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Götzendienst

Clara Blüthgen: Götzendienst - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleGötzendienst
authorClara Blüthgen
year1930
firstpub1930
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
addressBerlin-Schöneberg
titleGötzendienst
pages304
created20081019
sendergerd.bouillon@t-online.de
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171 Drei Wochen lang war Holger Asmussen nur zu den Unterrichtsstunden gekommen. Astrid hatte viel gelernt und benutzte die Pausen zu gründlichen Übungen. Über das ganze Hans hinweg hallte ihre mächtige Stimme, daß die Vorübergehenden auf der Straße verdutzt stehenblieben, ob etwa der alte Recke wieder lebendig geworden sei. Dann machte sie Pläne für ein neues Stück, das sie, ohne Börgesens Entwürfe zu benutzen, schreiben wollte, das unter ihrem eigenen Namen gehen sollte, womöglich in einer »Tournee«, für die sie die besten Schauspielernamen schon vorgemerkt hatte. Nach einem Weilchen aber faßte sie die Unruhe. Es ist im Winter hier draußen zu einsam, und eine bettlägerige Hausgenossin, wie Malve, mag ihm die Stimmung verderben, sagte sie sich. Eine Stunde darauf war sie zur Stadt gefahren, hatte alte Bekanntschaften aufgefrischt und neue angeknüpft.

Alle folgten ihren Einladungen gern. Der alte Name ihres Gatten und ihre eigene junge Berühmtheit ließen den Verkehr in ihrem Hause als eine Auszeichnung erscheinen. Sie wußte es so einzurichten, daß stets nach der Unterrichtsstunde ein paar Bekannte sich zufällig einfanden, meist Herren, die sie wie ein Hofstaat umgaben. Niemals war sie liebenswürdiger denn als Wirtin, alle waren um sie bemüht, einige aus wirklicher Sympathie, andere in der Berechnung, daß sie ihnen nützlich sein könne.

Dieser Kreis war seltsam zusammengesetzt. Es gab 172 keine Prinzen und Prinzessinnen mehr, auf die man Rücksicht zu nehmen brauchte. Nach jener sonderbaren Art, in der der Nationaldichter seine letzte Ruhe gefunden, hatte sich niemand mehr von ihnen bei der Frau Staatsrätin sehen lassen. Sie war »boykottiert« und freute sich dessen, denn es machte sie frei.

Von den alten Bekannten waren noch einige zugelassen, würdige Professoren und Geheimräte, die sich zwischen den Neuangeworbenen nicht recht behaglich fühlten. Direktor Mortens bildete das Bindeglied zwischen beiden Parteien, vermittelte, soweit sich vermitteln ließ. Die Neuhinzugekommenen waren sämtlich jüngere Generation. Die Männer sahen aus wie verkleidete Frauen, die Frauen wie verkleidete Männer.

Zuerst eine geschiedene Gräfin, überblond und »übertrainiert«, zum Anbrennen dürr mit einem weißen funkelnden Gebiß wie eine junge, gesunde, dänische Stute. In einer angesehenen Monatsschrift hatte sie ein paar Aufsätze unter dem Namen Pinthus Perhaps veröffentlicht. Seitdem gab sie auf die »Gräfin« nichts mehr, sondern wünschte, daß man sie als Pinthus Perhaps vorstelle und anrede.

Dann ein junger Herrenflieger, der über den Smoking herüber sanft lächelte und müde sprach, der aber mit seinen verwöhnten blassen Händen seine Maschine meisterte wie irgendeiner; in einer besonderen Art von 173 Kunstflügen in ganz engen Spiralen leistete er Besonderes. Den Zuschauern lief dabei jedesmal eine Gänsehaut über den Rücken.

Ferner eine Ärztin, die im Äußeren alte Schule war, denn sie trug noch kurzverschnittenes Haar, ein Herrenjacket mit Stehkragen und Bindeschlips. Weibliche Kranke mit ihrem Weh und Ach waren ihr langweilig. Am liebsten behandelte sie nervöse Männer, bei denen sie mit einer besonderen »Suggestionstherapie« großartige Erfolge erzielte. Man konnte ihr die Jahreseinnahmen eines Ministers nachrechnen.

