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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 99
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Einunddreißigster Gesang

So zeigte denn, wie eine weiße Rose
Gestaltet, sich die heil'ge Kriegerschar mir,
Die Christus durch sein Blut sich angetrauet;
Doch jene, die im Fliegen schaut und singet
Die Herrlichkeit des, der sie füllt mit Liebe,
Und seine Güte, die so groß sie machte,
Gleich einem Bienenschwarm, der in die Blumen
Bald ein sich senket, bald dorthin zurückkehrt,
Wo lieblichen Geschmack sein Werk erlanget,
Stieg in die große mit so vielen Blättern
Geschmückte Blum' herab und stieg dann aufwärts
Dahin, wo ewig ihre Liebe weilet.
Das Antlitz aller war lebend'ge Flamme,
Die Flügel Gold, und also weiß das andre,
Daß bis zu solchem Ziel kein Schnee kann reichen.
Sie spendeten beim Tauchen in die Blume,
Von Bank zu Bank die Seiten sich befächelnd,
Des Friedens und der Glut, die sie erworben.
Und daß die Fülle Fliegender sich zwischen
Der Blum' einschob und dem, was drüber, konnte
Ein Hemmnis nicht dem Schaun sein, noch dem Glanze;
Dieweil das Licht, das göttliche, durchdringet
Die Weltgesamtheit, je nachdem sie's würdig,
So daß sich nichts ihr kann entgegenstellen.
Dies sichre, freudenvolle Reich, bevölkert
Mit altem und mit neuem Volk, gerichtet
Auf einen Punkt, ganz hatt' es Blick und Liebe.
O dreifach Licht, das, ihren Augen flimmernd
In einem einz'gen Stern, sie so befriedigt,
Blick her auf unsre Stürme doch hienieden!
Wenn die Barbaren, von der Gegend kommend,
So Tag für Tag von Helice bedeckt wird,
Die, nach ihm schmachtend, sich mit ihrem Sohn dreht,
Da Rom sie sahn und seine mächt'gen Werke,
Erstaunet standen, als der Lateran noch
Die Dinge, die vergänglich, überragte;
Ich, der ich zu den Göttlichen gekommen
Vom Menschlichen, vom Zeitlichen zum Ew'gen,
Und von Florenz zum Volk, gerecht und fehllos,
Wie mußt' ich erst erfüllt von Staunen werden!
Gewiß war's zwischem solchem und der Wonne
Genehm mir, stumm zu stehn und nichts zu hören.
Und gleich dem Pilgrim, der im Tempel seines
Gelübdes, um sich schauend, sich ergötzet
Und, wie er sei, schon hoffet zu berichten;
So, in lebend'gem Lichte mich ergehend,
Bewegt' ich meinen Blick durch alle Stufen,
Bald auf, bald ab, und bald im Kreis ihn drehend.
Ich sah liebüberredende Gesichter,
Mit fremdem Licht gesäumt und eignem Lächeln,
Und Tun mit jeder Ehrbarkeit geschmücket
Die allgemeine Form des Paradieses
Hatt' insgesamt mein Blick jetzt schon erfasset,
An keine Stelle fest annoch geheftet;
Und mit aufs neu' entzündetem Verlangen
Wandt' ich mich um, nach Dingen meine Herrin
Zu fragen, drob mein Geist im Zweifel schwebte.
Auf eines zielt' ich und erlangt' ein andres;
Ich glaubte sie zu sehn, allein ein Greis stand
Vor mir, gleich dem ruhmvollen Volk gekleidet.
Verbreitet war auf Augen ihm und Wangen
Wohlwoll'nde Freud', und da stand er, wie's einem
Liebreichen Vater ziemt, mit frommem Gruße.
Und: ›Wo ist sie?‹ sprach ich mit schnellen Worten.
Drauf er: »Zum Ende deinen Wunsch zu führen,
Ließ mich von meinem Sitz Beatrix kommen;
Und wenn du auf den dritten Umkreis schauest
Von oben ab, wirst du sie wiedersehen
Auf jenem Thron, den ihr Verdienst ihr anwies.«
Ohn' Antwort ihm zu geben, hob das Aug' ich
Und sah sie dort sich eine Krone bilden,
Abspiegelnd von sich selbst die ew'gen Strahlen.
