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Götzendienst

Clara Blüthgen: Götzendienst - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleGötzendienst
authorClara Blüthgen
year1930
firstpub1930
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
addressBerlin-Schöneberg
titleGötzendienst
pages304
created20081019
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Briefe, die Astrid nachgesandt wurden, die sie meist nach langen Irrfahrten erreichten, waren ihr nur eine Belästigung. Kaum daß sie sie flüchtig gelesen hatte, vergaß sie sie wieder; beantwortet wurde keiner. Nur mit ihrem Bankier, der ihr Geld schicken mußte, stand sie in regelmäßiger Verbindung.

Eines Tages befand sich unter ihren Briefen einer, auf dem viele Postvermerke zeigten, daß er kreuz und quer geschickt war. Unlustig sah sie ein gelbes Blatt vor sich, das in die Augen stach, und das zudem recht eng beschrieben war.

»Liebe, gute Astrid, klügste und unvernünftigste aller Frauen unter der Sonne!

Wenn eine Frau plötzlich, ohne Abschied, von der Bildfläche verschwindet, so hat sie gewöhnlich dafür ihre guten Gründe. Bei Dir zweifle ich, 281 daß sie gut sind, das heißt, praktisch zu billigen, denn Dein Idealismus verwirrt Dir den Sinn für das Gute, das heißt Praktische, und Deine Zaghaftigkeit, zuzugreifen, bringt Dich in Widerspruch mit dem, was Dir gut, will sagen, gesund wäre.

Ich schreibe aber nicht, um Dir zu raten oder Dich gegen Deinen Willen zu Geständnissen zu veranlassen, sondern um Dir von mir zu erzählen.

Wie Du mich hier siehst, bin ich im Begriff meine Hochzeitsreise anzutreten – freilich nicht ›mit dem Ring am Finger‹ oder doch nur mit einem, der durch einen außerordentlichen Rubin von vier Erbsenbrillanten ausgezeichnet ist – Arveds Morgengabe. Wenn man den Ring aber herumdreht, wirkt er durchaus legitim.

Unsere Hochzeitsreise geht nach Amerika. Mein Pneumatikmann versteht es, die ›Konjunktur‹ auszunutzen, und da gerade die Gummibäume so gefällig gewesen sind, reichlich in den Saft zu schießen, so rechnet er auf ein vorteilhaftes Geschäft. Mir ist diese Reise sehr willkommen, ich habe das Gefühl, als sei es an der Zeit, daß mein Leben sich einmal vor andern Kulissen abspielte. Nur eins trübt mir meine Freude: Malve.

Einstweilen habe ich sie in der Pension Jacobsen untergebracht, doch fürchte ich, es wird nicht von Dauer sein. Sie ist dafür zu hübsch, und besonders, 282 seitdem sie von Dir zurückgekommen ist, hat sie so einen eigenen Zug, so ein ›gewisses Etwas‹, das die Männer verrückt macht.

Nun kommt meine Bitte: Nimm sie zu Dir. Ich habe schon einmal gesagt, daß ich keinen Ort auf der Welt kenne, wo sie besser aufgehoben wäre. Ewig wird Deine geheimnisvolle Reise so wie so nicht dauern. Ich habe mir nun mein Leben zurechtgemacht, so gut es geht, und bin zufrieden damit, – für Malve aber wünsche ich mir Besseres, oder wenigstens anderes. Hilf mir dazu – Du wirst Dir selbst damit helfen! Ich verlasse mich darauf, daß Du an Malve Mutterschaft vertrittst, bis ich zurückkomme. Wann das sein wird, läßt sich nicht sagen.

Soll ich Dir von den Menschen der Hauptstadt erzählen? Wohl kaum. Die meisten davon sind Dir immer ein Ballast gewesen, und von meiner Welt aus sieht man nur durch ein winziges Guckfensterchen in Deine.

