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Wolf Graf von Baudissin (Schlicht): Graf Udo Bodo - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorWolf Graf von Baudissin
titleGraf Udo Bodo
publisherGlobus Verlag G.m.b.H. Berlin
printrun25. bis 27. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid0f1b0669
created20061216
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VII.

Udo Bodo war verliebt, und zwar gründlich; seine Vermutungen hatten sich erfüllt: eine der Hofdamen hatte es ihm angetan. Und das mußte man dem guten Udo Bodo lassen, er hatte einen tadellosen Geschmack bewiesen, als er sein Herz an die Komteß Blanka von Norberg verlor. Ebenso bezaubernd wie ihre etwas mehr als mittelgroße schlanke Erscheinung und ihr jugendfrisches Gesicht mit den helleuchtenden Augen und dem beständigen frohen, heiteren Lächeln um den kleinen Mund, ebenso verführerisch wie ihre Erscheinung, ebenso anziehend war ihr ganzes Wesen. Als jüngste von sieben Schwestern auf dem großen Gut ihres Vaters in fast mehr als bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, hatte sie trotz der vielen Seufzer, der vielen Klagen, die Tag für Tag in ihrem Elternhause zum Himmel emporgesandt wurden, nie ihren Humor, nie ihre Lebensfreude verloren, sie war der Verzug der Eltern, der Liebling der Schwestern, denen sie durch ihr frohes Lachen so oft die Sorgen verscheuchte. Ohne sich je irgendwelche trübe Gedanken zu machen, ohne sich je über die Zukunft den Kopf zu zerbrechen, ohne sich schon jetzt damit zu quälen, daß sie vielleicht ebenso wie ihre Schwestern dereinst unverheiratet bleiben würde, schon weil die Mittel zu einer standesgemäßen Mitgift fehlten, wuchs sie heran, und als sie zum erstenmal bei Hof ihrem Landesherrn, dem Vater der Prinzessin Thea, vorgestellt wurde, gefiel ihre anmutige Erscheinung und ihr liebenswürdiges Wesen so allgemein, daß sich sehr bald zwischen der gleichaltrigen Prinzessin und ihr eine wirkliche Freundschaft entwickelte.

So war es nur natürlich, daß die Prinzessin Thea, als sie dem Herzog Karl Friedrich ihre Hand reichte, den Wunsch äußerte, ihre Jugendfreundin als Hofdame bei sich zu sehen. Graf von Norberg erklärte zwar, trotz der ihm und seinem Hause dadurch zuteil werdenden hohen Auszeichnung sei er nicht imstande, seine Tochter Blanka für ihre neue Stellung standesgemäß equipieren zu können, aber Prinzessin Thea bestand auf ihrem Willen, und so machte denn die Freigebigkeit ihres eigenen Vaters die Erfüllung ihrer Bitte möglich.

Komteß Blanka war natürlich über das ehrenvolle Amt, das sie fortan bekleiden sollte, sehr erfreut, und sie nahm sich vor, sich der ihr zuteil gewordenen Ehre stets würdig und dankbar zu erweisen, und selbst dann, wenn ihr vielleicht manches am Hofe nicht so gefallen sollte, wie sie es erhoffte und erwartete, ihre Herzogin nie zu verlassen, solange diese sie in ihrer Nähe zu sehen wünschte.

Das hatte sie ihren Schwestern gleich erklärt, als diese sie um ihre Stellung beneideten und ihr sagten: »Du Glückliche, so wird es nur noch kurze Zeit dauern und Du bist verlobt; denn daß sich bei Hof die Adjutanten und die Kammerherren unsterblich in Dich verlieben, ist selbstverständlich, und wenn es Dir auch selbst an der nötigen Mitgift fehlt, so wird die Huld Deiner sehr reichen Prinzessin Dir auch über diese Schwierigkeit hinweghelfen.«

Aber Komteß Blanka hatte so energisch den Kopf geschüttelt, daß ihre Frisur sich löste und daß das dichte, dunkelbraune Haar wie ein Mantel über ihre Schulter fiel. Lachend hatte sie es mit einem schnellen Griff wieder in einen dicken Knoten gerafft und mit zahllosen Kämmen auf dem Kopf befestigt und dann ernsthaft geantwortet: »Ich denke gar nicht daran, mich gleich zu verheiraten, denn im Gegensatz zu Euch sehe ich in einem Manne gar nicht den Inbegriff aller Seligkeit, wenigstens vorläufig nicht, mit meinen zwanzig Jahren fühle ich mich auch so sehr glücklich. Davon aber ganz abgesehen, würde ich es sehr unrecht finden, meine neue Stellung lediglich als einen Versorgungsposten für meine Person zu betrachten. Ich gehe der Prinzessin und nicht meinetwegen an den Hof.«

So hatte sie denn ihre Stellung als Hofdame angetreten, nachdem diesem großen Ereignis wochenlange Instruktionsstunden durch die Oberhofmeisterin vorangegangen waren, und schon am ersten Tage war Udo Bodo ihr vorgestellt worden. Sie hatte viel von ihm gehört, sie war neugierig gewesen, ihn kennen zu lernen, aber als er ihr jetzt gegenüberstand und sie wie ein Wesen aus der anderen Welt betrachtete, da hatte sein Gesicht nicht nur die größte Verwunderung, sondern auch so viel grenzenloses Erstaunen verraten, daß sie über den etwas törichten Ausdruck seiner Züge hatte hellauf lachen müssen.

»Aber Herr Graf, was ist Ihnen denn nur?« fragte sie lustig.

Udo Bodo suchte lange nach einer Antwort, dann sagte er: »Die Sonne hat mich geblendet.« Und gleich darauf geschah etwas Ungeheuerliches: Udo Bodo führte die Hand, die sie ihm reichte, an die Lippen und küßte sie.

