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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 98
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Dreißigster Gesang

Sechstausend Meilen wohl von uns entfernet
Erglüht die sechste Stund', und ihre Schatten
Senkt diese Welt schon fast zur ebnen Fläche,
Wenn also tief für uns des Himmels Mitte
Beginnt zu werden, daß zu diesem Grunde
Der Schimmer manches Sterns nicht mehr kann dringen;
Und wie die lichte Dienerin der Sonne
Mehr vorwärts schreitet, schließet sich der Himmel
Von einem Bild zum andern bis zum schönsten.
Nicht anders wurde der Triumph, der immer
Den Punkt umspielt, der mich besiegt und von dem,
Was er umschließet, selbst umschlossen scheinet,
Vor meinem Blicke nach und nach verlöschet;
Drum meinen Blick Beatrix zuzuwenden
Mich Liebe zwang und weil ich nichts erblickte.
Wenn alles, was bisher von ihr gesagt ward,
In einem Lobe könnt' umschlossen werden,
Wär's dennoch zu gering diesmal zu gnügen.
Die Schönheit, die ich sah, reicht über unser
Maß nicht allein hinaus, nein, sicher glaub' ich,
Daß nur ihr Schöpfer ihrer ganz sich freue.
An diesem Ort geb' ich mich überwunden,
Mehr, als ein trag'scher oder kom'scher Dichter
Von einem Punkt je seines Stoffs besiegt ward;
Denn wie das schwächere Gesicht die Sonne,
Also entzücket des holdsel'gen Lächelns
Erinnrung aus sich selber mein Gedächtnis.
Vom ersten Tag, da ich ihr Angesicht sah
In diesem Leben, bis zu diesem Anblick
Ward mein Gedicht am Folgen nicht behindert;
Allein jetzt muß davon ich abstehn, ihrer
Schönheit noch ferner dichtend nachzufolgen,
Wie von dem letzten Ziel jedweder Künstler.
Also, wie ich sie mächtigerem Rufe
Jetzt überlass', als jenem meiner Tuba,
Die ihren schweren Stoff zum Ende führet,
An Stimm' und Tun gleich einem sichern Führer,
Begann sie: »Aus dem größten Körper traten
Wir in den Himmel ein, der reines Licht ist,
Intellektuelles Licht, erfüllt mit Liebe,
Liebe des ew'gen Guts, erfüllt mit Wonne,
Wonn' übertreffend alle Süßigkeiten.
Hier wirst du dies' und jene Heerschar sehen
Des Paradieses, und die ein' in jener
Gestalt, die du beim letzten Richterspruch siehst.«
Gleich einem schnellen Blitzen, das die Geister
Des Sehns zerstört, so daß das Aug' des Eindrucks
Selbst stärkrer Gegenstände wird beraubet,
Umleuchtete mich ein lebend'ges Licht jetzt,
Von solchem Schlei'r umhüllt zurück mich lassend
Durch seinen Glanz, daß sich mir nichts mehr zeigte.
»Die Liebe, die beruhigt diesen Himmel,
Nimmt stets in sich auf mit sotanem Heile,
Die Kerz' auf ihre Flamme zu bereiten.«
Nicht früher waren diese kurzen Worte
Zu meinem Ohr gedrungen, als ich über
Die eigne Kraft mich fühlt' emporgehoben;
Und in mir ward ein neu Gesicht entzündet
Also, daß kein so lautres Licht zu finden,
Des meine Augen sich erwehrt nicht hätten.
Ein Licht sah ich, gleich einem Fluß gestaltet,
Von Blitzen schimmernd, zwischen zwei Gestaden,
Mit wunderbarer Frühlingspracht bemalet.
Lebend'ge Funken stiegen aus den Fluten
Empor, allseits sich in die Blumen senkend,
Rubinen ähnlich, die mit Gold umschlossen.
Dann tauchten, wie von Duft betäubt, sie wieder
In jene wundersamen Wogen unter,
Und wie herein der kam, entstieg ein andrer.
