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Göttliche Komödie

Dante: Göttliche Komödie - Kapitel 95
Quellenangabe
typeepos
authorDante
titleGöttliche Komödie
publisherPeter J. Oestergaard Verlag Berlin-Schöneberg
translatorPhilalethes
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070109
projectid10a64f4f
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Siebenundzwanzigster Gesang

»Dem Vater und dem Sohn und heil'gen Geiste,«
Begann das ganze Paradies, »sei Ehre!«
Also, daß mich der süße Sang berauschte.
Was ich erblickte, schien mir wie ein Lächeln
Des Weltenalls, drob solcher Rausch nicht minder,
Als durchs Gehör, auf mich eindrang durchs Auge.
O Wonn', o unaussprechliches Entzücken!
O Leben, ganz erfüllt mit Lieb' und Frieden!
O sichrer Reichtum, frei von jedem Wunsche!
Vor meinen Augen sah ich die vier Fackeln
Entzündet stehn, und die zuerst gekommne,
Begann lebendiger anjetzt zu leuchten,
Und also ward ihr Anblick, wie zu schauen
Wär' Jupiter, wenn Vögel wären dieser
Und Mars, und ihr Gefieder sie vertauschet.
Die Vorsehung, die Amt und Reihenfolge
Allhier verteilet, in dem sel'gen Chore,
Sie hatten Schweigen ringsumher geboten,
Als jetzt ich hörte: »Wenn ich mich verfärbe,
Erstaune drob nicht; denn, sobald ich spreche,
Wirst du sie alle sich verfärben sehen.
Er, der auf Erden meines Stuhls sich anmaßt,
Ja meines Stuhls, ja meines Stuhls, der ledig
Ist vor dem Angesicht des Sohnes Gottes,
Hat meine Ruhstatt zur Kloak' entweihet,
Voll Bluts und Stanks, mit welchem der Verruchte,
Der hier herabfiel, drunten wird gesühnet.«
Mit jener Farbe, mit der früh und abends
Genüberstehend Sol die Wolken färbet,
Sah ich den ganzen Himmel jetzt besprenget;
Und wie ein ehrsam Weib, sein selbst gesichert
Verbleibend, dennoch ob der andern Fehltritt',
Beim bloßen Hören schon, sich schüchtern zeiget,
So wandelte ihr Ansehn jetzt Beatrix,
Und solch Verfinstern, mein' ich, ist im Himmel
Gewesen, als die höchste Macht gelitten.
Drauf fuhr er also fort in seiner Rede
Mit einer Stimme, vor sich selbst verwandelt,
So daß nicht mehr verändert war sein Ansehn:
»Dazu nicht wurde Christi Braut erzogen
Mit meinem Blut, mit Linus' Blut und Cletus',
Damit zu Gelderwerb mißbraucht sie würde;
Nein, um dies heitre Leben zu erwerben,
Sah man mit vielen Tränen Sixtus, Pius,
Calixtus und Urban ihr Blut verspritzen.
Auch war es unsre Absicht nicht, daß unsern
Nachfolgern sitzen möcht' ein Teil zur Rechten
Des Christenvolkes und ein Teil zur Linken;
Noch daß die Schlüssel, die gewährt mir worden,
Auf einer Fahne, die zum Kampf sich gegen
Getauft' entfalt', als Zeichen sei'n zu finden;
Noch daß mein Bild auf Spiegeln stehen möge
An feilen, trügerischen Freiheitsbriefen,
Darob ich oft erröt' und Funken sprühe.
In Hirtenkleidern sind raubgier'ge Wölfe
Dort unten jetzt zu schaun auf allen Weiden.
0 Gottes Schutz, was ruhest du noch immer!
Von unserm Blut bereiten Caorsiner
Und Basken sich zu schlürfen; guter Anfang,
Zu welchem schnöden Ende mußt du fallen!
Doch die erhabne Vorsicht, die durch Scipio
Dem Weltruhm Roms Verteidigung gewährt hat,
Schafft hier auch Hilfe bald, wie ich erkenne.
Und du, mein Sohn, der ob der ird'schen Last du
Herab noch kehren mußt, tu' deinen Mund auf
Und berge nicht das, was ich nicht verborgen.«
Wie's von gefrornem Dunste niederwimmelt
In unserm Luftkreis dann, wann in Berührung
Der Himmelsziege Horn tritt mit der Sonne;
Also sah ich den Äther jetzt sich schmücken,
Aufwärts von triumphier'nden Dünsten wimmelnd,
