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Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre

Ossip Schubin: Gräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorOssip Schubin
titleGräfin Erikas Lehr- und Wanderjahre
publisherVerlag von Georg Westermann
year1921
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070226
projectid95f571aa
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Erstes Buch

Der Ritter von Strachinsky lag in seinem Rauchzimmer auf einer Chaiselongue und ruhte aus von der jüngsten pekuniären Kalamität, die er an den Haaren herbeigezogen hatte. Er hatte nämlich eine Zuckerfabrik gebaut in einer Gegend, wo noch nie eine Rübe gewachsen war außer einer gelben im Mistbeet, und dieses Unternehmen hatte die natürlichen Folgen gehabt.

Er ertrug sein Unglück mit Geistesstärke und vertrieb sich die Zeit mit einem Roman, auf dessen Umschlag eine händeringende Frau neben einem Champagner trinkenden Offizier abgebildet war. Manchmal weinte er über diese Dichtung, zu anderen Malen schlief er darüber ein und kümmerte sich weiter um nichts.

Er nannte das sich mit Würde in die geheimnisvollen Beschlüsse des Schicksals fügen und feierte sich selbst als Märtyrer.

Seine Frau befand sich nicht zu Hause. Während er sich auf dem Ruhebette in wehmütiger Selbstverherrlichung erging, widmete sie sich der demütigenden Beschäftigung, von einem ihrer reichen Verwandten zum anderen zu reisen und das zum Weiterbestand des aussichtsreichen Unternehmens ihres Gatten nötige Kapital zusammenzubetteln.

»Es ist sehr traurig – aber... das bringen die Verhältnisse mit sich,« seufzte der Ritter, wenn seine Gedanken von seiner Lektüre zu seiner Gattin hinüberschweiften, und dabei steckte er den Finger ins Auge.

Es war Ende August, und die Astern fingen an zu blühen. Fröhliche Geschäftigkeit herrschte ringsum im Dorfe. Der Ritter beklagte sich zwar über eine Mißernte – aber so nannte er jede Ernte, deren Erträgnis nicht genügte, die hohen Zinsen seiner zahlreichen Schulden zu decken –, die Bauern, die ihre Ansprüche an die Ergiebigkeit ihrer Felder nicht so hoch spannten wie er, waren sehr zufrieden, und aus den Stoppeln ragte bereits eine stattliche Anzahl von Schobern empor.

Im Garten draußen spielte ein kleines Mädchen in einem verwaschenen und ausgewachsenen Kleid Begräbnis – sie bestattete ihren Kanarienvogel, den sie heute früh tot in seinem Käfig gefunden. Sie war sehr traurig; der Kanarienvogel war ihr bester Freund gewesen. Kein Mensch kümmerte sich um sie. Die Mutter war verreist, und die Engländerin, der es eigentlich oblag, ihre Erziehung zu leiten, beschäftigte sich soeben damit, in Gesellschaft des Verwalters, eines strebsamen jungen Mannes, der durch den Verkehr mit ihr seine Sprachkenntnisse erweiterte – die Evolutionen einer neuen Mähmaschine zu beobachten. Die Kleine war sich selbst überlassen.

Von Zeit zu Zeit blickte sie durch den weit offen stehenden Haupteingang des Schlosses in den großen kahlen Flur, dessen Boden mit roten Ziegeln gepflastert und dessen hochgewölbte Wände weiß getüncht und mit zahlreichen großen Hirsch- und kleinen Rehgeweihen verziert waren.

Ein Aufwaschweib mit einem verschwitzten, roten, stumpfen Gesicht und dünnem, ruppigem Zopf auf dem Hinterkopf, von welchem ihr das gelbe Kattuntuch in den Nacken herabgeglitten war, rutschte in hochgeschürztem blauem Zwilchrock und bis an die Waden bloßen roten Beinen auf Händen und Knien über das von vielen Fußspuren beschmutzte Ziegelpflaster des Flures, das sie sich bemühte, mit einem Strohwisch reinzureiben.

Ein Dunst von heißem Wasser und Seifenschaum drang aus einem Holzkübel neben ihr.

Die Kleine draußen pflanzte soeben ein Regiment von rosa Astern auf den Grabhügel, den sie mit einem rostigen Blechlöffel ausgehöhlt und wieder eingefüllt hatte, als das Kratzen mit dem Strohwisch plötzlich aufhörte.

Ein junger Mensch stand in dem Flur, sehr jung, kaum sechzehn Jahre alt, und mit einer Mappe unter dem Arm. Sein Anzug war der eines wandernden Handwerksburschen, seine Haltung hatte jedoch etwas Besonderes, und sein Gesicht war auffallend hübsch geschnitten, schmal, sehr bleich, die großen dunklen Augen fast schwarz, mit grünlichem Licht darin, das braune Haar leicht gelockt. Ähnlichen Gesichtern begegnet man häufig bei den neapolitanischen Knaben, die in Rom auf dem Spanischen Platz Orangen verkaufen – Augen, wie sie der junge Mensch hatte, sieht man im Leben selbst im bevorzugtesten Falle kaum zwei- bis dreimal.

Die Kleine im Garten betrachtete den Burschen wohlgefällig. Offenbar mußte er durch die rückwärtige Tür in das Schloß gedrungen sein – den Eingang für das Gesinde und die Bettler.

Die Aufwaschfrau wischte sich die nassen roten Hände an ihrer Schürze ab und klopfte an einer der gelbgestrichenen Türen, die in den Flur mündeten. Sie war neu im Hause und wußte noch nicht, daß man den Ritter von Strachinsky keines geringfügigen Anlasses halber stören dürfe.

Sie pochte mehrmals. Endlich kam's schlaftrunken, übellaunig: »Was gibt's?«

»Euer Gnaden, ein junger Herr ... möcht mit Euer Gnaden sprechen.«

Die Augen noch halb zugepappt, das Muster des gestickten Polsters, auf dem er geschlafen, an der rechten Wange abgedrückt, trat der Ritter von Strachinsky auf den Flur.

Er war mittelgroß, mit einem hübsch gewesenen Gesicht, das von zu gutem Leben rot und aufgedunsen war, fing an, kahl zu werden, und hatte einen am Kinn ausrasierten, starken braunen Backenbart. In seinem Anzug verriet sich ein mit großer Schlampigkeit gepaarter Hang zur Stutzerei. Er trug rote türkische Schnabelschuhe, die an den Fersen niedergetreten waren, graue Beinkleider und ein fleckiges Smokingjackett, dunkelblau, mit roten Knöpfen und Aufschlägen.

