Fußspitze herausfordernd auf der unter dem Sofatisch ausgebreiteten kleinen Teppichinsel herum. »Seine Bekanntschaft hat mich interessiert. Hm! Ihr habt es euch recht bequem gemacht, deine Enkelin und du, habt ihn einfach aus eurem Weg fortgefegt. Was aber die Leute dazu sagen, das wißt ihr nicht.«

»Interessiert mich auch nicht im mindesten,« fuhr Gräfin Anna auf.

»Das Urteil der Welt mag euch gleichgültig sein – aber mit seinem Gewissen steht man doch immer gern auf gutem Fuß – das sagte mir Dorothee noch kürzlich.« »So, das sagte sie dir?« murmelte die Gräfin Anna halblaut.

»Ja! Und sie war empört über die Art, in welcher ihr den armen Menschen behandelt habt.«

»Geht sie das irgend etwas an?« frug Gräfin Lenzdorff scharf.

»Oh, sie hat ganz recht; ich bin durchaus auf ihrer Seite!« ereiferte sich die Fee; dann sich direkt Erika zuwendend: »Ich kann Ihnen die kleine Reprimande nicht ersparen. Es war immerhin ein Mensch, der bis zu Ihrem siebzehnten Jahre wie ein Vater für Sie gesorgt hat – ein Mensch, der von Ihrer Mutter leidenschaftlich geliebt worden ist.«

Erika saß da wie versteinert, jedes Wort der Alten traf sie wie ein Schlag ins Gesicht.

Der Zorn sprühte Gräfin Lenzdorff aus den Augen. »Misch' dich nicht in die Dinge, von denen du keine rechte Ahnung hast, Elise!« rief sie. »Mit der Leidenschaft meiner Schwiegertochter für diesen verweichlichten Dummkopf war's so eine Sache. Auf der einen Seite Mitleid mit einem Manne, den sie auf dem Krankenlager kennengelernt, anderseits Widerspruch gegen mich – ich habe sie gereizt, das läßt sich nicht leugnen, die Heirat wäre nie zustande gekommen, wenn ich mich der Verlobung Emmas mit dem Polen nicht in sehr taktloser Weise widersetzt hätte. Die zweite Ehe Emmas war eine Tragödie, die aus Eigensinn entstanden ist, nicht aus Liebe.«

»Meine teuerste Anna, das ist deine Auffassung,« lispelte die Brock, »man weiß, daß du von Herzensschwächen nichts verstehst, weil du selber ein in Eisen gepanzertes Herz hast, aber die Leidenschaft deiner Schwiegertochter für den Polen wirst du mir nicht wegbeweisen. Erstens ist diese Leidenschaft die einzige halbwegs verständliche Begründung für diese Ehe, wie wäre es denn deiner Schwiegertochter sonst eingefallen ... pah, Unsinn! – und zweitens – nun, zweitens hat mir der Strachinsky Briefe vorgelesen – Briefe, die sie als junge Frau an ihn geschrieben hat. Er trägt diese Briefe immer bei sich, seine Anhänglichkeit an die Verstorbene ist rührend. – Armer Mann! Er weinte, wenn er uns die Briefe vorlas – wir weinten mit. Ich hatte eine kleine Gesellschaft zusammengeladen, als er zuerst der Briefe erwähnte. Zwei Abende hintereinander las er sie vor. Als er geendigt, küßte er dieselben und seufzte: »Das ist das einzige, was mir von meiner armen, heißgeliebten Emma bleibt!« Und dann erzählte er uns von den zärtlichen Beziehungen, die immer zwischen ihm und seiner Stieftochter bestanden hätten, und davon – nun, ich kann es nicht verschweigen, wie seine Stieftochter ihn wie »einen alten Schuhfetzen« – so drückte er sich aus – von sich gestoßen habe, seitdem sie in die große Welt eingeführt worden sei und seiner Stütze entraten konnte. Ich sage ja nicht, daß ich mir eine solche Konnexion gerade wünschen möchte, aber – on choisit ses amis, on subit ses parents! Dieser Art von Verpflichtungen kann man sich nicht entziehen, und, meine liebe Erika, ich mein's gut mit Ihnen, eine andere wäre nicht so aufrichtig wie ich, aber ich kann Ihnen nur raten, sich mit dem Strachinsky zu versöhnen, denn eine gewisse Pietät sind Sie dem Menschen schuldig. Er ist hier in Baireuth, er hat mich gebeten, eine Versöhnung zwischen dir und ihm zu vermitteln, Anna. – Sie müssen mir helfen, Erika.«

Erika erwiderte nichts. Sie saß da, gerade und mit schwerem Atem, sprachlos. Die Fee faselte weiter.