Svend Emil, der berühmte Filmschauspieler, gehörte auch zu den regelmäßigen Gästen. Er hatte das Verdienst, in den modernen Film das »psychologische Moment« gebracht zu haben. Sein weiches Knabengesicht war von einer erstaunlichen Ausdrucksfähigkeit, ob es nun Liebe oder Haß, Hingebung oder Abscheu, Seligkeit oder Zorn widerspiegelte. Wenn er in dem Riesenfilm »Der Irrgarten der Liebe« den Haslund spielte, wenn er inmitten einer italienischen Landschaft auf einem Feldblock saß, den Kopf in süßer Schwermut in die Hand gestützt, wenn die Windmaschine sein blondes Haar bewegte und die Olivenblätter schüttelte, daß die silbernen Rückseiten sichtbar wurden – dann war er von bezauberndem Reiz. Alle Frauen waren in ihn verliebt. Man erzählte von ihm, daß er für seine Liebesbriefe eine große dreigeteilte Kassette 174 besitze: für die der jungen Mädchen, der verheirateten Frauen und der Geschiedenen.

Svend Emil gehörte zu Astrids treuester Gefolgschaft, besaß nur einen ernsthaften Rivalen, Valdemar Ohlsen, den gefürchteten Kritiker.

Ohlsen betrieb jene Art der Kritik, die durch allerhand verwickelte Folterhandlungen den armen Autor langsam und kunstgerecht auf die Hinrichtung vorbereitet.

Seine Besprechungen setzten ungefähr so ein:

»Es gibt in neuerer Zeit eine gewisse Art von Dramatikern, denen kein Kranz zu hoch hängt, um ihn nicht mühelos greifen zu können. Es gibt für sie keine Probleme, die sie nicht zwischen Mittagessen und Kaffee bis zum Grunde ausschöpfen, keine Konflikte, die sie nicht bei der Nachmittagszigarre spielend zu lösen vermöchten. Ihre Handlung türmt den Ossa auf den Helikon, und wenn sie nachts um zwei, ohne auch nur einmal zurückzulesen, den Schlußstrich unter ihr »Werk« gesetzt haben, so sind sie, wie Gott, am siebenten Tage davon überzeugt, daß alles so, wie es ist, gut sei. – Diese leichtfertigen und gewissenlosen Dramenfabrikanten sind der Krebsschaden unserer dramatischen Kunst, es ist Pflicht der Kritik, mit allem Nachdruck dagegen zu Felde zu ziehen, das Publikum vor Seichtheit und Verflachung zu schützen.«

Wenn nun der arme gemarterte »Delinquent« schon ergeben den Kopf neigte, um den letzten tödlichen 175 Schwerthieb zu empfangen, ließ Valdemar Ohlsen ganz unvermutet das weiße Gnadentuch flattern:

»Von dieser elenden Schnelldichterei muß nun glücklicherweise das Stück des heutigen Abends genügend unterschieden werden. Nicht etwa, daß es sich hierbei um ein Drama großen Stils handelte –, dafür ist der gewählte Stoff zu geringfügig, sind die Personen zu schablonenhaft gezeichnet, ist der Dialog nicht reich und vertieft genug. Immerhin kann man zugeben, daß hier in gewissem Sinne eine Talentprobe – –«

Nach einigen weiteren Ausstellungen und einem kleinen arg verklausulierten Lob erfuhr zum Schlusse der Dichter wie üblich, daß der immerhin vorhandene Erfolg in erster Linie auf Rechnung der vorzüglichen Darsteller komme, daß zum Beispiel Frau X eine wahre Lebensrettung vollführt und Herr Y einem Lahmen zum Gehen verholfen habe. –

Valdemar Ohlsens Lebensauffassung spielte ins Düstere. Er hatte eine zuckerkranke Frau und drei kleine skrofulöse Mädchen, von denen er nie sprach. Gegenüber dem kleinbürgerlichen, häuslichen Elend bedeutete ihm die reiche Häuslichkeit der Frau Staatsrätin einen behaglichen Unterschlupf mit guter Verpflegung und einigen ergebenen Menschen, die seinen Auseinandersetzungen wie Offenbarungen lauschten. Astrid tändelte mit Svend Emil, um sich vor Valdemar Ohlsen zu zeigen, und mit diesem, um sich vor Holger Asmussen als Begehrte aufzuspielen, wie 176 überhaupt die ganze Rotte, die sie sich herangezogen hatte, weniger dazu diente, Asmussen zu unterhalten, als ihn eifersüchtig zu machen.

