Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Clara Blüthgen >

Götzendienst

Clara Blüthgen: Götzendienst - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleGötzendienst
authorClara Blüthgen
year1930
firstpub1930
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
addressBerlin-Schöneberg
titleGötzendienst
pages304
created20081019
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

191 Endlich hatte die strenge Kälte dieses überlangen Winters nachgelassen. Tauwetter lag in der Luft. Eilig, wie es sonst nicht seine Art war, hatte Asmussen die Vorbereitungen für die Reise getroffen. Es erschien ihm praktisch und selbstverständlich, daß Astrid mitkam.

Nun saßen die beiden allein in einem Abteil erster Klasse, wie ein junges Fürstenpaar auf der Hochzeitsreise.

Die eigentliche Ausarbeitung der Vortragsreise hatte in Asmussens Händen gelegen, weil er durch langjährige Erfahrung darin gewandt war; die Reisesorgen übernahm Astrid Börgesen, die sich schon zu Lebzeiten des Gatten darin bewährt hatte.

Sie hatten sich auf zweiter Klasse geeinigt, als es aber ans Einsteigen ging, zeigte es sich, daß Astrid Karten Erster besorgt hatte.

»Warum sollen wir's uns nicht so bequem wie möglich machen? Jede versäumte Behaglichkeit halte ich für ein Verbrechen – wir sind doch keine reisenden Seiltänzer, die sich auf den Jahrmärkten zeigen. Wenn der berühmte Holger Asmussen mit der Frau Staatsrätin Börgesen reist, so ist schon etwas Besonderes am Platze.«

Ihr ganzes Wesen war in Fröhlichkeit gebadet. Fröhlichkeit strahlte aus ihren Blauaugen und brannte auf ihren Wangen. Sie sprach aus ihren raschen Bewegungen, flüsterte aus dem Knistern ihrer seidenen Röcke.

192 Gewandt verstaute sie das Gepäck und freute sich, wie ihr blitzend neuer Handkoffer aus Elefantenleder sich zärtlich an Asmussens abgebrauchten Segeltuchkoffer schmiegte.

Holger hatte umständlich Platz genommen, war verschiedentlich hin und her gerückt – schließlich gestand er, daß er das Rückwärtsfahren nicht vertrage.

Lachend tauschte seine Gefährtin mit ihm den Platz.

»Es macht Ihnen das wirklich nichts aus?« fragte er ängstlich.

Astrid aber versicherte, daß er sie lang ins Gepäcknetz legen könne, ohne daß es ihr das mindeste ausmache; sie schälte dabei aus einer Tuchhülle eine flockige Pelzdecke, ein Luftkissen und zwei Daunenkissen, die sie ihm unter den Rücken stopfte, wie einem Schwerkranken. Die Pelzdecke legte sie über sie beide zurecht, nachdem sie glücklich ihm gegenüber zur Ruhe gekommen war.

Asmussen fand wieder das Zuviel in ihrer Fürsorge, das ihn schon oft abgestoßen hatte, trotzdem tat sie ihm wohl.

Er hatte eine böse Zeit hinter sich, mit der Einrichtung seiner Wohnung, mit Finnas Umzug und vor allem mit ihrer Krankheit. Da andere Mieter auf ihre Wohnung warteten, blieb ihr nichts übrig, als trotz ihres üblen Befindens den Umzug vorzunehmen. Finna gab ihren Kräften den letzten Stoß, klappte aber während der Arbeit zusammen, so daß die erste 193 Notwendigkeit war, in der neuen Wohnung eilig ein Bett aufzuschlagen und sie hineinzustecken. Alle andere Arbeit lastete auf dem langsamen und unpraktischen Asmussen.

Es gelang ihm dann wenigstens, eine Pflegerin zu finden, eine junge, gutmütige Person, die neben der Krankenpflege auch die Wirtschaftsarbeit besorgte. Finna mochte sie nicht leiden, klagte und stöhnte viel und sah elend aus. Auch den Arzt, den er ihr geholt, mochte sie nicht, weil er sie für eine ganze Weile im Bett halten wollte. Er sprach sich nicht darüber aus, was eigentlich mit ihr sei, aber gerade diese Zurückhaltung deutete Asmussen als ernst.

Er saß nun halbe Tage lang an ihrem Bett, denn im eigensinnigen Verlangen bestand sie auf seiner Gegenwart. Von der bevorstehenden Reise wußte sie wohl, denn sie wiederholte sich jedes Jahr zur selben Zeit, doch nicht, daß Frau Börgesen dieses Mal dabei sein würde. Aber schon, daß Holger sie allein lassen würde, war ihr entsetzlich. Mit Klagen und Zärtlichkeiten versuchte sie, die Reise wenigstens hinauszuschieben, und sprach viel davon, daß dies wohl der letzte Frühling sein werde, den sie erlebe. Holger beruhigte sie, so gut er konnte. Er hielt ihre Todesbefürchtungen für geradeso gemacht, wie früher die Drohungen eines Selbstmordes. Trotzdem verursachte ihm beides ein gleich quälendes Unbehagen.

Zuweilen, wenn er in der häßlichen, noch nicht 194 fertig eingerichteten Stube saß, wenn Finna den Kopf auf den Kissen herumwarf, und mit ihrer verarbeiteten trockenen Hand die seine festhielt, von ihrem nahen Ende sprach und dabei gegen ihre sonstige Art rührselig wurde, kam ihm der Gedanke an Malve, wie sie in ihrem weißen Stickereibett, unter der elektrischen Sonne, dagelegen, wie er sie geküßt hatte. Es schien ihm, als habe er beim Abschied von ihr die Wahrheit gesprochen, als er ihr sagte: »Nur der erste keusche Duft ist's, der verlohnt.«

Warum hatte er sich nicht auch bei Finna an diesem Duft genügen lassen.

Alles, was die Folge gewesen, stand dann wieder erschreckend vor ihm: das Zusammenleben unter kleinen Verhältnissen, das Unfreie, Gedrückte, Lichtscheue dieses ganzen Verkehrs, das widerliche Rechnen mit dem Groschen, denn Almind hatte die Neigung für ganz aussichtslose Unternehmungen, von denen er einen günstigen Umschwung seiner Lage erwartete, und für die sein »Zimmerherr« ihm wie selbstverständlich das Geld »leihen« mußte – schließlich die Sorge um Thyges Krankheit, der Kummer um seinen Tod.

Dann war es ihm fast, als ob er Finna haßte – und ein Rest von Gesundheit in ihm wandte sich von dem vergehenden Geschöpf neben ihm, das noch immer Besitzesrecht an sein Leben erhob.

Und ihm gegenüber saß in prachtvoller frischer Jugend Astrid Börgesen, nach Gesundheit, frischer 195 Wäsche, peinlichster Körperpflege duftend, in einem kleidsamen Halbtrauergewand.

Langes Schweigen war Astrids Sache nicht, jedoch lehrte sie ein feines Gefühl, Asmussens Versunkenheit zu schonen.

So glitt sie leise unter der Felldecke hervor, nahm aus dem Gepäcknetz einen Reisekoffer, löste die Riemen und begann, vorsichtig den Inhalt auszupacken.

Gar nicht lange, so hatte sich auf dem Fensterklapptischchen ein reizendes Frühstücksstilleben zusammengefunden: Teller und kleine Bestecke, Mundtücher und ein Salzstreuer. Eine kalte Fleischpastete lag einladend neben den belegten Brötchen, in den Tassen dampfte eine gute Brühe, die der »Thermophor« warmgehalten hatte. Aus dem Köfferchen schimmerten ein paar Silberbecher neben einer dunklen, verheißend aussehenden Flasche.

»Nun ist alles bereit, und ich darf Eure Herrlichkeit zum Frühstück einladen«, sagte sie lächelnd, indem sie ihm ein Stück Pastete zuteilte. »Sie glauben gar nicht, mit welcher Freude ich heute früh alles eingepackt habe.«

»Sie entwickeln sich erstaunlich. Ich hätte Ihnen das gar nicht zugetraut. Wahrhaftig, an Ihnen ist eine Hausfrau verlorengegangen«, sagte Asmussen unvorsichtig, in ehrlicher Anerkennung.

»Verloren? Nun, es ist ja noch nicht aller Tage Abend. Aber gerade jetzt bin ich auf ein bißchen 196 ›Bohème‹ lüstern, und so trinke ich vorerst auf eine gute Künstlerfahrt.«

Dabei hatte sie die Flasche entkorkt und reichte ihrem Gegenüber das Silberbecherchen, in dessen vergoldetem Innern es dunkelbraun, schwer und ölig unter der Fahrterschütterung zitterte.

