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Wolf Graf von Baudissin (Schlicht): Graf Udo Bodo - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorWolf Graf von Baudissin
titleGraf Udo Bodo
publisherGlobus Verlag G.m.b.H. Berlin
printrun25. bis 27. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid0f1b0669
created20061216
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X.

Udo Bodo hatte geerbt. Ein Goldregen von mehr als zwei Millionen Mark war ihm in den Schoß gefallen. Der Majoratsherr in Dänemark war gestorben, auf den Tod verfeindet mit seinem Neffen und allen Verwandten, die sein Ende nicht abwarten konnten und die es ihm nur zu deutlich gezeigt hatten, mit welcher Ungeduld sie auf die reiche Erbschaft hofften. Im höchsten Zorn hatte er schließlich allen die Tür gewiesen, und wenn es nach ihm allein gegangen wäre, hätte er seiner ganzen Sippschaft nichts hinterlassen, nicht einen roten Heller. Aber das Gesetz stand den Erben zur Seite, und so gern er es auch getan hätte, das Majorat konnte er ihnen nicht nehmen, wohl aber das bare Geld, das große Vermögen, das er sich erspart und durch glückliche Spekulationen zu vergrößern gewußt hatte. Das war sein Eigentum, damit konnte er schalten und walten wie er wollte, das hatte er zu seiner freien Verfügung. Und es hatte dem alten Herrn das Sterben leicht gemacht, daß er die lachenden Erben wenigstens um diese beiden Millionen betrügen konnte, er wußte, sie würden ihn nach seinem Tode verfluchen, aber das war ihm ganz lieb, dann hatte er wenigstens die Gewißheit, daß das, was sie sagten, aus ihrem Herzen kam, Während die Tränen, die sie ihm sonst vielleicht nachgeweint hätten, mit ihren Herzen doch nichts zu tun gehabt hätten.

So war das Geld an Udo Bodo gefallen, und heute hatte er von seinem Bankier die Mitteilung erhalten, daß das Geld aus Dänemark eingetroffen sei.

Es hatte Monate gedauert, bis alle Formalitäten erfüllt waren, bis das Geld am heutigen Tage in seine Hände gelangte, und in dieser ganzen Zeit hatte Udo Bodo keinem Menschen etwas von der Erbschaft erzählt, weder seiner Mutter noch seiner Braut. Als er zuerst die Nachricht erhielt, hatte er dieselbe als etwas ganz Selbstverständliches aufgenommen und sich weiter gar nicht darüber gewundert. Er hatte einmal das Wort gelesen, daß ernste Arbeit stets zum Ziel führe, und daran hatte er unwillkürlich denken müssen. Mit welcher Ausdauer hatte er den Grafenkalender auf eine Erbschaft hin durchstudiert! Er hatte sich nie entmutigen lassen, und der Lohn für seine ernste Arbeit war nicht ausgeblieben! Aber plötzlich hatte er gefürchtet, die anderen Erben würden das Testament angreifen und allen Gesetzen der Gerechtigkeit zum Hohn vielleicht ein siegendes Urteil gewinnen; dann hatte er auch vorübergehend daran gedacht, daß er vielleicht so viele Legate würde auszahlen müssen, daß von den zwei Millionen kaum noch etwas für ihn selbst nachbliebe; auf alle Fälle hatte er beschlossen, nicht über die Erbschaft zu sprechen, bis er das Geld in Händen hielt.

Sein erster Gedanke war jetzt: sofort an Blanka und an seine Mutter zu telegraphieren, aber die Absicht, Blanka Nachricht zu senden, gab er gleich wieder auf. Der wollte er die frohe Botschaft selbst bringen. Morgen schon wollte er zu ihr reisen und die Verlobung veröffentlichen. Er wußte, es würde noch Kämpfe genug kosten, bis der Hof hierzu seine Einwilligung gab, aber jetzt sah er dem allem ruhig entgegen. Hatte Blanka, solange er arm war, fest zu ihm gehalten, so würde sie ihn auch jetzt nicht verlassen, und wenn sie wählen mußte, so würde sie lieber die Ungnade der Frau Herzogin auf sich nehmen, als dem Geliebten entsagen, dessen war er sicher.