Einem jungen Mädchen die Hand zu küssen, noch dazu bei Hof, das war noch nie dagewesen, und wenn die Oberhofmeisterin es gesehen hätte, so wäre selbst sie, die doch kontraktlich die Verpflichtung hat, niemals ihre Ruhe und Besonnenheit zu verlieren, erbarmungslos in Ohnmacht gefallen. Aber dies blieb ihr erspart, da sie wie durch ein Wunder es nicht gesehen hatte.

Komteß Blanka, die für einen Augenblick in die größte Verlegenheit geraten war, lachte plötzlich wieder lustig auf, und dieses Lachen erweckte in Udo Bodo einen Widerhall, so daß er mit einstimmte. Und so standen sie sich lachend gegenüber, bis ein strenger Blick der Oberhofmeisterin sie daran erinnerte, daß es nun der Heiterkeit genug sei.

An diesem Tage fuhr Udo Bodo nicht wie sonst im schlanken Trab, sondern im langsamsten Schritt nach Haus. Die Pferde ließen dabei traurig ihre Köpfe hängen, und Udo Bodo den seinigen erst recht.

»Was hat er denn, was hat er denn?« fragten sich die Leute, die ihn so dahinfahren sahen»»man könnte ja beinahe auf den Gedanken kommen, daß er in Ungnade gefallen sei. Aber das ist ja bei ihm ganz ausgeschlossen.«

Udo Bodo kümmerte sich nicht um das, was die Leute von ihm denken konnten, er fuhr in einem so langsamen Tempo durch die Straßen der Stadt, als lenke er einen leeren Hofwagen, der bei einem offiziellen Begräbnis den Zuschauern mitteilen soll, daß sich in diesem leeren Wagen die trauernden und teilnehmenden Gedanken des Hofes befinden.

Als er seine Wohnung erreicht hatte, gab er den strengen Befehl, ihn nicht zu stören. Dann nahm er den gräflichen Taschenkalender zur Hand und schlug die Familie von Norberg auf. Er hatte es ja schon vorher gewußt, daß Komteß Blanka sechs Geschwister hatte, denn diese sieben Schwestern waren in den adligen Kreisen in gleicher Weise wegen ihrer Schönheit und wegen ihrer Armut bekannt. Aber trotzdem sah er noch einmal nach, ob es mit den vielen Schwestern wirklich stimmte. Und es stimmte wirklich. Udo Bodo wurde immer trauriger. Die arme Blanka, arm zu sein und dann noch sechs Geschwister zu haben, das war ein trauriges Los, noch dazu, wo sie gar keine Aussicht hatte, jemals etwas zu erben. Er blätterte in den Familien, die mit Norbergs verwandt oder verschwägert waren; alles altadlige Damen, Stammbäume, die über jeden Zweifel erhaben waren, in denen auch nicht ein einziger Tropfen Blut geflossen hatte, der nicht tadellos blau war, aber in bezug auf den Geldbeutel wenig beneidenswert. Und das allertraurigste war, daß die Norbergs selbst früher einmal sehr reich gewesen waren. Noch der Ururgroßvater hatte sieben große Güter besessen, aber als er gestorben, hatte dessen Witwe, die alleinige Erbin, in einer einzigen Nacht sechs der großen Güter verspielt, und nur der jetzige Familienbesitz war zurückgeblieben. Einem durchaus glaubwürdigen Gerüchte zufolge hatte die alte Dame auch dieses Gut verloren, aber der glückliche Gewinner war Ehrenmann genug gewesen, es absichtlich wieder zu verlieren, um die alte Dame nicht zur Bettlerin zu machen.

Das leidige Geld! Die arme Blanka tat ihm aufrichtig leid, die war so jung, so hübsch, so liebenswürdig und so lebenslustig, und gerade sie mußte in so dürftigen Verhältnissen leben.

Er war so von Mitleid für sie erfüllt, daß er darüber ganz vergaß, wie er heute morgen bei der ersten Begegnung sein Herz an sie verloren hatte, aber als er jetzt plötzlich daran dachte, durchströmte ein beseligendes Glücksgefühl seine Brust, und doch, wie hatte doch Graf Kuno zu ihm gesagt: »Verliebst Du Dich in ein junges Mädchen, dessen Vermögensverhältnisse keine Ehe ermöglichen, so machst Du dadurch nicht nur Dich selbst, sondern, wenn Du wieder geliebt wirst, auch die junge Dame unglücklich. Muß der Verstand mitsprechen, dann muß man Manns genug sein, nicht nur das Herz sprechen zu lassen.«

Wie immer, so hatte sein gräflicher Vater auch hierin recht. Sich jetzt oder später ernsthaft mit dem Gedanken zu tragen, um die Hand der schönen Komteß Blanka zu werben, war ein Wahnsinn, ja, noch mehr, es war fast eine Schlechtigkeit. Er schätzte und verehrte sie schon heute viel zu sehr, um ihr unruhige und schwere Stunden bereiten zu wollen, und die würden nicht ausbleiben, wenn er um ihre Gunst warb und wenn sie dann vielleicht auch an ihm Gefallen finden sollte. Das durfte nicht sein, er durfte sich schon allein ihretwegen nicht in sie verlieben; geschah das aber dennoch, war die Liebe stärker als sein Wille, dann durfte sie wenigstens nichts davon erfahren, dann mußte er das, was er für sie empfand, in seinem tiefsten Innern begraben.

