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Wolf Graf von Baudissin (Schlicht): Graf Udo Bodo - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorWolf Graf von Baudissin
titleGraf Udo Bodo
publisherGlobus Verlag G.m.b.H. Berlin
printrun25. bis 27. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid0f1b0669
created20061216
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VI.

Udo Bodo war nun schon zwei Jahre persönlicher Adjutant Seiner Hoheit, und es war zwischen seinem hohen Gönner und ihm schon lange vereinbart, daß dieser nach Ablauf der obligaten drei Jahre darum bitten würde, Udo Bodo noch für weitere zwei Jahre bei sich behalten zu dürfen, und es war selbstverständlich, daß das Militärkabinett diesen Wunsch erfüllen würde.

Udo Bodo war mit seiner Stellung sehr zufrieden und fühlte sich in jeder Hinsicht in der kleinen Residenz sehr glücklich. Er gab sehr gute Gesellschaften, die auch der Herzog zuweilen mit seinem persönlichen Besuch beehrte, er war tadellos beritten, seine Gespanne erregten überall die Aufmerksamkeit, und wo er sich nur sehen ließ, bewarb man sich um seine Gunst, als wäre er der Fürst selbst. Er galt als der allmächtige Günstling, und gar viele, die einen Wunsch auf dem Herzen hatten, dessen Erfüllung sie von oben her erhofften, schütteten ihm ihr Herz aus und baten um freundliches Gehör.

Udo Bodo hörte jeden mit der größten Liebenswürdigkeit, mit der größten Geduld und Ausdauer an. Er war die Diskretion selber, er war sogar so diskret, daß selbst der Herzog, der es doch erfahren sollte, nie etwas von dem erfuhr, was die anderen ihm anvertraut hatten. Und der hohe Herr war ihm dafür sehr dankbar, daß er ihm nicht beständig mit Bittgesuchen anderer Leute kam, und auch sonst war er mit seinem Adjutanten sehr zufrieden, denn für viele Gelegenheiten konnte er sich keinen besseren Vertreter seiner Person denken, als Udo Bodo es war: keiner legte bei dem Begräbnis eines verdienten Staatsbürgers im Auftrage des Landesherrn mit solcher traurig ernsten Miene, mit solcher Würde und solcher Ehrfurcht einen Kranz am Sarge des Verstorbenen nieder, keiner schritt so stolz und doch so teilnehmend und von Schmerz erfüllt hinter dem Leichenwagen einher wie Udo Bodo.

Und auf der anderen Seite gab es bei frohen Festlichkeiten auch keinen besseren Vertreter Seiner Hoheit als ihn, er aß die Diners als gewiegter Gourmand, seine Zunge und sein feiner Geschmack waren bekannt und gefürchtet, das Beste war für ihn gerade gut genug, und wenn er dann manchmal bei einem besonders guten Gericht verständnisinnig mit dem Kopf nickte, dann empfanden die Gastgeber dasselbe beglückende und beseligende Gefühl, als hätte Seine Hoheit selbst seinen Beifall geäußert. Leider erlebte man dies wenigstens auf Gesellschaften sehr selten, denn Seine Hoheit war magenkrank und lebte streng nach der ihm verordneten Diät, so mußte Udo Bodo für ihn die meisten Diners besuchen, und heimlich nannte man ihn deshalb auch wohl den Dineradjutanten. Im Winter aß er fast täglich im höchsten Auftrage ein Diner von sieben und noch mehr Gängen, aber was für andere der leibliche Tod gewesen wäre, bekam ihm so ausgezeichnet, daß er dabei nicht einmal seine schlanke Taille verlor.

Geistige Arbeit hatte Udo Bodo in seiner Stellung nicht zu verrichten, für diese schwierige Tätigkeit war, von allen hohen Beamten natürlich ganz abgesehen, noch ein bürgerlicher Adjutant da, vor dessen Tätigkeit Udo Bodo aus tiefinnerster Überzeugung eine unbegrenzte Hochachtung hatte. »Ich könnte's nicht,« gestand er offen und ehrlich, und mehr als einmal erkundigte er sich: »Kamerad, sagen Sie mal, wie machen Sie das?« Er stand vor einem Rätsel, das er nicht begriff, ebenso wie der andere nicht fassen konnte, daß man monatelang jeden Tag Austern, Sekt, Hummern und Kaviar zu sich nehmen konnte.

Offiziell zu tun hatte Udo Bodo gar nichts, und doch war er den ganzen Tag beschäftigt, er mußte frühmorgens mit seinem Fürsten spazieren reiten, ihn bei seinen Besuchen begleiten, mit ihm ausfahren, mit ihm jagen, Karten spielen, kurz, zu tun gab es immer, und da Udo Bodo in all diesen Künsten ein Meister war, so wurde er Seiner Hoheit unentbehrlich, zumal er nie sprach, wenn er nicht gefragt wurde, sich nie am Hofklatsch beteiligte und nie jemand in den Augen seines Herrn herabzusetzen oder herauszustreichen versuchte. So kam es, daß Udo Bodo weder bei Hofe noch in der Residenz einen einzigen Feind hatte, vorübergehend grollten ihm zwar diejenigen, die durch seine Vermittelung vergebens eine Auszeichnung Seiner Hoheit erstrebt hatten, aber da er auch ihren Rivalen und Feinden nicht genützt hatte, waren alle gerecht genug, schließlich doch die Lauterkeit seines Charakters anzuerkennen.

Aber nicht nur die Gleichgestellten erkannten seine Tugenden an, sondern auch die hohen Herren dieser Welt, und so häuften sich auf seiner Brust die Orden, die er von Hofjagden, Fürstenbesuchen, Begräbnissen erlauchter Häupter und anderen traurigen und frohen Festen zurückbrachte. Mit jedem neuen Orden ließ Udo Bodo sich natürlich als erstes photographieren, selbstverständlich in den verschiedensten Stellungen und Aufnahmen, und da er sehr oft zum Photographen ging, ja, wegen der immer neuen Dekoration sogar hingehen mußte, so hatte er eine solche Anzahl seiner eigenen Photographien, daß dem Beschauer angst und bange wurde.