»Ihr Becher – da sehen Sie, da steht Ihr Namenszug eingeschnitten, wie meiner auf dem anderen. Ist er nicht niedlich? Sie sollen nur für diese eine Fahrt dienen. Verläuft sie gut, so werfen wir sie in den Schwanenteich, als ein Opfer, um die Götter zu versöhnen.«

Sie stieß mit ihm an. Es gab einen blechernen Klang. Holger Asmussen empfand zwar wieder das »Zuviel«, aber es stärkte nur das Gefühl der Behaglichkeit, das die ausgezeichnete Sättigung in ihm erweckt hatte. Er erinnerte sich nicht, jemals so angenehm gereist zu sein.

Ohne Voreingenommenheit angesehen, war sie doch rührend in ihrer Anpassungsfähigkeit, in dem Verstehen von dem, was ihm angenehm war. Ihre ganze Art hatte sie darauf umgestimmt. Die Raschheit ihrer Bewegungen war gemildert, ihre volle Stimme hatte sie auf halbe Kraft herabgesetzt. Sie verstand es, zu schweigen, wenn sie seine Nervosität spürte – selbst den unbewußten Griff, das Haar zu lockern, hatte sie sich abgewöhnt.

Diese Anpassungsfähigkeit war so mitgegangen, 197 daß ihre Figur schlanker und biegsamer, ihr Gesicht schmächtiger geworden war. Sie erschien ihm wie eine Pflanze, die unter der Kultur des Gärtners, in einem anderen Erdreich ihre ganze Eigenart verändert – und er hätte kein Mann sein müssen, wenn diese Veränderung, die durch ihn kam, ihm nicht geschmeichelt hätte.

So ergriff er unter der Tischplatte ihre Hand und hielt sie fest.

»Auf gute Kameradschaft denn. Möchte nichts geschehen, was sie uns trübte.«

Sie nickte und sah ihm, dankbar lächelnd, in die Augen. Ihre Hand blieb in seiner.

Je weiter sie sich von der Hauptstadt entfernten, um so mehr hob sich ihre Stimmung. Finna Almind in ihrem Krankenzimmer war vergessen, es gab keine unbezahlten Rechnungen mehr, und keine Medizinflaschen, die nach Äther und Kreosot rochen.

Lange schon lagen die Vorstädte hinter ihnen, die Landschaft zeigte ländlichen Charakter, man fuhr vorüber an hübschen, weißen Landhäusern mit aufgesetztem Mansardenstock, die inmitten von guterhaltenen Parkanlagen standen, wie der behäbige Wohlstand des Landes sie hervorbringt.

Die Gärtner waren dabei, die niedergelegten Rosenstämme unter ihrer Schutzschicht von Tannengrün hervorzunehmen. Der Schnee, der der letzte in diesem Jahre sein mußte, lag zerschmelzend in kleinen 198 Klumpen inmitten bräunlicher Pfützen am Boden, auf den Äckern stachen die frischgrünen Spitzen der Wintersaat durch den schmelzenden Schneebelag, andere Äcker waren umgepflügt, und aus der umgebrochenen schwarzen Scholle atmete der Werdeduft des Frühlings. In einem Gehöft plusterten sich die Gänse mit den gelben Schnäbeln das Gefieder. In einer Koppel tummelten sich fünf junge Pferde, wohl zweijährige, Kaltblüter mit starken Knochen und zottigen Mähnen, das braune Fell mit weißen Flecken gesprenkelt, die kräftige Arbeitsrasse des Landes.

Dann ein größeres Dorf – niedrige Häuser mit schmalen Vorgärten, breite Straßen, in denen die Kinder spielten, eine Art »Promenade«, mit Rüstern zu beiden Seiten, die Kirche mit einem stumpfen Turm, der Kirchhof mit zwei frisch aufgeworfenen Gräbern. So nahe führte das Bahngleis daran hin, daß man die Papierrosen in den Kränzen unterscheiden konnte.

Astrid zog ihre Hand aus Holgers.

»Wissen Sie, was für ein Tag gerade heute ist?«

Er schüttelte den Kopf, lächelte etwas abwesend.

»Die Zeitungen werden voll davon sein – und noch ein paar Jahre weiter, dann werden die Kinder es in den Schulbüchern finden, daß an diesem Tage ein Großer gestorben ist: Malthe Börgesen. Und gerade heute fährt seine Witwe mit Holger Asmussen 199 ins Land hinaus, um seine Dichtungen lebendig zu erhalten, wenn es dessen bedarf.«

Holger nahm wieder für einen Augenblick ihre Hand. Man konnte es für den Ausdruck des Beileids – oder der Billigung für das Unternehmen halten.

Astrid fuhr fort:

»Sie kannten ja meinen Gatten, Sie wissen, daß er über jede gemeine Angst turmhoch erhaben war. Sie hätten ihn unter eine ganze Rotte von Mördern stecken können, er würde sie alle lachend niedergeschlagen haben. Wenn irgendein moderner Mensch alles andere war als ein Feigling, so war es Börgesen. Und dennoch war er feige. Es gab eins, was ihn schreckte bis ins Mark hinein: der Tod. Freilich nicht der Tod im Kampfe, dem zeigte er die Zähne – wohl aber jenen Tod des Alters, der langsam herankriecht, gegen den es kein Wehren gibt. – Wenn wir über Land fuhren und uns ein Leichenzug begegnete – sie haben hier auf dem Lande noch die ganz flachen Särge, nur Kisten, in denen der Tote liegt wie in einem Mumienkasten –, dann lief ihm ein Schauder über den Rücken, er kroch unter das Kutschleder und befahl dem Kutscher, aus Leibeskräften zu fahren. Stundenlang hinterher war er noch ganz verstört.«

»Das begreife ich«, meinte Asmussen. »Die ganz Starken fürchten den Tod, weil er unter allen Umständen der Überlegene ist. Das verletzt ihr Selbstgefühl. Sie hassen den Tod, wie die Könige die 200 Thronfolger hassen, die sie entthronen werden. Nur die Schwachen rufen ihn. Da sie nichts leisten, was verlohnte, verlieren sie durch ihn nichts. Ich selbst bin einer von den Halben, der mit dem Tode liebäugelt.«

»Ich aber«, rief Astrid und reckte sich, »ich bin eine ganz Gesunde. Ich sehne mich nicht nach ihm, ich fürchte ihn auch nicht – mir ist er nur ein dunkler Hintergrund für mein leuchtendes Lebensgefühl. Mag alles um mich her, was für den Tod reif ist, vergehen: ich lebe!«

»Damit verweisen Sie auch mich ohne weiteres in den Orkus.«

»Sie nicht, nein, Sie nicht. Sie schließe ich als ganz selbstverständlich in mein Lebensgefühl mit ein. Ich kann mir kein Leben denken, in dem Sie nicht sind, und auch kein Jenseits. Und wenn ich in Gottes Schoß säße, würde die Sehnsucht mich zur Erde ziehen.«

Sie versuchte, den letzten Worten einen scherzhaften Klang zu geben, es gelang ihr aber nicht, die tiefe Erregung, die darin zitterte, abzuschwächen.

Plötzlich wurde sie rot bis in die Haarwurzeln. Sie schämte sich. Hieß die Erwähnung von Börgesens Todestag nicht so viel, als nun sei das Trauerjahr vorüber? Klangen ihre letzten Worte nicht wie eine Aufforderung, jetzt Ernst zu machen? Immer hatte sie ihr unruhiges Blut damit beschwichtigt, Holger wollte nicht vor Ablauf des Trauerjahres sprechen, 201 und hatte sich bemüht, es ihm hoch anzurechnen. Nun hatte sie ihn selbst darauf aufmerksam gemacht – wie würde er es aufnehmen? Es widerstrebte ihr, die Lage, die sie geschaffen, auszunutzen.

So unterbrach sie jäh die Stimmung, indem sie geräuschvoll das Frühstücksgeschirr wieder einpackte.

Eine halbe Stunde später hielt der Zug in der Stadt, in der sie zuerst Aufenthalt machen wollten.

Es war eine kleine Stadt, in der auf der Rückfahrt der letzte Vortragsabend stattfinden sollte. Da erschien es nützlich, schon jetzt den Boden etwas zu bearbeiten.