Beide Wirkungen traten nicht ein, der ganze Betrieb war Asmussen einfach lästig.

»Wie man sich nur eine hübsche Häuslichkeit durch solchen Menschenkehricht ungemütlich machen kann! Müssen Sie Nerven haben!«

»Es geschah nur Ihnen zu Liebe, damit Sie sich nicht mit ein paar Frauen, einer kranken und einer alten, langweilen sollten«, gab Astrid lachend zurück, und zeigte sich in einer gefälligen Pose, an einem alten Eichenholzschrank lehnend in einem schmeichelnden Halblicht. Es ließ ihr prächtiges gepflegtes Haar metallisch glänzen und legte einen weichen Schattenton über das Gesicht. Ihr weiches, schwarzes Seidenkleid schmiegte sich schlank und schleppend an ihre hohe Figur, die »alte Frau« konnte es in diesem Augenblick mit der jüngsten aufnehmen.

»Sie kommen ja nicht mehr von selbst. Da muß man schon einen ganzen Magnetberg von einzelnen Spänen zusammentragen, um Sie anzuziehen, und nun soll auch das vergeblich sein – Verzeihung, einen Augenblick – sie wandte den Kopf, winkend, lächelnd – nur noch ein paar Worte, dann bin ich ganz für Sie da, lieber Ohlsen. – Aber ich gebe es nicht auf, Holger Asmussen, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, ist nichts gegen mich auszurichten.«

177 Valdemar Ohlsen war herangetreten.

»Das weiß Gott, Sie sind die energischste Frau, die mir vorgekommen ist, und die betriebsamste dazu. Sie haben nicht nur Nerven, Sie verbrauchen auch welche –«, sagte er und seufzte.

»Jetzt betreibe ich die Vortragskunst. Sie haben mich ja gehört – glauben Sie, daß ich mir mein Brot damit verdienen könnte?«

»Liebste Freundin – es gibt Königinnen, die ein paar Szenen zusammenschreiben und die dann fragen, ob sie sich damit ihr Brot verdienen können, und Erzherzoginnen, die fünf blaue Punkte, die sie für ein Vergißmeinnicht halten, auf ein Porzellandöschen pinseln und dann wissen wollen, ob sie mit ihrer Kunst Mann und Kinder ernähren könnten – nun liebe Freundin, mit diesen Närrinnen möchte ich Sie nun keineswegs auf eine Stufe stellen, aber immerhin, wenn Sie mich auf Ehre und Gewissen fragen –«

»Dann frage ich lieber Asmussen. Er sagt, daß ich Talent habe und leicht wie eine Achtzehnjährige lerne. Nicht wahr, Holger, das erhalten Sie doch aufrecht?«

»Ich werde mir nächstens Ihre Hilfe für meine ›Tournee‹ erbitten«, gab er scherzend, verbindlich zurück.

»Dann lege ich mein Amt als Kritiker nieder. Herr Asmussen ist darin oberste Instanz. Sie sind nun eine Berufene und können eine Familie von sechs Häuptern ernähren. – Aber was ist meiner schönen 178 Freundin? Sie schaut ja mit einemmal blaß aus wie eine Tuberose – sollte die Nähe dieses neuesten Erfolges sie so verwirrt haben?« Zärtlich ergriff er ihre Hände und rieb sie, als wenn er damit eine Ohnmächtige damit ins Leben zurückrufen wollte.