Und Udo Bodo bemühte sich auch in Zukunft nach besten Kräften, das, was er sich vorgenommen hatte, durchzusetzen. Und das gelang ihm so gut, daß kein Mensch ihm seine Liebe anmerkte. Komteß Blanka am allerwenigsten. Die hatte von der ersten Minute an Udo Bodo nur komisch genommen, sie lachte und scherzte mit ihm und auch über ihn, es machte ihr ein großes Vergnügen, ihn zu necken und sich an seinen schwachen Versuchen, sich zu verteidigen, zu erfreuen. Alles, was er sagte, hielt sie für einen mehr oder weniger guten Scherz, und wenn er sie, allen seinen guten Vorsätzen zum Trotz, doch zuweilen von der Seite mit einem heimlichen Blick streifte, der viel mehr, als er es sollte, seine Gefühle verriet, dann amüsierte sie sich köstlich über seine Kunst, die Augen so verdrehen zu können, und beneidete ihn um seine Gabe, allein schon durch seinen Gesichtsausdruck beständig andere Leute fröhlich zu stimmen.

Komteß Blanka war ein kluges Mädchen, aber trotzdem täuschte auch sie sich über Udo Bodos geistige Fähigkeiten, sie hielt ihn zwar für keine Leuchte der Wissenschaft, aber für einen durchaus nicht unbegabten Menschen, und wenn Udo Bodo in der Unterhaltung entgleiste und anstatt einer geistreichen Bemerkung eine komische Albernheit sagte, dann hielt auch sie das ebenso wie alle übrigen für einen guten Scherz.

Udo Bodo galt nicht für einen Menschen, der komisch war, sondern für einen, der zuweilen furchtbar komisch sein konnte, und als solcher erfreute er sich überall großer Beliebtheit. Auch Komteß Blanka hatte ihn gern, aber das Gefühl, das sie für ihn hegte, war lediglich das guter Kameradschaft und Freundschaft. Einmal hatte sie sich die Frage vorgelegt, ob sie sich wohl je in Udo Bodo verlieben könne, aber der Gedanke allein war ihr komisch und lächerlich erschienen, sie wußte, sie hätte Jahrzehnte mit ihm zusammen leben können, ohne je ein wärmeres Gefühl für ihn zu empfinden, und da sie Udo Bodo erst recht keiner ernsten Neigung für fähig hielt, so amüsierte sie sich stets von neuem über ihn, wenn er ihr zuweilen einen seiner Blicke zuwarf, oder ihre Hand länger in der seinen hielt, als es unbedingt nötig war.

Bei aller Harmlosigkeit des Verkehrs, der zwischen den beiden zu bestehen schien, wurde trotzdem Komteß Blanka oft mit Udo Bodo und dieser mit der schönen Komteß Blanka geneckt, und selbstverständlich geschah dies aus der festen Überzeugung aller heraus, daß keiner von den beiden auch nur im entferntesten ernsthaft an den anderen dachte. Selbst der Herzog und seine hohe Gemahlin amüsierten sich oft über die beiden, die Herzogin Thea war glücklich, daß ihre Freundin sich am Hofe so wohl fühlte, und der Herzog sagte eines Tages zu Udo Bodo: »Ich habe schon oft mit der Herzogin darüber gesprochen, wie Sie es eigentlich früher bei mir ausgehalten haben, es muß doch furchtbar langweilig für Sie gewesen sein.« Aus innerster Überzeugung wollte Udo Bodo widersprechen, aber Seine Hoheit wehrte ab: "Na, na, lassen Sie es nur gut sein, Sie brauchen mir keine Komplimente zu machen, und daß Ihnen die Gesellschaft der Komtesse Blanka besser gefällt als die meine, ist ja selbstverständlich. Aber was mich und auch die Herzogin am meisten dabei erfreut, ist der echt kameradschaftliche Verkehr, der zwischen Ihnen beiden besteht. Sie erinnern sich, daß ich einmal mit Ihnen über das Heiraten sprach, und ich denke auch heute noch so. Aber wenn Sie jemals ernsthaft um die kleine Komteß werben sollten, dann würde die Herzogin Ihnen das nie verzeihen, die will ihre Jugendfreundin noch lange bei sich behalten und würde niemals zu einer Verheiratung ihre Zustimmung geben. Na, wie gesagt, aber davon ist ja auch Gott sei Dank bei Ihnen beiden nicht die Rede.«

Als Udo Bodo zu Hause über die Worte seines Herzogs nachdachte, wurde er ganz melancholisch. Eins erfüllte ihn mit Freude, er hatte sich so beherrscht, daß niemand merkte, wie sein Herz in hellen Flammen loderte, aber auf der andern Seite stimmte es ihn traurig, nun auch aus dem Munde Seiner Hoheit gehört zu haben, daß er nie Komteß Blanka heiraten könne. Gewiß, er hatte ja schon selbst lange derartige Gedanken aufgegeben, aber daß ihm nun nochmals ausdrücklich gesagt wurde: »selbst wenn du wolltest, du bekämst sie doch nicht,« das erfüllte ihn mit tiefer Trauer und machte ihn ganz niedergeschlagen.

So machte er denn ein mehr als klägliches Gesicht, als er am nächsten Morgen die höchsten Herrschaften auf ihrem Spazierritt begleitete und an der Seite der Komteß Blanka dahintrabte.

»Was haben Sie denn nur, Graf?« fragte sie lachend. »Schön ist der Vergleich mit den drei Tagen Regenwetter ja nicht, aber mir fällt im Augenblick nichts Besseres ein. Was haben Sie nur?«

Mit einem langen Blick musterte er ihre graziöse Erscheinung, die in dem Reitkleid zur besten Geltung kam, und unwillkürlich stöhnte er so laut auf, wie es die Nähe der höchsten Herrschaften nur erlaubte, dann sagte er: »Ich habe Weltschmerz, Komteß.«

»Sie haben es nötig,« schalt sie. »Sie sollten sich wirklich schämen, so etwas auch nur im Scherz zu sagen.«

»Es ist mir tiefbitterer Ernst mit meinen Worten,« verteidigte er sich.

