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Götzendienst

Clara Blüthgen: Götzendienst - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleGötzendienst
authorClara Blüthgen
year1930
firstpub1930
publisherPeter J. Oestergaard Verlag
addressBerlin-Schöneberg
titleGötzendienst
pages304
created20081019
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein paar Stunden waren vergangen, als man sich nach ihr umsah und sie langgestreckt in einem totenähnlichen Schlafe fand. Man wollte sie wecken, aber 272 vergebens – kaum daß die Pupillen sich unter den geschlossenen Lidern bewegten.

Noch ein paar Stunden wartete man ab, dann schickte man zum Arzt. Augusta suchte in Astrids Briefmappe nach Briefen von Verwandten und fand wirklich einen des Bruders in der Heide. Zum Glück stand darin die genaue Anschrift, so daß man telegraphieren konnte.

Anderthalb Tage später stand ein hochgewachsener blonder Recke in der Stube, um seine Schwester abzuholen.

Sie lag noch in halber Betäubung und ließ sich willenlos verstauen wie ein Gepäckstück. Zwar war die Wirkung des Veronals im Abflauen, doch hatten die Sehnerven eine Lähmung davongetragen, so daß Astrid, halb blind, sich an den Wänden hintastete, wie eine Schwerkranke. Ihre Wirte weinten, als sie sich von ihnen verabschiedete. Der Hauptmann aber machte kurzen Prozeß und verbat sich jede Begleitung zum Bahnhof.

Eine Fahrt von kaum einem halben Tag brachte die Geschwister zum »Brandishof«.

Als Astrids Bruder infolge einer Unüberlegtheit den bunten Rock ausziehen mußte, hatte er sich mit einem winzigen Vermögensrest hierher gerettet, um den Versuch zu machen, dem Heideboden nach und nach ein Stück urbares Land abzugewinnen.

Mit einer verfallenen Klitsche, die er allein mit 273 einem alten Knecht bewohnte, hatte er begonnen – jetzt, nach sechzehnjähriger zäher Arbeit, lag in dem rotblühenden Heidemeer eine stattliche grüne Insel von Feldern und Wiesen, die sich mit jedem Jahr vergrößerte.

Ein bescheidenes, weißes Wohnhaus mit den nötigen Ställen und Scheunen war neu gebaut worden, zwei Pferde, ein Brauner und ein Fuchs, standen wohlgenährt an der Krippe, vier rotfleckige Kühe im Stalle, und nachdem Astrid vor einem Jahre aus freien Stücken das Geld zum Ankauf von Zuchthammeln geschickt, hatte sich auch die Schafzucht zu erfreulicher Höhe entwickelt.

Ganz allmählich steuerte der Betrieb auf einen bescheidenen Wohlstand zu.

Der Hauptmann war verheiratet. Kurz vor jener Unvorsichtigkeit, die ihm die Karriere gekostet, hatte er sich verlobt mit einer Studentin der Kunstgeschichte, einem zarten, feinen Geschöpf, das man sich nur erhaben über jede alltägliche Beschäftigung vorstellen konnte. Als sie sah, daß es für ihn hieß, auf fremder Scholle ein neues Leben anzufangen, hatte sie schnell entschlossen auf den Abschluß ihres Studiums verzichtet und war tapfer nach eiliger Hochzeit mit ihrem Manne auf die »Klitsche« gezogen und hatte mit ihm in der Heide gearbeitet, als ob sie es nie anders gewohnt gewesen wäre.

Selbst als sie vorwärtskamen, ruhte sie nicht. Zur 274 Erntezeit saß sie selbst auf der Heuharke und trieb selbst den Braunen an, abends studierte sie landwirtschaftliche Chemie, um zu lernen, wie man den spröden Boden nach seiner ganzen Ertragsfähigkeit ausnützen könnte.

Sie hatten ein paar kräftige Jungen, die von kleinauf in kurzen blauen Leinenhosen und aufgekrempelten Hemdsärmeln auf dem Felde wie die Alten schafften und mit ihren verbrannten Gesichtern und dem krausen braunen Haar, das sie von der Mutter geerbt hatten, Bilder glücklichster Gesundheit waren.

Astrid und ihre Schwägerin Charlotte waren sich bisher nur flüchtig begegnet. Es war auch jetzt für Charlotte keine angenehme Aussicht, an ein längeres Zusammensein mit der Frau Staatsrätin zu denken, die ihr bisher stets den Eindruck einer außerordentlich verwöhnten großen Dame gemacht hatte.