Astrid fühlte selbst, daß sie blaß geworden war. Diese Frühjahrsrundreise gehörte zu Holgers Gewohnheiten, nachdem er den Winter über sich der Hauptstadt genügend gezeigt hatte. Bisher war ihr kein Gedanke an diese Trennung von ein paar Wochen gekommen, nun Asmussen selbst wie von einer sicheren Tatsache davon sprach, zog sich ihr Herz in jähem Erschrecken zusammen: Sie ließ ihre Hände in denen Ohlsens, es tat ihr gut, die warme Blutwelle in diesen großen gepflegten Händen zu fühlen. Dankbar lächelte sie zu ihm auf, der in seiner Hagerkeit noch einen Kopf größer war als sie.

Asmussen sah es mit einem Mißfallen, das der Eifersucht nahe verwandt war. Er gehörte zu jenen grenzenlos verwöhnten Männern, die, wenn sie auch selbst nicht lieben, es dennoch nicht vertragen können, daß ihnen auch nur ein Bruchteil Gefühl von der Frau, die sie liebt, entzogen wird. Er kam sich wie um sein gutes Recht verkürzt vor, bestohlen und betrogen.

»Es beruhigt mich, die gnädige Frau wenigstens in tröstenden Händen zu wissen«, warf er bissig hin.

Sofort schlug Astrids Stimmung um, sie fühlte mit sicherem Frauentakt, daß er in ihrer Macht lag, 179 Holger zu verletzen. Als Valdemar Ohlsen ihre Hände gerieben, war ihr für einen Augenblick der üble Nachgedanke gekommen: Er will dich anborgen, und da sie ihn auf keinen Fall gegen sich erbittern durfte, hatte sie schon die Summe bei sich festgelegt, die sie ihm lächelnd überweisen wollte. Jetzt, da Asmussen offenbar auf ihn eifersüchtig war, verdoppelte sie den Betrag – was kam's jetzt noch auf Geld an.

Eben strich die Ärztin vorüber, den Kopf vorgestreckt, die Augen auf den Teppich gerichtet, eine Zigarette zwischen den Zähnen.

Astrid streckte ihr beide Hände entgegen: »Liebste! Endlich! Sie suchen offenbar Menschen. Hier ist einer, ja noch mehr als das, ein Kranker!«

»Wer ist dieser Kranke? Doch nicht Sie? Um Ihre unverwüstliche Gesundheit zu zerstören, wäre schon ein Naturereignis nötig – oder zum mindesten ein Mann –«

»Nein, ich nicht. Ich mache schwedische Gymnastik und lasse mich massieren. Bis zu meinem achtzigsten Geburtstag werde ich Sie hoffentlich nicht in Anspruch zu nehmen brauchen.« Astrid lachte und reckte sich im Gefühl ihrer tadellosen Gesundheit.

»Schändlich – dieses Naturheilverfahren legt uns schließlich noch das Handwerk. – Bilden Sie sich etwa ein, daß wir dazu auf der Welt sind, um gesund zu sein? Was soll denn aus uns Ärztinnen werden? Also, wo ist Ihr Kranker? Her damit!«

180 »Herr Asmussen würde gut daran tun, Sie zu befragen. Er leidet an chronischer Menschenfeindlichkeit und hat sich letzthin noch ein gut Teil Spottsucht zugelegt, der bei ihm offenbar krankhaft ist.«

Die Ärztin nahm Holgers Hand.

»Ihr Puls geht träge, Holger Asmussen. Es ist der Puls der ewig Satten. Da ist keine Erwartung, kein Wunsch mehr, der das Blut zu schnellerem Kreislauf antriebe. Wenn das so weitergeht, so sind Sie mit fünfundfünfzig Jahren ein Greis. Mit sechzig werden Sie dann an Adernverkalkung eingehen. Wenn Sie Ihre Behandlung in meine Hand legen wollen, so würde ich Ihnen vor allem eins verordnen, eine Entziehungskur von aller Verhimmelung. Mau hat Sie in unserer Hauptstadt zum Halbgott erhoben, das vertragen irdische Nerven nicht.«

»Dann müßte man Herrn Asmussen schon hinter einen Zaun von Stacheldraht einsperren, anders würde er schwerlich zu schützen sein«, warf der Filmkünstler ein, der im Vorübergehen die letzten Worte aufgefangen hatte. Seit seinem Aufkommen eiferte er mit Asmussen um den Preis der Beliebtheit, was Holger schon als verdächtiges Zeichen angstvoll vermerkt hatte.