Von jedem Bild wanderte naturgemäß ein Exemplar nach Adlershorst, und das wurde dort gewissenhaft registriert und dem Familienarchiv überwiesen, denn darüber war Graf Kuno sich klar, seit den Zeiten des seligen Udo Bodo, der im grauen Mittelalter das Ansehen der Familie hochgehalten hatte, war keiner dagewesen, der so viel Ehre und Ruhm auf den Namen Adlershorst gehäuft hatte wie sein Sohn Udo Bodo.

Allerdings machte, gerade als dieser seine letzte Photographie einsandte, auch sein Onkel, der Professor, viel von sich reden. Der hatte über das damals aktuelle Thema »Babel und Bibel« eine Schrift veröffentlicht, die das größte Aufsehen in der ganzen wissenschaftlichen und gebildeten Welt erregte, man stritt sich pro et contra, und mit einem Schlage war der Professor über Nacht ein in der ganzen Welt berühmter Mann geworden.

Selbst Graf Kuno mußte das zugeben, aber allzuhoch rechnete er dem Vetter dies Verdienst nicht an, einmal, weil er überhaupt von der Wissenschaft nicht viel hielt, dann aber auch, weil der Professor ja doch schließlich viel gelernt hatte, na, und wenn er dann wirklich einmal etwas leistete, so war das weiter kein Verdienst, sondern lediglich seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Sein Udo Bodo aber hatte nicht sehr viel gelernt und leistete trotzdem täglich Großes, erst bei der letzten Hofjagd hatte er drei Doubletten gemacht, also gewissermaßen mit drei Schuß sechs Hirsche erlegt. Allerdings waren die so eng zusammengetrieben gewesen, daß man kaum hätte vorbeischießen können, aber gleichviel, der mächtige Herrscher eines benachbarten Reiches hatte Udo Bodo auf die Schulter geklopft und zu ihm gesagt: »Mein lieber Graf, das haben Sie tadellos gemacht, ich bewundere Sie.« Mancher andere hätte von dem Augenblick an den Kopf höher getragen und sich stolz in die Brust geworfen, aber Udo Bodo blieb trotz aller Anerkennungen und Auszeichnungen ganz der, der er immer gewesen war. Auch darin unterschied er sich nach der Auffassung seines gräflichen Vaters auf das vorteilhafteste von dem Professor, der in seinen Briefen einen leisen Triumph über seine Erfolge nicht unterdrücken konnte. Wirklich bedeutende Menschen sind und bleiben immer bescheiden, dachte Graf Kuno, und voller Stolz blickte er auf die Bilder seines Sohnes.

Auch Gräfin Cäcilie strahlte und mehr als je bedauerte sie, verhältnismäßig sehr wenig Verkehr zu haben. Es fehlte ihr an Gelegenheit, anderen von ihrem Sohne erzählen zu können, und eigentlich nur, um hierzu Veranlassung zu haben, ging sie für einige Zeit auf Reisen, machte die vornehmsten Bekanntschaften und erzählte allen, die es hören wollten oder nicht, daß sie die beneidenswerteste aller Stiefmütterchen sei, denn sie hätte einen Sohn, einen Sohn –! Und dann folgte eine so ausführliche Schilderung der hervorragenden geistigen und körperlichen Eigenschaften ihres Kindes, daß die Zuhörer, selbst wenn sie noch so wohl erzogen waren, Udo Bodo einen schnellen Tod wünschten, nur damit die Mutter endlich einmal den Mund hielte.

Hätte Udo Bodo diese langen Lobeshymnen selbst mit anhören müssen, dann hätte er wahrscheinlich den ihm von anderer Seite gewünschten Tod schnell erlitten, so aber erfreute er sich der besten Gesundheit und lebte ruhig und friedlich dahin. Er freute sich seines Daseins und war jeden Abend, wenn wiederum ein Tag vorüber war, aufrichtig traurig. Er glaubte zwar an ein Jenseits, aber daß er es dort nur halb so gut haben würde wie hier, glaubte er nicht. Er hatte nur einen Wunsch auf der Welt: daß alles so schön für ihn bleiben möge, wie es war.

Da geschah es, daß es eines Tages im Ländchen hieß, sein erlauchter Gönner, Seine Hoheit Prinz Karl Friedrich, trage sich mit Heiratsgedanken. Als Udo Bodo davon hörte, schüttelte er ungläubig lächelnd sein Haupt, er kannte seinen Fürsten, der liebte die goldene Freiheit, und außerdem liebte er die erste Naive seines Hoftheaters. Er war einer der wenigen, die um dieses süße Geheimnis wußten, und er war sogar einmal der Ehre gewürdigt worden, mit den beiden zusammen speisen zu dürfen. Da hatte er gemerkt, daß der Fürst mit einem großen Teil seines Herzens an der Geliebten hing, und daß diese Liebe ebenso herzlich erwidert wurde. Nein, sein hoher Herr dachte nicht ans Heiraten, und mit dieser Vermutung hatte Udo Bodo auch recht, aber wenn der Herzog nicht selbst daran dachte, so dachten seine Minister daran und ebenso sein Volk. Man wünschte einen Thronerben, denn wenn der Herzog kinderlos starb, dann standen lange Erbstreitigkeiten bevor, und wenn es irgend ging, sollten und mußten diese vermieden und dem Lande erspart werden.