Daß Finna Almind nun endlich gestorben ist, weißt Du wohl schon? Eine Erlösung für die Arme, sie trug die Schwindsucht in sich, wie auch der verstorbene ›Neffe‹, es mag so in der Familie liegen. Da hat ihr denn eine Erkältung den Rest gegeben. Bei ihrem Begräbnis sollen Almind und Dein Asmussen zusammengetroffen sein und sich beide durchaus korrekt benommen haben. Asmussen 283 ist's auch gewesen, der sie voll rührenden Mitleids zu Tode gepflegt hat.

Höchstens könnte ich Dir noch von Valdemar Ohlsen berichten, der mit Direktor Mortens einen großen Krach – – –«

Den Rest überflog Astrid nur, ohne zu wissen, was sie las.

Finna war nicht mehr, das einzige Hindernis zwischen Holger und ihr war fortgeräumt. Jetzt gehörte er ihr! Alle die Hindernisse, die ihr kranker Geist zwischen sie geworfen, die fürchterlichen Worte, mit denen sie ihm ins Gesicht geschlagen, die verstörten Briefe, mit denen sie ihn durch Wochen gepeinigt hatte, waren vergessen.

Sie rief nach ihrer Schwägerin, daß es durch das ganze Haus gellte, und als sie endlich ganz erschreckt ankam, warf sie sich ihr ungestüm an die Brust, sprach ihr von ihrem Glück und davon, daß sie nun sofort abreisen müsse. Ihre Brust flog, ihre Wangen brannten, sie wiederholte sich oft, sann über ein Wort nach und lachte sinnlos, wenn es ihr nicht gleich einfiel.

Charlotte Brandis hörte sie in tiefem Mitleid an. Sie faßte sie um die Hüften, zog sie aufs Sofa, hielt ihre Hände fest, die heiß waren und zuckten, und redete ihr gut zu:

»Ich verstehe es ja, daß du dein Teil Glück haben möchtest. Aber nicht in dieser Weise, Astrid, nicht in dieser Weise. Das bist du ja gar nicht mehr, die 284 einem Manne so nachläuft. Laß wenigstens erst einmal über das Grab Gras wachsen – vielleicht, daß er dann von selbst zu dir kommt. Zwinge ihn nicht, laß ihm Zeit, sich erst mit dem anderen abzufinden.«

An Astrid flossen ihre Worte ab wie das Wasser von einem Stein. Verstockt saß sie da und wendete den Kopf ab.

Da schlug über Charlotte der Jammer zusammen, sie glitt an der Schwägerin nieder, so daß sie vor ihr kniete, umfaßte ihren Leib und rief schluchzend:

»Große, stolze Astrid, was ist aus dir geworden. Du könntest eine der Ersten im Lande sein und legst es darauf an, dich klein und gering zu machen. Besinne dich doch auf dich selbst, wir vergehen im Jammer um dich – das ist keine Leidenschaft mehr, das ist eine seelische Störung, ein »Götzendienst«.«

»Denkst du an euren Leuchtturm, als wir neulich dort waren? Hunderte von kleinen Vögeln rannten sich an der Glasscheibe den Kopf ein, weil das Licht sie lockte –«

»Du bist aber nicht eine von den Hunderten, du bist du, Astrid. Du darfst nichts tun, was den Namen deines großen Gatten lächerlich macht. Hat seine Erscheinung dir nicht wenigstens das gesagt?«

»Seine Erscheinung! Das Werk einer Taschenspielerin oder meines Veronaldusels – Malthe hat mich um mein Glück betrogen, jetzt nehme ich es mir auf eigene Faust.«

285 Gegen diesen Wahn war nichts auszurichten. Charlotte stellte es bei sich fest und richtete sich seufzend von den Knien auf.

»So versprich mir wenigstens, heute nichts zu tun. Beschlafe die Sache, morgen siehst du sie wohl ganz anders an. Ach, Astrid, wenn wir dich doch ganz hierbehalten und durch nützliche Arbeit wieder gesund machen könnten –«

Sie legte ihre kleine, hartgearbeitete Hand auf Astrids Schulter und sah ihr fest in die Augen.

