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Götzendienst

Clara Blüthgen: Götzendienst - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleGötzendienst
authorClara Blüthgen
year1930
firstpub1930
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
addressBerlin-Schöneberg
titleGötzendienst
pages304
created20081019
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Asmussen kannte sein Feld, das Theater, ganz genau. Er hatte recht behalten, der »Rebell« war angenommen worden. Selbst die Pein aller anderen Autoren, das zermürbende Wartenmüssen war Astrid erspart geblieben. Ein Stück des alten Nationaldichters, von dem Bühnenpraktiker Asmussen überarbeitet und empfohlen, konnte man fast unbesehen annehmen, es war seines Erfolges auf jeden Fall sicher.

Die Rollen waren besetzt, die Proben hatten begonnen. Damit war in Astrids Leben eine ungeahnte, 122 wundervolle Bewegung gekommen. Sie und Asmussen durften beständig bei den Proben sein, durften die zitternde Aufregung erleben, die mit so viel Glück durchsetzt ist, zu sehen, wie ihre eigenen Gestalten langsam Leben gewannen, wie Szene um Szene sich zusammenschloß zu einer Wirkung voll tragischer Gewalt und Tiefe. Sie erlebten jenen Kampf mit Darstellern, Regisseur und Direktor, der keinem Autor erspart bleibt, der mit so heißer Inbrunst durchgefochten wird, weil er dem Erfolg des Werkes gilt. Ein Kampf im großen, um ganze Szenen und Aktschlüsse, ein Degenkreuzen im einzelnen um ein Wort, eine Geste, um eine Nuance des Tons heller oder dunkler.

Astrid lernte von dem erfahrenen Asmussen den Eiertanz des Verkehrs mit allen diesen Theaterleuten.

»Loben Sie nie jemand im Beisein des andern, denn der Neid ist hier sehr groß. Noch viel weniger aber dürfen Sie tadeln, daß es jemand hört, denn die gekränkte Eitelkeit ist noch gefährlicher als der Neid. Alles, was Sie auszusetzen haben, bringen Sie dem Betreffenden in einer guten Minute ganz allein bei. Sparen Sie dabei nicht mit Liebenswürdigkeit und Schmeichelei. Leiten Sie jede Ausstellung damit ein, daß Auffassung und Ausarbeitung der betreffenden Rolle eine Genieleistung ersten Ranges, und daß es eben deshalb ein Jammer sei, wenn durch eine Kleinigkeit wie dies und das die einheitliche Wirkung 123 beeinträchtigt würde. Schärfen Sie jedem ein, selbst wenn er nur stumm über die Bühne zu gehen hat, daß von ihm der Erfolg des ganzen Dramas abhänge. Gegen alle müssen Sie die Liebenswürdigkeit selbst sein – denn Sie brauchen sie alle.«

Astrid war zuerst empört, sie sei zu stolz, um ein solches Umwerben gegen ihre Überzeugung auszuüben. Als sie aber merkte, daß sie mit Zurückhaltung ebensowenig weiter kam wie mit Wahrhaftigkeit, lernte sie sehr schnell um, ja, es war, als ob sie es nun darauf anlegte, Magnus' Ratschläge noch zu übertrumpfen.

Man sah sie in den Pausen eng umschlungen mit der tragischen Heldin über die Bühne wandeln, eifrig und liebenswürdig auf sie einsprechend, und die strahlende Gehobenheit der Heroine bewies, wie tüchtig Astrid sie geölt hatte. Mit dem jugendlichen Liebhaber flirtete sie, ihre Stimme nahm schmelzende Töne an, ihre Augen leuchteten ihm entgegen. Er war ein sehr junger, noch etwas ungelenker Jüngling, der nur durch einen Zufall an die hauptstädtische Bühne gelangt war. Die Gefahr, er könne etwas verderben. lag nahe, so mußte er durch ganz besondere Liebenswürdigkeit umstrickt werden. Die jugendliche Liebhaberin, die außerhalb der Rampenbeleuchtung sehr geringe Reize aufwies, fragte sie um Rat wegen der Behandlung ihres wundervollen Haares, ihrer einzigen Schönheit, und die alternde Mütterdarstellerin, der von vergangener Herrlichkeit nichts als ein 124 graziöser Fuß übriggeblieben war, wo sie ihre Schuhe kaufe.

