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Götzen-Dämmerung

Friedrich Wilhelm Nietzsche: Götzen-Dämmerung - Kapitel 3
Quellenangabe
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typetractate
authorFriedrich Nietzsche
titleGötzen-Dämmerung
publisherAlfred Kröner Verlag in Leipzig
seriesNietzsches Werke Taschen-Ausgabe
volumeBand X
year1922
firstpub1888
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20111229
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Sprüche und Pfeile.

 

1.

Müßiggang ist aller Psychologie Anfang. Wie? wäre Psychologie – ein Laster?

 

2.

Auch der Muthigste von uns hat nur selten den Muth zu Dem, was er eigentlich weiß...

 

3.

Um allein zu leben, muß man ein Thier oder ein Gott sein – sagt Aristoteles. Fehlt der dritte Fall: man muß Beides sein – Philosoph...

 

4.

»Alle Wahrheit ist einfach.« – Ist das nicht zwiefach eine Lüge? –

 

5.

Ich will, ein für alle Mal, Vieles nicht wissen. – Die Weisheit zieht auch der Erkenntniß Grenzen.

 

6.

Man erholt sich in seiner wilden Natur am besten von seiner Unnatur, von seiner Geistigkeit...

 

7.

Wie? ist der Mensch nur ein Fehlgriff Gottes? Oder Gott nur ein Fehlgriff des Menschen? –

 

8.

Aus der Kriegsschule des Lebens. – Was mich nicht umbringt, macht mich stärker.

 

9.

Hilf dir selber: dann hilft dir noch Jedermann. Princip der Nächstenliebe.

 

10.

Daß man gegen seine Handlungen keine Feigheit begeht! daß man sie nicht hinterdrein im Stiche läßt! – Der Gewissensbiß ist unanständig.

 

11.

Kann ein Esel tragisch sein? – Daß man unter einer Last zu Grunde geht, die man weder tragen, noch abwerfen kann? ... Der Fall des Philosophen.

 

12.

Hat man sein warum? des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem wie? – Der Mensch strebt nicht nach Glück; nur der Engländer thut das.

 

13.

Der Mann hat das Weib geschaffen – woraus doch? Aus einer Rippe seines Gottes, – seines »Ideals« ...

 

14.

Was? du suchst? du möchtest dich verzehnfachen, verhundertfachen? du suchst Anhänger?–Suche Nullen! –

 

15.

Posthume Menschen – ich zum Beispiel – werden schlechter verstanden als zeitgemäße, aber besser gehört. Strenger: wir werden nie verstanden – und daher unsre Autorität ...

 

16.

Unter Frauen. – »Die Wahrheit? Oh Sie kennen die Wahrheit nicht! Ist sie nicht ein Attentat auf alle unsre pudeurs?« –

 

17.

Das ist ein Künstler, wie ich Künstler liebe, bescheiden in seinen Bedürfnissen: er will eigentlich nur Zweierlei, sein Brod und seine Kunst, – panem et Circen ...

 

18.

Wer seinen Willen nicht in die Dinge zu legen weiß, der legt wenigstens einen Sinn noch hinein: das heißt, er glaubt, daß ein Wille bereits darin sei (Princip des »Glaubens«).

 

19.

Wie? ihr wähltet die Tugend und den gehobenen Busen und seht zugleich scheel nach den Vortheilen der Unbedenklichen? – Aber mit der Tugend verzichtet man auf »Vortheile« ... (einem Antisemiten an die Hausthür).

 

20.

Das vollkommene Weib begeht Litteratur, wie es eine kleine Sünde begeht: zum Versuch, im Vorübergehn, sich umblickend, ob es Jemand bemerkt und daß es Jemand bemerkt ...

 

21.

Sich in lauter Lagen begeben, wo man keine Scheintugenden haben darf, wo man vielmehr, wie der Seiltänzer auf seinem Seile, entweder stürzt oder steht – oder davon kommt ...

 

22.

»Böse Menschen haben keine Lieder.« – Wie kommt es, daß die Russen Lieder haben?

 

23.

»Deutscher Geist«: seit achtzehn Jahren eine contradiction in adjecto.