»Dann sollten Sie sich erst recht schämen,« fuhr sie fort. »Ich möchte nur wissen, was Sie an dieser schönen Welt auszusetzen haben; eine glänzende Vergangenheit liegt hinter Ihnen, eine glänzende Zukunft vor Ihnen. Und die Gegenwart? Sie haben hier eine Stellung, um die Sie Tausende beneiden, Sie genießen nicht nur das Vertrauen, sondern auch die Freundschaft Ihres Herzogs, Sie sind gesund, Sie sind, wie Sie mir einmal sagten, in der glücklichen Lage, keine materiellen Sorgen zu kennen, also wo liegt die Veranlassung zu Ihrem Weltschmerz, wenn nicht lediglich in Ihrer Einbildung?«

»Ich habe mir mein ganzes Leben lang noch nichts eingebildet,« sagte er sehr ernst, ohne sich des Doppelsinns seiner Worte bewußt zu sein.

Sie lachte belustigt auf. »Sie sind ein schrecklicher Mensch, Graf. Erst machen Sie ein Gesicht, daß man wirklich angst und bange wird, und nach zwei Minuten machen Sie schon schlechte Witze, anstatt ernsthaft zu antworten.«

»Habe ich wirklich einen Witz gemacht?« fragte er ganz erstaunt. »Ich weiß jedenfalls nichts davon.«

»Das wissen Sie ja angeblich nie, aber gleichviel, es lohnt ja auch nicht, Sie auch nur eine Minute ernst zu nehmen. So, nun machen Sie wieder ein frohes Gesicht.«

»Machen Sie es mir einmal vor,« bat er, »ich will mir dann Mühe geben, es nachzumachen.«

Mit großen lachenden Augen und mit einem heiteren Lächeln um den Mund sah sie ihn an: »Sehen Sie, Graf, so müssen Sie in die Welt hineinsehen.«

»Ja, wenn ich solche Augen hätte wie Sie, Komteß, und einen so süßen kleinen Mund, dann ginge es vielleicht, aber so –«

»Sie machen mich wirklich ärgerlich, Graf,« schalt sie. »Obgleich dazu doch wirklich gar keine Veranlassung vorliegt, habe ich aufrichtiges Mitleid mit Ihnen und will Sie davon überzeugen, daß Sie gar keine Ursache haben, den Unglücklichen zu spielen, und Sie sagen mir fade Komplimente.«

»Seien Sie mir nicht böse, Komteß,« bat er, »aber ganz so schnell, wie Sie es befehlen, geht es mit dem frohen Gesicht denn doch nicht.«

»Und warum nicht?«

»Es gibt Dinge,« erwiderte er tiefsinnig, »über die man so gern spräche, und die man doch in seinem tiefsten Innern verbergen muß.«

»Verzeihen Sie meine Indiskretion, aber auch ohne daß Sie es mir sagen, weiß ich jetzt, was Ihnen fehlt: Sie sind verliebt oder Sie bilden es sich wenigstens ein.« Und als er schwieg, fuhr sie nach einer kleinen Pause fort: »Wissen Sie, das ist ein Zustand, der so gar nicht für Sie paßt. Graf Udo Bodo verliebt – das glaubt ja kein Mensch!«

»Na, erlauben Sie mal, Komteß,« verteidigte er sich.

»Wirklich, Graf,« bestätigte sie abermals. »Später, viel später einmal, wenn Sie dereinst das Gut Ihres Herrn Vaters übernommen haben, dann können Sie sich mit derartigen Gedanken tragen. Aber jetzt? Wie alt sind Sie?«

»Der berühmte Mantel ist im Vergleich mit mir der reine Säugling.«

»Ach so, Sie meinen, Sie haben die Dreißig bereits überschritten? Das ist doch für einen Mann gar kein Alter. Aber wenn auch, Sie passen noch nicht zur Ehe, ich kann Ihnen zwar keine Gründe dafür anführen, aber es ist Empfindungssache. Und außerdem wüßte ich auch gar nicht, wie die Frau aussehen sollte, die zu Ihnen paßt.«

»Ich wüßte es schon,« gab er zur Antwort, und er brachte es fertig, die Worte so gleichgültig zu sprechen, daß sie gar nicht auf den Gedanken kam, diese Äußerung irgendwie auf sich zu beziehen.

»Sie irren sich,« widersprach sie, »aber selbst, wenn Sie jetzt wirklich von der Wahrheit Ihrer Worte durchdrungen sein sollten, so würden Sie schon nach kürzester Zeit einsehen, daß Sie sich täuschten. Ich meine es wirklich gut mit Ihnen, Graf, geben Sie alle derartigen Gedanken auf, wenn es nicht schon zu spät ist. Seien Sie ein Mann, kämpfen Sie gegen Ihre Neigung an, Sie werden schon Sieger bleiben, dann wird Ihnen auch die Freude am Leben wiederkommen, dann werden Sie nicht wieder solches Gesicht machen wie heute, denn heute sehen Sie wirklich entsetzlich elend aus.«

»Kein Wunder,« dachte Udo Bodo. »Gewiß, ich kann ja nicht daran denken, Komteß Blanka zu heiraten, aber hier mitanhören zu müssen, daß die Komteß mir auch dann ihre Hand nicht geben würde, wenn ich die Möglichkeit hätte, ernsthaft um sie zu werben, das in diesem Augenblick zu erfahren, muß mich doch traurig stimmen.«

»Haben Sie Nachrichten von Haus?« fragte Komteß Blanka nach einer kleinen Pause, um das Gespräch auf ein anderes Thema zu bringen.