Der Fürst Karl Friedrich stöhnte bei dem Vorschlag seiner Minister ebenso schwer auf wie der vielberühmte Prinz Karl Heinz in »Alt Heidelberg«, das damals gerade Mode war und mit der Freundin des Herzogs als »Käthi« auf dem dortigen Hoftheater gegeben wurde. Und wie dieser, so sah auch er ein, daß ein Herrscher nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten habe. So sagte er denn eines Tages zu Udo Bodo, als er mit diesem nach dem Diner allein bei der Zigarre saß: »Mein lieber Graf, ich werde mich nächstens verheiraten.«

»Und Claire? Was wird aus der?« wollte Udo Bodo fragen.

Aber der Herzog kam ihm zuvor. »Selbstverständlich muß ich erst mit Claire in aller Freundschaft brechen, ich habe schon mit dem Intendanten gesprochen, wir werden ihr jetzt einen längeren Urlaub bewilligen und vom neuen Jahr an wird sie meiner Bühne nicht mehr angehören. Wir haben bereits Unterhandlungen eingeleitet, um ihr an einer anderen Hofbühne ein glänzendes Engagement zu verschaffen.«

»Schade,« sagte Udo Bodo, denn ohne daß er es eigentlich wollte, hatte auch er einen nicht unbedeutenden Teil seines Herzens an die kleine Naive verloren, und daß er sie nun bald nicht mehr sehen würde, tat ihm wirklich aufrichtig leid.

»Ja, sehr schade,« stimmte Seine Hoheit ihm bei, dann schwiegen sie beide und sahen den Rauchwolken ihrer Zigarren nach.

Udo Bodo war im Schweigen groß, der große Schweiger Moltke war im Vergleich mit ihm ein Schwätzer gewesen, aber als sein hoher Gönner nach einer Viertelstunde immer noch schwieg, wurde ihm bange, allzusehr durfte der sich seinen Erinnerungen an die mit Claire verlebten schönen Stunden nicht hingeben, sonst gab er vielleicht allen Ministern zum Trotz seine Heiratsgedanken ganz wieder auf oder verschob sie, bis Claires Kontrakt am hiesigen Theater abgelaufen war, und das dauerte noch einige Jahre. Gar zu gern hätte er ein Wort gesprochen, aber das durfte er nicht, räuspern durfte er sich auch nicht, husten erst recht nicht, denn nur zu leicht konnte Seine Hoheit dann die Absicht merken und verstimmt sein. Aber geschehen mußte irgend etwas. Endlich kam ihm ein rettender Gedanke – die Vorstellung war ja allerdings gräßlich und schmerzen tat es außerdem auch noch, aber was half's? Was er tat, tat er ja schließlich im Interesse Seiner Hoheit, im Interesse des Landes, das sich einen Thronerben wünschte, und damit zugleich im Interesse des gesamten deutschen Vaterlandes, dem durch den Thronerben Erbstreitigkeiten erspart blieben. Es nützte alles nichts, er sah keinen andern Ausweg, die Gedanken Seiner Hoheit von der Geliebten abzulenken. Noch einmal holte er tief Atem, dann nahm er allen Mut zusammen und steckte die brennende Zigarre mit einer Energie, die einer besseren Sache würdig war, mit dem falschen Ende in den Mund.

Gleich darauf sprang er wie von der Tarantel gestochen in die Höhe: »Pfui Deibel!« Er wollte auch noch »Königliche Hoheit« hinzusetzen, aber im letzten Augenblick schluckte er die beiden Worte Gott sei Dank noch hinunter, oder besser gesagt, er spuckte sie in sein Taschentuch hinein, zugleich mit der Asche und den feurigen Kohlen, die sich zwar nicht auf seinem Haupt, wohl aber auf seiner Zunge angesammelt hatten.

»Aber Graf, was haben Sie denn nur?«

Zuerst war Seine Hoheit über das sonderbare Gebaren seines Adjutanten und Freundes etwas ungehalten, aber als dieser seine Schmerzen ersichtlich übertrieb und einen wahren Indianertanz aufführte, mußte er lachen. »Ach so, Sie haben sich die Zunge verbrannt? Sie Ärmster, das tut mir leid. Da steht Wasser, trinken Sie ein Glas, das wird die Schmerzen lindern.«

Udo Bodo trank nicht nur ein Glas, sondern die ganze Karaffe leer, aber als er sich dann seinem Fürsten zuwandte, hatte dieser für ihn kein Interesse mehr, sondern hing wieder seinen Gedanken nach.

»Dann kann ich's nicht ändern,« dachte Udo Bodo, »zum zweitenmal stecke ich mir die Zigarre mit dem brennenden Ende nicht in den Mund. Ich habe in der Schule zwar mal etwas von einem gewissen Mucius Scävola gehört, der sich dem Vaterlande zuliebe auch einmal irgend etwas abbrennen ließ, aber ich habe nicht den Ehrgeiz, ins Konversationslexikon zu kommen, wenigstens nicht wegen solcher Verbrennungsarie. Dafür danke ich. Lassen wir Seine Hoheit weiter denken.«

Und während Seine Hoheit anscheinend über die Vergangenheit nachdachte, dachte Udo Bodo an die Zukunft. Wenn der Fürst heiratete, würde sich ja vieles am Hofe verändern, man würde nicht mehr so still und zurückgezogen leben können, Feste mußten stattfinden, der ganze Hofstaat erfuhr eine durchgreifende Veränderung, eine Oberhofmeisterin würde ihren Einzug halten und mit dieser einige Hofdamen.