»Versprichst du es mir, Astrid?«

Astrid sah sie mißtrauisch überseits an und versprach's – sie, die niemals ein Wort gebrochen hatte, sie fühlte sich, als ob sie neues Blut in den Adern hätte, ihr ganzes Wesen fieberte.

Mit einem langen Blick auf die Schwägerin ging Charlotte hinaus – um draußen zu sagen, daß auf keinen Fall für Frau Börgesen der Wagen angespannt werden sollte, selbst dann nicht, wenn sie es befehle, daß aber Hennig sofort den Fuchs nehmen und zum Doktor reiten sollte, um ihn zu holen. Sie selbst lief zu der Roggenbreite, wo sie ihren Mann zu finden glaubte.

Kaum war Charlotte aus der Tür, so stürzte Astrid sich aufs Einpacken, warf alle Sachen wild durcheinander in den Koffer, so daß der Deckel sich über der Unordnung sperrte, setzte sich darauf, um ihn herunterzudrücken, brach fast den Schlüssel im Schloß ab –

286 Dann kam ihr ein böser Gedanke: die Schwägerin war so seltsam gewesen, sie wollte sie nicht reisen lassen. Man hielt sie hier gefangen. Wahrscheinlich hatte Charlotte sie sogar eingeschlossen.

Der Zorn stieg in ihr auf und daneben eine Angst, die ihr den Atem versetzte, ein tückischer Ausdruck trat in ihre Augen. Sie stürzte sich auf die Tür, warf sich dagegen – atmete erlöst auf, als sie sofort nachgab. Gefangen also wenigstens nicht, so weit war diese lästige Bevormundung doch nicht gegangen. Wie lächerlich überhaupt, daß man sie hier festhalten wollte gegen ihren Willen. Oh, sie würde sich schon zu helfen wissen.

Sie trat ans Fenster, und als sie niemand auf dem Hofe sah, lief sie hinunter. Es waren die späten Nachmittagsstunden, in denen alles im Gemüsegarten arbeitete, um den Regen, der gestern das Erdreich aufgelockert hatte, zu nutzen. Ringsum war kein Mensch zu hören und zu sehen.

Durch die Stalltür sah sie den Kopf des Braunen über die Krippe gebeugt knirschend den Hafer schroten. Der Fuchs fehlte auf dem Stand daneben, und auch Hennig, der sonst um diese Zeit die beiden Pferde versorgte, war nicht da.

Ihr Kopf suchte nach einem Zusammenhang und war nahe daran, ihn zu finden. Es geht irgend etwas vor, um mich zu halten – dachte sie.

Mit schnellem Entschluß zog sie den Wagen, einen 287 altgekanften, eingesessenen Parkwagen aus dem Schuppen, streifte dem Pferde die Halfter vom Kopf und legte ihm das Geschirr über. Als Mädchen hatte sie viel selbst kutschiert und verstand alle Handgriffe.

Der Braune guckte ihr fröhlich entgegen, rieb den Kopf an ihrem Arm. Er kannte die Hand, die ihm so oft Zucker gereicht. Mit einem wehmütigen Blick auf den Futterrest ließ er sich geduldig anschirren. Sie stellte die Bremse an, klopfte dem Pferde auf den Hals und deutete ihm, gut stehen zu bleiben.

Dann stürmte sie nach oben, um selbst ihren Koffer zu holen.

Sie hatte keine Ahnung von seinem Gewicht, zog und zerrte daran, bis ihr die Nägel splitterten. Sie war rot über Gesicht und Hals, der Schweiß trat ihr auf die Stirn: sie schaffte es nicht. Kläglich sah sie sich um, ob nicht irgendeine Hilfe kam? Dann fiel es ihr ein, daß sie nicht kommen dürfe – man wollte sie doch an der Abreise hindern. Da packte sie das Entsetzen, sie griff Mantel und Hut und eine kleine Handtasche, lief die Treppe hinunter, sprang in den Wagen, ergriff die Leine. Unsinnig peitschte sie auf das Tier los, das in glattem Trabe aus dem Gehöft hinaus auf die holprige Landstraße sauste.