»Die Leute reden davon – von eurer ungerechtfertigten Haltung ihm gegenüber, Anna,« sagte sie; »aber das läßt sich ja alles wieder in Ordnung bringen. Darf ich ihn wissen lassen, daß du bereit bist, ihn zu empfangen, Anna?«

Da aber erhob sich Gräfin Lenzdorff kerzengerade. »So!« rief sie mit blitzenden Augen, »einen Menschen, der, um Mitleid zu erwecken, die Briefe seiner unglücklichen Frau vor geladenem Publikum liest, den soll ich empfangen? Das mutest du mir zu? ... Hinauswerfen lass' ich ihn, wenn er sich bei mir zeigt! Und jetzt hab' ich keine Zeit mehr, deinem Redefluß zuzuhören, Elise! Ich muß heute noch einen Besuch machen, und zwar bei Hedwig Norbin. Willst du mitkommen?«

»Mit dem größten Vergnügen!« ruft eingeschüchtert die böse Fee.

»Hole mir meinen Hut und meine Handschuhe aus dem Nebenzimmer, Kleine,« wendete sich die Großmutter an Erika, und als diese damit zurückkehrte, zog sie dieselbe an sich und küßte sie auf die Wange.

Goswyn war aufgestanden, um sich mit den beiden Damen zu entfernen. Erika blickte ihm nach, stumpf, ohne an irgend etwas zu denken. Schon hatte er sich, und zwar sehr förmlich, von ihr verabschiedet – die beiden alten Damen hatten das Zimmer bereits verlassen –, da legte Erika die Hand auf seinen Arm. »Goswyn!« murmelte sie – »nur einen Augenblick ... bleiben Sie!«

Er blieb.

Die Tür hatte sich hinter den alten Damen geschlossen, er war mit ihr allein.

Was wollte sie eigentlich von ihm? Er wußte es nicht – sie wußte es selber nicht. Er sollte Rat schaffen, irgendwie sie von der brennenden Last befreien, die sich ihr aufs Herz gewälzt hatte; die alte Gewohnheit, sich auf ihn zu stützen, sich bei allen vor ihr auftauchenden Schwierigkeiten nach ihm umzusehen, war wieder lebendig geworden in ihr, aber sie konnte die Worte nicht finden, um ihm das alles zu sagen. Ein Weilchen saß sie da, weiß und still, fast ohne die Miene zu verziehen, und zupfte an einem Fältchen ihres schwarzen Spitzenkleides.

Dann fuhr sie sich ein paarmal mit der Hand über Stirn und Schläfe, worauf sie endlich in einer gezwungenen flachen Stimme anhob:

»Sie wissen, daß ich meine Mutter vergöttert habe – ich habe mit Ihnen von ihr gesprochen. Sie erinnern sich vielleicht ...« »Ich glaube nicht, daß mir je etwas von dem verlorengegangen ist, was Sie mir gesagt haben,« erwiderte er.

Die Worte waren gut, aber etwas in dem Ton seiner Stimme tat ihr weh, beunruhigte sie. Es lag etwas zwischen ihnen. Noch vor einer Stunde hätte er nicht in diesem Ton zu ihr gesprochen. Es war ihr so natürlich erschienen, ihn zurückzuhalten, sie hatte auf seine Teilnahme wie auf etwas Selbstverständliches gerechnet, und jetzt fühlte sie sich mit einemmal eingeschüchtert. Was ging sie ihn schließlich an?