Als Udo Bodo mit seinen Gedanken gerade bei diesen Hofdamen angelangt war, machte er ein ganz vergnügtes Gesicht. »Die Sache kann eigentlich ganz witzig werden,« sagte er sich, »da wird ein bißchen geflirtet und kokettiert, und das bringt immer etwas Abwechselung in dieses stille Dasein. Gewiß, auch in der Residenz gibt es sehr hübsche junge Damen, aber erstens bin ich es meiner Stellung schuldig, dort nicht den Courmacher zu spielen, und außerdem würde es gleich heißen, ich trüge mich mit Heiratsgedanken, wenn ich jemand aus der Gesellschaft den Hof machte. Und kein Gedanke liegt mir so fern als dieser. Bei einer Hofdame ist das Courmachen ganz etwas anderes, die ist sozusagen ein weiblicher Kamerad, na, und unter Kameraden denkt man doch nicht gleich an so etwas. Wirklich, wenn hier ein paar hübsche junge Hofdamen herkämen, natürlich von altem Adel, das wäre gar nicht dumm.«

»Sagen Sie mal, Graf,« unterbrach da der Herzog das Schweigen, »haben Sie eigentlich noch nie daran gedacht, zu heiraten?«

Udo Bodo machte ein ganz erstauntes Gesicht. »Wie kommen Hoheit nur darauf?«

»Gott, das ist doch sehr einfach. Ich dachte eben, daß es für meine zukünftige Frau, ich meine natürlich,« verbesserte er sich, »für die zukünftige Fürstin doch sehr nett wäre, wenn sie an meinem Hofe eine Dame fände, die nicht in ihrem Sold stände, die an Jahren zu ihr paßte, und mit der sie gewissermaßen Freundschaft schließen könnte.«

»Da haben Hoheit allerdings recht,« meinte Udo Bodo. Vor einer Minute hatte er noch jeden Heiratsgedanken weit von sich gewiesen, aber jetzt erschien ihm die Sache plötzlich in einem ganz anderen Licht.

»Na also,« meinte der Herzog. »Wie ist es? Hat Ihr Herz noch nirgends Feuer gefangen?«

Udo Bodo schüttelte den Kopf: »Ich habe bisher schon mit Rücksicht auf meine Stellung jeden derartigen Gedanken weit von mir gewiesen, aber wenn Hoheit meinen –«

»Verstehen Sie mich recht, lieber Graf,« unterbrach ihn sein Gönner. »Nichts liegt mir natürlich ferner, als Ihnen in dieser Hinsicht irgendeinen Rat geben zu wollen, ich habe dazu gar nicht das Recht, und selbst wenn ich es hätte, würde ich nie davon Gebrauch machen, denn nach einer zwar sehr banalen, aber wie ich mir habe sagen lassen, zugleich auch sehr wahren Redensart, ist das Verheiratsein nicht immer so leicht, wie es aussieht. Da muß jeder nach seinem Kopf und nach seinem eigenen Herzen handeln, nur wir Fürsten dürfen dabei nicht immer an uns selbst, sondern wir müssen dabei sogar auch an unser Land denken.«

Und wieder versank Seine Hoheit in tiefes Nachdenken, bis er sich plötzlich von seinem Stuhl erhob. »Es wird Zeit, lieber Graf, daß ich mich an meinen Schreibtisch setze, es ist zwar schon spät, aber trotzdem habe ich noch viel zu tun. Also auf Wiedersehen morgen früh um sechs Uhr beim Spazierritt.«

Als Udo Bodo seine luxuriös eingerichtete Wohnung betrat, ließ er alle Zimmer hell erleuchten und versuchte sich dann vorzustellen, wie sich in diesen Räumen seine zukünftige Frau ausnehmen würde. Es war alles da, es fehlte eigentlich nur noch die Frau, aber gerade die hatte ihm noch nie gefehlt, und sie fehlte ihm auch heute nicht.

Aber trotzdem wollten ihm die Worte seines fürstlichen Freundes nicht aus dem Sinn, er war kein Fürstendiener, dazu hatte er nicht das geringste Talent, dazu war er viel zu sehr von seinem eigenen Werte durchdrungen, aber trotzdem, einmal mußte er in seinem Leben ja doch heiraten. Wie der Herzog dies seinem Lande, so war er das seinem Namen schuldig, der durfte nicht aussterben, und selbst wenn diese Gefahr auch vorläufig nicht bestand, so konnte es dennoch nicht genug Grafen von Adlershorst geben; je größer und je stärker der Adel war, desto besser war es für das Vaterland, dem der Adel immer noch die meisten bedeutenden Männer für jede Stellung und für jedes Amt gegeben hatte. Heiraten würde und mußte er doch einmal, da war es vielleicht das klügste, er tat es jetzt. Das konnte seine Stellung bei Hofe nur befestigen, und wenn die Fürstin wirklich an seiner zukünftigen Frau Gefallen finden sollte, dann konnte er vielleicht noch jahrelang hier bleiben und mit der Zeit die Stellung eines Hofmarschalls oder etwas ähnliches erhalten. Dann brauchte er vielleicht nie wieder in die Armee zurück; denn so stolz er auch darauf war, Offizier zu sein, der Gedanke, eines Tages doch wieder auf dem Kasernenhofe zu stehen, Rekruten zu exerzieren und Felddienst abzuhalten, hatte für ihn etwas Entsetzliches.

So ließ er im Geiste alle adligen Damen seiner Bekanntschaft Revue passieren, aber an jeder hatte er etwas anderes auszusetzen. Ja, wenn die Hand seiner Cousine Betty noch frei gewesen wäre, dann hätte er gleich heute abend um sie angehalten. Die Erinnerung an seine Jugendliebe wurde wieder in ihm wach, und mit dem Gedanken an Betty legte er sich spät in der Nacht schlafen, um schon nach wenigen Stunden wieder im Sattel zu sitzen und seinen Herzog auf dem Spazierritt zu begleiten.

»Wenn Hoheit mich heute wieder fragen sollte, werde ich antworten, ich würde heiraten, sobald ich eine in jeder Hinsicht standesgemäße Partie gefunden hätte.«

Aber Seine Hoheit fragte nicht. Der junge Herrscher war heute sehr schweigsam, und er wurde noch stiller, als ihm unterwegs seine Geliebte auf dem Rade begegnete. Mit einem freundlichen Gruße ritt er an ihr vorüber, aber Udo Bodo merkte es ihm an, welche Überwindung es ihm kostete, sich nicht nach ihr umzudrehen und ihr nicht noch einmal zuzuwinken.