Kaum wagte sie es, sich umzusehen. Sie wußte, wenn man ihre Flucht entdeckte, würde man sie einzuholen suchen. Es würde glücken, sie dann noch im 288 letzten Augenblick zu haschen – und sie wußte auch, dann würde etwas Entsetzliches geschehen.

Der gut ausgeruhte Braune, der es nicht gewohnt war, gepeitscht zu werden, griff mächtig aus. Klöße von Schmutz flogen unter seinen Hufen, dort, wo auf besonders ausgefahrenen Stellen das Wasser in breiten Lachen stand, spritzte es bis zu Astrids Gesicht.

Die Kornfelder, die ihres Bruders Gehöft umgaben, lagen hinter ihr, die kaum mannshohen Apfelbäume zu beiden Seiten der Straße, die er selbst angepflanzt, wichen zurück. Die Heide breitete sich vor ihr aus wie eine schillernde Seidenschleppe in allen lichten Tönen von Rosa und Violett, durch schmale Sandrinnen wie in einzelne Brüche zerknittert. Die Abendsonne sog einen süßen Honigduft aus den Millionen Blütenkelchen, blaue Schmetterlinge und dicke schwarze Hummeln flogen darüber, das Gesurr ihrer Flügel unterhielt ein ständiges leises Geräusch, als ob in einer ganz fernen großen Stadt Hunderte von Rädern über das Pflaster rollten.

Ein einzelnes Gefährt kam Astrid entgegen; ein knochiger, altgewordener Kaltblüter zog einen Bauernwagen, der mit Wachstuch bespannt war. Ein paar große Blechkannen schimmerten matt in dem Halbdunkel. Astrid kannte den Mann, der auf dem Bock saß; es war der Honighändler, der die ganze Umgegend versorgte. Sie erschrak – er war auf dem Wege zum »Brandishof«, und es war noch Zeit 289 genug, daß er sie verraten konnte. Aber der Mann schlief, Peitsche und Leine in der Hand. Der Gaul fand von selbst den Weg, der allmählich grundlos wurde.

Der Braune arbeitete sich nur mühselig durch den Sand, die Räder schnitten fast bis zu den Achsen ein. Als die Fahrerin kräftiger die Peitsche gebrauchte, stand er mit einem Male bockig still. Es blieb nichts übrig, als ihn verschnaufen zu lassen.

Nachdem sie ihm ein paar Stücke Zucker gegeben, die sie immer für ihre Lieblinge, Pferde und Hunde, in der Tasche führte, bequemte er sich weiter zu trotten.

Langsam ging es vorwärts. Endlos lief der Weg in den verschiedensten widersinnigen Krümmungen. Astrid, die keinem Tier etwas zuleide tun konnte, die schon mit den letzten Hieben gegen ihre eigene Natur gefrevelt hatte, steckte nun die Peitsche in die Büchse und ließ die Leine locker. Nach der Anspannung war eine plötzliche, mutlose Stumpfheit über sie gekommen: sollte sie den Zug erreichen, so geschah es, sollte sie ihn nicht erreichen, so war es eben so bestimmt. Ohne etwas zu wollen, ohne zu denken, starrte sie vor sich hin.

Schneller als sie es gedacht, sah sie die Station vor sich, und nun zeigte es sich, daß sie noch eine ganze Stunde Zeit hatte.