Ganz besonders gut stand sie mit dem Regisseur, der wichtigsten Persönlichkeit. Ausstellungen machte sie ihm gegenüber nie, aber sie wußte sehr geschickt anzudeuten, daß dieses oder jenes bei weiterer Ausarbeitung ja noch ganz anders herauskommen werde. Regelmäßig endete sie in der gerührten Trauer, daß es ihrem Gatten nicht mehr vergönnt sei, sein Werk in dieser einzig großartigen Inszenierung zu sehen.

Die Luft des Theaters, dieses Gemisch von Staub, Farbe, Kleister, der mißgünstigen Ausdünstung von alten Stoffen wurde ihr Lebensluft, sie sehnte sich danach, wenn sie zu Hause in ihrem molligen, blumendurchdufteten Zimmer saß.

Den Theaterjargon lernte sie mit großer Schnelligkeit. Die Worte »Kulissen«, »Soffitten«, »Fortunio-Horizont«, »Versatzstücke«, eine »praktikable Bank« gingen ihr mit Selbstverständlichkeit über die Lippen. Schnell kannte sie alle Theaterarbeiter mit Namen, für jeden hatte sie einen Scherz, eine kleine Liebenswürdigkeit bereit. Sie mochten sie alle gern. In acht Tagen war sie populärer, als Asmussen es in einer Tätigkeit von acht Jahren geworden war.

Zogen die Proben sich sehr in die Länge, so speisten Asmussen und Astrid mit ihren »braven Darstellern« im Theaterrestaurant, und Astrid war's, die durch ihre Frische und ewig gute Laune die Stimmung auf der 125 Höhe erhielt. Sie half auch der ziemlich einfachen Ernährung nach. Einmal hatte sich zum Schluß des Mahles eine schöne Torte eingefunden, dann wieder hatte wie durch ein biblisches Wunder das billige Bier, das man zu trinken pflegte, sich in einen guten Wein verwandelt – als die letzten Proben kamen und damit die letzte Anspannung, sogar in perlenden Sekt.

Asmussen staunte über diese geradezu geniale Anpassungsfähigkeit, die ihn selbst fast aus dem Sattel hob, bemerkte, daß er selbst der Motor war, der diese lebenden Kräfte so urplötzlich in Bewegung setzte, und diese Ahnung erfüllte ihn halb mit Unbehagen, halb mit geschmeichelter Eitelkeit.

Glücklich ermattet war Astrid nach einer der letzten Proben auf einen Stuhl im Foyer gesunken.

»Das sind nun unsere Geschöpfe, durch uns leben sie, wir haben den gleichen Teil daran«, sagte sie, und ihre Brust hob sich in stolzen Atemzügen. Eine Minute zuvor hatte sie dem Heldenspieler versichert, daß er erst dem Erdenkloß den lebendigen Atem eingeblasen habe. »Nun kommt das höchste, wenn wir beide zum Schluß heraustreten und den Beifall des ganzen Hauses entgegennehmen.«

»Wir?« fragte Asmussen in einem Ton, der recht abkühlend wirkte.

»Selbstverständlich wir. Wir, die beiden Verfasser.«

»Sie vergessen, daß Malthe Börgesen der 126 eigentliche Verfasser ist. Von ihm stammt das Stück und unter seinem Namen muß es über die Bühne gehen.«

»Unter seinem Namen? Dem Namen meines Gatten, wo doch wir beide – –?«

»Seien Sie vernünftig. Wenn wir beide als Verfasser, das heißt doch nur als Überarbeiter des Romans, den hierzulande jeder kennt, zeichnen, so bedeutet das soviel wie einen dramatischen Versuch, will sagen, ein Experiment. Wenn aber das Drama als nachgelassene Arbeit des alten Nationaldichters gilt, so ist ihm unter allen Umständen der Erfolg garantiert.«

»Wie, ich, die ich das Drama nach den kurzen Notizen meines Gatten aufgebaut habe, ich sollte nun darauf verzichten, an dem Erfolge teilzunehmen? Ich habe mich darauf eingelassen, daß zu seinen Lebzeiten ›Königsgeschlechter‹ unter seinem Namen erschien – damit ist's aber genug. Meinen Sie, daß ich mich auch nach seinem Tode noch ganz von ihm ausrauben lassen will? Darein willige ich auf keinen Fall!«

Astrid flammte in Empörung, ein bitterböser Haß brach aus ihren Augen, der dem toten Gatten galt. Sie war aufgesprungen, stand hochaufgerichtet, um ein paar Fingerbreiten größer als Asmussen, stark und rassig in der endlichen Forderung ihres Rechtes.