Von jenem Raume, wo's am höchsten donnert,
Hat größern Abstand wohl kein sterblich Auge,
Das sich am tiefsten in das Meer versenket;
Als hier von mir Beatrix war entfernet;
Doch tat's mir keinen Eintrag, denn ihr Bild kam
Zu mir herab ohn' eines Mittels Mischung.
›O Herrin, in der meine Hoffnung lebet,
Die du geduldet hast, daß in der Hölle
Zurückblieb deine Spur ob meines Heiles,
Von jenen Dingen all, die ich gesehen,
Durch deine Macht und deine Güt' erkenn' ich
Die Kraft und Gnade, die sie mir gewähret.
Du zogst mich aus der Knechtschaft in die Freiheit
Durch alle jene Weg', in allen Weisen,
Die solches zu bewirken Macht besaßen.
In mir bewahre deine reichen Gaben,
Daß meine Seele, die du hast geheilet,
Dir wohlgefällig von dem Leib sich löse!‹
So betet' ich, und jen', aus solcher Ferne
Sich zeigend, warf mir lächelnd einen Blick zu;
Dann wandte sie sich zu der ew'gen Quelle.
Der heil'ge Greis darauf: »Damit vollkommen,«
Sprach er, »zum Schluß du bringest deine Reise,
Wozu mich Bitt' und heil'ge Liebe sandte,
Durchfliege mit den Augen diesen Garten;
Denn mehr wird deinen Blick sein Anschaun schärfen,
Um zu der Gottheit Strahl emporzusteigen.
Und sie, die Himmelkön'gin, die mit Liebe
Mich ganz durchglüht, wird drob dir alle Gnade
Erzeigen, denn ich bin ihr treuer Bernhard.«
Wie's dem zu Mut ist, der wohl aus Kroatien
Kommt, unsre Vera Icon zu betrachten,
Der ob der alten Sage nicht dran satt wird,
Nein, bei sich selber spricht, weil man sie zeiget,
»O du wahrhaft'ger Gott, Herr Jesus Christus,
So also bist du anzuschaun gewesen!«
Also ward mir's, als die lebend'ge Lieb' ich
Des Manns erblickte, der auf dieser Welt schon
Beschau'nd von jenem Frieden hat gekostet.
»O Gnadensohn, nicht wird dies heitre Dasein«,
Begann er drauf zu mir, »bekannt dir werden,
Wenn drunten du am Grund nur hältst die Blicke;
Doch blicke nach den Kreisen bis zum fernsten,
So daß die Königin du sitzen sehest,
Der dieses Reich gehorsam und ergeben.«
Ich hob die Augen, und gleichwie am Morgen
Der Teil des Horizonts, der östlich lieget,
Den übertrifft, wo sich die Sonne senket;
Also, von Tal zu Berg geh'nd mit den Augen,
Erblickt' ich einen Teil des äußern Randes,
An Licht besiegend die gesamte Reihe,
Und wie dort, wo die Deichsel man erwartet,
Die Phaëthon schlecht lenkte, mehr sich jener
Entflammt, weil rechts und links das Licht sich mindert;
So glühte jene Friedensoriflamme
Im Mittel am lebendigsten, ihr Feuer
In gleicher Weis' auf jeder Seite mildernd.
Und nach dem Mittel sah mit offnen Schwingen
Ich mehr denn tausend Engel festlich eilen,
Ein jeglicher an Glut und Kunst verschieden.
Dort sah zu ihren Reigen, ihren Sängen
Ich eine Schönheit lächeln, die den Augen
Der andern Heil'gen allzumal war Wonne.
Und wenn ich auch so reich an Worten wäre
Als an Vorstellungen, nicht würd' ich's wagen,
Zum kleinsten Teil nur ihren Reiz zu schildern.
Bernhard, als meine Augen er gewahret
Auf jener heiße Glut achtsam geheftet,
Kehrt' ihr die seinen zu mit solcher Liebe,
Daß mehr die meinen drob zum Schaun entbrannten.

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