Sie besahen den Saal, in dem sie lesen, die Zimmer, in denen sie wohnen würden. Sie krochen in drei Kirchen, die sie ebensogut anderswo hätten sehen können, und suchten in den Straßen nach altertümlichen Häusern. Im Grunde langweilte der reiseübersättigte Asmussen sich dabei, aber Astrid, die seit der Krankheit des Gatten nicht gereist war, und deren Augen daran gewöhnt waren, überall fremde Schönheiten zu entdecken, ließ sein Interesse wieder aufleben.

Sie besuchten auch den Buchhändler, der die Eintrittskarten verkaufen würde, und den Bürgermeister, der seine Hand über das Unternehmen halten sollte. Dabei zeigte es sich, daß die stolze Astrid, die niemals nötig gehabt hatte, um irgend jemandes Gunst zu werben, ihren Gefährten darin weit übertraf, es praktischer anfing als er.

202 Alle taten so, als habe sie allein zu bestimmen.

Das Stadtoberhaupt wandte sich zunächst an sie, und die Einladung beider für den Abend galt in erster Linie der Frau Börgesen.

Sie nahm es vergnügt hin, drohte Asmussen, sie werde ihm am Ende noch alle seine Lorbeeren rauben. Er gab dazu feierlich die Erlaubnis – innerlich wurmte es ihn.

Natürlich saß sie abends im kleinen Kreise neben dem Oberhaupt, während Asmussen die simple Frau Bürgermeistern zugeteilt war, die ihn von kleinen Kindern und den Fleischpreisen unterhielt.

»Wenn Ihr Programm nicht so fest stände, gnädigste Frau, würde ich Ihnen raten, das erste Ziel Ihrer zweifellosen Triumphe nicht mit der Eisenbahn, sondern im Wagen zu erreichen«, riet der Bürgermeister, indem er vorsichtig, als verschenke er einen kostbaren Steinberger Cabinet 1826, ihr Glas nur zu dreiviertel mit einem durchsichtigen Rotwein füllte. »Sie würden dann einen Wald mit einem hochgelegenen See kennenlernen, der geradezu einzig dasteht, namentlich jetzt, da die Bäume noch in ihrer Schneepracht prangen, ist der Anblick unvergleichlich.«

Darauf meinte Astrid liebenswürdig, daß sie sich nichts Schöneres als diese Fahrt vorstellen könne, nur sei es schon Tauwetter, und um durchzukommen, müsse der Herr Bürgermeister ihr ein Gefährt 203 besorgen, das Wagen und Schlitten in eins sei, so eine Art Wasserflugzeug ins Erdenhafte übersetzt.

Darüber verfügte nun der Herr trotz all seiner Gewalt nicht, dafür wußte er einen Fuhrherrn, der ein paar ordentliche Füchse besaß, die es schon schaffen würden. Zudem habe der Mann billige Preise.

Über die billigen Preise lachte Astrid. Derartige wirtschaftliche Erwägungen lagen ihr jetzt gänzlich fern. An sich hatten die starken Füchse ihren Beifall, und ehe Holger nur Zeit fand, etwas zur Sache zu sagen, war sie schon abgemacht, und es war angeordnet, daß die Füchse morgen früh Punkt elf Uhr vor dem Hotel fahrtbereit halten sollten.

Frisch und strahlend war Astrid zur Stelle und überwachte das Verstauen des Handgepäcks. Asmussen kam etwas verspätet, klagte über eine üble Nacht und Kopfschmerzen, der Wein sei gar zu schlecht gewesen.

Sie klopfte den Pferden die Hälse und lachte ihn aus, die gerühmte Schneepracht würde ihm den Kopf schon entnebeln. Sie freue sich kindisch auf die Fahrt.

Wieder war es Astrid, die ihn mütterlich in Kissen und Decken verpackte.

Gerade als die Abfahrt vonstatten gehen sollte, erschien nochmal das Stadtoberhaupt, um sich nach dem Befinden zu erkundigen und glückliche Fahrt zu wünschen. Er brachte für Astrid einen Kasten voll 204 Schokolade, auf dem ein Veilchensträußchen mit Goldschnüren festgebunden war.

Sie dankte anmutig, schob die Veilchen zwischen die Knöpfe des Jacketts und das Päckchen in Holgers Überziehertasche.

»Ihnen das Süße, mir das Duftende – um im Stil der Kaufmannsjünglinge zu reden. Sie sehen, wie schnell die Kleinstadt auf mich abfärbt«, sagte sie lustig, als die Pferde sich in Schritt setzten. Liebenswürdig winkte sie mit dem Taschentuch dem Bürgermeister einen Abschiedsgruß zu, der noch unbedeckten Hauptes dastand, als gelte es, einer abreisenden Hoheit die Ehrenbezeigung zu erweisen.

Die beiden außerordentlichen Füchse waren nicht zu Unrecht gelobt. Schnell ging es vorwärts, als man das mörderische Kleinstadtpflaster erst überwunden hatte, und selbst dann noch, als der Weg merklich zu steigen begann.

Der zerschmelzende Schnee rieselte in Bächen, die sich spalteten und wieder zusammenliefen, zuweilen breite Lachen bildeten; von der Straße herab, an der übergroßen Böschung wuchs das Grüne durch das Weiß. Die Buchen hatten an ihren glatten Stämmen den Schnee abgeschüttelt, nur wo die Äste sich gabelten, lag er noch zusammengeballt wie große weiße Blüten, von denen hin und wieder ein Blatt abflatterte. Eine Eiche, die ihr gelbes Laub bewahrt hatte, und ein Hagebuttenbusch mit seinen glänzenden, gelbroten Früchten, 205 brachten kräftige Farbentüpfelchen in die matte Harmonie der Töne.

Je mehr der Weg stieg, um so glatter wurde er, der Kutscher mußte die Gäule fest an der Leine halten, um sie vor dem Ausrutschen zu bewahren. Sie kauten ins Gebiß, prusteten, eine Wolke von Dunst stand über ihren braunen Fellen.

Mit einem Male war die Szenerie verändert. Der abgetaute Buchenwald hörte auf, Kiefern und Fichten standen da in ihrem unversehrten Schneebehang wie gewaltige Eisbären und streckten ihre plumpen Tatzen über den Weg nach ihnen aus. Die weiße Büsche hockten sprungbereit wie Eisfüchse. Wenn man den Weg hinuntersah, schlossen sie sich dicht zusammen wie hohe weiße Mauern, die sich durch die perspektivische Verschiebung drehend verengen. Der Himmel spannte sich schwer, grau, unbeweglich wie ein Aluminiumblech über diese Polarwelt.

Die Pferde keuchten und kamen nur langsam im Schritt weiter. Weiße Schaumflocken hingen an den Gebissen.

Endlich war die Höhe erreicht, der Kutscher zog mit einem Ruck die Leine an, das Gefährt stand. Er legte den erhitzten Tieren dicke Decken über den Rücken und wies mit dem Peitschenstiel nach links, wo von der Landstraße ein Weg sich in den Wald abzweigte.

»Drei Minuten von hier, da haben Sie den See.«

Astrid sprang leichtfüßig aus dem Wagen, 206 Asmussen folgte ihr langsamer. Dieses ganze Unternehmen schien ihm sehr verfehlt.

»Haben Sie in Ihrem Leben noch nie einen See gesehen, der zufällig ziemlich hoch im Walde liegt? Ich wette, daß es ein ganz gemeiner Tümpel sein wird«, grollte er.

Da aber Astrid schon weit voraus war, blieb ihm nichts weiter übrig, als ihr zu folgen.

Sie hatte den See schon erreicht, blieb stehen und atmete tief. Dann wandte sie sich, winkte mit den Augen den Gefährten heran.

»Nicht sprechen – still sein –«

Vor ihnen lag der See, eine bleigraue Fläche, durch das Tauwetter an einzelnen Stellen mit einer trüben zerschmelzenden Schicht überzogen – das gebrochene Auge eines Toten, das man zu schließen vergessen hatte. Ringsum, dicht gedrängt, Tannenriesen, Wärterriesen in weißen, flockigen Pelzen. Sie standen so dicht zusammengedrängt, daß es ausgeschlossen schien, daß je ein Mensch, ein Tier diesen Wall durchbrechen könnte. Die tiefe, atemlose Einsamkeit wirkte beklemmend, es war, als ob man nie einen Weg aus diesem Gefilde der ewigen Einsamkeit finden könne.

Astrid hatte Holgers Hand in ihren Pelz gezogen, lehnte sich mit der Schulter leicht an ihn.