»Was wollen Sie von ihm verlangen! Er ist doch schließlich auch nur ein Mann«, sagte achselzuckend die Ärztin zu Astrid mit einem Blick auf Holger. Es war ihr Entschuldigungsgrund für alle männliche Schwäche und Torheit.

181 Astrid hatte mit einem Kopfnicken Malve herangerufen, ihr zugeflüstert, Anton möge Sekt bringen, ihr erprobtes Mittel, wenn ihr um die Stimmung bange war oder wenn sie fürchtete, irgend etwas könne Holger verletzen.

Malve hatte ihre Liegekur endgültig aufgegeben. Sie hatte zwei Pfund zugenommen und hustete nicht mehr, aber die Mattigkeit, eine seltsame Unlust, etwas vorzunehmen, war geblieben. Sie fühlte sich ungemütlich bei Astrid und fürchtete sich, nach Hause zurückzukehren.

Der Sekt tat seine Wirkung. Die Stimmung war mit einem Male angeregt, auch Asmussens schlaffe Nerven strafften sich, wie stets, wenn er ein paar Glas davon getrunken hatte.

Die Hausfrau wurde gebeten, zu singen, was sie klüglich abschlug. Dann wollte man, daß sie etwas vortrage, »als Generalprobe zu der mit Asmussen beabsichtigten Tournee« wie Valdemar Ohlsen scherzte. Das tat sie ohne Ziererei und erntete großen und ehrlichen Beifall. Ohlsen erklärte sogar, daß ihre Vortragsart ihn an Frau Dybwad, die »nordische Duse« erinnere.

Darauf mimte Svend Emil einige Stellen aus dem Film »Der Irrgarten der Liebe«, die selbstverständlich gebührendes Entzücken auslösten.

Pinthus Perhaps trat auf ihn zu, schüttelte ihm hart wie ein Nordseefischer die Hand und versprach 182 ihm, ein Buch über ihn, im Anschluß über »das seelische Moment im Film« zu schreiben.

Der Herrenflieger plauderte in einer Ecke mit Malve in halber Stimme über einen nachgelassenen Roman von Hermann Bang, wobei er diesen an Bedeutung über Shakespeare stellte.

Valdemar Ohlsen hatte sich am Kamin niedergelassen und ein leichtes Tuch, das Astrid vorhin noch getragen, über seinen Knien ausgebreitet und streichelte es zärtlich wie etwas Lebendiges.

Es war wirklich nett und nur schade, daß der letzte Zug nach der Stadt so bald fällig war.

Als ihre Gäste sich schon für den Aufbruch erhoben, nahm Astrid Holger in einer Ecke beiseite:

»Asmussen, ist das wirklich Ihr Ernst, daß Sie reisen wollen? Müssen Sie gerade jetzt fort, da wir anfangen, uns so gut zu verstehen?« fragte sie mit ihrer weichsten Stimme und nahm seine Hand. Sie hatte sich angewöhnt, ihn in Gesellschaft oft mit leiser Kühle zu behandeln, um nur ja nicht ihre wahren Gefühle zu verraten. Sobald sie dann mit ihm allein war, suchte sie es durch doppelte Liebenswürdigkeit gutzumachen. »Ich meine, Holger, es wäre ein besonderes Glück, wenn zwei Menschen sich endlich in einem guten Verstehen zusammenfinden. Das sollte man nicht plötzlich zerreißen.«

»Sie vergessen, daß ich nicht so glücklich gestellt 183 bin, um nur meinen Empfindungen leben zu können. Meine Frühjahrstournee ist nun mal in meine Einnahmen eingerechnet und muß unter allen Umständen eingehalten werden.«