»Was wollt Ihr?« fuhr er den Fremden an, wütend darüber, solch unbedeutender Ursache halber gestört worden zu sein.

Der Bursche zuckte zusammen. Dann murmelte er mit der heiseren, dünnen Stimme eines sehr jungen Menschen, der schnell wächst und schlecht genährt ist: »Ich bin auf dem Weg nach Hause.«

»Was geht mich das an!« donnerte nicht ohne Berechtigung der Ritter von Strachinsky.

Der Bursche wurde blutrot. Linkisch und schüchtern reichte er dem verschlafenen Gutsbesitzer seine Mappe. Offenbar enthielt dieselbe Zeichnungen, die er gern verkauft hätte und nicht den Mut finden konnte anzubieten.

»Gebt ihm ein Almosen!« rief der Ritter von Strachinsky der Köchin zu, die über den Lärm herbeigelaufen kam; dann sich zu dem Aufwaschweib wendend, das, den zahnlosen Mund weit aufgerissen, verlegen neben dem dampfenden Wasserkübel stand, brüllte er: »Wenn du dich noch einmal unterstehst, mich eines lumpigen vazierenden Zimmermalergesellen wegen um die wenigen Augenblicke der Ruhe zu bringen, deren ich bei meiner geplagten und angestrengten Existenz so dringend bedarf, so jag' ich dich auf der Stelle aus dem Dienst.« Hiermit kehrte er in sein Gemach zurück und schlug die Tür hinter sich zu.

Die Köchin reichte dem Burschen zwei Kreuzer. Seine Hand zitterte, eine lange, schmale Knabenhand war's, fast durchsichtig mager.

Er berührte das Geld widerwillig, schleuderte es auf die Erde und ging.

Die Kleine im Garten hatte die Szene aufmerksam beobachtet; ihr zartes Körperchen zitterte vor Entrüstung. Sie war aufgesprungen und heftete jetzt, die kleinen Fäuste geballt, die Arme straff niedergestreckt mit etwas dramatischer Pose die Augen auf die Tür, hinter welcher der Ritter verschwunden war. Sie hatte sehr helle Augen für ein Kind von neun Jahren und einen sehr durchdringenden Blick darin – einen Blick, der dem Ritter nicht hold war. Nachdem sie so ein Weilchen seine Tür angestarrt, stemmte sie die Hände in die Seiten, zog das Stirnchen in Falten und dachte nach. Es dauerte nicht lange, dann zuckte sie mit einer komisch-altklugen Gebärde die Achseln, ließ ihren soeben begrabenen Kanarienvogel im Stich und eilte ins Haus auf die Vorratskammer zu.

Die Tür war offen. Suchend sah sie sich um. Dem strengen Befehl des Ritters gemäß wurden in Abwesenheit der Hausfrau alle Speisereste mißgünstig und pedantisch aufbewahrt, freilich nur sehr selten verwendet. Infolge dieser unwirtschaftlichen Knauserigkeit fand die Kleine einen großen Vorrat von fettigen Schüsseln mit abgelüfteten und verschimmelten Fleischüberbleibseln, trockenen Semmeln und in Gärung übergegangenen Aprikosenkompottes. Es dauerte eine längere Weile, ehe sie etwas entdecke, das ihrem Zweck entsprach – ein gebratenes Rebhuhn und ein paar Stückchen appetitlichen Mandelkuchens. Sie packte alles eilig in einen Korb, zugleich mit einer angebrochenen Flasche Wein, einem Glas, einem Besteck und einem niedlichen Teeserviettchen. Dann putzte sie den Korb mit rosa Astern auf und huschte mit ihrer Beute davon, beim Bettlereingang hinaus, sehr eilig und völlig aufgehend in der Rolle einer beglückenden Fee.

Tief in ihrem Herzen versteckt, trug sie einen dringenden Hang zur Romantik, der mit dem scharfen Verstand, welcher aus ihren bereits damals unheimlich hellen Kinderaugen hervorblickte, in seltsamstem Widerspruch stand.

Sie hatte sich ganz außer Atem gelaufen und spähte noch immer vergeblich nach ihrem hübschen Landstreicher aus. Sollte sie vielleicht jemand fragen, ob er nicht einen jungen Menschen gesehen habe mit einer Mappe unterm Arm? Ihr Herz klopfte, sie genierte sich ein wenig. Von fern trug ihr die kaum bewegte Sommerluft ein keck hingepfiffenes Liedchen zu, eine fremdländische Melodie, die ihr auffiel.

Sie lenkte ihre kleinen hüpfenden Schritte nach der Richtung, von wo es herklang.

Ach dort! – ja in der Tat ...

Neben der Straße floß ein Bächlein – so schmal, daß ein zwölfjähriger Schuljunge bequem hätte hinüberhüpfen können. Nichtsdestoweniger hatte der Ritter von Strachinsky es für nötig erachtet, dasselbe mit einer großartigen steinernen Brücke zu überwölben. Im Schatten dieses Monuments, für dessen Errichtung der betriebsame Gutsbesitzer vergeblich einen Orden zu erhalten gehofft, kauerte der junge Mensch. Er war jetzt noch bleicher als früher und die Tränen hingen ihm an den Wangen, dabei aber pfiff er so recht herausfordernd gleichgültig vor sich hin, mit angestrengtem Leichtsinn, wie man pfeift, wenn man nichts zu essen hat und vergessen will, daß man hungrig ist.

Der Kleinen wurde ganz weinerlich zumut. Da blickte er auf und ihr gerade in die Augen. Plötzlich eingeschüchtert, stand sie wie angewurzelt. Nach einem Weilchen machte sie eine unbeholfene Bewegung mit dem Korbe: »Willst du?« stotterte sie. Als er nichts antwortete, stellte sie den Korb einfach vor ihn auf die Erde hin und schickte sich an, jeglichen weiteren Auseinandersetzungen ausweichend, beschämt und aufgeregt davonzulaufen.

Eine warme junge Hand hielt sie am Arm zurück, fest und einschmeichelnd zugleich. »Du kommst von dort her?« rief der Bursche, nach dem Schloß deutend. »In wessen Auftrag?«

Seine Stimme war angenehm, seine Art zu sprechen die eines jungen Menschen aus gutem Hause.

»Es weiß niemand, daß ich hier bin,« erwiderte sie verlegen, und wie er dazu unzufrieden die Stirn runzelte, setzte sie, sich eifrig entschuldigend, hinzu: »Aber wenn Mama zu Hause gewesen wäre, so hätte sie mich gewiß geschickt; die läßt keinen Bettler vom Hause fort, ohne ihm etwas zu essen zu geben.«

Bei dem Worte Bettler wendete er sich ab; sie aber fing plötzlich an zu heulen. Sie heulte so laut, daß er darüber lachen mußte. »Ja, warum weinst du denn eigentlich?« frug er, und sie erwiderte in heller Verzweiflung:

»Ich weine, weil du nichts essen willst.«

»So... ist das dein ganzer Kummer?«

»Ja... iß doch... iß!« stieß sie immer noch schluchzend heraus.