»Zwei Gefangene in einer Schneewelt! Das ist neu, das könnte eine wundervolle Bühnenwirkung geben – all das Weiß mit den violetten 207 Schattentönen ohne Licht – und die Frau müßte ein stumpflila Kleid tragen – das gäbe Stimmung!« rief Astrid, und ihre Phantasie begann um dieses Bild herum ein neues Drama zu formen. Nach Art von Bühnenneulingen, bei denen der Reiz des Theaters noch überstark spricht, brachte sie alle Dinge um sich her mit der Bühne in Zusammenhang, sah sie überall Kulissen, Prospekte, Horizonte.

Holger Asmussen aber erklärte, daß die Szenerie zweifellos sehr reizvoll sei, daß er aber kalte Füße habe, und daß es jedenfalls eine grenzenlose Unvorsichtigkeit sei, ihre beiden kostbaren Organe durch diesen Winterausflug zu gefährden.

Da war sie ganz erschrocken, da sie doch diese Fahrt eigenmächtig veranstaltet hatte. Sie begann zu laufen und zog ihn mit sich, um den Wagen schnell zu erreichen.

Demütig, wie eine Büßerin, wickelte sie die Decken fest um Asmussen, unbekümmert, ob sie sie sich entzog.

»Der reine Pelikan«, sagte er anerkennend. »Wenn ich einmal ganz alt oder krank bin, müßten Sie mich als barmherzige Schwester zu Tode pflegen.«

»Gesundpflegen würde ich Sie!« rief sie, fortgerissen von dieser Aufgabe. »Glauben Sie nicht, daß der Wille, der doch Berge versetzen kann, mehr noch wie der Glaube, auch über das Leben und den Körper eines anderen Menschen bestimmen kann?«

»Selbstverständlich. Wir haben doch die Hypnose.«

208 »Von der Hypnose spreche ich natürlich nicht. Dieser ganze unheimliche Apparat würde mir wenig zusagen. Ich meine nur die Übertragung des Willens, bei einem nahen körperlichen Beieinander – und besonders zwischen zwei Menschen, die sich sympathisch sind. Sie deuteten den schrecklichen Fall an, daß Sie todkrank werden könnten: nun wohl, wenn ich dann mit der Erregung meines Willens verlangte, daß meine Lebenskraft sich mit Ihrer vermählen sollte, um Sie über die Krise hinwegzubringen – würden Sie das für so unmöglich halten?«

»Jedenfalls würde ich nie den Wunsch haben, die Probe darauf zu machen, wenigstens im Augenblick noch nicht.«

»Oder – um erst einmal den Versuch im kleinen zu machen: wenn ich zufällig einmal meine Geldtasche vergessen hätte und könnte im Gasthaus nicht bezahlen und in meiner Angst immerzu so recht beschwörend dächte: Holger Asmussen, sei edel, leihe mir deine Geldtasche – glauben Sie nicht, daß es schließlich auf Sie wirken würde?«

»Sie sind eine ganz gefährliche Dame, und ich glaube, daß ich vor Ihnen noch mehr auf der Hut sein muß als bisher«, wehrte er ab und tat, als ob er von ihr abrücken wolle, was bei der Enge des Wagens und den vielen Decken und Kissen eine Unmöglichkeit gewesen wäre.

Astrid aber rückte nach, das heißt ein bißchen näher 209 an ihn heran, nahm die Pelzdecken hoch und schlug sie nun fest um sie beide.

»Zwei Vögel im Nest wärmen sich aneinander besser, als das Nest es tut«, lachte sie. »Fangen Ihre Füße nicht schon an, warm zu werden? Ich stecke so voll unverbrauchter Lebenskraft, daß ich Ihnen gern davon abgeben kann.«

Sie fühlte sich warm, gesund, glücklich. Die Stunde war so schön und überreich, daß es Torheit war, darüber hinaus zu denken, und doch war es ihr, als ob am Ende des Weges etwas stehe, das die Arme nach ihr ausbreitete und lockte: Komm – jetzt sollst du erst lernen, was Glück ist.

Sie fühlte voll Stolz, wieviel sie zu geben hatte. Warum nahm Holger es nicht, warum dieses Zaudern? Das Trauerjahr war vorüber, sie hatte es ihm selbst gesagt. Warum also nicht? War's nötig, diesen törichten Mann zu seinem Glück zu zwingen?

Sie wurde fast zornig, daß er ihr noch immer nicht den Willen tat.

So nimm mich doch, nimm mich doch, nimm mich doch! dachte sie immer wieder. Sie sprach nicht mehr, richtete allen Willen in diesen Wunsch. Ich will, daß du mich nimmst, nimmst, nimmst. –

»Nun, wie ist's mit den Füßen?« fragte sie endlich hinterlistig, worauf Asmussen erklärte, daß ihm jetzt schon ganz behaglich zu Sinne sei.

Ihr war warm unter der Decke. An ihrem Arm, 210 der an Asmussen lehnte, spürte sie trotz der doppelten Tuchwand, daß auch sein Blut schneller trieb.

Sie frohlockte. Nimm nun meine Hand, nimm meine Hand, nimm meine Hand, befahl sie, während sie ihre ganz ruhig auf den Knien liegen ließ. Ungeduldig wartete sie, während sie die Formel wiederholte.

Wirklich durfte sie nach einer Minute feststellen, daß ihr Begleiter ihre Hand nahm, freilich nur, damit sie fühlen sollte, daß seine noch immer kalt sei – was bei dem dünnen Handschuh freilich kein Wunder –, worauf sie oberhalb des Druckknopfes, so weit es ging, ihren Puls auf seinen preßte und ihn tröstete, daß dieser kleine Taschenofen ihn schon wärmen würde.

Puls und Puls von Mann und Frau, diese beiden springenden Quellen allen Lebens in naher Berührung: eine süße Gefahr, bei der es kein Ausweichen gibt. – Das geht dann weiter auf ein Ziel zu – –

Küsse mich, küsse mich – so küsse mich doch! dachte Astrid selig und zornig, zog die Brauen zusammen und sah starr vor sich hin.

Plötzlich ein Ruck. Das Handpferd bockte, der Kutscher zog die Bremse hastig an, denn der Weg vor ihnen senkte sich plötzlich, als ob es in einen Abgrund hinein ginge, ein weites Tal, das eine Stadt umfaßte, breitete sich vor ihnen aus. Bei dem gefrorenen glatten Wege war die Fahrt abwärts nicht ohne Gefahr.

Die Bremse sprang ratschend an, Astrid fuhr hoch 211 und faßte unwillkürlich nach Holgers Arm, um sich zu halten – das erstemal, daß sie, als das Weib, bei ihm, dem Manne, Schutz suchte.

Mit einem Male hatte er sie in den Armen und küßte sie. Hielt sie an seiner Brust schützend fest, bis der gefährliche Weg zu Ende war, sie in die Stadt einfuhren. Dann ließ er sie frei und setzte sich sehr gerade zurecht, zog seinen Überzieher über die Brust straff herunter.

Ich träume, oder ich bin schon gestorben, dachte Astrid. So sehr sie auch auf ihren Willen gepocht, nun er seine Wirkung geübt, war sie davon überwältigt. Sie konnte nicht sprechen, schluckte ein paarmal und wischte sich mit dem Handschuh die Augen.

»Nun habe ich die Königin geküßt. Darauf steht Todesstrafe«, sagte Asmussen, knöpfte ihr den Handschuh auf und küßte sie auf die innere Handfläche. »Jetzt habe ich Buße zu tun«, und küßte sie von neuem feierlich dreimal auf dieselbe Stelle.

Dann waren sie vor ihrem Hotel angelangt, wo die vorausbestellten Zimmer, gut durchheizt, auf sie warteten.

Erst beim frühen Abendessen sahen sie sich wieder.

Asmussen hatte inzwischen ein paar Wege gemacht, die mit dem Vortragsabend im Zusammenhang standen, Astrid hatte ausgepackt, alle die hundert Kleinigkeiten, die sie als unentbehrlich mit auf die Reise genommen hatte, so gut untergebracht, wie es in dem 212 Kleinstadthotel möglich war, sie immer wieder anders gestellt, um die Zeit hinzubringen. Sie sah ihr Festkleid, ihre Handschuhe nach, öffnete ihre Schmuckkästchen und verschloß sie wieder.