So sandte er denn nur ein Telegramm an die Gräfin-Witwe Cäcilie. Die lebte seit Jahr und Tag in Florenz und kam nur noch selten nach Deutschland. Die Verwandten begriffen das nicht, und Udo Bodo begriff es auch nicht so ganz, und doch war der Grund sehr einfach: er bestand darin, daß die Gräfin-Witwe in Deutschland mit ihrer Witwenrente nicht auskommen konnte, während sie in Florenz mit derselben ein großes Haus machte. Der Viererzug hatte sich allerdings inzwischen in einen Zweispänner verwandelt, aber die Gräfin-Witwe fand, daß er vollständig genüge, und es war Udo Bodo nicht gelungen, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Er selbst vertrat nach wie vor die Ansicht, daß man entweder vierspännig oder gar nicht fahren müsse. Das hatte er ihr jedesmal, so oft er sie im Laufe der Jahre besucht hatte, klarzumachen versucht, aber sie hatte auf ihrem Standpunkt beharrt, schon weil sie Udo Bodo nicht neue Unkosten und Ausgaben verursachen wollte. Sie wußte ja, wie er sich einschränken mußte. Wenn sie als alleinstehende alte Dame mit zwanzigtausend Mark in Deutschland nicht auskam, was waren dann für den Majoratsherrn dreißigtausend Mark? Und sie bewunderte ihn aufrichtig, wie er es verstand, sein Geld einzuteilen, wie er beständig Tausende in der Tasche trug, wie er nie über seine Finanzen klagte und niemals Schulden machte. »Wie die Gräfin-Witwe sich wohl freuen wird.« dachte Udo Bodo. »Es ist selbstverständlich, daß ich ihr einen jährlichen Zuschuß von zehntausend Mark gebe. Für mich und Blanka, nein, für Blanka und mich, bleiben dann mit meinem jetzigen Einkommen immer noch neunzigtausend Mark. Das muß für die ersten Jahre genügen, später, wenn alle Schulden getilgt sind, habe ich ja fast das Doppelte.«

Auf den Gedanken, von der Erbschaft nun erst einmal alle Schulden seines Vaters zu bezahlen und reinen Tisch zu machen, kam er gar nicht. In der Hinsicht war er, obgleich er sonst in Geldsachen ganz anders dachte als der hochselige Graf Kuno, doch ganz der Sohn seines Vaters.

Udo Bodo klingelte seinem Kammerdiener und machte sich dann auf den Weg, um Urlaub zu erbitten. Er war erst kurze Zeit im Generalstab, und auch dort hatte man ihn mit offenen Armen als einen der am besten empfohlenen Offiziere aufgenommen. Man hatte ihn noch nicht erkannt, so erfreute er sich der ganz besonderen Gunst aller seiner Vorgesetzten, und seine Kameraden sahen in ihm noch ein höheres Wesen, obgleich diese sich in Wirklichkeit durch einen scharfen Verstand und große Geistesgaben auszeichneten.

Am nächsten Morgen fuhr Udo Bodo, von seinem Kammerdiener begleitet, der Residenz Seiner Hoheit entgegen.

»Was Blanka wohl sagen wird?« – das war der einzige Gedanke, der ihn auf der ganzen Reise beschäftigte. Und immer wieder rief er sich ihr Bild ins Gedächtnis zurück. Er hatte sie in der ganzen Zeit nicht wiedergesehen. Oft genug war er in Versuchung gewesen, irgendwo mit ihr zusammenzutreffen, sie zu bitten, zu seiner Mutter zu reisen, oder in Begleitung der ihrigen irgendwo eine Begegnung herbeizuführen, aber immer wieder hatte er dieser Versuchung widerstanden, immer von neuem hatte er sich gesagt: ich weiß, wenn ich Blanka jetzt wiedersehe, habe ich nicht die Kraft, sie abermals gehen zu lassen, dann verlobe ich mich öffentlich mit ihr, und lasse, so schnell es geht, die Hochzeit folgen. Und stets gedachte er dabei der Worte des hochseligen Grafen Kuno: wenn der Verstand mitsprechen muß, muß man Manns genug sein, nicht nur das Herz sprechen zu lassen. Einmal hatte er schon dagegen gefehlt, zum zweitenmal durfte er das nicht tun, wenn er sich nicht seines hochseligen Vaters und dessen weisen Lehren unwürdig erzeigen wollte.