»Nun, wenn dir ein gar so großer Gefallen damit geschieht,« neckte er sie, »aber dann setz' dich neben mich und hilf mir.« Er blickte ihr mit seinem einschmeichelnden Taugenichtslächeln voll in die Augen, dann nahm er ihre kleine, schmale Hand in die seine und drückte seine Lippen darauf recht voll und warm, zweimal.

Sie freute sich über diese ritterliche Huldigung, vielleicht auch über die Liebkosung, denn Liebkosungen wurden ihr selten zuteil. Daß der junge Mensch kein Handwerksbursch, sondern irgendein verkappter Prinz sein müsse, hatte sie längst mit sich ausgemacht, und in diesem erhebenden Bewußtsein setzte sie sich neben ihn in das Gras und kramte ihre Schätze vor ihm aus. Wie gut es ihm schmeckte, und mit was für weißen Zähnen er anbiß! Dabei legte er allerart wohlerzogene Gewohnheiten an den Tag, einen Widerwillen dagegen, sich die Finger schmutzig zu machen, der auch einem älteren, lebensreiferen Beobachter als der kleinen Schwärmerin betreffs seiner eigentlichen Lebensstellung zu denken gegeben hätte. Seine Mappe lag neben ihm. Sie steckte den zarten Zeigefinger zwischen die mit grünen baumwollenen Bändchen zusammengeknüpften braunen Pappendeckel und flüsterte ernsthaft: »Darf ich da hineinschauen?«

»Wenn's dir Spaß macht?« erwiderte er.

Mit wichtigtuerischer Umständlichkeit, als handle es sich um die Enthüllung eines Heiligtums, knüpfte sie die Bänder auf und schlug die Deckel auseinander. Ihre Augen wurden sehr groß, und ein »Oh!« der Begeisterung entfuhr ihren Lippen. Ein so hochgradiges Entzücken wie bei dem noch nicht zehnjährigen kleinen Mädchen hätten die Zeichnungen bei einem kritischeren Beschauer kaum erweckt. Sie waren teilweise recht steif und linkisch. Achtlos an ihnen vorübergehen hätte jedoch kein wahrhaft Kunstverständiger können, dazu verrieten sie zu deutlich ein großes Talent. Die Hand folgte noch nicht, aber die Augen des Burschen sahen gut.

Die Kleine war ganz aufgeregt vor Bewunderung. Nach einer Weile blickte sie feierlich zu ihrem neuen Freunde auf, ihr Mitleid hatte sich in Ehrfurcht verwandelt. »Jetzt weiß ich, was du bist – ein Künstler!«

»Meinst du?« erwiderte der Bursche, dem die Andacht, womit sie das Wort aussprach, schmeichelte; er hatte indessen das Rebhuhn verzehrt und sah jetzt bedeutend weniger bleich aus als früher.

»Kannst du alles malen, was du siehst?« fragte sie nach einer kleinen Pause.

»Ich kann gar nichts,« antwortete er mit einem lustigen Mutwillen, der, kaum daß er sich von seiner verhungerten Mattigkeit etwas erholt, an allen Ecken und Enden seines Wesens hervorguckte. »Gar nichts kann ich malen,« wiederholte er, ihr komisch zunickend, »aber ich versuche alles zu malen, was mir gefällt.«

Sie sahen einander in die Augen, er mit verhaltenem Lachen, sie beklommen. Endlich brachte sie's heraus: »Gefall' ich dir denn gar nicht?«

»Soll ich dich malen?«

Sie nickte.

»Was gibst du mir dafür?«

Sie griff in ihre Tasche und zog ein sehr abgeschundenes Portemonnaie daraus hervor, ein pensioniertes Möbel des Ritters von Strachinsky, das ihr dieser in einem großmütigen Moment geschenkt hatte und in dem sich fünf blanke Silbergulden breitmachten. »Ist das genug?« fragte sie ihn.

»Geld will ich nicht,« erwiderte er.

Schon wieder hatte sie eine Dummheit gesagt. Sie fühlte es, das Bewußtsein war ihr bitter. Um sich zu rehabilitieren, wurde sie plötzlich sehr weise.

»Was bist du für ein komischer Künstler,« predigte sie ihn an, »der sich seine Bilder nicht bezahlen läßt? Kein Wunder, daß du dann beinahe verhungerst.«

Er nahm noch einmal ihre Hand samt den verschmähten fünf Silbergulden in die seine und küßte sie zwei-, dreimal. »Ich will schon Geld nehmen für meine Malerei,« versicherte er, »nur von dir nicht, aber dein Bild will ich dir machen, und von Herzen gern.«

»Umsonst?«

»Nein – einen Kuß mußt du mir geben dafür, willst du?« Er beobachtete sie, ohne sie anzusehen. Wieder huschte ihm das einschmeichelnde Taugenichtslächeln um die Lippen – das hübsche, weiche Lächeln, das er irgendwo von einer gutherzigen und leichtsinnigen Frau geerbt haben mußte.

Völlig überzeugt von der Richtigkeit ihres Vorgehens war sie nicht, ihr Herz hämmerte ihr sogar ziemlich unruhig in der Brust, fast als ob sie im Begriffe gewesen wäre, einen kleinen Teufelspakt einzugehen, aber schließlich...

»Wenn du's nicht anders tust,« sagte sie seufzend und zerrte an ihren sehr hübschen, wenn auch verwahrlosten Händen.

Er nickte lustig: »Schon gut.«

Damit mußte sie sich vor ihn ins Gras hinsetzen. Er packte seinen kleinen blechernen Aquarellkasten aus, nagelte ein Stück rauhen, grauen Papiers auf den Deckel der Mappe, und die Sache war eingefädelt.

So saß sie ganz ernsthaft, die Füße gerade vor sich hingestreckt und sich mit beiden Händen festhaltend, im Gras. Ringsum leichte Augustluft; alles sommerlich hell, glitzernder Sonnenschein auf den seichten, durchsichtigen Wassern des schmalen Bächleins, über das sich die steinerne Brücke mit unnützer Wichtigtuerei hinüberwölbte und dessen Ufer mit blauen Vergißmeinnicht und gelben Wasserlilien umkränzt waren, daneben Weidenstämme zerrissen, weit aufklaffend mit aus ihren Wunden herauswachsenden Wiesenblumen und sich grau und weich gegen das Grün der sanft ansteigenden Hutweide abhebendem silberigem Laub an gerade aufstarrenden glatten rötlichen Ästen, dazu das träumerische Murmeln des Bachs und aus der Ferne herüberdröhnend das rhythmische Auf- und Niederhageln der Dreschflegel. Die Dampfdreschmaschinen waren damals noch nicht allgemein.