»Sie muß fort, sobald wie möglich. Der Intendant sagt zwar, sie sei für die nächsten Wochen noch nicht zu entbehren, aber gleichviel, ich werde heute nochmals mit ihm sprechen. Ehe ich auf Brautschau gehe, muß diese Affäre erledigt sein, das bin ich schon der zukünftigen Fürstin schuldig.«

Der Herzog war verstimmt und blieb es auch die nächsten Tage, bis ihm gemeldet wurde, daß die Künstlerin die Stadt verlassen habe.

Am Abend vorher hatte Udo Bodo sie noch im Auftrage seines Herrn aufgesucht, ihr ein wertvolles Geschenk und eine bedeutende Geldsumme überbracht, aber trotzdem hatte es ihm Mühe genug gekostet, ihre Tränen zu trocknen. Udo Bodo war selbst ganz traurig geworden, und er hatte sich gesagt: man tut unrecht, solch junges Wesen an sich zu fesseln, wenn man genau weiß, daß doch eines Tages die Abschiedsstunde schlagen muß. Und er hatte sich im stillen gefreut, daß er in jeder Hinsicht frei und unabhängig dastand, daß er niemand an sich gekettet hatte.

Wenige Wochen später erhielt Udo Bodo den Befehl, sich auf eine mehrwöchentliche Reise vorzubereiten, er sollte seinen Fürsten auf der Brautschau begleiten.

»Vielleicht finde ich bei der Gelegenheit auch etwas Passendes für mich.« dachte Udo Bodo.

Aber als er zurückkehrte, suchte er vergebens den Verlobungsring an seinem Finger, er mußte sich damit zufrieden geben, daß sein Herzog die Hand der ebenso schönen wie liebenswürdigen Prinzessin Thea errungen hatte. Ihm selbst hatte die Reise weiter nichts eingebracht als einen neuen Orden, den ihm der Herzog an seinem Verlobungstage in freudiger Erregung selbst an die Brust geheftet hatte.

Schon nach kaum drei Monaten hielt die junge Fürstin ihren Einzug in die Residenz, und als das junge Paar dann für kurze Zeit auf die Hochzeitsreise ging, benutzte Udo Bodo seine freie Zeit, um einmal wieder nach Haus zu fahren.

Dort sah es nicht zum besten aus. Graf Kuno hatte nicht ungestraft sein ganzes Leben damit zugebracht, nichts zu tun, als nur gut zu essen und zu trinken und allen Ermahnungen zum Trotz fortwährend die schwersten Zigarren zu rauchen. Selbst sein starker Körper hielt das nicht mehr aus, sein Herz revoltierte, und der Arzt hatte ihm ein schnelles Ende prophezeit, wenn er nicht wenigstens auf die Zigarre verzichtete. Eine rege Phantasie hatte Graf Kuno nie besessen, und so konnte er sich ein Leben ohne den Genuß der Import bei dem besten Willen nicht denken. So sah er den baldigen Tod vor Augen, er fürchtete ihn zwar nicht, aber er liebte das Leben zu sehr, als daß ihm das Sterben leicht werden sollte. So befand er sich in einer trüben Stimmung, und die wurde dadurch nicht besser, daß ihn auch wieder Geldsorgen quälten. Die letzte große vierprozentige Staatsanleihe, wie er scherzend selbst die Summe nannte, die er sich geborgt hatte, war den Weg alles Irdischen gegangen. Einen nicht unbedeutenden Teil derselben hatte Udo Bodo erhalten, der nach Ansicht seines Vaters nicht glänzend genug auftreten konnte, und wenn er auch nicht spielte und keine anderen Torheiten machte, so brauchte er doch alljährlich eine große Summe, und er hatte sich um so weniger Einschränkungen auferlegt, weil er im Luxus und Wohlleben groß geworden war und seinen Vater für viel reicher hielt, als dieser es angesichts seiner großen Verpflichtungen und seiner angeborenen Schwäche, das Geld mit vollen Händen zum Fenster hinauszuwerfen, war. Angesichts des drohenden Todes sah Graf Kuno jetzt noch viel schwärzer, als er sonst zu sehen pflegte, wenn das Geld knapp war, und zum erstenmal sprach er mit Udo Bodo offen und ehrlich über seine Finanzlage.

Der hatte von dem Aufstellen einer Bilanz ebensowenig eine Ahnung wie sein gräflicher Vater, aber so viel begriff er denn doch, daß ihm dereinst als Erbschaft außer dem Gute und dem damit verbundenen unantastbaren Geldmajorat eine Riesenschuldenlast zufiel, die zu tilgen er die ehrenvolle Aufgabe haben würde. Und außerdem übernahm er die moralische und testamentarische Verpflichtung, nach dem Tode seines Vaters der Gräfin-Witwe Cäcilie, wie Graf Kuno sie schon jetzt nannte, ein jährliches Witwengeld von zwanzigtausend Mark auszuzahlen, und außerdem mußte er ihr den Marstall, zu dem wenigstens ein Viererzug gehören sollte, unterhalten.

Die Gräfin Cäcilie hatte bei der Abfassung des Testaments selbst freiwillig auf die Pferde verzichten wollen, denn sie hatte die Absicht, wenn sie einst allein stand, viel auf Reisen zu gehen, und sie sah nicht ein, wozu sie sich da mit einem großen Troß umgeben sollte, der horrende Kosten verursachte.