Als sie sie nun in ihrer ganzen Kläglichkeit sah, mit dem gelähmten Arm und den unsicher blinzelnden Augen, floß ihr gutes Herz in Mitleid über. Sie fragte nicht, was Astrid so verändert habe, aber sie warb mit hundert kleinen Aufmerksamkeiten um ihre Liebe und Vertrauen. Die kahle Gaststube verwandelte sie mit allerhand Kissen und leidlich hübschen Sachen, die sie den anderen Stuben geraubt, und einem großen Teppich, den sie aus ihrer eigenen Stube genommen hatte, in einen sehr wohnlichen Raum. Sie massierte der Schwägerin den steifen Arm, bis er 275 wieder gebrauchsfähig wurde, sie nahm ihr jede Arbeit ab, die die Augen anstrengte, las ihr vor und besorgte ihre kleinen Nähereien, bis allmählich die Wirkung des Veronals sich verflüchtigte und diese blauen Augen ihre alte Schärfe wiedergewannen.

Vor allem wirkte sie mit ihrem immer wieder erprobten Allheilmittel, der Arbeit.

Sobald Astrid wieder zu Kräften kam, ließ Charlotte sie kaum mehr von ihrer Seite. Sie mußte mit ihr in die Küche und in die Milchkammer, in die Entenbucht und in den Schafstall gehen. Ehe sie wußte, wie es geschehen, war Astrid mit einer Menge kleiner Pflichten beladen, für die sie die Verantwortung trug.

Auch mit den beiden Jungen brachte sie sie viel zusammen, im Glauben, daß deren frische Art ein Gegengift für Astrids Grübeleien bilden würde.

Dann kam die Heuernte heran, und alles, was Hände hatte, tummelte sich auf der Wiese, die Harke in der Hand.

Charlotte trug kurze Leinenröcke. Astrids Röcke mußten es sich gefallen lassen, bis weit über die Knöchel geschürzt zu werden, die Jungen liefen nacktbeinig mit köstlich gebräunten Füßen und Waden.

Es war eine Lust, so im Sonnenschein und Heuduft zu atmen und zu arbeiten, und auch Astrids schwarze Gedanken rückten nach und nach in den Hintergrund.

Einmal, als das Heu in Haufen gesetzt und die 276 anderen heimgegangen waren, saßen beide Schwägerinnen Hand in Hand auf einem Heuhaufen. Es war gegen Abend, die Sonne sank, allerlei geheimnisvolle blaugraue Töne überzogen den Himmel – eine Zeit, in der Astrid stets am härtesten mit den Dämonen ihres Blutes und ihrer kranken Gedanken zu kämpfen hatte.

»Bist du nun wirklich glücklich?« fragte sie Charlotte, wie sie vor einem halben Jahre Lily Jordan gefragt hatte. Sie traute keinem glücklichen Gesicht, am wenigsten bei Frauen, und hatte sich angewöhnt, hinter jeder dieser Masken nach einem geheimen Unbefriedigtsein zu suchen. »Kannst du bei diesem Leben glücklich sein?«

»Ich stehe auf dem Platz, der mich verlangt und wo ich nützen kann«, gab Charlotte bescheiden-stolz zurück. »Was heißt überhaupt Glück, liebe Astrid? Glück ist doch keine Tatsache, oder ein dauernder Zustand, sondern ein Zusammentreffen der verschiedensten Dinge, die im beständigen Fluß begriffen sind. Ziele, die man sich steckt, und die Aussicht, sie zu erreichen, Ehrgeiz, dem die Erfüllung winkt, ein gewisses Maß von Besitz, auf das wir losarbeiten wollen – und bei uns Frauen auch das Auf und Ab unseres Liebeslebens mit Erfüllungen und Enttäuschungen – ist das nicht genug, um ein Leben reich zu machen?«

»Durch deines geht aber ein großer Bruch: was du früher erreichen wolltest, ist etwas ganz anderes als 277 das, was du jetzt erreicht hast. Das muß dich manchmal bitter machen –«

»Gewiß, solche Gedanken kommen zuweilen, so als Sonntagsnachmittagsstimmung, wenn man nichts Rechtes zu tun hat. Dann werfe ich sie aber über Bord und nehme ein Paar Strümpfe von den Jungen vor zum Stopfen – mit faustgroßen Löchern, weißt du, wie sie sie mit Vorliebe liefern – und dann sage ich mir: je weniger ich an mein persönliches Glück denke, um so glücklicher bin ich. Irgendwer, ich glaube ein Franzose, hat gesagt: Glück ist wie dein Schatten; laufe ihm nach, und er wird dich fliehen, fliehe ihn, und er wird dir nachlaufen. – Wenn du es doch versuchen wolltest, dem Glücke, oder dem, was du so nennst, nicht so unsinnig nachzujagen!«

»Das ist Sache der Natur. Nimm einen kleinen weichen Seidenpudel; er kann ruhig in seinem Korbe beim Ofen liegen. Nimm aber einen russischen Windhund, den Jagdhund der Steppe: er muß eben jagen und tut es, wenn er auch über das Wild hinwegsetzt«, rief Astrid.

