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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 97
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Neunundzwanzigster Gesang

Soviel, wenn beide Kinder der Latona,
Vom Widder eins bedeckt, eins von der Waage,
Sich mit dem Horizont zugleich umgürten,
Vom Zeitpunkt ist, da beim Zenith die Zunge
Einspielt, bis, Hemisphären tauschend, beide
Aus dieses Gürtels Gleichgewicht sie kommen;
Solang verblieb, das Angesicht mit Lächeln
Geschmückt, Beatrix schweigsam nach dem Punkte
Fest blickend, welcher mich besieget hatte.
Dann fing sie an: »Ich sage dir, nicht frag' ich
Das, was du hören willst, weil ich's geschauet
Dort, wo sich jeglich Wann und Wo verknüpfet.
Nicht um für sich des Guten zu erwerben,
Was nimmer sein kann, nein, daß glanzentstrahlend
Ihr Glanz ›Ich bin vorhanden‹ sagen könne,
Erschloß in ihrer Ewigkeit sich, außer
Der Zeit und jeglicher Begrenzung, wie's ihr
Gefiel, die ew'ge Liebe in neun Lieben.
Und nicht lag sie vorher gleichsam erstarret,
Da kein Vorher und kein Nachher vorausging
Dem Wallen Gottes über diesen Wässern;
Hervorging Form und Stoff rein und vereinet
Durch einen Akt, der sonder Fehl, wie einem
Dreisträng'gen Bogen drei Geschoss' entfliegen.
Und gleichwie im Kristall, Glas oder Bernstein
Ein Strahl so schimmert, daß von seinem Kommen,
Bis er es ganz erfüllt, kein Zwischenraum ist,
Also entstrahlte die dreiförm'ge Wirkung
Aus ihrem Herrn hervor das All ins Dasein,
Ohn' einen Unterschied in ihrem Ausgang.
Ordnung und Zweck ward eingeschaffen allen
Substanzen, und zum Gipfel wurden jene
Der Welt, in denen reiner Akt erzeugt ward.
Am tiefsten stellte reine Möglichkeit sich,
Im Mittel Möglichkeit und Akt verknüpfet
Durch solches Band, das nimmer wird gelöset.
Zwar schrieb Hieronymus von langer Reihe
Jahrhunderte, drin Engel schon geschaffen,
Bevor im übrigen die Welt gemacht ward;
Doch jene Wahrheit steht auf mancher Seite
Geschrieben von des heil'gen Geistes Schreibern,
Und du kannst dort sie sehn, wenn recht du hinblickst.
Und in etwas auch sieht es die Vernunft ein,
Die's nicht zuließe, daß so lang ohn' ihre
Vollendung da der Welt Beweger wären.
Jetzt weißt du, wo und wann sotane Lieben
Geschaffen sind und wie, so daß verlöschet
In deinem Wunsche sind schon drei der Gluten.
Und nicht gelangte zählend man zur Zwanzig
So schnell, als drauf ein Teil der Engel trübte
Die Unterlage eurer Elemente.
Der andre blieb zurück, mit solcher Lust dann
Die Kunst beginnend, die du hier gewahrest,
Daß er sich nimmermehr vom Kreisen trennet.
Des Falles Anbeginn war die verfluchte
Hoffahrt desjenigen, den du zusammen-
Gedrückt von aller Welt Gewicht erblickt hast.
Bescheiden bleiben die, so hier du schauest,
Als Werke sich erkennend jener Güte,
Die sie bereit schuf zu so hoher Einsicht;
Drum ward durch die erleuchtende Genade
Und ihr Verdienst also erhöht ihr Schauen,
Daß sie vollkommen festen Willen haben.
Und nicht im Zweifel sollst du, nein, gewiß sein,
Daß, je nachdem sich der Affekt ihr auftut,
Es sei verdienstlich, Gnade zu empfangen.
Jetzt kannst du gnug betrachten wohl in dieser
Versammlung Rücksicht, wenn du meine Worte
Dir eingesammelt hast ohn' andre Hilfe.
Doch weil in euren Schulen wird auf Erden
Gelesen, so sei die Natur der Engel,
Daß sie versteh' und sich erinnr' und wolle,
Sag' ich noch etwas mehr, damit die Wahrheit
Du rein erschaust, die drunten man verwirret,
Zweideutig sprechen in sotaner Lesung.