Asmussen fühlte, wie etwas von ihrem Temperament in sein kühles Blut übersprang. Zum ersten Male verstand er, daß etwas in ihr war, das nicht einfach mit kühler Ablehnung zu bezwingen war. Er, der den 127 Erfolg in allen Schattierungen, bis zum fortreißenden Taumel kannte, fühlte ihr nach, wie auch sie nach Erfolg und Anerkennung lechzte, sie, die ein Leben ganz im Schatten des berühmten Gemahls geführt hatte.

Er nahm ihre Hand, das weiche Frauenlächeln um die Lippen, einen Ton gefährlicher Weichheit in der Stimme:

»Liebe Frau Astrid, was Sie da fordern, verstehe ich vollkommen. Es ist Ihr Recht und redlich verdient. Dennoch dürfen Sie es nicht durchtrotzen wollen, denn es wäre unklug. Hier darf nur die Vernunft entscheiden. Sie haben so lange diese vornehme Beherrschung gezeigt, beweisen Sie sie auch jetzt.«

»Vernunft – Beherrschung! – Soll es denn bis zu meinem Lebensende nichts anderes für mich geben! Ich will nicht vernünftig sein, will mich nicht beherrschen, ich habe genug davon. Endlich will ich meinen Platz an der Sonne!«

Sie rief es wild, rang die Hände ineinander. Die Erregung lieh ihr die Pose der großen Tragödin, den Ton, der die Herzen erschüttert. Plötzlich schlug sie die Hände vors Gesicht und brach in Weinen aus. Ihr großer Körper bebte im Schluchzen.

Obgleich Asmussen im allgemeinen mit dreifachem Erz gepanzert schien, war er einem nicht gewachsen: er konnte keine Frau weinen sehen. Es riß an seinen Nerven, bereitete ihm eine geradezu physische Qual. 128 Er hatte dann nur den einen Gedanken: damit ein Ende zu machen. Viele der Verwickelungen in seinem Leben entstammten einzig dieser Schwäche.

So nahm er dann Astrid die Hände, die ganz naß waren, vom Gesicht, trocknete sie vorsichtig mit seinem Taschentuch, jeden Finger einzeln, zog dann beide Hände an seine Brust.

»Meine liebe, gute Frau Astrid – nun hören Sie vor allen Dingen mal mit dem dummen Weinen auf. – Sie wissen nicht, wie mich das quält – und quälen wollen Sie mich doch gewiß nicht? – Ich gäbe Ihnen gewiß gern nach, aber jede praktische Erwägung spricht dagegen. – Das ganze Theater ist ein Rechenexempel. Sie müssen dieses Opfer bringen. – Herrgott, nun weinen Sie noch ärger. – Ist es Ihnen denn so ganz unmöglich, es zu tun – mir zu Liebe?«

Da wurde Astrid ganz ruhig. Und mit einem Male, sie wußte nicht, wie es zugegangen, lag ihr Kopf an seiner Schulter.

»Ich will's ja. Und es muß mir leicht werden, weil Sie es so wollen.«

Holger Asmussen war bestürzt. Es war ein leichter und gar nicht beabsichtigter Sieg in seinem an Siegen überreichen Leben. Immerhin ein Sieg mehr. – Er stand im Herbst des Lebens, hörte die welken Blätter rascheln. – – Diese starke, bewußte Frau, die sich nie im Leben ganz hingegeben hatte, die ihm nun in ihrem 129 aufgesparten Glücksverlangen so willenlos an die Brust sank, rührte ihn. Es tat ihm leid, daß er sie so gar nicht liebte, nicht lieben durfte, aber er hätte ihr so gern etwas Liebes angetan. So legte er nur die Hand auf ihr mächtiges Haar, ließ sie dort zärtlich liegen und sagte mit seiner sanftesten Stimme.

»Das wußt' ich ja, liebe Frau Astrid. Zu unserer Kameradschaft gehört es doch, daß wir eines Willens sind. Aber nun müssen Sie sich wirklich beruhigen.«

Über ihren Kopf hinweg sah er sich um. Wenn gerade jetzt hier jemand ins Foyer käme? Das würde eine ganz unerquickliche Szene. Sowieso war's fast ein Wunder, daß sie solange allein geblieben waren.