»Und wie sie sich freuen wird, daß wir nach Berlin ziehen,« dachte er weiter. »Selbstverständlich werden wir ein großes Haus machen, wir werden bei den Botschaftern und bei den Gesandten verkehren, selbstverständlich gehen wir auch zu Hof, und meinen Urlaub verleben wir dann stets auf Adlershorst, bis wir dann später, ganz später, wenn die Armee mich nicht mehr braucht, wenn sie sich auch ohne mich stark genug fühlt, im nächsten Feldzug siegreich zu bleiben, unseren Wohnsitz ganz nach Adlershorst verlegen. Vorläufig ist daran aber natürlich noch nicht zu denken. Jetzt, wo ich im Generalstab sitze, habe ich noch mehr als je die Pflicht, an der Entwickelung unseres Heeres mitzuarbeiten.«

Dann kehrten seine Gedanken wieder zu Blanka zurück. Alle fünf Minuten sah er nach der Uhr, und obgleich der Schnellzug mit der größten Geschwindigkeit dahinfuhr, schien es Udo Bodo doch, als käme er nicht von der Stelle. Aber endlich war er am Ziel, und ein telegraphisch bestellter Wagen erwartete ihn am Bahnhof, um ihn ins Hotel zu führen. Als erstes wollte er von dort aus dem Herzog seine Ankunft melden und noch für heute, spätestens für morgen, eine Audienz erbitten. Aber Seine Hoheit hatte schon von der Ankunft Udo Bodos erfahren, und so fand dieser im Hotel bereits ein Schreiben des Herzogs vor: Er freue sich sehr, daß Udo Bodo seine Residenz einmal wieder besuche, er bäte ihn, heute abend um sechs Uhr zur Audienz zu kommen und im Anschluß hieran am Diner teilzunehmen.

So stand Udo Bodo denn pünktlich auf die befohlene Minute seinem Herzog gegenüber. Der befand sich heute in der denkbar besten Laune: er hatte die freudige Gewißheit erhalten, daß er hoffen dürfte, in nicht zu ferner Zeit Vater zu werden, und das Glück, das er hierüber empfand, spiegelte sich in seinem ganzen Wesen wider. Er war die Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit selbst, er lachte und scherzte in einem fort.

»Auch die Frau Herzogin wird sich sehr freuen, Sie wiederzusehen,« sagte der Herzog, »und ich glaube auch, es wird noch jemand hier am Hofe vor Freude ganz außer sich geraten, wenn Sie nachher beim Diner plötzlich erscheinen.«

Udo Bodo machte das erstaunteste Gesicht von der Welt: »Wirklich, Hoheit? Aber ich weiß gar nicht, wer das sein könnte?«

»Na, verstellen Sie sich doch nicht so,« sagte der Herzog lachend, »wir wissen es ja ganz genau.«

Udo Bodo machte womöglich ein noch dümmeres Gesicht: »Keine Ahnung.«

»Tun Sie doch nicht so! Sie wissen doch, daß ich Komteß Blanka meine.«

»Ist denn die Komteß immer noch bei Hof?« fragte Udo Bodo, anscheinend ganz erstaunt. »Ich glaubte einmal gehört zu haben, Komteß Blanka sei in ihr Elternhaus zurückgekehrt.«

»Die denkt nicht daran. Und die Frau Herzogin denkt erst recht nicht daran, Komteß Blanka jemals gehen zu lassen.«

»Schöne Aussichten.« dachte Udo Bodo, und es passierte ihm das Unglück, daß er es laut dachte.