Die Braune triefte. Sein rostrotes Fell war dunkelbraun vor Nässe. Unter den Sielen drang der 290 Schweiß in Tropfen hervor. In der Eile hatte sie vergessen, eine Decke mitzunehmen, und nun schämte sie sich, und im Mitleid mit dem überanstrengten Geschöpf zog sie ihren Mantel aus und breitete ihn über seinen Rücken aus, nachdem sie es ein Weilchen zur Abkühlung auf und ab geführt hatte. Auch daran dachte sie, ihm Brot und Branntwein aus dem nahen Stationsgebäude zu holen, ihm mit der Flüssigkeit die Stirn zu reiben und ihm den Rest aufs Brot gegossen zu geben. Schließlich ließ sie durch einen Beamten einen jungen Burschen heranholen, der nach kurzer Ruhepause den Braunen ganz langsam zurückkutschieren sollte. Wie es ihre Art war, bezahlte sie ihn überreich. – Da man den Hauptmann Brandis hier kannte, konnte sie sicher sein, daß das Gefährt wohlbehalten, wenn auch erst mit tiefster Dunkelheit auf dem Brandishofe ankommen würde.

Wieder hatte sie ein Abteil erster Klasse für sich allein, wie damals, als sie mit Asmussen fröhlich auf die Künstlerfahrt gegangen war.

Es dunkelte, und ihr Kopf schmerzte.

Draußen zogen die Bilder der Landschaft in rascher Folge wie ein Film an ihr vorüber. Die Heide blaßte in der Dunkelheit zu einem stumpfen Braun aus. Nicht lange, so schoben sich in die trübe Fläche einzelne Kiefern, dann Kiefernstücke, die wie Inseln darin ruhten, dann ein einzelnes Haus, ein Gehöft, eine Koppel – graugrün ausgeblichene Getreidefelder – 291 ein Dorf mit spitzem Kirchturm – eine Fabrik mit riesigem Schornstein – der wie ein Speer in den Abendhimmel hineinlangte, um die Sonne aufzuspießen, den feuerfarbenen Ball am Horizont. Feuerschnüre spannten sich davon zur Erde, eine rosenrote Helle schob sich hinter die blaugrünen, kleinzerpflückten Abendwolken, daß sie wie Splitter von rotdurchleuchtetem, opalisierendem Glas erschienen.

Astrid starrte in das Farbenspiel, das sie fast hypnotisierte. Ihrer brausenden Siegeszuversicht war die Abspannung gefolgt, dazu ein flaues Gefühl, denn sie hatte seit Mittag nichts gegessen.

So versuchte sie den Hunger zu verschlafen, baute sich aus den Plüschkissen ein Lager zurecht und machte es sich darauf bequem.

Ihre Phantasie spielte damit, sich das Wiedersehen mit Holger vorzustellen, aber sie rief sie zur Ordnung – nichts von dem, was ihr so nahe bevorstand, wollte sie vorwegnehmen, alles sollte geschehen wie ein Wunder.

Zwischen Wachen und Halbschlaf verging die Nacht. Der Zug, der zuerst an allen möglichen kleinen Stationen gehalten hatte, raste nun ohne Aufenthalt weiter.

Morgens gegen sieben kam Astrid in der Hauptstadt an, durchgeschüttelt, steif in allen Gliedern, zermürbt, ganz schwach vor Hunger.

In dem Wartesaal standen die Stühle auf die 292 Tische getürmt, eine Frau war dabei, den Fußboden aufzuwischen. Am Büfett war ein Fräulein mit weißer Bluse und kunstreich geordnetem Haar damit beschäftigt, die Tassen auseinanderzusetzen, ein kleiner, nur halb ausgeschlafener Kellner stand mürrisch dabei.

Der Kaffee, den Astrid bestellte, ließ lange auf sich warten, dafür war er glühend heiß und duftete reichlich nach Zichorie. Sie aß ein paar Eier, die nicht frisch waren, und ein Brötchen mit trockener Wurst, wohl vom Tage zuvor, schnell hinunter, und um das Frösteln, das sie durchrieselte, zu besiegen, nahm sie ein Glas Kognak.