»Ja, und leider sehr schlechte. Mit meinem Vater geht's zu Ende, darüber täusche ich mich nicht. Er leidet an entsetzlichen Herzaffektionen, es kann jeden Tag aus sein, und es ist ein wahres Wunder, daß er überhaupt noch lebt.«

»Sie Ärmster,« sagte sie voll aufrichtiger Teilnahme, »aber vielleicht ist ja doch noch Hoffnung vorhanden.«

Er schüttelte den Kopf. »Ich glaube es nicht, und offen gestanden wünsche ich es meinem Vater auch gar nicht. Ganz gesund kann er doch nie wieder werden und es wäre für ihn entsetzlich, für den Rest seiner Tage auf all die Genüsse verzichten zu müssen, die ihm das Leben bisher lieb und teuer machten.«

Und wie schon so oft, erzählte er ihr von seinem Elternhaus, bis die hohen Herrschaften ihre Pferde in Galopp fallen ließen und damit dem Gespräch der beiden ein Ende machten.

Wie immer, so war auch heute der Spazierritt um acht Uhr beendet, und im Schloßhof standen schon die Stallknechte bereit, um die Pferde in Empfang zu nehmen. Eine Stunde war jedem im Anschluß an den Ritt für das Umkleiden und das Frühstück freigegeben, dann begann sowohl für die Hofdame als für die Adjutanten der Dienst, und so suchte Udo Bodo denn auch heute gleich seine Wohnung auf. Als er dort ankam, fand er ein dringendes Telegramm vor und schon die Adresse verriet ihm den traurigen Inhalt, denn die Aufschrift lautete: an den Grafen Udo Bodo von Adlershorst, Majoratsherrn des adligen Gutes Adlershorst, persönlicher Adjutant Seiner Hoheit des Herzogs Karl Friedrich, Inhaber vieler Orden.

Sein Vater war gestorben!

Er sank in einen Stuhl und hielt das Telegramm lange uneröffnet in den Händen. Die Anrede als Majoratsherr brachte ihm ja schon die traurige Gewißheit dessen, was die Depesche enthielt. Er ließ seinen Tränen freien Lauf und versuchte sich vorzustellen, daß er seinen Vater fortan nicht mehr wiedersehen solle, und der Verlust. den er erlitten, erfüllte ihn mit tiefer, aufrichtiger Trauer.

Er wollte und konnte die traurige Nachricht immer noch nicht glauben und er saß so in tiefen Gedanken versunken da, daß er es überhörte, als sein Kammerdiener eintrat, um ihn daran zu erinnern, daß es Zeit sei, zu Hof zu fahren.

»Ach so, ja –« er hatte ja Dienst wie alltäglich, um neun Uhr mußte er sich bei Seiner Hoheit melden. So raffte er sich denn zusammen.

»Haben der Herr Graf eine traurige Nachricht erhalten, wenn ich fragen darf?« erkundigte sich der Kammerdiener teilnehmend, als er die verweinten Augen seines Herrn bemerkte.

Udo Bodo hatte in Gegenwart des Dieners seine Fassung wiedergewonnen, er hatte den Grundsatz, seinen Domestiken nie einen Einblick in sein Inneres zu gewähren, so sagte er denn jetzt voller Würde: »Es hat dem Herrn über Leben und Tod gefallen, meinen Herrn Vater, den Grafen Kuno, Majoratsherrn auf Adlershorst, heute nacht zu seinen gräflichen Ahnen zu versammeln.« Und als der Diener mit einigen schlichten Worten seine Teilnahme ausgedrückt hatte, fuhr er fort: »Packen Sie sofort die Koffer, ich werde heute noch reisen. Sie begleiten mich.«

»Sehr wohl, Herr Graf.«

»Die Dienerschaft soll sofort Trauer anlegen. Sie werden das Weitere veranlassen.«

»Sehr wohl. Herr Graf.«

Als Udo Bodo wenig später dem Herzog das Ableben seines Vaters meldete, war dieser aufrichtig betrübt. »Ich habe Ihren seligen Herrn Vater ja leider nur selten zu sehen Gelegenheit gehabt, aber die wenigen Tage, die ich als Fähnrich in dessen gastfreiem Hause verleben durfte, sind mir noch in schönster Erinnerung. Selten habe ich mich in einem Hause so wohl gefühlt wie damals auf Adlershorst, und es ist selbstverständlich, daß ich Ihrem seligen Herrn Vater die letzte Ehre erweisen werde. Ich bitte Sie, mich telegraphisch zu benachrichtigen, sobald der Tag und die Stunde der Beisetzung feststehen.«

»Gott, wie würde mein Vater sich freuen, wenn er es noch hätte erleben können, daß Seine Hoheit ihm die letzte Ehre erweist,« dachte Udo Bodo, und die große, aufrichtige Freude, die er über diese dem Toten zuteil werdende Auszeichnung empfand, ließ ihn den Schmerz über den Verlust viel ruhiger ertragen.

Und auch für die Gräfin Cäcilie war die Nachricht, die Udo Bodo ihr am Abend mitteilte, ein großer Trost.

Graf Kuno, der sein Ende deutlich voraussah, hatte schon, als er noch lebte, bestimmt, daß seine gräfliche Gemahlin sich rechtzeitig alle Trauerkleider anschaffe, und auch für die Dienerschaft war alles für diesen traurigen Fall vorbereitet worden, denn Graf Kuno hatte immer mehr Wert auf das Äußere und auf die Wahrung der Form als auf die inneren Empfindungen gesehen.

So fand Udo Bodo denn die Gräfin Cäcilie und die ganze Dienerschaft bereits im tiefsten Schwarz vor, und das berührte ihn sehr sympathisch.