Dummer Kerl, was für ein gutes Leben könntest du haben, ohne je um deine »Einnahmen« bedrückt zu werden, dachte Astrid, und leichthin sagte sie: »Unser nächstes Stück gleicht den Ausfall zehnmal aus« – und als er eine abwehrende Bewegung machte, und sie an einem ganz bestimmten Zusammenziehen der Augenbrauen merkte, daß er ihr nicht nachgeben würde, fügte sie in einem plötzlichen kühnen Entschluß hinzu: »Sie lockt doch nur der Ruhm. Daran möchte ich so gern teilnehmen – aktiv, passiv – wie Sie wollen, nur eben dabei sein möchte ich. Nehmen Sie mich mit auf diese Reise, wenn Sie denn einmal nicht davon lassen können – ich bitte Sie –«

»Das ist doch nur ein Scherz – unter welcher Form denken Sie sich das?« fragte Asmussen, der wirklich nicht wußte, wie er ihre Frage auffassen sollte.

»Ganz einfach: unter Ihren Schutz möchte ich mir meine ersten Sporen als Vortragskünstlerin verdienen.«

»Sind Sie kühn! Haben Sie jemals gehört, daß eine Vortragskünstlerin nach kaum dreimonatigem Studium an die Öffentlichkeit getreten ist?«

»Ach was – vor acht Tagen habe ich Jutta Jensen 184 gehört: sie tritt seit dreißig Jahren öffentlich auf und hat bei allen Vortragsmeistern der Welt Unterricht gehabt. Es war auch nichts Besonderes. Und wenn Sie meinetwegen noch Bedenken haben, dann können Sie mich einfach als Ihre ›Schülerin‹ vom Stapel laufen lassen. Damit ist jeder Kritik die Spitze abgebrochen.«

Asmussens Gefühl sträubte sich gegen Astrids Begleitung, während sein Verstand an einem raschen Rechenexempel von Möglichkeiten arbeitete. Alle Gunst des Publikums ist wandelbar, »auf der Höhe des Ruhms« zu sein bedeutet soviel wie den ersten Schritt zum Abstieg. Für die Hauptstadt waren seine Vortragsabende jeden Winter ein Ereignis – bis eines Tags ein anderer kommen würde, der ihn in den Schatten stellte. Allein der rasche Aufstieg Svend Emils gemahnte zur Vorsicht. In der Provinz kannten sie ihn bis in die kleinsten Städte herab; schon jetzt mußte er sein Programm sehr geschickt zusammenstellen, um niemand zu ermüden. Die Witwe des Nationaldichters Börgesen, die erfolggekrönte Dramatikerin würde eine neue Anziehung sein. –

Die Zeit drängte. Auf der Diele suchte man schon nach den Mänteln.

»Ich lasse Sie nicht gehen, bis Sie mir antworten. Es ist meine erste Bitte an Sie«, flehte Astrid. Sie hielt noch immer seine Hand und drängte sich dicht an ihn. Er fühlte ihren vollen Oberarm an seiner 185 Schulter – und zum ersten Male begann ihre weibliche Nähe zu ihm zu sprechen.

Er preßte ihre Hand, sagte weder Ja noch Nein; Astrid aber fühlte, daß sie gesiegt hatte, und ihr Herz frohlockte.

In der Diele traf Holger auf Malve, die sich neben Anton damit zu schaffen machte, den Gästen ihre Sachen umzulegen. Den ganzen Abend hatte er nicht zu ihr kommen können, jetzt wußte er, daß sie ihm auflauerte.

Sie jammerte ihm, kam ihm vor wie eine kleine weiße Blüte, die man vom Stengel gerissen und die ein Windstoß ziellos hin und her trieb. In einem unbewachten Augenblick, nachdem die anderen schon zur Tür hinaus waren, beugte er sich zu ihr nieder und umfaßte ihre Schulter:

»Süße kleine Blumenpriesterin, laß uns nichts weiter verlangen als was gewesen ist. Glaube mir, nur der erste keusche Duft ist's, der verlohnt.«

Sie sah ihn aus weit offenen Frageaugen an, erstaunt, ungläubig, ungewiß, wie sie seine Worte deuten sollte. Plötzlich kam ein Verstehen und damit ein tragischer Ausdruck in das junge Gesicht, der ihn erschütterte.