Der Herzog lachte laut auf: »Was sagten Sie da eben?«

»Hoheit, ich?« fragte Udo Bodo ganz verwundert. »Habe ich überhaupt etwas gesagt?«

»Gewiß, versuchen Sie nur nicht, sich herauszureden. Nur heraus mit der Sprache: was soll denn das heißen »schöne Aussichten«, worauf bezieht sich das?«

Udo Bodo wand sich hin und her, aber es half ihm alles nichts: der Herzog bestand auf seinem Willen, und Udo Bodo mußte sich endlich fügen. So nahm er denn seinen ganzen Mut zusammen: »Wenn Eure Hoheit mir zu sprechen befehlen, muß ich natürlich gehorchen. Ich bin bereits seit Jahren heimlich mit Komteß Blanka verlobt. Nachdem ich in den Besitz einer großen Erbschaft gelangt bin, die es mir möglich macht, eine Frau zu ernähren, bin ich heute hierher gekommen, um mich öffentlich mit Komteß Blanka zu verloben.«

»Also doch!« dachte der Herzog. Und nachdem er sich von seinem ersten Erstaunen erholt hatte, fuhr er fort: »Wissen Sie, Graf – daß zwischen Euch beiden irgend etwas nicht in Ordnung war, habe ich mir schon lange gedacht, Komteß Blanka wurde immer so eigentümlich rot und verlegen, wenn das Gespräch auf Sie kam, aber das muß ich ihr lassen, sie hat mit einer Ausdauer und einer Tapferkeit gelogen, die wirklich belohnt zu werden verdient.«

»Euer Hoheit können ja Komteß Blanka als Hochzeitsgeschenk einen Orden verleihen,« meinte Udo Bodo ganz ernsthaft, denn er dachte es sich sehr hübsch, wenn auch seine Gemahlin dekoriert wäre. Und wo erst ein Orden ist, da kommen die anderen ja ganz von selbst. Das hatte er nicht nur an seiner eigenen Person, sondern an seiner eigenen Brust erfahren.

Der Herzog lachte laut auf: »Sie sind doch noch ganz der alte geblieben, Udo Bodo! Aber um auf Ihre Verlobung zurückzukommen – wissen Sie wohl, daß mir die sehr unangenehm ist? Ihre Hoheit die Frau Herzogin wird außer sich sein, wenn sie etwas davon erfährt, sie wird sich von Komteß Blanka nicht trennen wollen, und auch ich selbst sehe Komteß Blanka mehr als ungern vom Hofe scheiden. Auf der anderen Seite haben wir selbstverständlich nicht das Recht, Euch beide, wenn Ihr Euch wirklich liebt, zu trennen. Wie das werden soll, weiß ich beim besten Willen nicht.«

»Ich auch nicht,« stimmte Udo Bodo ihm bei.

Seine Hoheit versank in tiefes Nachdenken, und Udo Bodo dachte auch nach.

»Wissen Sie einen Ausweg, Graf?«

»Nein, Hoheit.«

»Ich auch nicht.«

Und wieder dachten beide nach.

»Immer noch nicht?« fragte Hoheit nach einer langen Pause.

»Noch nicht, Hoheit, aber ich glaube, bald hab' ich's.«

»Ich nicht,« sagte Hoheit etwas verwundert.

Und wieder schwiegen beide.

»Einen Ausweg gibt es schon, Hoheit,« meinte Udo Bodo endlich.

»Ja, einen Ausweg gäbe es schon,« stimmte Hoheit ihm bei. »Es kommt nur darauf an, ob wir beide dasselbe meinen. Was dachten Sie?«

»Ich habe mir die Sache soeben überlegt, Hoheit. Daß ich Komteß Blanka heirate und daß ich dann meine Gemahlin hier lasse und daß ich selbst in Berlin wohne –«

Der Herzog blickte ganz überrascht auf: »Was machen Sie denn in Berlin?«

»Aber Hoheit, ich bin doch zum Großen Generalstab kommandiert.«

Der Herzog glaubte nicht recht gehört zu haben. »Wo sind Sie kommandiert?«

»Bei dem Großen Generalstab. Wissen Hoheit das denn gar nicht?«

»Keine Ahnung.« sagte der. »Ich begreife gar nicht, daß ich das im Militärwochenblatt übersah und daß mir niemand etwas davon sagte. Vielleicht nahmen die Herren meiner Umgebung es als ganz selbstverständlich an, daß Sie mir das selber mitgeteilt hätten. Warum haben Sie das nicht getan?«

»Ich setzte als selbstverständlich voraus, daß Eure Hoheit unterrichtet wären, und wollte durch eine nochmalige Meldung nicht den Anschein erwecken, als rühmte ich mich meiner Erfolge.«