Dann fiel sie der Schwägerin um den Hals und beichtete ihr allen Kummer und Holgers Worte, die sie noch immer wie einen Peitschenhieb fühlte.

Charlotte streichelte ihr das Haar, und der Abendwind sog die Tränen auf, die darauf fielen –

Als gute Frau, die ihrem Mann alles sagt, und da Astrid ihr keine Verschwiegenheit abverlangt hatte, 278 erzählte Charlotte abends ihrem Mann alles. Lange sprachen sie zusammen über den Fall Astrid.

»Sie wird es überwinden. In uns Brandis steckt so viel kerngesunde Natur, daß irgendeine böse Sache uns wohl niederwerfen kann, bald darauf besinnen wir uns wieder auf uns selbst und richten uns wieder auf. Denke nur an mich – und denke auch an meinen Vater. Der »tolle Brandis«, der das größte Gut besaß, den man in der ganzen Umgegend kannte! Der mit seinen vier Rapphengsten wie der Teufel kutschierte! Und hat sich doch nicht zerbrechen lassen, als dann mit einem Male die Herrlichkeit zu Ende war. – Um Astrid ist's nur ein Jammer, daß ihre unverbrauchte Lebenskraft nicht in einer gesunden Weise zum Ausbruch kam. Aber ich gebe dir mein Wort darauf: sie wird es überwinden«, sagte der Mann.

Und die Frau erwiderte:

»Nicht, solange Asmussen lebt, darauf gebe ich dir mein Wort. Solange sie ihn lebend weiß, wird sie sich an ihn anklammern, in Haß und Verachtung, in Liebe und Anbetung, in Verzweiflung und in Eifersucht auf eine andere, die ihn ihr wegnehmen könnte. Immer wird sie sich mit ihm beschäftigen und nie zur Ruhe kommen. Ich fürchte, wir können noch auf manche Überraschung von ihr gefaßt sein.«

Astrid selbst gab sich die redlichste Mühe, sich wieder mit dem Leben zu vertragen. Sie arbeitete mit geschürzten Röcken im 279 Gemüsegarten, pflückte das Beerenobst von den Sträuchern und kochte es ein nach Karins bewährten Rezepten, oder sie half Charlotte beim Unterricht der Jungen, die vorläufig keine Schule besuchten, da in dieser Einöde keine Schule zu erreichen war. Später sollten sie dann in Pension kommen, wofür vorgespart werden mußte.

Hatte Astrid ihr redlich Teil Arbeit mit den anderen zusammen hinter sich, so nahm sie wohl Charlottes altes Rad und fuhr damit geschickt auf den winzigen Wegen zwischen dem Heidekraut hin, bis nach der Küste, wo der rote Leuchtturm starr wie ein warnender Finger in den blauen Sonnenhimmel hineinragte.

Dort saß sie nieder, atmete mit geblähten Nüstern den Salzgeruch der See, sah dem ewigen Spiel der Wellen zu, die leise glucksend an den flachen Ufern brandeten – und dachte, daß alle Wasser der Welt nicht ausreichten, die Schmach abzuwaschen, die sie über sich und den Namen ihres Gatten gebracht hatte.

Sobald sie wieder mit Charlotte zusammen war, flohen diese Gespenster der Einsamkeit.

Zuweilen konnte sie ganz umgänglich sein, Pläne für die Zukunft machen, wie sie die Jungen zu sich nehmen, sie studieren lassen oder ihnen ein Gut kaufen wollte, das sie mit ihnen zusammen bewirtschaften wolle.

Oder sie dachte daran, aus ihrer Villa ein 280 Sanatorium zu machen, viele alte und kränkliche Leute darin zu verpflegen, die es bei ihr sehr gut haben sollten.

Manchmal dachte sie sogar an einen Gatten. Ganz einfach dürfte er sein, aber eine große Landwirtschaft müsse er besitzen, seine Felder müßten ihre Felder und seine Schafherden ihre Schafherden sein, viel Arbeit müßte es geben, und viel Segen aus all dieser Arbeit. – Es schien, daß sie auf dem besten Wege war, nun ganz gesund zu werden.

* * *

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