Sie waren beide stumm – er vor jugendlichem Künstlereifer und sie vor Erwartung.

Plötzlich klang eine schrille, zänkische Glockenstimme mitten in das Schweigen der beiden hinein. »Das ist die Tischglocke!« rief das kleine Mädchen, verzweifelt mit den Achseln zuckend, und sprang auf. Sie wußte, daß es nun mit ihrer Freude und Freiheit vorbei war, daß man sie vermissen, suchen und finden würde.

»Ich muß nach Haus!« rief sie, »bist du fertig?«

»So ziemlich, ja!« Sie lief auf ihn zu und blickte ihm über die Schulter. Ihr blieb der Atem aus vor Überraschung über das, was sie auf dem grauen Papierbogen sah – ein kleines Mädchen in einem verwaschenen, sehr kurzen Kleid und mit langen, ebenfalls verwaschenen roten Strümpfen, ein sehr schlankes, gestrecktes Figürchen und ein kleines, rundes Gesicht, ein schmales Stumpfnäschen, zwei ernst und erstaunt ins Leben blickende helle, dunkel umsäumte Augen, eine kurze Oberlippe, ein rundes Kinn, eine sehr weiße Haut und leuchtendes rotbraunes Haar, das lang und seidig um die schmalen Kinderschultern herabhing und am Hinterkopf mit einem schwarzen Band zusammengeknüpft war.

Er hatte die Skizze von dem Mappendeckel heruntergenommen, und sie hielt sich dieselbe mit beiden Händen in entsprechender Sehweite vor die Augen und betrachtete sie prüfend.

»Ist das Bild ähnlich?« fragte sie, und dann, an sich niedersehend, setzte sie hinzu: »Das Kleid ist ähnlich und die Strümpfe sind ähnlich, aber das Gesicht – ist das ähnlich?« Sie blickte gespannt zu ihm auf.

»Ich kann's nicht besser,« entgegnete er ihr etwas abweisend.

»Aber du darfst doch nicht gleich so böse sein,« ereiferte sie sich, »ich wollte nur wissen – ob – so etwas weiß man nicht selbst – ob – nun – es kommt mir zu hübsch vor, dein Bild.«

Er sah sie komisch von der Seite an. »Ein wenig schmeicheln muß jeder Maler, der bei den Damen Erfolg haben will!« gab er ihr zur Antwort.

»Du schenkst mir das Bild?« fragte sie nach einer kleinen Pause beklommen.

»Du hast dir's ja bestellt,« erwiderte er.

»Da – da – anke!« stotterte sie zitternd, damit wendete sie sich um und wollte forteilen.

Er aber schien nicht gesonnen, sie so kurzweg davonzulassen. »Und mein Honorar?« rief er, indem er sie fest um den schlanken Leib packte, so fest, daß er ihre kleinen Füße aus dem von Gänseblümchen durchwucherten Gras heraushob. »Wortbrüchige!« setzte er vorwurfsvoll hinzu.

Sie wurde sehr rot, obgleich sie erst neun Jahre alt war, aber sie schlang den Arm um seinen Hals und küßte ihn gerade auf den Mund. Er hatte selber noch Lippen wie ein Mädchen. – Dann ging sie, kam aber nicht recht vom Fleck, ihre Füße waren schwer und hafteten am Boden; ihr war's, als ob sie etwas am Kleid zurückzöge zu ihm. Sie blieb stehen und sah sich um.

Er beschäftigte sich damit, seine kleinen Habseligkeiten zusammenzupacken – alle Heiterkeit war aus seinem Gesicht geschwunden, er sah wieder sehr blaß aus und traurig. Ein schreckliches Mitleid riß ihr am Herzen, sie lief auf ihn zu.

»Du hast deinen Korb vergessen,« meinte er gutmütig, indem er ihr denselben reichte.

»Nein, das ist es nicht,« erwiderte sie kopfschüttelnd, damit legte sie ihr Bild auf einen großen Weidenstumpf und schlich sich ganz nah an ihn heran.

Etwas überrascht lächelte er zu ihr nieder. »Noch ein Wunsch, meine kleine Prinzessin?«

»Nein... das heißt ja...« Sie zupfte ihn am Ärmel. »Siehst du,« begann sie verlegen und zutunlich, »sei nur nicht böse – aber – es ist mir nur so eingefallen – wie schlimm das wäre, wenn du, eh du zu Hause ankommst, dich ein zweites Mal von jemand anfahren lassen müßtest, wie von dem dort« – sie deutete nach dem Schlosse – »und da... und da... ach, ich weiß es am besten, wie schrecklich das ist, kein Geld zu haben. Ich... ich bitte dich, nimm die Gulden mit – wenn du ein großer Künstler geworden bist, bringst du mir sie!«... Und ehe er sich's versah, hatte sie ihm das Portemonnaie in die Rocktasche gesteckt.

Ihm standen die Augen voll Tränen; er hielt sie fest im Arm und sah sie an, als wollte er ihr Gesichtchen auswendig lernen.

»Es ist möglich,« murmelte er, »vielleicht bringst du mir Glück – und es wird noch etwas aus mir, und wenn du dann noch so lieb und hübsch bist wie jetzt...« Er küßte sie auf beide Augen.

»Rika!« kreischte es aus der Ferne.

»Heißt du so?« fragte er.

»Ja.«

»Und wie heißt du mit dem Zunamen?«

»Mein Stiefvater heißt Strachinsky, und wie ich heiße, weiß ich nicht.«

»Rika!« hörte man's noch einmal von etwas näher kreischen.

»Und wie heißt du?« fragte sie ihn.

Doch ehe er noch geantwortet, zeigte sich die bis in alle Kleiderfalten hinein zitternde Gestalt der Engländerin, die, plötzlich zum Bewußtsein ihrer Gouvernantenpflichten erwacht, ihren Schützling auf der Landstraße suchte.

Hastig griff die Kleine nach ihrem Bilde und floh.

Ins Haus zurückgekehrt, sprang sie noch eilig die Treppe hinauf, um ihr Konterfei in Sicherheit zu bringen und sich von der äußerst erregten Engländerin, die übrigens Fräulein Sophy Lange hieß und die Tochter ehrlicher deutscher Eltern aus Hamburg war, eine frische Schürze umbinden zu lassen, worauf sie sehr kaltblütig, als ob sie sich nicht des mindesten Fehlers schuldig fühle, das Speisezimmer betrat.