»Das fühle ich Ihnen nach,« meinte der Herzog. Dann fragte er noch einmal: »Also im Großen Generalstab sind Sie jetzt?«

»Allerdings, Hoheit.«

Der Herzog versank in tiefes Nachdenken: Udo Bodo war zum Generalstab kommandiert, ohne daß er, der Herzog, etwas davon wußte, ohne daß er sich für ihn verwendet, ohne daß er etwas hierfür getan hätte –! Das war ja fast undenkbar, und doch war es eine unumstößliche Tatsache. Der Herzog wußte, in den Generalstab kamen nur solche Herren, die sich wirklich durch große Geistesgaben auszeichneten; im Generalstab sitzen nur die Klügsten der Klugen, folglich – und vor diesem »folglich« erschrak Hoheit. Da hatte er also Udo Bodo sehr unrecht getan, als er ihn für geistig beschränkt hielt, da hatte er sich ja selbst geschadet, als er einen geistig so bedeutenden Adjutanten ohne jeden stichhaltigen Grund gehen ließ, nur weil er glaubte, in Udo Bodos geistige Veranlagung Zweifel setzen zu müssen. Udo Bodo war im Generalstab! Wie konnte er sich nur so in ihm geirrt haben –

Aber hatte er sich wirklich in ihm geirrt? War er wirklich damals seiner Sache so sicher gewesen? Hatte er sich nicht immer nur gesagt: »Es scheint mir, als ob ich Udo Bodo verkannt habe?« Gewiß, ganz sicher war er sich damals nicht gewesen, er hatte zu sich selbst immer nur von der Möglichkeit gesprochen, daß Udo Bodo vielleicht nicht ganz so klug sei, wie er es bisher geglaubt habe – folglich – und über dieses »folglich« freute sich Seine Hoheit, denn da er Udo Bodos Torheit nur für möglich gehalten hatte, hatte er im Ernst also gar nicht fest an sie geglaubt, folglich hatte er Udo Bodo in Wirklichkeit stets für klug gehalten, folglich hatte er ihn gar nicht verkannt, folglich hatte ihn seine Menschenkenntnis, die er als Herzog besitzen mußte, gar nicht getäuscht, folglich –

Was dann kam, wußte Hoheit im Augenblick selbst nicht, aber das war ja auch einerlei. Die Hauptsache war: Udo Bodo saß im Großen Generalstab, er war klug und weise, und der Herzog hatte, nein, er hätte ihm beinahe einmal unrecht getan, als er ihn einmal beinahe für beschränkt gehalten hätte!

Edle Menschen machen das Unrecht, das sie getan haben, wieder gut, und wahrhaft edle Menschen pflegen sogar das Unrecht wieder gutzumachen, das sie zwar nicht getan haben, aber tun wollten.

Alle Fürsten sind edle Menschen und der Herzog Karl Friedrich war sogar ein wahrhaft edler Mensch!

So versank er denn wieder in tiefes Nachdenken und zerbrach sich den Kopf darüber, wie er das Udo Bodo »beinahe« zugefügte Unrecht wieder gutmachen könnte. »Endlich, endlich,« rief er, »Udo Bodo – ich hab's!«

»Hoheit – ich hab's schon lange,« antwortete Udo Bodo.

Unter anderen Umständen hätte Hoheit diese Worte vielleicht übelgenommen, aber jetzt waren sie ein neuer Beweis von Udo Bodos Klugheit.

»Udo Bodo. Sie können mir nachher Ihre Pläne entwickeln. Lassen Sie mich zunächst Ihnen einmal meine Ansichten auseinandersetzen. Sie haben ganz recht, daß Sie heiraten, und daß Ihre Frau Gemahlin hier bleibt, das geht natürlich nicht, und daß Sie Komteß Blanka von hier fortnehmen, geht auch nicht, folglich – müssen Sie wieder zu mir kommen!«

»Ganz meine Ansicht,« sagte Udo Bodo.

