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Graf Robert von Paris

Walter Scott: Graf Robert von Paris - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorWalter Scott
titleGraf Robert von Paris
publisherVerlag von A. Weichert
seriesWalter Scott's Romane
volumeBand 24
translatorErich Walter
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid932b501d
created20061106
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Erstes Buch.

Erstes Kapitel.

Für ein Weltreich zur Hauptstadt kann sich – und darüber herrscht bei allen gebildeten Männern, die sich durch den Augenschein überzeugen konnten, nur eine Stimme – nur eine einzige Stadt auf Erden eignen: und das ist Konstantinopel, denn keine eignet sich auch in nur annähernd gleicher Weise hierzu wie diese durch Pracht und Reichtum, sichere Lage und weltgeschichtliche wie lokale Bedeutung gleich ausgezeichnete Stadt Konstantins des Großen. Aber diesem machtvollen Kaiser sollte die Erfahrung nicht erspart bleiben, daß das griechische Volk, wenn es auch noch immer das gebildetste der Welt war, doch den Zenith überschritten hatte, und daß er die genialen Männer nicht mehr unter ihm fand, um Werke neu schaffen zu lassen, die gleich jenen ihrer herrlichen Ahnen die Bewunderung der ganzen Welt gefunden hatten, sondern daß er sich, um seine neue Hauptstadt zu schmücken, darauf beschränken mußte, alte berühmte Städte ihrer Zier zu entkleiden. Herrschsucht einer- und Knechtssinn anderseits hatten sich in die Menschheit eingenistet und jenen edlen Geist vernichtet, der das freie Griechenland, das republikanische Rom erfüllte, und nur matte Erinnerungen, zu keiner Nacheiferung anspornend, waren von der einstigen Geistesherrlichkeit verblieben.

Aber in einer, und zwar höchst wichtigen Hinsicht hatte Konstantinopel eine Wandlung zum Besseren zu verzeichnen: die Welt hatte sich frei gemacht von dem Drucke heidnischen Aberglaubens und war christlich geworden! Daß mit dem besseren Glauben der Mensch auch besseren Herzens wurde und daß er seine Leidenschaften zähmen lernte, steht außer Zweifel; aber nicht alle, die den neuen Glauben annahmen, taten es in Demut und Bußfertigkeit, sondern legten die Schrift aus nach ihrem vermessenen Sinne, zur Mehrung ihres weltlichen Vorteils, und benutzten religiösen Charakter und geistlichen Stand bloß als Mittel, zu irdischer Macht und Größe zu gelangen. Daher kam es denn, daß jene gewaltigste aller Umwälzungen, wie sie die Welt im vierten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung erlebte, wohl schnell zur Ernte ausreifte, die viele gute Samenkörner streute, aber doch nicht jene große, neue Aera brachte, die das Kind der mächtigen Lehren des Christentums hätte sein müssen. Konstantin hatte seine neue Stadt nicht mit neuem Glanze geschmückt, sondern hatte anderer Städte alten Glanz hierher verpflanzt, einem verschwenderischen Jünglinge vergleichbar, der einer alten Großmutter den Mädchenstaat stiehlt, um ihn einer eitlen Geliebten um den Hals zu hängen, der er doch gar nicht zu Gesicht steht. So zeigte das kaiserliche Konstantinopel bereits im Jahre seiner Gründung, 324 vor Christo, durch seine entlehnte Pracht die Merkmale jener Neigung zu schnellem Verfall, die der gesamten zivilisierten Welt der damaligen Zeit innewohnte; und es sollte auch nicht lange dauern, bis er hier zur vollendeten Tatsache wurde.

Im Jahre 1080 nach, Christo bestieg Alexius Komnenos den Thron des byzantinischen Reiches, oder vielmehr, er wurde zum Herrn über Konstantinopel und dessen Gebiet oder Weichbild erhoben. Freilich, wohl konnten die wilden Skythen und Hunnen, wenn sie über die Reichsgrenzen drangen, des Kaisers Schlummer in Konstantinopel nicht stören; aber weit über Konstantinopel hinaus durfte er sich nicht wagen, wenn er sich nicht in Gefahr begeben und darin umkommen wollte; und um sich in ihrer Andacht nicht durch das Kriegsgeschrei der barbarischen Völker stören zu lassen, hatte sich die Kaiserin Pulcheria weit ab vom Stadttor eine Kirche erbauen lassen, und aus demselben Grunde stand unfern von da auch der kaiserliche Palast.

