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Götzendienst

Clara Blüthgen: Götzendienst - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleGötzendienst
authorClara Blüthgen
year1930
firstpub1930
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
addressBerlin-Schöneberg
titleGötzendienst
pages304
created20081019
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erst durch die Meldungen der Zeitungen erfuhr Astrid von Holger Asmussens Ende. Es war niemand mehr da, um Anzeigen zu verschicken.

Sie nahm die Nachricht auf in dem Schmerz, 300 der in seinem Übermaß kein Wort und keine Träne findet.

Ihr letzter Besuch bei Asmussen war bei der frühen Stunde unbemerkt geblieben, der Zettel, den Holger hinterlassen, er gehe eines unheilbaren Leidens wegen aus der Welt, hatte Glauben gefunden. Schon lange fand man ihn elend aussehend und mißmutig. Die, denen seine näheren Verhältnisse bekannt waren, suchten seinen Entschluß mit dem Hingange Finna Alminds in Beziehung zu bringen, und daß er den Tod gerade auf ihrem Grabe gesucht, machte die Vermutung zur Gewißheit. Man bewunderte ihn wegen dieser Liebe über das Grab hinaus; sein Hügel, der nicht weit von dem seiner Freundin lag, wurde nicht leer von frischen Sommerblumen.

An die Staatsrätin Börgesen rührte kein Verdacht – hätte sie es gewußt, so würde es ihr nur noch ein Stachel mehr gewesen sein, daß man sie auch nach Holgers Tode so ganz beiseite schob.

Sie war vollkommen zusammengebrochen, lag wie gelähmt im Bette, ohne zu sprechen, so daß stets Anton oder Karin sie vom Nebenzimmer aus bewachen mußten. Doch drang ihr Leiden nicht in die Öffentlichkeit, da kaum einer von ihrer Rückkehr wußte und der Arzt und Dienerschaft reinen Mund hielten.

Als der Druck von ihrem Bewußtsein wich, hatte sie nur einen Wunsch: ihre Schwägerin Charlotte Brandis möge zu ihr kommen.

301 Man telegraphierte ihr, und umgehend kam ihre Antwort, sie werde sofort abreisen.

Diese zarte und doch so starke Frau erwies sich als die beste Seelenärztin. Niemals drängte sie ihren Trost auf, aber sie war immer bereit, wenn Astrid sich auszusprechen wünschte, und sie hatte den felsenfesten Glauben an Astrids innere Gesundheit, sie hoffte, daß nun, da Holger Asmussen nicht mehr war, da Haß, Liebe, Eifersucht keinen Gegenstand mehr fanden, um sich daran zu verbeißen, Astrid sich endlich selbst wiederfinden würde.

Wie lange das dauern, in welcher Weise es geschehen würde, daran rätselte sie nicht, gewiß war nur: sie wußte, daß dieses reiche Leben noch einmal seinen Aufschwung nehmen und daß von ihrem freudigen Glauben davon allmählich etwas in die kranke Seele der Freundin übergehen werde –

Es war Hochsommer geworden, die zweite Rosenblüte duftete, und von den Rasenflächen wehte der Heuduft von der zweiten Mahd in Astrids Zimmer.

Sie saß in ihrem tiefen Stuhl am offenen Fenster, Charlotte ihr gegenüber. Gegen das gebräunte Gesicht der Schwägerin sah Astrids Antlitz doppelt blaß aus, aber das unruhige Flackern war aus ihren Augen, die Unrast von ihrem Wesen gewichen.

»Erinnerst du dich, als das Heu zum ersten Male gemäht wurde, bei euch draußen in Brandishof, wo wir zusammen auf dem Heuhaufen saßen und über das 302 Glück philosophierten?« fragte Astrid. »Du verglichest es mit dem Schatten, der uns flieht, wenn wir ihm nachlaufen –, ich verglich mich mit dem Windhund, der eben etwas nachjagen muß, sei es auch nur einem Schatten! Nun wohl, ich bin über das Ziel hinausgejagt. Nichts habe ich erreicht, als daß zu den zwei Gräbern ein drittes gekommen ist.«

Charlotte nahm ihre Hand.

»Laß das. Nicht du hast das verschuldet, Holger Asmussen war ein müder Mann, der das Leben bis zum Bodensatz ausgeschöpft hatte. Ihm kam es darauf an, den bittern Rest zu verschütten. Da war ihm jeder Vorwand recht.«

»Und ich lebe. Wozu lebe ich noch?«

»Um zu nützen, um all das Gute und Große, das in dir liegt, auszumünzen. Denke nicht, daß es wertlos ist, weil da einer war, der es nicht zu schätzen wußte. Lebe für uns und mit uns. Komm zu uns und gib uns deine Kraft, solange du willst. Findet sich etwas anderes, so treten wir zurück.«

»Ich habe daran gedacht. Es wäre das Natürlichste – wenn ihr mich wirklich haben wollt, so wie ich bin. Aber was soll ich euch? Ihr gehört unter euch zusammen, ihr beide und die Jungen. Das ist alles so fest gefügt, daß für mich kein Raum ist, ich mich womöglich wie ein Keil zwischen euch schieben würde. Ihr habt ohne mich auskommen können und werdet es auch weiter, und für mich würde bei euch 303 die Bitterkeit doppelt so groß sein, daß ich nichts habe, was mir allein gehört.«

»Hast du wirklich nichts? Denke nach, Astrid!«

Astrid sah sie unsicher an. Zum ersten Male kroch eine leichte Röte über ihr Gesicht.

»Ich weiß nicht – oder doch – Malve? Lily Jordan hat sie mir gewissermaßen vermacht. Aber ich habe mit keinem Gedanken an dieses Vermächtnis gedacht. Da siehst du nun, was man an mir hat. Was weißt du übrigens von Malve?«

»Alles, was Lily Jordans Brief über sie sagt, den du ganz unvorsichtige Frau bei deiner Flucht hattest liegen lassen. Ganz offen auf dem Tische, Astrid. Natürlich nahm ich ihn an mich und las ihn: daraus merkte ich auch, was du vorhattest – und ließ dich gewähren.«

»Malve«, sagte Astrid leise vor sich hin und lächelte, als wenn sie sich auf etwas sehr Süßes besinne. »Malve – ja, sie könnte mir gehören. Nun kann ich aber nicht mehr, wie ich will, sondern muß tun, was ihr paßt.«

»Wer weiß, vielleicht will sie dasselbe wie wir alle. Malve ist seit zwei Tagen hier. Ich habe sie kommen lassen und mit ihr gesprochen. Aufdrängen wollte sie sich dir nicht, ehe du nicht selbst nach ihr verlangtest. Soll ich sie dir holen?«

Astrid nickte. Sprechen konnte sie nicht. Ihr Herz begann zu klopfen.

304 Charlotte ging hinaus.

Eine lange Minute des Wartens – dann leichte Schritte.

In dem hellen Viereck der Tür stand ein schmächtiges Figürchen im dunklen Kleide. Aus einem schmalen blassen Gesicht schauten ein paar große Frageaugen ernst zu Astrid hinüber.

Die breitete nur die Arme aus, schluchzend:

»Malve!«

 

Ende.

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