Ihr Stiefvater empfing sie mit den heftigsten Vorwürfen und erkundigte sich sofort, wo sie denn eigentlich gewesen war. Sie erwiderte kurz: »Im Dorf!« worauf er ihr eine erschütternde Predigt hielt wegen unbefugter Landstreicherei, und auch gegen die Engländerin aus Hamburg ein paar vernichtende Worte fallen ließ. Er hatte seine buntscheckige Morgentracht mit einer hellfarbigen Sommertoilette vertauscht, in welcher er sich etwas besser ausnahm. Seiner Stieftochter gefiel er übrigens in hellem Havannabraun ebenso schlecht wie in Grellblau mit roten Aufschlägen. Sie machte sich aus allen seinen Reden nichts und aß ruhig weiter. Miß Sophy vergoß indessen Tränen. Der Ritter von Strachinsky imponierte ihr ungemein, ja mehr als das, sie verehrte ihn geradezu wie ein höheres Wesen. Er hatte überhaupt Glück bei Frauen, von den niedrigsten bis in die höchsten Regionen hinauf. Aus welchem Grund? – das ist schwer zu sagen. Er besaß das magnetische Fluidum; nur auf seine Stieftochter wirkte dasselbe nicht.

Sie vertrugen sich auffallend schlecht miteinander, der Ritter von Strachinsky und sein helläugiges Stieftöchterchen. Was sie an ihm ärgerte, war so heikler und verwickelter Natur, daß es sich schwer in Worte kleiden läßt. Ihn ärgerte an ihr hauptsächlich der Umstand, daß sie ihn trotz ihrer zarten Jahre durchschaute, daß sie sich mit einem Worte keine Illusionen machte über ihn.

Es erhöht stets unsere Zuneigung für unseren Nächsten, wenn dieser uns mit verschönernden Augen anblickt. Ein paar Illusionen verlangen wir von unserer Umgebung, sie sind unbedingt nötig zur Annehmlichkeit des täglichen Verkehrs. Aber die Forderungen des Ritters überstiegen in dieser Richtung jedes Maß, während die Leistungsfähigkeit seiner Tochter ganz ungewöhnlich gering war.

Das Mittagessen hatte seinen Lauf genommen.

Der Strachinsky hatte sich predigend, Miß Sophy Tränen vergießend, die kleine Rika stillschweigend bis zum Nachtisch durchgegessen. Da erkundigte sich der Ritter, für den das Essen immer eine der wichtigsten Beschäftigungen des Lebens ausmachte, nach dem Mandelkuchen, von dem, wie er den Diener auf das bestimmteste versicherte, bei der Frühmahlzeit noch fünf Stück übriggeblieben waren..., ja, fünf Stück und ein kleines, er habe sie gezählt.

Der Diener lief in die Küche zurück, um Erkundigungen einzuholen; die Köchin vermochte nichts anderes auszusagen, als daß sie den Mandelkuchen am Vormittag selber in der Speisekammer aufbewahrt habe, von wo er inzwischen spurlos verschwunden sei. Herr von Strachinsky war empört, er ließ den ganzen Haushalt zusammentrommeln, verdächtigte jeden einzelnen des Diebstahls und sprach von neuen Gitterfenstern. Die kleine Rika ließ ihn ein Weilchen wüten, sie weidete sich an seiner Aufregung; endlich bemerkte sie gleichmütig: »Zu was von Gitterfenstern reden, da jeder durch die Tür hineinkann, sie ist ja nie verschlossen.«

»Schweig, was weißt du davon!« donnerte der Ritter.

»Und ob ich davon weiß!« sagte die Kleine ruhig, »ich weiß auch, wo der Kuchen hingekommen ist.«

»Wohin?« brüllte der Ritter.

»Ich hab' ihn weggenommen. Ich hab' ihn dem Maler nachgetragen, den du hinausgejagt hast.«

Die Augenbrauen des Gutsbesitzers fuhren ihm bei diesem Geständnis seiner Stieftochter bis in die Stirn hinauf. »Du – bist – dem – Lackierergesellen auf die Straße nachgelaufen?« rief er atemlos und indem er jedes Wort einzeln hervorstieß, aus.

»Ja,« erwiderte die Kleine gelassen; »und er war auch gar kein Lackierergeselle, sondern ein junger Künstler, aber wenn's auch nur ein Lackierergeselle gewesen wäre, ich wär' ihm doch nachgelaufen!«

»So, und warum?« fragte er schneidend.

Sie blickte ihm voll in die Augen. »Warum? weil du ihn so schlecht behandelt hast und er mir leid tat!«

Einen Moment lang blieb er sprachlos, dann stand er auf, packte die Kleine beim Arm und schob sie zur Tür hinaus. Während sie, ohne sich zu wehren, gleichmütig vor sich hinsingend die Treppe hinaufhüpfte, deren Biegung einen rechten Winkel beschrieb und deren flache ausgetretene Holzstufen einen Geruch von feuchtem Moder ausströmten, wendete sich der Strachinsky zu der Engländerin aus Hamburg und stöhnte: »Meine Stieftochter ist eine Geißel für mich, ich bin überzeugt, daß sie für die Galeeren bestimmt ist.«

Die Galeeren lagen etwas weitab von den gewöhnlichen österreichischen Verhältnissen, der Ritter von Strachinsky aber hatte eine Vorliebe für alles Exotische und kürzlich einen Roman gelesen, in dem die Galeeren eine Rolle spielten.

Die kleine Erika begab sich indessen aus dem Speisezimmer in den Salon, einen sehr großen, aber nichts weniger als prunkhaften Raum, dessen Einrichtung hauptsächlich aus Bücherschränken und einem Klavier bestand. An dieses Klavier setzte sie sich und vertiefte sich sofort in das Studium einer Sonate von Mozart, die sie sich vorgenommen, zur Feier der Rückkehr ihrer Mutter einzuüben. Sie war musikalisch ungewöhnlich begabt, ihre zierlichen Fingerchen bewegten sich mit unglaublich weicher Geschmeidigkeit über die Tasten hin, und ihre sonst ziemlich blassen Wangen glühten vor Eifer; es ging sehr gut, sie streckte das Füßchen aus, um das Pedal zu treten, was ihrer Ansicht nach ihrer musikalischen Leistung erst die höchste Weihe verlieh, als ihr plötzlich eine große Bewegung auffiel, die das ganze Haus zu erfüllen schien. Hunde bellten, Dienstboten liefen durcheinander, ein Wagen fuhr über den Kies und hielt vor dem Haupteingang des Schlosses. Frau von Strachinsky war unerwartet zurückgekehrt.