Dabei hatte sie die Augen ständig auf die Uhr an der Wand gegenüber gerichtet. So lang ihr die Vorbereitungen erschienen waren, zeigte es sich, daß, nachdem sie fertig gefrühstückt hatte, kaum eine halbe Stunde vergangen war.

Es war ganz unmöglich, Asmussen jetzt schon aufzusuchen. So saß sie tatenlos auf ihrem Stuhl und sah zu, wie der kleine Kellner jetzt mit einem ziemlich unsauberen Tuch die Stühle abwischte und die Aschschalen von den nächtlicherweile liegengebliebenen Zigarrenstummeln befreite. Das Büfettfräulein klirrte mit den Teelöffeln, vom Bahnsteig fauchten ein paar frisch angeheizte Lokomotiven, vor dem Bahnhofsgebäude fuhren die ersten Droschken vor, ein paar Handlungsreisende, übellaunig, die Gesichter noch 293 glänzend vom eben überstandenen Rasieren, kamen herein, ihre Musterkoffer in der Hand.

Der schöne rote Sonnenuntergang von gestern hatte ein schlechtes Wetter im Gefolge gehabt, ein feiner, staubartiger Regen hüllte alles in einen trüben Dunst.

Nachdem sie eine halbe Stunde so ausgedauert, hielt es Astrid nicht mehr aus. Sie nahm ihre Sachen und trat ins Freie.

Eine Reihe von Autos und Droschken stand bereit. Als Astrid schon ein Auto angerufen, fiel es ihr ein, es könne doch noch zu früh sein, und so zog sie es vor, den ziemlich weiten Weg zu Fuß zu machen. Damit konnte wieder eine halbe Stunde hingehen.

Die schöne Stadt sah, von dem Regen um ihr Morgenleben betrogen, recht trübselig aus. Die Pferde stolperten auf dem feuchten Asphalt, und die Kutscher schimpften. Die Straßenbahnen schleiften in den nassen Gleisen, die Dienstmädchen sahen übellaunig aus und hatten es eilig, ihre Körbe mit Tüten und Gemüse ins Trockene zu bringen. In den Dachrinnen gluckste das Wasser, die Drähte, die, quer über die Straße gespannt, die elektrischen Bogenlampen trugen, hatten sich in Perlenschnüre verwandelt, von denen es unablässig tropfte.

Bei ihrer Unempfindlichkeit gegen Wind und Wetter machte Astrid die Nässe wenig aus. Ganz nebenbei fühlte sie, daß ihre Schuhe voll Wasser waren. Alle ihre Empfindungen hatten sich an 294 Asmussen festgebissen, so stark, daß sie außerdem nichts fühlte, nichts dachte. Einmal kam ihr flüchtig der Gedanke, ob der Braune wohl glücklich auf dem Brandishof angekommen sei und was die Schwägerin zu ihrem Ausreißen sagen würde. Da ging sie weiter wie ein Automat, bis sie plötzlich vor Asmussens Haustür stand. Keiner ihrer Bekannten war ihr zu der frühen Stunde begegnet.

Sie dachte nicht daran, wie sie aussah. Auch nicht der Gedanke, daß sie sich erniedrige bis zur Verächtlichkeit, beunruhigte sie. Ihr ganzes Empfindungsleben drängte sich zusammen in der Gewißheit: Endlich!

Sie stieg die zwei Treppen hinauf, klingelte.

Asmussen war es selbst, der ihr öffnete.

Der unerwartete Anblick machte ihn fassungslos. daß er ohne zu sprechen hinterrücks in sein Zimmer taumelte, nach irgendeinem Möbel griff, als Stütze.

Astrid folgte ihm.

»Ich bin es, Astrid«, sagte sie – genau wie an jenem Abend, als sie nach dem Vortrage in seine Stube getreten war, in schillerndem Festkleide, das Brillantband über der Stirn, den ganzen Arm voll Blumen, die sie ihm bringen wollte –

»Was wollen Sie von mir? Wo kommen Sie mit einem Male her? – Und zu dieser Stunde –«, fuhr er sie an. Ekel und Empörung drückten ihm in der Kehle.