So überreich war ihr Glück, daß es sie lähmte. Ihre Hände schafften nur mechanisch, Denken und Fühlen standen still in einer seligen Betäubung. Alle Spannung war vorüber, der verwirrte Knäuel ihrer Beziehungen zu Holger mit einem Male entwirrt. Sie gehörten nun zueinander, damit ließ sie sich genügen, über alles andere mochte er bestimmen. Sie kannte seine Angst, sich vor einem Vortragsabend irgendwie aufzuregen, sie verstand es, wenn er jede letzte Aussprache verschieben würde, bis dieser vorüber.

Alles das fühlte sie nur dunkel, in der Sicherheit ihres Besitzes.

Sie nahm die Bücher ihres Gatten vor, aus denen sie morgen lesen würde, und versuchte, das Eingeübte noch einmal zu überdenken. Etwas wie Haß war nun in ihr, auf diese Werke, auf den, der sie geschrieben. Sie schlug mit der Hand darauf, als wollte sie den Verfasser aufwecken, ihn grausam zum Zeugen ihres Glückes machen, ihre Rache an ihm – –

Zu ihrem Abendbrot hatten sich verschiedene Honoratioren der kleinen Stadt eingefunden; es hieß, sich zusammennehmen, liebenswürdig sein, jeden Zufall ausnutzen. Diese Kleinstädter erschienen in einem Lande, das so wenig große Städte besaß, doppelt 213 wichtig, dieses erste Heraustreten an die Öffentlichkeit war nichts anderes als eine Generalprobe, die für die weitere Fahrt entscheidend sein könnte.

Länger als es gegen die beiden Künstler rücksichtsvoll war, zog sich das bescheidene Gelage hin. Astrid strahlte, bezauberte alle. Beherrscht bezwang sie alle Ungeduld, die nach einem Alleinsein mit Holger fieberte.

Vor ihrer Stubentür drückte Asmussen ihr noch einmal kräftig die Hand.

Sie blieb vor ihm stehen, sah ihm lächelnd in die Augen, mit einer Bitte, einer Aufforderung. Einmal küssen sollte er sie wenigstens noch – niemand würde es sehen.

Da zog er die Hand fort und stieg eilig die Treppe hinauf. Astrid hörte ihn die Tür öffnen und wieder schließen.

Sie war enttäuscht – wollte aber ihr Glück nicht verkleinern. Nun kleidete sie sich aus und warf sich ins Bett mit dem festen Vorsatz, gleich einzuschlafen, dabei ihr Glück im Traume weiter zu genießen. Ihr prachtvolles Schlaftalent behauptete sich bei den härtesten Betten und den bösesten Nachtgeräuschen.

Über sich hörte sie Asmussen behutsam hin und her gehen. Es war ihr eine süße Beruhigung, ihn nur durch ein paar dünne Bretter von sich getrennt zu wissen. Nur darauf warten wollte sie, daß er sich auch legte, um dann einzuschlafen.

214 Die Schritte gingen unregelmäßig hin und her, wahrscheinlich räumte er seine Sachen ein. Eine Schranktür, die wohl lange nicht geöffnet worden, quietschte, die Wasserkanne wurde auf der marmornen Waschtischplatte abgesetzt. Astrids Ohren waren von jeher sehr fein gewesen, und ihre Vermutungen halfen ihnen nach.

Nun wird er sich gleich hinlegen, und ich werde einschlafen, dachte sie – jedoch die Schritte hörten nicht auf, sie hatten jetzt zu einem regelmäßigen Marsch durchs Zimmer eingesetzt. Von unten ließ sich erkennen, wann sie über den Teppich schritten, wann sie die Diele berührten.

Astrid war nun ganz wach.

Von der Straßenlaterne vor ihrem Fenster fiel ein Lichtschein durch den Spalt der zugezogenen Vorhänge, so daß sie die ganze schäbige Eleganz des Hotelzimmers sehen konnte. Von ihrem großen Juchtenkoffer blitzten die Messingecken, ihr Festkleid schimmerte vom Haken wie eine weiße Gespenstergestalt.

Asmussen hatte öfter gegen Astrid erwähnt, daß er an Schlaflosigkeit leide, wohl die Folge seiner Nervosität. Warum er heute nicht schlief, wußte sie. Es galt ihr. Von diesen rastlosen Schritten sprang die Unruhe durch die Zimmerdecke auf sie über.

Zwei Menschenkinder, die sich sehnen, eins zu werden, und die der dumme Zufall durch ein paar Bretter und ein bißchen bemalten Stuck trennt – –

215 Sie legte die Arme gerade am Körper hin, wollte sich nicht rühren, aber es war ihr, als würden sie aufgehoben, als schiebe sich ein Arm darunter, lege sich um ihre Mitte – Lippen preßten sich auf ihre, wie vor Stunden auf der Wagenfahrt, nur daß er sie jetzt fest umschlang, als der Herr, und daß unter seinen Küssen ihr der Atem verging.

»Ich will nicht, ich will doch nicht«, stammelte sie und drückte den Kopf in die Kissen.

Ihre Wangen brannten, der ganze Körper wurde ihr heiß. Alle Dämonen ihres Blutes, die so lange geschlafen hatten, wurden wach. Es waren nicht mehr jene bescheidenen, jungmädchenhaften Wünsche, die sie im Sommer auf ihrem Heuhaufen erregt hatten: eine Hand, die zärtlich nach ihr faßte, Lippen, die im sanften Kuß nach ihren suchten – –

Verbrennen – auslöschen in einer unbekannten Glut – einmal nur – –

Die Lippen wurden ihr rissig, die Kehle trocken. Sie warf sich herum auf die Brust, drückte die geballten Fäuste in die Augen: »Ich will doch nicht, will doch nicht«, und gleich darauf in Sehnsucht und seliger Schwäche: »Komm doch, komm doch zu mir – komm! Du weißt es doch, daß ich auf dich warte –«

Plötzlich erlosch der Laternenschein. Erschreckt fuhr sie auf und sah sich um. Nur eine Falte des Festkleides schimmerte matt, wie phosphoreszierend im Dunkeln.

216 Gleich darauf hörten oben die Schritte auf. Sie hörte eine Matratze krachen, dann wurde es still.

Da schlug sie die Hände vors Gesicht, und in Scham, Sehnsucht und banger Seligkeit weinte sie sich endlich hinüber in den Schlaf.

Am anderen Morgen war es Astrid, die blaß aussah und über Kopfschmerzen klagte.

Asmussen wurde es bange. Wenn sie sich nicht auf der Höhe fühlte und dazu noch die natürliche Angst vor einem ersten öffentlichen Auftreten kam, konnte dadurch der ganze Abend verunglücken, möglicherweise die Reise in Frage gestellt werden.

Den Grund ihrer Veränderung kannte er ganz genau – und er war unzufrieden mit sich.

Warum hatte er sich nicht wenigstens so weit beherrscht, um jenem Kuß im Wagen noch im letzten Augenblick auszuweichen. Unerfahren in allen Dingen der Liebe, wie die Witwe des alten Börgesen es war, würde sie diesen Kuß ganz über seine wirkliche Bedeutung aufbauschen. Wohl hatte ein süßer Reiz auch in diesem Kusse gelegen – eine Verpflichtung durfte daraus nicht erwachsen.

Er war dem Reiz solcher Erkenntnisse unterworfen. Wenn er sein vergangenes Liebesleben überdachte, war es immer der verführerische Augenblick gewesen, der ihn fortgerissen hatte. Immer war die Gelegenheit die Mutter seiner Wünsche gewesen, zuletzt auch bei Malve, als er sie in ihrer matten Lieblichkeit so 217 daliegen sah. Im Grunde war er, der gefürchtete Don Juan, kaum je der Eroberer gewesen, immer hatte man ihn genommen, und seine Liebe war dann ein weiches Nachgeben gewesen. Auch jetzt erinnerte er sich, daß es wie eine unbekannte Strömung über ihn gekommen, die ihn zu diesem Kuß geradezu gezwungen hatte.

Wollte er ihn ausnutzen, so lag ein Leben fern von aller Sorge, in Reichtum und Behaglichkeit vor ihm. Ein Prachtweib war dann sein, eine Brunhilde, eine Siegerin – ein Weib, das keinen anderen Mann kalt lassen würde.

Aber er mochte sich in keiner Weise binden, weder als Gatte, noch als Geliebter, es widerstrebte ihm, der Erfüller von Astrids verspäteten Ansprüchen an ein Liebesglück zu sein. Schon jetzt war er in die Jahre reifer Genießer gekommen; ein Kuß genügte, um den Nachtischekel wachzurufen.

Und dazu Finna Almind, die Todkranke, deren Mörder er nicht werden durfte.