Die Kleine eilte die Treppe hinab – sie kam gerade dazu, wie der Ritter seine Gattin aus dem Wagen hob. Sie küßten sich wie Brautleute, was der Kleinen einen ärgerlichen Eindruck zu machen schien; es fiel ihr auch ein, daß sie ja gar nicht wisse, ob sie sich unter den obwaltenden Umständen weiter vorwagen dürfe. Da hörte sie ihre Mutter fragen:

»Und wo ist denn Rika?«

Ohne die Antwort des Ritters abzuwarten, stürzte sie vor und der Mutter in die Arme.

»Nun, aussehen tust du prächtig, meine Alte,« rief die Mutter, indem sie ihrem Töchterchen die Wange streichelte, »warst du auch recht brav?«

Rika schwieg. Das Gesicht Frau von Strachinskys nahm einen betrübten und bekümmerten Ausdruck an, der Ritter zog die Brauen zusammen und machte seine hochmütigen Nasenflügel. Seine Frau blickte von ihm zu dem Kinde hinüber, das jetzt ihre Hand ergriffen hatte und küssen wollte. »Was hat sie denn schon wieder getan?« rief sie, sich an ihren Gatten wendend.

»Abgesehen von ihrem Benehmen gegen mich, das geradezu unqualifizierbar ist – ich sage unqualifizierbar,« rief Strachinsky, »abgesehen davon, hat sich das Mädchen in einer Weise vergessen ... nun, ich will dir's später mitteilen!«

»Gleich jetzt!« stieß die Kleine heraus, »lieber gleich!«

»Schweig, freches Ding!« herrschte der Ritter sie an; dann sich zu seiner Gattin wendend, fragte er: »Bringst du mir gute Nachrichten? Hat sich der Onkel bereit erklärt?«

Frau von Strachinsky schüttelte betrübt mit dem Kopfe. »Leider nicht – nicht ganz,« murmelte sie ängstlich; »aber er war sehr lieb, er war entzückt von Bubi.« Bubi war das Stiefbrüderchen Rikas, das die arme Frau auf ihrer peinlichen Reise mitgenommen hatte, vielleicht um sich eine Haltung zu geben, oder auch, um die Herzen der Verwandten weicher zu stimmen. Dazu schien er freilich nie geschaffen, denn er war ein allerliebster kleiner Kerl mit dem herzigsten braunumlockten Milch- und Blutgesichtchen und gar so lieben dicken bloßen Ärmchen. Die Hände hatte er voll Spielsachen, mit denen er auf seine Schwester zukam, um dieselbe zu trösten, da er sofort gemerkt, daß es ihr wieder einmal schlecht ging.

»Das begreife ich nicht,« murmelte Strachinsky, »von Onkel Nicki hätte ich ein chevalereskeres Benehmen erwartet,« und er blickte seine Frau so streng an, als ob sie für den Mangel an Erfolg ihrer Mission verantwortlich wäre. Sie legte ihm sanft die Hand auf den Arm und sagte: »Du bist eben ein unverbesserlicher Idealist, mein armer Jello, du beurteilst alle Menschen nach dir!«

Und der Strachinsky fuhr sich mit dem Zeigefinger in die Augen und hauchte sentimental: »Ja, ich bin nun einmal ein Idealist, ein unverbesserlicher Idealist – der reinste Don Quichotte.«

Den Rest des Nachmittags verbrachten die beiden Eheleute damit, in dem großen Salon beisammenzusitzen und zu versuchen, sich den Stand der Geschäftsverhältnisse des Ritters klarzumachen, was sich als schwierig herausstellte.

Sie hielt den Bleistift in der Hand und rechnete. Er ging auf und ab und rauchte Zigaretten dazu. Von Zeit zu Zeit stieß er eine effektvolle Phrase hervor, wie: »Ich passe nicht in diese Welt!« oder: »Freilich, so ein Marquis Posa wie ich!«

Sie saß indes ruhig vor dem sich immer dichter mit Ziffern füllenden Bogen Papier. Ihr Gesicht hatte sich verdüstert, das des Ritters sich im Gegenteil aufgehellt. Da es ihm glücklich gelungen, alle seine Sorgen auf ihre Schultern abzuwälzen, fühlte er sich fast vergnügt.

»Von diesen zehntausend Gulden, die du da schuldest, hatte ich keine Ahnung!« rief mit plötzlich aufflammender Heftigkeit die gequälte Frau.

»Nicht?« fragte unbefangen der Ritter, »ich muß dir doch davon geschrieben haben, oder hätte ich diese Kleinigkeit vergessen? ... Ja, jetzt erinnere ich mich. Du warst damals mit den Kindern in Johannisbad. Der Löwy kam und redete in mich hinein, daß die Vermögen in der Luft hingen – daß es Gewissenssache wäre, die Gelegenheit nicht beim Schopf zu packen; so kaufte ich denn hundert Stück Schönfelder. Mein Gott! was verstehe ich von Geschäften, so etwas kann man von einem Kavalier nicht verlangen. Bei der Armee lernt man dergleichen auch nicht – unsereins ist darauf angewiesen, seinen Ratgebern zu vertrauen. Ich vertraue zu leicht, du hast mir's immer gesagt, es ist in der Großmütigkeit meiner Natur begründet. Ich mache es mir zum Vorwurf. Der ganze Egmont bin ich! Ja, armer Egmont! Es bleibt mir nichts weiter übrig, als auch meinerseits zu seufzen: Oranien! Oranien!«

Durch dieses mit unglaublich elegischer Betonung ausgesprochene Geständnis glaubte der Ritter seine mißglückte Spekulation vollständig gesühnt zu haben. Zu seiner Überraschung verfehlte er jedoch die beabsichtigte Wirkung. Frau von Strachinsky schob ihr dichtes, glatt um die Stirn gescheiteltes dunkles Haar von den Schläfen zurück und rief: »Ich begreife dich nicht, du hattest mir doch so fest versprochen, nicht mehr an der Börse zu spekulieren!«

»Aber liebe Emma, das Geschäft schien so glänzend, daß ich mir wie ein Elender vorgekommen wäre, wenn ich nicht wenigstens versucht hätte ...«

»Du siehst, was daraus geworden ist!«

»Wenn ein Mensch etwas nach bestem Wissen und Gewissen tut, darf man es ihm nicht zum Vorwurf machen, selbst wenn sein Unternehmen mißglückt,« predigte er, »nein, liebe Emma, nicht ein Wort, rede jetzt nichts, es würde dir nachträglich nur leid tun...«