Die erst allhier mit uns verweilet hatten.
Mein Blick verfolgte ihre Lichterscheinung
Und folgt' ihr, bis er ob des Mittels großer
Ausdehnung weiter nicht vordringen konnte.
Drob meine Herrin, die vom Aufwärtsmerken
Gelöst mich sah, begann: »Nach unten richte
Das Aug' und schau, wie du dich umgeschwungen!«
Da merkt' ich, daß seit meinem ersten Hinschaun
Ich ganz den Bogen, den das erste Klima
Vom Mittel bis zum Schluß beschreibt, durchlaufen,
So daß ich jenseits Gades sah die tolle
Durchfahrt Ulyssens und dort schier das Ufer,
Auf dem Europa ward zur süßen Bürde.
Und mehr noch hätte dieses Plätzleins Lage
Sich mir enthüllt, doch, fern von mir ein Zeichen
Und mehr, schritt von mir unterm Fuß die Sonne.
Der lieberfüllte Geist, der meine Herrin
Umbuhlte stets, entbrannte mehr als jemals
Anjetzt, den Blick auf sie zurückzurichten.
Wenn Lockungen Natur je oder Kunst schuf
Im Fleisch des Menschen oder seinem Abbild,
Den Blick zu fahn, um so den Geist zu fesseln,
Sie wären all vereint nichts im Vergleich doch
Zur Götterlust, die mich umstrahlt', als ich mich
Nach ihrem lächelnden Gesicht jetzt wandte.
Und jene Kraft, die mir ihr Blick gewährte,
Entriß mich Ledas schönem Netz und stieß mich
Hinein in den geschwindesten der Himmel.
All seine Teil', erhaben und voll Lebens,
Sind so gleichförmig, daß ich nicht kann sagen,
Welch einen mir als Stätt' erkor Beatrix.
Sie aber, die mein Sehnen ganz durchschaute,
Begann zu sagen, also heiter lächelnd,
Daß Gott in ihrem Antlitz sich zu freun schien:
»Des Weltenalls Natur, das, seine Mitte
Stillhaltend, ringsumher schwingt alles andre,
Beginnt von hier, gleichwie von ihrer Grenze.
Und dieser Himmel hat sonst keine Stätt' als
Die Urvernunft, drin sich die Liebe, die ihn
Umdreht, die Kraft, die von ihr taut, entzündet.
Ein Kreis umschließet ihn von Licht und Liebe,
Gleichwie die andern er, und auf den Umfang
Wirkt der allein, der ihn umhergegürtet.
Nichts anderes bestimmet seine Schnelle,
Nein, jede andre wird nach ihm bemessen,
Wie sich die Zehn ergibt aus Hälft' und Fünfteil.
Und wie's geschiehet, daß die Zeit in dieser
Schal' ihre Wurzeln hat und in den andern
Das Laub, kann dir wohl deutlich jetzt sich zeigen.
O Gierde, unter dich also versenkend
Die Sterblichen, das keiner mehr imstand ist,
Aus deiner Flut die Augen zu erheben!
Wohl blühet in den Menschen noch das Wollen,
Doch durch den unabläss'gen Regen kehren
Zuletzt in Hutzeln sich die guten Pflaumen.
Unschuld und Glaube sind nur bei den Kindlein
Annoch zu finden, und so der als jene
Entfliehn dann, eh' die Wangen sich behaaren.
Derselbe, der, solang er lallt, noch fastet,
Verzehret dann, wenn ihm gelöst die Zung' ist,
Ein jegliches Gericht in jedem Monde;
Und der, weil er noch lallt, auf seine Mutter
Hört und sie liebet, wünscht dann, wann vollkommen
Er sprechen kann, begraben sie zu sehen.
So wird beim ersten Anblick schwarz die weiße
Haut schon der schönen Tochter dessen, der uns
Den Morgen bringt und hinterläßt den Abend.
Doch du, damit es dich nicht wundernehme,
Denk', daß auf Erden keiner, der regieret;
Drob irre geht die menschliche Gesellschaft.
Doch eh' noch ob des Hundertteils, das drunten
Bleibt übersehn, sich Jänner ganz entwintert,
Ertönen so einst diese obern Kreise,
Daß die so lang erharrte Schickung dorthin
Die Hinterschiffe drehn wird, wo die Schnäbel
Gestanden, so daß graden Laufs die Flotte
Hinläuft, und wahre Frucht kommt nach der Blüte.«

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