Alexius Komnenos war ein Herrscher, dessen Ansehen weniger auf der Macht beruhte, über die er selbst noch verfügte, als auf der, über die seine Vorfahren verfügt hatten. Die Gewalt, die er noch über die zerstückten Provinzen seines Reiches besah, glich derjenigen, die ein im Verenden liegendes Pferd noch über seine, den Krähen und Geiern schon zum Raube verfallenen Glieder ausüben kann. In verschiedenen Gebieten seines Reiches standen allerhand Feinde auf, von Westen her die Franken und von Osten her die Türken, von Norden her die Kumanen und Skythen und von Süden her die Sarazenen, und für alle wäre das byzantinische Reich ein gar leckerer Bissen gewesen; und bei der Schlaffheit, die den Römer der damaligen Zeit zum untauglichsten aller Krieger im Gegensatz zu all diesen Feinden machte, von denen jeder seine besondere Art der Kriegführung hatte, war für den Kaiser die einzige Rettung, diese verschiedenen, feindlichen Kräfte gegeneinander auszuspielen, die Skythen auf die Türken zu hetzen, oder sie beide als Keil wider die kühnen und tapferen Franken zu benutzen, die damals durch Peter den Einsiedler und die Kreuzzüge zu verdoppelter Wut entflammt wurden. Man darf es demnach Alexius Komnenos kaum als Schlechtigkeit anrechnen, wenn er lieber, statt zu den Waffen, zu List und Verstellung griff; dahingegen muß es ihm als sündige Schwäche angerechnet werden, daß er den Prunk über alle Maßen liebte und an seinem Hofe die unsinnigsten Zeremonien, wodurch er das griechische Kaisertum in eine Linie mit demjenigen des Reiches der Mitte setzte, einzuführen bestrebt war.

Aber insoweit müssen wir ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er durch die oft unsauberen Mittel, deren er sich bediente, sich dem Reiche nützlicher zu machen wußte, als es manchem stolzeren Fürsten unter den gleichen Umständen möglich gewesen wäre. Mit seinem fränkischen Gegner Bohemund von Antiochia, einem der berühmtesten Kämpen seines Zeitalters, sich einzulassen, wäre ihm wahrscheinlich übel bekommen; nichtsdestoweniger hat er bei mehr denn einem Anlasse sein Leben mutig in die Wagschale geworfen und hat es oft verstanden, eine Niederlage durch kluges Verhalten in einen Sieg umzugestalten, den Diplomaten gegen den Feldherrn, aber auch umgekehrt, auszuspielen; denn er war nicht minder ein tüchtiger Feldherr, dem nicht so leicht die Vorteile einer guten Stellung entgingen oder streitig zu machen waren, wenngleich er auch nicht selten durch Unbeständigkeit oder Verräterei der barbarischen Völker – die Griechen nannten bekanntlich »Barbaren« alle Nichtgriechen – in Schaden gesetzt wurde.

Alles in allem genommen, läßt sich von Alexius Komnenos sagen, daß er ein höchst humaner Regent gewesen wäre, hätten ihm die Verhältnisse, unter denen er lebte und regierte, nicht die Notwendigkeit auferlegt, sich zu einem gefürchteten Tyrannen zu machen, denn er war allen nur erdenklichen Komplotten, nicht bloß im Staate, sondern auch in der Familie, ausgesetzt; trotzdem muß ihm nachgerühmt werden, daß er noch bei weitem nicht der ärgste Kopfabschneider und Augenblender gewesen ist, der auf dem Throne des christlichen Byzanz gesessen hat.

Daß er von dem Aberglauben, der sein Zeitalter beherrschte, nicht frei gewesen ist, mag nebenher bemerkt werden. Damit im Zusammenhange steht, daß er ein schrecklicher Heuchler war, von dem seine Gemahlin Irene, die ihn Wohl am besten gekannt haben dürfte, gesagt hat: er habe noch im Tode sich als der Komödiant erwiesen, der er sein Lebtag gewesen sei. Er nahm auch alles, was mit der Kirche im Zusammenhange stand, energisch wahr, übte gegen solche, die ein Kirchendogma bezweifelten oder falsch deuteten, nicht die geringste Nachsicht und hatte den festen Glauben, daß es ihm ebenso Pflicht sei, die Religion wider Ketzer, wie das Reich gegen die zahllosen Barbarenhorden zu schützen, die von allen Seiten sich Eingang in dasselbe zu schaffen suchten.

Ein solches Mixtum compositum von Klugheit und Schwäche, von Schlechtigkeit und Würde, von klugem Maßhalten, und Mangel an persönlichem Mut war der Charakter jenes Alexius, der zu einer Zeit über das byzantinische Reich als Herrscher gesetzt worden war, wo Griechenlands Geschick und die Trümmer griechischer Kunst und griechischer Bildung in der Wagschale schwankten und von der Gewandtheit, mit welcher der Kaiser sich durch die verschiedenen Phasen seiner Regierung zu winden wußte, ihr Fortbestand abhängig war.

Diese wenigen Angaben sollen in die Zeit einführen, zu welcher die nachstehende Erzählung spielt.

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