Als erstes trat er natürlich an die Leiche seines Vaters, er küßte die Lippen, die ihm nur Freundliches und Liebes gesagt hatten, und stand dann lange im stummen Gebet da.

Erst dann hielt er es für passend, auch dem Toten zu sagen: »Lieber Vater, auch Seine Hoheit der Herzog ist aufrichtig traurig, daß Du uns so früh verlassen hast. Er läßt Dir zu Deinem Ableben sein höchstes Beileid aussprechen und wird Dir selbst die letzte Ehre erweisen.«

»Wie würde er sich darüber freuen, wenn er das noch hätte erleben können,« sagte jetzt auch Gräfin Cäcilie. »Er hat in den letzten Tagen ganz ruhig über seinen bevorstehenden Tod gesprochen, so ruhig, daß es mich oft erschreckte, und er hat selbst das Zeremoniell seiner Beisetzung ausgearbeitet. Er hat an alles gedacht, sogar den Wortlaut seiner Todesanzeige hat er selbst verfaßt und er hat die Namen aller derer aufgeschrieben, die aller Wahrscheinlichkeit nach zur Beisetzung kommen würden. Aber auf den Gedanken, daß auch der Herzog erscheinen würde, ist selbst er nicht verfallen. Wie würde er noch im Tode stolz und glücklich sein, wenn er wüßte, daß Seine Hoheit in höchsteigener Person hinter seinem Sarge einherschreiten würde.«

Ebenso wie Udo Bodo war auch Gräfin Cäcilie durch den Verlust des Grafen Kuno in aufrichtige Trauer versetzt. War es auch, schon bei dem Unterschied der Jahre, keine leidenschaftliche Liebe gewesen, die sie beide miteinander verbunden hatte, so hatte sie doch eine treue Freundschaft und Kameradschaft stets zusammengehalten.

Natürlich gab es an diesem Abend noch viel zu besprechen und anzuordnen und vor allen Dingen galt es, den Tag der Beisetzung zu bestimmen. Zwar hatte Seine Hoheit erklärt, daß er sich die nächsten Tage für diese traurige Feier freihalten würde und daß ihm somit jede Stunde recht sei, aber trotzdem hielt Udo Bodo doch noch eine telegraphische Anfrage bei dem Herzog für notwendig, und erst als er die Zustimmung Seiner Hoheit zu dem diesem unterbreiteten Vorschlag in Händen hatte, konnte die Beisetzung definitiv festgesetzt werden. Dann wurden als erstes an sämtliche Verwandten und an alle, die dem Verstorbenen nahestanden, Depeschen abgesandt, die die Stunde der Beisetzung, der Trauerfeierlichkeit, aber zugleich auch die Teilnahme Seiner Hoheit an derselben meldeten. Gräfin Cäcilie kannte ihre Verwandten ganz genau: die würden sich jetzt, wo Graf Kuno tot und seine stets offene Hand für immer geschlossen war, in der Mehrzahl damit begnügen, ein Beileidstelegramm oder einen Kranz zu senden. Aber die Anwesenheit des Herzogs zog, darüber war sie sich klar. Und Seine Hoheit mußte ziehen, schon seinetwegen mußte eine zahlreiche und vornehme Trauerversammlung im Hause anwesend sein.

Gräfin Cäcilie hatte sich nicht verrechnet. Schon am nächsten Tage kamen von allen Seiten die Zusagen, daß man selbstverständlich zur Beisetzung kommen würde und daß man dieses auch getan hätte, wenn Seine Hoheit nicht erscheinen würde. Aber diese Versicherungen entlockten der Gräfin-Witwe nur ein leises, spöttisches Lächeln. Ja, wenn sie hätten hoffen können, von Udo Bodo fernerhin dieselbe Zulage zu erhalten wie früher von dem Grafen Kuno, ja, dann wären sie schon deshalb gekommen, um Udo Bodos Gunst zu erringen und durch die Trauer, die sie zur Schau trugen, sein Herz zu rühren. Aber so? Man wußte ja, wie Graf Kuno gewirtschaftet hatte und daß Udo Bodo an den Schulden seines Vaters mehr als genug zu bezahlen haben würde.

Die einzige, die abtelegraphierte, weil sie krank daniederlag, war Betty, und so sehr er auch ihre Krankheit bedauerte, so sehr beruhigte es ihn doch, daß sie nicht erscheinen würde. Er hatte vor dem Wiedersehen mit ihr eine gewisse Angst gehabt, er hatte sich vergebens klarzumachen versucht, wie er nach dem, was zwischen ihnen vor vielen Jahren vorgefallen war, ihr selbst und vor allen Dingen ihrem Mann hätte gegenübertreten sollen. Nun blieb ihm wenigstens diese schmerzliche Begegnung erspart.

Am Abend vor der Beisetzung kam plötzlich und unerwartet ein Telegramm des Herzogs, in dem dieser mitteilte, es sei ihm zu seinem aufrichtigsten Bedauern infolge plötzlicher, wichtiger Verhinderung nicht möglich, länger als eine Stunde an den Beisetzungsfeierlichkeiten teilzunehmen, er werde mittags um zwölf Uhr mittelst Extrazugs eintreffen, müsse aber schon um ein Uhr in seine Residenz zurückreisen, er könne also nur dem letzten Teil des feierlichen Aktes, der sich um zwölf Uhr in der ja auch ihm bereits bekannten kleinen Kirche abspielen würde, beiwohnen.