Astrid fühlte seine Gedanken und folgte der Bewegung seines Halses. Sie schreckte auf und fuhr mit beiden Händen auflockernd unter das Stirnhaar, jene Geste, die ihm stets zuwider war und ihn auch jetzt ernüchterte. »Kommt jemand?«

»Ich glaube, der Direktor – er wollte mich noch mal sprechen.«

Es kam niemand. Aber der Zauber war durch die einzige Bewegung Asmussens gebrochen. Verlegen, wie nach einem kleinen Sündenfall sahen sie sich an. Dann irrten beider Blicke zu Boden.

»Was tun wir jetzt?« fragte Astrid. Es erschien ihr unmöglich, daß sie sich jetzt so ohne weiteres trennen sollten.

»Ihnen, liebe Frau Astrid, würde ich raten, daß 130 Sie nach Hause führen und sich tüchtig ausschliefen. Solche Uraufführung ist eine furchtbare Nervenprobe, und das schwerste steht Ihnen noch bevor. Da heißt es, mit den Kräften haushalten.«

»Meine Nerven bringt nichts um. Ich habe mich niemals besser gefühlt als jetzt – und nie glücklicher.«

»Trotzdem – fahren Sie heim und ruhen sich aus.«

»Und Sie? Können wir nicht wenigstens zusammen speisen?« Augen und Stimme baten.

»Dazu bleibt mir leider keine Zeit. Ich habe höchstens eine halbe Stunde Zeit, mich auszuruhen, dann heißt's wieder eine Vortragsstunde zu geben. Das ist – mein Beruf.«

»Sie Armer – und das soll nun so Ihr Leben lang weitergehen?« fragte sie zärtlich und blieb vor ihm stehen, in der Erwartung, daß er doch vielleicht mit ihr kommen würde. Aber er nahm nur ihre Hand, küßte sie, was er nie getan hatte:

»Auf Wiedersehen dann, morgen auf der Probe.«

Astrid sah ihm lächelnd nach, wie verzaubert. Sie wußte nicht, wie das Leben nun weitergehen sollte. Irgend etwas Wunderbares mußte auch jetzt noch kommen.

In ihrer seligen Unruhe winkte sie ein Auto heran, ließ sich ohne Ziel durch die Hauptstadt fahren. Die Laterne dort stand – wie sonst, gerade als ob sich gar nichts ereignet hätte – und dort der Schwanenteich, und hier das Denkmal eines volksbeglückenden 131 Ministers. Und die Damen zogen ihre Schleier vors Gesicht, die Dienstmädchen schleppten ihre Körbe, der Briefträger stapfte durch den zerfließenden Schnee, und die Spatzen balgten sich um irgendein Bröckchen – alles genau wie sonst – wie komisch das war, zum Lachen.

Sie lachte wirklich vor sich hin, dann hob sie ihren großen Muff, drückte das Gesicht hinein, freute sich über die flaumige Weiche des Chinchillas und wie die Härchen ihr über die Wange schmeichelten – ganz wie zärtliche Hände. Dann mußte sie wieder lachen und wurde rot dabei.

Und dann sah sie sich in dem schmalen Spiegelstreifen dicht hinter dem Rücken des Fahrers, ein Auge nur, eine halbe Nase, einen halben Mund.. Das Stückchen Wange war gerötet, aus den Lippen schien das Blut zu springen. Sie rückte ein bißchen zur Seite, um wenigstens den Mund ganz sehen zu können, und freute sich an der durchsichtigen jugendlichen Röte, den vertieften Winkeln, den festen weißen Zähnen, die frei wurden, als sie von neuem vor sich hinlachte.

Anton stand, als ob er überhaupt nichts anderes zu tun hätte, bereit, um ihr Pelz und Muff abzunehmen. Es war ihr unlieb, vor ihm den Schleier abzulegen, als ob er ihr etwas ansehen könne. Auch vor Karin war ihr bange, als sie zu ihr ins Zimmer kam, um ihr die nassen Stiefel aufzuknöpfen und 132 ihr ein Paar Schuhe aus weichem Waschleder überzuziehen.

Endlich war sie allein. Da warf sie sich auf den Diwan, zog die Nadeln aus dem Haar, schüttelte den Kopf, daß es sich wild aufbauschte, legte streichelnd ihre Hand darauf. So war es gewesen: ein Segen, der auf ihrem Haupte gelegen. Der blieb ihr. Dann nahm sie die andere Hand an die Lippen, küßte sie auf die Stelle, die Holger geküßt hatte.

* * *

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