Aber Graf Kuno hatte auf seinem Willen bestanden. »Wenn ich daran denke, daß meine Gräfin-Witwe dereinst in einer Droschke oder womöglich gar in der Elektrischen fahren soll, ich würde mich beständig im Grabe herumdrehen und nicht zur Ruhe kommen.«

So hatte die Gräfin Cäcilie denn nachgegeben, und Udo Bodo versprach seinem Vater, wie sich das für einen guten Sohn und für einen Kavalier ja ganz von selbst verstände, alle die ihm auferlegten Verpflichtungen treu und gewissenhaft zu erfüllen.

Graf Kuno hatte sich eines Tages seinen ihm befreundeten Rechtsanwalt kommen lassen, und der hatte ausgerechnet, daß Udo Bodo, solange seine Mutter noch lebte, und bis er alle Schulden getilgt hätte, was nach den genau festgesetzten Rückzahlungen etwa zehn Jahre dauern würde, ein Einkommen haben würde, das seiner jetzigen Zulage gleichkam. Außerdem aber erbte er die frohe Aussicht, nach zehn Jahren ein vollständig schuldenfreies Gut und dann die Einnahmen eines doppelten Millionärs zu haben.

Udo Bodo war stets ein guter Sohn gewesen, und er hatte in seinem Vater stets den Inbegriff des vollendeten Kavaliers und Gentlemans gesehen. Das tat er auch heute noch, aber er wußte nicht, wie es kam, so ganz konnte er es doch nicht billigen, daß sein gräflicher Vater so weit über seine Verhältnisse gelebt hatte.

Zwar hütete er sich, dies auszusprechen, aber sein Gesichtsausdruck mußte doch irgendwie seine Gedanken verraten, denn Graf Kuno sagte: »Mein Sohn, ich habe Euch gegenüber zwar kein schlechtes Gewissen, daß ich kein besserer Haushalter war, und das, was ich tat, will ich schon vor meinem ewigen Richter verantworten, aber dies schließt nicht aus, daß es mir lieber wäre, wenn ich Dir eine größere Erbschaft hinterlassen könnte. Aber, mein Sohn, sieh Dich um in der Welt, ein jeder lebt heutzutage über seine Verhältnisse, wenigstens jeder Christ, und der Adel erst recht. Gewissermaßen als Strafe dafür, daß wir vor den anderen Leuten das blaue Blut voraushaben, geht uns jedes kaufmännische und jedes rechnerische Talent ab. Daß es rühmliche Ausnahmen gibt, ist selbstverständlich, aber schon, daß diese wie Wundertiere angestaunt werden, beweist, daß sie eben nur Ausnahmen sind. Der Adel hat wohl zuweilen die Gabe, Geld zu verdienen, aber es fehlt ihm das viel größere Talent, das erworbene Gut festzuhalten. Für ihn ist das Geld kein Besitz, sondern nur eine Tauschware, ja, er schämt sich fast, zu sparen und zu rechnen, um nicht mit den Kaufleuten in dieser Hinsicht auf dieselbe Stufe gestellt zu werden. Und noch eins: in den Augen der großen, urteilslosen Menge ist jeder Adlige zugleich auch ein Millionär, und es ist vergeblich, gegen diese Ansicht anzukämpfen. Adel verpflichtet, leider auch in finanzieller Hinsicht zu Repräsentation, die oft die vorhandenen Mittel weit übersteigt. Ob zu Hause oder auf Reisen, Du mußt stets Deinem Namen gemäß auftreten, Du brauchst natürlich nicht den ganzen Tag Champagner zu trinken, aber alles, was Du tust, die ganze Art und Weise, wie Du Dich in der Öffentlichkeit zeigst, muß stets standesgemäß sein. Das kostet Geld, Geld und nochmals Geld. In England geht der Adel bekanntlich nur an den ältesten Sohn über, und das hat sein sehr Gutes, denn der erbt mit dem Namen zugleich auch die Mittel, seinem Namen entsprechend leben zu können. Ein Adliger, der kein Geld hat, spielt in der Welt und in der Gesellschaft eine viel traurigere Rolle als der Bürgerliche, der sich in derselben Lage befindet, er ist naturgemäß in ganz anderen Anschauungen groß geworden und er hat es nicht gelernt, sich nach der Decke zu strecken. Ich wiederhole: die wenigsten Adligen haben das Talent zu einem Kaufmann in sich. Für das Ansehen des Standes nach außen hin hat das sein Gutes, aber für das Wohlergehen des einzelnen auch seine Schattenseiten.«

Udo Bodo hatte von seinem Vater noch nie eine so lange Rede gehört, und wenn diese sich auch nur in allgemeinen Redensarten bewegte, so mußte er seinem gräflichen Vater doch in allen Punkten recht geben; denn er war vollständig in den Anschauungen seines Standes groß geworden.

Udo Bodo stöhnte schwer auf. Seit der Zeit, da er das Offiziersexamen glücklich in der Tasche hatte, war dies der erste Seufzer, der sich seiner Brust entrang, und daher machte er auf den Grafen Kuno einen tiefen Eindruck.

Ganz besorgt wandte er sich an seinen Sohn: »Udo Bodo, bist Du mir böse oder hast Du andere Sorgen? Hast Du Schulden? Sage es offen und ehrlich, ich nehme es Dir nicht im geringsten übel, ich habe als Leutnant stets Schulden gehabt und habe sie auch heute noch, also wieviel ist es? Eine Reichsanleihe muß ich doch wohl noch aufnehmen, ich habe schon mit dem Rechtsanwalt darüber gesprochen, sie ist auch bereits in der aufgestellten Bilanz mit enthalten, aber sehr groß kann sie allerdings nicht mehr werden. Immerhin, an sechzig- bis siebzigtausend Mark –«

»Um Gottes willen, nur das nicht, Vater,« unterbrach ihn Udo Bodo. »Brauchst Du das Geld für Dich, dann habe ich natürlich kein Recht, Dir abzuraten, denn selbstverständlich sollst und darfst Du Dich auf Deine alten Tage nicht einschränken. Ich selbst brauche kein Geld, und wenn ich vorhin seufzte, so hatte das eine andere Veranlassung.«

»Und die wäre?« erkundigte sich Graf Kuno.