Gott sei Dank wurde dadurch wenigstens keine völlige Änderung des Programms nötig, die in letzter Stunde durchzuführen auch kaum noch möglich gewesen sein würde, aber immerhin mußte jetzt doch gar vieles anders werden. Man hatte damit gerechnet, den Herzog von der Eisenbahnstation im Viererzug nach Adlershorst zu fahren, dort sollte er sich für kurze Zeit in den für ihn hergerichteten Gemächern aufhalten und im Anschluß daran sollte ein Frühstück stattfinden, an dem alle erschienenen Gäste teilnehmen sollten, damit sie Gelegenheit fänden, Seine Hoheit persönlich kennen zu lernen. Selbstverständlich würde Seine Hoheit bei dieser Gelegenheit jedem der direkten Verwandten ein paar freundliche, teilnehmende Worte sagen, und man hatte sich schon die Verbeugungen und den Hofknicks wieder eingeübt, um dem hohen Herrn danken zu können, hatte schon den halblauten, traurigen Ton einstudiert, in dem man antworten wollte: »Eure Hoheit sind zu gnädig und zu liebevoll.«

Und wie schön und feierlich hatten alle es sich gedacht, wenn Seine Hoheit aus dem Schloß treten würde, um, wenn auch nur wenige Schritte, bis zu dem Leichenwagen hinter dem Sarg einherzuschreiten, und dann den für ihn bestimmten Viererzug zu besteigen und das Trauergefolge zu eröffnen.

Für einen Augenblick hatte Udo Bodo darüber nachgedacht, ob es wohl angängig sei, den hohen Toten sechsspännig, den aber noch Höheren und Lebenden nur vierspännig fahren zu lassen. Zur Vorsicht hatte er an das Oberhofmarschallamt telegraphiert, daß sein Vater bei Lebzeiten selbst noch den Sechserzug für sich bestimmt habe, und er hatte erklärend hinzugefügt, daß er selbstverständlich sich noch einen zweiten Sechserzug anschaffen würde, wenn die Kürze der Zeit nur ein Einfahren der neuen Pferde ermögliche. Da dies aber leider nicht möglich sei, erbäte er Nachricht, ob unter den durch das persönliche Erscheinen des Herzogs veränderten Umständen der letzte Wille seines gräflichen Vaters noch erfüllt werden könne oder ob er für eine andere Bespannung der Wagen Sorge tragen müsse.

Selbstverständlich kam die Antwort: Seine Hoheit denke nicht daran, durch sein Erscheinen irgendwie eine Änderung des einmal bestimmten Zeremoniells herbeiführen zu wollen, und so sollte es denn bleiben, wie es bestimmt war: Graf Kuno fuhr sechsspännig, Seine Hoheit nur vierspännig.

Und nun kam Seine Hoheit überhaupt nicht nach Adlershorst!

Gesagt hatte es natürlich niemand, aber in erster Linie hatten sich doch alle auf das Diner gefreut, das der Beisetzung folgen würde. Daß Seine Hoheit daran teilnahm, war ja selbstverständlich, und von neuem würden dann alle Gelegenheit haben, mit dem hohen Herrn in Berührung zu kommen, man würde manch kluges, geistreiches Wort aus dem Munde Seiner Hoheit vernehmen, man würde schon deshalb mit Auszeichnung behandelt werden, weil man das Glück hatte, mit dem lieben Udo Bodo verwandt zu sein, der es ja verstanden hatte, sich bei seinem hohen Herrn so beliebt zu machen, daß dieser kürzlich einmal geäußert hatte, er könne sich gar nicht vorstellen, wie er später leben solle, wenn Udo Bodo einmal nicht mehr sein Adjutant sei. Das war zwar nicht wahr, und daß es nicht wahr sei, wußten natürlich alle ganz genau, aber es hörte sich so nett an, und diese Worte ehrten nicht nur Udo Bodo, sondern die ganze Familie. Man grub diese goldenen Worte in sein Herz und nahm sich vor, seinen Bekannten gegenüber später damit prahlen zu wollen. Und wie hatte erst ein jeder und vor allem eine jede sich mit den Worten brüsten wollen, die Seine Hoheit der Herzog an sie persönlich gerichtet hatte oder wenigstens an sie hatte richten können. Trotz der tiefen Familientrauer hatte jede der weiblichen Verwandten schon für die allernächste Zeit einen kleinen Kaffee geplant, natürlich nur einen ganz kleinen, ganz intimen, zu dem nur die allerbesten Freunde eingeladen werden sollten. Und dann wollte jede von der Huld Seiner Hoheit erzählen, von der Auszeichnung, mit der er sie behandelt hatte, von dem Handkuß, mit dem er sie beglückt, von den teilnehmenden, aus tiefstem Herzen kommenden Worten, mit denen er sie in ihrem großen Schmerz getröstet, von den Worten der höchsten Anerkennung, mit denen er von Udo Bodo gesprochen hatte. Grün vor Neid hätten die anderen werden sollen, die intimste Freundin sogar am allergrünsten. Mit echt weiblicher Phantasie hatte man sich diesen Triumph ausgemalt, und nun kam Seine Hoheit gar nicht nach Adlershorst! Bei seiner Anwesenheit in der Kirche würde er sich darauf beschränken, die Gräfin-Witwe und Udo Bodo in ein längeres Gespräch zu ziehen, die übrigen würden sich mit einer stummen Verbeugung begnügen müssen. Aber mit einer regen Phantasie, und die besaßen im Gegensatz zu den Männern die weiblichen Mitglieder der gräflichen Familie Adlershorst alle, ließ sich ja schließlich auch auf Grund dieser stummen Verbeugung eine Kaffeegesellschaft arrangieren, aber die Gäste würden ja aus den Zeitungen wissen, wie äußerst knapp bemessen der Aufenthalt Seiner Hoheit gewesen war, und anstatt lange, huldvolle Gespräche zum besten zu geben, konnte man jetzt nur kurze, selbstverständlich mehr als gnädige Worte Seiner Hoheit den anderen servieren. Und daß man nur so wenig zum Erzählen und zum Fragen haben würde, das nahm ihnen die Freude an dem ganzen geplanten Kaffee, ja, noch mehr, es nahm ihnen die Freude an der ganzen Beerdigung.