295 »Finna Almind ist tot. Ich erfuhr es gestern im Brandishof«, sagte sie und sah ihm fest in die Augen.

»Ja, sie ist tot – wohl ihr, daß sie es ist. Sie haben sich mit Ihrem Hasse an ihr gerieben, solange sie lebte, nun ist sie Ihrem Haß entrückt. Was wollen Sie jetzt noch von ihr? Sind Sie etwa die Nacht hindurchgefahren, um ihr einen Kranz auf das Grab zu legen?«

»Finna ist tot – Sie sind nun frei, Holger Asmussen.« Sie sah ihn mit heißen Augen an – wartete.

Asmussen verstand, was sie von ihm erwartete – und eine namenlose Verzweiflung kam über ihn. In die Arme nehmen sollte er sie, auf den Mund küssen, sein Leben mit dem ihren vereinen auf immer – ein kluger Mann, der das täte!

Er war dieser kluge Mann nicht.

Er sah sie vor sich stehen mit dem grauen, gedunsenen Gesicht, den durch die Nachtfahrt geröteten Augenrändern, dem unordentlichen Haar, das in triefenden Strähnen auf ihrer Stirn lag. Ihr Kleid hinterließ einen nassen Streifen auf der Diele, aus ihrem Mantel, den sie mitleidig über den Rücken des Pferdes gelegt, stieg, durch die Feuchtigkeit geweckt, ein übler Geruch – und aus all dieser Unschönheit blickten ihre Augen begehrlich, in einer heißen Aufforderung, die ihn schaudern ließ.

Und er gedachte ihrer Briefe, dieser entsetzlichen 296 Äußerungen einer verstörten Psyche, mir denen sie ihn gepeinigt. Keine Post, bei der er sich nicht gefürchtet, kein Tag, der ohne sie hingegangen wäre. Eine gehäufte Qual durch Wochen hindurch –

Ein ungeheurer Abscheu rann ihm wie ein Zittern durch den ganzen Körper. Er hatte nur noch den einen Wunsch, sie nicht mehr sehen, nicht in dieser engen Stube mit ihr zusammen atmen zu müssen.

Plötzlich versagten seine schwachen Nerven. Er fiel auf einen Stuhl am Tisch, schlug die Hände vors Gesicht, fing an zu weinen.

Astrid sah ihn so sitzen, und ein unendliches Erbarmen, die erste gesunde Regung seit Monaten, stieg in ihr auf. Sie sah nur seine Tränen, den Grund verkannte sie völlig. In dem Wunsche, ihn zu trösten, tat sie einen Schritt auf ihn zu.

Holger fühlte ihre Annäherung mit einem Grauen, wie es uns manchmal im Traume übermannt, wie das leise Näherrücken von etwas Abscheulichem.

»Ich bitte Sie, lassen Sie mich allein. Sie sehen doch, daß ich krank bin. Meine Nerven sind zusammengebrochen – ich fühle es schon lange«, brachte er zwischen den Zähnen heraus. »Sie müssen es doch verstehen, wie peinlich es für einen Mann ist, sich so in seiner Schwäche ertappt zu sehen.« Ein Rest seiner angeborenen Rücksicht verhinderte ihn, ihr voll zu zeigen, wie widerwärtig sie ihm war.

Gleich darauf hatte er sich wieder in der Gewalt.

297 »Sie selbst sind krank, haben sich mit der Nachtfahrt entschieden zuviel zugemutet. Gestatten Sie, daß ich Ihnen ein Auto besorge«, sagte er mit ruhiger Höflichkeit, öffnete das Fenster und winkte von der nächsten Ecke, einer Haltestelle, ein Auto heran.