»Kind, dir zuliebe. Verstehe es doch, dir zuliebe. Ich habe noch niemals eine Frau glücklich gemacht –«

Schmerzlich drückte er ihre Hand und lief durch den Garten, um die anderen einzuholen. Die aber waren 186 längst auf die Straße gelangt, und man hörte aus der Entfernung ihr lautes Sprechen und Lachen.

Als Asmussen das schmiedeeiserne Tor durchschritt, löste sich aus dem Dunkel eine Gestalt, vertrat ihm den Weg und blieb schweigend vor ihm stehen.

Seine Nerven begannen zu zittern, es lief ihm eiskalt über den Rücken.

»Finna – du? Was fällt dir ein? Bist du verrückt geworden?«

»Keineswegs. Ich wollte mich nur davon überzeugen, ob deine teure Freundin dir schon ganze Hausherrnrechte eingeräumt hat. Lange genug bliebst du ja, als einziger. Hat sie dir doch noch im letzten Augenblick den Stuhl vor die Tür gesetzt?«

»Finna, höre auf, du bist entsetzlich«, rief Asmussen und faßte sich an den Kopf. »Machst du dir nicht klar, was du tust, wenn du mich hier, um diese Stunde, stellst? Hast du eine grausame Lust daran, noch einen letzten Skandal heraufzubeschwören? Ist's nicht genug mit deiner Scheidung von Almind? Wenn du nur ein bißchen vorsichtiger gewesen wärst, ihm unsere Beziehungen nicht geradezu ins Gesicht geworfen hättest, so hätte sie unterbleiben können. Aber du legst es darauf an, alles, was taktvollerweise verborgen bleiben müßte, an die Öffentlichkeit zu zerren. Warum tust du das, Finna?«

»Ich will dich behalten. Ich liebe dich«, stieß sie hervor.

187 Ihm ekelte vor dem Wort, das er in allen Abstufungen kannte und fast immer sich zur Qual.

»Hör auf«, wiederholte er, »du kennst nichts mehr, als mich zu peinigen. Wenn das deine Liebe ist, Finna –«

»So seid ihr Männer! Erst verdreht ihr uns den Kopf und werbt um unsere Liebe, bis wir nicht mehr wissen, was wir tun, und wenn ihr uns dann glücklich so weit gebracht habt, so ist unsere Liebe euch zur Last. Du bist gerade so einer, wie die andern auch –«

»Ich habe dich nicht betört, habe nicht um dich geworben, Finna. Wir sind uns entgegengekommen, wie – wie ein paar Flammen, die sich über einem Abgrund entgegenzüngelten. Aber sie haben uns nicht gewärmt, nur verbrannt, Finna. Jetzt beleuchten sie nur noch, wie tief der Abgrund ist.«

»Aber ich brauche diese Flamme, Holger. Ich sage es dir zum letzten Male, wenn du mich verläßt, so geschieht etwas –«

»Spanne den Bogen nicht zu straff, Finna. Du drohst mir das an, solange ich dich kenne. Ich kann's nicht mehr ertragen, meine Nerven sind am Reißen. Du mußt es doch verstehen, wie diese ewige Spannung an mir zerrt und reißt. Kommt dir nicht der Gedanke, daß am Ende ich einmal tun könnte, wovon du immer sprichst?« rief Asmussen außer sich.

Er sah sie neben sich stehen, wie ein kleines, gereiztes Raubtier mit brennenden Augen und weißen 188 Zähnen, die unter der zurückgezogenen Oberlippe funkelten. Sie hatte eine heftige, grausame Entgegnung auf den Lippen – doch ehe sie sie aussprechen konnte, schüttelte es sie wie ein kleiner Krampf, ein Zittern lief von ihren Schultern bis zum Kleidersaum hernieder.