Er war eine zurückreichende Natur, und den Frauen, die er liebte, gegenüber feige. Darum vermied er ein Alleinsein mit Astrid und besorgte lieber ein paar mit dem Abend zusammenhängende Wege.

Als er zurückkam, sagte man ihm, die Frau Staatsrätin sei in ihrem Zimmer, Doktor Holmstadt sei bei ihr zum Besuch.

Er traf sie in ihrem kleinen, vor dem Schlafzimmer liegenden Gemach, wieder frisch und fröhlich 218 mit lebhaft geröteten Wangen in einem schönen Hausgewande von silbergrauem Sammet, ganz liebenswürdige, vornehme Frau, die im eigenen Heim empfängt.

Der kleine Doktor, der zugleich Oberlehrer an einem Mädchenlyzeum war und die gesamte Kritik des Städtchens besorgte, saß vor ihr mit gebücktem Nacken und geöffnetem Notizbuch.

Sie diktierte ihm, was ihr als wichtig über den verstorbenen Gatten und sie selbst erschien. Asmussen kannte man seit langem, über ihn noch etwas zu sagen, erschien überflüssig.

Bei seinem Eintritt nickte sie ihm kameradschaftlich zu, wies durch eine Kopfwendung zur Seite auf einen Sessel: dort möge er sich setzen, und fuhr, ohne sich irgendwie stören zu lassen, in ihren Unterweisungen fort.

Asmussen atmete auf: Gott sei Dank, tragisch nahm sie wenigstens die Sache nicht, seine Angst um das Zustandekommen des Abends verflüchtete sich.

Als sie gar nichts mehr zu diktieren wußte, klingelte sie, ließ Portwein kommen, und alle drei stießen auf guten Erfolg an, woran nach des Doktors Ansicht nicht der geringste Zweifel sein konnte, obgleich er von Astrids Rednergabe bis jetzt nichts als die Angaben über Börgesen und sie selbst vernommen hatte.

Er war ganz bezaubert, saß überlange, und als endlich Holger ihn höflich hinausbegleiten durfte, fand er noch auf der Treppe kein Ende über die 219 »entzückende Frau«, und versicherte, daß ihre Mitwirkung ein Ereignis allerersten Ranges für die ganze Stadt bedeute.

Andere Besucher, die der Witwe des Nationaldichters huldigen wollten, lösten den Doktor ab, zwei junge Mädchen erschienen mit Sträußen, drei Gymnasiasten mit Autogrammalben. Da sie Asmussens schön gezirkelten Namenszug schon bei früherer Gelegenheit ergattert hatten, wandten sie sich nur an Astrid. Der Findigste von den Dreien aber fand, daß es ein ganz besonderes Erinnerungszeichen gerade an den heutigen Tag sein würde, wenn beide Herrschaften noch mal ihren Namen zusammen einzeichnen wollten.

Astrid schrieb zuerst, dann reichte sie Holger die Feder und er setzte seinen Namen unter den ihren.

Da wurde sie rot, sah ihn lächelnd, mit einem bedeutungsvollen Blick an, der ihm zu einer Warnung wurde.

Den ganzen Tag ging der Betrieb. Der Saal – die Aula des Gymnasiums – war ausverkauft. Es wurde angefragt, ob zu beiden Seiten des Podiums noch Stühle gestellt werden sollten. Der Buchhändler schickte, das ausgestellte Bild der Frau Staatsräten habe so sehr gefallen, sieben Stück würden davon verlangt, ob sie etwa noch einige bei sich habe, und wo man die anderen besorgen könne? Auch nach Börgesens Schriften, in den billigen Volksausgaben, sei starke Nachfrage. Ein Photograph erschien, ob die gnädige 220 Frau ihm wohl einige Aufnahmen bewilligen würde, den Apparat habe er gleich mitgebracht.

Und Astrid ließ sich photographieren, schrieb »Autogramme«, lächelte, drückte Hände gänzlich Unbekannter, schränkte liebenswürdig ihre lebendige Bedeutung zugunsten des toten Gatten ein, war durch Stunden hindurch die »entzückende Frau«, ohne daß man ihr die geringste Ermüdung angemerkt hätte.

Neben ihr genoß Holger Asmussen nur den Achtungserfolg, den seine feststehende Berühmtheit überall erringen mußte.

Am Abend erwartete Astrid Holger im Vestibül, in einen Mantel geschlagen, wie Lily Jordan sich den Josefs gedacht hatte: »mauve« Brokat mit Blaufuchs – die Hülle einer Königin.

Was sich aber daraus entwickelte, als sie zehn Minuten später in den Flur des Gymnasiums traten, der zur Garderobe umgewandelt war, ließ jede Erwartung hinter sich. Ihr schlankes, perlweißes Atlaskleid lief in langer, spitzer Schleppe aus wie ein Fischschwanz; es war mit schwarzem Pelz umrandet und zum Teil mit schwarzem Chiffon überdeckt. In ihrem schönen Blondhaar funkelte, tief in die Stirn gedrückt, ein Brillantstreifen, aus dem ein hochstehender Reiher aufwuchs. Um ihren Hals lag die Schnur großer Barockperlen, mit der Börgesen sie getröstet, als er ihre erste Novelle zu Fidibussen zerschnitten hatte.

Die schlanke Tracht, der hochstehende Reiher ließen 221 sie noch größer erscheinen als sonst. Wenn sie sich bewegte, sprühte der Brillantstreifen in ihrem Haar farbige Funken, blitzten die verborgenen Flittern und Perlen des Kleides in kleinen lebendigen Lichtern auf. Das Kleid mit seinem »Weiß und Schwarz« war das letzte Zugeständnis an die Trauer um Börgesen. Es war erklügelt, kleidsam – für die Gelegenheit aber viel zu reich.

Aller Augen weiteten sich vor Staunen, als sie, königlich und lieblich, den langen Mittelgang hinunterschritt und ihren Platz in der vordersten Reihe einnahm. Es war kaum nötig, daß sie überhaupt las – ihr Kleid allein bedeutete einen Sieg auf der ganzen Linie.

Asmussen war so überrascht, daß ihm, vielleicht zum ersten Male im Leben, die Sicherheit fehlte, als er das Podium betrat. Er, der ohne jede Befangenheit vor dem König und der Königin gestanden, wurde unsicher in der Überraschung, die diese Frau ihm bereitete.

Schon seine ersten Worte lenkten die Stimmung auf ihn zurück. Dem Zauber seiner Stimme, der vollendeten Vortragskunst, die aus der Gliederung jedes Satzes wirkte, war nicht zu widerstehen. Der alte Wikinger hatte recht gehabt: Asmussen war die Gabe zu eigen, jedes dichterische Werk mit einem neuen köstlichen Inhalt zu sättigen. Seine Erscheinung wirkte sympathisch und edel, wie er hinter dem Rednerpult 222 stand, von oben hell beleuchtet, so daß die grauen Locken weiß leuchteten, die Augen unter dem vorgebauten Stirnknochen wie zwei schwarze, längliche Vierecke lagen, aus denen nur zuweilen, wenn er die Augen hob, das Weiße sichelförmig und schmal hervorblitzte. Er stand ganz ruhig beim Lesen, nur ganz selten unterstützte er das gesprochene Wort durch eine Geste, die wohlberechnet und sehr ausdrucksvoll war.

Wie stets, wenn er las, lag auch jetzt eine atemlose Stille über den Hörern, und wie immer, wenn er redete, brach auch jetzt nach einer kurzen Ergriffenheitspause der Beifall mit elementarer Gewalt hervor.

Astrid hatte das schulmäßige Pult verschmäht und einen kleinen Tisch angeordnet, für den sie selbst eine Decke aus alter, dunkelroter gemusterter Kirchenseide mitgebracht hatte. Davor der geschmackvolle, alte hochlehnige Stuhl hatte sich leicht auftreiben lassen.

Sie grüßte leicht, legte den Strauß, den man ihr am Eingange überreicht, auf den Tisch, schlug ohne jede Befangenheit ihr Buch auf und begann. Ihre Wangen waren weich und lebhaft gerötet und zeigten ein paar allerliebste Grübchen, ihr unbedeckter Hals leuchtete in prachtvoller Weiße. Sie hatte ein Prosastück ihres Gatten gewählt, das erlaubte, zuerst im Plauderton zu sprechen, das erst allmählich zu Ernst und Gehalt vordrang. Da sie das Stück auswendig gelernt hatte, war es ihr leicht, die Täuschung 223 durchzuführen, als erzählte sie frei irgend etwas. Nur selten suchten ihre Augen die Zeilen, meist strahlten sie fröhlich zu ihrer Zuhörerschaft hinüber und erhielten damit eine beständige Verbindung aufrecht.