Aber Emma von Strachinsky ließ sich diesmal nicht so mir nichts, dir nichts die Rede abschneiden, sie war überreizt und verzweifelt. »Du hast immer alles mit dem besten Willen getan,« schrie sie, heiser vor Erregung, »und das schöne Ende von deinem guten Willen wird sein, daß meine Kinder eines Tages betteln gehen können! Willst du mir's vielleicht verübeln, wenn ich meine letzten Heller verteidige, um den Kindern eine Existenz zu sichern?«

Jagello von Strachinsky maß sie vom Kopf bis zu den Füßen. » Deine paar Heller ...!« sprach er streng, vernichtend, »du bist von einer Unzartheit! ... Nun, ich werde mich danach richten, tue von nun an, was du willst, ich habe nichts mehr zu sagen!« Dann den Kopf hochmütig zurückwerfend, jeder Zoll Märtyrer und Kavalier, verließ er das Zimmer.

Sie blickte ihm nach. Sie war zu weit gegangen, ihre Heftigkeit hatte ihr wieder einmal einen Streich gespielt. Ihr Herz klopfte, sie war ganz wund vor Aufregung, Beschämung und Reue.

Als die kleine Erika gegen Abend mit ihrem Brüderchen im Garten draußen Verstecken spielte, sah sie ihre Mutter und den Stiefvater einträchtig die von Fliederbüschen besetzten Sandwege entlang wandeln, er bereits etwas kahl, schlaff, mit vollem Backenbart und schmachtendem Blick, noch immer hübsch, aber mit verwischten, aufgedunsenen Zügen; sie kräftig, schlank und stramm, mit großen dunklen Augen in einem edlen, blassen, aber nicht schönen Gesicht. Sie gingen eng aneinandergeschmiegt, für einen oberflächlichen Beobachter gaben sie das Bild eines zärtlichen und glücklichen Ehepaares ab. Und doch, wenn man näher zusah ...

Er hatte den Arm um ihre Schulter geschlungen und lehnte auf ihr, anstatt daß sie sich auf ihn gestützt hätte. Das Sichgehenlassen seines schweren Körpers, der süß hinduselnde, schläfrige Ausdruck seines Gesichts – alles sprach selbstzufriedene, seichte, weichliche Bequemlichkeitsliebe aus, während sie...

In ihren Augen war ein Schatten, eine Unruhe, eine Sorge, und ihre Gestalt machte den Eindruck, als würde sie langsam zu Boden gedrückt von einer Last, die sie abzuschütteln nicht gewagt oder nicht vermocht hätte.

Mit geduldig regelmäßigem Schritt ging die Frau unter ihrer schwer auf ihr lastenden Bürde einher.

Plötzlich schien sie unruhig zu werden – ein Schauder durchlief sie.

»Was hast du, mein Herz?« fragte der Strachinsky, sich enger an sie schmiegend.

»Nichts,« murmelte sie, »nichts,« und ging weiter.

Sie waren an den Verstecken spielender Geschwister vorübergekommen. Durch das glanzlose Zwielicht hatte sie der Blick von ein Paar hellen, dunkel umsäumten Kinderaugen getroffen, der zu fragen schien: »Wie kann sie den lieben?«

Es waren unheimliche Kinderaugen!

Die Abneigung des Kindes datierte weit zurück, war im Grunde eine der ersten deutlich ausgesprochenen Empfindungen seines kleinen Herzens gewesen. In den ersten Jahren ihrer zweiten Ehe hatte die Mutter es ihrer Tochter aus zärtlicher Überspanntheit möglichst lange verschwiegen, daß Strachinsky nicht ihr Vater sei, ein Zufall hatte die Kleine darüber aufgeklärt. Als diese sofort herbeisprang, die Mutter um Bestätigung des von anderen Mitgeteilten anzusprechen, zog die Ärmste die Kleine an ihre Brust und küßte und streichelte sie, als ob sie ihr einen großen Schmerz wegliebkosen wolle. Sie bat die Kleine, sich keine traurigen Gedanken zu machen, versicherte ihr, daß »der Papa« ein viel zu edler Mensch sei, um je einen Unterschied zu machen zwischen ihr und seinen eigenen Kindern, daß er sie sehr lieb habe usw.

Die Liebkosungen der Mutter waren der Kleinen immer teuer, um so mehr, als dieselben verhältnismäßig selten waren. Damals aber entrang sie sich ihnen. Sie konnte es nicht über sich gewinnen, sich für etwas bemitleiden zu lassen, was sie als eine ungeheure Erleichterung empfand.

Die Mutter hätte es gemerkt und dem Kinde gezürnt, zugleich aber hatte die offen, wenngleich schweigend kundgegebene Empfindung des Kindes einen großen Eindruck auf sie gemacht. Vielleicht hatte der Anblick dieses unbefangen zur Schau getragenen, beinahe verächtlichen Kindesgefühls Anlaß gegeben zu der ersten Erschütterung jener verhängnisvollen Wahnliebe, der die ganze Existenz der begabten Frau zum Opfer gefallen war.

Frau von Strachinsky pflegte jeden Abend in dem großen luftigen Zimmer, wo die beiden Kinder schliefen, nachzusehen, ob alles in Ordnung sei. Mit ihrem lautlosen Schritt schwebte sie von einem der kleinen Betten zum anderem, zeichnete den Kindern ein Kreuz auf die Stirn – eine altmodische Gewohnheit, der sie treu geblieben war, trotzdem sie sich längst einer sehr philosophischen Weltauffassung ergeben.

Den Abend nach ihrer Rückkehr erschien sie um die gewohnte Stunde in der Kinderstube, doch hielt sie sich nur bei dem bereits fest schlafenden kleinen Jungen auf, an dem Bett ihrer Tochter ging sie mit abgewendetem Gesicht vorüber. Rika setzte sich auf und blickte ihr nach. Die Mutter hatte die Tür erreicht, nicht ein einziges Mal hatte sie sich umgesehen. Das hielt die Kleine nicht aus. Sie sprang aus ihrem Bettchen, eilte auf die Mutter zu und packte sie beim Kleid.

»Mutter! Mutter!« rief sie außer sich, »du willst doch nicht fort, ohne mir gute Nacht gesagt zu haben?«

»Laß mich!« rief Frau von Strachinsky mit scharfer, von einer peinlichen inneren Aufregung entstellter Stimme.

»Aber was habe ich denn getan, Mutter?« rief das Kind, sich leidenschaftlich an sie anklammernd.