Vom Boden nahm er ihre Tasche auf, dann öffnete er die Tür: »Darf ich Sie nun bitten?«

Sie blieb vor ihm stehen, wollte etwas einwenden. Er aber schnitt es ab: »Bitte – ich bin empfindlich gegen jede Geschmacklosigkeit – bei Frauen aber am meisten.«

Da folgte sie ihm willenlos. Sie spürte wieder den Kitzel im Nacken, als ob eine Peitsche sie berührt hätte.

Als er, überhöflich, die Schultern gesenkt, die Wagentür schloß, sah Astrid ihn noch mit einem jammervollen Blick an: Flehen, Zärtlichkeit, Erstaunen, die Anklage eines mißhandelten Tieres lag darin.

Er machte ihn erst vollends rasend, setzte das letzte Siegel unter seinen letzten Entschluß.

In seinem Schreibtisch lagen nebeneinander die fürchterlichen Briefe Astrids und der Revolver, den Anton ihm zur Aufbewahrung übergeben. Noch steckte der Schuß darin, für den der Hund zu schade gewesen –

Asmussen verbrannte die Briefe bis auf das letzte Blatt, den Revolver steckte er in die Brusttasche. Dann schrieb er einen Zettel, daß ein unheilbares 298 Leiden ihm das Leben zur Last mache und daß er nun Ruhe suche.

Das Fenster stand noch offen, als er nun ein zweites Auto heranwinkte, um sich nach dem Kirchhof fahren zu lassen.

Ein Komödiant des Lebens, ein tragisch Halber, ein Frauenliebling, dem ihre Liebe als Ekel bis zum Halse gestiegen war, und der nun, auf dem Grabe der Geliebten, seine große Schlußszene spielte – zugleich ein Bemitleidenswerter, der keine Frau je ganz glücklich gemacht, und der in seiner Weichheit schwer darunter gelitten hatte.

Als er den langen Kirchhofsgang hinunterschritt, zu dem neu angelegten Teil, wo sie alle in Reih und Glied lagen, die sich kein Erbbegräbnis leisten konnten, machte er einen Augenblick an Thyge Ludwigsens Stätte halt, um einen Blick auf die einfache Tafel mit der Inschrift zu werfen, die eine Lüge war, wie sein ganzes Leben.

Er seufzte tief auf. Eine Minute später stand er an Finnas Hügel.

Noch zierte ihn keine Tafel, noch waren keine lebendigen bunten Blumen, eine gefällige Verschleierung, die über das Grausen täuschen soll, darauf gepflanzt. Nur ein paar bescheidene Kränze, von der Beerdigung her, lagen halb verwelkt auf dem morastigen Grunde.

Auch Finnas Liebe hatte ihn mehr gequält als 299 beglückt, aber sie war doch noch das Bleibende, das einzig Feste in seinem an Liebe so überreichen Leben gewesen. Jetzt fühlte er, daß Finna die einzige gewesen war, zu der er je gehört hatte.

Sein Empfinden wurde matt, Liebe und Haß, Ehrgeiz und Enttäuschung fielen von ihm ab wie welke Blätter von einem Herbststrauch. Es war ein seliges Gefühl des Auslöschens –

Seine Hand tastete nach der Brusttasche. Vor dem Lauf des Revolvers spannte sich ein dünner glitzernder Faden in die Trübe. Ein kurzer dumpfer Knall wurde laut, ein weißes Pulverwölkchen quälte sich durch die feuchte Luft. Ein kleiner Vogel flatterte ängstlich aus einem Lebensbaum hoch, von den nächsten Büschen fielen unter der Erschütterung die Tropfen.

Auf Holger Asmussens schöner blasser Stirn stand eine kleine blaßrote Wunde mit blauen Rändern, ein paar dunkle Blutstropfen sickerten langsam hervor.

Er sank hintenüber, den Ausdruck eines Erlösten auf dem Gesicht. Seine hagere Hand umkrallte noch Astrids Revolver.

* * *

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