»Ich will heiraten,« sagte Udo Bodo nach einer kleinen Pause. »Mein Herzog wünscht es. oder, wenn er es auch nicht gerade wünscht, so glaube ich doch, daß es ihm ganz angenehm wäre.« Und er erzählte den Inhalt des Gespräches, das er mit seinem Gönner geführt hatte.

Voller Aufmerksamkeit hörte Graf Kuno zu, dann meinte er: »Da ist von einem Wollen Deinerseits natürlich nicht mehr die Rede, da handelt es sich einfach um ein Muß. Für Deine ganze spätere Karriere kann es nur von Vorteil sein, wenn Du möglichst lange bei Hofe bleibst, und denke Dir nur, wenn die Fürstin Deine zukünftige Gemahlin später wirklich mit ihrer Freundschaft beehren sollte, so wäre das nicht nur für Dich, sondern für die ganze Familie derer von Adlershorst eine Ehre und eine Auszeichnung, wie sie unserer gräflichen Familie noch nie, anderen gleich allen adligen Familien nur in den allerseltensten Fällen zuteil geworden ist. Wenn die Sache so steht, begreife ich überhaupt nicht, daß Du heute nicht schon verheiratet oder nicht schon wenigstens verlobt bist.«

»Meine Schuld ist es ja nicht, Papa,« verteidigte sich Udo Bodo, »wenn es nach mir allein ginge, wäre ich vielleicht heute schon so weit, aber –«

»Gibt es denn da überhaupt noch ein Aber?« fragte Graf Kuno ganz erstaunt.

»Doch. Papa, sogar ein sehr großes. Ich muß doch erst wissen, wen ich heiraten soll.«

»Das allerdings,« meinte Graf Kuno etwas nachdenklich, und unwillkürlich streckte er die Hand nach dem gräflich gothaischen Taschenkalender aus, womit er klar und deutlich bewies, daß für ihn als Schwiegertochter nur eine Gräfin, nicht einmal eine Baroneß, geschweige denn eine gewöhnliche Adlige in Betracht käme.

Aber Udo Bodo winkte ab: »Laß den Grafenkalender nur liegen, Papa, der nützt uns in diesem Falle doch nichts, ich habe ihn schon in bezug auf meine Pläne genau durchgesehen und nichts Passendes gefunden.«

»Nichts gefunden?« klang es ganz erstaunt zurück. »Aber Udo Bodo, wenn Du unter den gräflichen Töchtern des Landes keine passende Partie für Dich findest, wo findest Du sie denn?«

Udo Bodo zuckte die Achseln: »Ich weiß es nicht, Papa, und seit heute weiß ich es noch weniger als je, denn heute ist es mir klar geworden, daß ich nicht nur aus Liebe heiraten kann, sondern daß ich auch auf die Mitgift meiner Frau Rücksicht nehme.«

Graf Kuno richtete sich in seinem Stuhle auf und starrte seinen Sohn ganz entsetzt an. »Udo Bodo, habe ich Dich recht verstanden? Du willst eine Geldheirat machen? Du, ein Graf Adlershorst? Solche Schmach willst Du auf die Familie häufen? Du, der Du seit den Tagen Deines seligen Urahnen der Stolz und die Freude aller derer von Adlershorst bist? Udo Bodo, ich erkenne Dich nicht wieder.«

»Und ich erkenne Dich kaum wieder,« verteidigte sich Udo Bodo. »Wie kannst Du mir nur so etwas zutrauen. Glaubst Du, ich würde mich so weit erniedrigen, eine Gräfin nur deshalb zu heiraten, weil sie reich ist? Da denke ich doch über den Adel zu hoch, und schon meiner zukünftigen Gemahlin würde ich nicht die Schmach antun, sie um ihre Hand zu bitten, wenn ich sie nicht zugleich auch liebte.«

Graf Kuno atmete erleichtert auf: »Udo Bodo, ich danke Dir für diese Worte, und ich bitte Dich um Entschuldigung, daß ich auch nur eine Sekunde an Deiner über jeden Zweifel erhabenen ritterlichen und adligen Gesinnung zweifeln konnte. Aber wie soll ich Deine Worte von vorhin verstehen?«

»Aber das ist doch sehr einfach, Papa. Nach der eingehenden Schilderung Deiner Finanzlage habe ich jetzt und später, wenn Du Dich einmal zu unseren Ahnen versammelt haben solltest, was, so Gott will, erst nach langen Jahren der Fall sein wird, also ich meine, in absehbarer Zeit habe ich kein größeres jährliches Einkommen zu erwarten, als ich es jetzt beziehe. Für mich allein reicht es vollständig, aber damit eine Frau und später vielleicht eine Familie zu ernähren, ist doch ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn ich bürgerlich wäre, dann wäre ich in den Augen der Welt sogar reich, aber bei meinem Namen und meiner Stellung –«

Graf Kuno unterbrach ihn mit einem schweren Seufzer: »Ich sagte es ja schon vorhin, es ist ein Fluch, einen großen Namen zu haben, wenn man nicht zugleich auch über die entsprechenden Mittel verfügt. Du hast recht, bei Deinen Einkünften kannst Du keine Frau ernähren, wenn Ihr Euch nicht ganz einschränken und jedes Goldstück dreimal umdrehen wollt. Und das kannst, das darfst Du nicht, das bist Du Deinem Namen, Deiner Stellung, aber auch mir, Deinem Vater, schuldig. Von meinen Sorgen und meinen schlaflosen Nächten weiß niemand, die Welt weiß nur, daß ich in meinem Auftreten stets der Graf Adlershorst war und blieb, den die Leute anstaunten, wo er sich immer in der Öffentlichkeit zeigte, und den sie wegen seiner Stellung in der Gesellschaft und wegen seines glänzenden Haushaltes bewunderten. So muß das aber auch sein. Nach diesem Grundsatz habe ich stets gehandelt, nicht nur, um mir dadurch ein Wohlleben zu verschaffen, wenngleich ich offen gestehe, daß ein anderes Leben mir keine Freude bereitet hätte, sondern in erster Linie, weil ich das meinem Namen und meinen Ahnen schuldig zu sein glaubte. Und je älter ich wurde, um so mehr hielt ich es für meine Pflicht, nach außen hin zu repräsentieren.«