»Du fragst noch?« entgegnete ihr die Mutter streng.

»Wie soll ich nicht fragen – was weiß ich denn davon, was er dir gesagt, ich war ja nicht zugegen, als er mich angeklagt hat.«

»Erika! Ist das die Art, von deinem Vater zu reden?« verwies ihr die Mutter heftig.

Die Kleine runzelte die Brauen. »Er ist nicht mein Vater,« entgegnete sie trotzig.

Frau von Strachinsky atmete mühsam. »Du bist von einer empörenden Undankbarkeit,« rief sie aus, dann, sich mühsam mäßigend, setzte sie hinzu: »Nun laß es gut sein, darum wirst du dich nicht ändern, du bist ein unnatürliches, kaltherziges, hartes Kind. Dein Herz kann ich nicht weich machen, aber ich kann darauf bestehen, daß du dich anständig benimmst, und ich verbiete dir ein für allemal, einem Vagabunden auf der Straße nachzulaufen. Und jetzt geh zu Bett!«

»Ich geh' nicht zu Bett, eh du mir gute Nacht gesagt hast!« rief die Kleine. Sie stand noch immer vor ihrer Mutter mit nackten, schmalen Füßchen und in ihrem weißen Nachtkleid, um das ihr leuchtendes, rotbraunes Haar lang herunterhing. »Und ich war auch gar nicht so schlimm, wie du's denkst, du solltest mich nicht verurteilen, ohne mir Zeit zu gönnen, mich zu verteidigen!«

Sie war so verblüffend vernünftig, die Kleine – die Mutter konnte ihr nicht unrecht geben, so sehr sie momentan mit Groll gegen sie erfüllt war. Ihr Fuß haftete am Boden. Ein Gedanke durchzuckte die Kleine. »Wart nur einen Augenblick, warte!« rief sie. Damit flog sie über das Zimmer hinüber auf eine alte Lade zu, in der sie ihre Spielsachen aufzubewahren pflegte; das Aquarell ihres Schützlings in den Händen, kehrte sie zurück und hielt es triumphierend der Mutter vor. »Sieh dir das an!« rief sie.

Unwillkürlich heftete Emma den Blick darauf. »Wo hast du das her?« rief sie leicht erregbar, wie sie war, ihren Verdruß vergessend und von einem plötzlich geweckten Interesse belebt.

»Erkennst du's?« fragte Erika und streckte ihren langen, schmalen Hals aus der gestickten Krause ihres Nachthemdchens heraus.

»Nun freilich, es ist dein Bild; es ist reizend. Wer hat das gemacht?«

»Der Vagabund, dem ich nachgelaufen bin, der Lackierergesell!« erwiderte Erika beißend; »nun siehst du wenigstens, daß er kein Lackierergesell, sondern ein junger Künstler war.«

Die Mutter schwieg.

»Ach, wenn du nur zu Hause gewesen wärst!« ereiferte sich die Kleine – ihre bloßen Füße wurden immer kälter und ihre Wangen immer heißer vor Aufregung – »da hättest du gerade dasselbe getan wie ich. Wenn du ihn nur gesehen hättest! Hübsch war er und so blaß und mager und so matt vor Hunger – ich hätte ihn umwerfen können – und er hat ja nicht einmal gebettelt, dazu war er zu stolz, nur dem Papa die Mappe hingereicht mit seinen Bildchen, und dabei hat ihm die Hand gezittert – « Plötzlich schnürte sich der Kleinen, die eine große Erregbarkeit von ihrer Mutter geerbt hatte, die Kehle zu, sie fing an zu schluchzen, daß ihr ganzes schmales Körperchen davon zuckte: »Und der Papa hat ihn hinausgejagt ... und hat ihm zwei ... zwei Kreuzer geben lassen von der Köchin ... die hat er weggeworfen – und da ... da bin ich ihm nachgelaufen!«

Frau von Strachinsky war totenblaß geworden; die stürmische Erzählung der Kleinen hatte Eindruck auf sie gemacht; dennoch trachtete sie ihre strenge Miene beizubehalten. »Dafür gibt es keine Entschuldigung,« rief sie, »man läuft einem fremden Menschen nicht auf die Straße nach, du bist zu alt dazu.«

Die Kleine senkte das Köpfchen beschämt und nachdenklich. »Aber ich hätte es gewiß nicht getan, wenn ihn der Papa nicht so abscheulich gedemütigt hätte,« fuhr sie fort, sich zu entschuldigen, »nur aus Mitleid hab ich's getan!«

»Das Mitleid ist ein schlechter Ratgeber!« Diese Worte sprach die Mutter mit einer Betonung, die Erika nie vergaß und die ihr noch um Jahre später in der Seele nachklingen sollte. Damit verließ sie, das Kind von sich abschüttelnd, das Zimmer und schloß die Tür hinter sich zu.

Aber wenige Minuten später öffnete sie die Tür von neuem – die kleine Erika stand noch immer auf demselben Fleck.

»Geh zu Bett,« sagte die Mutter, sich zu ihr niederbeugend, in merklich sanfterem Ton, »und ein andermal sei vernünftig!«

Da sprang ihr das Kind an den Hals und umschlang sie mit seinen dünnen Armen, daß ihr fast der Atem verging. »O Mutter, Mutter, hast du mich doch noch lieb?« Die blasse Frau gab keine Antwort auf die Frage, sie küßte die Kleine, wartete, bis diese sich in ihr Bettchen verkrochen, zog die Decke um ihre Achseln hinauf, dann nahm sie den Handleuchter, den sie indessen niedergestellt hatte, und ging.

Ein sonderbares Gemisch von verschiedenen Gefühlen durchzuckte die altkluge Erika. Sie hatte einen großen Sieg über ihren Stiefvater errungen, das merkte sie, zugleich aber hatte sie ihre Mutter tief gekränkt. Mit einemmal fuhr eine heftige Reue über ihren heutigen Geniestreich mitten zwischen ihre anderen Gefühle hinein. Solange ihr die Mutter streng begegnet, war sie fest davon überzeugt gewesen, im Recht zu sein. Jetzt schwankte plötzlich alles in ihr. »Es schickt sich nicht, einem fremden Menschen auf die Straße nachzulaufen, du bist schon zu alt dazu,« wiederholte sie sich kleinlaut, dann wurde ihr ganz heiß. »Und wenn die Mutter erst wüßte, daß ich ihn geküßt hab'!«

Mitten in ihre Unruhe hinein fühlte sie eine große Müdigkeit, die ihr die Augenlider schwer machte, worauf sie, ihr kleines Gebet noch auf den Lippen, sich ausstreckte und einschlief.

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