»Ich glaube, ich habe mich erkältet. Der Schnee ist nicht gerade ein warmer Teppich, und meine Schuhe hätten schon vor vierzehn Tagen besohlt werden müssen«, sagte sie trocken.

Sofort war Holgers Empörung verflogen.

»Hast du schon lange hier gestanden, in der Kälte?«

»Es wird über eine Stunde sein. Als du so gar nicht zurückkamst, wollte ich doch einmal sehen, was dich eigentlich festhielt. Nun, es hat wenigstens verlohnt. Ich habe gesehen, wie man einen Sektkühler voll Eis hineintrug und allerlei liebenswürdige Schattenspiele auf den Gardinen.«

Holger seufzte.

»Laß das jetzt. Wir müssen uns nun beeilen, daß wir den Zug noch abfassen. Es ist der letzte heute abend.«

Finna wollte gehorchen, aber die Füße waren ihr schwer. Plötzlich hustete sie ein paarmal kurz auf, ihre Zähne klapperten.

Da faßte er sie um, schob sie vorwärts, trug sie fast.

Im letzten Augenblick erreichten sie die Station. Die übrige Gesellschaft hatte sich schon in einem 189 Abteil bequem eingerichtet. Asmussen haschte noch eben ein leeres Abteil Dritter, schob Finna hinein und schlug die Tür zu.

»Gott sei Dank – wir sind allein«, sagte er aufatmend.

Finna antwortete nicht. Sie kauerte in der Fensterecke in ihren schwarzen Mantel gewickelt, eine kleine schwarze Pelzmütze auf dem Kopf. Ihre Hände steckten in schwarzen, wollenen Trauerhandschuhen, die sie aus Sparsamkeit etwas zu groß gekauft hatte, um das Durchstoßen zu verhindern. Sie sah kümmerlich und krank aus.

Auf der ganzen Fahrt sprachen beide kein Wort.

Asmussen begleitete Finna in ihre Wohnung, dieselbe, die er und Almind bisher mit ihr geteilt hatten. Vor zwei Tagen war Holger in seine neue Wohnung übergesiedelt, gleich nach ihm hatte Herr Almind seine kleine, neugemietete Junggesellenwohnung bezogen. Nur Finna blieb noch für ein paar Tage, bis eine kleine Zweizimmerwohnung, die schon für sie gemietet war, frei würde.

Die Wohnung war leer und kalt. Nur Finnas beide Zimmer mit dem Rest ihrer eingebrachten Einrichtung waren noch leidlich in Ordnung, in den anderen standen Kisten, lagen Decken und Holzwolle zum Verpacken umher.

Da Finna kraftlos auf die Bettkante gesunken war, sich vor Erschöpfung kaum rühren konnte, kniete 190 Asmussen vor ihr nieder und zog ihr die ganz durchnäßten Stiefel aus, die wirklich so reparaturbedürftig aussahen, daß er sich schämte. Dann brachte er sie zu Bett und schließlich ging er noch in die Küche, um ihr über dem Kochgas eine Tasse Tee zu machen.

Er hielt ihr die Tasse an den Mund, bis sie sie leer getrunken hatte, wickelte sie fest in die Decke und redete ihr gut zu. Erst als er sie am Einschlafen glaubte, verließ er sie.

In der neuen Wohnung war es sehr ungemütlich. Bei seiner Umständlichkeit hatte er nur einen kleinen Teil seiner Sachen eingeräumt, seine Bücher lagen in einem Haufen auf dem Teppich. Ganz zermürbt setzte er sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hände.

Die Frauen standen vor ihm, die sich an ihn drängten: Astrid, die bereit war, ihm alles zu geben, ihn wie einen Prinzgemahl an ihre Seite zu erheben; Malve, deren erstes scheues Erwachen ihm gehörte; dunkel aus dem Dunkel aufgewachsen, wie ein Gespenst, wie eine Ausgeburt der Nacht: Finna. Alle liebten ihn – und würden um ihn leiden.

Plötzlich hatte er das Gefühl, es müsse schön sein, zwischen vermorschenden Brettern sieben Schuh tief unter der Erde zu liegen.

* * *

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