»Gewiß, Papa,« stimmte Udo Bodo ihm bei, »und ich bin der letzte, der Dich nicht vollständig begreift, der die Art und Weise des Aufwandes, den Du treibst, nicht in jeder Hinsicht billigt. Ich hätte doch nie eine solche bevorzugte Stellung erhalten, wie ich sie jetzt in der Gesellschaft und in der Armee einnehme, wenn ich nicht Dein Sohn wäre, wenn Du anders gelebt hättest, als Du es tatest.«

Das leuchtete dem Grafen Kuno sehr ein, und so wandle sich denn das Gespräch wieder Udo Bodos Heiratsplänen zu, und Udo Bodo äußerte den Gedanken, daß sich vielleicht unter den Hofdamen seiner neuen Herrin eine passende Partie für ihn finden würde, natürlich immer vorausgesetzt, daß er sie liebe.

Aber Graf Kuno schüttelte sein erfahrenes Haupt: »So hübsch, so jung und liebenswürdig die Hofdamen meistens sind, ebenso arm sind sie. Handelte es sich nur um eine standesgemäße Partie, so würde auch ich Dir sagen: halte dort Umschau. Aber Deine Frau muß eine jährliche Rente haben, die der Deinigen zum mindesten gleicht, und so rate ich Dir, Dein Glück dort nicht erst zu versuchen. Verliebst Du Dich und wirst Du vielleicht wiedergeliebt, so machst Du dadurch nicht nur Dich, sondern, was noch weit schlimmer ist, auch die junge Dame unglücklich. Muß der Verstand mitsprechen, dann muß man Manns genug sein, nicht nur das Herz sprechen zu lassen.«

Udo Bodos Heiratspläne bildeten auch für den Rest seines Urlaubs das einzige Gesprächsthema; auch mit der Gräfin Cäcilie wurde diese Angelegenheit eingehend erörtert, und auch sie schlug in ihrem Gedächtnis nach, ob sie nicht irgendeine passende Partie wisse. Die Braut mußte sehr jung, sehr hübsch, sehr elegant, von sehr altem Adel und aus einer sehr, sehr reichen Familie sein. Und das war ein bißchen viel auf einmal.

»Wenn es so etwas nicht einmal unter dem Adel geben soll, wo gibt es das denn?« schalt Graf Kuno, und immer wieder blätterte er in dem gräflichen Taschenkalender.

Gewiß, es gab auch da, was man suchte, aber entweder war man mit den betreffenden Familien seit langer Zeit überworfen, oder man war sich völlig fremd, und Udo Bodo konnte doch nicht wie sein jugendlicher Fürst auf Brautschau fahren.

»Du mußt auf den Zufall hoffen, Udo Bodo.« tröstete ihn sein Vater endlich. »Ich habe Dir ja einige Namen genannt, die für Dich sehr ernsthaft in Frage kommen könnten, und vielleicht triffst Du mit den jungen Damen bei den Reisen Deines Herzogs oder sonst irgendwie einmal zusammen. Erzwingen läßt sich so etwas nie. Vor allen Dingen aber bleibe Dir selbst und Deinen Anschauungen treu. Heirate wen Du willst, aber heirate nicht nur des Geldes wegen, und vor allen Dingen, heirate keine Bürgerliche, sie mag noch so schön, noch so jung, noch so reich sein. Du würdest Dich dadurch nicht nur bei Hof unmöglich machen und sofort Deiner Stellung enthoben werden, Du würdest dadurch vor allen Dingen auf unser bis zu dieser Stunde untadelhaft blankes Wappenschild einen Flecken bringen, den keine Ewigkeit wieder abwaschen könnte.«

»Aber Papa, wie kannst Du nur so sprechen?« fragte Udo Bodo. »Ich habe Dir noch nie Gelegenheit und Veranlassung gegeben, daran zu zweifeln, daß ich durch und durch ein Aristokrat bin und in jeder Hinsicht die Anschauungen unseres exklusiven Standes teile. Eine Bürgerliche heiraten! Aber Papa, der Verdacht allein ist beinahe beleidigend!«

Das sah Graf Kuno selbst ein, und so hielt er denn seinem Sohn die Hand hin: »Sei nicht böse, Udo Bodo, ich wollte Dich nicht kränken.«

Udo Bodo grollte immer noch, aber trotzdem schlug er natürlich sofort in die dargebotene Hand ein, aber er begriff seinen Vater absolut nicht, wie hatte dem nur ein solcher Gedanke kommen und wie hatte er denselben nur aussprechen können?

Und je mehr Udo Bodo in den folgenden Tagen darüber nachdachte, desto mehr kam ihm die traurige Gewißheit, daß sein gräflicher Vater nicht nur körperlich, sondern auch geistig vollständig gebrochen war, und daß er sich damit vertraut machen müsse, ihn bald durch den Tod zu verlieren.

»Vollständige geistige Schwäche,« das war nach seiner Auffassung die einzige mögliche Erklärung für die von seinem Vater geäußerten Worte.

Und Udo Bodo, der stets ein guter Sohn gewesen war, wurde aufrichtig traurig, daß der nach seiner Meinung sonst so rege und bedeutende Geist seines Vaters schon jetzt völlig erstorben war.

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