Selbstverständlich reichte ihre Vortragskunst nicht im entferntesten an die reife Meisterschaft Holger Asmussens heran, dafür verstand sie es ganz naiv, viel besser als er, das Publikum unausgesetzt mit sich zu beschäftigen.

Mau hörte Asmussen voll Ehrerbietung und Bewunderung zu, all der Schätze sicher, die er ausstreuen würde; Astrid aber mit prickelndem Interesse, fortgerissen, in der ständigen Erwartung, was nun kommen werde. Holger lud alle seine Hörer zur gemeinschaftlichen Tafel; Astrid winkte jeden einzeln zum Mahle am gesonderten Tische.

Der Beifall, der ihr folgte, nahm kein Ende. Man wollte sie nicht nur hören, sondern auch sehen. Sehen, wie sie sich verbeugte, wie mit der Hand in langem weißen Handschuh winkte, wobei wiederum jeder die Empfindung hatte, daß sie einzig ihn gegrüßt habe. Wollte sie sehen, wie sie mit stolzer Dankbarkeit die Blumensträuße entgegennahm, die man für sie bereit hatte, wie sie die drei Stufen des Podiums auf den vierten Hervorruf hinanstieg, wie sie mit ihrem engen Kleide und der langen Schleppe fertig wurde.

Man drängte sich im Mittelgange bis zum Podium. Man stieg auf die Stühle, um besser zu sehen.

224 Schade, daß es nur ein paar Schritte bis zu ihrem Hotel waren. Hätte ihr Wagen dagestanden, man hätte ihr die Pferde ausgespannt und sie nach Hause gefahren.

Das »Erfolgsmahl« übertraf an Stimmung noch jenes nach der Aufführung des »Rebellen«. Es war wie eine einzige Huldigung und es gehörten Nerven dazu, um es durch volle drei Stunden zu ertragen.

Es war wie immer: Astrids Nerven federten kräftiger als je, die Holgers waren am Zerreißen.

Dabei sank seine Laune mehr und mehr. Alles, was er durch fast zwanzig Jahre aufgebaut hatte, zerbröckelte unter seinen Händen zu Staub. Was nützte es ihm nun, daß er durch ein halbes Menschenleben hindurch sich gemüht hatte, die großen Dichterwerke zu verstehen, mit einem erlesenen Spürsinn alle Schönheiten ans Licht zu ziehen, den Gestalten der Dichter von seinem Blut, seinen Nerven zu geben, um sie zu lebenden Geschöpfen zu machen, die mit lebendiger Eindringlichkeit zu dem Hörer sprachen – da kam eine hübsche Frau, blutige Anfängerin, wenn auch talentvoll, die zufällig ein schönes Kleid trug und es verstand, sich diesen Kleinstädtern anzupassen, und pflückte lachend Blatt auf Blatt von seinem Lorbeerkranze ab, auf den er ein Gewohnheitsrecht zu haben glaubte.

Überall witterte er nun Zurücksetzungen. Schließlich wird man von mir nur noch als dem Lehrer Astrid 225 Börgesens sprechen, dachte er in gallenbitterer Übertreibung der Wirklichkeit.

Es versöhnte ihn auch nicht, daß Astrid ihn liebte, und von ihm glauben mußte, daß er sie wiederliebte. Selbst einer heißgeliebten Frau würde er kaum diese Kränkung seiner Eitelkeit verziehen haben. Hatte er nicht selbst bei der Aufführung des »Rebellen« Astrid gewarnt, jede Künstlereitelkeit zu schonen? War sie so töricht oder so grenzenlos eitel, daß sie nicht merkte, wie sie ihn verletzte?

Nein, sie merkte es nicht. Sie ließ sich von dem Wohlwollen und der Begeisterung aller tragen wie von einem wundervollen starken Strom. Was man ihr darbrachte, war ihr wichtig, weil es sie in Asmussens Augen heben mußte. Für sie war es einer jener seltenen Tage im Leben, an denen alles sich vereinigt zu haben schien, sie ganz glücklich zu machen.

Ahnungslos suchten ihre Augen Holger in lächelnder Frage: freut es dich auch, wie sie mich verwöhnen? Ihrer großzügigen Natur, die gern alles für ihn gegeben hätte, lag jeder Gedanke fern, daß er auf sie neidisch sein könne.

Mit einem Male trafen ihre Augen auf einen leeren Fleck; Asmussen hatte sich aus der Gesellschaft zurückgezogen.

Im selben Augenblick kam eine Erleuchtung über sie, weshalb er gegangen.

226 Nun hielt sie es nicht länger auf ihrem Platz aus.

Nur ein paar Minuten wartete sie ab, damit man nicht ihr Verschwinden mit seinem in Zusammenhang brächte, dann verabschiedete sie sich freundlich: so viel Liebenswürdigkeit wie heute abend erdrücke sie einfach, sie müsse sich nun danach tüchtig ausschlafen.

Gütig duldete sie, wie man sie in ihren Sammetmantel wickelte. Die Blumen wolle man ihr nach oben schicken? Auf keinen Fall – diese Zeugen von so viel Güte dürfe keines fremden Boten Hand berühren. So ließ sie sich alle in den linken Arm packen und legte den rechten schützend darüber. Man geleitete sie noch auf den Flur, winkte ihr nach, als sie, königlich die schmale Schleppe hinter sich herziehend, die Treppe hinaufschritt..

Vor ihrer Tür machte sie halt, versuchte mit dem Ellbogen die Klinke aufzudrücken.

Dann schüttelte sie lächelnd den Kopf; wozu der Selbstbetrug! Sie wußte, was sie tun wollte – und durfte.

Langsam, wie um die Vorfreude zu verlängern, stieg Astrid die zweite Treppe hinauf. Hinter der verschlossenen Tür hörte sie Asmussens Schritte genau so regelmäßig wie in der letzten Nacht.

Beherzt klopfte sie an. Die Schritte kamen heran, Asmussen öffnete die Tür nur halb, mißtrauisch gegen die späte Störung.

227 Astrid schob sich durch den Spalt.

»Ich bin es, Astrid«, sagte sie lachend, um ihre Verlegenheit zu verbergen.

»Sie? Um Gottes willen, wie können Sie das? Zu dieser Zeit?« Er schloß die Tür. Seine Augenbrauen waren in äußerstem Unbehagen hochgezogen.

»Sie? –«

»Verzeih – aber es muß mich natürlich verblüffen, dich zu dieser unmöglichen Stunde hier zu sehen. Man muß sich doch klarmachen, was das heißt, morgens gegen zwei in ein Hotelzimmer bei einem Manne einzudringen.«

»Ich wollte nichts, als dir meine Blumen bringen. Deine Blumen, Holger, sie gehören dir.«

Sie lud all die Sträuße auf dem Tisch ab, legte sie zu einer hohen bunten Pyramide zusammen.

»Sie gehören dir, wie alles, womit man mich heute abend verwöhnt hat.«

»Diese Erkenntnis ist dir etwas spät gekommen.«

»Sei nicht empfindlich. Du kennst den Erfolg ein halbes Menschenleben hindurch – mir ist er so neu. Das ist dann wie ein Rausch, da wird man fortgerissen.«

»Ich möchte wohl, daß du dich nicht fortreißen ließest, sondern die Vernunft mehr sprechen ließest.«

»Und ich habe dir schon einmal gesagt, daß ich nicht mehr vernünftig sein will, du hoher, 228 übervernünftiger Herr du. Auch du hast dich ja einmal fortreißen lassen – gestern!«

Er stand unbehaglich, halb von ihr abgewandt, spielte mit einer Fliedertraube, antwortete nicht.

»Ist es dir etwa leid, Holger –?«

Da wandte er sich zu ihr um, nahm ihre Hand und küßte sie wieder in die Innenfläche von gestern.

»Leid nicht, Astrid. Es war einer jener wundervollen großen Augenblicke, mit dem uns das Geschick zuweilen überrascht. Da lodern die Gefühle leidenschaftlich hoch, wie Protuberanzen über den Rand der Sonne.«

»Und ist uns etwa nichts davon geblieben? Nichts, was schön ist und erwärmt?«

»Doch, Liebste, die Wärme ist geblieben. Dafür danke ich dir. Aber man darf an dieses plötzliche Emporlodern keine verwegenen Ansprüche stellen. Man kann höchstens solche Protuberanzen nicht einfangen und für ein gut bürgerliches Herdfeuer verwenden wollen«, sagte er, in dem Bestreben, sie noch im letzten Augenblick zu warnen.