Wenn man das vorher gewußt hätte! Das war das Thema, das alle Leidtragenden unter sich erörterten, wenn Gräfin Cäcilie und Udo Bodo nicht zugegen waren. Wenn man das vorher gewußt hätte! Dann hätte man doch das Geld für die Reisen sparen können und die Anstrengung der Reise erst recht, denn ein Vergnügen war es doch wahrlich nicht, zehn Stunden und länger im Coupé zu sitzen.

So ging das in einem fort. »Und verdenken kann uns das niemand, wenn wir außer uns sind,« meinte die alte Stiftsdame, »denn um den jungen Herzog nur zu sehen, bin ich doch nicht hergekommen. Du lieber Gott, gesehen habe ich in meinem Leben schon Herzöge genug, nur um das Vergnügen nochmals zu haben, mache ich nicht solche Reise.«

»Ich auch nicht, ich auch nicht,« stimmten alle ihr bei. Und so sprach man denn nur von dem Herzog, aber von dem armen Grafen Kuno, der nur durch wenige Zimmer getrennt aufgebahrt war, und an dessen Sarge, den von ihm persönlich getroffenen Bestimmungen gemäß, die Diener und Jäger die Totenwache hielten, sprach kein Mensch.

Am nächsten Vormittag fand die feierliche Beisetzung statt. Die Nachricht, daß Seine Hoheit persönlich zugegen sein würde, hatte sich mit Windeseile verbreitet, und sie hatte genügt, um von den entferntesten Gütern, aus der Stadt, aus der ganzen Umgegend zahllose Leidtragende anzulocken. Die meisten von denen, die erschienen, hatten den Grafen Kuno, als er noch lebte, nie gesehen, geschweige denn gesprochen.

Gräfin Cäcilie und Udo Bodo waren tiefgerührt, als sie auf dem Schloßhof sich das große Trauergefolge versammeln sahen, Udo Bodo wenigstens kam gar nicht auf den Gedanken, daß auch nur ein einziger dieser Leute des Herzogs wegen erschienen war.

In unabsehbarer Folge setzte sich endlich der imposante Leichenzug in Bewegung, und als man die Kirche erreicht und den Sarg dort aufgebahrt hatte, fuhr Udo Bodo zum Bahnhof, um seinen Herzog abzuholen. Nach kaum einer Viertelstunde kehrte er mit diesem zurück und in der zum Brechen vollen Kirche reckten sich alle Hälse dem eintretenden Fürsten entgegen.

Von Udo Bodo geleitet, trat der Herzog an den Sarg, sprach ein stilles Gebet, legte den ihm von seinem zweiten Adjutanten überreichten Kranz am Fuß des Sarges nieder, und trat dann auf die Gräfin-Witwe zu, der er in wenigen Worten sein herzlichstes Beileid aussprach. Dann nahm er zwischen der Gräfin-Witwe und Udo Bodo auf dem für ihn reservierten Sessel Platz. Gleich darauf ertönte das Orgelspiel und die traurige Feier nahm ihren Anfang.

»Nicht einmal eine Verbeugung hat er uns gemacht – nicht einmal eine Verbeugung!« Das waren die Gedanken der nächsten Verwandtschaft, mit denen diese den Worten des Predigers lauschten, der ihnen in ihrem tiefen, aufrichtigen Schmerz, soweit es in Menschenkraft läge, Trost zu spenden versuchte.

»Wenn wir das gewußt hätten, daß Seine Hoheit uns nicht einmal eine Verbeugung machen würde, daß er von uns gar keine Notiz nähme, dann wären wir ganz sicher nicht gekommen! Dann hätten wir das Geld zur Reise gespart und es lieber praktischer verwendet!«

Aber was der Herzog zu Beginn der Trauerfeier versäumt hatte, holte er nach, sobald der Sarg in der Gruft beigesetzt war; er ließ sich die einzelnen Familienmitglieder vorstellen, er reichte jedem einzelnen die Hand, und da er nicht an jeden dieselben Worte der Teilnahme richten konnte, richtete er diese an die Allgemeinheit: er erwähnte kurz die schönen Tage, die er in seiner Jugend auf Adlershorst hatte verleben dürfen, er sprach davon, wie er dem Toten stets ein dankbares Andenken bewahrt, wie er es immer bedauert habe, den Grafen Kuno später nie wieder gesehen zu haben, wie schmerzlich es ihm sei, daß der Graf Kuno so früh und so plötzlich habe sterben müssen, und wie er traurig sei, daß die ihm durch Udo Bodo nahestehende Familie der Grafen Adlershorst von einem so schweren Verlust betroffen worden sei.

Und in aufrichtiger Teilnahme legte er Udo Bodo, der neben ihm stand, tröstend die Rechte auf die Schulter.

Wenig später fuhr der Herzog, von Udo Bodo geleitet, wieder zur Bahn, und die Familienmitglieder fuhren nach Adlershorst zurück.

Die Worte Seiner Hoheit klangen noch in ihnen nach, und ein Glücksgefühl, nun doch noch durch einen Händedruck und durch eine Ansprache Seiner Hoheit ausgezeichnet zu sein, durchströmte sie. Und so faßten sie denn das, was sie in ihrem Innersten bewegte, in die Worte zusammen: »Es war doch schön, daß wir hierher gekommen sind, eine so schöne Beerdigung haben wir noch nie mitgemacht!«

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