 

24.

Damit, daß man nach den Anfängen sucht, wird man Krebs. Der Historiker steht rückwärts; endlich glaubt er auch rückwärts.

 

25.

Zufriedenheit schützt selbst vor Erkältung. Hat je sich ein Weib, das sich gut bekleidet wußte, erkältet? – Ich setze den Fall, daß es kaum bekleidet war.

 

26.

Ich mißtraue allen Systematikern und gehe ihnen aus dem Weg. Der Wille zum System ist ein Mangel an Rechtschaffenheit.

 

27.

Man hält das Weib für tief – warum? weil man nie bei ihm auf den Grund kommt. Das Weib ist noch nicht einmal flach.

 

28.

Wenn das Weib männliche Tugenden hat, so ist es zum Davonlaufen; und wenn es keine männlichen Tugenden hat, so läuft es selbst davon.

 

29.

»Wie viel hatte ehemals das Gewissen zu beißen! Welche guten Zähne hatte es! –Und heute? woran fehlt es?« – Frage eines Zahnarztes.

 

30.

Man begeht selten eine Übereilung allein. In der ersten Übereilung thut man immer zu viel. Eben darum begeht man gewöhnlich noch eine zweite – und nunmehr thut man zu wenig ...

 

31.

Der getretene Wurm krümmt sich. So ist es klug. Er verringert damit die Wahrscheinlichkeit, von Neuem getreten zu werden. In der Sprache der Moral: Demuth. –

 

32.

Es giebt einen Haß auf Lüge und Verstellung aus einem reizbaren Ehrbegriff; es giebt einen ebensolchen Haß aus Feigheit, insofern die Lüge, durch ein göttliches Gebot, verboten ist. Zu feige, um zu lügen ...

 

33.

Wie wenig gehört zum Glücke! Der Ton eines Dudelsacks. – Ohne Musik wäre das Leben ein Irrthum. Der Deutsche denkt sich selbst Gott liedersingend.

 

34.

On ne peut penser et écrire qu'assis (G. Flaubert). – Damit habe ich dich, Nihilist! Das Sitzfleisch ist gerade die Sünde wider den heiligen Geist. Nur die ergangenen Gedanken haben Werth.

 

35.

Es giebt Fälle, wo wir wie Pferde sind, wir Psychologen, und in Unruhe gerathen: wir sehen unsern eignen Schatten vor uns auf- und niederschwanken. Der Psychologe muß von sich absehn, um überhaupt zu sehn.

 

36.

Ob wir Immoralisten der Tugend Schaden thun? – Ebenso wenig, als die Anarchisten den Fürsten. Erst seitdem diese angeschossen werden, sitzen sie wieder fest auf ihrem Throne. Moral: man muß die Moral anschießen.

 

37.

Du läufst voran? – Thust du das als Hirt? oder als Ausnahme? Ein dritter Fall wäre der Entlaufene ... Erste Gewissensfrage.

 

38.

Bist du echt? oder nur ein Schauspieler? Ein Vertreter? oder das Vertretene selbst? – Zuletzt bist du gar bloß ein nachgemachter Schauspieler ... Zweite Gewissensfrage.

 

39.

Der Enttäuschte spricht. – Ich suchte nach großen Menschen, ich fand immer nur die Affen ihres Ideals.

 

40.

Bist du Einer, der zusieht? oder der Hand anlegt? – oder der wegsieht, bei Seite geht ... Dritte Gewissensfrage.

 

41.

Willst du mitgehn? oder vorangehn? oder für dich gehn? ... Man muß wissen, was man will und daß man will. – Vierte Gewissensfrage.

 

42.

Das waren Stufen für mich, ich bin über sie hinaufgestiegen, – dazu mußte ich über sie hinweg. Aber sie meinten, ich wollte mich auf ihnen zur Ruhe setzen ...

 

43.

Was liegt daran, daß ich Recht behalte! Ich habe zu viel Recht. – Und wer heute am besten lacht, lacht auch zuletzt.

 

44.

Formel meines Glücks: ein Ja, ein Nein, eine gerade Linie, ein Ziel ...

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