Seitdem des Angesichts Gottes diese
Substanzen froh geworden, wandten nie sie
Den Blick von selbem, dem kein Ding verhüllt ist.
Drum wird ihr Schaun von neuen Gegenständen
Nicht unterbrochen, und nicht des Entsinnens
Bedarf's für sie ob der Gedanken Trennung;
So daß im Wachen man dort unten träumet,
Wahrheit zu sagen glaubend und nicht glaubend;
Doch in dem einen ist mehr Schuld und Schande.
Ihr wandelt drunten im Philosophieren
Nicht eines Pfads; so weit entführt die Lieb' euch
Zum Scheinen und das Sinnen nach demselben.
Und solches trägt hier oben man mit minderm
Unwillen noch, als wenn die Heil'ge Schrift wird
Hintangesetzet, und wenn sie verdreht wird.
Dabei denkt niemand, wie viel Blutes kostet
Ihr Aussä'n in die Welt, noch wie Gott jener
Gefällt, der sich demütiglich ihr anschließt.
Zu scheinen müht sich jeder und bringt seine
Erfindungen, und solche handeln ab dann
Die Pred'ger, und das Evangelium schweiget.
Der sagt, daß sich der Mond zurückgewendet
Bei Christi Leiden, sich dazwischen schiebend,
So daß nicht drang herab der Schein der Sonne,
Und lügt; denn von sich selbst hat sich verborgen
Das Licht, weil Spaniern ja und Indern, gleichwie
Den Juden solche Finsternis sich zeigte.
Nicht zählt Florenz so viele Lap' und Bindi,
Als solche Märlein innerhalb des Jahres,
Bald so, bald so, von Kanzeln man verkündet;
So daß, mit Wind genährt, einfält'ge Schäflein
Heimkehren von der Trift, und nicht kommt's ihnen
Zu gut, daß ihren Schaden sie nicht sehen.
Nicht sprach zu seiner Urgemeinde Christus:
›Geht hin in alle Welt und predigt Schwänke!‹
Nein, einen Grund von Wahrheit gab er ihnen,
Und diese klang allein aus seiner Wange,
So daß zum Kampf, den Glauben zu entzünden,
Als Lanz' und Schild das Evangelium diente.
Doch jetzt legt man sich drauf, mit Spott und Scherzen
Zu pred'gen, und, wenn drob nur recht gelacht wird,
So bläht sich die Kapuz', und mehr nicht heischt man.
Doch solch ein Vogel nistet in dem Zipfel,
Daß, säh' der Pöbel ihn, er sehn wohl könnte,
Auf welcherlei Vergebung er vertrauet.
Drob ist auf Erden dergestalt die Torheit
Gewachsen, daß auf jegliches Versprechen,
Gebräch' ihm jedes Zeugnis auch, man einging'.
Mit solchem mästet sich ein Schwein St. Anton,
Und andres mehr, das schlimmer ist als Schweine,
In Gold bezahlend, dem der Stempel fehlet.
Doch da gar weit wir abgeschweift sind, wende
Den Blick zurück jetzt nach der graden Straße,
So daß wir Weg und Zeit zugleich verkürzen.
So weit versteiget sich in Zahlen diese
Natur, daß keine Sprach' es gibt, noch einen
Gedanken Sterblicher, der dorthin reiche.
Und wenn du, was in Daniel offenbart wird,
Betrachtest, wirst du sehn, wie die bestimmte
Zahl sich in seinen Tausenden verhüllet.
Das erste Licht, das jene ganz bestrahlt, wird
Auf so viel Weisen von ihr aufgenommen,
Als Schimmer sind, mit denen es sich paaret.
Drum weil sich der Affekt nach des Empfangens
Akt richtet, muß in ihr der Liebe Süße
Verschiedentlich bald heißer glühn, bald lauer.
Sieh die Erhabenheit jetzt, sieh die Weite
Der ew'gen Kraft, da sie so viele Spiegel
Sich hat gebildet, drin sie sich zerteilet,
In sich die eine, wie vorher, verbleibend.«

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