»Udo Bodo ist wirklich ein selten begabter Mensch,« dachte der Herzog. »Daß er sogar denselben Gedanken hat wie ich, ist der beste Beweis dafür, das spricht noch mehr für seinen Verstand, als daß er im Generalstab sitzt.«

»Gott sei Dank,« sagte Hoheit, »da hätten wir ja also die Lösung gefunden.« Dann fragte er nach einer kurzen Pause: »Und Sie kommen gern zu mir zurück?«

»Hoheit – darauf wird mir die Antwort nicht so leicht. Ich bin jetzt im Generalstab. Das Vaterland erwartet noch viel von mir, auch die Armee.«

»Ach was,« sagte der Herzog halb ernsthaft, halb lachend, »die wird auch schon ohne Sie glücklich werden. Sie müßte es sogar schon ohne Sie werden, wenn Sie gar nicht geboren wären.«

»Da haben Hoheit allerdings recht,« meinte Udo Bodo, aber so ganz wollte es ihm doch nicht in den Sinn, daß er zu entbehren sei. Ja, er konnte sich überhaupt nicht vorstellen, wie die Welt aussehen würde, wenn er eines Tages nicht mehr sei. Einstürzen würde sie ja schließlich nicht – selbst ein Bismarck hatte ja sterben können, ohne daß die Welt aus den Fugen ging, aber ein großes Loch klaffte seitdem doch in der Natur, und das würde nach seinem Tode noch bedeutend größer werden –

»Na also,« meinte Hoheit, »mich freut's, daß Sie das einsehen. So kommen wir unserem Ziele also immer näher. Jetzt ist nur noch die große Frage: in welcher Eigenschaft Sie zu mir kommen.«

»Das ist allerdings noch eine sehr große Frage, Hoheit.«

Unter anderen Umständen hätte Hoheit vielleicht auch diese Worte übelgenommen, aber jetzt begriff er sie vollständig. Daß Udo Bodo sein Kommando zum Generalstab und damit die Aussicht, vielleicht einmal kommandierender General zu werden, nicht so ohne weiteres aufgab, war ja ganz klar. Einen glänzenden Ersatz mußte er ihm schon dafür geben, und so sagte Hoheit denn endlich: »Daß Sie wieder mein persönlicher Adjutant werden, geht natürlich nicht.«

»Das geht natürlich nicht.« wiederholte Udo Bodo.

Seine Hoheit schwieg wieder eine ganze Weile, dann fuhr er fort: »Im Vertrauen auf Ihre Diskretion will ich Ihnen mitteilen, daß demnächst an meinem Hofe ein Posten frei wird, den ich Ihnen gern anvertrauen möchte, denn zwischen dem jetzigen Inhaber dieses Amtes und mir sind persönliche Differenzen entstanden, die ein ferneres Zusammenleben auf die Dauer unmöglich machen. Wenn ich bisher noch keinen Nachfolger ernannte, so geschah es, weil ich noch keinen passenden Ersatz gefunden hatte. Ich brauche jemand, der große Kenntnisse mit scharfem Verstand vereinigt, der über einen glänzenden Namen, über ein großes Vermögen verfügt und der imstande ist, in jeder Hinsicht würdig aufzutreten und in würdiger Weise zu repräsentieren. Es handelt sich um das Amt und um die verantwortliche Stellung als Hausminister. Ich werde Ihnen selbstverständlich Gelegenheit geben, sich genügend einzuarbeiten und sich mit den neuen Pflichten vertraut zu machen. – Wenn Sie mit meinem Vorschlag einverstanden sind, steht Ihrer demnächstigen Beförderung zum Hausminister nicht das geringste entgegen, im Gegenteil, ich werde mich aufrichtig freuen, gerade Sie an der Seite Ihrer schönen, klugen, liebenswürdigen Frau Gemahlin auf diesem Posten zu sehen. – Wollen Sie?«

»Ob ich will. Hoheit!«

Das war alles, was Udo Bodo zu sagen vermochte, ein unendliches Glücksgefühl durchdrang ihn, die Prophezeiung an seiner Wiege hatte sich erfüllt: aus eigener Kraft hatte er sich emporgearbeitet, alles, was er war, verdankte er nur sich selbst, das Ziel seines Strebens, seiner Wünsche und seiner Hoffnungen war erreicht – er war Minister geworden.

Ende.

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