»Der hohe Wunsch, der dich entflammt und treibt jetzt,
Kenntnis von dem, was du erblickst, zu haben,
Gefällt mir um so mehr, je mehr er schwillet;
Doch mußt du erst von diesem Wasser trinken,
Bevor noch solcher Durst in dir gestillt wird.«
Also begann die Sonne meiner Augen,
Beifügend dann: »Der Fluß und die Topase,
Die aus- und eingehn, und des Grases Lächeln
Sind nur ein schattig Vorbild ihrer Wahrheit;
Nicht daß an sich herb diese Dinge wären,
Nein, nur ein Mangel deinerseits ist's daß sich
So hoch nicht dein Gesicht noch kann erheben.«
Nicht stürzte je ein Kindlein mit dem Antlitz
So schnell sich nach der Milch, wenn sein Erwachen
Viel mehr, denn es sonst pflegt, sich verzögert,
Als ich getan, daß meine Augen würden
Zu bessern Spiegeln, nach der Flut mich bückend,
Die da entströmt, daß drin man besser werde.
Und als der Saum nun meiner Augenlider
Von ihr getrunken hatte, schien alsbald sie,
Statt daß sie lang erst war, jetzt rund geworden.
Dann, wie das Volk, das Larven erst getragen,
Wenn es des fremden Äußern sich entkleidet,
Drin sich's verborgen, anders als vorher scheint,
So wandelten sich Blumen mir und Funken
In größre Fest' also, daß beide Höfe
Des Himmels offenbar ich jetzt erblickte.
O Abglanz Gottes, durch den ich den hehren
Triumph des wahren Reiches sah, gib Kraft mir,
Ihn zu beschreiben, wie ich ihn gesehen!
Ein Licht ist droben, welches sichtbar machet
Den Schöpfer dem Geschöpf, das in desselben
Anschaun allein kann seinen Frieden finden,
Und dehnet sich so sehr in zirkelförm'ge
Gestaltung aus, daß für die Sonne selber
Sein Umkreis ein zu weiter Gürtel wäre.
Aus Strahlen webt ein ganzes Bild sich, wieder
Am obern Saum des erstbewegten glänzend,
Das Leben und Befäh'gung draus empfanget.
Und wie ein Hang an seinem Fuß im Wasser
Sich spiegelt, gleichsam sich geschmückt zu schauen,
Wenn er in Grün und Blümlein prangt am schönsten;
So ringsumher, empor am Lichte ragend,
Sah ich auf tausend Stufen wohl sich spiegeln
Und mehr, was Heimkehr fand von hier dort oben.
Und wenn so groß das Licht ist, das der tiefste
Grund in sich schließet, welches ist die Breite
Wohl dieser Hos' in den entfernt'sten Blättern?
Mein Blick verlor in ihrer Weit' und Höhe
Sich nicht, nein, ganz und gar nahm in sich auf er
Das Wie und das Wieviel sotaner Wonne.
Näh' und Entfernung gilt hier nichts und nimmt nichts,
Denn da, wo Gott unmittelbar regieret,
Hat das natürliche Gesetz nicht Geltung.
Ins gelbe Mittel jener ew'gen Rose,
Die sich ausdehnt, abstuft und Lobesdüfte
Zur Sonn' enthaucht, die immerdar im Lenz steht,
Zog mich, wie den, der schweigt und sprechen möchte,
Beatrix hin und sprach: »Schau, wie so zahlreich
Ist die Vereinigung der weißen Kleider!
Sieh unsre Stadt, wie weit umher sie kreiset!
Sieh unsre Stufen, die schon so erfüllt sind,
Daß wenig Volk dort noch zu wünschen bleibet!
Auf jenem großen Thron, nach dem du schauest
Der Krone wegen, die daraufgelegt ist,
Wird, eh' an diesem Hochzeitsmahl du teilnimmst,
Die Seele sitzen, die Augusta drunten
Wird sein, des hohen Heinrich, der zu Welschlands
Herstellung kommen wird, eh's reif dafür ist.
Die blinde Habgier, die euch betöret,
Hat euch dem Kindlein gleich gemacht, das, sterbend
Vor Hunger schier, die Amme von sich wegstößt.
Und Vorstand wird im göttlichen Gerichtshof
Dann einer sein, der offenbar und heimlich
Mit jenem nicht auf gleichem Wege wandelt.
Doch kurze Zeit drauf wird im heil'gen Amt ihn
Gott dulden nur, und ausgestoßen wird er
Dorthin, wo nach Verdienst weilt Simon Magus,
Drob tiefer sinken muß der von Anagni.«

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