»Das verstehe ich nicht. Der prometheische Funke wurde uns doch gerade gebracht, um die Herdfeuer damit zu entzünden.«

»Er wurde auch in die Hirne von einzelnen, von Dichtern und Künstlern gepflanzt, eben damit sie das Herdfeuer entbehren – und allein bleiben möchten.«

»Ach, laß diese Spitzfindigkeiten. Du weißt es ja 229 doch, daß ich dir gehöre – und nicht erst seit gestern. Nun stehen wir uns hier gegenüber und machen schöne Redensarten.«

»Es sind keine Redensarten, Kind, es ist eine Eigenart von mir, die im Tiefsten meiner Natur begründet liegt. Ich bin eine einsame Natur – und ich muß einsam bleiben.«

Von Astrids blühendem Gesicht wich die Farbe.

»So hast du mit mir gespielt, als du mich küßtest?«

»Nicht gespielt, Liebste. Der Augenblick und das nahe Beieinander hat mich fortgerissen, wie dich auch. Sei nicht traurig, ich habe dich ja lieb, soweit meine verbrauchte Natur es noch hergibt. Aber ich muß allein bleiben.«

»Das sagst du jetzt, da alle Hindernisse zwischen uns fortgeräumt sind! Sagst es mir, da du weißt, daß ich keinen Gedanken habe als dich!« rief Astrid, außer sich. »Weißt du es etwa nicht, daß ich dich mit einer Leidenschaft liebe, die mich verzehrt?«

»Doch, ich weiß es, Astrid. Oder ich weiß zum mindesten, daß du es glaubst. Aber glaube nun einmal mir, wenn ich dir sage: du liebst gar nicht mich, du liebst nur in mir die Liebe, die bisher an dir vorübergegangen ist. Du liebst in mir die Erfüllung von dem, was dir versagt war. Besinne dich doch – ich bin ein müder alternder Mann, der diese Leidenschaft mit nichts verdient.«

»Ich liebe dich! Dich, Holger Asmussen!« Sie sah 230 ihn mit heißen Augen an. »Ich liebe dich, auch wenn du mich verschmähst.«

Ihre Leidenschaft erschütterte ihn und stieß ihn zugleich ab. Er hatte nicht zuviel gesagt, wenn er sich einen müden verbrauchten Mann nannte. Jedes Übermaß von Liebe, das man ihm entgegenbrachte, jagte ihm nur Angst ein.

»Ich verschmähe dich nicht, Astrid. Wenn du genau behalten hättest, was ich dir sagte, daß ich mich niemals verheiraten werde. Ein selbstauferlegtes Zölibat, wie ich dir sagte, um mich vor dem Niederziehen zu bewahren, das jede Ehe für den Künstler bedeutet. Ja mehr noch, Astrid: Wenn du mit deiner ganzen liebenswerten Person dich mir schenken wolltest – ich würde dir danken – aber ich würde dir nein sagen müssen.«

»Und warum würdest du das müssen?« Sie war blaß wie ein Tuch geworden, hielt sich aber kerzengerade aufrecht.

Holger nahm ihre Hand und hielt sie fest, obgleich sie sie ihm heftig entziehen wollte.

»Höre mich an, Astrid. Mein Leben ist fast das eines Abenteurers gewesen. Ich bin von einem Beruf in den anderen übergesprungen, ich habe mein Vermögen auf weiten Reisen sinnlos vertan, ich habe von der Liebe genascht und genossen, wo man sie mir entgegengebracht hat. Ich würde ganz haltlos, wie ein Schwächling jämmerlichster Art hin und her getaumelt 231 sein, wenn ich nicht selbst etwas in mein Leben gestellt hätte, um mir einen Halt zu geben. Etwas, woran ich unter allen Umständen festhalten würde. Darauf habe ich mir mein Wort gegeben – und ich breche es nicht, selbst dir zu Liebe nicht, Astrid. Es ist ein ungeschworener Schwur.«

»Finna Almind?« fragte sie mit erlöschender Stimme.

Holger Asmussen neigte den Kopf. »Solange sie lebt, gehöre ich zu ihr! Suche dich damit abzufinden, Astrid.«

»Sie ist eine Schlange –«, stieß sie zwischen den Zähnen heraus.

»Vergiß dich nicht, Astrid. Trage es vornehm, wie es deine Natur ist.«

»Ich will nicht vornehm sein, ich bin es nicht!« schrie sie. »Ich bin nur eine Frau, die zum ersten Male im Leben einen Mann liebhat!«

Sie rang die Hände in ohnmächtiger Wut ineinander.

Plötzlich war es ihr, als ob irgend etwas in ihrem Kopfe zerreiße. Der Schlag, der sie getroffen, war zu vernichtend. Sie kannte sich nicht mehr.

Die Worte stürzten über ihre Lippen, sinnlose Anschuldigungen gegen Holger, gegen Finna. Sie scheute sich nicht, dieses Verhältnis zu verunglimpfen bis aufs äußerste, jede Gemeinheit und Niedrigkeit hineinzulegen. Sie vergriff sich sogar an Thyge 232 Ludwigsen, an seinem Verhältnis zu Asmussen. Sie fand dafür die Ausdrücke der Gasse, die sie sonst nicht kannte, sprach Worte, die kein Mann je verzeihen konnte.

Als sie alles herausgeschleudert hatte, fühlte sie sich wie eine leere Hülse, schwach und elend. Sie fiel auf einen Stuhl nieder. Ihre Brust arbeitete wie in einem Krampf, aber keine Träne kam, nur ein furchtbares gellendes Lachen.

Asmussen trat an sie heran, legte ihr die Hand schwer auf die Schulter und sah sie an.

Da hörte sie auf zu lachen.

»Genug. Du weißt selbst, daß hiermit das letzte Wort zwischen uns gesprochen ist, daß du von jetzt ab nicht mehr für mich vorhanden bist. Nur eines noch laß mich dir sagen: Thyge Ludwigsen ist mein Sohn und Finnas. Nun wirst du es ja verstehen, was mich selbst nach seinem Tode noch an Finna bindet.«

Da schlugen die Wasser über Astrid zusammen: Sie, die kinderlose Frau, die sich stets so brennend ein Kind gewünscht, und Finna Almind, die dem Mann, den sie liebte, ein Kind hatte schenken dürfen!

Sie begann von neuem zu lachen, schlug mit den Armen um sich wie eine Verrückte – dann griff sie jäh mit der Hand ins Genick, stöhnte auf, behauptete, dort habe sie eine Peitsche getroffen.

Asmussen wußte nichts mehr mit ihr anzufangen, 233 er klingelte, ließ ein paar Hotelmädchen kommen.

Man trug das klägliche Bündel von Seide und Chiffon, das noch immer lachte, hinunter. Man kleidete sie aus, brachte sie zu Bett.

Der Arzt kam.

Erst vor einer Stunde hatte er sie frisch und munter gesehen. Er stellte eine schwere Nervenüberreizung infolge der Aufregung dieses ersten öffentlichen Auftretens fest, verschrieb Umschläge und Brom und gab ihr zwei Pillen Medinal, damit sie schlafen solle.

Selbstverständlich konnte unter diesen Umständen von einer Fortsetzung der Reise für Astrid nicht die Rede sein. Das begriff Asmussen sofort – zugleich aber, daß er sie auf keinen Fall in dieser Verfassung allein heimkehren lassen konnte.

Am anderen Morgen rechnete er ab, setzte die notwendigsten Briefe und Telegramme auf, um wenigstens für sich selbst die einmal zusammengestellte Reise später wieder aufzunehmen, nachdem er Frau Börgesen in ihre Villa zurückgebracht haben würde.

Erst spät am Abend fand sich ein passender Zug. Astrid hatte sich so weit erholt, daß sie reisen konnte, nur sprach sie fast gar nicht, faßte aber zuweilen ins Genick und sah Asmussen mit ängstlich fragenden Augen an.

Asmussen nahm diesmal ein Abteil zweiter Klasse, um nur ja nicht mit der »Halbirren« allein sein zu 234 müssen. Sie bekam wieder Medinal für die Nacht und schlief auch meistens, während Holger ihr mit wachen Augen wie ein Wärter gegenübersaß.

* * *

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.