»Verzeihen Sie,« murmelte sie, »es war mir plötzlich der Drang gekommen, mir einmal das Herz auszuschütten – ich kann mit niemand darüber reden, und ich leide so! – Ach, Sie können sich's nicht ausdenken, was ich gelitten habe in dieser letzten Viertelstunde. Die Ehe meiner armen Mutter war eine Tragödie, da hat die Großmutter recht; was sie gelitten hat jahrelang, weiß niemand, der's nicht miterlebt hat wie ich. Das letzte, um was sie mich gebeten bat, als sie im Sterben lag, war, ihn nicht zu ihr zu lassen, Und jetzt geht dieser Elende bei fremden Menschen herum und prahlt mit – Ach, es ist ja nicht zum Aushalten ...!« Sie legte beide Hände an die Schläfen. »Begreifen Sie, was das für mich ist – begreifen Sie?«

Die Frage war überflüssig. Sie wußte, daß er begriffen hatte, aber sie wiederholte die Worte mechanisch immer und immer wieder. Warum saß er denn da, so gerade, so stumm? Sie schüttete ihr ganzes Herz aus vor ihm, das Heiligste, das Schmerzlichste darin, das, was sie vor allen anderen verbarg, zeigte sie ihm, und er ... fand kein teilnehmendes Wort für sie. Eine Art Zorn überkam sie. Mit aller Selbstbeherrschung, die sie auftreiben konnte, zwang sie sich eine ruhigere Haltung ab und sagte: »Ich weiß, daß ich eigentlich nicht das Recht habe, Sie mit meinem Elend zu behelligen ...«

»Gräfin Erika!« rief er heftig.

Mit einer unbewußten Handbewegung stieß er dabei gegen das blaue Etui, welches die Photographie Lord Langleys enthielt. Es fiel polternd auf den Boden. Goswyn bückte sich danach, hob es auf und stellte es auf den Tisch, verächtlich und hastig. Zugleich nahm sein Gesicht einen geradezu harten Ausdruck an. Ein bleiernes Schweigen folgte; er war der erste, der es brach.

»Dieser Strachinsky hält sich gegenwärtig hier auf?« begann er.

»Ja, ich bin ihm heute begegnet.«

»Seine Adresse wissen Sie nicht?«

»Nein, warum fragen Sie?«

»Ich ... nun, das ist doch das Natürlichste von der Welt – ich möchte Ihnen die Briefe Ihrer Mutter verschaffen,« sagte er.

»Die Briefe ...!« rief sie aus. »Oh, wenn das möglich wäre! Aber unter welchem Vorwande könnte man die Briefe von ihm fordern, sie gehören ihm ja, wir haben kein Recht darauf.« »Einem solchen Kerl gegenüber gilt auch heute noch das Faustrecht,« entschied Goswyn; damit stand er auf.

Sie reichte ihm die Hand, er berührte sie höflich mit der seinen, aber der herzliche Druck von ehedem fehlte.

Ehe sie sich's versah, war er verschwunden.

Ein Weilchen blickte sie auf die Tür, die sich hinter ihm geschlossen, wie gebannt – sie begriff nicht. Er war derselbe, aber sie war in seinen Augen eine andere geworden. Plötzlich sagte sie sich's. Ihr zu helfen, war er immer noch bereit – aber die verhätschelnde, zärtlich erwärmende Teilnahme von ehemals fehlte – und auch die Andacht, mit der er, der starke Mann, sonst zu ihrer kindischen Schwäche aufgeblickt, fehlte. Sie war ihm nicht mehr so lieb wie sonst, und nicht mehr so heilig.

Mitten in den Schmerz, den die giftigen und unzarten Reden der bösen Fee in ihr aufgewühlt, mischte sich etwas peinigend, lähmend: das Bewußtsein, das sie in den Augen des Menschen, den sie auf dieser Welt am höchsten schätzte, gesunken war.

Als die Gräfin Lenzdorff um eine Stunde später nach Hause kam, fand sie ihre Enkelin noch immer auf demselben Fleck sitzend. Ehe die Großmutter sie angesprochen, entwischte sie in ihr Zimmer.

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